Niederlausitztour 2014

Von Ruhland nach Cottbus

Mittwoch, 01.10.2014
Als ich starte, wird mir der Inhalt des Begriffs „Nacht- und Nebelaktion“ sehr eindrücklich klar. Kühl ist es, stockfinster ist es, Nebel gibt es dazu auch noch… 1. Oktober eben.
Welcher Teufel reitet Einen immer wieder, sich gerade unter diesen Umständen frühmorgens viertel fünf aus dem Bett zu quälen, in die miefigen Radklamotten vom Vortag zu steigen und sich nach einem knappen Frühstück aufs Rad zu schwingen?
Die Straßen sind um diese Zeit zwar angenehm leer, aber das verleitet auch einige Tiere, wie das Reh an der Parthenbrücke oder den Igel auf dem Radweg am Eilenburger Bahnhof, am Verkehr teil zu nehmen. Und da sie die menschengemachten Regeln leider missachten, erlebe ich zwei kurze Schrecksekunden. Na gut, so schläft man wenigstens nicht ein.
An der Ampel vor dem Bahnhof erschreckt mich dann noch Holger, der plötzlich neben mir steht. Aber nun reicht es, ich bin wach!
Holger versorgt sich beim Bäcker, 6 Uhr fährt dann die S-Bahn nach Hoyerswerda. Fahrtechnisch sind mit der Leipziger „Tunnelbahn“ einige Ziele leichter erreichbar geworden. So kommt man nunmehr ohne Umsteigen sogar bis in die tiefste Lausitz. Welcher politische Schachzug allerdings dahinter steckt, ausgerechnet das im Dresdner Umland liegende HoyWoy mit dem Leipziger S-Bahn-Netz zu verbinden… (???)
Wie dem auch sei, die Bahn ist bis Bad Liebenwerda recht voll, dann wird es leer und die Vermutung liegt nahe, dass die Bahn den Betrieb auf diesem Abschnitt mangels Beteiligung wohl bald auch wieder einstellen könnte.
Draußen wird es nur zögerlich etwas heller, der Nebel ist mal dicht, mal reißt es etwas auf. Und die Lust, da draußen zu radeln, ist doch recht begrenzt. Aber es nützt nichts, in Ruhland ist für uns Endstation, dann stehen wir im trüben Dämmergrau auf dem heruntergekommenen Bahnhof. (da war doch früher mal was mit blühenden Landschaften)
Ziemlich schnell rollen wir deshalb in Richtung Senftenberg, wo der ehemalige Tagebausee nach ca. 20 Kilometern das erste Etappenziel ist. Irgendwo hatte ich das schon mal angemerkt.
Der Senftenberger See mit seiner Insel war schon vor 35 Jahren in unserem Schulatlas als DAS Beispiel für die Überlegenheit des Sozialismus bei der Renaturierung alter Braunkohlentagebaue hervorgehoben. Heute ähnelt das eher dem Tor zum Hades. Wir stehen hier allerdings nicht so lange, bis uns Charon über den Styx zur Insel, die im düsteren Nebel nur zu erahnen ist, übersetzt. Dass unser kurzer Stopp übrigens am FKK-Strand war, erfahren wir zu spät. Wer weiß, wie Charon da vielleicht aufgetreten wäre. Aber es ist sicher besser, dass wir das nicht abgewartet haben.
Senftenberg tangieren wir nur, das Hafengelände ist schick, ähnelt aber in der Bauweise dem an der Bitterfelder Goitzsche oder später dem am Bärwalder See bei Boxberg. Austauschbar – ein typischer Modestil, wie es scheint.
Es sind nur ein paar Einheimische auf dem Rad unterwegs, na gut, zwei Radtouristen sahen wir auch. Vom Senftenberger See wechseln wir hinüber zu den anderen Tagebauseen, das Wolken-Nebel-Gemisch über und um uns wird etwas lichter. Die Route hier ist mir teilweise noch bekannt von 2007. Der platte Reifen im tobenden Gewitter – genau – das war hier. Schlauchwechsel in der Kiefernschonung im Wolkenbruch.
Es ist schon beeindruckend, wie sich die Landschaft verwandelt, doch es wird sicher noch 50 Jahre dauern, bis die Natur die Spuren des Menschen hier wieder weitestgehend getilgt hat.
Wir fahren recht zügig, lt. Programm wollen wir heute noch auf Umwegen bis Cottbus kommen. 8 Uhr sind wir in Ruhland gestartet, die Route ist ca. 210 km lang und 19 Uhr fährt der Zug von Cottbus zurück. Also bleibt nicht viel Zeit zum Bummeln oder für Pausen. Ein kurzes Stück auf einer Straße mit LKW-Verkehr reißt uns ein wenig aus den Träumen. Die Radweg-Infrastruktur ist mittlerweile extrem gut ausgebaut, so dass wir die letzten Kilometer auf hervorragend asphaltierten stillen Radwegen durch Wälder und an Seeufern zurücklegen konnten. Aber es gibt eben auch noch ein paar Lücken, die man auf stark befahrenen Straßen überbrücken muss.
Hoyerswerda kündigt sich mit schlechten Betonplattenstraßen und trostlos in der Gegend herumstehenden Plattenbauten an. Dazu das Grau des tiefhängenden Nebelhimmels. Bonjour la Tristesse… Dieser Stadt ein gutes Image zu verpassen ist wohl auch extrem schwierig oder unmöglich. Also nix wie in den nächsten Wald zurück und hinüber zum Scheibesee.
Weiter nach „Dreiweibern“ (!) An irgendetwas erinnert mich der Ortsname – ich werde mal meinen Mädels das Foto mitnehmen. Der Dreiweiberner See ist uns noch von einer schönen Tour im letzten Jahr her bekannt, als wir hier pausierten. Damals schien die Sonne und es war schön warm. Aber jetzt scheint es endlich heller zu werden, die Sonne bekommt allmählich auch heute eine Chance.
Lippen, ein kurzes Stück Bundesstraße, dann kehren wir gegen 11 Uhr in Uhyst nach 75 Kilometern beim Bäcker ein. Kuchen und Kaffee zu Friedenspreisen. Der Kuchen ist Spitze, den Kaffee kann man auch trinken 🙂

Und weil es wärmer und ein wenig sonniger geworden ist, können wir den sogar draußen vor dem Laden genießen.
Nach der Rast geht es weiter um den Bärwalder See. Dieses Mal kommen wir dem Kraftwerk Boxberg recht nahe. Eine eigenartige Kulisse – dieses gigantische Bauwerk mit seinen qualmenden Kühltürmen hoch über den endlosen Heidewäldern der Lausitz aufragend, ist weithin sichtbar – sogar von Schirgiswalde aus, wie Holger meint.
Er will mal winken – wenn er von dort aus bis hierher gucken kann, können uns seine Schwiegereltern vielleicht auch sehen. Hmmm.
Der Bärwalder See ist riesig, wir brauchen eine Weile einschließlich Abstecher auf einen Aussichtspunkt vis a vis des Kraftwerks, bis wir wieder in den Wald verschwinden können. Eine abenteuerliche, mit grobem Stein gepflasterte Furt durch den Schwarzen Schöps und dann auch mal Sandwege – endlich – erwarten uns auf den nächsten Kilometern, dann erreichen wir Reichwalde mit einer Schautafel über die Wölfe, die sich hier in den letzten Jahren erfolgreich ansiedelten und ausbreiten. Holger erzählt von der Unruhe in der Bevölkerung, die sich in Zeitungs-Leserbriefen besorgt fragt, ob die Behörden erst wach werden und etwas gegen das Wolfsunwesen tun, wenn irgendwann ein einsamer Ranzen am Wegrand liegen würde.
Wir halten also nun eine Weile angestrengt Ausschau – aber Isegrim zieht es offensichtlich vor, uns nicht über den Weg zu laufen. Der wird sich wohl eher nicht mit zwei dicken Radlern herum schlagen wollen…
Na gut – Schluss damit, wir haben als (Rand-) Großstädter gut reden, wir müssen ja nicht mit dem Wolf Tür an Tür in der Wildnis leben. Uns könnte maximal ein Fuchs oder neuerdings ein Waschbär auf seiner Speisekarte haben.
Kurz darauf rollen wir südlich des riesigen Tagebaulochs Reichwalde entlang. Wenn man die steile Hangneigung sieht, mit der hier ausgebaggert wird, bekommt man doch ein wenig Zweifel, ob die gefluteten Seen wirklich sicher sind. Kann es nicht sein, dass durch den enormen Druck Wasser in die quer angeschnittenen Gesteinsschichten gepresst wird und es zu unerwarteten Rutschungen kommen kann? Man kann den Fachleuten da wohl nur blind vertrauen, dass die wissen, was sie tun.
Rietschen – ein größerer Ort nach ungefähr 110 Kilometern, wir fahren zum Erlichthof, dort an der „Wolfsscheune“ halten wir und schauen kurz ins Wolfsmuseum. Doch die Tiere hier sind leider nur ausgestopft.
Danach ist es nicht mehr weit bis zur Neiße. Auf kleinen Sträßchen und festen Waldwegen rollen wir südlich des riesigen Militärübungsgebietes vorbei an ausgedehnten Fischteichen hinüber zur polnischen Grenze. Gegen 14 Uhr nach ca. 125 Kilometern erreichen wir bei Steinbach den Fluß.
Ganz so eben wie bisher geht es nun nicht mehr weiter. Obwohl es ein Flussradweg ist – den man hier übrigens auch wunderbar asphaltiert hat – müssen wir immer mal kurz hinauf aufs Hochufer und wieder hinunter. Die Gegend ist sehr einsam aber dafür auch ausgesprochen idyllisch. Eine Oder-Neiße-Radtour könnte man glatt mal in den nächsten Jahren in den Plan aufnehmen.
Podrosche – das klingt so schön lausitzerisch, Grenzübergang nach Polen, wir halten an einem kleinen Gasthof und füllen unsere Flüssigkeitsspeicher mit alkoholfreiem Hefe erfolgreich wieder auf. Und hier begegnen wir auch den beiden einzigen Flussradweg-Reisenden heute.
Bis Bad Muskau kurbeln wir nun wieder etwas schneller, es rollt auch herrlich auf diesem Weg. Für den Fürst-Pückler-Park ergibt sich leider keine Gelegenheit, den heben wir uns also auch für später auf. Die Zeit investieren wir lieber in eine Pause beim Fleischer, wo es prima Wiener, Pfefferknackwurst und hausgemachte Bouletten gibt, die jedoch beim Hineinbeißen trocken zerbröseln. Na ja, man kann nicht alles können – auf jeden Fall sind die Eiweiße jetzt wichtig. (ca. 155 km)
Wie weit ist es nun noch bis Cottbus? Nach Plan sind es ungefähr 50 bis 60 Kilometer. Es ist halb fünf, das sollte also bis 19 Uhr gut zu schaffen sein. Wir beschließen jedoch, die Route etwas abzuändern, zu verkürzen und statt den Bogen nördlich von Muskau noch mitzunehmen, besser die direktere Variante über Schleife und Graustein zum Spremberger Stausee zu fahren. Ich vertraue dem Plan nicht so recht, bei anderen Touren habe ich schon Abweichungen von 10, 20 oder mehr Kilometern erlebt und dann könnte das arg knapp werden.
Holger sieht das entspannter. Trotzdem geben wir nun noch etwas mehr Druck auf die Pedale und arbeiten uns nun straff westlich über kleinere Hügel nach Schleife vor.
Dank der Baustelle am Ortsausgang in Richtung Graustein, die wir mit dem Rad problemlos durchqueren können, haben wir die Straße fast für uns. Es ist einfach herrlich, so im Abendsonnenschein auf glattem Asphalt unbeeinträchtigt vom Autoverkehr dahin zu rollen.
Graustein, Türkendorf, Groß Luja, die Einsamkeit der Lausitz, Strittmatter-Land.
Dazu die untergehende Sonne im Westen, der herbstliche Dunst auf Wiesen und Feldern und von Neuhausen bis fast Cottbus eine tolle Fahrradstraße entlang der Spremberger Bahnstrecke. Das ist Genuss pur auf den letzten Kilometern. Auch wenn die Beine mal kurz etwas schwer geworden sind.
Cottbus, entlang der Spree durch den Branitzer Park erreichen wir den Stadtring und sind kurz nach halb sieben auf dem Cottbuser Bahnhof.
205,71 km in 8:30:23 Std. netto
Es war eine tolle Tour durch eine Gegend, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Man sollte das unbedingt wiederholen.
Mit einem Bierchen warten wir nun auf den verspäteten Zug von Leipzig, der 19.10 Uhr zurück fährt. In Taucha steige ich dann aus und bin in wenigen Minuten zu Hause.
Übrigens lief bei Panitzsch ein Fuchs über die dunkle Straße – der guckte ziemlich grillig. Hatte vielleicht Hunger oder Durst…
Auf Radler…

Die Route auf gpsies.com

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