Zwioschen Wörlitz und Collm 2007

Zwischen Wörlitz und Collmberg


06.04.2007
 
5.25 stehe ich auf, habe infolge der doch latent in mir sitzenden Spannung recht unruhig geschlafen.
Am Abend zuvor habe ich bereits alles vorbereitet, alle Handgriffe sitzen jetzt und 6.12 sitze ich auf dem Rennrad.
Panitzsch, Taucha, es ist Feiertag, kein Auto, kein Fahrrad ist auf den Straßen zu sehen, es dämmert langsam, die ersten Kilometer fahre ich recht gemächlich, noch mit Licht. Dann verläuft die Route über Mutzschlena und Reibitz streng nordwärts. Der Morgennebel hüllt die schlafenden Dörfer bis zur Hüfte schützend ein, Stille überall. Leider ist aber auch der Himmel bedeckt, die Sonne ist nicht einmal zu erahnen. Und mit dem Tageslicht erwacht aber leider auch der Wind, der allmählich zunehmend aus nordwestlicher Richtung weht.
Die Galloway-Kälbchen mustern mich erstaunt. Es scheint, als ob sie solche merkwürdigen Lebewesen auf zwei Rädern noch nie in ihrem Leben gesehen haben, so starren sie mir hinterher. Ich hoffe, ich bin damit nicht der Anlass für traumatische Kindheitserlebnisse und gestörte Rinderseelen. Auch der Milan kreist kurz über mir, ehe er abdreht. Zu fett, zu schwer der Kerl, keine leichte Beute…
Hinter Reibitz, um Löbnitz herum und dann bis Friedersdorf bei Bitterfeld ist die Landschaft weit, hier ist der Wind auf Grund der neuen großen Seenflächen schon recht heftig und ich muss ziemlich kurbeln. Dabei liegen bei der kurzen Trinkrast in Friedersdorf erst 47 Kilometer hinter mir. Auf der weiteren Strecke bis Dessau-Mildensee weht es immer schon entgegen, nur in den weiten Auenwäldern entlang der Mulde von Raguhn bis Kleutsch lässt es sich halbwegs angenehm fahren.
Aber meine Hoffnung ist der Rückenwind, den ich theoretisch auf der gesamten Strecke von Dessau bis Dahlen genießen dürfte.
Dessau-Mildensee, Brücke über die A9, dann Rast an der Straße nach Vockerode, 09.19 Uhr, nach 74,86 Kilometern.
Ein Steineckchen, Mineralwasser, eine Banane. Verpflegungstechnisch habe ich mich ausreichend eingedeckt, der Rucksack ist zu Beginn recht schwer, Äpfel, Bananen, Steineckchen, getrocknete Ananas-Stücken, Haselnüsse, Fruchtschnitten, zwei Liter Mineralwasser, ein dreiviertel Liter Apfelschorle. Hungergefühle bekämpfe ich gleich, indem ich ausreichende Pausen mache. Nur keinen Hungerast, nur keine Dehydrierung. Ich will das hier und heute durchhalten. Nun rolle ich mit einem 30er-Schnitt über Vockerode ostwärts gen Wörlitz. Die 11 Kilometer schaffe ich in reichlich 20 Minuten, mache sogar noch eine kurze Fotopause, aber der Reiher, der malerisch am Elbetotarm mit Silhouette des Wörlitzer Kirchturms steht, wartet nicht, bis ich den Fotoapparat scharf geschaltet habe. Mein Hantieren wird ihm zu dumm, er verzieht sich lieber.
9.57 Uhr Wörlitz, 88,40 Kilometer, 3:17:46 Std., Schnitt 26,82 km/h.
Der Park wirkt trostlos, menschenleer, die Boote sind vertäut, der Himmel ist trübe. Nur ein paar Fotos, zum Beweis, dann fahre ich weiter.
In südöstlicher Richtung nun über Bergwitz, im Norden sind entfernt die Werksanlagen von Piesteritz jenseits der Elbe zu erkennen, und kurz vor Kemberg bei Kilometer 107,28 mache ich die nächste Trink- und Esspause (Schnitt 27,43 km/h).
In dieser Region machten mein Vater und ich vor zwei Jahren unsere Regentour von Dessau, elbaufwärts, bis Torgau. Auch eine Tour, die man nie vergisst.
Ich durchquere Kemberg, nun geht es durch waldige Ausläufer der Dübener Heide, ein paar Höhenmeter aufwärts, ehe dann eine schöne Abfahrt nach Bad Schmiedeberg entschädigt.
Bad Schmiedeberg, wieder werfe ich mir ein paar Stücken Ananas und Nüsse ein und trinke (123,09 km, Schnitt: 27,68 km/h, 4:26:59 Std.).
Vorbei an den Lausiger Teichen, durch Wald, dann auf der Bundesstraße bis Dommitzsch (12.05 Uhr), den kleinen Anstieg in der Stadt mussten wir vor zwei Jahren im Dauerregen hinauf. Die Wolken lockern aber nun doch ein wenig auf, als ich hinter Dommitzsch die Bundesstraße wieder verlasse, habe ich auf dem schlechteren Asphalt jäh Kantenwind, es geht zudem leicht bergauf in die Heidewälder, so dass mein Stundenmittel schlagartig sinkt. So beschließe ich an einem kleinen Bächlein bei Süptitz Mittagsrast. Es ist 12.25 Uhr, ich schwitze ziemlich, trotz der recht kühlen Temperaturen. Aber die Jacke wirkt wie ein Gewächshaus. Die lässt keine Feuchtigkeit nach außen. Tja die Sachen von Tchibo sind zwar billig, aber nicht unbedingt zweckmäßig. Zudem kurz nach der Verkaufsaktion jeder zweite Radfahrer (unabhängig von Alter und Figur) in dieser Jacke herum gondelte. Na ja, gegen den kalten Wind schützt sie aber wenigstens zufrieden stellend. Noch ein Steineckchen und ein Apfel sowie Trinken.
Gemächlich bei Kantenwind rolle ich nun über Süptitz südwärts nach Schildau. Ich kann schon aus einiger Entfernung die Höhenzüge der Dahlener Heide und des Schildauer Berges entdecken. Nun gibt es auch wieder leichten Rückenwind, die Sonne kommt heraus, jetzt macht es auch mehr Spaß.
Schildau, es sind nur ca. 40 Kilometer von hier bis nach Hause, eigentlich könnte ich ja abkürzen (???) Nein, keine Frage, die Runde möchte ich schon mal vollständig fahren. Von Schildau bis Sitzenroda radelt nun ein Rennradfahrer gemächlich mit 23 – 24 km/h vor mir her. Und das bei dem Rückenwind! Ich finde das zwar ungeheuer erholsam, gerade jetzt, wo ich bereits 165 Kilometer in den Beinen habe, aber das ist mir nun doch ein klein wenig zu langsam. Ihn zu überholen wage ich aber auch nicht, denn den Mann kann ich vermutlich mit meinen begrenzten Restkräften nie wieder abschütteln und den Triumph, mich dann irgendwann vielleicht wieder einzuholen und gnadenlos stehen zu lassen, will ich ihm auch nicht gönnen. Also kurze Rast am Ortsausgang von Sitzenroda, dann ist er weg, ich nehme die Hügel in kleinen Gängen bis Schmannewitz unter die Räder, Schmannewitz, links der Teich, Dahlen ist auch nicht mehr weit. Dort kurze Baustelle, Schleichweg auf einem Trampelpfad, flugs in falscher Richtung durch die Einbahnstraße… Ups, hat niemand gesehen.
Oberhalb von Luppa wieder Ess- und Trinkpause (14.05 Uhr, 179,35 km, 6:34:07 Std., Schnitt: 27,31 km/h), gegenüber erhebt sich der Collm. „Zwischen Wörlitz und Collm“, so könnte ich doch die heutige Tour betiteln.  Aber meine ursprüngliche Absicht, auch den Anstieg auf den Collm noch mit ins Programm zu packen, lasse ich nun doch fallen. Das muss nicht sein, das hebe ich mir auf für später, vielleicht für freitägliche Hügeltrainingstouren, um mich fürs Erzgebirge fit zu machen. Der Wind hier oben auf der Anhöhe ist unangenehm, erst im Wermsdorfer Wald wird es wieder besser, die Hügel schaffe ich in kleinen Gängen, ich fahre nun recht gemächlich, sehe aber auch nicht ein, mich ausgerechnet auf den letzten fünfzig Kilometern noch fertig zu machen. Dann schnurgerade Piste von Wermsdorf in Richtung Sachsendorf, der Wald ist endlos, die Blick von einer zur nächsten, noch höheren Welle trostlos. Ich bin recht langsam geworden, schleiche mit 20 km/h die Hügel hinauf, aber trotzdem fühle ich mich eigentlich noch sehr gut. Etwas müde vielleicht und die Beine werden schwer.
Aber dafür ist der Blick über Fremdiswalde über das Muldetal bis nach Trebsen hinüber bei dieser Frühlingssonne doch eine wunderbare Belohnung. Und bei der folgenden Abfahrt bis kurz vor Neichen „knacke“ ich endlich wieder einmal die „200“!
Neichen, Muldebrücke, Trebsen…
Kurze Rast an der Strecke nach Altenhain, eine Banane, Ananas, Nüsse und Trinken. Dann geht es weiter. Langsamer nun, der Wind ist nervend. Altenhain, Wald, Ammelshain, schnurgerade Waldstraße bis Naunhof, hier werde ich noch einmal schneller, dann Erdmannshain, Albrechtshain, heftige frontale Windböen auf der Autobahnbrücke, Wolfshain, hier beschließe ich, wenigstens die zweitlängste Tour meines bisherigen Lebens zu fahren und mache bei dem Gegenwind noch den Umweg über Hirschfeld.
Deprimierenderweise überholt mich locker eine Gruppe schwatzender junger Rennradler und -radlerinnen. Aber so viel schneller sind die bei dem Wind auch nicht. Ich hänge allerdings ziemlich schlapp über dem Lenker. Na die werden sich auch ihren Teil über die rennradfahrenden alten Säcke denken. Die auf magentafarbenen (auch das noch!) Rädern schlaff durch die Gegend schleichen.
Aber Ulle ist ja nun auch nicht mehr der Jüngste! Und er hat sich blöderweise auch beim Doping erwischen lassen. Doping haben wir ja nun noch nicht nötig…
Nun noch lockere zwei Kilometer bis nach Hause mit Rückenwind.
Das habe ich mir verdient.
Und ich fühle mich wirklich gut! Das ist äußerst erstaunlich.
Nach der Görlitz-Tour 2006 fehlte mir für einige Zeit völlig die Motivation. Und heute, bzw. einen Tag später sitze ich schon an den Planungen für meinen ersten Dreihunderter. Wenn es doch schon so weit wäre.