Eine Wanderung zum Kyffhäuser (2)

Ausreichend gesättigt fällt es sehr schwer, sich wieder in Bewegung zu setzen, aber es geht nur noch bergab in Richtung Roßla.
Als wir weit unten den Wald verlassen, bieten sich abschließend noch zwei Highlights.
Zum Einen der gespensterhaft aus den Nebelschwaden auftauchende gewaltige Turm des Denkmals auf dem Berg und zum Zweiten die zahlreichen Ketten der Kraniche, die über uns hinweg im Gegenlicht vermutlich zum Kelbra-Stausee fliegen.
Das ist einfach nur schön und rundet diesen perfekten Tag ab.

Ab Roßla geht es wieder mit dem Zug zurück, ganz einfach und entspannt und mit Sachsen-Ticket sehr preiswert, man kann das Gebirge im Vorbeifahren noch einmal genießen, ehe es dunkel wird.

Eine Wanderung zum Kyffhäuser (1)

Mittlerweile ist es eine kleine Tradition – die jährliche Wanderung zum Kyffhäuser.
In erster Linie geht es uns hierbei nicht um das Verfolgen historischer Spuren, auch wenn diese Gegend Einiges aus 1000 Jahren deutscher Geschichte aufzuweisen hat, sondern um die Landschaft, die Natur und – die ordentliche Belohnung für den Aufstieg – eine halbe Ente oben im Kyffhäuser-Restaurant.
In diesem Jahr starten wir in Wallhausen, einem eher unscheinbaren Ort, welcher mit Bahn gut erreichbar ist.
Dass dieser Ort schon über 1000 Jahre alt ist und im 10. Jahrhundert eine große Rolle als Kaiserpfalz spielte, wussten wir bis dahin nicht.
Kaiserpfalz – zu jener Zeit zeigten die Kaiser und Könige Präsenz, indem sie permanent mit ihrem Hofstaat im Reich umherzogen, sich auf Zeit in wichtigen Orten niederließen, und demzufolge überall präsent waren. Das zeigte die Macht und verfehlte wohl auch einen gewissen Eindruck auf die Untertanen nicht.
In Wallhausen, in ebendiesem Ort wurde wahrscheinlich 912 Otto I. geboren. Man erinnere sich – Geschichtsunterricht (vermutlich Klasse 6. – ja, das ist lange her) – Otto I. war der erste deutsche König, Sohn des ostfränkischen Königspaares Heinrich I. und Mathilde.
Auch Friedrich I., genannt Barbarossa, hielt sich hier häufig auf.
Von dieser Bedeutung ist heutzutage leider hier nichts mehr zu spüren, schade, es gibt nicht einmal ein Museum, lediglich drei wunderbar geschnitzte lebensgroße Holzskulpturen und eine Schautafel im Ortszentrum erinnern daran.
Nun geht es über die Helme, ein kleines Flüsschen, hinüber nach Brücken und von dort über den dem Kyffhäuser vorgelagerten Höhenzug. Während nördlich, an den Südharzhängen die Sonne scheint, ist es hier (wie auch im letzten Jahr) sehr neblig. das verstärkt enorm die mystische Atmosphäre dieser Landschaft. Alte Wäldchen, alte Bäume im Nebel…
Es würde uns kaum wundern, wenn jetzt aus dem endlosen Grau plötzlich der Königszug auftauchen würde… Nun ja.
Stattdessen aber zieht, nur diffus im Nebel erkennbar, trompetend eine Kette Kraniche ganz nah über uns hinweg. Und der Bauer mit seinem kleinen Traktor wird sich über die hier sehr seltenen Touris wohl wundern.
Tilleda ist erreicht, das streifen wir nur, dann geht es durch Streuobstwiesen und alte Plantagen auf dem stillen Schlangenweg richtig bergauf. Weiter oben ist wieder ein dichter Wald erreicht, Nebel zieht um die haushohen Baumstämme und es herrscht eine märchenhafte Atmosphäre. Das ist der Stoff, aus dem Legenden entstehen. Oben sitzt schon seit Jahrhunderten Barbarossa am Steintisch, sein Bart ist der Sage nach schon durch den Tisch gewachsen, möglicherweise fehlt nicht mehr viel, bis er um diesen herum gewachsen ist. Raben kollern über uns im Nebelgrau, der mächtige Adler, der sich aufschwingt und sie verjagt, ist auch nicht in Sicht, also wird Barbarossa wohl noch eine Weile schlafen und nicht ausziehen müssen, um die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Da müssen wir uns also selbst helfen…
Ein Parkplatz, das große Restaurant, der Burghof Kyffhäuser tauchen aus dem Grau vor uns auf. Zahlreiche Menschen sind zu sehen…
Und in seiner Höhle schläft Barbarossa und lässt sich für einige Euros von Neugierigen bestaunen.
Apropos Höhle – abgesehen von Geschichte und Legenden, der Kyffhäuser ist ein einzigartiges kleines Mittelgebirge südlich des Harzes, welches im Kulpenberg 474 m Höhe erreicht. Während der Norden dicht bewaldet ist, gibt es auf seiner Südseite balkanartig anmutende, fast baumlose Karstgegenden.
Die halbe Ente in Form zweier gewaltiger Keulen wartet schon auf uns 😉 Lecker…
Dazu gibt es kurze musikalische Kostproben der Barbarossa Pipes and Drums, zum Glück sind wir rechtzeitig da, denn ab 14 Uhr ist hier geschlossene (Musik)-Veranstaltung.

Aus der Welt und aus der Zeit

Unmerklich haben sich die flachen Nebelfelder verdichtet, diffus wabert weißlich-grauer Dunst über die Wiesen und umhüllt die Bäume und Sträucher.
Obwohl die Autobahn nur wenige hundert Meter entfernt und das Verkehrsrauschen unüberhörbar ist, heben sich im Nebel alle Fix- und Anhaltspunkte an das gewohnte System auf.
Die Geräusche ringsumher sind nicht mehr zuordenbar, verlieren jeglichen Einfluss, die Zeit scheint still zu stehen. Übrig geblieben sind die melancholisch schweren Herbstfarben und der Nebel.
Feste Konturen verschwimmen, verändern sich, bekommen eine neue Bedeutung, die im nächsten Moment auch schon wieder unbedeutsam geworden ist.
Aus der Welt gefallen, irgendwo im Nirgendwo, schwebend, selbst der Boden unter den Füßen verliert jegliche Struktur, bis der Fotograf feststellt, dass die Ursache mangelndes Licht ist.
Es ist dunkel geworden. Man hat es nicht gemerkt.
Seltsam – man ist ganz aus der Welt gefallen.
Es ist eine gewisse Überwindung nötig, zurück zu kehren, die Sinne zusammen zu nehmen und die rationale Entscheidung zu treffen, den Rückweg nicht auf der Straße, wo man als Radfahrer nunmehr extrem gefährdet wäre, sondern auf stillen Waldwegen anzutreten.

Im nächsten Ort leuchten die Lampen, sind viele Leute noch mit Einkäufen beschäftigt und der erste Auofahrer hat Einem bereits wieder die Vorfahrt genommen.
Alles wie immer – willkommen zurück.