Spreewaldmarathon 2008

Spreewald-Marathon 2008
Der erste offizielle Radmarathon

Ich bin bereits am Freitagabend mit dem Auto angereist. Den Platz auf dem Camp in Lübben hatte ich mir im März schon reservieren lassen und es ist auch alles ok. Trocken ist es zum Glück auch, aber kühl…
Im Laufe des Abends kommen noch mehr Leute auf dem Camp an, viele mit Rennrädern, meine Nachbarn kommen von der Küste, Bad Doberan, gegenüber welche aus Berlin…
Ich habe, bevor ich dann im Auto noch zwei Bierchen trinke, die Startunterlagen im Rathaus am Markt abgeholt, bin noch ein wenig gebummelt und habe die alt vertrauten Stellen an der Spree wieder entdeckt, wo wir vor vielen Jahren mit den Paddelbooten zum Neuendorfer See aufbrachen. Idyllisch ist das hier wirklich…
Kurzes Telefonat mit Dagi, dann Abendessen auf dem Camp und als es dunkelt, krieche ich in mein winziges Zelt, welches mir schon auf der Tour de Schweiz 2006 solch hervorragende Dienste geleistet hatte. Die Nacht ist kalt, aber im dicken Daunenschlafsack ist es angenehm warm. Nur die Aufregung und Spannung bescheren mir eine unruhige Nacht, so dass ich froh bin, als es endlich morgens halb sechs ist.
 
Samstag, 19.04.2008
Endlich ist es früher Morgen. In dem Zelt der Berliner rumort es auch schon. Ich stehe rasch auf, packe rasch zusammen, werfe alles ins Auto und fahre dann, der Zeltplatzwart hat mir den Torschlüssel gegeben, auf den benachbarten Parkplatz, wo ich der Einzige bin. Hier, in der aufgehenden Sonne, ja es scheint tatsächlich die Sonne (!), auch wenn es nur 3°C sind, frühstücke ich und baue dann das Rad zusammen.
Gegen viertel acht schwinge ich mich schließlich in den Sattel und radele gemächlich in die Stadt zum Marktplatz, wo sich allmählich die 200er-Fahrer sammeln. Fast alle sehen einschüchternd professionell aus, deren Waden haben den doppelten Umfang von meinen 😉 Auch die Frauen wirken sehr sportlich. Und die Profikleidung mit der ganzen Werbung und all die tollen Rennräder machen schon etwas her… Und dazwischen ich mit meinem Billig-Rad und den Penny-Klamotten. Na mäg… 
Etliche sind im Verein angereist, die werden sicher das Tempo machen.
Pünktlich acht Uhr, alle sind vollzählig, eröffnet der Landrat mit „Auf die Gurke, fertig, los“ die Tour.

Im großen Pulk rollen wir nun durch die Straßen der Stadt, die Sonne scheint, der Wind weht augenblicklich angenehm im Rücken. Mein erster offizieller Marathon hat begonnen.

Ich habe mich sehr weit hinten einsortiert, versuche auch ständig, ein wenig Distanz zum Vordermann zu halten, die schlechten Erfahrungen vom LVZ-Fahrradfest-100er 2007 mit Holger sind immer präsent. Aber so bald sich eine Lücke auftut, rutscht ein Anderer hinein und so werde ich ziemlich weit nach hinten durchgereicht. Auch das Tempo von über 30 km/h für den Anfang ist mir eigentlich viel zu schnell. Doch dank des Rückenwinds spürt man das noch nicht so ausgeprägt.
Das Feld zieht sich lang auseinander, während wir nun nach Westen in Richtung Kasel-Golzig rollen. Und irgendwann reißt es in zwei Gruppen auseinander, die erste ist so schnell, dass wir sie bald verlieren, ich fahre immer noch am Ende der zweiten Gruppe und auch hier lassen bald die Ersten abreißen. Es ist eindeutig zu schnell. Leider hat man dadurch auch kein Auge für die schöne Landschaft ringsum. Und dann passiert, was einfach passieren muss, es gibt nach ca. 30 Kilometer kurz vor Golßen den ersten heftigen Sturz, drei Leute überschlagen sich und bleiben auf dem Feld liegen. Aber zum Glück ist denen offensichtlich nichts passiert.
Unsere Gruppe schmilzt ebenfalls auf ca. 15 – 20 Mann zusammen, die Führungsarbeit leisten nun hauptsächlich zwei Leute mit „Fichkona“-Trikots. Und die Beiden machen das wirklich gut, denn als der Gegenwind von Ost nun extrem spürbar wird, drosseln sie sofort das Tempo und nun läßt es sich in deren Windschatten sehr kräftesparend mitfahren. Als wir zum zweiten Mal, ungefähr 5 Kilometer vor Tropical Island die Autobahn Berlin-Cottbus queren, sammeln wir auch nach und nach abgesprengte und zurück gebliebene Fahrer der ersten Spitzengruppe ein. Und bei denen habe ich den Eindruck, dass sie selbst mit uns nun nicht mehr mithalten können, sondern abgeschlagen zurück bleiben. Und das schon jetzt nach knapp 40 Kilometern.
Tropical Island. Der erste Kontrollpunkt, 42,1 km. 9:30 Uhr. Ein gigantisches Bauwerk, schon kilometerweit über den Bäumen sichtbar, das sieht aus wie ein außerirdisches Raumschiff, welches hier, abseits aller Zivilisation mitten in der Pampa gelandet ist.
An Verpflegung und Getränken fehlt es nicht, alles ist hervorragend organisiert. Bananen, Äpfel, Spreewaldgurken, Wurst- und Käseschnitten, Apfelschorle, Tee, Wasser…
Und hier lösen sich nun auch die Gruppen allmählich auf, das Alleinfahren beginnt. Nach einigen Minuten mache ich mich also solo auf den Weg, nun führt die Route gen Schlepzig durch den nördlichen Spreewald, der Wald mit seinem frischen schüchternen Grün, die Sonnenlichter und die Spreearme machen einen paradiesischen Eindruck. Eine Gruppe überholt mich, bei der habe ich keine Chance, dafür aber komme ich bei dem Gegenwind in bewährter Übersetzung und Frequenz relativ mühelos an anderen Einzelfahrern vorbei. Kurz vor Groß Leuthen gelingt es mir, dann ein paar Kilometer im Windschatten einer Gruppe aus Dippoldiswalde zu bleiben.
Eurocamp Groß Leuthen. 69,22 km, 10:34 Uhr Hier laufen mehrere Routen zusammen, es sind zahlreiche Fahrer hier, etliche kommen mir auch schon wieder entgegen.
Nach der Pause und einem schönen Schmalzbrot sowie Spreewaldgurken geht es nun mit Kantenwind mehr oder weniger südwärts durch endlosen Wald. Briesensee, Alt Zauche, schön ist es hier, ich fahre einen recht guten Schnitt, bei günstigem Wind sind über 30 km/h drin. Aber die Beine spüre ich schon ein wenig. Da kommt mir die Fichkona-Gruppe, die mich bei Briesensee einholt, wie gerufen und nun kann ich von denen noch mal etliche Kilometer profitieren. Den 11-Kilometer-Umweg über Sacrow-Waldow müssen nur die 150er und 200er nehmen. Hier muss ich dann abreißen lassen, als die Anderen an einem langen sanften Anstieg bei Gegenwind das Tempo verschärfen.
Straupitz, Umweg durch den Ort, um zum Kontrollpunkt zu kommen. Hier großes Gedränge, aber die Verpflegung ist reichlich. Und die von den älteren Damen frisch gebackenen Hefeplinsen schmecken einfach lecker. Dazu ein Kaffee… Das ist ja die reinste Gourmet-Tour. Es ist 12:10 Uhr, 111,13 Kilometer stehen auf meinem Fahrrad-Computer.
Und als ich mich nach einer Viertelstunde wieder aufs Rad setze, hier beginnt nun für die 200er der große 60-Kilometer-Bogen über Lieberose, sind meine Beine bei dem straffen Ostwind doch recht schwer geworden. Die Straße ist dem Wind recht ausgesetzt, und dann im Wald lauern ein paar kleinere Hügel. Die Fichkona -Truppe überholt mich wieder, an denen kann ich schwer dran bleiben. Also muss ich nun wohl oder übel solo fahren. 
Die Zahl der Fahrer hat sich nun drastisch verringert, eine andere Gruppe überholt mich noch, aber außer mir sehe ich keinen weiteren Einzelfahrer. Einige sind sicher weit hinter mir, etliche sind vor mir. Molchow, linkerhand sehe ich den Molchowsee, dann in Goyatz endlich der Abzweig und nun sind es noch ein paar leicht hügelige Kilometer bis Lieberose. Mir geht es im Augenblick nicht so toll, am Kontrollpunkt treffe ich auf die Anderen, ich kann im Augenblick nur trinken, habe auch so ziemlich mit mir zu tun…
Lieberose, 13:30 Uhr, 136,58 km
Und dann mache ich den Fehler, nichts zu essen. Ich fahre schon nach wenigen Minuten Rast weiter, damit verringert sich zwar der Abstand zu den beiden Gruppen, aber mit meiner Energie ist es auf dem folgenden Abschnitt nicht so gut bestellt. Zum Glück weht der Wind nun von der Kante, damit rolle ich immerhin noch mit einem 27er Schnitt dahin, muss aber an den sehr moderaten Anstiegen herunter schalten. Und als ein wesentlich älterer, aber vollkommen drahtiger und durchtrainierter Fahrer locker an mir vorbei zischt, kratzt das schon ein wenig an der Ehre.
Bundesstraße, diese führt über ein merkwürdiges Heide-Hochplateau, welches ca. 50 Meter höher als der Spreewald liegt. Und kurz vor Turnow geht es nun schließlich wieder gen Westen, ein Schild „Burg 14 Kilometer“ erschüttert mich zwar ein wenig, ich erwarte nun sehnsüchtig den nächsten Kontrollpunkt, der Körper ist müde geworden und damit kann ich leider den schönen Rückenwind auch nur bedingt auskosten. Drachhausen, endloser Wald, Fehrow, Schmogrow, wir sind wieder im Spreewald.
Burg, Volksfeststimmung…
Der vorletzte Kontrollpunkt, Trinken, Bananenstückchen, Apfel, Gurken… Rasch geht es mir jetzt wieder besser. 14:58 Uhr, 172,28 km Sooo weit ist es nun tatsächlich nicht mehr.
Und als ich beim Weiterfahren doch noch merke, dass ich ziemlich gut auch mit anderen Fahrern kürzerer Strecken mithalte, gibt das auch psychisch wieder Auftrieb. Erstaunlich ist auch, dass also auch andere 200er nicht schneller sind, ich begegne manchen Gesichtern immer wieder. Nun rollen wir also recht entspannt in Richtung Vetschau, die Spreearme um Burg und Leipe sind mir von 1990, unserer ersten Paddeltour noch wohlbekannt. Quer durch die ehemalige Tagebaulandschaft um Lübbenau… Am letzten Kontrollpunkt in Lübbenau sehe ich, wie eine Rostockerin abbrechen muss. Die hatte ich auch auf der 200er Strecke immer mal wieder gesehen, nun kann sie kaum noch laufen.
Ich verzichte hier auf Verpflegung, bis Lübben sind es nur noch 13 Kilometer. Und die führen auf einem Damm an der Spree entlang. Schnell fahren ist nicht mehr, viele Familienradler sind hier auch unterwegs. Aber wozu auch? Es ist fast geschafft.
Allmählich erreiche ich nun Lübben, die letzten Kilometer waren noch einmal ein Genuss.
Lübben, nun wieder Straße, das Zentrum ist schnell erreicht und ca. 16.40 Uhr rolle ich mit zwei anderen 200ern durchs Ziel.
Ein paar Mädchen in Spreewaldtracht empfangen uns, nach kurzer Frage, welche Strecke wir hatten, hängen sie uns schwergewichtige goldene Gurken um. Dafür hat sich das doch nun tatsächlich gelohnt! Schön war es und nett ist diese Begrüßung hier auch. Die Veranstalter haben sich etwas einfallen lassen.
Urkunde abholen – dann löse ich noch den Nudel-Gutschein ein, Nudeln, Hühnerfleisch, Champignons… Das tut richtig gut. Und so kehren auch die Kräfte rasch wieder.
Ein gelungener Abschluss..
 
 
Streckenlänge: 212, 26 km, Fahrtzeit (netto): 7:49:04 Std

Der erste 300er / Heide-Fläming-Runde 2008

Freitag, 11.04.2008
Um fünf klingelt der Wecker.
Draußen ist es trübe und düster, leichter, feuchter Dunst über allem. Ein häßliches Wetter und meine Lust, aufzubrechen, hält sich sehr in Grenzen. Kurzes Frühstück und dann breche ich 6.10 Uhr auf.
Noch ist es recht trocken, aber dann, als es dämmert, aber nie so richtig hell wird, bei Zeititz und Wurzen beginnt es zu tröpfeln. Und schließlich regnet es richtig. Auf der Straße ist wenig Verkehr, Falkenhain, Schildau, Torgau, alles ist grau, nass, trist… Und ich schreie ab und zu meine Wut über dieses Mistwetter heraus. Nur die Gedanken an einen vorzeitigen Abbruch verdränge ich. Kommenden Samstag, beim Spreewaldmarathon wäre es ja auch nicht möglich, wegen Regen abzubrechen.
Erste Pause nach reichlich zwei Stunden im Bushäuschen von Zwethau. Die Elbe ist überquert, es regnet schön gleichmäßig, der Wind weht leicht aus Nordost. Mit Absicht habe ich die Richtung so gewählt, dass ich die ersten 100 Kilometer gegen den Wind fahre. Wenn der nicht dreht, habe ich dann beste Chancen auf dem Weg zurück. (Zwethau: 08:35 – 08.45 Uhr, 57,83 km, 2:22:44 Std. netto)
An meiner neuen Satteltasche ist eine Schraube abgesprungen und verloren, nun wackelt das Ding erbärmlich. Aller paar Kilometer muss ich nun anhalten und nun die zweite, letzte Schraube kontrollieren. Und der Regen wird stärker. Ich habe langsam begonnen, fahre kontinuierlich in mittleren Gängen mit, wie ich schätze, ca. 90er Frequenz. Das ist absolut kraftsparend und ich komme recht gut voran. Und der Schnitt steigt langsam von anfänglich 22 km/h auf über 24 km/h. Nun gottverlassene Dörfer, Zwethau, Bethau und wie sie alle heißen, dazu die Tristesse des Wetters und der Landschaft.
Östlich das Militärübungsgebiet der Annaburger Heide, zwei Armee-Hubschrauber drehen dort ihre Runden.
Annaburg, ein trostloses Nest… Oder liegt das nur am Wetter? Regen. Immer noch… Mittlerweile ist es 09.40 Uhr, 80 Kilometer sind gefahren.
Schweinitz an der Schwarzen Elster, die hat leichtes Hochwasser, kein Wunder, kurze Fotopause auf der Elsterbrücke. Dann endlose einsame Straße fast direkt nach Norden in Richtung Jüterbog. Wald, Wiesen, Felder mit riesigen Beregnungsanlagen (das nenne ich Optimismus), selten ein Dorf… Das Ende der Welt.
In Oehna, kurz vor Jüterbog, mache ich die zweite Pause.
In den Schuhen quietscht das Wasser, trotz Neoprenüberzüge, ohne die wäre die Kälte gar nicht auszuhalten. Auch die Handschuhe sind pitschnass, aber die Jacke scheint dicht zu sein. Toll. Sitzen ist nicht, also Rast im Stehen. Und hier kreuzt übrigens eine Route des Fläming-Skate-Systems die Straße. Nur, ohne verlässliche Karte bleibe ich lieber auf den Straßen. (Oehna, 10:45 – 10:55 Uhr, 105,34 km, 4:09:28 Std. netto)
Eigentlich geht es mir überraschend gut. Ich spüre noch keine Form von Müdigkeit. Und mit dieser Trittfrequenz werde ich wohl noch ein gutes Stück weit kommen. Der Regen läßt übrigens nach! Nun weiter in Richtung Nordwesten, südlich an Niedergörsdorf vorbei, die Landschaft immer noch eintönig, ohne Höhepunkte. Seehausen, Blönsdorf, Kurzlipsdorf, Marzahna, den Namen habe ich schon mal gehört. Und überall Hinweisschilder auf Wittenberg. Das ist südlich nicht sehr weit weg. Sollte ich doch abbrechen?
Nein, es rollt jetzt ausnehmend gut, bis Niemegk kann ich sogar zeitweise auf dem großen Kettenblatt fahren. Und kurz vor Niemegk sehe ich südwestlich nun die sanften Höhenzüge des Hohen Fläming. Das Wetter wird stabiler, es bleibt trocken. Apropos stabil, auch meine Satteltasche hält noch. Aber was mache ich, wenn die letzte Schraube bricht? Hänge ich mir das Ding auf den Rucksack? In Niemegk biege ich nach Südwesten gen Fläming ab. Noch ein paar Kilometer, dann erreiche ich den großen Wald und in Rädicke, nachdem ich die A9 überquert habe, im Bushäuschen mache ich endlich Mittagsrast. Es ist 12:33…
Hinter mir eine Kirche im für diese Gegend typischen Stil, davor ein blühender Obstbaum. Schön… Allmählich fange ich an, mich mit dieser Tour anzufreunden. Es macht ja doch Spaß.
 Essen, trinken, essen, trinken… (Rädicke, 12:33 – 12:45, 149,44 km, 5:46:03 Std.)
Und immer noch habe ich weder schwere Beine, noch bin ich müde. Aber ich habe das leicht unheimliche Gefühl, dass mir unter anderem dieses Isostar-Zeugs Flügel verleiht. Dass mich das vielleicht hochputscht und der Zusammenbruch umso unerwarteter kommen könnte.
Nun wird die Strecke hügeliger, Raben, schlimmes Kopfsteinpflaster, sogar ein 6%er lauert hier, den ich aber sehr gemächlich mitnehme, Grubo, Jeserig und dann ist schon Wiesenburg zu sehen. Der waldreiche Fläming ist eigentlich wirklich schön, wenn es doch wenigstens mal sonnig wäre. Na ja… Bahnhof Wiesenburg, dann kurz vor Wiesenburg rolle ich auf der wenig befahrenen Bundesstraße in Richtung Zerbst. Der Wald ist endlos, es geht lange leicht bergab, es rollt super, dann lange leicht bergauf, das geht auch…
Kurz vor Reuden kurze Orientierungsrast, trinken, und ein paar Nüsse und Ananas hineinschieben. (180,01 km, 14:01 Uhr, 6:58:36 Std.)
In Dobritz verlasse ich schließlich den Fläming und auf einer kleinen Straße geht es schnurstracks zurück nach Süden. Ein wenig mühsamer wird es jetzt, die leichten Anstiege spüre ich nun. Aber es geht auch abwärts und da rollt es von allein. Mein Magen erinnert mich mit einem leichten Hungergefühl daran, dass die zwei Stunden vorüber sind.
Kurz vor Streetz „knacke“ ich die 200 und mache die nächste Pause. (Streetz, 201,95 km, 14:54 – 15:06 Uhr, 7:47:04 Std. netto)
Bis Dessau sind 14 km ausgeschildert. Ich überlege, nicht sehr intensiv, ob ich nun ab Dessau den Zug nehme. Aber dann entscheide ich mich, mich gar nicht festzulegen, sondern einfach zu fahren und zu sehen, was mit mir passiert. Roßlau ist auch nicht unbedingt eine Reise wert, ohne dass ich den hier wohnenden Menschen zu nahe treten möchte. Aber vielleicht liegt es auch nur am grau drückenden Wolkenhimmel. Eigentlich hat mich heute gar nichts so recht vor Begeisterung vom Hocker (sprich Sattel) gerissen.
Die Elbe überquere ich, die Radwege in Dessau sind für ein Rennrad katastrophal, das muss ich mir für den Juni merken und entsprechende Zeit einplanen. Und schließlich springt mir durch das Rütteln auch noch die zweite Schraube der Satteltasche ab. Zum Glück ist die nicht gebrochen und ich finde sogar Schraube, Mutter und Unterlegscheibe wieder, so dass ich das Ding notdürftig wieder am Sattel montieren kann. Dessau, viel Verkehr, viele Leute und immer noch keine blanke Erschöpfung bei mir.
Jetzt wären es noch schätzungsweise 70 Kilometer bis nach Hause, die müssten doch zu schaffen sein. Damit toppe ich dann auch meinen Längenrekord von 2006. Notfalls kann ich auch in Bitterfeld in den Zug steigen oder in Delitzsch.
Also radele ich weiter. Mildensee, nun wieder vertraute Strecke, die A9, dann Kleutsch, Wald, Sollnitz… Urwälder an Elbe und Mulde, eine wunderbare Landschaft. Heute leider auch sehr grau und trübe anzusehen.
Aber wenigstens regnet es nicht mehr. Raguhn, Muldenstein, ich schleiche, ohne mich zu verausgaben, den Hügel gen Friedersdorf hinauf, der Muldestausee ist erreicht und schließlich, sitze ich auf einer Bank am großen Goitzschesee, vis a vis habe ich die Silhouette von Bitterfeld im Blick.
(Mühlbeck, 245,19 km, 17:06 – 17:25 Uhr, 9:32:56 Std. netto)
Nach reichlichem Essen und Trinken geht es mir immer noch so weit gut, dass ich, während ich ein paar ältere Leute, Urlaubsgäste, die hier in einem der Ferienhäuschen am See wohnen, beim Ballspiel beobachte, überlege, ob ich es nicht versuchen könnte, doch heute die 300 voll zu machen. Meinen persönlichen Streckenrekord habe ich sowieso gleich in der Tasche. Allerdings müsste ich über Tiefensee bis fast Bad Düben, also einen größeren Umweg fahren. Denn wenn ich einmal wieder in der Nähe von zu Hause wäre, dann würde mir eine gewaltsame Ehrenrunde zum Schluss wesentlich schwerer fallen. Aber das entscheide ich, wenn ich bis Löbnitz gekommen bin. Kurz vor Pouch schaffe ich es sogar noch, den heftigen Anstieg vom See hinauf zum Parkplatz zu kurbeln. Löbnitz, leichter Kantenwind, ich muss herunter schalten, komme aber gut vorwärts. Wenn ich hier jetzt abbiege und die direkte Route nehme, komme ich nicht auf die Dreihundert.
Also weiter, es geht immer noch etwas.
Und genug Zeit ist auch noch. Lampen habe ich mit. Roitzschjora, die schöne Muldenaue links von mir, ein Totarm des Flusses, Tiefensee, Schnaditz. Der bekannte Schlossturm… Und dann sehe ich jenseits der Auenwiesen die Türme von Bad Düben. Nun wieder mit Rückenwind auf dem Radweg bis Wellaune. Das rollt hervorragend, sogar auf dem großen Blatt kann ich noch treten. Abzweig nach Hohenprießnitz, einige kleine Wellen..
Ein entgegenkommender älterer, sportlich aussehender Fahrer lächelt und zeigt mir die Kämpferfaust, als ich da so gemächlich einen leichten Anstieg hinaufschleiche. Sah ich doch so fertig aus?
Noitzsch, kurze Rast am Golfplatz, dann Krippehna, stille Sträßchen bis Wölkau und ohne Pause weiter. Boyda, Kupsal, der Hügel vor Mutschlena, den komme ich jetzt und heute im Gegensatz zum Oktober, als ich die Petersberg-Runde fuhr, nach damals 160 Kilometern, wesentlich besser hoch. Das ist Grund für Optimismus. Mutschlena, Liemehna, die kleinen Dörfchen, das riecht schon nach Heimat…
Taucha, kurze Spannung, denn die Straße ist ausgerechnet heute als Sackgasse ausgeschildert… Muss ich den Hügel nach Taucha hinauf, wieder zurück und einen Umweg fahren? Nein, mit dem Rad kommt man doch durch (fast) jede Baustelle. Auch wenn der Bagger recht bedrohlich wirkt. Bis Panitzsch wartet noch ein kleiner Anstieg, ich glaube, in meinem langsamen 20er Tempo mache ich auf dem Rennrad keine besonders vorteilhafte Figur. Doch warum soll ich mich fertig machen und schinden?
So habe ich immer noch Reserven!!!
Locker (pfeifend?) erreiche ich das Ziel und 19.40 Uhr bin ich wieder zu Hause!
Mir tut nichts weh, der Rücken nicht, der Nacken nicht, nichts ist verspannt, ich habe keine Krämpfe, die Beine sind o.k., die Arme und Hände haben allerdings keinen Bedarf mehr, den Lenker zu halten. Ein wenig Krafttraining könnte da sicher nicht schaden. Na ja…
Nur kurz vor Panitzsch hatte ich doch einige Motivationsprobleme! Das war wohl vermutlich der Zeitpunkt, an dem der körperliche Kampf in den Kampf mit dem Kopf umschlägt.

Der erste Dreihunderter! Geplant war der in diesem Maße nicht, ich hätte allerdings mit 285 Kilometern auch nicht so recht zufrieden einschlafen können 😉
Ich freue mich darauf, die nächste lange Tour fahren.

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