Die Ostsee-Tour 2013

Wenn unsere Tochter nicht ihr Praktikum in Grömitz absolviert hätte und wir hätten sie nicht am 21.06.2013 abholen müssen und Dagi hätte nicht die Idee gehabt, dass ich doch an die Ostsee mit dem Rennrad…
Dann wäre diese Tour vermutlich nicht zustande gekommen.

Vorgeschichte
Nach dem Katzen-Crash im August 2012 hatte ich Touren über solche Distanzen eher nicht mehr in der Planung. Aber versuchen könnte man es ja trotzdem mal, denn die beiden 200er gingen ja recht gut. Und wenn nicht, dann würde ich eben abbrechen und ins Auto steigen.
Am 10.06.2013 passierte mir dann jedoch erneut ein größeres Missgeschick.
Wegen zwei Skatern, die mir die Vorfahrt nahmen, musste ich eine Vollbremsung machen, stieg mit Salto über den Lenker ab, fiel erneut auf die „kaputte“ Schulter und hatte die Freude, meinen D-Arzt am Tag darauf wieder zu sehen. Der schien nicht so begeistert über die Tatsache, dass die Schulter wieder beteiligt war, machte eine Röntgenaufnahme, aber – zum Glück war wirklich nichts gebrochen oder verschoben. Nur mit den langwierigen Folgen der Rippenprellung musste ich nun irgendwie leben. Sehr ärgerlich – nur zwei Wochen vor der großen Tour.
Mit dieser Ungewissheit baute sich nun also eine gewisse Spannung auf, denn die Prellung ließ in diesen Tagen nur Radfahren im Schongang zu. D.h. das Fahren ging recht gut, aber jede Unebenheit machte sich sehr unangenehm bemerkbar und Auf- oder Absteigen oder Anfahren waren auch jedes Mal recht schmerzhaft.
Noch wenige Tage vor dem 21.06. hatte ich das Gefühl, dass überhaupt keine Besserung eintrat. Aber schlimmstenfalls bliebe eben das Auto.
Weitere Unsicherheiten entstanden nun auch durch die katastrophale Flut in Mitteldeutschland.
Anfang Juni hatte es wieder einmal sehr ergiebig in Ost- und Südost-Deutschland geregnet. Dazu kamen die vom langen feuchten Winter noch gesättigten Böden, die das Wasser nicht mehr aufnehmen konnten.
Und nun transportierten Moldau, Mulde, Saale und Elster ungeheure Mengen Wasser in die Elbe. Das Ganze nahm dramatische Formen an. Das sächsische Elbtal, Döbeln, Grimma, der Raum um Bitterfeld wurden nach 2002 erneut schwer getroffen und sogar Leipzig befand sich tagelang im Katastrophenzustand. Nicht davon zu reden, dass auch bei uns die Parthe für ein Hochwasser sorgte, welches schlimmer als das von 2002 war und bei dem die Flut erst ca. 5 m vor unserem Haus stehen blieb.
Die Wassermassen wälzten sich elbabwärts durch Dessau, Magdeburg, Hitzacker, Dömitz. Dömitz – da wollte ich nach erster Routenplanung die Elbe überqueren, nun aber wurde alles überflutet, die Gegend weiträumig abgesperrt. Erst am 19.06. gab man dort die Straßen wieder frei, es war äußerst ungewiss, wie der Zustand in dieser Region nun war.
Also plante ich wenige Tage vor der Tour kurzfristig um. Auf Grund der Katastrophe um Fischbeck im nördlichen Sachsen-Anhalt, wo ein Elbdeich gebrochen und fast 200 km² flaches Land und etliche Dörfer überflutet wurden, Sandau abgeschnitten, Havelberg unerreichbar war, würde ich nun parallel zur Route von 2008 über Rathenow, Rhinow, Kyritz, nach Pritzwalk fahren.
Wenn es denn die Prellung zulassen würde.
Und das war nun selbst bis zum 21.06. nicht klar, wie lange ich es überhaupt im Sattel aushalten könnte.

Freitag, 21.06.2013
Wie immer vor Touren in dieser Dimension habe ich kaum oder nur sehr unruhig geschlafen. Die Unruhe und Anspannung ist recht groß, auch wenn ich bislang der Meinung war, das ganze Unternehmen würde mich recht wenig aufregen.
Aber nach dem heftigen Unwetter mit Blitz, Donner, Sturm und Starkregen gestern Abend, während dem innerhalb einer halben Stunde 45 Liter Wasser/m² fielen und innerhalb einer Stunde unser Flüsschen schon wieder Hochwasserwarnstufe 2 erreichte, ist es schon spannend, wie es jetzt draußen aussehen würde.
Also stehe ich dann 2 Uhr besser mal auf. Und was meint die Prellung dazu? Zunächst geht es noch etwas schwerfällig, aber ich kenne jetzt auch die Möglichkeiten, mich entsprechend zu bewegen, um den Eindruck zu haben, es sei (fast) wieder alles in Ordnung 🙂
Gepackt habe ich gestern Abend schon, ich brauche es nur noch am Rad zu verstauen. Auch Capuccino und etwas zum Frühstück ist vorbereitet, ich will keine Zeit verlieren.
Und so sitze ich gegen 2.50 Uhr im Sattel.
Die Euphorie, die ich noch 2008 beim ersten Ostsee-Versuch spürte, fehlt mir völlig. In meinem Hinterkopf geistert immer wieder der Gedanke, welch ein Unsinn es doch ist, um diese Zeit, in der alle schlafen, schon durch die Gegend zu gondeln.
Doch nun geht es los – Ostsee, ich komme.
Die Straßen sehen gut aus, abgesehen von ein paar Zweigen und Pfützen erinnert nichts an das Gewitter vor ein paar Stunden. Es ist noch stockfinster und seeeehr still. Nur Johnny Cash im Ohr sorgt für ein wenig Abwechslung.
Wie schon so oft fahre ich zunächst über Panitzsch, Taucha, von dort nach Mutschlena – die Baustellenschilder vor Pönitz ignoriere ich, es wird schon irgendwie gehen. Und tatsächlich, es ist in Pönitz nur eine Straßenspur gesperrt, so dass ich problemlos und ohne Umweg durchfahren kann. Von Mutschlena führt anschließend der kürzeste Weg nach Krostitz. Meine gewohnte ruhigere und schönere Route über Reibitz, Löbnitz, Pouch ist derzeit nicht möglich. Die Muldeflut hat die Straße bei Löbnitz zerstört, der Fluss hat den direkten Weg in den Seelhausener See genommen.
Also geht es nun von Krostitz weiter nach Delitzsch – allmählich wird es heller, einen etwas gespenstischen Anblick bieten die sich lautlos im Dämmerlicht drehenden Windräder.
Delitzsch, weiter auf der B1 84, Umleitung! Prima – dieses Mal gehe ich kein Risiko ein und folge den Schildern – was mir nun aber ein paar Zusatzkilometer über Beerendorf beschert.
In Bitterfeld etwas später ist es dann schon fast hell. Es ist ziemlich bewölkt, ist auch ganz gut so, dann ist es wenigstens nicht so kalt, ich fahre schon seit dem Start in kurzer Hose und Trikot, die Jacke habe ich im Auto gelassen. Die Jacke werde ich heute Abend sicher brauchen, da ist es gut, wenn die nicht gleich nass geschwitzt wird.
Kurz vor Wolfen verfahre ich mich nun auch noch – das heißt auf deutsch – ich habe danach vier weitere Zusatzkilometer auf dem Konto. Gegen 4:56 Uhr die erste Rast – an der Deponie der Grube Antonie. (52,07 km, 2:06:42 Std.)
Der Wind hat jetzt in den frühen Morgenstunden schon richtig aufgefrischt – aber wenn er weiterhin aus Südwest weht, ist das sehr günstig für mich.
Die Umgebung ist trist, tatsächlich hat man Bitterfeld nur an der Goitzsche entsprechend aufgehübscht, hier im Westen und Norden der Stadt wirkt immer noch alles sehr trostlos. Auch auf der Weiterfahrt durch Wolfen und Bobbau hat man nicht unbedingt den überragenden Naturgenuss.
Zum Glück gibt es an der jetzt sehr stark befahrenen Bundesstraße einen guten Radweg, den ich benutzen kann. So komme ich mit Windverstärkung zügig bis Dessau.
Prellung? Alles still – hoffentlich bleibt das so. Dessau – die Radwege in der Stadt sind in demselben erbärmlichen Zustand wie seit Jahren, da hat sich nichts gebessert. So bin ich froh, als ich gegen 6.20 Uhr die Mulde- und Elbebrücke erreiche und auch schnell Roßlau hinter mich bringen kann.
Obwohl die Flut hier schon zweineinhalb Wochen her ist, stehen noch viele Wiesen und Wege in Flussnähe unter Wasser, das verfaulende Gras in der Elbaue bei Roßlau stinkt heftig. Die armen Menschen, die hier leben müssen.
Nun aber geht es endlich hinauf in den Fläming.
Wieder Baustellenschilder, zwischen Mühlstedt und Thiessen sei die Straße gesperrt. Ich überlege nur kurz, aber die Entscheidung ist recht einfach – für große Umwege habe ich keine Zeit und ich will auch keine zusätzlichen Kräfte, die mir später eventuell fehlen könnten, vergeuden. Also weiter, es wird schon gehen.
Und dann die Baustelle – eine Eisenbahnbrücke. Links und rechts ist der Bahndamm mehrere Meter hoch und hat sehr steile, schlammige Hänge. Da gibt es kein Hinüberkommen. Die Straße ist aufgerissen, unter der Brücke sehe ich eine große Wasserfläche. Was tun? Da kommt man mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mit trockenen Füßen durch. Anhand der Bauzäune schätze ich das Wasser aber nicht sehr tief. Wenn ich also an der Brückenwand entlang balanciere, könnte es klappen. Mit Rad und Schuhen in der Hand stapfe ich Sekunden später durch den Schlamm, schlängele mich um die Absperrung und mache den ersten Schritt ins Wasser. Na ja, nicht mal knöcheltief. Der zweite Schritt – upps, das Wasser reicht bis zurWade, der dritte Schritt – autsch – da wurde doch gerade die kurze Radlerhose nass.
Langsam und vorsichtig bewege ich mich nun durch das oberschenkeltiefe Wasser hinüber zur anderen Seite. Na ja, die Abkühlung ist wirklich nicht von schlechten Eltern.
Drüben dauert es dann ein Weilchen, ehe der Schlamm von den Füßen abgerieben ist und auch Kette und Schaltung sehen nach dieser Aktion nicht mehr unbedingt gepflegt aus. Aber Wasser gibt es hier genug, da kann noch einmal rasch nachgespült werden.
Nach diesem ersten Abenteuer schwinge ich mich nun wieder auf den Sattel – weiter gehts.
Doch die Straße durch den Wald bietet sofort ein neues Abenteuer. Es ist kaum ein richtiges Fahren möglich, der ganze Asphalt ist mit Akazienzweigen (hatten die nicht Dornen?! – aber ich denke, das waren eher die Robinien), ganzen Ästen, schließlich sogar umgestürzten Bäumen bedeckt. Welch einen Schaden hat das Unwetter hier angerichtet!
Erst einige Kilometer weiter bei Thiessen bessert sich der Straßenzustand wieder. Und hier ist auch wieder Autoverkehr. Hundeluft, Stackelitz – jetzt rollt es auch wieder sehr gut und zunehmend entspannt. Da auf dem Fahrradcomputer inzwischen 100 Kilometer stehen, gibt es in Stackelitz schließlich die zweite Pause. (07:10 Uhr, 102,17 km, 4:02:05 Std.)
Der Wind ist nun sehr kräftig, aus Südwesten drohen dunkle Wolken, hier scheint jedoch noch die Sonne. Wenn ich also den bisherigen Schnitt halten kann, könnte es gelingen, dem zu erwartenden Regen noch einige Zeit zu entkommen. Also genehmige ich mir nur 5 Minuten Pause, dann geht es weiter.
Wiesenburg, der höchste Punkt im Fläming ist erreicht, knapp 170 Meter hoch befindet man sich hier. Nun folgt die lange Abfahrt nach Ziesar. Alles bekannt, die Strecke habe ich mehrfach befahren, zum Glück hält sich der Auto- und Lastverkehr in Grenzen. Im Wald hinter Wiesenburg halte ich dann noch einmal kurz an – es ist kurz nach 8 Uhr, ich rufe Dagi an, die nun auch aufgestanden ist. Ein wenig euphorisch – ja, im Augenblick ist alles bestens (! ) teile ich ihr mit, dass sie sich Zeit lassen kann. Ich will die Mittagspause nicht wie geplant bei Rhinow (ca. km 200) machen sondern wir treffen uns erst zwei Stunden später kurz vor Pritzwalk weil es so gut rollt. Sie hat da ihre leichten Zweifel – nicht dass ich überziehe (! ) – aber sie akzeptiert meine Meinung – schließlich bin ich der Radfahrer und müsste es eigentlich am Besten wissen.
Also geplanter Treff gegen halb zwei bei Pritzwalk. Finde ich auch angenehmer, dann schon mehr als die Hälfte der Strecke absolviert zu haben.
Nun Fahrt nach Norden, nach Ziesar. Die Wind weht nun etwas unangenehm von der Kante, statt einfach zu rollen, muss ich kurbeln. Und dazu gesellen sich noch ein paar Regentropfen, nicht viel, zu Hause hat es da etwas stärker geregnet.
Ziesar, Rogäsen, Wusterwitz. Die nächste, sehr kurze Pause. (09:07 Uhr, 153,09 km, 05:49:50 Std.)
So richtig möchte ich es nicht wahrhaben, aber ich spüre die Beine schon. Hmmm… Wenn das hier schon losgeht, was soll das heute noch werden? Der Appetit hat auch spürbar nachgelassen, aber ich muss unbedingt essen!
Die Sonne scheint wieder, der Wind na ja, den kann man, wie schon des Öfteren praktiziert, auch ein wenig ausblenden. Auf der B1 geht es einige Minuten später, nachdem der Elbe-Havel-Kanal überquert wurde, straff gegen den Wind nach Westen. Es sind nur zwei Kilometer, aber das Tempo bricht ziemlich ein. Wenn ich nicht überziehen will, ist es jetzt höchste Zeit, dem Wind nachzugeben, mich an die Bedingungen anzupassen. Aber das fällt schwer, wenn ich den Klasse-Schnitt betrachte.
Aus irgendeinem Grund, vermutlich, weil ich das 2008 genauso falsch gemacht habe, nehme ich auch heute wieder die Auto-Schnellstraße nach Milow. Das führt prompt dazu, dass mich auf der autobahnähnlichen Ausfahrt ein etwas betagterer Verkehrsteilnehmer (wahrscheinlich mit Hut), dem ein paar PS mehr zur Verfügung stehen, laut und böse anhupt. Ich grüße den zwar freundlich, doch das wollte er jetzt sicher nicht von mir sehen. Doch die Schnellstraße endet schon nach zwei weiteren Kilometern. Auch Radwege gibt es hier – schön, das Vorankommen wird nun wieder wesentlich entspannter.
Der Himmel hier in Brandenburg mittlerweile blauweiß. Ja, ganz ehrlich, das gibt es nicht nur in Bayern. Kurz vor Premnitz überquere ich die Havel, ein gespannter Blick, nein, das Hochwasser ist bis hierher nicht vorgedrungen. Von Premnitz ist auf ebenfalls hervorragendem Radweg sehr schnell Rathenow erreicht. Der ist aber auch von wirklich lebenserhaltender Wirkung, der Autoverkehr auf der Bundesstraße ist heftig – für Radler sehr ungesund.
Zu Rathenow selbst würde ich mich einer Meinung enthalten. Ein größerer Ort mit zu starkem Durchgangsverkehr. Von den eventuell hier verborgenen Schönheiten bekomme ich direkt an der Haupstraße nix mit. Im Gedächtnis zu Rathenow bleibt mir lediglich der ältere Herr, der an der Ampel hinter mir steht und mich darauf hinweist, dass es nicht mehr grüner würde. Obwohl die Fußgängerampel noch Rot hat. Ich grüße ihn, indem ich ihm die Zähne und den (erhobenen Zeige-) Finger zeige. Ach – und von Rathenow bleibt mir übrigens auch noch die Erinnerung an den nachlassenden Stress, als ich endlich auf ruhiger Straße in Richtung Rhinow weiter fahren kann.
Jetzt ist wieder alles im grünen Bereich.
Die Landschaft ist sehr idyllisch, Wiesen, Getreidefelder, kleine Baumgruppen, Wälder, Hügel… Je weiter man nach Norden kommt, um so klarer scheint die Luft, um so kräftiger Licht und Farben zu werden. Weit ist das Land der Apachen…
Das Rhinower Ländchen verschafft mir noch ein paar Höhenmeter, erst nach Rhinow wird es wieder tellerflach.
Dafür kommt mir eine Kolonne vom THW entgegen. THW? Hochwasser? Hier, ca. 30 Kilometer von der Elbe entfernt?
Ich erinnere mich an eine Satellitenaufnahme, auf der zu sehen war, dass durch den Deichbruch bei Fischbeck, was ja nun eigentlich ziemlich weit weg ist, die Gegend bis hierher geflutet wurde. Na ich werde es sehen. Noch sind keine Sperr- oder Umleitungsschilder zu entdecken.
In Altgarz ist wieder Pause – hier wollte ich Mittag machen. Und irgendwie geht es mir nicht so richtig toll. Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass der Wind mich schob, dann habe ich mich vermutlich stark getäuscht und den Fehler gemacht, auf weniger günstigen Abschnitten das Tempo durchzuhalten. Nun liegt der Schnitt zwar ein ganzes Stück über 26 km/h, aber das nützt an sich nicht viel, denn ich bekomme nur einen Haferflocken-Ekel-Riegel hinter, mein Magen verweigert das halbe Steineckchen mit Salami. Und meine Vorfreude auf die Nudeln nachher ist auch stark eingeschränkt. (11:25 Uhr – 11:35 Uhr, 210,9 km, 7:54:19 Std.)
Vorsicht, wenn es heute nicht ein großes Fiasko geben soll.
Nach der Pause nehme ich ab Groß Derschau die ruhige kleinere Landstraße nach Kyritz. Das liegt nur noch 23 Kilometer entfernt, dann sind es auch bis Pritzwalk nur noch ca. 30 Kilometer. Das klingt doch schon wirklich gut.
Die Straße westwärts ist schön, eine richtig sehenswerte Allee mit alten Bäumen. Der Wind weht zwar frontal von vorn, aber man kann ja nicht alles haben 😉
Und dann glitzert es schon zwischen den Bäumen – hier im Land zwischen Dosse und Rhin erstreckt sich nach Westen zu eine gewaltige geschlossene Wasserfläche. Es ist schon entsetzlich, dass hier, weitab von der Elbe, wo man gar nicht mehr damit rechnen würde, das Hochwasser solche Spuren hinterlässt. Nicht auszudenken, was sich da in den noch weiter westlich gelegenen Dörfern abspielt!
Zernitz, dann ist bald Kyritz erreicht.
Kyritz hat einen netten kleinen liebevoll restaurierten Altstadtkern – weniger schön für mich, auch wenn das zum Stil passt, das Kopfsteinpflaster.
Aber keine Zeit, keine Zeit – die Mittagspause ruft. Auf der B1 03 verlasse ich rasch Kyritz, mit unangenehmem Kantenwind kurbele ich nun nach Nordwesten gen Pritzwalk. Zwischenzeitlich telefoniere ich noch einmal mit Dagi – Klasse, sie ist in Kyritz, hat Nudeln und geröstete Ente beim Chinesen gekauft und wird mich gleich überholen. Na das klappt doch!
Einige Kilometer später entdecke ich einen schönen stillen Waldparkplatz. Bis Pritzwalk sind es noch ca. 15 Kilometer, die muss ich eben nachher aufholen, jetzt will ich erst einmal nur noch Pause machen!
Dagi kommt kurze Zeit später.
Mittagspause – 13:30 Uhr – 14:30 Uhr – hier „verliere“ ich ein wenig Zeit, aber die Stunde brauche ich jetzt.
(252,60 km, 9:35:05 Std.)
Dagi profiliert sich innerhalb von Sekunden als beste Begleitfahrerin aller Zeiten, als sie den Regie-Klappstuhl auspackt und ich mich da hineinlegen kann. Genial…
Mit den Nudeln habe ich so meine Mühe, aber die Krönung ist die große Dose mit Erdbeeren, Melone und Banane. Das hilft! ! ! Und dazu ein Malzbier und ein Schluck Cola – Zuckerinfusion.
Als ich nach einer Stunde wieder auf dem Rad sitze, sieht die Welt schon viel besser aus.
Aufmeinen Wunsch haben wir die Pausenabstände nun auf ca. 40 Kilometer verkürzt. Das frisst zwar Zeit, aber ich hoffe, mich auf diese Art und Weise wieder etwas zu regenerieren.
Zumal auch der Wind stark und böig von der Kante weht. Besonders unangenehm ist das im Sog der Autos und Laster. Das permanente Gegensteuern und Balancieren fordert eine Menge Kräfte und auch der Kopf quittiert das Schlenkern und Rütteln mit einem leicht benommenen Gefühl.
Pritzwalk, die Durchfahrt ist zügig abgehakt, dann fahre ich weiter in Richtung Parchim. Dagi hatte mich inzwischen überholt. Ich bin überrascht, als wir in Putlitz kurz miteinander telefonieren, dass sie plötzlich hinter mir ist. Aber sie hat sich verfahren, musste an der Autobahn wenden, wurde freundlicherweise noch wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt und überholt mich nun zum zweiten Mal.
Die Ruhner Berge standen nun bereits auf der Höhenmeter-Rechnung, die überraschen nicht mehr so übel wie noch 2008, trotzdem ist es mühselig, auf 20 km/h ausgebremst dort hinauf zu schleichen. Die Abfahrt nach Suckow in die Talsenke hinab ist dann umso schöner und als dann Dagi an der Ecke steht, filmt und es gleich darauf lecker Kuchen im Bushäuschen gibt, scheint die Sonne gleich noch heller!
Suckow, hier rasteten wir auch 2008.
(16:05 Uhr – 16:25 Uhr, 290,29 km, 11:03 Std.)
Bis Parchim ist ebenfalls alles bekannt, es wird wieder richtig wellig, die „300“ sind kurz vor Parchim heute fällig. Bin fasziniert vom Blick über die weite dünnbesiedelte Landschaft im Norden. Auch Parchim lässt sich auf der Westumgehung gut durchqueren, Minuten später geht es nach Westen, am Flugplatz Schwerin-Parchim vorbei, straff gegen den Wind. Tramm, die nächste Rast. (18:31 Uhr – 18:45 Uhr, 328,45 km, 12:31 Std.)
Mehr als Obstsalat geht nicht, aber der bringt Punkte.
Im Westen zieht seit einiger Zeit eine düstere Wolkenwand auf. So wie es aussieht, werden wir diese wohl oder übel in Kürze mitnehmen müssen. Also ziehe ich besser Regenjacke und Regenüberschuhe jetzt schon über. Der Wind wie schon den gesamten Tag ordentlich böig, na ja – das Ausblenden beim Fahren funktioniert noch ganz gut.
Als nächsten Halt haben wir nun plangemäß Pingelshagen hinter Schwerin verabredet.
Mittlerweile habe ich mich auch darauf festgelegt, heute maximal bis Travemünde zu fahren. Dann ist das Meer erreicht, mehr muss nicht sein. Die restlichen 40 Kilometer im Dunkeln an der Küste entlang werde ich mir (uns) ersparen. Also auf… Weiter, weiter…
Die Spannung nimmt zu, es folgt demnächst die Durchfahrt durch Schwerin. Eigentlich hatte ich im Vorfeld einen Track durch die Stadt abgespeichert, aber schließlich vergessen, den auf „Armin“ zu laden. Na ja, dann muss es eben so gehen. Die Regenfront zieht nördlich vorbei, kurz vor Schwerin kann ich mich der Jacke wieder entledigen, das Treibhausklima da drin sorgte innerhalb von Minuten für ein nasses Trikot. Unangenehm! Alldieweil es jetzt auch kühler wird. Und eine Schüttelfrostattacke will ich nicht riskieren.
Schwerin ist erreicht. Plattenbausiedlungen im Osten der Stadt, das sieht hier nicht besonders schön aus, irgendwie fädele ich mich durch, erreiche das Südufer des Sees und dann geht es auf mehr oder weniger gutem Radweg zum Schloss. Wenigstens das wollte ich zum Beweis noch fotografieren.
Durch die Innenstadt gestaltet sich nun auch der weitere Weg wegen der Einbahnstraßen und Gassen ziemlich kompliziert und langwierig, so dass ich eine Menge Zeit einbüße. Zudem habe
ich festgestellt, dass der Vorderreifen ganz langsam Luft lässt. Nachpumpen hilft aber immer noch über die jeweils nächsten 40 bis 50 Kilometer.
Gegen 20 Uhr treffe ich nun zum nächsten Mal zur Pause auf einem Parkplatz hinter Schwerin in Pingelshagen ein. (20:00 Uhr – 20:15 Uhr, 361,98 km, 14:00 Std.) Da es gerade doch recht ordentlich geregnet hat, bin ich ziemlich nass und wechsle schleunigst in trockene und warme Klamotten, ehe es weiter geht. Ein Schälchen Heeeßen dazu… Nur keinen Schüttelfrost!
Bis Travemünde sind es nun noch geschätzte 50 Kilometer, wir werden nicht, wie geplant, 21 Uhr dort sein. Außerdem beschließen wir, nach 27 Kilometern in Grevesmühlen noch einmal kurz zu halten, ehe dann die letzte Etappe folgt.
Die Sonne verschwindet immer wieder hinter dichten Wolken, die aus Westen heran ziehen, das zaubert zwar herrliche Lichteffekte, aber es wird auch etwas dämmrig, so dass es angebracht ist, schon Licht ans Rad zu machen. Die Gewissheit, dass nach 50 Kilometern Schluss ist, verleitet mich nun auch dazu, obwohl die Gegend sehr wellig ist, nun mit voller (verbliebener) Kraft zu fahren. Grevesmühlen ist deshalb 21:15 Uhr erreicht, kurze Pause am Penny, noch ein Töpfchen Kaffee, der wärmt schön, Warnweste und Reflektoren angelegt, weiter!
Glücklicherweise ist auch die Bundesstraße nach Dassow, die lt. Aldi-Karte sehr stark befahren sein soll, um diese Abendzeit fast autofrei, so dass es bis Dassow wunderbar in den Sonnenuntergang hinein rollt. Der Wind hat sich ein wenig beruhigt, es ist ein guter Ausklang dieses Tages.
Dassow, dort der Abzweig nach Norden, nach Priwall. Ich kenne die Strecke, bin diese 2010, als wir in Gudow im Urlaub waren, schon einmal gefahren. Es ist nicht mehr weit. Gleich…
Das Reh im Feld, nur 10 Meter von mir entfernt, lässt sich überhaupt nicht irritieren, guckt nur mal kurz erstaunt herüber und frisst dann ungerührt weiter.
Priwall – kurz vor dem Meer (! ) die scharfe Linkskurve, hier muss früher die innerdeutsche Grenze gewesen sein, das Ortseingangsschild – Lübeck – Ortsteil Travemünde.
Dann sehe ich kurz darauf Dagi am Straßenrand, die noch nicht mit mir gerechnet hatte.
Also muss ich für den Zielfilm noch einmal 100 Meter zurück, damit die Szene nachgestellt werden kann 😉
Travemünde!!!
Das wars.
Bis zur Fähre rollen wir nun noch vor – vielleicht fährt sie ja in Kürze.
Und dann sehe ich im letzten Tageslicht das breite Wasser der Trave, dahinter die beleuchtete Silhouette des Städtchens und nun schießt plötzlich doch die Euphorie hoch.
Für diesen Moment, hier zu stehen, für die Fotos auf der Fähre, die uns Minuten später über den Fluss bringt, hat sich das Ganze gelohnt.
Der Start in der stillen Dunkelheit, der ewig lange Tag, das endlose Kurbeln, derWind…
Vorbei vorbei – wir sind hier am Meer – wieder einmal.
Und es ist einfach nur noch schön!
22:28 Uhr, 414,81 km, 16:06 Std.

Als wir auf dem Parkplatz alles im Auto verstauen, lässt die Anspannung wieder einmal schlagartig nach. Ich friere, muss dauergähnen und könnte sofort schlafen. Aber noch muss uns Dagi heil nach Grömitz bringen. Auch für sie war es anstrengend heute. Nun noch eine letzte Stunde Fahrt in der Dunkelheit, ehe wir 23:30 Uhr in der Pension angekommen sind.

Die Ostsee-Tour 2008

Zweenfurth – Warnemünde oder
Treffpunkt am Teepott
 
Vielen Dank an meine Familie und Mike, ohne die diese Tour nicht möglich gewesen wäre.
Der Höhepunkt 2008 ist Geschichte. Am 14.06.2008 bin ich sie nun endlich gefahren, meine Tour der Touren, die Tour von Zweenfurth nach Warnemünde.
 Lange Zeit, ein halbes Jahr, habe ich mich darauf vorbereitet und alle bisherigen Radtouren 2008 bin ich im Prinzip nur in Vorbereitung dieses einen Zieles gefahren.
Das begann mit der Steilen Wand von Meerane, führte über den ersten echten Langstreckentest bei der Fläming-Runde über den Spreewald-Marathon und schließlich der Weimar-Holzland-Runde bis zu dieser großen Tour.
Nicht genannt sind die ganzen kleineren Strecken innerhalb der Woche und die übrigen Hunderter, die ich als Trainingsfahrten absolvierte. Vorbei, gelöst ist die Anspannung, die Konzentration nur auf diesen einen Tag, vorbei ist das Kreisen meiner Gedanken nur um diesen einen Punkt.
Die Fragen, ob ich nach den 200ern und 300ern auch noch in der Lage bin, einen 400er zu fahren, wie ich diesen psychischen Kampf auch auf den letzten 100 Kilometern überstehen würde, sind beantwortet. Vorbei sind die ungezählten Blicke auf die Prognosen von wetteronline.de, die Sorge, wie sich der Wind in welcher Stärke aus welcher Himmelsrichtung entwickeln würde. Die erwartete Euphorie ist nun aber auch noch nicht in so einem ausgeprägten Maße eingetreten, sondern im Augenblick hat die Spannung einem ruhigen zufriedenen Gefühl Platz gemacht.
 
Notwendige Vorbetrachtung (für alle, denen das Verständnis für solchen Unfug fehlt)
Als ich vor zwei Jahren mit dem Rennradfahren begann, tat ich das zunächst nur als notwendige Trainingsergänzung für meine Radreisen, die ich zu unternehmen gedachte. Erst mit der Tour quer durch Sachsen nach Görlitz im April 2006, dem zweiten 200er in meinem Leben, änderte sich diese Einstellung. Dazu kam der Stachel, den mir den Rennradler aus Fuchshain mit seiner beiläufigen Bemerkung hinterließ, er sei früher auch mal von Leipzig nach Rostock gefahren.
Leipzig-Rostock an einem Stück, meine Hochachtung. Respekt…
Doch das war nichts für mich, das lag für mich völlig außerhalb der eigenen Fähigkeiten und Vorstellungskraft. 
In dem Maße, wie sich aber meine persönliche Grenze beim Langstreckenfahren in den letzten beiden Jahren nach oben verschob, so wuchs auch das Interesse an noch längeren Touren. 
RTFs im Bereich von 100 bis 150 Kilometer, organisiert, im Pulk von vielleicht 100 Fahrern, Rad an Rad, waren mir zu schnell und zu gefährlich. Holgers Sturz mit Schlüsselbeinbruch im letzten Jahr ist mir da noch sehr lebhaft in Erinnerung. Als die bessere Alternative erschienen mir zunehmend wesentlich längere, aber dafür ausschließlich selbst vom eigenen Leistungsvermögen und Geschmack bestimmte Touren. 
Herrlich war vor allem die Auersberg-Keilberg-Tour, die „Königstour 2006“, im August 2006 mit 250 Kilometern, bei der ich zum ersten Mal das besondere Gefühl bei bzw. nach einer ganz langen Tour spürte. Allerdings waren die Nachwirkungen am jenem Abend dann nicht ganz so toll. Außer Gurkensalat und Bier 😉 ging da nichts mehr.
So stieß ich schließlich im Winter 2006/2007 auf die Randonneure, eine Szene von ganz harten Fahrern, die offensichtlich nicht tempobestimmt fuhren, sondern deren Ziel im Absolvieren langer und noch längerer Strecken liegt, und bei denen ausschließlich das Ankommen innerhalb eines größeren Zeitrahmens zählt, man also Tempo und Fahrweise vollkommen selbst bestimmen konnte. Das gefiel mir ausnehmend gut, nach dem Mailkontakt mit Olaf Hilgers aus Altenbach tendierte ich sogar sehr stark in diese Richtung, bis… Ja, bis mich dann doch etwas daran störte.
Und das war wieder einmal die Tatsache, dass diese Fahrten von Anderen geplant und organisiert verliefen. Olaf plante, es gab ein festes Programm von Brevets mit einem sehr großen Ziel, 2007 zum Beispiel Paris-Brest-Paris. Die Leute dort fuhren ebenfalls auf diesen Distanzen eindrucksvoll schnell, zu schnell für mich. Und die Erfahrung beim Spreewaldmarathon gab mir dann schließlich Recht, es handelte sich tatsächlich um Spezialisten, die von ganz anderer Statur und Konstitution als ich zu sein schienen. Das war mir dann doch zu hart, so kompromisslos könnte und würde ich nicht fahren wollen! Das würde mein Familienleben auch gar nicht zulassen, denn das müsste dann voll und ganz ausschließlich nach meinem Hobby ausgerichtet sein.
Ohnehin denke ich, dass ich den familiären Spielraum schon genügend ausreize und nicht noch weiter strapazieren kann. Das hieße, die Toleranz meiner Frau und der Kinder unnötig und egoistisch auszunutzen. Und das möchte ich nicht.
Nach der Höllentour 2007 im Juni hatte sich für mich auch das Thema Langstrecke im Gebirge zunächst auf Wochen hinaus erledigt. Selbst nur vom Radfahren an sich hatte ich die Nase gestrichen voll. Bei dieser Tour in einer schwülen Gluthitze von dreißig Grad und drei Gebirgsüberquerungen, zweimal über das Erzgebirge und einmal übers Böhmische Mittelgebirge, war ich an meine persönliche Grenze gekommen und hatte diese möglicherweise schon überschritten. Das konnte nicht gesund sein! Ich musste, wenn ich das weiter betreiben wollte, anders an die Sache herangehen.
Zunächst sollte man vor solchen Touren eine entsprechende Strategie in Bezug auf Vorbereitung, Ernährung, Trinken, Logistik erstellen.
Das hatte ich bei den zurück liegenden Touren einfach nicht getan. So ging es mir also nach „Quer durch Sachsen 2006“, der „Königstour 2006“ und der „Höllentour 2007“ nicht wirklich gut, ich fühlte mich völlig kaputt und zerschlagen. Hauptursache waren die nur intuitiv und erst auf der Tour situationsbedingt gesetzten Pausen. D.h., ich machte erst Pausen, wenn der Körper sich energisch meldete und der Leistungsabfall schon zu groß war, statt vorausschauend und vorbeugend zu rasten. Auch die Ernährung stimmte nicht, ich aß zu wenig, bekam einen Hungerast, trank zu wenig, der Kreislauf spielte verrückt, alles Erscheinungen, die mir den Spaß und letztendlich auf längere Zeit hinaus die Lust auf weitere große Touren verdarben.
Zwinki, ein radverrückter Mensch aus dem Raum Dresden, lieferte dann auf seiner Internetseite letztendlich die wertvollsten Hinweise zur Vorgehensweise bei der Planung und Durchführung von großen Touren. Und diese Hinweise musste ich im Prinzip nur beherzigen und an mir austesten.
Der Stachel Leipzig-Rostock saß tief. Irgendwann würde ich das vielleicht einmal fahren wollen.
Ich konnte mich erinnern, dass auch der Rennradbegeisterte Freund unseres Nachbarn diese Tour schon einmal versucht, aber nicht bestanden hatte. Und dann gab es auch Internet-Seiten zur jährlich stattfindenden „Tour de Ostsee“, einem organisierten Radmarathon, geführt von Martin Götze, mit einer begrenzten Teilnehmerzahl von ca. 90 Leuten. Doch das wäre wieder ein Kreis von Spezialisten, denen ich mich nicht gewachsen fühlte. Die Informationen allerdings allein genügten, um mich mit dem Gedanken an solch eine Distanz näher zu beschäftigen.
In diesem Jahr hatte ich, nach der Tour de Suisse 2006 und der Tour de Böhmen 2007 keine Mehrtagestour geplant. Ein Ziel musste aber her, um mich für ein regelmäßiges Training zu motivieren, der Anreiz, nur zu fahren, um fit zu bleiben, ist da nicht ausreichend. Also grub ich Ende 2007 das Vorhaben „Zweenfurth – Rostock“ wieder einmal aus. Aber wie vorbereiten?
Das Studium an der VWA war abgeschlossen und lag weit zurück, so konnte ich nun schon ein wenig mehr Zeit ins Radfahren investieren. Unser Familienleben ließ jedoch ein konsequentes regelmäßiges Training in festgelegten Intervallen einfach nicht zu.
Also wurde der etwas diffuse Plan gefasst, wenigstens erst einmal ab dem Frühjahr monatlich einen Marathon zu absolvieren, die Distanzen zu steigern, und in Vorbereitung dieser Marathons gezielt Trainingstouren zu fahren. Sollte ich die Ostsee-Tour 2008 tatsächlich fahren, dann würde das sein, wenn die Tage am längsten sind, also im Juni! Entscheidende Voraussetzung natürlich, ich würde auch jemanden finden, der zu solch einem Unfug bereit wäre und mich mit dem Auto begleiten könnte. Der Beginn dieser Vorbereitungsphase mit der 135-km-Tour im Februar über die legendäre Steile Wand von Meerane (einmal muss man als Radfahrer auch da hoch geradelt sein!) gab Grund zum Optimismus. Meine Fitness schien schon im Februar wesentlich besser als in den vergangenen Jahren zu sein. Der als nächstes Teilziel geplante Karfreitagsmarathon fiel dann aber leider dem Wetter, dem verspäteten Wintereinbruch, zum Opfer, es gab demzufolge Einiges aufzuholen. Der folgende Marathon war für April vorgesehen, dazu kam mir plötzlich, unvorhergesehen, die Idee, zusätzlich am Spreewaldmarathon teilzunehmen und das als weiteren Fitnesstest zu nutzen. Zumal die Aussicht auf Original Spreewälder Gurken sehr verlockend war.
Die Zeit wurde knapp. „Fläming-Heide-Runde“, 11.04.2008, mein erster Dreihunderter. Diese Tour war für mich tatsächlich die erste sehr lange Tour, bei der ich diszipliniert ein Pausen- und Ernährungsregime einhielt – Pausen aller zwei Stunden und kohlenhydratreiches Essen und Trinken. Und das wurde zum vollen Erfolg, wovon ich selbst sehr überrascht war, hatte ich doch mit ganz anderen Nachwirkungen gerechnet! Zum ersten Mal hatte ich nach den Pausen keine schweren schmerzenden Beine. Im Gegenteil, ich fühlte mich tatsächlich bis zum Ende erstaunlich frisch und hatte ständig das Gefühl, noch lange nicht am Ende meiner Kräfte zu sein.
Nur ein völlig neuer Effekt trat auf. Nach ca. 280 Kilometern setzte eine psychische Phase ein, in der ich auf Grund der Eintönigkeit des endlosen Kurbelns einfach mangels Lust und Laune hätte aufhören und das Rad in die Ecke stellen können. Diese Phase erwartete ich dann auf der Weimar-Holzland-Runde schon ganz gezielt und als die schließlich eintrat, konnte ich diese Momente locker weglächeln.
Der Spreewaldmarathon brachte wiederum Euphorie pur, die Stimmung war nicht zu übertreffen, es war eine wunderschöne Fahrt mit allem Drumherum, zumal es innerhalb von einer Woche der zweite Ausdauertest für mich war.
Die folgenden Touren „Mulde-Zschopau-Adelsberg“ (130 km) mit etlichen heftigen Anstiegen (bis zu 14%) und schließlich die 314-km-„Weimar-Holzland-Runde“ ebenfalls mit einigen knackigen Bergen sollten durch zahlreiche Höhenmeter noch einen zusätzlichen Schub in Bezug auf Psyche, Ausdauer und Kraft bringen. Würde ich den Holzland-Marathon mit 300 km und 2100 Höhenmetern inkl. der Anstiege gut bewältigen, dann wäre die Generalprobe für „Zweenfurth – Rostock“ bestanden.
Und es rollte! Die Generalprobe verlief erfolgreich, was konnte nun noch geschehen?! Zudem waren auf der Ostsee-Route keine großen Anstiege und Berge einzuplanen. 
„Zweenfurth – Rostock“, die Ostsee-Tour 2008, am 14.06.2008 wollte ich es versuchen.
Die Spannung stieg ungeheuer, zumal ich auf der 118-km-Fahrt bei 29°C Hitze am 08.06.2008 plötzlich mehr Probleme (Flüssigkeit) als vermutet bekam. Hoffentlich würde es am 14.06. nicht so heiß werden! Planmäßig änderte sich aber Mitte dieser Woche das Wetter. Die Hitze und Trockenheit wich wechselhaftem, windigen und zeitweise regnerischen Wetter. Das war ideal, nur die angesagte Windstärke 3-4 aus West, da wäre viel und heftiger Gegenwind zu befürchten… Sollte ich besser in Warnemünde starten?
Von entsprechenden Zweifeln geplagt, verliefen die letzten Tage vor dem 14.06.2008. Die Prognosen variierten leicht, der Wind könnte demzufolge auch aus Südwest wehen. Dauerregen war nicht angesagt, doch auch den war ich seit der „Fläming-Heide-Runde“ eigentlich gewöhnt.
Und dann am 12.06.2008 fasste ich schließlich den Entschluss, in Zweenfurth zu starten. Falls das ein Fehler wäre, würde ich mir das nicht verzeihen können, denn ich hatte nur diesen einen Versuch und schon zuviel an Vorbereitung investiert. Sollte das dann nur an diesem unseligen Entschluss scheitern?
 

Die Tour
Es ist doch einfach zu dumm! Das kann doch nicht wahr sein!!! So eine Sch…!
Jetzt stehe ich hier, in einem Bushaltestellenhäuschen in Bützow und Mike starrt mich entgeistert an, wie ich in einem Anfall von Schüttelfrost versuche, mit flatternden Fingern den Fahrradcomputer wieder an den Lenker zu stecken.
Auf dem Zähler stehen 371,48 Kilometer, es sind nur noch ca. 50 Kilometer bis zum Ziel. Und ich versuche, mich, hier in der kühlen Abendluft, krampfhaft zu beruhigen.
Mein erster Gedanke ist Aufgeben! Ab ins warme Auto, trockene Klamotten anziehen und diese Aktion einfach zu beenden! Was soll dieser ganze Unfug, in diesem Moment noch 50 Kilometer fahren zu wollen?! Das überstehe ich nie!
Ich kenne diesen Zustand, nach einer harten Tour in durchgeschwitzter Kleidung, übermüdet und erschöpft… Da hilft nur ganz schnell viel Wärme. Im Auto ist es sicher gemütlich.
Aber nun habe ich es einmal bis hierher geschafft! Es sind nur noch 50 Kilometer flaches Land! Es ist noch hell, die tief stehende Abendsonne zaubert kräftige Lichter und Farben, ich liege gut in der Zeit…
 
***
Erstaunlicherweise habe ich, als mein Wecker 02.25 Uhr klingelt, sogar ein paar Stunden schlafen können. Und obwohl ich ziemlich müde vor dem Spiegel stehe, fühle ich mich ausgeruhter, als wenn ich zwei Stunden länger geschlafen hätte.
Die Taschen und den Rucksack habe ich gestern gepackt, ich dürfte auch nichts vergessen haben. Die Frühstücksbrote sind ebenfalls schon geschmiert, der Capuccino ist schnell gekocht, so dass ich keine zusätzliche Zeit verliere. Meine Familie und Mike schlafen tief und fest, als ich 03.05 Uhr auf dem Rad sitze.
Die große Tour beginnt.
Es ist dunkel, aber im Osten kündigt ein heller Schimmer schon den neuen Tag an. Musik vom MP3-Player begleitet mich nun ein ganzes Stück, Roger Waters mit seinem „Radio K.A.O.S.“ und Fischer Z. Das ist vielleicht nicht ganz die passende Musik, aber besser als die Windgeräusche an den Ohren. Zur Sicherheit habe ich auch meine Kappe unter dem Helm aufgesetzt. Einfach, um zu vermeiden, dass mich der den ganzen Tag wehende Wind mit seinem Knattern und Flattern fertig macht. Die Kappe schirmt das hervorragend ab.
Panitzsch, Taucha in der Dunkelheit, ich beginne sehr gemäßigt, fahre auch die Hügelchen nur in kleinen Gängen und langsam. Oberstes Motto: Kräfte schonen!
Die folgenden Kilometer sind mir wohl vertraut, Liehmena, Mutschlena, Wölkau, im Osten wird es hell… In den Waldstücken pfeife ich vor mich hin, in der Hoffnung, dass sich Wildschweine, die möglicherweise ein Problem mit mir haben könnten, rechtzeitig abschrecken lassen.
Reibitz, Löbnitz, der Morgen dämmert. Und der Wind weht, ich kann es kaum glauben, aus Südwest.
Euphorie kommt auf, steigt hoch… Es rollt fast von allein, ich bin schon jetzt wesentlich schneller als ich je vermutet hätte. Wenn das so weitergeht!
Drüben, jenseits des Goitzsche-Sees sehe ich die Silhouette von Bitterfeld, Friedersdorf, dann erlebe ich den Sonnenaufgang am Muldestausee und die erste Pause mache ich nun nach zwei Stunden in Muldenstein (05:15 – 05:25, 53,05 km, 2:03:09).
Recht flott geht es weiter, nun entlang der Mulde, immer noch ist mir die Strecke gut bekannt, durch die Auwälder um die Mittlere Elbe. Die gefürchtete Stadtdurchfahrt in Dessau ist an sich kein Problem, es sind nur wenige Fahrzeuge um diese Zeit unterwegs. Aber die Radwege die ich benutzen muss, sind so mies, dass ich um das Rad fürchte.
Auf der Elbebrücke, als ich Fotos mache, ruft mir ein Motorrad-Fahrer zu, dass ich nicht von der Brücke springen solle. Na, heute wohl doch eher nicht 😉
Roßlau erreiche ich 6:35 Uhr nach 82,30 Kilometern. (3:09:35) Von Roßlau an führt die Route nun ganz sanft und leicht ansteigend hinauf in den Fläming. Am Ortseingangsschild in „Hundeluft“ sind Fotos natürlich obligatorisch, ehe es nun in die Wälder des Fläming hinein geht.
Kurz vor Stackelitz (07:20 – 07:30, 100,09 km, 3:49:54) mache ich auf einem Waldweg die zweite Pause. Die ersten 100 Kilometer sind absolviert, ein Viertel der Strecke.
Essen, Banane, ein belegtes Brötchen, Trinken, es ist nicht so warm, dass ich viel schwitze, aber trotzdem muss der Flüssigkeitshaushalt stimmen. Und ich sende die erste SMS an Mike, der nun langsam los fahren wollte. Die Wälder des Fläming scheinen endlos, ich entdecke zwei Schwarzspechte am Straßenrand und dann galoppiert plötzlich neben mir am Rand eines Waldstücks eine Bache mit ihren Frischlingen ins Unterholz. Na zum Glück raste die nicht in die entgegengesetzte Richtung!
Wiesenburg ist mit 169 m heute der höchste Punkt, den ich erreiche. Nun geht es lange lange leicht abwärts nach Ziesar. Leider spüre ich nun auch den Wind etwas deutlicher und unangenehmer von der Seite. An diese Dörfer kann ich mich übrigens ganz dunkel erinnern. Hier fuhren wir auf unserer zweiwöchigen Ostsee-Tour 1983 durch. Und so viel verändert hat sich hier seit der Wende scheinbar nicht. Kurze Zeit, nachdem ich die Autobahn Berlin – Magdeburg – Hannover unterquert habe, erreiche ich Ziesar (08:56, 138,69 km, 5:17:50). Einige Kilometer weiter in Rogäsen hatten wir das erste Treffen geplant. Ich sende Mike eine zweite SMS und einige Minuten später bin ich schon in Rogäsen.
Doch Mike ist nicht zu sehen, ich fahre weiter, komme bis Wusterwitz (09:35 – 09:40, 152,84 km, 5:48:18), dort rufe ich Mike kurz an. Aber der ist noch in der Nähe von Wiesenburg, er ist erst spät los gekommen. So lange, bis er hier ist, will ich allerdings nicht warten, ich mache nur eine kurze dritte Rast, esse wieder etwas und dann geht es weiter. Wir vereinbaren den Ortseingang von Schollene bei Rathenow als Treffpunkt, wo er auch etwas zum Mittag besorgen wird.
In Wusterwitz führt die für Autos wegen Bauarbeiten gesperrte Brücke über den Elbe-Havel-Kanal. Mit Fahrrad kommt man aber tatsächlich fast überall durch. Obwohl mir immer noch die Aktion vom Elstertal am 23.5. in Erinnerung ist. Immer klappt es auch mit dem Rad nicht. Nun lauern zwei Kilometer anstrengender Gegenwind bis Bensdorf auf der Bundesstraße Brandenburg – Genthin, mit kleineren Gängen ist das aber auszuhalten, dann folgt wieder eine ruhige Landstraße und weiter bis Knoblauch. Fotos sind Pflicht, versteht sich. 
Jerchel, Milow, brandenburgische Dörfer, Felder, Wälder, eine weite ruhige Landschaft an der Havel. Kurz vor Premnitz geht es parallel zum Fluss nach Norden, westlich von Rathenow nehme ich dann die Straße in Richtung Sandau, Havelberg. Interessant sind die hier teilweise sehr großzügig ausgebauten Straßen, allerdings sind kaum Autos zu sehen. Man scheint hier sämtliche Fördermittel in den Ausbau der Infrastruktur gesteckt zu haben, nur gibt es in dieser Region nicht mehr viele Menschen, die diese Infrastruktur nutzen können. Die Straße nach Sandau führt durch hügeliges Gelände und inmitten der Wälder durch militärisches Übungsgebiet. Die Panzer- und Schießplatz-Hinweisschilder wirken schon ein wenig beängstigend.
Und ich spüre allmählich, wie meine Kräfte nachlassen. Noch sind es keine 200 Kilometer, die ich gefahren bin, doch ganz schnell melden sich da plötzlich an den Hügelanstiegen die ersten Zweifel. Es ist so unheimlich weit! Durst habe ich jetzt auch und der Magen meldet sich, weil er Hunger bekommt. Ist das Dorf dort Schollene?
Neuschollene! So was auch…
Noch zwei Kilometer, ein Hügel, dann ist endlich Schollene in Sicht. Am Ortsschild halte ich, warte, rufe Dagi kurz an, um ihr zu versichern, dass alles noch ok und perfekt ist und telefoniere dann wieder kurz mit Mike. Es ist ein wenig wie verhext. Wo bleibt er nur?! Ich liege eine halbe Stunde vor dem Zeitplan, bin bis hierher ungewöhnlich schnell gefahren und habe einen reichlich 26er Schnitt. (11:32 – 12:22, 196,17 km, 7:30:32))
Entwarnung, Mike musste beim Chinesen anstehen, er ist wenige Minuten später da. Und nun machen wir auf einem kleinen Wanderparkplatz in der Nähe eine große Mittagspause, er hat Nudeln beim Chinesen besorgt und außerdem noch Kuchen gekauft! Perfekt. Ohne ihn wäre ich erledigt.
Ein wenig kühl scheint es mir, auf die Jacke und die Beinlinge werde ich heute nicht verzichten können. Das Essen schmeckt, ich trinke nun auch Cola, um den Zuckerspiegel oben zu halten 🙂 Was tut man nicht alles für eine Radtour…
Und dann geschieht quasi das Wunder, meine Ermüdung auf den letzten Kilometern vor der Pause ist wie weggeblasen. Als ich wieder auf das Rad steige, kommt es mir so vor, als hätte ich nicht schon 200 Kilometer in den Beinen, sondern würde jetzt erst starten. Die 200-Kilometer-Marke erreiche ich kurze Zeit später in Molkenberg.
Bei einem „normalen“ Marathon wäre ich jetzt am Ziel. Der Wind auf dem Abschnitt bis Sandau ist leider wieder sehr unangenehm, die Böen bremsen mich stellenweise bis auf 20 km/h ab. Mike fährt ein paar Minuten lang auf der leeren Straße ein Stück vor mir, ich nutze den herrlichen Windschatten, aber das ist ja eigentlich Beschiss, so dass ich ihm dann doch abwinke und voraus fahren lasse.
Sandau, hier überquerten im September 2005 Spanni und ich auf unserer Elberadwegtour die Elbe auf dem Weg nach Tangermünde und von hier bis nach Hause brauchten wir damals noch zweieinhalb Tage.
Havelberg ist dann auch nicht mehr weit entfernt, ich rolle über die alte Havelbrücke, fotografiere die Altstadt am Fluss und nehme dann den 6%er in der Stadt unter die Räder. Nun geht es schnurgerade 20 Kilometer auf einem Radweg entlang der Bundesstraße nach Norden, gen Pritzwalk. Unser nächster Treffpunkt ist Groß Welle ca. 20 Kilometer vor Pritzwalk. Der Wind unterstützt mich nun wieder wunderbar, nach nicht einmal zwei Stunden bin ich am Ortseingang von Groß Welle (14:15 – 14:25, 244,56 km, 9:17:38) Die Wolken sehen mittlerweile manchmal ein wenig finster und drohend aus, die Regenschleier lassen auch nichts Gutes vermuten. So werde ich nach der Pause auch immer schneller, als von Westen solche Schleier heran wehen. Glück gehabt, diese Wolke habe ich hinter mir gelassen.
Kurz vor Pritzwalk ist die Straße pitschnass, hier hat es gerade gegossen, ich habe allerdings keinen Tropfen abbekommen. Pritzwalk: die Schnellstraße kann ich ja nun leider nicht nehmen, mir bleibt nichts übrig, als in die Stadt hinein zu fahren. Und hier erlebe ich heute erstmalig ganz tolles Kopfsteinpflaster, auf dem ich bei dem Reifendruck von 8,5 bar kräftig durchgeschüttelt werde. Die Beschilderung nach Parchim ist eindeutig, allerdings kommt es mir so vor, als ob das die falsche Richtung ist, denn diese weist nach Norden, Parchim liegt aber nordwestlich!
Und tatsächlich komme ich auf Grund dieser Wegweisung in den Genuss, auf einer Umgehungsstraße noch eine Ehrenrunde zu absolvieren. Klasse!
Das Schild „Güstrow 80 km“ beschäftigt mich auch ein wenig. Könnte ich hier vielleicht wirkungsvoll abkürzen? Von Güstrow bis Rostock ist es ja auch nicht mehr sehr weit. Aber dann müsste ich die stark befahrene Bundesstraße über Plau am See nehmen. Nach Parchim zu ist die Route hoffentlich um Einiges ruhiger. Putlitz, 20 Kilometer weiter, es rollt immer noch gut. Die Hügelkette westlich ignoriere ich, doch dann gibt es eine böse Überraschung. Gerade diese Hügelkette, die Ruhner Berge (!) liegt im Weg. Das bedeutet, dort muss ich hinüber!
Über diese Hügel, die ich nicht eingeplant habe! Anstiege bis zu 5%, die mir nunmehr schwer zu schaffen machen und die ich nur noch mit maximal 18 km/h hinauf schleiche. Inmitten dieser Hügellandschaft passiere ich die Autobahn Wittstock – Hamburg, dann steht Mike am Straßenrand und weist mich ein, dass wir uns in Suckow in der Talsenke (!) am Bushäuschen treffen. Suckow, es ist Kaffeezeit 🙂 (16:15 – 16:45, 288,88 km, 11:00)
 Mike packt seinen prima Kuchen aus, ich werfe zusätzlich noch ein paar Körner Magnesium und Energiepulver ein. Das hilft! Auch wenn die Hügelfahrt ein wenig an den Kräften genagt hat. Trotzdem ist die Stimmung immer noch erstaunlich gut, Dagi ist überrascht, wie gut ich am Handy noch klinge. Denn weit mehr als die Hälfte der Tour ist überstanden. Und noch habe ich Reserven! Auch wenn ich in dieser Pause nach einer Möglichkeit suche, die bis Parchim noch folgenden Hügel zu umgehen. Eine Variante wäre die Straße über Siggelkow, aber als ich auf der Weiterfahrt an dieser Abzweigung das Kopfsteinpflaster sehe, ist mir das Risiko zu groß und ich wähle doch lieber die Bundesstraße.
So kommt es noch zu ein paar zusätzlichen Anstiegen, die mir nicht recht gefallen. Der Blick von den Höhen nach Norden zeigt ganz flaches Land und ausgerechnet diese blöde Straße nimmt wahrscheinlich die einzigen Hügel weit und breit mit. Na ja, Parchim ist jedenfalls nach einer weiteren Dreiviertelstunde erreicht. Kurz vorher habe ich auf den Hügeln die 300-Kilometer-Marke erreicht. Die Radwege sind wieder erbärmlich, kleine quadratische Betonplatten, von denen eine schiefer als die andere liegt. Und das mit dem Rennrad. Zudem muss ich mich konzentrieren, ausgeschildert sind nur Schwerin und Lübz, die Straße nach Sternberg nicht zu verpassen.
Auf meinen Wunsch haben wir die Abstände zwischen den Treffs auf ca. 40 Kilometer verkürzt. Das ist mir im Augenblick lieber, die Pausen häufiger zu machen und so die Kräfte noch zu schonen. Die Gegend wird nun wieder flacher, auf der Straße nach Sternberg befinde ich mich glücklicherweise nun auch, der Wind schiebt ein wenig, einfach genial. Außerdem bewege ich mich nunmehr im längenmäßigen persönlichen Rekordbereich. In Mestlin, unserem nächsten Treffpunkt, stehen 327,90 km auf dem Zähler. So weit bin ich an einem Tag noch nie mit dem Rad gefahren. (18:18 – 18:30, 12:31) Essen kann ich im Augenblick nur eine Banane und ein Hanuta, aber das hilft auch. Gute Idee von Zwinki. Denn Hanuta geht immer, auch wenn nichts mehr schmecken will, und rettet mich letztendlich vor einem Hungerast.
Ich stecke nun auch wieder die Lampen ans Rad, auf den Alleen war es doch schon recht dämmerig und von einem rasant fahrenden Mecklenburger möchte ich nicht auf die Hörner genommen werden. Nächster Treff soll Bützow sein, wir haben überschlagen, dass es bis Warnemünde noch ca. 90 Kilometer sind. Das klingt ziemlich gewaltig. Und Mike muss mir wohl in dem Augenblick angesehen haben, dass diese Zahl meinen Optimismus doch etwas angekratzt hat. Noch 90 Kilometer, unter „normalen“ Umständen ist das eine Tagestour.
3,5 Stunden, da könnte man mit Pausen schätzen, ca. 22:30 Uhr in Warnemünde zu sein. Bis Sternberg komme ich jetzt zügig voran, für die Landschaft habe ich sogar ab und zu auch noch einen Blick. Und der See inmitten der Hügel gefällt mir. Nur die Hügel dann nicht! Denn auch die waren ebenfalls nicht mehr so richtig eingeplant. Und die haben es stellenweise in sich. Ein einzelner Rennradfahrer kommt mir entgegen, der sieht noch recht erholt aus, er grinst, als er mich sieht. Möglicherweise wirke ich nicht mehr ganz so taufrisch und sehe wohl auch in meiner Kluft etwas ungewöhnlich aus.
Ein kleines Umleitungsschild in Sternberg macht mich außerdem noch unsicher. In Bützow soll die Ortsdurchfahrt gesperrt sein. Nicht das auch noch! Für große Umwege habe ich nun nicht mehr die Kraft. Ich überlege schon, mich im Notfall von Mike dann um den Ort herum chauffieren zu lassen und hinter Bützow weiter zu fahren. Aber erst einmal sehen, mit dem Rad kommt ja man fast überall durch… (Na gut, nicht überall!)
Nach einigen weiteren Anstiegen, an denen mich Mike ausgerechnet noch filmt, und Abfahrten, erreiche ich endlich Warnow im Warnowtal. Das wird es wohl nun hoffentlich gewesen sein! Bitte ab sofort keine Hügelketten mehr, die überquert werden müssen, entlang der Warnow hoffe ich jetzt, endgültig bis Rostock zu kommen. Meine Stimmung wird besser, es fährt sich wieder wunderbar, das Abendlicht ist einfach schön, die Landschaft herrlich und was kann es Schöneres geben, als an einem solchen Tag von Zweenfurth nach Rostock zu fahren 😉
Der kleine Schreck kurz hinter Sternberg, dass Bützow noch 28 km entfernt sei, wird wieder ausgeglichen, als kurz vor Warnow 18 km und einen Kilometer weiter nur noch 11 km angegeben sind.
Wie auch immer die das hier mit dem Entfernungsmessen machen, die 11 Kilometer finde ich auf jeden Fall am Besten. Mike fährt hinter mir her, dann wiederum steht er an der Straße und filmt mich.
Tja und dann komme ich nach Bützow. Von Mike, der häufig auf den letzten Kilometern zu sehen war, ist plötzlich keine Spur mehr zu sehen. Weder am Ortseingang, noch im Ort oder dann hinter dem Bahnhof am zuerst vereinbarten Treffpunkt. So sitze ich allein im Bushäuschen, rufe ihn an und erfahre, dass er die falsche Straße genommen hatte und in Richtung Güstrow abgeschwenkt ist. Wenige Minuten später ist er hier.
Aber diese paar Minuten, ich trinke nach wie vor kalte Apfelschorle, mit und ohne Energy-Pulver, esse eine „kalte“ Banane und habe feuchte Sachen an, scheinen mir den Rest zu geben. (20:20 – 20:35, 371,48 km, 14:15)
 Als ich mich auf den Weg machen will, spüre ich auf einmal schon im Sitzen, wie meine Beine zu zittern beginnen. Und dann packt mich dieser blöde Schüttelfrost, ich friere und Mike guckt entsetzt zu und weiß auch nicht so recht, was er machen soll. Ist das nun die blanke Erschöpfung, der Kollaps? 
Habe ich mich hochgepusht und nun kommt der Zusammenbruch?! Das Ende der Tour, 50 Kilometer vor dem Ziel??? Schrecklich…
Ich denke an die Momente, als ich im letzten Jahr nach dem Niederlausitz-Marathon mit dem Zug aus Cottbus zurück kam und in Taucha ausstieg. Und wie mich dort der Schüttelfrost packte, so dass ich kaum auf dem Rad sitzen und fahren konnte. Da waren es aber nur 10 Kilometer bis nach Hause. Und dann denke ich auch daran, wie rasch es mir auf den 10 Kilometern wieder warm wurde, dieser Anfall überstanden war. Im Prinzip muss ich nur so zügig fahren, dass mir wieder warm wird. Aber wie soll man nach 371 Kilometern noch zügig fahren?!
Irgendwie gelingt es mir, den Fahrradcomputer wieder anzustecken und auf den Sattel zu krabbeln. Ein wenig zitternd trete ich in die Pedale, verstecke mich bis zum Kinn in der Jacke, die aber auch nur feucht ist, so dass zumindest der Fahrtwind keinen Angriffspunkt findet. Und siehe da, es geht!
Erst einmal die 14 Kilometer bis Schwaan überstehen, in Niendorf, 7 Kilometer vor Rostock wollen wir uns zum letzten Mal treffen und dann wird Mike auf der Autobahn nach Warnemünde fahren und ich muss durch die Stadt. Einige Zeit später wird mir tatsächlich wieder etwas wärmer.
 Es geht!
Hans Harz‘ Lied „Nur noch 95 Tage“ geht mir durch den Kopf…  „Nur noch 95 Tage, dann ist alles vorbei, nur noch 95 Tage, dann ist er wieder frei…“
Nur noch zwei Stunden, dann ist alles vorbei…
Die Straße verläuft zum Glück sehr flach bis Schwaan, ich komme erstaunlich gut vorwärts. In Schwaan überquere ich die Warnow und sehe Sekunden später erschreckt den Berg nach Ziesendorf vor mir! Obwohl ich tief im Innern schon befürchtet hatte, dass man ja irgendwie auf der kürzesten Strecke hinüber nach Rostock aus dem Warnowtal heraus müsse. Aber auch das überstehe ich und habe nicht unbedingt das Gefühl, mich hier völlig zu verausgaben. Wenn es wärmer wäre, die Abendluft ist sehr frisch geworden, würde es sogar noch Spaß machen.
Kurze Pause, Mike ist zur Stelle, dann weiter, Ziesendorf, Abbiegung nach Rostock, ein Schild „Rostock 11 km“. Obwohl ich weiß, dass von dort bis Warnemünde noch ca. 15 Kilometer zu fahren sind und ich den Stadtdurchfahrtsplan von Rostock zu Hause vergessen habe, das Risiko mich zu verfahren also recht groß ist, nimmt mein Optimismus zu. Kurze Zeit vor Niendorf stehen 400 Kilometer auf dem Zähler!!!
Die Pause in Niendorf halten wir nun auch so kurz ab, dass ich gar nicht groß zur Ruhe komme und somit auch die nächste Schüttelfrostattacke nicht erlebe. Es wird allmählich dunkel, trotzdem ist der Tag hier oben im Norden spürbar länger als bei uns. Es ist schon 22 Uhr und noch immer dämmert es. Und dann am Rande eines Gewerbegebietes steht plötzlich das Schild!
„Hansestadt Rostock“!
 In der Dunkelheit erreiche ich den Rand des Zentrums, auf den Radwegen, Warnemünde ist dort ausgeschildert, finde ich mich recht schnell zurecht. „Warnemünde 17 km“ erschreckt mich nur kurz, das schaffe ich nun auch noch! Und dann passiert es doch, dass ich nach einer Abbiegung der Straße, auf der ich fahre, eben diese Straße zur Schnellstraße wird. Mist! Ein Stück zurück, ein Radweg, im Dunkeln kaum zu erkennen, Mike Bescheid geben, dass er trockene Klamotten zum Teepott mitbringen soll und dass ich etwas später komme, eine Laubenpieperin am Wegrand nach dem Weg nach Warnemünde fragen…
Das alles in wenigen Minuten, dann befinde ich mich glücklicherweise wieder auf der richtigen Route, muss nur noch ein paar verdutzte Rostocker, die sich sicher auch über den Idioten mit dem Rennrad wundern, der sie an der Stadtautobahn nach Warnemünde nach dem Weg nach Warnemünde fragt, um Orientierungshilfe bitten. Einfach geradeaus, man kann sich da nicht verfahren. Na ja…
Die letzten Kilometer an diesem Tag!
Entlang der stark befahrenen Stadtautobahn rolle ich immer noch mit einem guten Tempo nach Norden. Evershagen, Lütten Klein, Lichtenhagen…
Warnemünde…
Minuten später kurve ich durch Warnemünde auf der Suche nach dem Teepott, komme am Hotel Neptun vorbei, mache dann noch eine kleine Runde zum Strom hinüber, viele Urlauber sind hier, das Nachtleben ist beeindruckend. Die Lichter, die Geschäfte und Restaurants, die glitzernden Wasser des Stroms.
Und dann ist da auf einmal der Teepott! Und daneben steht immer noch der Leuchtturm!
Und wo ist Mike?! Ich kreise suchend um den Teepott, dann glaube ich, ein Stativ zu erkennen.  Das isser… Wer sonst treibt sich um diese Zeit hier schon ausgerechnet mit einem Stativ zwischen den ganzen Leuten, die auf Vergnügung aus sind, herum.
23:18 Uhr ist es und es ist überstanden!
Umarmung, Gratulation, Dank an Mike, er hat einen großen Anteil am Gelingen dieser Fahrt, ohne ihn wäre diese Ostsee-Tour 2008 nicht durchführbar gewesen…
Die Siegerfotos müssen selbstverständlich noch gemacht werden, er macht das professionell teilweise im Liegen, ein paar Frauen amüsieren sich köstlich darüber.
Und dazu gibt es einen Schluck „Brocken-Blick“.
Einen „Ostsee-Blick“ hatte ich zu Hause leider nicht im Schrank 😉
Zweenfurth – Warnemünde, die Ostsee-Tour 2008 ist tatsächlich im ersten Versuch bestanden!
424,04 Kilometer habe ich auf dem Rad heute zurück gelegt in einer Netto-Fahrtzeit von 16:34 Std. und dabei ungefähr 1200 Höhenmeter überwunden.
Mit einem Schlag überfällt mich nun die Müdigkeit.
Der Körper weiß, dass die Hochspannung, unter der er den gesamten Tag stand, endlich vorbei ist und nutzt das nun aus, um sich bemerkbar zu machen. 
Es ist vorbei!!!!
Wir laufen zum Auto, welches Mike am Hotel Neptun geparkt hat, dort schlüpfe ich endlich in trockene Kleidung, sofort wird es wärmer, dann schieben wir das Rad zum nächtlichen Strand und Mike schießt dort noch ein paar Fotos.
Nur zu einem Fußbad im Meer kann ich mich nicht hinreißen lassen, das macht dann nur Mike, ich friere schon wieder, bekomme erneut Gähnanfälle, dass ich schon fürchte, mir renkt es den Unterkiefer aus. 
Am Horizont, wo etliche hell erleuchtete Schiffe zu sehen sind, sind immer noch die Lichter der Sonne zu erkennen. Ob es hier oben überhaupt um diese Jahreszeit richtig dunkel wird?
Und mich beschleicht in diesen Minuten ein recht groteskes, eigenartiges Gefühl.
Ist das tatsächlich meine Wirklichkeit, innerhalb von sechzehneinhalb Stunden mit dem Fahrrad durch ganz Ostdeutschland hier ans Meer gefahren zu sein? Nur, um jetzt übermüdet hier zu stehen (zu frieren) und auf die rauschenden Wellen des nächtlichen Meeres zu schauen.
 Oder war das nur ein Traum?
 Epilog:
Da es uns aussichtslos erschien, eine preiswerte Unterkunft um diese Nachtzeit zu finden und auch im Auto nur wenig Platz zum Schlafen war, haben wir beschlossen, noch in der Nacht zurück zu fahren.
0:20 Uhr fahren wir ab und nach zügiger Fahrt sind wir 3/4 4 in Zweenfurth. Mike hält das noch gut durch, ich nicke für 2 1/2 Stunden ein. Im Osten sind erste Lichter des neuen Tages zu sehen, als wir ankommen.
Vor 25 Stunden bin ich gestartet.
Mit dem Rad an die Ostsee.

Die Route auf gpsies.com