Top Drei Erzgebirge 2007

Bis vor kurzem war es noch nicht ganz klar, ob ich diese Tour erneut von Leipzig aus mit dem Rennrad unternehme oder von Chemnitz im Anschluss unseres Familienurlaubes mit dem Crossrad. Aber vernünftigerweise, die 80 Kilometer von Leipzig habe ich mir dadurch ersparen könne, fuhren wir nach dem Urlaub direkt nach Chemnitz.
Ich rechnete mir zudem aus, dass ich mit der Übersetzung am Crossrad die zu erwartenden Anstiege auch wesentlich besser leisten könnte als auf dem Rennrad, dessen kleines Kettenblatt noch ein paar Zähne mehr hat. Aber wiederum wäre es, diese Überlegung hatte ich im Vorfeld auch, ungünstig gewesen, mit dem Crossrad von Leipzig aus zu fahren, denn auf langen geraden Strecken ist das Rennrad eben wesentlich im Vorteil. Doch dieser Zwiespalt löste sich also von selbst durch unsere Urlaubseinteilung auf.
 
Trainiert hatte ich fleißig im Thüringer Wald. Entsprechend des Wetters hatte ich versucht, so viele Berge als nur möglich zu fahren. Und nachdem ich also nun den Inselsberg und die drei höchsten 900er des Thüringer Waldes inklusive einiger selbst gewählter 12%er im Anstieg gefahren war, war ich da ganz guter Dinge.
Das Wetter sollte noch einmal schön sommerlich sein. Einer der besseren Tage in diesem Jahr also…

Mittwoch, 15.08.2007


Ich komme erst gegen halb sieben aus den Federn, habe, wie immer unruhig geschlafen. War es die Anspannung vor der Tour oder die Sorge, zu verschlafen?
Na ja, was auch immer.
Kurz nach sieben habe ich das Fahrrad aus dem Keller geholt, es kann losgehen. Auf das Regenzeug habe ich großzügig verzichtet. Es wird schon gut gehen. Und die paar dunklen Wolken im Südwesten, die immer näher ziehen, während ich durch Chemnitz in Richtung Neukirchen fahre, ignoriere ich geflissentlich.
Erstaunlicherweise finde ich mich gut zurecht, ich komme mit nur einem Mal Verfahren bis zum Stadtrand und finde sogar die kleine Straße nach Neukirchen hinab recht rasch. Blöderweise beginnt es aber nun, aus den dunklen Wolken zu tropfen. Das war ja nun nicht ausgemacht. Aber wenn es nicht noch feuchter wird…
Es wird! Wo bleibt die versprochene Sonne???
Abzweig nach Adorf, dort am Ortseingang nach Südwesten nach Jahnsdorf. Und es wird immer nasser, was da oben vom Himmel kommt. In Jahnsdorf lauern zwei Baustellen, die Straße beginnt nun anzusteigen und am Ortsausgang geht es schließlich straff mit 8% bis 10% hinauf zum ersten Berg (520 m). Den muss ich überqueren, um auf kürzestem Weg ins Zwönitztal zu kommen. Vor mir ein Traktor, aber mit meinen 8 km/h hole ich selbst den unmöglich ein. Aber ruhig bleiben, ich muss erst MEIN Tempo wieder finden. Nur der Regen nervt. Und auf der Abfahrt ins Zwönitztal, als die Sicht weiter wird, sieht das, was aus Südwesten kommt, nicht sehr vertrauenerweckend aus.
Meinersdorf, Zwönitztal. Ich folge nun der Talstraße nach Thalheim.
Vor mir läuft plötzlich ein wunderschöner Fuchs mit buschigem Schweif über die Straße.
Thalheim… Der Regen hat noch zugenommen. Ich verschwende erste Gedanken an eine eventuelle Umkehr. Aber das wäre ja zu schade! Das ist für mich heute die einzige gute Chance, den Fichtelberg zu versuchen, sehr weit ist der nicht, günstiger geht es fast nicht. Aufgeben, umdrehen??? Ich fahre einfach mal weiter.
 Der Unterschied zum Rennrad macht sich deutlich bemerkbar. Selbst auf dieser sanft ansteigenden Straße erreiche ich kaum mehr als 24 km/h. An steileren Abschnitten sind es noch viel weniger. Wie wird das weitergehen?!
Thalheim liegt hinter mir, über Dorfchemnitz bis Zwönitz ist es nicht sehr weit. Die Zwönitzdurchfahrt ist mir noch von 2006 vertraut, ohne Irritationen erreiche ich den Abzweig nach Grünhain. Hier fuhren wir damals im „Winterurlaub“ nach Waschleithe entlang. Und dieser Anstieg von 500 m auf 730 m ist heftig. Der hat es in sich. Aber mit der entsprechenden Übersetzung, unbegreiflicherweise beginnt nun die Kette auf dem kleinen Kettenblatt zu knacken an, kurbele ich mich gleichmäßig bergauf. Der Regen hat mittlerweile aufgehört, die Straße ist feucht, aber nicht rutschig. Und da sehe ich doch sogar Wolkenlücken in denen blauer Himmel hindurch schimmert! Also habe ich doch tatsächlich wieder einmal großes Glück mit dem Wetter 🙂
Oben auf der Höhe mache ich die erste kleine Rast an einer Unterstellhütte. Ich bin bis hierher ca. 40 Kilometer gefahren. Aber die Höhenmeter summieren sich schon entsprechend.
 Nach Grünhain geht es dann wieder gut bergab, das war das zweite Hindernis auf dem Weg zum Fichtelberg. Von Grünhain über Waschleithe rolle ich nun schnell in Richtung Schwarzenberg. Aber so komme ich sehr weit hinab bis auf 420 m! Schwarzenberg streife ich nur, ich biege auf der stark befahrenen B101 in Richtung Pöhla ab, dann steigt die Straße wieder an. Kurze Trink- und Esspause in Pöhla, dann weiter.
Der Anstieg ist, wie erhofft, sehr angenehm zu fahren, aber vom Schnitt her komme ich nicht einmal auf 20 km/h. Bis Rittersgrün hinter gibt es sogar einen (geschotterten, buckligen) Radweg. Schön, so mitten durch das Erzgebirge zu radeln! Die Landschaft, die Dörfer, es ist herrlich hier. Und auch das Wetter wird besser. Der Wind nimmt zwar zu, weht von Südwest, aber die Wolkendecke reißt auf, die Sonne scheint nun zeitweise, es wird wärmer.
Hinter Rittersgrün (bis Oberwiesenthal sind nun noch 15 Kilometer ausgeschildert) auf 600 Metern Höhe beginnt aber jetzt der eigentlich Aufstieg. Endlos steigt nun die Straße durch das Waldtal an der böhmischen Grenze an. Mal etwas sanfter, mal steil. Ehrenzipfel, ein einsames Vorwerk mitten im endlosen Wald, dann Tellerhäuser… Na ja einsam… Die zahlreichen Autofahrer mit Schwarzenberger oder anderen Kennzeichen gehen mir schon ein wenig auf den Keks.
Ich bin ziemlich geschafft, dieser Berg fordert seinen Tribut. Bei Tellerhäuser sehe ich eine Gruppe junger Radrennfahrer/innen, die mir zurufen, es gleich geschafft zu haben. Aber dann kommt der Hammer! 
Hinter Tellerhäuser lauertdie schnurgerade von 900 auf 1100 Meter ansteigender Rampe. Und die macht mich ein wenig fertig, denn ich sehe ständig vor, nein über mir das Ende dieses Anstiegs und komme nur extrem langsam (8km/h) näher. Der Schweiß läuft in die Augen, das brennt heftig, ich muss anhalten, ein Taschentuch hervorkramen…
Was wird das erst oben auf dem letzten Stück zum Fichtelberg???
Die Sicht ist schön, Waldberge, so weit man blicken kann… Dann etwas höher erkenne ich die Sachsenbaude, es geht nun nur mit kleinen Hügeln locker weiter, die höchste Stelle dieser Straße ist erreicht. Der Abzweig zum Fichtelberg, ich muss wieder in die kleinen Gänge schalten, doch kein Vergleich mit der Strapaze eben. Schneller als ich es mir vorstelle, komme ich an der Sachsenbaude vorbei, die Steigung nimmt sogar noch ein wenig ab. Ein strahlender Mountainbiker kommt mir flott bergab entgegen. Und dann plötzlich sehe ich den Gipfel mit seinen Häusern und Türmen unweit vor mir. Kurz entschlossen radele ich nun auch noch nach Süden auf dem Wanderweg die paar Meter zum Hinteren Fichtelberg hinauf. Und auch das geht leichter, als ich dachte, kein Problem für die Kondition und die Beine. Unverhofft stehe ich vor dem Gipfelzeichen.
Hinterer Fichtelberg, 1206 m…
Es ist 11.48 Uhr. (74,35 km, 1480 Hm, 4:22:52 Std. Netto-Fahrtzeit)
 Noch schnell ein paar Fotos zum Beweis, dann rasch hinüber zum Fichtelberg. Die letzten Meter sind recht steil. Aber nun, da ich scheinbar meinen Rhythmus wieder gefunden habe, keine richtige Anstrengung mehr. 
Fichtelberg, 1215 m, ich habe dich nun auch! (75,18 km, 1532 Hm, 4:28:16 Std. Netto-Fahrtzeit)
 Etliche Leute sind wie erwartet hier oben, ein kühler kräftiger Wind bläst. Ich stelle das Rad am Bergrestaurant „Himmelsleiter“ ab und kehre dort ein.  Und nun verspüre ich auch endlich das ersehnte angenehme Erfolgsgefühl, als ich bei einer süßsaure leckeren Schwammesupp und zwei großen Radlern in einer gemütlichen Ecke sitze, hinausschaue und zum Spaß noch eine Ansichtskarte an meine Familie schreibe. Dafür war es das wert. Das ist der Höhepunkt in diesem Jahr!
 Die Riesengebirgstour im Juli war das Eine, das Frühstück mit Günter auf dem Spindlerpass einfach genial und nun diese Rast auf dem Fichtelberg. Das ist einfach nicht mehr steigerungsfähig und liefert mir auch die entsprechende Euphorie.
Ich halte mich eine halbe Stunde auf, es ist zu schön, dann nach kurzem Rundblick und einigen Fotos rolle ich bergab. Mittlerweile treffen auch zahlreiche Radler mit Rennrad oder Mountain Bikes hier ein. Fichtelberg 2007, es ist (fast) vorbei…
 Am Grenzübergang winken die mich mit meinem Ausweis nur durch, dahinter folgt unmittelbar der Abzweig zum Keilberg hinauf. Denn der gehört heute zu den „Top Drei des Erzgebirges“ noch dazu.  Die Straße hinauf zum Keilberg habe ich unangenehmer in Erinnerung. Aber heute wirkt auch das wesentlich kürzer und weniger anstrengend als im letzten Jahr. 
Bereits 13.15 Uhr stehe ich auf dem Keilberg, 1244 m. Nun ist auch der Höchste des Erzgebirges zum zweiten Mal befahren. Alle drei 1200er des Erzgebirges habe ich jetzt in der Tasche. Klasse…
Die Sicht ist schlechter als vom Fichtelberg drüben, aber sei’s drum. Nicht erkennen kann ich leider die Vulkankegel des Böhmischen Mittelgebirges, das wäre noch ganz nett gewesen, die Mila zu erspähen.
Wiederum stört sich das Auge auch den leider so verfallenen Bauten auf dem Gipfel. Und es sind viel mehr Leute als im letzten Jahr hier oben. Aber da kam ich auch erst viertel sechs an. (82,10 km, 1750 Hm,4:57:05 Std. Netto-Fahrtzeit)
 Ich esse noch ein wenig, trinke, ehe ich nach einer Viertelstunde halb zwei abfahre. Schussfahrt hinab auf böhmischen Straßen, zunächst bis Haj, durch das Dorf bergab, nur kurz hält eine Anhöhe etwas auf, ehe es noch weiter auf schlechter Asphaltpiste durch den Wald abwärts bis Kovarska geht. Kovarska passiere ich, die Gegend liegt völlig einsam und verlassen, weiter nun nach Norden bis Cerny Potok. Dort erreiche ich die Straße von Kadan nach Vejprty. Geradeaus geht es zum Fußgänger-Grenzübergang nach Jöhstadt. Ich fahre weiter nach Osten, heftig bergauf wieder auf 793 m, ehe ich das Wasser der Preßnitz-Talsperrre unweit glitzern sehe.
Die kleine Straße nach Krystovovy Hamry ist mir von der „Höllentour“ im Juni noch wohl vertraut. Nur rolle ich dieses Mal geradeaus weiter, über die Staumauer und dann steil bergauf um den Jeleni Hora herum. Es geht lange aufwärts, wieder einmal von 700 Meter hoch auf 900 Meter. Und ich  spüre nun doch, dass ich (für heute) langsam den Spaß verliere. Auch hier ist die lange Strecke auf dem Erzgebirgskamm bis hinüber nach Reitzenhain fast völlig menschenleer. Jilmova, unweit ist Satzung zu sehen, aber hier kann man leider nicht über die Grenze. Drüben der Hirtstein, schaffe ich den nun auch noch? Den Basaltfächer noch ansehen? 
Bis Reitzenhain ist es nun nicht mehr weit. Hier kann ich nun wieder locker bis zum Grenzübergang rollen. Ausweis vorzeigen, der interessiert aber scheinbar nur die tschechische Grenzerin. Und dann folge ich dem ersten Wegweiser nach Satzung, Steinbach. Die Entscheidung ist nicht ganz leicht, jetzt bin ich einmal hier oben, also vielleicht fahre ich doch noch auf den Hirtstein???
Aber dann denke ich auch an die 50 Kilometer Rückweg, die ich noch habe… Und ein paar Ziele im Erzgebirge brauche ich ja auch noch. Also dann lieber jetzt nur abwärts ins Preßnitztal. Das geht sehr schnell, ein paar Minuten später sause ich schon durch Steinbach, 200 Meter tiefer und dann geht es an der Preßnitz entlang schnell bis Wolkenstein. Da der Durst groß ist, halte ich dort noch einmal am Eisenbahnhotel und leiste mir eine große eisgekühlte Sprite, welch ein Genuss! Dazu noch ein Schinkenbrot, denn ich will die Fehler vom Juni nicht wiederholen. Damals war hier ja Schluss mit lustig. Meine Wasserreserven möchte ich lieber noch schonen.
Weiter abwärts, nun entlang der Zschopau, Scharfenstein, Wilischthal, dann links die kleine Straße, die nach Weißbach hoch führt. Mein letzter (Angst)Berg heute. Danach wartet nur noch der Kassberg. Aber den werde ich schon irgendwie bewältigen.
Der Schweiß läuft wieder in Strömen, die Sonne scheint, es ist schwülwarm. Am Ortseingang von Weißbach auf 400 m kurze Rast, Trinken. Dann weiter mit 14 km/h, aufwärts… Nächste Trinkpause ist dann am Dorfteich, an dem ich im letzten Jahr bei dem Gewitterregen anhielt. Schweiß abwischen, Trinken, Verschnaufen. Endlich das letzte Stück bergauf. Nun bin ich wieder über 500 Meter hoch, aber das Zwönitztal und Einsiedel sind nun auch sehr schnell erreicht. Gemütlich fahre ich jetzt immer leicht talwärts mit einem ordentlichen Schnitt, der Rennradfahrer, der mich überholte, wirkt an der nächsten Ampel irritiert, dass ich noch immer hinter ihm bin.
 Erfenschlag, Gewerbegebiet Süd, Werner-Seelenbinder-Straße, entlang der Chemnitz und des Stadtparks und schließlich über die Stollberger Straße hinab zur Zwickauer Straße und dann im kleinen Gang noch die Ulmenstraße hoch.
Es ist geschafft.
 
Kurz vor 18 Uhr bin ich am Ziel
Länge: 175,47 km, reine Fahrtzeit: 9:08:44 Std. , Höhenmeter: 2550 Hm

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