Spreewaldmarathon 2010

Spreewaldmarathon 2010
 
Es ist unglaublich, obwohl es nun schon meine dritte Teilnahme ist, wie intensiv sich wochenlang vorher bei mir schon eine innere Spannung aufbaute. In diesem Jahr erhöhte sich das dann zusätzlich durch den langen Winter und der noch größeren Unsicherheit, ob und wie ich den Spreewaldmarathon fahren würde. Aber die Karfreitags-Tour war ein Erfolg, war sehr lang und schön und verlief ohne Nachwirkungen, war also ein Indiz, dass die Fitness doch schon ausreichend vorhanden war.
Und trotzdem…
Jetzt, da der Spreewaldmarathon vorbei ist, breitet sich ein sehr entspanntes Gefühl aus. Draußen scheint die Sonne, es war alles gut, es war schön und erfolgreich. Nun können das Frühjahr und der Sommer kommen. Und die Vorfreude auf angenehme Touren abends oder den einen oder anderen privaten Marathon wächst. Es gibt keinen Druck mehr, den ich mir nicht selbst verursache.
 
Samstag, 17.04.2010
Unser Quartier ist in diesem Jahr nicht so toll wie 2009, eine Plattenbauherberge am Rand von Lübbenau, aber was soll’s. Wir schlafen nur hier und bei dem Massenandrang an diesem Wochenende können wir vermutlich froh sein, etwas in günstiger Preislage gefunden zu haben.
Nach unruhiger Nacht in dem hellhörigen Gebäude bin ich rechtzeitig wach. Der Himmel ist blau, wolkenlos, die Sonne scheint schon. Und das Frühstück schmeckt auch… Eine Schranke haben wir heute morgen nicht als Hindernis, nur die Frontscheibe muss freigekratzt werden.
Ich fahre bis Lübben, Uwe bringt unser Auto zurück, als ich dann dort auf dem Parkplatz ausgestiegen bin und zum Start rolle. Es ist genügend Zeit, noch ist es kühl, der Wind weht aus Nordwest. Die Festwiese ist schon mit mehreren hundert Fahrern gefüllt.
Dann, acht Uhr, ertönt das „Auf die Gurke, fertig, los“… Einfach ein gutes Gefühl, sich nun im Peloton von vielleicht 400 Fahrern zu befinden und allmählich auf Lübbens Straßen zu sortieren.
200 Kilometer liegen wieder einmal vor uns.
Es ist wie immer, eine erste große Gruppe löst sich bald und ward nicht mehr gesehen. Die zweite Hälfte fährt mit einem Schnitt von über 30 km/h gen Westen. Es rollt trotz leichtem Gegenwind vorzüglich, so nach und nach sammeln wir Versprengte der ersten Gruppe auf, Einige bleiben jetzt schon zurück. Die Strecke ist bekannt, zunächst westwärts bis Golßen, dann ein Stück Bundesstraße und dann nordöstlich nach Krausnick, durch die Wälder.
Schön in Krausnick und auch an den folgenden Kontrollpunkten wieder die einwandfreie Verpflegung, belegte Brote, Energie- und Schokoriegel, Obst, Äpfel, Bananen und natürlich Spreewaldgurken. Dazu ausreichende Getränke, Cola, Apfelschorle, Wasser, Tee… (49,39 km; 1:34:56; 9.35 Uhr) Es wird allmählich auch wärmer, angenehmer, aber auch der Wind wird etwas kräftiger.
Nach der kurzen Pause geht es bis Schlepzig noch ganz gut, dann aber haben wir heute einen etwas geänderten Routenverlauf, es geht nun streng nach Norden mit Wind schräg von vorn, nach Neu Lübbenau. Das ist schon recht anstrengend. Leider ist auch keine Gruppe in der Nähe. Aber dann holt mich Einer aus dem Erzgebirge ein, den frage ich, ob wir ein Stück zusammen fahren und so geht es dann ganz gut. Abwechselnd führend gelingt es uns sogar, eine vor uns fahrende Gruppe einzuholen. Allerdings lassen wir dabei einige Körner, auch ihm geht es dann nicht so gut.
Und ich spüre die Beine jetzt, nach 70 Kilometern schon. Lange halte ich das nicht durch. Euro-Camp, nächster Halt, wieder ordentliche Verpflegung, man ist den vielen Helfern hier richtig dankbar dafür. (71,80 km, 2:16:47; 10.35 Uhr)
Nun nach Süden, mal mit, mal ohne Gegenwind, einige Minuten versuche ich, drei Leuten zu folgen, aber die sind zu stark für mich, also lasse ich mich abfallen. Doch einige Zeit später, am Briesensee, dessen weißer Sandstrand herrlich durch die Bäume schimmert, kommt die nächste (größere) Gruppe, Einer von denen, mit dem ich am Morgen kurz sprach, ruft mir zu, zu folgen und das klappt dann. Allerdings ist das Gruppenfahren recht anstrengend. Gerade in Kurven oder an Kreuzungen, wenn stark abgebremst werden muss und nach der Kurve oder Abbiegung die starken führenden Leute schon wieder richtig Gas geben, hat man zu tun, die sofort entstehende Lücke wieder zu schließen. Und das ist heftig auf die Dauer. Zudem überholen wir jetzt pausenlos auch die anderen Radler der kleineren Runden, die zu zweit oder zu dritt nebeneinander die rechte Spur dicht machen. Aber bald ist Straupitz erreicht. Mittag!
Plinsen, und trinken, trinken, trinken. Ich spüre jetzt schon, dass mich diese Tour heute stärker schafft als im letzten Jahr. In Straupitz nun Menschenmassen, das ist hier der zentrale Punkt, an dem alle zusammen treffen. (103,46 km; 3:18:37; 11.30 Uhr) Allein fahre ich nun weiter. Das ist angenehmer, das Tempo jetzt zur Abwechslung etwas herunter zu nehmen und selbst zu bestimmen.
Erfahrungsgemäß ist die 60-km-„Beule“ über Lieberose für mich immer die anstrengendste. Aber der Wind ist günstig, auch solo ist ein guter Schnitt möglich.
Lieberose (128,92 km; 4:09:57; 12.35 Uhr), das ist fast eine Stunde früher als 2008. Der Kontrollpunkt befindet sich heute mitten in der kleinen Stadt, na auch gut, dann ist der Rest nicht mehr so lang J Trinken, trinken, trinken. Dazu etwas essen, das ist wichtig. Die Bockwurst geht gerade noch, die Schokoladenstückchen sind mir allerdings lieber.
Allein radele ich los, jedoch gelingt es mir zum Glück, bevor die Hügel losgehen, eine Gruppe zu finden, die mit moderatem Tempo fährt und mir genügend Windschatten bietet. Doch der Fairness halber will ich nicht nur profitieren und lasse mich am Abzweig nach Drachhausen, Burg zurückfallen. Etwas später empfinde ich das aber als Fehler, denn der Wind kommt genau aus der Gegenrichtung. Und das schlaucht, das macht mich zunehmend fertig. Die Beine sind schon schwer, aber nun werde ich auch auf 22 – 26 km/h abgebremst. Aber was ich noch erstaunlicher finde, ist die Tatsache, dass mich bis Burg niemand einholt. Bin ich so schnell oder machen die Anderen nur eine ewige Pause? Das werde ich wohl nicht herauskriegen. Die Strecke dehnt sich endlos, Schmogrow-Fehrow, Burg… Es gibt viel freies Gelände, wo es richtig windet. Leider ist in Burg in diesem Jahr kein Kontrollpunkt, immer mühseliger wird das Kurbeln.
Und doch holen mich die Nächsten erst kurz vor Raddusch, dem letzten Kontrollpunkt (ja, auch Lübbenau ist leider gestrichen) ein. Die sind noch etwas frischer als ich. Und in Raddusch gibt es nicht einmal mehr etwas zu essen. Tee ist alle, bis auf Wasser gibt es nix mehr. Das ist ganz schlecht. Ein Glück, dass ich mir in Krausnick ein paar Riegel eingesteckt habe. Ich treffe hier auch Ronald , der mit Max die 70 Kilometer fährt. Noch haben wir 30 km vor uns. (174,58 km; 5:56:15; 14.35 Uhr) Wir erholen uns eine Weile auf den bereit gestellten Bänken in der Sonne, dann breche ich wieder auf. Ein Stück führt die Route nun durchs ehemalige Tagebaugelände, ich bummele ein wenig bei dem Wind, überhole noch einige Familienradler, bis auch mich wieder eine größere Gruppe aufnimmt. Die fahren nun so gut, dass es kein Problem ist, da mit zu kommen. Sofort geht es auch mir wieder besser, Lübbenau streifen wir nur, vorbei an unserer Familienherberge, dann südlich um die Stadt herum auf die Bundesstraße und dann direkten Weges nach Lübben.
Es geht nun noch einmal so schnell, dass die letzten Kilometer kaum zu spüren sind. Klasse, gemeinsam rollen wir in Lüben ein, gemeinsam erreichen wir nun auch das Ziel.
Herrlich… Völllig überrascht kommen meine Mädels gerade vom Plinsenstand entgegen, sie hatten jetzt, 15.53 Uhr noch nicht mit mir gerechnet. Aber ich selbst auch nicht.
Es gibt von einer jungen Spreewald-Trachten-Maid wieder eine goldene Gurke um den Hals. Dafür hat es sich doch gelohnt. Schön war es, ein gutes Gefühl ist sofort da.
202,60 km, etwas weniger als in den Vorjahren, in 6:59:50.
Nun noch ein wenig Genießen des Volksfestes ringsherum, Erholen…
Es war sicher nicht der letzte Spreewaldmarathon.

Einmal Sanssouci und zurück 2010

Wie immer ist die Spannung vor dem ersten Marathon eines Jahres recht groß. Wie wird es nach den langen (gerade in diesem Jahr) Wintermonaten rollen? Wie fit ist man schon, hält man 200 oder gar 300 schon durch. Gerade bei 300 ist ja auch ein 25er Schnitt relativ zwingend, will man eine Nachtfahrt vermeiden. Hält man den denn auch durch? Regnet es oder schneit es sogar noch einmal?
 
Karfreitag, 02.04.2010
Das Aufstehen fällt nach der recht unruhig geschlafenen Nacht gar nicht so schwer, wie befürchtet. Ich lasse mir auch einige Zeit, frühstücke in Ruhe, draußen Dunkelheit und Kälte, das Thermometer zeigt 0,1°C. Das Gefühl, welches ich an diesem Morgen habe, habe ich auch Tage später noch. Es ist keine Euphorie, kein Überschwang, keine Aufgeregtheit…
Innerlich bin ich sehr ruhig, gelassen, gleichgültig (?), auf jeden Fall ist mir nicht so, als ob vor mir gerade der erste Radmarathon 2010 liegt.
4 Uhr stehe ich also auf, ehe ich aber aufs Rad steige und starte, ist es 4.50 Uhr. Also breche ich gerade einmal eine halbe Stunde früher auf, als im vergangenen Jahr. Doch wer weiß, ob mir die nicht doch noch etwas nützt.
Alles ist still im Dorf, alles schläft. Ich fahre nun wieder auf gewohnten Straßen via Panitzsch nach Taucha. Kurz hinter Panitzsch gibt es aber plötzlich einen heftigen Schlag am Hinterrad, mein Rücklicht fliegt in hohem Bogen durch die Dunkelheit, so ein Mist, das Schlagloch habe ich völlig übersehen. Aber das Licht meiner Lampe reichte da nicht genügend aus. Nachdem ich das Rücklicht gefunden und wieder angesteckt habe und weiterfahren will, klackert es so merkwürdig unter mir. Klasse. Ein Platter!
Auch das noch, das geht ja gut los, schon nach 6 Kilometern! Kalt ist es, dunkel ist es, was mache ich nun?! Umkehren, zu Hause reparieren? Dann verliere ich noch mehr Zeit und kann es eigentlich sein lassen! Einige hundert Meter entfernt sehe ich die nächsten Straßenlampen. Bis dorthin lasse ich mich nun vorsichtig auf der Felge rollen. Hoffentlich hält es das Hinterrad aus!
Und dann stehe ich im Schein einer Straßenlampe und wechsle den Schlauch. Das geht jedoch besser, als ich dachte. Einige Minuten später schon kann es weiter gehen. Mit der Handluftpumpe habe ich jetzt auch entsprechend guten Druck im Reifen, das müsste schon über die Strecke ausreichen. Allerdings fahre ich gerade durch Taucha und so lange es dunkel ist, sehr behutsam und versuche, alle offensichtlichen und scheinbaren Unebenheiten und Löcher im Straßenbelag zu umgehen.
Weiter, Plösitz, Liemehna, Mutschlena, Wölkau, Krippehna, allmählich dämmert es. Aber bis kurz vor Bad Düben fahre ich besser noch mit Licht. Bei Badrina komme ich nun auf die B2, wie erwartet, ist der Verkehr heute minimal, so rollt es wirklich gut weiter. Wellaune, Radweg bis Bad Düben, dann die Muldebrücke (ca. 37 km, 6.45 Uhr). Tschüß Mulde, bis heute Abend…. Voraussichtlich… Wenn alles gut geht.
Auch Bad Düben schläft noch tief und fest, weiter. Den Sinn der Ampeln, die hier in voller Aktion sind, begreife ich leider nicht, weit und breit ist kein Fahrzeug zu entdecken.
Nun zieht sich die B2 allmählich hinauf in die Dübener Heide. An den Anstiegen kurbele ich wieder wie gewohnt, recht kraftsparend. Motto: nicht überziehen, es kommen noch ein paar Kilometer.
Der Wind weht leicht von Südwest, das ist genau richtig. An die Rückfahrt denke ich lieber nicht. Ein wenig beunruhigen mich nun die Umleitungs- und Sackgassenschilder in Richtung Wittenberg, aber mit dem Rad kommt man (fast) überall durch… Na ja, ein wenig Spannung kommt schon auf. Und kalt ist es immer noch, elend kalt. Die Akkus des MP3-Players entleeren sich zusehends auch beim „Armin“, dem Garmin sorgen die niedrigen Temperaturen für eine sehr rasche Entladung. Die erste Rast mache ich nun einige Kilometer (50,57 km, 7.17 – 7.25 Uhr, 2:01:00) weiter als im vergangenen Jahr, kurz hinter dem „Wachtmeister“ auf einem Waldparkplatz.
Lange halte ich es nicht aus, es sind immer noch gegen 0°C und als ich nach der Pause bergab rolle, kühlt mich der Fahrtwind schweinisch aus.  Und dann kommt die Baustelle. Das sieht wirklich nicht gut aus und weckt Erinnerungen an meinen Weimar-Holzland-Marathon von 2008. Die Straße ist aufgerissen, offensichtlich baut man hier an einer Bachüberquerung. Schlimmstenfalls muss ich doch einen weiten Umweg… Heute scheint kein guter Tag zu sein. Als ich näherkomme, sehe ich aber, dass man mit den Baufahrzeugen und demzufolge auch mit dem Rad (schiebenderweise) durch den zerwühlten Straßenunterbau trotzdem auf die andere Bachseite kommt. Welch ein Glück, das erspart mir einige Kilometer und Hügel!
Weiter nun, an Kemberg vorbei, durch die flache Ebene bis Wittenberg, die Sonne geht auf, wärmt schon ein wenig. Dann die Elbebrücke, die Elbwiesen stehen zum großen Teil unter Wasser. Die Stadt durchquere ich nach 77 Kilometern gegen 8.15, das ist schon ein wenig zeitiger als im letzten Jahr. Auch in Wittenberg kein Verkehr, alles ruhig, weiter nun, hinauf in den Fläming. Mit recht kleinen Gängen im 23-er Schnitt geht das gut bergauf, kostet kaum Kraft und bergab kann ich ja rollen. Marzahna und dann die winzigen Flämingdörfchen am Ende der bewohnten Welt.
So erreiche ich 9.30 Uhr das kleine Städtchen Treuenbrietzen. Auf dem Markt am Brunnen, in der Sonne (104,14 km, 9.30 – 9.45 Uhr, 4:00:13) mache ich die zweite Rast. Kurzer Anruf zu Hause, die frühstücken gerade. Und mir geht es nun sehr gut. Noch reichlich 200 Kilometer, wenn alles gut geht. Beelitz ist auf guten Radwegen ebenfalls bald erreicht, die Strecke ist vom letzten Jahr noch gut vertraut, durch die Stadt durch, dann Radweg bis zum Berliner Ring und dann bin ich doch schon in Michendorf. Das ging wirklich schnell! Soll ich lieber über Caputh abkürzen? Das wäre das geringste Risiko, keine Ahnung, wie weit der Umweg über Potsdam ist. Aber eigentlich wollte ich endlich bis Sanssouci kommen!
Entlang der B2 nun rolle ich durch weite Wälder bis direkt nach Potsdam hinein. Die Stadt macht zumindest in den Randbezirken einen recht verfallenen tristen Eindruck, links sehe ich schon die Havel, dann vor mir den Hauptbahnhof. Hier ist es nun schon etwas belebter, vor allem vor den Touris auf dem Radweg muss man sich vorsehen. Aber trotz allem komme ich gut durchs Zentrum und sehr rasch bis zum großen Park. Ich schleiche mich an den Einlassern vorbei, die gerade ein paar Touris zu einer Spende für Sanssouci auffordern, Glück gehabt und fahre langsam ein Stück weiter, bis ich nun das Schloss und die weite Treppe mit vielen vielen Leuten direkt vor mir sehe.
Eigentlich will ich auf einer Bank, an die ich mein Rad lehne, nun Pause machen, aber ein Parkwächter weist mich auf das Verbotsschild für Fahrräder hin.
So stelle ich es also bei den anderen Rädern ab und gehe mit meinem Kram zum Brunnen unterhalb der Schlosstreppe. Sanssouci, einmal auf dem Rad hin und (hoffentlich) wieder zurück. Zumindest bin ich erst einmal hier.
(144,44 km, 11.30 – 11.55 Uhr, 5:36:40) Kurzer Anruf zu Hause, alles ok.
Als ich wieder am Rad stehe, spricht mich Einer an, weil ich es so auf lange Touren „aufgebaut“ hätte. Er scheint interessiert, als ich ihm erzähle, dass ich von Leipzig komme und nun wieder dorthin zurück will. Und auch „Armin“ interessiert ihn. Seine Frau mit Hund sitzt gelangweilt auf der Treppe neben uns. Nun aber los…
Ich habe das Gefühl, mir sitzt ein wenig die Zeit im Nacken, zumal der Rückweg mit geschätzten 180 Kilometern doch ein Stück länger ist. Relativ gut komme ich auf der gerade nach Südwesten aus der Stadt hinaus führenden Zeppelinstraße, mieser schmaler Radweg, aber bei dem dichten Autoverkehr lebensrettend 🙂 in Richtung Geltow voran.
Der Wind weht nun leicht entgegen, das spüre ich schon nach einigen Kilometern recht störend, also herunter schalten. In den Wäldern wird es schon irgendwie gut gehen. Geltow, Havelbrücke, der Abzweig nach Ferch, nur gut, hier auf dem Europaradweg R1 ist es spürbar ruhiger. Durch Ferch, ein Stück weit vom Schwielowsee-Ufer entfernt, nun nach Süden, dann erreiche ich die Stelle, an der ich im letzten Jahr auf den R1 kam. Und jetzt rolle (abgesehen von den kleinen giftigen Hügeln) ich ganz angenehm durch die weiten Wälder im Süden Potsdams. Ich mache noch eine kurze Rast (164,45 km, 12.45 – 12.50 Uhr, 6:27:07) Dann der Berliner Ring, weiter entlang der A9 bis Beelitz Heilstätten, dann schnurgerade kilmeterlang im Wald an der Bahnlinie bis kurz vor Brück. Brück, Gegenwind, ärgerlich. Belzig scheint nicht weit, nur 15 kmchen, aber die haben es in sich. Der Wind schafft mich, er ist nicht stark, aber er weht ohne Unterlass schräg von vorn und macht mich fertig.
Nach 195 Kilometern im Bushäuschen des Dörfchens Lüsse, kurz vor Belzig muss ich also Pause machen. Essen, Trinken, ich spüre, dass ich zurzeit einen kleinen Einbruch habe. Und noch ist der Fläming vor mir. Bis Dessau sind es ca. 50 Kilometer. Die muss ich auf jeden Fall schaffen. Belzig, die „200“ knacke ich heute hier, dann 10 Kilometer Anstieg bis Wiesenburg. Ein Rennradler überholt mich, ich schleiche mühselig den sanften endlosen Anstieg hinauf, neue kurze Pause 5 Kilometer weiter, ich werfe mir ein paar Handvoll Nüsse und Rosinen ein, das hilft.
Wiesenburg. Nun wieder bekannte Strecke durch den hügeligen Hohen Fläming, Medewitzer Hütten, Stackelitz, neue Rast nach 225 Kilometern, immer noch ekliger Wind von vorn.
Hundeluft, wer denkt sich nur solche Namen aus?! Und Roßlau, Land in Sicht, ist nur noch 14 Kilometer entfernt. Auf meinen Fahrradcomputer gucke ich schon gar nicht mehr. Roßlau, tatsächlich, den Fläming habe ich gepackt. Drüben die Elbe, chaotische Baustelle nach Dessau hinüber. An einer Tankstelle kaufe ich mir 1 Liter Coca Cola, von der ich mir Wunderdinge erhoffe. Na ja, Wunderdinge, zumindest bringt mir das braune süße Zeug den erwarteten Push. Es ist immer wieder faszinierend, am eigenen Körper zu beobachten, wie sich so eine plötzliche intensive Zuckerzufuhr auswirkt. Das hält nicht lange vor, aber es wird trotzdem insgesamt wieder besser. Dessau, katastrophal schlechte Radwege, die sind mittlerweile nur noch mit Mountain Bike halbwegs gut befahrbar.. 250 Kilometer sind gefahren. Was mache ich?! Biege ich zum Bahnhof ab?
Aber man könnte ja auch… Und wenn ich so weiter fahre, relativ gemütlich mit relativ kleinen Gängen gegen den Wind, dann komme ich noch ein gutes Stück weit. Also weiter, die Strecke kenne ich, schneller als ich erwartet habe, bin ich aus Dessau raus, kurze Trinkrast und eine Banane an der A9, dann Straße nach Raguhn, durch die Auenwälder nach Jeßnitz hinüber und dann ist es nicht mehr weit bis Friedersdorf. Muldensteiner Berg bei diesem kraftsparenden Kurbeln kein Problem, ich muss ja kein Rennen gewinnen.
Hinab zur Goitzsche will ich aber heute nicht, ich nehme den Radweg durch Mühlbeck und Pouch. Von hier oben bieten sich schöne Blicke über die im Licht der sinkenden Sonne spiegelnden Seeflächen. Herrlich…
Straße nach Löbnitz, der Wind lässt nach. Aber dafür wird es nun wieder kühler. Nächste Rast (290,79 km, 18.55 – 19.05 Uhr, 11:42), es ist schon recht kalt, und dann, nach einem Anruf zu Hause, dass ich etwas später komme (Dagis Angebot, mich abzuholen, lehne ich ab – das muss schon bis zum Ende ausgekostet werden), passiert das Übliche. Ich kann kaum etwas essen, trinken geht auch nicht so recht, weil die kalten Getränke auch nur im Magen rumoren… Also werfe ich den Rest des Hanuta weg, drücke mir eine Tube Energie-Gel hinter die Zähne und dann fängt es wieder einmal an, mich vor Kälte und Erschöpfung zu schütteln. Sch… Ich muss weiter, trotz nassgeschwitzter Klamotten wieder aufs Rad und fahren, auch wenn es jetzt heftig wird. Aber siehe da. Das wiederum nun hätte ich nie erwartet, woher kommen auf einmal diese Reserven?! Mit einem 28er Schnitt „stürme“ ich weiter. Hinauf, hinab, Reibitz, Badrina, Wölkau, erst hier, 15 Kilometer weiter, werde ich wieder langsamer.
Was war das denn? Dem Energy-Gel, welches Dagi bei Penny entdeckt hatte, traue ich diese Wirkung gar nicht zu? Oder doch?
Etwas langsamer, aber doch in moderatem Tempo erreiche ich Mutschlena, Plösitz, Taucha… Und die Hügel sind erstaunlicherweise kein Problem. Es dämmert, die Sonne ist am westlichen Horizont schon untergegangen, es wird allmählich dunkel. Panitzsch, das Schlagloch von heute morgen kann ich noch erkennen, Lang, tief, schmal, ausgerechnet das musste ich erwischen!
Borsdorf.
Es ist 20.40.
 
Lang war es wieder, keine Frage, 200 sind da doch etwas leichter zu bewältigen. Anfangs hatte ich ein wenig Langeweile auf der Tour befürchtet, weil ich diese ja ähnlich schon im letzten Jahr gefahren war. Doch das war unbegründet, die Landschaften waren schön, das Wetter, abgesehen von der Kälte und dem Wind auf dem Rückweg, sehr sonnig und angenehm. Aber auch heute war es ganz deutlich, dass eine Tour in dieser Länge im Wesentlichen eine „Kopfsache“ ist. Die körperliche Kraft und Kondition ist in ausreichendem Maß vorhanden, aber dann nach 200, 250 oder 280 seinen Kopf zu überzeugen, der Müdigkeit nicht nachzugeben und das Rad einfach an den nächsten Baum zu lehnen, das ist schon ein wenig schwieriger.
Insgesamt also Fazit: Es war schön, es war gut, es war anstrengend. Auf dem Rückweg habe ich nicht
ganz die 2-Stunden-Abstände einhalten können, den „Hänger“ nach der 200 habe ich allerdings gut überstanden. Und auf den letzten 70 Kilometern rollte es noch einmal gut. Die Euphorie kam dann tatsächlich auch am nächsten Tag…

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