Der erste 300er / Heide-Fläming-Runde 2008

Freitag, 11.04.2008
Um fünf klingelt der Wecker.
Draußen ist es trübe und düster, leichter, feuchter Dunst über allem. Ein häßliches Wetter und meine Lust, aufzubrechen, hält sich sehr in Grenzen. Kurzes Frühstück und dann breche ich 6.10 Uhr auf.
Noch ist es recht trocken, aber dann, als es dämmert, aber nie so richtig hell wird, bei Zeititz und Wurzen beginnt es zu tröpfeln. Und schließlich regnet es richtig. Auf der Straße ist wenig Verkehr, Falkenhain, Schildau, Torgau, alles ist grau, nass, trist… Und ich schreie ab und zu meine Wut über dieses Mistwetter heraus. Nur die Gedanken an einen vorzeitigen Abbruch verdränge ich. Kommenden Samstag, beim Spreewaldmarathon wäre es ja auch nicht möglich, wegen Regen abzubrechen.
Erste Pause nach reichlich zwei Stunden im Bushäuschen von Zwethau. Die Elbe ist überquert, es regnet schön gleichmäßig, der Wind weht leicht aus Nordost. Mit Absicht habe ich die Richtung so gewählt, dass ich die ersten 100 Kilometer gegen den Wind fahre. Wenn der nicht dreht, habe ich dann beste Chancen auf dem Weg zurück. (Zwethau: 08:35 – 08.45 Uhr, 57,83 km, 2:22:44 Std. netto)
An meiner neuen Satteltasche ist eine Schraube abgesprungen und verloren, nun wackelt das Ding erbärmlich. Aller paar Kilometer muss ich nun anhalten und nun die zweite, letzte Schraube kontrollieren. Und der Regen wird stärker. Ich habe langsam begonnen, fahre kontinuierlich in mittleren Gängen mit, wie ich schätze, ca. 90er Frequenz. Das ist absolut kraftsparend und ich komme recht gut voran. Und der Schnitt steigt langsam von anfänglich 22 km/h auf über 24 km/h. Nun gottverlassene Dörfer, Zwethau, Bethau und wie sie alle heißen, dazu die Tristesse des Wetters und der Landschaft.
Östlich das Militärübungsgebiet der Annaburger Heide, zwei Armee-Hubschrauber drehen dort ihre Runden.
Annaburg, ein trostloses Nest… Oder liegt das nur am Wetter? Regen. Immer noch… Mittlerweile ist es 09.40 Uhr, 80 Kilometer sind gefahren.
Schweinitz an der Schwarzen Elster, die hat leichtes Hochwasser, kein Wunder, kurze Fotopause auf der Elsterbrücke. Dann endlose einsame Straße fast direkt nach Norden in Richtung Jüterbog. Wald, Wiesen, Felder mit riesigen Beregnungsanlagen (das nenne ich Optimismus), selten ein Dorf… Das Ende der Welt.
In Oehna, kurz vor Jüterbog, mache ich die zweite Pause.
In den Schuhen quietscht das Wasser, trotz Neoprenüberzüge, ohne die wäre die Kälte gar nicht auszuhalten. Auch die Handschuhe sind pitschnass, aber die Jacke scheint dicht zu sein. Toll. Sitzen ist nicht, also Rast im Stehen. Und hier kreuzt übrigens eine Route des Fläming-Skate-Systems die Straße. Nur, ohne verlässliche Karte bleibe ich lieber auf den Straßen. (Oehna, 10:45 – 10:55 Uhr, 105,34 km, 4:09:28 Std. netto)
Eigentlich geht es mir überraschend gut. Ich spüre noch keine Form von Müdigkeit. Und mit dieser Trittfrequenz werde ich wohl noch ein gutes Stück weit kommen. Der Regen läßt übrigens nach! Nun weiter in Richtung Nordwesten, südlich an Niedergörsdorf vorbei, die Landschaft immer noch eintönig, ohne Höhepunkte. Seehausen, Blönsdorf, Kurzlipsdorf, Marzahna, den Namen habe ich schon mal gehört. Und überall Hinweisschilder auf Wittenberg. Das ist südlich nicht sehr weit weg. Sollte ich doch abbrechen?
Nein, es rollt jetzt ausnehmend gut, bis Niemegk kann ich sogar zeitweise auf dem großen Kettenblatt fahren. Und kurz vor Niemegk sehe ich südwestlich nun die sanften Höhenzüge des Hohen Fläming. Das Wetter wird stabiler, es bleibt trocken. Apropos stabil, auch meine Satteltasche hält noch. Aber was mache ich, wenn die letzte Schraube bricht? Hänge ich mir das Ding auf den Rucksack? In Niemegk biege ich nach Südwesten gen Fläming ab. Noch ein paar Kilometer, dann erreiche ich den großen Wald und in Rädicke, nachdem ich die A9 überquert habe, im Bushäuschen mache ich endlich Mittagsrast. Es ist 12:33…
Hinter mir eine Kirche im für diese Gegend typischen Stil, davor ein blühender Obstbaum. Schön… Allmählich fange ich an, mich mit dieser Tour anzufreunden. Es macht ja doch Spaß.
 Essen, trinken, essen, trinken… (Rädicke, 12:33 – 12:45, 149,44 km, 5:46:03 Std.)
Und immer noch habe ich weder schwere Beine, noch bin ich müde. Aber ich habe das leicht unheimliche Gefühl, dass mir unter anderem dieses Isostar-Zeugs Flügel verleiht. Dass mich das vielleicht hochputscht und der Zusammenbruch umso unerwarteter kommen könnte.
Nun wird die Strecke hügeliger, Raben, schlimmes Kopfsteinpflaster, sogar ein 6%er lauert hier, den ich aber sehr gemächlich mitnehme, Grubo, Jeserig und dann ist schon Wiesenburg zu sehen. Der waldreiche Fläming ist eigentlich wirklich schön, wenn es doch wenigstens mal sonnig wäre. Na ja… Bahnhof Wiesenburg, dann kurz vor Wiesenburg rolle ich auf der wenig befahrenen Bundesstraße in Richtung Zerbst. Der Wald ist endlos, es geht lange leicht bergab, es rollt super, dann lange leicht bergauf, das geht auch…
Kurz vor Reuden kurze Orientierungsrast, trinken, und ein paar Nüsse und Ananas hineinschieben. (180,01 km, 14:01 Uhr, 6:58:36 Std.)
In Dobritz verlasse ich schließlich den Fläming und auf einer kleinen Straße geht es schnurstracks zurück nach Süden. Ein wenig mühsamer wird es jetzt, die leichten Anstiege spüre ich nun. Aber es geht auch abwärts und da rollt es von allein. Mein Magen erinnert mich mit einem leichten Hungergefühl daran, dass die zwei Stunden vorüber sind.
Kurz vor Streetz „knacke“ ich die 200 und mache die nächste Pause. (Streetz, 201,95 km, 14:54 – 15:06 Uhr, 7:47:04 Std. netto)
Bis Dessau sind 14 km ausgeschildert. Ich überlege, nicht sehr intensiv, ob ich nun ab Dessau den Zug nehme. Aber dann entscheide ich mich, mich gar nicht festzulegen, sondern einfach zu fahren und zu sehen, was mit mir passiert. Roßlau ist auch nicht unbedingt eine Reise wert, ohne dass ich den hier wohnenden Menschen zu nahe treten möchte. Aber vielleicht liegt es auch nur am grau drückenden Wolkenhimmel. Eigentlich hat mich heute gar nichts so recht vor Begeisterung vom Hocker (sprich Sattel) gerissen.
Die Elbe überquere ich, die Radwege in Dessau sind für ein Rennrad katastrophal, das muss ich mir für den Juni merken und entsprechende Zeit einplanen. Und schließlich springt mir durch das Rütteln auch noch die zweite Schraube der Satteltasche ab. Zum Glück ist die nicht gebrochen und ich finde sogar Schraube, Mutter und Unterlegscheibe wieder, so dass ich das Ding notdürftig wieder am Sattel montieren kann. Dessau, viel Verkehr, viele Leute und immer noch keine blanke Erschöpfung bei mir.
Jetzt wären es noch schätzungsweise 70 Kilometer bis nach Hause, die müssten doch zu schaffen sein. Damit toppe ich dann auch meinen Längenrekord von 2006. Notfalls kann ich auch in Bitterfeld in den Zug steigen oder in Delitzsch.
Also radele ich weiter. Mildensee, nun wieder vertraute Strecke, die A9, dann Kleutsch, Wald, Sollnitz… Urwälder an Elbe und Mulde, eine wunderbare Landschaft. Heute leider auch sehr grau und trübe anzusehen.
Aber wenigstens regnet es nicht mehr. Raguhn, Muldenstein, ich schleiche, ohne mich zu verausgaben, den Hügel gen Friedersdorf hinauf, der Muldestausee ist erreicht und schließlich, sitze ich auf einer Bank am großen Goitzschesee, vis a vis habe ich die Silhouette von Bitterfeld im Blick.
(Mühlbeck, 245,19 km, 17:06 – 17:25 Uhr, 9:32:56 Std. netto)
Nach reichlichem Essen und Trinken geht es mir immer noch so weit gut, dass ich, während ich ein paar ältere Leute, Urlaubsgäste, die hier in einem der Ferienhäuschen am See wohnen, beim Ballspiel beobachte, überlege, ob ich es nicht versuchen könnte, doch heute die 300 voll zu machen. Meinen persönlichen Streckenrekord habe ich sowieso gleich in der Tasche. Allerdings müsste ich über Tiefensee bis fast Bad Düben, also einen größeren Umweg fahren. Denn wenn ich einmal wieder in der Nähe von zu Hause wäre, dann würde mir eine gewaltsame Ehrenrunde zum Schluss wesentlich schwerer fallen. Aber das entscheide ich, wenn ich bis Löbnitz gekommen bin. Kurz vor Pouch schaffe ich es sogar noch, den heftigen Anstieg vom See hinauf zum Parkplatz zu kurbeln. Löbnitz, leichter Kantenwind, ich muss herunter schalten, komme aber gut vorwärts. Wenn ich hier jetzt abbiege und die direkte Route nehme, komme ich nicht auf die Dreihundert.
Also weiter, es geht immer noch etwas.
Und genug Zeit ist auch noch. Lampen habe ich mit. Roitzschjora, die schöne Muldenaue links von mir, ein Totarm des Flusses, Tiefensee, Schnaditz. Der bekannte Schlossturm… Und dann sehe ich jenseits der Auenwiesen die Türme von Bad Düben. Nun wieder mit Rückenwind auf dem Radweg bis Wellaune. Das rollt hervorragend, sogar auf dem großen Blatt kann ich noch treten. Abzweig nach Hohenprießnitz, einige kleine Wellen..
Ein entgegenkommender älterer, sportlich aussehender Fahrer lächelt und zeigt mir die Kämpferfaust, als ich da so gemächlich einen leichten Anstieg hinaufschleiche. Sah ich doch so fertig aus?
Noitzsch, kurze Rast am Golfplatz, dann Krippehna, stille Sträßchen bis Wölkau und ohne Pause weiter. Boyda, Kupsal, der Hügel vor Mutschlena, den komme ich jetzt und heute im Gegensatz zum Oktober, als ich die Petersberg-Runde fuhr, nach damals 160 Kilometern, wesentlich besser hoch. Das ist Grund für Optimismus. Mutschlena, Liemehna, die kleinen Dörfchen, das riecht schon nach Heimat…
Taucha, kurze Spannung, denn die Straße ist ausgerechnet heute als Sackgasse ausgeschildert… Muss ich den Hügel nach Taucha hinauf, wieder zurück und einen Umweg fahren? Nein, mit dem Rad kommt man doch durch (fast) jede Baustelle. Auch wenn der Bagger recht bedrohlich wirkt. Bis Panitzsch wartet noch ein kleiner Anstieg, ich glaube, in meinem langsamen 20er Tempo mache ich auf dem Rennrad keine besonders vorteilhafte Figur. Doch warum soll ich mich fertig machen und schinden?
So habe ich immer noch Reserven!!!
Locker (pfeifend?) erreiche ich das Ziel und 19.40 Uhr bin ich wieder zu Hause!
Mir tut nichts weh, der Rücken nicht, der Nacken nicht, nichts ist verspannt, ich habe keine Krämpfe, die Beine sind o.k., die Arme und Hände haben allerdings keinen Bedarf mehr, den Lenker zu halten. Ein wenig Krafttraining könnte da sicher nicht schaden. Na ja…
Nur kurz vor Panitzsch hatte ich doch einige Motivationsprobleme! Das war wohl vermutlich der Zeitpunkt, an dem der körperliche Kampf in den Kampf mit dem Kopf umschlägt.

Der erste Dreihunderter! Geplant war der in diesem Maße nicht, ich hätte allerdings mit 285 Kilometern auch nicht so recht zufrieden einschlafen können 😉
Ich freue mich darauf, die nächste lange Tour fahren.

Die Route auf gpsies.com