„Der Laden“ – Tour 2007

Niederlausitz-Tour 2007
Zweenfurth – Cottbus
 
Weshalb eigentlich ausgerechnet nach Cottbus? Geplant hatte ich diese Tour bereits im vergangenen Jahr, ursprünglich nach Forst, um nach der Tour nach Schöna von 2005, da ich die böhmische Grenze erreicht hatte, nun auch das Rad an den polnischen Grenzpfahl lehnen zu können. voraussichtliche Länge, ca. 200 Kilometer, das wäre für eine Tour mit Crossrad sehr weit.
Dann bekam ich im Februar 2006 Uwes ausgedientes Rennrad und ich machte im April 2006 die Tour nach Görlitz.
Damit entfiel für mich der Anreiz, nach Forst zu fahren. Zumal ich im letzten Jahr dann auch das Bergfahren für mich entdeckte und die Route in die Niederlausitz ja nur einige Bodenwellen zu bieten hatte. Und auch in diesem Jahr habe ich nun schon einige schöne, „bergreiche“ Fahrten unternommen. Nur der Gedanke, dass das jetzt, Anfang September, schon alles gewesen sein sollte, war für mich nicht sehr befriedigend und außerdem wollte ich mein seit der „Höllentour“ immer noch etwas ramponiertes Selbtsvertrauen aufpolieren.
Also musste noch ein 200er her!
Der Berge sind es in diesem Jahr genug, es war toll, eine Steigerung nicht möglich, deswegen fiel die Wahl doch einmal wieder auf eine Tour nach Forst. Nun veränderte ich aber auch die Route noch einmal, der Radroutenplaner errechnete mir eine Verbindung auf Nebenstraßen, das war ideal, Bohsdorf mit Strittmatters Laden könnte ich dabei ebenfalls noch einmal ansehen. Das wäre das Ziel. Und da ich mit einer Ankunft in Forst aber gerade mal so, wenn überhaupt, auf 200 km käme, änderte ich auch das Ziel, ich würde von Bohsdorf im Bogen nach Westen zurück, nach Cottbus fahren. Ein Marathon zum „Ausrollen“ für 2007 sollte das sein…
 
Dienstag, 04.09.2007


6.14 Uhr fahre ich los. Eigentlich wollte ich schon eine halbe Stunde früher… Aber na ja, wie das so ist, draußen war es noch halb dunkel, die Straße glitzerte feucht, drinnen war es schön warm…
 Ich radele nun mit Westwind im Rücken gen Wurzen, inkl. erstem kleinen Regenschauer. Jacke an, Regenhose an… Frust. Hoffentlich wird das Wetter noch besser. Denn die Nässe verbunden mit der unangenehmen Kälte macht das Unternehmen ja nun auch nicht gerade zum Vergnügen.
Bennewitz, es ist trocken, mir wird etwas wärmer. Jacke aus, Hose aus…
Wurzen, zweite Baustelle in der Innenstadt. Aber dann, als ich doch mit ungewöhnlich großem Zeitaufwand endlich die Stadt hinter mir lasse, wird es besser.
Das Wetter hält, von Nordwesten her lacht blauer Himmel, nur kalt bleibt es. Auf gewohnten Straßen fahre ich nun über die Dörfer, streife Dahlen, passiere nördlich das Massiv des Collm, da hoch müsste man eigentlich auch noch mal, und erreiche nach ca. 55 Kilometern Oschatz. Ein wenig scheint sogar die Sonne, das stimmt mich optimistisch. Oschatz ist rasch durchquert, nun geht es weiter, schön sanft, mit Rückenwind, gen Riesa, wo ich 3/4 9, nach 66 Kilometern ankomme.
So weit also der Prolog in bekannten Gegenden. Riesa, Brücke über die Elbe, keine Pause. Die gibt es dann kurz darauf drüben in Röderau, welches ich auf einem guten Radweg entlang der vierspurigen Schnellstraße erreiche (9.00 Uhr bis 9.10 Uhr, 68,26 km, 2:26:31 Std., 27,95 km/h), in einem Bushaltestellenhäuschen. Essen und trinken, ich habe mir vorgenommen, mich zum regelmäßigen Essen und Trinken zu disziplinieren, um keinen Hungerast zu riskieren.
Frisch gestärkt geht es weiter. Die Radwege, welche ich benutze, einige Straßen sind sehr stark befahren, sind teilweise unter aller Kanone. Aber immer noch sicherer als die Straße nebenan, auf der die Laster entlang donnern.
Glaubitz, jetzt geht es weiter nach Nordosten, es wird ruhiger, ich durchquere einige abgelegene Dörfchen. Weit ist die Landschaft, ohne große Abwechslung, Großenhain, 15 Kilometer entfernt, kann ich gut erkennen. Schöner und waldreicher wird es erst hinter Zabeltitz, auch hier wieder eine Baustelle, es ist schon erstaunlich, wo man überall jetzt die Straßen aufreißt. Nun etwas Wald, kurze Schussfahrt hinab nach Zabeltitz und dann ist schon Ortrand nicht mehr weit. Ortrand umfahre ich aber nördlich, überquere die Autobahn Dresden – Berlin, so weit bin ich schon gekommen. Nun drohen wieder einige Schauerwolken, aber bei der nächsten Esspause im Bushäuschen von Kroppen (10.40 Uhr, 110,15 km, 3:53:24 Std., 28,32 km/h) sitze ich auch die paar Tropfen aus. Und schließlich kommt ja auch immer mal wieder die Sonne hervor.
Bei dramatischem Wolkenhimmel durchquere ich nun die ersten Wälder der Lausitz. Die Piste führt schnurgerade kilometerlang durch Kiefernwald. Guteborn, Schwarzbach, hier ist bemerkenswert, wie dieses Dorf angelegt ist, die Straße führt geradewegs auf das Tor des Gutshofes, das prunkvolle Gutshaus zu, ehe sie kurz davor abbiegt. Links und rechts der Straße die Häuschen der Einwohner des Dorfes. Die wussten damals schon, wie sie sich und ihre Herrlichkeit standesgemäß ausdrücken.
Hosena, erste Spuren der Braunkohle… Ein trister Ort, der erinnert mich stark an Bitterfeld, im Wald links und rechts kleine Seen, Restlöcher des Bergbaus, die schon vor vielen Jahren aufgegeben und voll gelaufen waren. Schilder, die vor Lebensgefahr warnen.
Senftenberg ist nicht mehr weit.
Großkoschen, der Name ist mir bekannt, eigenartigerweise habe ich mir den seit meiner Schulzeit eingeprägt und merken können. Der steht für mich stellvertretend für diese ganze Region. Und westlich liegt jetzt der Senftenberger See mit der eigenartig geformten Insel, der schon zu DDR-Zeiten als Naherholungs-Paradebeispiel für die Rekultivierung einer Bergbaulandschaft galt.
Ich biege von der Hauptstraße, auch hier gibt es zum Glück einen guten Radweg ab in Richtung Lieske. Die Straße ist klein, asphaltiert, aber zu meinem Erstaunen weist das Ortsausgangsschild von Kleinkoschen auf keinen nächsten Ort hin. Aber es wird schon stimmen.
Nun scheint die Sonne, es wird mild, ich habe Hunger. Es ist Mittag, ich habe 142,47 km zurückgelegt. (5:03:52 Std., 28,13 km/h) Am Rand eines Eichenwaldes, windgeschützt, warm gibt es Mittag… Käsebrot und Möhre. Na ja… Aber der Hunger treibt es rein.
 Der Westwind hat bewirkt, dass ich fast mühelos bis hierher kam, ohne große Kraftanstrengung war das tatsächlich nur ein schnelles Dahinrollen. Aber mir ist es recht. Wenn das so weiter geht, dann bin ich ja schon 15 Uhr in Cottbus. Viel früher als erwartet! Denn auf meinen Karten sieht das bis Spremberg nicht mehr weit aus.
Nach der Pause fahre ich entspannt weiter. Die Route führt zwischen zwei gewaltigen wassergefüllten Tagebaurestlöchern entlang. Wenn die Bäume an deren Rändern mal groß sind, dann wird das hier einmal eine wunderbare Gegend sein. Aber wo kommen diese Wolken her?
Innerhalb von Minuten baut sich unweit von mir eine tintenschwarze Wolkenwand auf. Schwärzer geht es nicht. Und diese bewegt sich in großer Eile genau auf mich zu! Ich beginne zu rasen, nur weg von hier. Schon sehe ich die ersten Regenschleier auf dem See, es wird immer finsterer, es donnert. Und der Wald hier, spärliche Kiefern, ist nix zum sicheren Unterstellen. Lieske will ich noch erreichen.
Nach Minuten sehe ich ein, dass ich es nicht schaffe, doch der Wind ist mir gnädig, ich sehe auch, dass das Zentrum des Unwetters südlich an mir vorüberzieht, mich wird nur der Ausläufer erreichen. Dann plötzlich ein heftiger Schlag am Hinterrad. Ein Stein? Eine Rinne im Asphalt? Kurz darauf ein Klackern, die Luft ist runter… Sch…
So schnell ich kann trage ich nun das Rad in den nahen Kiefernwald.  Und dann geht es mit heftigem Sturm und Regenguss, der sich zum Graupelschauer entwickelt auch schon los. Angesagt hatte der Wetterbericht diese Gewitter, aber dass es nun ausgerechnet mich hier in der Pampa erwischt. Triefend stehe ich nun unter einer Kiefer, die mir auch keinen Schutz bietet und muss zu allem noch den Schlauch wechseln… So ein Mist! Und mit zunehmender Nässe wird es mir auch noch kalt.
Aber das Wetter tobt sich recht schnell aus, es zieht rasch weiter. Nach einer halben Stunde sitze ich wieder auf dem Rad. Im Hinterrad scheine ich eine kleine Acht zu haben, aber wenigstens den Schlauch konnte ich mit gutem Druck wieder aufpumpen. Nur eine weitere Panne darf nicht passieren. Dann habe ich ein echtes Problem. Ich nehme an, der nächste Fahrradhändler wird einige Kilometer entfernt sein. Ich beobachte die abziehende schwarze Wolkenwalze noch eine Weile, aber bald reißen die Wolken wieder auf. Lieske erreiche ich nach drei Kilometern, das hätte ich wirklich nicht schaffen können. 
Auf kleinen Sträßchen rolle ich jetzt in Richtung Spremberg. Das ist nur noch 20 Kilometer entfernt. Wieder ein trostloser Ort, leer stehende, verfallende Werkarbeitersiedlungshäuser, überall  stehen Hinweisschilder auf einen großen Tagebau, der unmittelbar links von mir liegt. Und auch die Straße bis Spremberg macht keinen Spaß, viele Autos, die schnell fahren, Huckel im Asphalt und der Blick geht kilometerweit geradeaus. Nadelwald, Bergbaugelände…
Im Osten sehe ich die großen Wasserdampfwolken von Schwarze Pumpe. Keine schöne Landschaft. Zumindest seit die Braunkohle hier abgebaut wird. 3/4 2 das Ortseingangsschild von Spremberg! Ich fahre ins Zentrum, vielleicht kann ich mich ja hier ein wenig umgucken. Aber eigentlich ist auch dieses Städtchen nicht so wunderschön. Und die schon wieder urplötzlich im Nordwesten drohende schwarze Wolkenmasse verdirbt mir die Lust auf ein kleines Sightseeing völlig. Die Leute scheinen ahnungslos, noch sitzen etliche in Straßencafes, bummeln…
Ich überquere die Spree, das rote Backsteingebäude dort könnte das Gymnasium sein, die „hoche Schule“. Und dann bleibt mir nichts anderes übrig, als das nächste nun schnell hereinfegende Gewitter am Eingang einer Einkaufspassage abzuwarten. Zeitverlust…
Es ist vierzehn Uhr, ich will eigentlich den Zug 16.58 Uhr in Cottbus erreichen. Aber das Straßenschild vorhin – Cottbus 22 Kilometer – stimmt mich zuversichtlich. Weit ist es nicht mehr. So stehe ich mit vielen Anderen geschützt vor Regen und Graupel und sehe zu, wie die Händler auf dem Markt in Panik ihre Stände zusammenpacken, wie der Sturm eine Werbetafel über das Pflaster schleift…
Viertel drei, mit den letzten Regentropfen, schwinge ich mich wieder in den Sattel. Wenigstens Bohsdorf will ich noch erreichen. Auch wenn mir die Kälte jetzt arg zu schaffen macht. Nass bin ich sowieso, es geht ein wenig bergan, heraus aus der Stadt hinein in die endlosen Wälder der Niederlausitz.
Groß Luja, Türkendorf… Kommt mir irgendwie bekannt vor… Es regnet noch ein wenig. Klein Loitze, dort noch eine Esspause, ich spüre, wie sich ein Hungerast bemerkbar macht, ich werde immer langsamer. Also stopfe ich nun Möhre, Haselnüsse, Käsebrot und Müsliriegel in mich hinein. Das hilft!
Bohsdorf. Das ist Bohsdorf?
Was habe ich erwartet? Ein Museumsdorf, an dem jede Ecke nach Vergangenheit riecht. Ein Dorf wie die Kulisse in der „Laden“-Verfilmung. Nostalgie pur? Erwarte ich Leute, die mir begegnen könnten, wie die Anderthalbmeter-Großmutter, der Großvater, die Familie Strittmatter, der Lehrer Rumposch und andere?
Es ist ein Dorf wie jedes andere. Gottverlassen in den großen Wäldern, einsam, abgeschieden, aber die Einfamilienhäuser sind aus unserer Zeit. Und dann der Laden. DER Laden. Der sieht nun tatsächlich noch so wie vor hundert Jahren aus. „Erwin-Strittmatter-Gedenkstätte“
Im Kramladen Strittmatters gedenken? Wie das? Touristenfahrräder davor, eine Eintrittspreisliste am Eingang, ein paar alte Schokoladentafeln im Schaufenster, ein Schild „Strittmatter-Brötchen seit 1949 ausverkauft“ Bitte an den Bäcker nebenan wenden… Das ist witzig, die Preise, um den Laden zu sehen dürfen, aber nicht. Ich verzichte darauf.
Nur zwei Fotos, Ziel erreicht (15.11 Uhr, 187,72 km, 6:57:21 Std., 26,27 km/h), das ist alles. Die Zeit drängt überdies, ich muss den Zug schaffen. Bis Cottbus sind es noch einige Kilometer. Im Wald liegt der Graupel flächendeckend, es sieht aus wie im Winter, alles ist weiß! Und kalt!
Bohsdorf-Vorwerk, bis Gablenz muss ich nun auf einer wieder einmal stark befahrenen Straße radeln, dann biege ich nach Norden ab nach Kathlow. Die 200-km-Marke wird an der Autobahn Cottbus – Polen geknackt. Ringsum Wald, Einsamkeit, abgesehen vom Straßenverkehr, und Cottbus soll nur noch 10 Kilometer entfernt sein? Keine Spur von Großstadtumland. Nur endlose Straße nach Westen, mit Gegenwind auch noch. Ich strampele mit maximal 23 km/h gegen den Wind, gegen die Zeit. Cottbus 5 km, wie soll das gehen? Wo ist die Stadt? Ich kann außer Wald nichts erkennen.
Zum Glück ist es wenigstens sonnig und trocken.
Und plötzlich bin ich doch in Cottbus. Unvermittelt, ohne Übergang ist da die Stadt, ein paar Kurven, plötzlich schon der Stadtring, ein guter Radweg, ein Hinweisschild zum Bahnhof. Und dann auch ein paar große Häuser. Na ja… Also doch eine größere Stadt. Für eine Tour durchs Zentrum fehlt mir jetzt die Zeit. 
16.30 bin ich am Bahnhof.
Wieder einmal habe ich eine feine Tour geschafft.
(214,47 km, 8:06:40, 26,44 km/h)
Zeit ist noch ein wenig, die Menschenschlange am Fahrkartenverkauf schreckt mich ab, aber als ich mich am Fahrkartenautomaten minutenlang abgemüht und der meinen 50-EUR-Schein immer wieder ausspuckte, gebe ich entnervt auf und stelle mich da drinnen an. Es geht, zum Glück, rasch und als ich die Fahrkarte habe, reicht die Zeit gerade noch für eine Bockwurst. Also hungern musste ich heute nicht. Mir geht es auch recht gut, ich könnte sicher noch einige Kilometer fahren…
Aber eigentlich genügt es trotzdem.
 
Nach der Zugfahrt wird es aber, als ich mit nassen Klamotten aussteige und nach Hause radeln will, noch einmal schlimm. Es ist so kalt und ich bin doch etwas erschöpft und durchfroren, dass mich auf den ersten paar hundert Metern ein heftiger Schüttelfrostanfall packt. Ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht einfach verkrampft vom Rad zu fallen.
Und dann geht es auch wieder etwas besser…
So komme ich recht entspannt auch zu Hause an.

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