Die Ostsee-Tour 2013

Wenn unsere Tochter nicht ihr Praktikum in Grömitz absolviert hätte und wir hätten sie nicht am 21.06.2013 abholen müssen und Dagi hätte nicht die Idee gehabt, dass ich doch an die Ostsee mit dem Rennrad…
Dann wäre diese Tour vermutlich nicht zustande gekommen.

Vorgeschichte
Nach dem Katzen-Crash im August 2012 hatte ich Touren über solche Distanzen eher nicht mehr in der Planung. Aber versuchen könnte man es ja trotzdem mal, denn die beiden 200er gingen ja recht gut. Und wenn nicht, dann würde ich eben abbrechen und ins Auto steigen.
Am 10.06.2013 passierte mir dann jedoch erneut ein größeres Missgeschick.
Wegen zwei Skatern, die mir die Vorfahrt nahmen, musste ich eine Vollbremsung machen, stieg mit Salto über den Lenker ab, fiel erneut auf die „kaputte“ Schulter und hatte die Freude, meinen D-Arzt am Tag darauf wieder zu sehen. Der schien nicht so begeistert über die Tatsache, dass die Schulter wieder beteiligt war, machte eine Röntgenaufnahme, aber – zum Glück war wirklich nichts gebrochen oder verschoben. Nur mit den langwierigen Folgen der Rippenprellung musste ich nun irgendwie leben. Sehr ärgerlich – nur zwei Wochen vor der großen Tour.
Mit dieser Ungewissheit baute sich nun also eine gewisse Spannung auf, denn die Prellung ließ in diesen Tagen nur Radfahren im Schongang zu. D.h. das Fahren ging recht gut, aber jede Unebenheit machte sich sehr unangenehm bemerkbar und Auf- oder Absteigen oder Anfahren waren auch jedes Mal recht schmerzhaft.
Noch wenige Tage vor dem 21.06. hatte ich das Gefühl, dass überhaupt keine Besserung eintrat. Aber schlimmstenfalls bliebe eben das Auto.
Weitere Unsicherheiten entstanden nun auch durch die katastrophale Flut in Mitteldeutschland.
Anfang Juni hatte es wieder einmal sehr ergiebig in Ost- und Südost-Deutschland geregnet. Dazu kamen die vom langen feuchten Winter noch gesättigten Böden, die das Wasser nicht mehr aufnehmen konnten.
Und nun transportierten Moldau, Mulde, Saale und Elster ungeheure Mengen Wasser in die Elbe. Das Ganze nahm dramatische Formen an. Das sächsische Elbtal, Döbeln, Grimma, der Raum um Bitterfeld wurden nach 2002 erneut schwer getroffen und sogar Leipzig befand sich tagelang im Katastrophenzustand. Nicht davon zu reden, dass auch bei uns die Parthe für ein Hochwasser sorgte, welches schlimmer als das von 2002 war und bei dem die Flut erst ca. 5 m vor unserem Haus stehen blieb.
Die Wassermassen wälzten sich elbabwärts durch Dessau, Magdeburg, Hitzacker, Dömitz. Dömitz – da wollte ich nach erster Routenplanung die Elbe überqueren, nun aber wurde alles überflutet, die Gegend weiträumig abgesperrt. Erst am 19.06. gab man dort die Straßen wieder frei, es war äußerst ungewiss, wie der Zustand in dieser Region nun war.
Also plante ich wenige Tage vor der Tour kurzfristig um. Auf Grund der Katastrophe um Fischbeck im nördlichen Sachsen-Anhalt, wo ein Elbdeich gebrochen und fast 200 km² flaches Land und etliche Dörfer überflutet wurden, Sandau abgeschnitten, Havelberg unerreichbar war, würde ich nun parallel zur Route von 2008 über Rathenow, Rhinow, Kyritz, nach Pritzwalk fahren.
Wenn es denn die Prellung zulassen würde.
Und das war nun selbst bis zum 21.06. nicht klar, wie lange ich es überhaupt im Sattel aushalten könnte.

Freitag, 21.06.2013
Wie immer vor Touren in dieser Dimension habe ich kaum oder nur sehr unruhig geschlafen. Die Unruhe und Anspannung ist recht groß, auch wenn ich bislang der Meinung war, das ganze Unternehmen würde mich recht wenig aufregen.
Aber nach dem heftigen Unwetter mit Blitz, Donner, Sturm und Starkregen gestern Abend, während dem innerhalb einer halben Stunde 45 Liter Wasser/m² fielen und innerhalb einer Stunde unser Flüsschen schon wieder Hochwasserwarnstufe 2 erreichte, ist es schon spannend, wie es jetzt draußen aussehen würde.
Also stehe ich dann 2 Uhr besser mal auf. Und was meint die Prellung dazu? Zunächst geht es noch etwas schwerfällig, aber ich kenne jetzt auch die Möglichkeiten, mich entsprechend zu bewegen, um den Eindruck zu haben, es sei (fast) wieder alles in Ordnung 🙂
Gepackt habe ich gestern Abend schon, ich brauche es nur noch am Rad zu verstauen. Auch Capuccino und etwas zum Frühstück ist vorbereitet, ich will keine Zeit verlieren.
Und so sitze ich gegen 2.50 Uhr im Sattel.
Die Euphorie, die ich noch 2008 beim ersten Ostsee-Versuch spürte, fehlt mir völlig. In meinem Hinterkopf geistert immer wieder der Gedanke, welch ein Unsinn es doch ist, um diese Zeit, in der alle schlafen, schon durch die Gegend zu gondeln.
Doch nun geht es los – Ostsee, ich komme.
Die Straßen sehen gut aus, abgesehen von ein paar Zweigen und Pfützen erinnert nichts an das Gewitter vor ein paar Stunden. Es ist noch stockfinster und seeeehr still. Nur Johnny Cash im Ohr sorgt für ein wenig Abwechslung.
Wie schon so oft fahre ich zunächst über Panitzsch, Taucha, von dort nach Mutschlena – die Baustellenschilder vor Pönitz ignoriere ich, es wird schon irgendwie gehen. Und tatsächlich, es ist in Pönitz nur eine Straßenspur gesperrt, so dass ich problemlos und ohne Umweg durchfahren kann. Von Mutschlena führt anschließend der kürzeste Weg nach Krostitz. Meine gewohnte ruhigere und schönere Route über Reibitz, Löbnitz, Pouch ist derzeit nicht möglich. Die Muldeflut hat die Straße bei Löbnitz zerstört, der Fluss hat den direkten Weg in den Seelhausener See genommen.
Also geht es nun von Krostitz weiter nach Delitzsch – allmählich wird es heller, einen etwas gespenstischen Anblick bieten die sich lautlos im Dämmerlicht drehenden Windräder.
Delitzsch, weiter auf der B1 84, Umleitung! Prima – dieses Mal gehe ich kein Risiko ein und folge den Schildern – was mir nun aber ein paar Zusatzkilometer über Beerendorf beschert.
In Bitterfeld etwas später ist es dann schon fast hell. Es ist ziemlich bewölkt, ist auch ganz gut so, dann ist es wenigstens nicht so kalt, ich fahre schon seit dem Start in kurzer Hose und Trikot, die Jacke habe ich im Auto gelassen. Die Jacke werde ich heute Abend sicher brauchen, da ist es gut, wenn die nicht gleich nass geschwitzt wird.
Kurz vor Wolfen verfahre ich mich nun auch noch – das heißt auf deutsch – ich habe danach vier weitere Zusatzkilometer auf dem Konto. Gegen 4:56 Uhr die erste Rast – an der Deponie der Grube Antonie. (52,07 km, 2:06:42 Std.)
Der Wind hat jetzt in den frühen Morgenstunden schon richtig aufgefrischt – aber wenn er weiterhin aus Südwest weht, ist das sehr günstig für mich.
Die Umgebung ist trist, tatsächlich hat man Bitterfeld nur an der Goitzsche entsprechend aufgehübscht, hier im Westen und Norden der Stadt wirkt immer noch alles sehr trostlos. Auch auf der Weiterfahrt durch Wolfen und Bobbau hat man nicht unbedingt den überragenden Naturgenuss.
Zum Glück gibt es an der jetzt sehr stark befahrenen Bundesstraße einen guten Radweg, den ich benutzen kann. So komme ich mit Windverstärkung zügig bis Dessau.
Prellung? Alles still – hoffentlich bleibt das so. Dessau – die Radwege in der Stadt sind in demselben erbärmlichen Zustand wie seit Jahren, da hat sich nichts gebessert. So bin ich froh, als ich gegen 6.20 Uhr die Mulde- und Elbebrücke erreiche und auch schnell Roßlau hinter mich bringen kann.
Obwohl die Flut hier schon zweineinhalb Wochen her ist, stehen noch viele Wiesen und Wege in Flussnähe unter Wasser, das verfaulende Gras in der Elbaue bei Roßlau stinkt heftig. Die armen Menschen, die hier leben müssen.
Nun aber geht es endlich hinauf in den Fläming.
Wieder Baustellenschilder, zwischen Mühlstedt und Thiessen sei die Straße gesperrt. Ich überlege nur kurz, aber die Entscheidung ist recht einfach – für große Umwege habe ich keine Zeit und ich will auch keine zusätzlichen Kräfte, die mir später eventuell fehlen könnten, vergeuden. Also weiter, es wird schon gehen.
Und dann die Baustelle – eine Eisenbahnbrücke. Links und rechts ist der Bahndamm mehrere Meter hoch und hat sehr steile, schlammige Hänge. Da gibt es kein Hinüberkommen. Die Straße ist aufgerissen, unter der Brücke sehe ich eine große Wasserfläche. Was tun? Da kommt man mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mit trockenen Füßen durch. Anhand der Bauzäune schätze ich das Wasser aber nicht sehr tief. Wenn ich also an der Brückenwand entlang balanciere, könnte es klappen. Mit Rad und Schuhen in der Hand stapfe ich Sekunden später durch den Schlamm, schlängele mich um die Absperrung und mache den ersten Schritt ins Wasser. Na ja, nicht mal knöcheltief. Der zweite Schritt – upps, das Wasser reicht bis zurWade, der dritte Schritt – autsch – da wurde doch gerade die kurze Radlerhose nass.
Langsam und vorsichtig bewege ich mich nun durch das oberschenkeltiefe Wasser hinüber zur anderen Seite. Na ja, die Abkühlung ist wirklich nicht von schlechten Eltern.
Drüben dauert es dann ein Weilchen, ehe der Schlamm von den Füßen abgerieben ist und auch Kette und Schaltung sehen nach dieser Aktion nicht mehr unbedingt gepflegt aus. Aber Wasser gibt es hier genug, da kann noch einmal rasch nachgespült werden.
Nach diesem ersten Abenteuer schwinge ich mich nun wieder auf den Sattel – weiter gehts.
Doch die Straße durch den Wald bietet sofort ein neues Abenteuer. Es ist kaum ein richtiges Fahren möglich, der ganze Asphalt ist mit Akazienzweigen (hatten die nicht Dornen?! – aber ich denke, das waren eher die Robinien), ganzen Ästen, schließlich sogar umgestürzten Bäumen bedeckt. Welch einen Schaden hat das Unwetter hier angerichtet!
Erst einige Kilometer weiter bei Thiessen bessert sich der Straßenzustand wieder. Und hier ist auch wieder Autoverkehr. Hundeluft, Stackelitz – jetzt rollt es auch wieder sehr gut und zunehmend entspannt. Da auf dem Fahrradcomputer inzwischen 100 Kilometer stehen, gibt es in Stackelitz schließlich die zweite Pause. (07:10 Uhr, 102,17 km, 4:02:05 Std.)
Der Wind ist nun sehr kräftig, aus Südwesten drohen dunkle Wolken, hier scheint jedoch noch die Sonne. Wenn ich also den bisherigen Schnitt halten kann, könnte es gelingen, dem zu erwartenden Regen noch einige Zeit zu entkommen. Also genehmige ich mir nur 5 Minuten Pause, dann geht es weiter.
Wiesenburg, der höchste Punkt im Fläming ist erreicht, knapp 170 Meter hoch befindet man sich hier. Nun folgt die lange Abfahrt nach Ziesar. Alles bekannt, die Strecke habe ich mehrfach befahren, zum Glück hält sich der Auto- und Lastverkehr in Grenzen. Im Wald hinter Wiesenburg halte ich dann noch einmal kurz an – es ist kurz nach 8 Uhr, ich rufe Dagi an, die nun auch aufgestanden ist. Ein wenig euphorisch – ja, im Augenblick ist alles bestens (! ) teile ich ihr mit, dass sie sich Zeit lassen kann. Ich will die Mittagspause nicht wie geplant bei Rhinow (ca. km 200) machen sondern wir treffen uns erst zwei Stunden später kurz vor Pritzwalk weil es so gut rollt. Sie hat da ihre leichten Zweifel – nicht dass ich überziehe (! ) – aber sie akzeptiert meine Meinung – schließlich bin ich der Radfahrer und müsste es eigentlich am Besten wissen.
Also geplanter Treff gegen halb zwei bei Pritzwalk. Finde ich auch angenehmer, dann schon mehr als die Hälfte der Strecke absolviert zu haben.
Nun Fahrt nach Norden, nach Ziesar. Die Wind weht nun etwas unangenehm von der Kante, statt einfach zu rollen, muss ich kurbeln. Und dazu gesellen sich noch ein paar Regentropfen, nicht viel, zu Hause hat es da etwas stärker geregnet.
Ziesar, Rogäsen, Wusterwitz. Die nächste, sehr kurze Pause. (09:07 Uhr, 153,09 km, 05:49:50 Std.)
So richtig möchte ich es nicht wahrhaben, aber ich spüre die Beine schon. Hmmm… Wenn das hier schon losgeht, was soll das heute noch werden? Der Appetit hat auch spürbar nachgelassen, aber ich muss unbedingt essen!
Die Sonne scheint wieder, der Wind na ja, den kann man, wie schon des Öfteren praktiziert, auch ein wenig ausblenden. Auf der B1 geht es einige Minuten später, nachdem der Elbe-Havel-Kanal überquert wurde, straff gegen den Wind nach Westen. Es sind nur zwei Kilometer, aber das Tempo bricht ziemlich ein. Wenn ich nicht überziehen will, ist es jetzt höchste Zeit, dem Wind nachzugeben, mich an die Bedingungen anzupassen. Aber das fällt schwer, wenn ich den Klasse-Schnitt betrachte.
Aus irgendeinem Grund, vermutlich, weil ich das 2008 genauso falsch gemacht habe, nehme ich auch heute wieder die Auto-Schnellstraße nach Milow. Das führt prompt dazu, dass mich auf der autobahnähnlichen Ausfahrt ein etwas betagterer Verkehrsteilnehmer (wahrscheinlich mit Hut), dem ein paar PS mehr zur Verfügung stehen, laut und böse anhupt. Ich grüße den zwar freundlich, doch das wollte er jetzt sicher nicht von mir sehen. Doch die Schnellstraße endet schon nach zwei weiteren Kilometern. Auch Radwege gibt es hier – schön, das Vorankommen wird nun wieder wesentlich entspannter.
Der Himmel hier in Brandenburg mittlerweile blauweiß. Ja, ganz ehrlich, das gibt es nicht nur in Bayern. Kurz vor Premnitz überquere ich die Havel, ein gespannter Blick, nein, das Hochwasser ist bis hierher nicht vorgedrungen. Von Premnitz ist auf ebenfalls hervorragendem Radweg sehr schnell Rathenow erreicht. Der ist aber auch von wirklich lebenserhaltender Wirkung, der Autoverkehr auf der Bundesstraße ist heftig – für Radler sehr ungesund.
Zu Rathenow selbst würde ich mich einer Meinung enthalten. Ein größerer Ort mit zu starkem Durchgangsverkehr. Von den eventuell hier verborgenen Schönheiten bekomme ich direkt an der Haupstraße nix mit. Im Gedächtnis zu Rathenow bleibt mir lediglich der ältere Herr, der an der Ampel hinter mir steht und mich darauf hinweist, dass es nicht mehr grüner würde. Obwohl die Fußgängerampel noch Rot hat. Ich grüße ihn, indem ich ihm die Zähne und den (erhobenen Zeige-) Finger zeige. Ach – und von Rathenow bleibt mir übrigens auch noch die Erinnerung an den nachlassenden Stress, als ich endlich auf ruhiger Straße in Richtung Rhinow weiter fahren kann.
Jetzt ist wieder alles im grünen Bereich.
Die Landschaft ist sehr idyllisch, Wiesen, Getreidefelder, kleine Baumgruppen, Wälder, Hügel… Je weiter man nach Norden kommt, um so klarer scheint die Luft, um so kräftiger Licht und Farben zu werden. Weit ist das Land der Apachen…
Das Rhinower Ländchen verschafft mir noch ein paar Höhenmeter, erst nach Rhinow wird es wieder tellerflach.
Dafür kommt mir eine Kolonne vom THW entgegen. THW? Hochwasser? Hier, ca. 30 Kilometer von der Elbe entfernt?
Ich erinnere mich an eine Satellitenaufnahme, auf der zu sehen war, dass durch den Deichbruch bei Fischbeck, was ja nun eigentlich ziemlich weit weg ist, die Gegend bis hierher geflutet wurde. Na ich werde es sehen. Noch sind keine Sperr- oder Umleitungsschilder zu entdecken.
In Altgarz ist wieder Pause – hier wollte ich Mittag machen. Und irgendwie geht es mir nicht so richtig toll. Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass der Wind mich schob, dann habe ich mich vermutlich stark getäuscht und den Fehler gemacht, auf weniger günstigen Abschnitten das Tempo durchzuhalten. Nun liegt der Schnitt zwar ein ganzes Stück über 26 km/h, aber das nützt an sich nicht viel, denn ich bekomme nur einen Haferflocken-Ekel-Riegel hinter, mein Magen verweigert das halbe Steineckchen mit Salami. Und meine Vorfreude auf die Nudeln nachher ist auch stark eingeschränkt. (11:25 Uhr – 11:35 Uhr, 210,9 km, 7:54:19 Std.)
Vorsicht, wenn es heute nicht ein großes Fiasko geben soll.
Nach der Pause nehme ich ab Groß Derschau die ruhige kleinere Landstraße nach Kyritz. Das liegt nur noch 23 Kilometer entfernt, dann sind es auch bis Pritzwalk nur noch ca. 30 Kilometer. Das klingt doch schon wirklich gut.
Die Straße westwärts ist schön, eine richtig sehenswerte Allee mit alten Bäumen. Der Wind weht zwar frontal von vorn, aber man kann ja nicht alles haben 😉
Und dann glitzert es schon zwischen den Bäumen – hier im Land zwischen Dosse und Rhin erstreckt sich nach Westen zu eine gewaltige geschlossene Wasserfläche. Es ist schon entsetzlich, dass hier, weitab von der Elbe, wo man gar nicht mehr damit rechnen würde, das Hochwasser solche Spuren hinterlässt. Nicht auszudenken, was sich da in den noch weiter westlich gelegenen Dörfern abspielt!
Zernitz, dann ist bald Kyritz erreicht.
Kyritz hat einen netten kleinen liebevoll restaurierten Altstadtkern – weniger schön für mich, auch wenn das zum Stil passt, das Kopfsteinpflaster.
Aber keine Zeit, keine Zeit – die Mittagspause ruft. Auf der B1 03 verlasse ich rasch Kyritz, mit unangenehmem Kantenwind kurbele ich nun nach Nordwesten gen Pritzwalk. Zwischenzeitlich telefoniere ich noch einmal mit Dagi – Klasse, sie ist in Kyritz, hat Nudeln und geröstete Ente beim Chinesen gekauft und wird mich gleich überholen. Na das klappt doch!
Einige Kilometer später entdecke ich einen schönen stillen Waldparkplatz. Bis Pritzwalk sind es noch ca. 15 Kilometer, die muss ich eben nachher aufholen, jetzt will ich erst einmal nur noch Pause machen!
Dagi kommt kurze Zeit später.
Mittagspause – 13:30 Uhr – 14:30 Uhr – hier „verliere“ ich ein wenig Zeit, aber die Stunde brauche ich jetzt.
(252,60 km, 9:35:05 Std.)
Dagi profiliert sich innerhalb von Sekunden als beste Begleitfahrerin aller Zeiten, als sie den Regie-Klappstuhl auspackt und ich mich da hineinlegen kann. Genial…
Mit den Nudeln habe ich so meine Mühe, aber die Krönung ist die große Dose mit Erdbeeren, Melone und Banane. Das hilft! ! ! Und dazu ein Malzbier und ein Schluck Cola – Zuckerinfusion.
Als ich nach einer Stunde wieder auf dem Rad sitze, sieht die Welt schon viel besser aus.
Aufmeinen Wunsch haben wir die Pausenabstände nun auf ca. 40 Kilometer verkürzt. Das frisst zwar Zeit, aber ich hoffe, mich auf diese Art und Weise wieder etwas zu regenerieren.
Zumal auch der Wind stark und böig von der Kante weht. Besonders unangenehm ist das im Sog der Autos und Laster. Das permanente Gegensteuern und Balancieren fordert eine Menge Kräfte und auch der Kopf quittiert das Schlenkern und Rütteln mit einem leicht benommenen Gefühl.
Pritzwalk, die Durchfahrt ist zügig abgehakt, dann fahre ich weiter in Richtung Parchim. Dagi hatte mich inzwischen überholt. Ich bin überrascht, als wir in Putlitz kurz miteinander telefonieren, dass sie plötzlich hinter mir ist. Aber sie hat sich verfahren, musste an der Autobahn wenden, wurde freundlicherweise noch wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt und überholt mich nun zum zweiten Mal.
Die Ruhner Berge standen nun bereits auf der Höhenmeter-Rechnung, die überraschen nicht mehr so übel wie noch 2008, trotzdem ist es mühselig, auf 20 km/h ausgebremst dort hinauf zu schleichen. Die Abfahrt nach Suckow in die Talsenke hinab ist dann umso schöner und als dann Dagi an der Ecke steht, filmt und es gleich darauf lecker Kuchen im Bushäuschen gibt, scheint die Sonne gleich noch heller!
Suckow, hier rasteten wir auch 2008.
(16:05 Uhr – 16:25 Uhr, 290,29 km, 11:03 Std.)
Bis Parchim ist ebenfalls alles bekannt, es wird wieder richtig wellig, die „300“ sind kurz vor Parchim heute fällig. Bin fasziniert vom Blick über die weite dünnbesiedelte Landschaft im Norden. Auch Parchim lässt sich auf der Westumgehung gut durchqueren, Minuten später geht es nach Westen, am Flugplatz Schwerin-Parchim vorbei, straff gegen den Wind. Tramm, die nächste Rast. (18:31 Uhr – 18:45 Uhr, 328,45 km, 12:31 Std.)
Mehr als Obstsalat geht nicht, aber der bringt Punkte.
Im Westen zieht seit einiger Zeit eine düstere Wolkenwand auf. So wie es aussieht, werden wir diese wohl oder übel in Kürze mitnehmen müssen. Also ziehe ich besser Regenjacke und Regenüberschuhe jetzt schon über. Der Wind wie schon den gesamten Tag ordentlich böig, na ja – das Ausblenden beim Fahren funktioniert noch ganz gut.
Als nächsten Halt haben wir nun plangemäß Pingelshagen hinter Schwerin verabredet.
Mittlerweile habe ich mich auch darauf festgelegt, heute maximal bis Travemünde zu fahren. Dann ist das Meer erreicht, mehr muss nicht sein. Die restlichen 40 Kilometer im Dunkeln an der Küste entlang werde ich mir (uns) ersparen. Also auf… Weiter, weiter…
Die Spannung nimmt zu, es folgt demnächst die Durchfahrt durch Schwerin. Eigentlich hatte ich im Vorfeld einen Track durch die Stadt abgespeichert, aber schließlich vergessen, den auf „Armin“ zu laden. Na ja, dann muss es eben so gehen. Die Regenfront zieht nördlich vorbei, kurz vor Schwerin kann ich mich der Jacke wieder entledigen, das Treibhausklima da drin sorgte innerhalb von Minuten für ein nasses Trikot. Unangenehm! Alldieweil es jetzt auch kühler wird. Und eine Schüttelfrostattacke will ich nicht riskieren.
Schwerin ist erreicht. Plattenbausiedlungen im Osten der Stadt, das sieht hier nicht besonders schön aus, irgendwie fädele ich mich durch, erreiche das Südufer des Sees und dann geht es auf mehr oder weniger gutem Radweg zum Schloss. Wenigstens das wollte ich zum Beweis noch fotografieren.
Durch die Innenstadt gestaltet sich nun auch der weitere Weg wegen der Einbahnstraßen und Gassen ziemlich kompliziert und langwierig, so dass ich eine Menge Zeit einbüße. Zudem habe
ich festgestellt, dass der Vorderreifen ganz langsam Luft lässt. Nachpumpen hilft aber immer noch über die jeweils nächsten 40 bis 50 Kilometer.
Gegen 20 Uhr treffe ich nun zum nächsten Mal zur Pause auf einem Parkplatz hinter Schwerin in Pingelshagen ein. (20:00 Uhr – 20:15 Uhr, 361,98 km, 14:00 Std.) Da es gerade doch recht ordentlich geregnet hat, bin ich ziemlich nass und wechsle schleunigst in trockene und warme Klamotten, ehe es weiter geht. Ein Schälchen Heeeßen dazu… Nur keinen Schüttelfrost!
Bis Travemünde sind es nun noch geschätzte 50 Kilometer, wir werden nicht, wie geplant, 21 Uhr dort sein. Außerdem beschließen wir, nach 27 Kilometern in Grevesmühlen noch einmal kurz zu halten, ehe dann die letzte Etappe folgt.
Die Sonne verschwindet immer wieder hinter dichten Wolken, die aus Westen heran ziehen, das zaubert zwar herrliche Lichteffekte, aber es wird auch etwas dämmrig, so dass es angebracht ist, schon Licht ans Rad zu machen. Die Gewissheit, dass nach 50 Kilometern Schluss ist, verleitet mich nun auch dazu, obwohl die Gegend sehr wellig ist, nun mit voller (verbliebener) Kraft zu fahren. Grevesmühlen ist deshalb 21:15 Uhr erreicht, kurze Pause am Penny, noch ein Töpfchen Kaffee, der wärmt schön, Warnweste und Reflektoren angelegt, weiter!
Glücklicherweise ist auch die Bundesstraße nach Dassow, die lt. Aldi-Karte sehr stark befahren sein soll, um diese Abendzeit fast autofrei, so dass es bis Dassow wunderbar in den Sonnenuntergang hinein rollt. Der Wind hat sich ein wenig beruhigt, es ist ein guter Ausklang dieses Tages.
Dassow, dort der Abzweig nach Norden, nach Priwall. Ich kenne die Strecke, bin diese 2010, als wir in Gudow im Urlaub waren, schon einmal gefahren. Es ist nicht mehr weit. Gleich…
Das Reh im Feld, nur 10 Meter von mir entfernt, lässt sich überhaupt nicht irritieren, guckt nur mal kurz erstaunt herüber und frisst dann ungerührt weiter.
Priwall – kurz vor dem Meer (! ) die scharfe Linkskurve, hier muss früher die innerdeutsche Grenze gewesen sein, das Ortseingangsschild – Lübeck – Ortsteil Travemünde.
Dann sehe ich kurz darauf Dagi am Straßenrand, die noch nicht mit mir gerechnet hatte.
Also muss ich für den Zielfilm noch einmal 100 Meter zurück, damit die Szene nachgestellt werden kann 😉
Travemünde!!!
Das wars.
Bis zur Fähre rollen wir nun noch vor – vielleicht fährt sie ja in Kürze.
Und dann sehe ich im letzten Tageslicht das breite Wasser der Trave, dahinter die beleuchtete Silhouette des Städtchens und nun schießt plötzlich doch die Euphorie hoch.
Für diesen Moment, hier zu stehen, für die Fotos auf der Fähre, die uns Minuten später über den Fluss bringt, hat sich das Ganze gelohnt.
Der Start in der stillen Dunkelheit, der ewig lange Tag, das endlose Kurbeln, derWind…
Vorbei vorbei – wir sind hier am Meer – wieder einmal.
Und es ist einfach nur noch schön!
22:28 Uhr, 414,81 km, 16:06 Std.

Als wir auf dem Parkplatz alles im Auto verstauen, lässt die Anspannung wieder einmal schlagartig nach. Ich friere, muss dauergähnen und könnte sofort schlafen. Aber noch muss uns Dagi heil nach Grömitz bringen. Auch für sie war es anstrengend heute. Nun noch eine letzte Stunde Fahrt in der Dunkelheit, ehe wir 23:30 Uhr in der Pension angekommen sind.

Sachsen-Böhmen-Tour

Sachsen-Böhmen-Tour 2013

Freitag, 07.06.2013
Nach dem Vormittags-Einkauf drängt es mich doch unheimlich, endlich los zu fahren. Obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, mir heute viel Zeit zu lassen. Aber die Ungewissheit, wie die Straßen infolge des schlimmen Hochwassers der vergangenen Tage im Chemnitz- und Muldetal befahrbar sein würden, verursacht mir doch sehr viel Unruhe.
Das Rennrad ist umgebaut, d.h. die Paris-Zf-Laufräder mit den 28er-Reifen sind montiert, bepackt ist auch alles, es kann also schnell losgehen.
Kurze Verabschiedung und dann rollt es auch ganz gut los, durch die Dörfer – die Sonne scheint, blauweißer Himmel. Schön!
Doch kurz vor Threna spüre ich plötzlich unter mir ein wohlbekanntes weiches Holpern des Rades. Sch… So ein Mist aber auch. Ein Platter!
Nach 10 Kilometern…
Eigentlich wollte ich entspannt bis Auerswalde rollen und nun das! Da ich nur noch einen Ersatzschlauch habe und absolut gewiss bin, dass ich mit diesen Reifen hier kein Glück haben werde, rufe ich zu Hause an. Einige Minuten muss ich am Straßenrand warten, zum Glück ist das Malheur schon hier passiert, da verliere ich nicht zuviel Zeit.
Im Auto fahren wir nun zurück nach Hause, in aller Hektik packe ich alles aufs Merida T3 um, da habe ich gestern neue Reifen aufgezogen, die sind sehr widerstandsfähig. Also muss ich dieses Wochenende gezwungenermaßen mit dem Merida fahren. Einen Zweihunderter habe ich damit noch nie versucht, doch eine andere Möglichkeit habe ich nicht. Denn die Tour mit Original-Laufrädern am Rennrad möchte ich bei den zu erwartenden tschechischen Straßenbedingungen auch nicht unbedingt testen.
Gegen 13.15 Uhr der zweite Versuch. Ein wenig in Hitze bin ich nun schon. Aber auch auf dem Merida rollt es gewohnt gut – ich nehme nun die kürzeste Route. Naunhof, Großsteinberg, via Pomßen nach Otterwisch und weiter bis Bad Lausick.
Dann geht es sacht bergauf, ich schone mich möglichst, kurbele in recht kleinen Gängen bis Geithain und dann steigt die Spannung. Die Muldebrücke in Rochlitz soll laut Verkehrsmeldung noch gesperrt sein, von Wechselburg war nicht die Rede. Also fahre ich bis Mutzscheroda und dann hinab ins Muldetal. Tatsächlich, die Muldebrücke ist frei, aber ich will nun bis Göhren, unter dem Viadukt durch und dann über die Mulde hinauf nach Cossen. Die Mulde ist noch recht voll, schlammig braunt tost das Wasser, teilweise hat sie sich neue Wege gesucht, überall sehe ich neue Schuttfelder, die sie angespült hat. Ist schon beeindruckend, welche Kraft das Wasser hat. Da baut der Mensch jahrelang teure Schutzvorrichtungen und dann genügt ein heftiges Hochwasser, um das alles wie Spielzeug hinweg zu wischen.
Bis Cossen ging es tatsächlich gut zu fahren – auch die alte Muldebrücke war passierbar.
Nun werde ich das Chemnitztal testen – vielleicht geht da auch etwas, notfalls muss ich halt auf den Berg hoch und auf der Bundesstraße bis Auerswalde fahren. Aber trotz einem Umleitungsschild komme ich problemlos im Chemnitztal voran. Auch hier hat die Chemnitz ganze Arbeit geleistet, Uferböschungen sind weggespült, weggebrochen, die Straße scheint ok zu sein, nur bei Köthensdorf ist ein Stück für den Autoverkehr gesperrt und am Auerswalder Berg hat es den Asphalt ein Stück unterspült.
Aber mit dem Rad kommt man gut durch. Etwas erhitzt erreiche ich dann schon 15.30 Uhr Auerswalde. Es ist aber auch sehr schwül geworden, dunkel drohen Gewitterwolken im Süden.
Uwe fährt nun mit dem Rennrad vornweg, aber ich bin ein wenig geschafft, kann nicht so recht folgen, so dass er auf mich Rücksicht nehmen muss. Über den Lichtenauer Berg fahren wir nach Frankenberg hinab, auch hier ist die Zschopaubrücke wieder frei, vor wenigen Tagen noch war hier das ganze Tal überflutet. Und dann zeigt mir Uwe seine Lieblings-Arbeitsweg-Strecke bergauf nach Hausdorf, es wird steil, geht lange hinauf, das macht mir schon ganz schön zu schaffen, zumal es immer noch schwül ist. Und im Südwesten sehen wir ein heftiges Gewitter über Augustusburg – das sieht sehr eindrucksvoll aus. Auf kleinen Sträßchen rollen wir nun über die Höhen, die Strecke bietet schöne Ausblicke bis zum Rochlitzer und zum Collmberg sowie im Süden zum Erzgebirge. Schön, das lohnt sich. Schönerstadt, Frankenstein, Uwe kennt die ganzen Schleichwege – ehe wir schließlich in Freiberg einrollen.
Mir genügt es dann für heute, meine Sorge ist, dass ich mich vor der morgigen großen Tour nicht schon zu sehr verausgabt habe.
Rasch erreichen wir sein Büro, die Luftmatratzen sind schon aufgeblasen – topp. Duschen – saubere Radklamotten anziehen und dann geht es noch einmal zu Fuß in die Stadt. Die „Stadtwirtschaft“ ist ein tolles Restaurant, hat einen schönen Biergarten, in dem wir sitzen. Und dort gibt es nur böhmische Biere und Gerichte. Lecker!
Beim Schwätzen, dem Power-Schnitzel (!!!) und zwei drei Bierchen ist sogar auch eine entsprechende Regeneration möglich, ehe gegen 23 Uhr Nachtruhe im Büro ist. Der Büroschlaf ist am gesündesten 🙂
Strecke 120,93 km, 5:15 Std. Fahrtzeit netto, ca. 1100 Höhenmeter

Samstag, 08.06.2013
Gegen 6.15 Uhr sind wir fahrbereit, zunächst geht es aber erst einmal noch zum Bäcker in der Nähe auf zwei Stückchen Kuchen und einen schönen Kaffee. Wetter – sonnig, leicht bewölkt, es sind lokal schwere Gewitter angesagt, doch vielleicht haben wir Glück. Das Frühstück ist ein Genuss, danach holen wir Holger vom Bahnhof ab. Er ist mit einem der ersten Züge von Leipzig via Chemnitz nach Freiberg gekommen. Die Verbindung funktionierte glücklicherweise.
Kurz nach 7 Uhr verlassen wir also nun Freiberg südostwärts und rollen durch das ebenfalls wieder gut befahrbare Tal der Freiberger Mulde in Richtung Erzgebirge.
Während wir nun das lange Tal allmählich aufwärts kurbeln, bewölkt es sich im Süden zusehends, schon jetzt, in den Morgenstunden kann man große Quellwolken beobachten, die in die Höhe schießen. Auch hier hat das Hochwasser in den Uferbereichen Spuren hinterlassen und der Fluss ist noch mit viel Wasser gefüllt. Rechenberg-Bienenmühle, Holzhau, nach ca. 45 Kilometern verlassen wir nun die Straße, dann erreichen wir schon die böhmische Grenze und machen kurze Pause. Hier kamen wir 2006 auf unserer Freiberg-Mulde-(Sturz-)-Tour vorbei. Unmittelbar danach geht es steil aufwärts nach Moldava.
Auf weniger als 2 Kilometern müssen wir nun mehr als 200 Höhenmeter nachholen, die uns bis zum Erzgebirgskamm noch fehlen. Eigenartig finde ich wieder die nur grasbewachsenen Berghänge, die ein wenig ans Riesengebirge erinnern, Moldava, drüben die Baude, in der wir 2006 übernachteten, dann der letzte Stich und dann erreichen wir nach einer recht guten Zeit schon die Straße. Aber auch hier geht es noch aufwärts, ehe wir wieder abbiegen und auf dem Kamm, mit einigem Auf und Ab weiter fahren. Der Blick schweift über die Höhen bis zum Kahleberg drüben. Das ist übrigens nun ein Stück der Strecke, die Uwe und ich 2010 auf der Erzgebirgs-Kammtour zurück legten.
Das Auf und Ab wird im Anschluss noch ein wenig heftiger, einige Höhenmeter kommen auch hier oben zusammen. Bis auf maximal 870 m müssen wir aber zunächst noch hinauf.
Erst in Dlouha Louka kommen wir an die Südkante des Erzgebirgskammes, von der sich ein weiter Tiefblick hinüber ins Böhmische bietet.
Nun folgt eine Schußfahrt auf teils regennasser Straße in Serpentinen steil hinab bis kurz vor Osek.
Kurz vorher rechts ab, Loucna, Lom, und nun noch weiter hinab, bis wir nur noch ca. 200 Meter hoch sind.
Nach ca. 75 Kilometern gibt es nun die nächste Pause im Kohlegebiet.
Das erste Gebirge ist überwunden. Und die im Dunst noch weit entfernten Kegel des Böhmischen Mittelgebirges sind recht nahe gerückt. Gewaltig wirkt das – riesig, da wollen wir wirklich noch hin und hinüber?
Schnell rollen wir nun weiter, der Boren ist in Sicht, eindrucksvoll. Branany, schon sehen wir die große Straße Most – Teplice, herrlich ringsum nun auch das Land, Graslandschaften, Kegelberge, kleine Dörfer dazwischen.
Nachdem wir die Hauptstraße passiert haben, ist kurze Rast, dann folgt der nächste Anstieg. Es geht wieder lange hinauf. Ringsum grollen schon Gewitter, drohen schwarze Wolken, aber wir bleiben trocken, hier scheint noch die Sonne. Nicht schlecht… Einige Kilometer vor Milesov wird die kleine Straße dann sehr steil, der Schweiß läuft in Strömen, es geht nur langsam voran, bergauf, ehe wir den Sattel in 530 Metern Höhe erreichen.
Und auf der Schußfahrt bis Milesov öffnet sich plötzlich nach kurzer Waldpassage der Blick auf die Königin, die majestätische Milesovka.
Das ist ein Anblick, der muss per Foto festgehalten werden. Leider drängt die Zeit, wir haben erst knapp 90 Kilometer zurückgelegt, der Großteil der heutigen Tour liegt noch vor uns. Am Ostry entlang lauert das nächste Steilstück, die nächsten Höhenmeter, doch noch sind wir alle gut drauf.
Schöner Ausblick auf das Kegelberg-Panorama im Süden, bis zur Hazmburk, diese Strecke habe ich noch in traumatischer Erfahrung von meiner „Höllentour“ 2007, da ging es mir zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich elend. Auf den von mir zusätzlich geplanten Umweg zur Hazmburk verzichten wir aber nun vernünftigerweise in einheitlicher Meinung. Auch die große Straße, der wir nun in welligem Auf und Ab entlang bis Libceves folgen, fordert uns ein wenig. Nach 100 km ist deshalb erst einmal Rast an einer Tankstelle angesagt, sehr gut, solo wäre ich vermutlich weiter gefahren, so aber tun die Flasche Kofola und die paar Minuten Ruhe uns allen richtig gut. Ich bin immer noch arg fasziniert von der Landschaft, es ist einfach schön, wie sich diese weite Graslandschaft und die Vulkankegelberge hier präsentieren und sehr idyllisch ist auch der Anblick der kleinen Dörfer.
Auf der Weiterfahrt nach Südwesten, gen Louny, zeigen sich die Berge Mila, Oblik und Rana nun auch noch einmal in ihrer ganzen Schönheit, ehe wir westwärts allmählich die Region verlassen. Südlich das Egertal, nördlich im Dunst die Mauer des Erzgebirges. Und immer noch türmen sich ringsum die Gewitterwolken. Der Wind weht aus Nordost, unterstützt uns ganz gut, aber die Strecke bis Jirkov, Chomutov macht zunehmend zu schaffen.
Die Plattenbauten von Jirkov sind schon zu erkennen, im Nordosten sehen wir Most, im Osten verschwinden die Berge des Böhmischen Mittelgebirges. Drüben zeigt sich sogar der Boren. Es war eine ganz schöne Schleife, die wir da gefahren sind. Aber ich denke, es hat sich gelohnt.
Es wird mühselig, wir werden langsamer.
Chomutov, der Badesee rechts… Heute badet dort niemand. Und nun kommt uns der Billa-Supermarkt in Chomutov noch einmal für eine längere Rast wie gerufen. Zeitmäßig liegen wir gut, es ist 16 Uhr, topp! Danach die Auffahrt durchs schöne Besruzova-Tal. Auch hier läuft das Wasser die kleine Straße hinab, es muss kurz vorher wie aus Eimern geschüttet haben. Uwe hat sein Tempo gefunden, er kurbelt langsam und geduldig, Holger und ich sind etwas schneller, kurbeln aber auch sehr gleichmäßig wieder bergauf. Ab und zu halten wir, rasten kurz, dann geht es weiter. Auf diese Art erreichen wir schon gegen 17.30 Uhr recht entspannt die Hochfläche des Erzgebirgskammes und Hora Svate Sebestiana. Pause.
Amüsant ist der Tscheche aus Chomutov auf dem Mountain Bike, der mir erzählt, dass er regelmäßig hier hinauf fahre und ein Bierchen in der Kneipe trinke, ehe er dann wieder in die Stadt hinunter rolle.
Wir machen Pause auf einer Bank, wechseln in trockene Klamotten, essen etwas und dann geht es sehr schnell nach Reitzenhain hinüber.
Von Reitzenhain dann wieder Schußfahrt hinab nach Steinbach und im Preßnitztal hinunter nach Wolkenstein. Es ist 19 Uhr, ebenfalls eine gute Zeit, die 200 haben wir kurz vor dem Bahnhofsrestaurant geknackt.
Und an der Zschopau hinunter kann man, so gut rollt es jetzt, nochmal so richtig Gas geben.
Selbst der gefürchtete „Killerberg“ von Wilischthal über Amtsberg nach Einsiedel ist heute kein Problem. Bis Chemnitz ist der Rest nur noch Kür. Das Zwönitztal, die Straßen sind auch hier nass, Einsiedel, Erfenschlag, dann ein Stück durch Chemnitz, die gewohnten Schleichwege.

234,36 km, 10:51 Std. Netto-Fahrtzeit, 2750 Höhenmeter

Sonntag, 09.06.2013
Nach dem Geburtstags-Büffet entscheide ich spontan, mich auf dem Rad noch etwas auszutoben und nach Hause zu fahren.
Im Südosten zieht zwar finster ein Gewitter auf, doch das wird sich sicher im Erzgebirge abregnen.
Erst als ich schon im Chemnitztal unterwegs bin, begreife ich, dass dieses Gewitter eine hunderte Kilometer breite Front ist, die auch mich voll erwischt. Im Sturzregen, ich sehe nur noch Wasser, die Straße ist eine einzige Wasserfläche, ringsum blitzt und donnert es, schaffe ich es bis zu einem Unterstand an einem alten Pförtnerhäuschen einer stillgelegten Fabrik, wo ich das Schlimmste abwarte. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht in das Schälchen Milch oder in die alte Schüssel mit Katzenfutter trete.
Bis Göritzhain habe ich dann immer noch Regen, bin völlig durchnässt, es ist kalt. Erst an den Anstiegen nach Cossen und kurz darauf nach Mutzscheroda wird mir wieder warm.
Bei Geithain scheinen die Unwetter Schäden verursacht zu haben, überall ist Feuerwehr und Polizei zu sehen. Aber im Südwesten reißt es auf, vor Bad Lausick kommt auch die Sonne wieder heraus und in ihrem Licht und in der klaren Luft bekommt diese Tour auch noch etwas Versöhnliches.

Kurz nach 19 Uhr bin ich schließlich wieder zu Hause – der Sachsen-Böhmen-Kreis hat sich geschlossen.

81,90 km, 3:09:53 Std. Fahrtzeit netto, 400 Höhenmeter