Ente gut, alles gut 2014

Freitag, 31.10.2014

6.15 kann es losgehen.
Der Wind ist anfangs noch zu vernachlässigen, auf den ersten Kilometern rollt es richtig gut. Im Osten glüht ein breiter roter Streifen, die ersten Sonnenstrahlen des heutigen Tages, es wird zum Glück heute auch ziemlich rasch hell. Nachdem Liebertwolkwitz und Markkleeberg hinter mir liegen, geht es nun durch die ausgedehnte Neue Harth südlich von Leipzig. Die Gegend ist absolut einsam, hoffentlich bleibt mir auch die Begegnung mit Wildschweinen erspart.
Zwenkau nach ca. 25 Kilometern ist nach einer reichlichen Stunde erreicht. Leider ist der Weg am neuen See entlang noch nicht durchgehend bis zur Stadt asphaltiert, so dass ich auf die Bundesstraße ausweichen muss. Aber heute ist Reformationstag, Feiertag, es sind kaum Autos unterwegs und von Zwenkau bis Groitzsch führt dann ein ganz toller neuer Radweg vermutlich auf einer alten Bahnstrecke entlang, auf dem es sich wieder hervorragend fahren lässt. Das entschädigt dann gleich wieder.
Der Wind, aus Süd wird nun mit aufsteigender Sonne allmählich etwas kräftiger, das bremst etwas.  Aber Zeiten und Geschwindigkeiten müssen heute nicht getoppt werden, es ist der Saisonabschluss, der soll schön und entspannend, einfach ein gutes Erlebnis werden.
Außerdem ist es viel schöner, auch einmal zwischendurch zu halten und ein paar Fotos zu machen.
Zwischen Zwenkau, Groitzsch und Zeitz bieten sich allerdings noch nicht allzuviele Gelegenheiten dafür, erst kurz vor Zeitz sind die sozialistisch-realistischen Mosaike an einem Kulturhaus einen Stopp wert.
In Zeitz schickt mich „Armin“ quer durch die Innenstadt, das bedeutet ein paar gratis Kopfsteinpflasterpassagen, nun gut, jetzt bin ich wirklich wach.
Danach folge ich dem Elsterradweg. Und nun wird es im Elstertal auch landschaftlich schöner.
Ein paar Kilometer hinter Zeitz (ca. 62 km) mache ich die erste Rast. Das Live Tracking scheint zu funktionieren, nachdem meine Mädels die Seite erfolgreich „refresht“ haben, können sie auch sehen, dass ich schon weiter als bis Liebertwolkwitz gekommen bin. Und Volker aus der Stadt am See ist dankenswerterweise ebenfalls wieder live mit dabei. Auch heute ist es beruhigend, sich so intensiv beobachtet zu wissen. Dann sollte ja nix schief gehen.
Im Regen – wo kommt jetzt dieser Regen her (?!) – der war doch gar nicht angesagt, rollt es etwas langsamer gegen den Südwind bis Crossen und von dort dann ins Mühltal hinein.
Zum Glück war das nur ein Schauer, bald ist die Sonne wieder zu sehen. Und so wird die Auffahrt durch das kilometerlange Mühltal bis Bad Klosterlausnitz und Hermsdorf hinauf heute das erste schöne Ferienerlebnis.
Dank „Armin“ ist auch der weitere Weg unter der A9 hindurch in den Zeitzgrund nicht zu verfehlen. Die Abfahrt bis Stadtroda ist sehr lang, allerdings mehr für Trekking- oder Corssräder geeignet, weil stellenweise doch recht schlammig…
Die Sonnenlichter im bunten Herbstlaub der Wälder des Holzlandes, der rauschende Bach sorgen ganz nebenbei für eine stark zunehmende gute Laune.
Stadtroda, hier geht es auf gutem Radweg weiter hinab ins Saaletal, dessen Berge schon ganz nah zu sehen sind. Auch die Plattenbauten von Jena-Lobeda sind nicht mehr weit. Das ist wieder Idylle pur – das Wetter, die knalligen Herbstfarben, die sanften Höhenzüge. Dann erreiche ich das Saaletal. Der Saaleradweg vermeidet die Bundesstraße und führt auf kleinen Nebenstraßen und geschotterten Wegen immer in der Nähe des Flusses bis Kahla. Kurze Rast in Rothenstein beim km 115, die Kirche ist sehenswert.
Es ist Mittagszeit, über die Hälfte heute sollte das schon sein, auch wenn mir bewusst ist, dass der Spaß in den Thüringer Bergen jetzt erst so richtig los geht. Wohl auf Grund des Tals weht der Wind hier dummerweise auch verstärkt. Was tun? Auf den Stundenschnitt achten, mehr Kraft aufwenden und sich schlimmstenfalls schon frühzeitig fertig machen oder sich gelassen auf die Bedingungen einstellen und damit in Kauf nehmen, eben etwas später abends anzukommen. Hmmm, der Tisch in der „Linde“ ist für 19 Uhr bestellt, die Klöße rufen schon…
Eindrucksvoll erhebt sich über die Berghänge am Ufer die etwas höhere Kuppe mit der Leuchtenburg und auch der Kalksteinbruch kurz vor Kahla am Ufer der Saale ist ein paar Fotos wert.
Die Straße von Kahla über Reinstädt hinauf nach Lengefeld ist von 2008 noch bekannt. Schön ist von  hier der Blick auf die Leuchtenburg, recht angenehm ist auch, dass sie nur gaaaanz allmählich an Höhe gewinnt. So kann man zunächst recht sorglos ein paar Höhenmeter sammeln.
Das Fatale aber heute ist, dass die Form nicht mehr mit der im Sommer vergleichbar ist und ich nach und nach immer langsamer werde. Doch auch dieses Tal mit seinen Kalkbergen ist sehr schön, die Sonne scheint, was solls, dann muss ich mir eben die Zeit nehmen…
Bis Lengefeld hinauf sind es 19 Kilometer, es ist kaum zu fassen, es ging auch die 19 Kilometer lang nur bergauf. Zwischenfazit – lieber ein paar kürzere knackige Anstiege als solch ein endloses „Leiden“.
Die Straßenqualität wechselt vom normalen zu groben und löchrigen Asphalt, das bremst scheinbar zusätzlich, dazu kommen noch kleine Hindernisse in Form von quer über das Sträßlein gespannten Absperrbändern, weil hier wochentags der Wald gefegt, bzw. Bäume gefällt werden.
Hochdorf (ca. 140 km), wo dann im Bushäuschen erst einmal kurze Pause und ein Power-Riegel angesagt sind, liegt auf 440 Metern Höhe.
Nach Krakendorf geht es anschließend mit Schussfahrt wieder abwärts bis ins Ilmtal.
Es ist sicher mal eine interessante Sache, zu erforschen, welchen Ursprung manche Ortsnamen haben. Kraken – hier mitten in Thüringen??? Oder Türkendorf in der Lausitz – na vielleicht gab es mal vor ein paar Jahrhunderten einen Zeitpunkt, an dem sich Leute osmanischer oder arabischer Herkunft da niederließen… Doch wie könnte zum Beispiel „Aitersteinering“ in Bayern entstanden sein?
Auf der Abfahrt kam mir ein freundlich grüßender Rennradler entgegen, der sah bergauf wesentlich fitter aus als ich bergab und ähnelte Marcel Kittel. Wäre ja gar nicht mal so abwegig, er kommt doch aus Arnstadt.
In Tannroda bin ich im Ilmtal, von hier bis Kranichfeld sind es nur 4 Kilometer. In Kranichfeld dann kurzer Stopp. Auf der ALDI-Karte sind auf der geplanten Route oberhalb von Hohenfelden zwei schwarze Dreiecke zu sehen. Ah ja – das bedeutet laut Legende einen längeren Anstieg über >7%. Wenn ich die Route aber ändere und südwärts bis kurz vor Stadtilm im Ilmtal bleibe und von dort nach Arnstadt hinüber wechsle, könnte ich so einen Berg (vielleicht) vermeiden. Aber die ALDI-Karte ist nicht 100%ig zuverlässig. Natürlich könnte auch hier ein unangenehmer Stich lauern. Also doch lieber über Hohenfelden. Lieber mal kurz und heftig als lang und elend – die Erfahrung habe ich ja eben machen dürfen.
In der Tanke am Abzweig nach Hohenfelden gibt es auf jeden Fall erst einmal eine Cola – Doping für die nächsten Kilometer. Und wie erhofft, so bringt die auch den richtigen Schub, um zunächst bis zum Stausee hoch und dann weiter aufwärts zu kurbeln. Die Straße bis zum höchsten Punkt ist schon von hier unten in voller Länge und Schönheit zu sehen. Aber – wie so oft, steckt man einmal im Anstieg drin, ist alles halb so wild, 8% stehen geschrieben, das geht schon. Auch wenn es mir in meiner mickrigen Saisonende-Form etwas steiler vorkommt…
Aber dann! Oben auf der Höhe öffnet sich ein weiter Blick. Der Thüringer Wald ist zu sehen. Die Sonne und die Wolken zaubern pastellfarbene Lichter auf die Bergkulissen, Nebelwolken ballen sich in den Tälern und um die höheren Gipfel… Dort unten die Hügel mit den Burgruinen der Drei Gleichen, die Häuser von Arnstadt. Keine Frage – dafür hat sich die Fahrt hierher wirklich gelohnt.
Bis Arnstadt hinunter rollt es nun wieder sehr schnell, da ist die überhohe Brücke über die A71 und die ICE-Strecke, auf die Pause am Bushäuschen (ca. 177 km) verzichte ich dieses Mal, es ist ungefähr halb vier. Ich umgehe die Stadt nördlich durch die Gewerbegebiete und fahre anschließend auf etwas anderer Route als im letzten Jahr direkt in die Drei Gleichen hinein.
Und wie es so ist, von oben sieht das alles ziemlich flach aus, hier unten aber auf teilweise arg schlechtem Asphalt schleichen sich doch einige fiese Antiege ein. Etwas ausgebremst geht es so zwischen Wachsenburg und Burg Gleichen hindurch und an der Mühlburg vorbei bis Mühlberg.
Und hier ist auch die Stelle, wo wir damals, vor nzich Jahren in dieser tollen Planwagenburg schöne Ferientage erlebten.
Mühlberg, weiter, dieses Mal direkt an der A4 auf einem Radweg entlang nach Wechmar und hinüber nach Schwabhausen. Es dämmert, irgendwo verkündet eine Kirchenglocke, dass es 16.45 Uhr ist. Upps… Doch schon so spät?! Da habe ich ja von Arnstadt richtig lange bis hierher gebraucht.
Nach Emleben geht es nun wieder aufwärts, irgendwo ist mir plötzlich die Lust aufs Radeln verloren gegangen. Na ich hoffe, ich finde die gleich wieder… Drüben der Inselsberg im rötlichen Abendlicht, der wirkt riesig umgeben von Nebel- oder Dunstschwaden. Ein toller Anblick.
Und nun geht es doch wieder zügig, bis Schönau vor dem Walde, auch hier gibt es parallel zur stark befahrenen Straße einen prima Radweg quer über die Felder. Und plötzlich ist man im Leinatal mitten im Thüringer Wald. Es wird dunkel, auf den Straßen in den Dörfern sind Gruppen von Kindern und Erwachsenen unterwegs… Stimmt, heute ist ja Halloween…
Engelsbach, die Kreuzung an der Hauptstraße, dann unmittelbar darauf das Ortsschild „Finsterbergen“. Gleich!
Eigentlich hatte ich mir nun vorgenommen, am letzten Berg in den Ort hinauf abzusteigen und zu schieben… Doch die Baustellenampel, die mir einen Vorwand zum Anhalten liefern könnte, ist weg. Also kann ich ebensogut weiterkurbeln. Kleines Blatt, möglichst großes Ritzel – na bitte geht doch – fast…
Der rechte Oberschenkel meldet sich. Stopp – sonst Krampf… Klasse. Sehr bereitwillig gebe ich der Forderung meines Beins nach und schiebe doch noch ein kleines Stück, ehe ich dann am Hüllrod wieder aufsteige und gemächlich zum Campingplatz weiter fahre.
Es ist mittlerweile finster hinter den finsteren Bergen in Finsterbergen, es ist tatsächlich 17.45 Uhr. Das ist spät, später als im letzten Jahr.
Aber die Tour war heute mit 216,24 km auch ein Stück länger.
Im Bungalow brennt Licht… Prima – gemütlich – das Ankommen ist das Schönste an solch einer Fahrt.
Fast das Schönste – der Blick vorhin auf den Thüringer Wald, die bunten Wälder im Holzland… Es war heute schön.
Nur meine Mädels stellen fest, dass ich etwas fertig aussehe. Richtig, ich habe im Augenblick kein richtiges Hungergefühl – käme jetzt jemand mit Wurstbrot, würde das meinen Magen vermutlich zu einer unkontrollierbaren Gegenreaktion nötigen.
„Wir können ihnen heute auch Ente empfehlen.“ meint die freundliche Kellnerin etwas später in der „Linde“…
Ente?! Klöße, Rotkohl?! Dazu ein Hefe ohne?!
Klar doch!
Ente gut – alles gut!

Die Route auf gpsies.com

Niederlausitztour 2014

Von Ruhland nach Cottbus

Mittwoch, 01.10.2014
Als ich starte, wird mir der Inhalt des Begriffs „Nacht- und Nebelaktion“ sehr eindrücklich klar. Kühl ist es, stockfinster ist es, Nebel gibt es dazu auch noch… 1. Oktober eben.
Welcher Teufel reitet Einen immer wieder, sich gerade unter diesen Umständen frühmorgens viertel fünf aus dem Bett zu quälen, in die miefigen Radklamotten vom Vortag zu steigen und sich nach einem knappen Frühstück aufs Rad zu schwingen?
Die Straßen sind um diese Zeit zwar angenehm leer, aber das verleitet auch einige Tiere, wie das Reh an der Parthenbrücke oder den Igel auf dem Radweg am Eilenburger Bahnhof, am Verkehr teil zu nehmen. Und da sie die menschengemachten Regeln leider missachten, erlebe ich zwei kurze Schrecksekunden. Na gut, so schläft man wenigstens nicht ein.
An der Ampel vor dem Bahnhof erschreckt mich dann noch Holger, der plötzlich neben mir steht. Aber nun reicht es, ich bin wach!
Holger versorgt sich beim Bäcker, 6 Uhr fährt dann die S-Bahn nach Hoyerswerda. Fahrtechnisch sind mit der Leipziger „Tunnelbahn“ einige Ziele leichter erreichbar geworden. So kommt man nunmehr ohne Umsteigen sogar bis in die tiefste Lausitz. Welcher politische Schachzug allerdings dahinter steckt, ausgerechnet das im Dresdner Umland liegende HoyWoy mit dem Leipziger S-Bahn-Netz zu verbinden… (???)
Wie dem auch sei, die Bahn ist bis Bad Liebenwerda recht voll, dann wird es leer und die Vermutung liegt nahe, dass die Bahn den Betrieb auf diesem Abschnitt mangels Beteiligung wohl bald auch wieder einstellen könnte.
Draußen wird es nur zögerlich etwas heller, der Nebel ist mal dicht, mal reißt es etwas auf. Und die Lust, da draußen zu radeln, ist doch recht begrenzt. Aber es nützt nichts, in Ruhland ist für uns Endstation, dann stehen wir im trüben Dämmergrau auf dem heruntergekommenen Bahnhof. (da war doch früher mal was mit blühenden Landschaften)
Ziemlich schnell rollen wir deshalb in Richtung Senftenberg, wo der ehemalige Tagebausee nach ca. 20 Kilometern das erste Etappenziel ist. Irgendwo hatte ich das schon mal angemerkt.
Der Senftenberger See mit seiner Insel war schon vor 35 Jahren in unserem Schulatlas als DAS Beispiel für die Überlegenheit des Sozialismus bei der Renaturierung alter Braunkohlentagebaue hervorgehoben. Heute ähnelt das eher dem Tor zum Hades. Wir stehen hier allerdings nicht so lange, bis uns Charon über den Styx zur Insel, die im düsteren Nebel nur zu erahnen ist, übersetzt. Dass unser kurzer Stopp übrigens am FKK-Strand war, erfahren wir zu spät. Wer weiß, wie Charon da vielleicht aufgetreten wäre. Aber es ist sicher besser, dass wir das nicht abgewartet haben.
Senftenberg tangieren wir nur, das Hafengelände ist schick, ähnelt aber in der Bauweise dem an der Bitterfelder Goitzsche oder später dem am Bärwalder See bei Boxberg. Austauschbar – ein typischer Modestil, wie es scheint.
Es sind nur ein paar Einheimische auf dem Rad unterwegs, na gut, zwei Radtouristen sahen wir auch. Vom Senftenberger See wechseln wir hinüber zu den anderen Tagebauseen, das Wolken-Nebel-Gemisch über und um uns wird etwas lichter. Die Route hier ist mir teilweise noch bekannt von 2007. Der platte Reifen im tobenden Gewitter – genau – das war hier. Schlauchwechsel in der Kiefernschonung im Wolkenbruch.
Es ist schon beeindruckend, wie sich die Landschaft verwandelt, doch es wird sicher noch 50 Jahre dauern, bis die Natur die Spuren des Menschen hier wieder weitestgehend getilgt hat.
Wir fahren recht zügig, lt. Programm wollen wir heute noch auf Umwegen bis Cottbus kommen. 8 Uhr sind wir in Ruhland gestartet, die Route ist ca. 210 km lang und 19 Uhr fährt der Zug von Cottbus zurück. Also bleibt nicht viel Zeit zum Bummeln oder für Pausen. Ein kurzes Stück auf einer Straße mit LKW-Verkehr reißt uns ein wenig aus den Träumen. Die Radweg-Infrastruktur ist mittlerweile extrem gut ausgebaut, so dass wir die letzten Kilometer auf hervorragend asphaltierten stillen Radwegen durch Wälder und an Seeufern zurücklegen konnten. Aber es gibt eben auch noch ein paar Lücken, die man auf stark befahrenen Straßen überbrücken muss.
Hoyerswerda kündigt sich mit schlechten Betonplattenstraßen und trostlos in der Gegend herumstehenden Plattenbauten an. Dazu das Grau des tiefhängenden Nebelhimmels. Bonjour la Tristesse… Dieser Stadt ein gutes Image zu verpassen ist wohl auch extrem schwierig oder unmöglich. Also nix wie in den nächsten Wald zurück und hinüber zum Scheibesee.
Weiter nach „Dreiweibern“ (!) An irgendetwas erinnert mich der Ortsname – ich werde mal meinen Mädels das Foto mitnehmen. Der Dreiweiberner See ist uns noch von einer schönen Tour im letzten Jahr her bekannt, als wir hier pausierten. Damals schien die Sonne und es war schön warm. Aber jetzt scheint es endlich heller zu werden, die Sonne bekommt allmählich auch heute eine Chance.
Lippen, ein kurzes Stück Bundesstraße, dann kehren wir gegen 11 Uhr in Uhyst nach 75 Kilometern beim Bäcker ein. Kuchen und Kaffee zu Friedenspreisen. Der Kuchen ist Spitze, den Kaffee kann man auch trinken 🙂

Und weil es wärmer und ein wenig sonniger geworden ist, können wir den sogar draußen vor dem Laden genießen.
Nach der Rast geht es weiter um den Bärwalder See. Dieses Mal kommen wir dem Kraftwerk Boxberg recht nahe. Eine eigenartige Kulisse – dieses gigantische Bauwerk mit seinen qualmenden Kühltürmen hoch über den endlosen Heidewäldern der Lausitz aufragend, ist weithin sichtbar – sogar von Schirgiswalde aus, wie Holger meint.
Er will mal winken – wenn er von dort aus bis hierher gucken kann, können uns seine Schwiegereltern vielleicht auch sehen. Hmmm.
Der Bärwalder See ist riesig, wir brauchen eine Weile einschließlich Abstecher auf einen Aussichtspunkt vis a vis des Kraftwerks, bis wir wieder in den Wald verschwinden können. Eine abenteuerliche, mit grobem Stein gepflasterte Furt durch den Schwarzen Schöps und dann auch mal Sandwege – endlich – erwarten uns auf den nächsten Kilometern, dann erreichen wir Reichwalde mit einer Schautafel über die Wölfe, die sich hier in den letzten Jahren erfolgreich ansiedelten und ausbreiten. Holger erzählt von der Unruhe in der Bevölkerung, die sich in Zeitungs-Leserbriefen besorgt fragt, ob die Behörden erst wach werden und etwas gegen das Wolfsunwesen tun, wenn irgendwann ein einsamer Ranzen am Wegrand liegen würde.
Wir halten also nun eine Weile angestrengt Ausschau – aber Isegrim zieht es offensichtlich vor, uns nicht über den Weg zu laufen. Der wird sich wohl eher nicht mit zwei dicken Radlern herum schlagen wollen…
Na gut – Schluss damit, wir haben als (Rand-) Großstädter gut reden, wir müssen ja nicht mit dem Wolf Tür an Tür in der Wildnis leben. Uns könnte maximal ein Fuchs oder neuerdings ein Waschbär auf seiner Speisekarte haben.
Kurz darauf rollen wir südlich des riesigen Tagebaulochs Reichwalde entlang. Wenn man die steile Hangneigung sieht, mit der hier ausgebaggert wird, bekommt man doch ein wenig Zweifel, ob die gefluteten Seen wirklich sicher sind. Kann es nicht sein, dass durch den enormen Druck Wasser in die quer angeschnittenen Gesteinsschichten gepresst wird und es zu unerwarteten Rutschungen kommen kann? Man kann den Fachleuten da wohl nur blind vertrauen, dass die wissen, was sie tun.
Rietschen – ein größerer Ort nach ungefähr 110 Kilometern, wir fahren zum Erlichthof, dort an der „Wolfsscheune“ halten wir und schauen kurz ins Wolfsmuseum. Doch die Tiere hier sind leider nur ausgestopft.
Danach ist es nicht mehr weit bis zur Neiße. Auf kleinen Sträßchen und festen Waldwegen rollen wir südlich des riesigen Militärübungsgebietes vorbei an ausgedehnten Fischteichen hinüber zur polnischen Grenze. Gegen 14 Uhr nach ca. 125 Kilometern erreichen wir bei Steinbach den Fluß.
Ganz so eben wie bisher geht es nun nicht mehr weiter. Obwohl es ein Flussradweg ist – den man hier übrigens auch wunderbar asphaltiert hat – müssen wir immer mal kurz hinauf aufs Hochufer und wieder hinunter. Die Gegend ist sehr einsam aber dafür auch ausgesprochen idyllisch. Eine Oder-Neiße-Radtour könnte man glatt mal in den nächsten Jahren in den Plan aufnehmen.
Podrosche – das klingt so schön lausitzerisch, Grenzübergang nach Polen, wir halten an einem kleinen Gasthof und füllen unsere Flüssigkeitsspeicher mit alkoholfreiem Hefe erfolgreich wieder auf. Und hier begegnen wir auch den beiden einzigen Flussradweg-Reisenden heute.
Bis Bad Muskau kurbeln wir nun wieder etwas schneller, es rollt auch herrlich auf diesem Weg. Für den Fürst-Pückler-Park ergibt sich leider keine Gelegenheit, den heben wir uns also auch für später auf. Die Zeit investieren wir lieber in eine Pause beim Fleischer, wo es prima Wiener, Pfefferknackwurst und hausgemachte Bouletten gibt, die jedoch beim Hineinbeißen trocken zerbröseln. Na ja, man kann nicht alles können – auf jeden Fall sind die Eiweiße jetzt wichtig. (ca. 155 km)
Wie weit ist es nun noch bis Cottbus? Nach Plan sind es ungefähr 50 bis 60 Kilometer. Es ist halb fünf, das sollte also bis 19 Uhr gut zu schaffen sein. Wir beschließen jedoch, die Route etwas abzuändern, zu verkürzen und statt den Bogen nördlich von Muskau noch mitzunehmen, besser die direktere Variante über Schleife und Graustein zum Spremberger Stausee zu fahren. Ich vertraue dem Plan nicht so recht, bei anderen Touren habe ich schon Abweichungen von 10, 20 oder mehr Kilometern erlebt und dann könnte das arg knapp werden.
Holger sieht das entspannter. Trotzdem geben wir nun noch etwas mehr Druck auf die Pedale und arbeiten uns nun straff westlich über kleinere Hügel nach Schleife vor.
Dank der Baustelle am Ortsausgang in Richtung Graustein, die wir mit dem Rad problemlos durchqueren können, haben wir die Straße fast für uns. Es ist einfach herrlich, so im Abendsonnenschein auf glattem Asphalt unbeeinträchtigt vom Autoverkehr dahin zu rollen.
Graustein, Türkendorf, Groß Luja, die Einsamkeit der Lausitz, Strittmatter-Land.
Dazu die untergehende Sonne im Westen, der herbstliche Dunst auf Wiesen und Feldern und von Neuhausen bis fast Cottbus eine tolle Fahrradstraße entlang der Spremberger Bahnstrecke. Das ist Genuss pur auf den letzten Kilometern. Auch wenn die Beine mal kurz etwas schwer geworden sind.
Cottbus, entlang der Spree durch den Branitzer Park erreichen wir den Stadtring und sind kurz nach halb sieben auf dem Cottbuser Bahnhof.
205,71 km in 8:30:23 Std. netto
Es war eine tolle Tour durch eine Gegend, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Man sollte das unbedingt wiederholen.
Mit einem Bierchen warten wir nun auf den verspäteten Zug von Leipzig, der 19.10 Uhr zurück fährt. In Taucha steige ich dann aus und bin in wenigen Minuten zu Hause.
Übrigens lief bei Panitzsch ein Fuchs über die dunkle Straße – der guckte ziemlich grillig. Hatte vielleicht Hunger oder Durst…
Auf Radler…

Die Route auf gpsies.com