Elbe-Eger-Erzgebirge 2010

Elbe – Eger – Erzgebirge 2010
 
Ich wollte diese Tour gern, in abgewandelter Form, noch einmal wiederholen, weil sich seit dem letzten Jahr solch gute Erinnerungen für mich damit verbinden. Allerdings standen in diesem Jahr die Chancen auf gutes Wetter wesentlich schlechter als 2009, in den letzten Wochen hatte es ergiebig geregnet, es war viel zu kalt für Mai und nach dem Harz-Marathon von vor zwei Wochen hatte ich eigentlich keine großen Erwartungen mehr.
Nun war auch für diesen Freitag wechselhaftes, allerdings recht mildes Wetter angesagt. Also wollte ich es wenigstens versuchen. Meine Form erschien mir recht gut, so konnte ich es dieses Mal auch wagen, nicht nur das Erzgebirge zu überqueren, sondern auch das östliche Böhmische Mittelgebirge, damit ich ohne zuviele Zusatzkilometer sogar mal bis Roudnice nad Labem kommen könnte. Und statt Louny, die Stadtdurchfahrt war im letzten Jahr nicht so toll, würde ich in Zatec (Höllentour 2007) gern mal die Altstadt sehen wollen. Zatec, das war doch die Stadt, an deren Rand ich 2007 bei 30°C Hitze bereits stark dehydriert in einem Supermarkt endlich Getränke nachkaufen konnte und dann dummerweise stur an der Route über Kadan festhielt.
Schon um diese Erinnerung zu tilgen, musste ich also hier noch einmal durch.

Freitag, 28.05.2010
Wieder einmal piept 4 Uhr der Wecker. Pünktlich 5.09 fährt der Zug nach Dresden, der füllt sich in Riesa enorm, auch in Dresden ist die S-Bahn dann gerappelt voll, na klar, es ist ja Freitag. Pendlerverkehr. Dieses Mal habe ich sogar eine gültige Fahrkarte im Rucksack. Bei Dresden scheint noch die Sonne, allerdings zieht diese sich wieder hinter dichte Wolken zurück, als ich die Sächsische Schweiz erreiche. Der logistische Aufwand für diese Nordböhmentouren ist immer recht groß, die Fahrt scheint endlos, obwohl ich bereits 4 Uhr aufstand, kann ich in Bad Schandau erst 7.50 Uhr starten. Öfter im Jahr kann ich mir das nicht leisten. Effektiver ist es da, direkt von zu Hause aus los zu radeln.
Aber nun geht es wirklich endlich los. Trocken ist es zum Glück, die Temperaturen sind ok. Bad Schandau, wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt fällt mir auf dem holprigen Kopfsteinpflaster erst einmal die Satteltasche ab, dann geht es aber zügig weiter. Die Bundesstraße an der Elbe entlang ist wenig befahren, so dass ich nicht unbedingt auf den Radweg ausweichen muss.
8.15 Uhr erreiche ich Hrensko, guten Morgen Böhmen. Nur kurz irritierte mich ein provozierender Polizistenblick an der Grenze, aber die lassen mich in Ruhe. Welcher Dödel fährt hier auch um diese Zeit schon per Rad nach Böhmen.
Bei Hrensko liegt ein großer Block vom Sandsteinfelsen auf der Straße. Durch den vielen Regen wird das Gestein enorm aufgeweicht sein. Hoffentlich bleibt das der einzige Felssturz. Bis Decin gewohnte Strecke, ein erster Anstieg kurz vor der Stadt, die ich schnell durchquere, ein zweiter Anstieg, als ich diese wieder verlasse. Nun geht es auf der rechtselbischen Seite bis Male Brezno. Es ist recht trübe, na ja, könnte auch schlimmer sein, ist aber wenigstens noch trocken. Und es ist ein wenig mehr Verkehr, zumindest in Decins Umgebung als 2009, aber da war es ja auch ein Samstag. Male Brezno nach ca. 37 Kilometern.
Nun wird es spannender. Wie wird mich die Überquerung des Böhmischen Mittelgebirges in Anspruch nehmen? Werde ich dann das Erzgebirge am Ende auch noch packen? Oder muss mich Dagi in Chomutov abholen…
Der Wind weht aus Nordost, also ein wenig von der Kante, als ich die recht allmählich aufsteigende Straße 260 in Richtung Ustek fahre. Stille böhmische Dörfer, Waldhänge, „Armin“ zählt fleißig die Höhenmeter. 150, 160, 190… Ab und zu wird es etwas steiler, das ist aber auf dem kleinen Blatt gut zu machen. Ich muss mich ja hier noch nicht so schinden. 300, 350, nun mal ein kurzer knackiger 9%er, dann noch einer… Na ja, geht auch noch. Das Tal ist schön, die Berge sind allerdings nicht so ausgeprägt wie im westlichen Teil, es gibt keine Vulkankegel hier. Und irgendwo tief hinter mir liegt das Elbetal, die „Porta Bohemica“.
400, 440, Loveckovice, etwas trist, ich habe den höchsten Punkt erreicht. Drüben, im Süden der breite Buckel des Sedlo, mit 726 m der höchste Berg des östlichen Böhmischen Mittelgebirges.
Dann ein 12%-Schild, endlich und auf einer Bergkuppe, ganz fotogen, die Kirche des Dorfes Levin. Ich freue mich nun auf das Rollen bis Roudnice herunter. Aber erst einmal mache ich Rast am Straßenrand. Einen Hungerast will ich nicht riskieren. Die Beine? Na ja, ganz ok… Trotzdem ist es gut, wenn es jetzt erst einmal wieder abwärts geht. Doch ein Weilchen dauert das noch. Es geht ein ganzes Stück am Berghang entlang, fast immer auf gleicher Höhe, bis hinüber nach Trnobany. Zwischendurch ein guter Blick nach Osten, dort stehen doch noch zwei Vulkankegel, dann sehe ich auch vor mir die weit unten liegende Ebene an der Elbe. Und nun, in Libesice quere ich die 15, geht es richtig bergab. Schön, schnell, es rollt prima. Ich vermeide die etwas stärker befahrene Straße 240, nehme stattdessen die fast parallel verlaufende Route über Drahobuz, die ist viel ruhiger. Allerdings ist auch der Straßenbelag etwas grober. Weiter unten schön, bunt in einem Tälchen, verirrter gelber Raps am Straßenrand und gegenüber rot glühender Mohn im Grün. Herrlich. Dazu lichten sich zusehends die Wolken, es ist zwar etwas dunstig, aber, kaum zu glauben, die Sonne scheint jetzt. Schlagartig wird es warm. Vulkankegel sind hier keine zu sehen. Dazu bin ich zu weit entfernt, bis zur Milesovka werden es vielleicht 20 km sein. Wenig später rolle ich inkl. kleinerer Anstiege entlang der hinter den Wäldchen noch nicht sichtbaren Elbe.
Und kurz darauf entdecke ich in der Senke vor mir die Türme von Roudnice. Na Spitze, das ging doch recht gut bis hierher. Punkt 11.15 stehe ich auf der Brücke über die Elbe, vor mir die Altstadt von Roudnice. Ich bin begeistert, sehr sehenswert ist das, gerade jetzt, bei Sonne und blauem Himmel. Die Elbe führt viel Wasser, Breite des Flusses wirkt noch intensiver, weil er hier aufgestaut wird und breit und mächtig über das Wehr strömt. Roudnice, der Brückenkopf, steinerne Figuren mit Stadtwappen. Vor mir der Karlsplatz. 
Als ich zu Fuß, um die Atmosphäre dieser Minuten auf mich wirken zu lassen, am Karlsplatz entlang schiebe, spricht mich plötzlich eine Tschechin an. Freundlich, aber ich verstehe leider nix… Sie gestikuliert, zeigt auf meinen Fahrradsattel… Verflixt, die Satteltasche ist wieder abgefallen! Als die Tschechin sieht, dass ich kapiert habe, rennt sie die paar hundert Meter vor mir her zur Straße zurück, die ich gerade überquert habe. Dort liegt das Teil, ein älterer Radfahrer will die offensichtlich gerade für sich sicherstellen, was sie aber nicht zulässt. Na so etwas Nettes! Tausend Dank. Dann drückt sie mir die Tasche in die Hand, freut sich, steigt ins Auto, winkt und fährt davon.
Abseits vom Karlsplatz sieht Roudnice aber leider genauso bröckelig wie viele andere böhmische Städte aus. In einer Seitenstraße schwinge ich mich wieder aufs Rad, dann geht es weiter. Nun streng nach Westen, erst ein Stück bergauf, nach dieser Anhöhe, 45 km vor Prag (wäre das nicht doch einen Versuch wert???), rolle ich dann recht schnell hinab nach Budyne ins Egertal. Mit Rückenwind, toll, fahre ich nun sehr zügig auf bekannter Strecke an der Eger entlang. Drüben die Hazmburk auf dem grünen Bergkegel über den Rapsfeldern – ein Klasse-Fotomotiv. 
Einige Kilometer weiter passiere ich die Stelle, an der ich 2009 Mittag machte. Die Story mit dem totgeglaubten Eisenbahngleis… Leider steht heute hier ein Lieferwagen… Und dann ziehen schnell dunkle Wolken aus Südwesten heran. Aber darauf war ich eingestellt, es tröpfelt ein wenig… Im Dunst sehe ich schon die Berge Mila, Oblik und Rana. Louny ist nicht mehr weit und es ist erst 13 Uhr! Ich bin eine Stunde früher als 2009. Kurz vor Louny, in Cerncice ereilt mich nun doch ein Regenguss. Als ich genervt und pitschnass in einer Seitenstraße halte, spricht mich eine Tschechin an. Ich verstehe nur „Autobus“ und „Nadrazi“. Ah! Bushaltstelle, gleich um die Ecke. Tatsächlich steht da ein riesiger Unterstand, in den ich neben die zahlreichen Leute auch noch passe.
Also diese netten Tschechinnen bekommen heute von mir 100 Punkte!
Louny werde ich heute umgehen, ich nehme, als der Regen nachlässt, die Straße nach Chlumcany, südwestwärts. Die Sonne scheint schon wieder, der Asphalt dampft.
Ich mache die nächste Pause. Es ist 13.08 Uhr, eine gute Zeit. 111,44 km habe ich hinter mir. Die Beine sind nun ein wenig schwer, aber noch ist Einiges möglich.
13.18 Uhr geht es nach Zatec. Die Straße verläuft hier etwas höher als das Egertal, man hat einen guten Blick nach Louny und die Speichertürme, die ich 2009 fotografierte, hinüber. Der Wind in Bodennähe schiebt immer noch ein wenig, obwohl die Wolken da oben aus entgegen gesetzter Richtung kommen. Und schon wieder regnet es ein wenig. Na ja, wenn das so weiter geht, ist es trotzdem auszuhalten. Ein tiefes Seitental, ein knackiger Anstieg folgen, dann liegt Zatec vor mir.  Sonnenschein, als ich in die Altstadt rolle.
Zatec, 14.20 Uhr, 135,28 km. Das könnte nun etwas mehr als die Hälfte sein. Auf dem Marktplatz mit den schönen bunten alten Häusern ringsum und dem Schloss vor mir, sitze ich mal kurz, entspanne. Schön ist es hier. Das habe ich 2007 nicht ahnen können, da hatte ich enormen Druck, es wenigstens noch aufs Erzgebirge hinauf zu schaffen. Heute ist das schon eher ein Genuss. Nach ein paar Fotos fahre ich 14.50 Uhr weiter.
Aber plötzlich ist die kleine Straße, die ich nach Chomutov nehmen wollte, an der Eisenbahnbrücke gesperrt. Baustelle, Brücke weg… Kommt mir bekannt vor. Mit dem Rad kommt man eben doch nicht überall durch. Auch bei den Tschechen nicht.
Da muss ich wohl zurück. Havarievariante, Plan B??? Dank „Armin“ kein Problem, die OSM-Karte ist da selbst für Nordböhmen wirklich recht detailliert. Minuten später kurbele ich mühselig auf der stark befahrenen 27 in Richtung Norden aus dem Egertal hinaus auf die nächste Höhe. Ein Laster hinter mir, den bremse ich gnadenlos aus, ein Laster vor mir… Unangenehm. Schnell hier wieder herunter. Aber das gelingt mir erst nach 4 Kilometern, als ich in einem kleinen Dorf, alles hinter mir blockierend, endlich auf eine kleine Seitenstraße ausweichen kann.
Die Höhenlinien, die mir „Armin“ zeigt, lassen nicht vermuten, wie steil es jetzt mal wird. Zunächst ein noch moderater Anstieg, zwei Kilometer auf der Höhe entlang bis zum nächsten Dorf, dann hinab zum Bach und dann habe ich doch endlich mal wieder meine schweißtreibenden 12%. Ich hatte zwar mit einem Ausrollen bis Chomutov gerechnet, aber hier um Zatec gibt es nur tiefe Seitentäler.
Klasse… Und die tschechischen Sträßchen sind materialsparend direkt bergführend gebaut.

Wozu Umwege in Form von Kurven oder Serpentinen machen 😉
Schnaufend stehe ich nach Minuten oben, verfahre mich (trotz „Armin“) kurz, finde dann aber gleich den richtigen Weg. Von Südwesten drohen dunkle Wolken, die sich am Erzgebirge zu stauen und abzuregnen scheinen. Es tröpfelt… Wie wird es auf der Nordseite aussehen?
Kurze Rast, zwei Hanuta, Trinken. Dann geht es doch recht gut in Richtung Erzgebirge, Chomutov ist schon zu sehen. Wieder abwärts, zur großen Straße Prag – Grenze, der 7. Der Verkehr läßt es sogar zu, dass ich ein paar hundert Meter dort fahren kann. Aber nun rasch wieder auf die ruhigeren kleinen Straßen, die mich allmählich ansteigend in das im einsetzenden Regen noch tristere Chomutov führen. Dank „Armin“ komme ich ganz gut durchs unübersichtliche Zentrum, dann erreiche ich die Straße ins Bezrucova-Tal, auf der ich schon im letzten Jahr ins Gebirge hochfuhr. Die Wolken sind inzwischen immer schwärzer geworden, es donnert sogar, dann geht ein heftiger Regenguss nieder, den ich lieber unter dem Dachüberstand des nebenan stehenden Supermarktes abwarte.
Es dauert nicht sehr lange, die Pause war sowieso nötig, 159,53 km habe ich bewältigt, es ist 16.20, als ich die Auffahrt ins Gebirge beginne. Die Straße steht noch unter Wasser, aber na ja… Wie schon im letzten Jahr habe ich zunächst einen über 20er Schnitt, leider halte ich den nicht lange durch. Ich muss herunter schalten, so in kleinen Gängen kurbelt es sich leichter und vor allem kraftsparender. Das Tal ist sehr einsam nach dem Gewitter, es wird spürbar kühler, doch weiter oben schaut schon die Sonne wieder durch die Wolken. Na bitte. 
Erneut klickert der Höhenmeterzähler intensiv. Nach jeweils 1,5 Kilometern mache ich eine kurze Verschnaufpause, nur nicht überziehen, ich habe noch ein paar Kilometer und vor allem muss ich ja auch noch den „Killerberg“ von Weißbach schaffen. Und so geht es wider Erwarten recht gut, der letzte straffe Anstieg auf den Wiesen oben am Kamm, dann Hora Svateho Sebestiana. Wie ausgestorben ist es hier, es ist kühl, nur 10°C, aber trocken. 
Von Chomutov habe ich 1 ¼ Stunde für die 16 Kilometer und 600 Höhenmeter gebraucht. Das ist ganz gut, finde ich, wenn nicht sogar besser als 2009.
Essen, viel geht da nicht, Trinken, ein Energie-Gel, raus aus den nassen Sachen, rein in die trockene warme Beucha-Triathlon-Jacke, Wetterjacke drüber, Handschuhe an, Kappe auf, der Fahrwind bergab wird kalt.
18 Uhr bin ich schon kurz vor Reitzenhain, die Erzgebirgshochfläche habe ich hinter mir, drüben unweit der Hirtstein. Vielleicht klappt das ja auch mal noch. Und die Sonne scheint wieder, als ich endlich lange nach Steinbach bergab rolle.
Wie die Jungs, die ratlos am Straßenrand stehen, das eine Auto in den Graben bugsiert haben, ist mir unklar. Die sahen doch recht nüchtern aus. Da bin ich jetzt wohl eindeutig im Vorteil. Nun wieder bekannte Gegenden, im Preßnitztal bin ich nicht ganz so zügig, wie erwartet, die Beine sind doch recht schwer, jeder kleine Hügel ist anstrengend.
19.00 Uhr Wolkenstein, 203,21 km. Die 200 habe ich in Streckewalde „geknackt“.
„Meine“ Bank gegenüber vom Griechen ist für mich reserviert und frei. Handschuhe und Kappe aus, es ist wieder warm. Schöne Abendstimmung, ein wenig dämmrig ist es hier im Zschopautal, doch es wird schon noch ohne Licht gehen.
Kurzer Anruf bei Dagi, das Bier ist kalt gestellt J Welch ein Tag!
Zschopautal, Hopfgarten, Scharfenstein, es rollt gut, Wilischthal… Dann der Abzweig und dann der „Killerberg“. Aber nur keinen Streß! Die beiden Mädels vor mir auf den Rädern lasse ich noch in einer ganz guten Haltung hinter mir, dann muss ich (heimlich) doch runter schalten und mit 14 km/h geht es nun allmählich hinauf. Kurze Rast, verschnaufen, dann das letzte Stück bergauf und schon folgt die Schussfahrt hinab ins Zwönitztal nach Dittersdorf.
Einsiedel, Erfenschlag, gut geht das immer noch.
Chemnitz!!!
Das war es fast. Südring, Seelenbinder-Straße. Ehe ich keine gute Figur beim vorletzten Anstieg-Bergauf-Kurbeln abgebe, trage ich das Rad lieber die Treppe hinauf zur Stollberger Straße. Und zu guter Letzt erspare ich mir heute auch den Ulmenstraßen-10%er. Es wäre schon noch gegangen, denke ich, aber ich habe einfach keine Lust mehr dazu…
Es reicht, mir geht es den Umständen entsprechend (fast sehr) gut.
Es war weit, bergig, schön…
Es ist 20.50 Uhr.
 236,31 km in 10.39 Stunden Nettofahrtzeit, kein besonders toller Schnitt.
2500 Hm.
Schön war’s . Steigerungen sind nach solchen Tagen immer schwer möglich.
 
Fazit: Habe zum Glück wieder (fast) alles richtig gemacht, so dass die Tour bis zum Schluss Spaß machte und ich auch die Landschaften und Städte genießen konnte. Nie war das Gefühl da, nicht mehr weiter zu können, aufzugeben. Man sollte durchaus bereit sein, im geeigneten Moment auch mal ein paar Meter zu schieben. Ausreichendes Essen und Trinken in regelmäßigen Pausen sind wichtig, da war ich nicht ganz so konsequent, das spürte ich zwischendurch auch mal kurz, als ich versucht war, „Kilometer zu machen“. Sollte man nicht tun, Auswirkungen sind hinlänglich bekannt .

Die Route auf gpsies.com

Harz- oder 40-Euro-Tour 2010

Harztour 2010
 
Geplant hatte ich ursprünglich die Umsetzung meines jahrelangen Traums, einmal über den Jeschken zu radeln. Dann wurden aber die Wetterprognosen immer schlechter, so dass ich mich für eine flachere Nordböhmentour ins Kokorinsko entschied. Denn Schnee auf dem Jeschken wollte ich auch nicht unbedingt erleben. Und nun waren für diesen Freitag im Südosten Deutschlands und Böhmen Dauerregen und Kälte angesagt. Unangenehm…
Was tun?
Am Himmelfahrtstag nach der ausgedehnten „Vatertags“-Runde mit Holger plante ich ganz kurzfristig am Abend, noch als Klamts bei uns waren, eine Havarievariante. Im Westen, Nordwesten sollte es voraussichtlich am längsten trocken bleiben. Die Temperaturen waren mir im Prinzip schon egal. Man gewöhnt sich auch daran, dass der Winter scheinbar kein Ende nimmt…
Einen Harz-Marathon hatte ich vor Jahren auch schon einmal durchgeplant.  Und mit diesem Gedanken als Grundlage entwickelte ich nun eine neue Tour. Mit dem Zug würde ich bis Sangerhausen fahren, dann den Harz überqueren und zurück bis nach Hause radeln. Bis Halle wäre das alles kein Problem, das Risiko wäre die Stadtdurchfahrt in Halle und dann die ca. 30 Kilometer hinüber bis nach Rackwitz.
Mit der Fahrkarte war ich flexibel, ich hatte ja am Mittwoch ein Sachsenticket gekauft.

Freitag, 14.05.2010
4 Uhr holt mich das hässliche Weckerpiepsen aus meinem kurzen Schlaf. Aber das Aufstehen gelingt recht gut. Schnell das Notebook eingeschaltet, wetteronline.de angeklickt und einen Blick auf die blauen Flecken des Regenradars in Deutschlands Südosten geworfen. Keine Frage, es blieb mir nur die Möglichkeit, in den Harz zu fahren, dort war es noch trocken.
Vorbereitet war alles schon, 5.15 Uhr Fahrt mit der Regionalbahn nach Leipzig, dort in den Zug nach Halle/Saale umsteigen. Als ich der Schaffnerin gelassen mein Sachsen-Ticket hinhalte, guckt die nur kurz und meint, das wäre nicht gültig. Erst ab 9 Uhr. So ein Mist! Stimmt, heute ist ja kein Wochenende und kein Feiertag. Das habe ich völlig übersehen. In meinem Frust, dass die nicht mit sich verhandeln lässt, das ist offensichtlich bei weiblichen Schaffern (weshalb eigentlich, Männer sind da viel toleranter) fast immer so, bezahle ich die 40 EUR gleich in bar, persönliche Daten bekommt die von mir nicht. Ein vom Männertag noch halb Betrunkener meint, ich solle mich deswegen nicht hinunter ziehen lassen. Recht hat er, auch wenn es ärgerlich ist, will ich mir trotzdem diesen Tag nicht verderben lassen.
Im Zug nach Sangerhausen kommt nun ausgerechnet kein Schaffner. Klasse, so vertreibt die Bahn ihre Kunden!
Draußen trübes Wetter, dunkle, regenschwere Wolken. Aber als ich in Sangerhausen 7.30 aussteige, nieselt es nur ein paar Tröpfchen.  Nur richtig hell wird es leider nicht.
7.40 Uhr rolle ich an der Bundesstraße auf einem guten Radweg in Richtung Westen. Im trüben Dunst ist der Höhenzug mit dem Kyffhäuser-Denkmal zu sehen. Doch dorthin will ich heute nicht. Kaum zu glauben, dass es schon wieder 4 Jahre her ist, als ich da oben mit dem Rad entlang fuhr.
Mit einem moderaten Tempo geht es ganz gut, rechts Rapsfelder, Ausläufer des Südharzes, links und vor mir die weite Talebene der Goldenen Aue.  Wallhausen, Roßla, Berga, die Straße verläuft parallel zur neuen A38, deswegen ist sie zu meinem Glück wenig befahren. In Berga, bekannte Strecke von 2006, nach ca. 24 Kilometern biege ich nun nach Norden in das Tyra-Tal ab. Rottleberode, das erste Harzstädtchen mit Fachwerkhäusern nach 7 Kilometern, der Wind weht von Nordwest, aber noch bin ich frisch, das macht mir nicht viel. Ich hatte befürchtet, dass mir die 130 km-Tour von gestern noch mehr in den Knochen stecken würde, aber auch das ist halb so schlimm.
Nun steigt die Straße allmählich an, wird kurvenreicher, führt durch den Wald. Neben mir die rauschende Tyra. Ein schönes Tal, 2006 waren hier 30°C Hitze, heute sind es gerade 6°C, weiter oben dann nur noch 4°C. 
Stolberg. Wunderbar in das enge Waldtal eingebettet, uralte Fachwerkhäuser oben auf dem Berg die Burg, aufs Schönste restauriert, ein sehr sehenswerter Ort. Es ist 3/4 9, noch ist alles ruhig hier, auch hier wieder eine Erinnerung an 2006, als ich hier in Gluthitze im Straßencafe zu einem Radler einkehrte.
Nun in kleinen Gängen mit 14 – 17 km/h weiter aufwärts. Die Steigung ist zwar lang, aber recht angenehm, gleichmäßig, nie zu steil, maximal 8%. Aber ich muss mich ja nicht fertig machen. Noch liegen ca. 170 km vor mir. Auf ca. 500 Metern Höhe, hier sind 4°C, der Wind ist eisig, erreiche ich Breitenstein, es geht ein Stück hinab, dann wieder hinauf nach Friedrichshöhe. Dort mache ich gegen 9.45 Uhr die erste Rast. Ungefähr 50 Kilometer habe ich hinter mir, die größten Anstiege vermutlich auch. Die mittlere Harz ist hier nicht viel höher. Die neue Fahrradjacke ist absolut winddicht, schützt gut gegen die Kälte, aber leider hat sie auch eine gewisse Treibhauswirkung, alles, was ich darunter trage, ist ziemlich feucht. Nachdem ich einem Motorradfahrer den Weg zur Autobahn erklärt habe, geht es nun weiter. Schussfahrt hinab ins Selketal, dann Güntersberge und wieder hinauf. Und noch ein Stück hinauf und noch ein kleines Stückchen.
Friedrichsbrunn, ich glaube, als Kind war ich mit meinen Eltern zum letzten Mal hier, das mögen über 35 Jahre her sein. Langgestreckt zieht sich der Ort entlang der Straße, die ein ganzes Stück in eine Senke hinabführt, ehe sie dann mit 8-10% (!), die kurbele ich noch recht gelassen hoch, auf 578 Meter, dem höchsten Punkt heute, ansteigt. Aber nun geht es bergab. Zum Glück ist die Straße trocken. Ohne treten zu müssen rolle ich nun mit 30-40 km/h 7 Kilometer lang bergab nach Bad Suderode. Nur in den Kurven muss ich vorsichtshalber etwas abbremsen. Eine traumhafte Abfahrt. Das hat sich gelohnt. Bad Suderode – Kurortatmosphäre, gleich darauf Gernrode – der Hauch der Geschichte. Die Beine sind nun ein wenig schwer bei jedem kleinen Anstieg aber den Umweg zur Cyriakuskirche, der über 1000-jährigen gotischen Stiftskirche, gönne ich mir. Fotos und Anruf bei Dagi, alles ist ok, ich bin sozusagen auf dem Rückweg. Ca. 75 km habe ich bewältigt. Der Harz liegt hinter mir. 
Weiter nun, der Wind weht angenehm von hinten, nach Ballenstedt, ich bin recht zügig unterwegs. An der Straße die Roseburg, die sieht sehr romantisch aus, aber mir ist kalt, ich will voran kommen, so halte ich hier nicht an.
Ballenstedt, mit Navi kein Problem, weiter nun nach Ermsleben und Hettstedt. Die Höhen des Harzes verflachen zusehend, machen der eigentümlichen Landschaft, dem Mansfelder Land mit seinen kleinen, teilweise recht tiefen Tälchen Platz. Der einzige Lichtblick ist der Raps in voller Blüte. Man könnte denken, die Sonne scheint, aber leider… Wenigstens weht der Wind supergünstig. Nächste Rast gegen 12 Uhr bei Walbeck, nach ungefähr 95 Kilometern.
Hettstedt ist weit und breit nicht zu sehen. Das muss doch hier irgendwo sein. Ist es auch, als ich schließlich von der befahrenen Bundesstraße den Hinweisschildern ins Zentrum folge, taucht es plötzlich auf. Ringsum ist offensichtlich ebenes Land, dann aber ein tief eingeschnittenes Tal und dort unten liegt Hettstedt. Weiter von hier wieder steil hinaus auf das Plateau stracks nach Osten nach Gerbstedt. Mit Rückenwind ist auch jetzt nach ca. 115 Kilometern immer noch locker ein 30er Schnitt drin. Und von Gerbstedt dann rolle ich endgültig bergab zur Saale. Friedeburg, ist das da etwas wie Sonne, was durch die Wolken blinzelt?
Das Saaletal ist herrlich, blühende Obstbäume, Rapsfelder, topfeben, der mäandrierende, gemächlich dahin strömende Fluss. Einige Kilometer weiter auf der östlichen Talseite Wettin. Die Burg stolz über dem Ort. Das Geschlecht der Wettiner – Markgrafen, Kurfürsten und Könige haben die hervorgebracht.
Salzmünde, leider muss ich auch hier mal wieder auf eine stark befahrene Straße wechseln, Lettin, wieder etwas ruhiger, es beginnt nun leider zu regnen. Halle, das Chaos beginnt. Eine fahrradunfreundlichere Stadt habe ich in dieser Größenordnung noch nicht kennen gelernt. Sofern es Radwege gibt, sind diese in erbärmlichem Zustand, geeignet für Mountainbikes. Mit „Armin“ gelingt es mir im dicken Verkehr und auf schmalen nassen Straßen zur Saale zu kommen. Burg Giebichenstein, wo ich gern halten wollte, würdige ich bei dem Stress kaum eines Blickes. Und es wird noch schlimmer. Kopfsteinpflaster, regennass, glitschig, kaum Platz zwischen Bordkante und Straßenbahnschienen. Als Radfahrer in Halle muss man sehr hart im Nehmen sein und auf jeden Fall gehört man damit hier zu den Lebensmüden. Ich kann mich einmal mit den Beinen gerade noch fluchend abfangen. Unverhofft stehe ich irgendwann hinter der großen Kirche am Markt. Regen, Menschengewühl, Marktbuden, ich steige ab, schiebe nun durch die Fußgängerzone in Richtung Bahnhof. Über 150 Kilometer sind absolviert. Vom Bahnhof weiter in Richtung Osten, ein Stück Radweg, das geht gerade so, Baustelle, Straßenseite wechseln, Radweg katastrophal, Baustelle, Seite wechseln, noch schlimmerer Radweg, aber was will ich machen?! Auf der Straße zwischen den Autos ist kein Platz für mich. Und dann geschieht es doch, glitschige Pflastersteine, das Rad rutscht mir in eine Fuge, dann liege ich auf dem Boden. In der Hose ein Loch, Knie nur ein wenig angeschabt, Rad zum großen Glück noch ganz. Ich glaube, die leichte Acht im Hinterrad hatte ich schon lange.
Wütend rappele ich mich auf. Ich muss weiter, raus aus diesem Nest. Wie ich auch schon dachte, ist auch der weitere Weg kein Vergnügen. Die Stadt habe ich nun hinter mir, aber die Straße ist stark befahren, LKWs, schnell fahrende PKWs, unangenehm, auch nach der A14, Queis (kurze Rast 14.30 nach 170 km), Wiedemar und dann hinter der A9 wird das nicht ruhiger. So bin ich froh, als ich diese Straße bei Grebehna verlassen kann. Der Betonplattenweg zwischen Gerbisdorf und dem Schladitzer See ist zwar auch nicht viel herzerfrischender, aber hier kommt man sich weniger gehetzt vor. Schladitzer See, beim LVZ-Fahrradfest sind wir hier entlang gerollt. Da war es noch warm. Und jetzt ist es trübe, es regnet, Novemberwetter im Mai. Schrecklich…
Der See liegt schön, allmählich wachsen auch die Ufer zu, das ist hier keine schlechte Gegend. Rackwitz, Göbschelwitz, es riecht nach Heimat. Hohenheida, Merkwitz, hier sind es nun wieder einmal 200. Taucha, Panitzsch, ich fahre auf dem Partheweg entlang, verkehrsberuhigt, unbeeinträchtigt von zu schnellen Autos.
17.35 Uhr bin ich zu Hause.
210,92 km in 8:38:30 Std. Das ist recht langsam, aber es war ja auch ein Gebirge dabei.
1350 Höhenmeter.
 
Und es regnet und regnet.

Die Route auf gpsies.com