Wie soll es hier nun weitergehen?

Wenn sich die Themen, die Serien, die Bilder zu wiederholen beginnen, dann ist es Zeit, neue, andere Wege zu finden.

Über fünf Jahre hat es gedauert seit diesem Einschnitt, ab dem das, was man glaubte, ein Leben lang tun zu können, nämlich das Radfahren auf langen Strecken, plötzlich nur noch eingeschränkt möglich war.
Die Angst fuhr (und fährt immer noch) bei jeder Tour mit, dass sich das wiederholen könne. Jedes Kribbeln im Kopf, jeder Liter Schweiß, der ohne Ausgleich zu viel vergossen wird, sorgen für Unruhe und Befürchtungen…
Deshalb neue, alternative Wege finden – das war das Motto der letzten Jahre, Fotografieren als ein sehr willkommenes und wunderschönes „Hintertürchen“, Erfüllung zu finden, die Augen zu öffnen für die großen und kleinen und noch kleineren Dinge. Sich-Wundern- und Sich-freuen-Lernen über das Alltägliche….
Tja und nun ist es doch wieder einmal so weit.
Es lässt den Radelnden uHu nicht los, die Erinnerungen, die gerade in der dunklen Jahreszeit Hochkonjunktur haben, kommen immer wieder hoch, es gibt Vorbilder, die es nach gesundheitlichen Einbrüchen auch wieder geschafft haben, auf die Beine, bzw. Räder zu kommen.
Warum also nicht einen neuen Versuch wagen, zurück aufs Rad, behutsam, bewusst anfangen und den Weg zurück finden, sofern es möglich ist.
Nicht zu schnell, nicht zu hektisch und ehrgeizig, sondern langsam, langsam, immer weiter und noch weiter…
Erforschen, wo die Grenze liegt, Grenzen (wieder) verschieben…
Der 15-km-Radius, der uns zu Zeit noch auferlegt ist, erlaubt trotz allem ausreichend lange Gelegenheiten zum Trainieren und Genießen, die Ernährungs-Problematik und die Kilos zuviel sollten doch zu lösen sein – Ziele als Motivationshilfe gibt es genug. Und die letzten Vorfrühlingstage mitten im Februar waren ein guter Zeitpunkt, um das Vorhaben praktisch zu starten und die ersten Runden zu fahren.
Klar, dieser Blog wird in erster Linie ein Bilderblog bleiben, es gibt zu viele Dinge, die es links und rechts des Weges oder vor der Haustür zu entdecken und zu zeigen gibt.
Aber parallel dazu wird der Blog (vielleicht) mit dem Schildern von Fortschritten (und ja – auch ganz ehrlich von Rückschlägen) etwas Rad-lastiger.
Betrachtungen, Gedanken zum Fahren, Berichte zu Touren, aber keine technischen Fachsimpeleien, soll es künftig hier ebenfalls geben.
Es wird zu zeigen sein, dass sich Radsport UND Fotografieren keinesfalls ausschließen, es gilt, einen Kompromiss zu finden, der beiden Hobbies gerecht wird.

Wer weiß, wo es endet – das ist sehr spannend.
Ist schon im Frühjahr damit wieder Schluss – weil es eben doch nicht geht und der Körper sein Veto einlegt – oder bleibt alles völlig offen und gut, weil die Dinge, die dazu gehören, sich alle zum Besten fügen.

Auf jeden Fall soll es ein Mutmacher oder Ansporn werden für alle, die mit ähnlichen Problemen aus welchen Gründen auch immer, zu kämpfen hatten und haben, die Flinte (oder in meinem Fall das Rad) nicht ins Korn zu werfen, sondern es einfach immer und immer wieder zu versuchen, weitermachen, weiter, weiter…

Es geht immer weiter.

Bilder, Berichte, Betrachtungen findet Ihr also künftig im Blog und/oder im Menü unter „Radeln…“ .

PS:

kleine Randbemerkung -ich möchte eigene Erlebnisse hier nicht selbstdarstellerisch in der Öffentlichkeit breit tragen, sondern ähnlich Betroffenen zeigen, es gibt immer mindestens einen Weg aus scheinbar unlösbaren Situationen- sofern man den Willen hat, diesen von sich aus zu finden und offen für (auch völlig andere) Alternativen ist.

Hier zeigen möchte ich also nur (m)einen Weg.

Zweitens wünsche ich nicht, dass dieser Blog als Diskussionsplattform genutzt wird, es gibt auch in dieser Hinsicht so viele Meinungen, wie es Menschen gibt, die natürlich auch sehr konträr sein können – aber für Diskussionen und Auseinandersetzungen – die leider nur zu leicht gerade auf diesem Medium eskalieren, nicht mehr zu beherrschen und einzufangen sind – gibt es wesentlich besser geeignete Plattformen – bitte habt Verständnis, dass ich zu diesem Thema also hier keine Kommentare freigeben oder beantworten werde)

Spreewaldmarathon 2019

Alle Jahre wieder…
So oder ähnlich geht es durch den Kopf, als wir in der Morgenstille locker an der Spree entlang gen Lübbenau rollen. Das elfte Mal ist es heute, eigentlich gab es nur ein Jahr, 2017, in dem der Radelnde Uhu aussetzen musste.
Das frühlingshaft warme, aber für diese Jahreszeit viel zu trockene Wetter ist mit einem deftigen Gewitter heute Nacht umgeschlagen.
Nun ist der Himmel wolkenverhangen, der Wind weht leicht von West, es ist kühl, aber wir werden den ghanzen Tag lang Glück haben, bis auf wenige Spritzer bleibt es heute noch trocken.
Der Startpunkt für den 17.Spreewaldmarathon ist wegen Bauarbeiten an der Festinsel heute an den Sportpark an der Majoransheide am westlichen Rand der Stadt verlegt.
Auch wenn wir das Ambiente am Schloß auf der Festwiese schöner finden, für den Stadtverkehr ist es schon eher eine Entlastung, wenn sich die zigtausende von Radlern von hier draußen aus auf die Strecke machen.
9 Uhr ist der Startschuß, dann setzen sich 1200 Radler laaangsam in Bewegung auf die 110er-Runde. Nach dem gemütlichen 70er im letzten Jahr äußerten unsere Nachwuchsfahrerinnen den ausgeprägten Wunsch, sich einmal etwas mehr zu fordern und die 110 zu versuchen.
Und so hat der Radelnde Uhu heute DREI !!!! JUNGE !!! DAMEN !!! im Schlepptau. Auch nicht schlecht.
Die Route verläuft zunächst quer durch die Stadt, am zweiten Kreisverkehr gibt es Irritationen, die Schnellen vorn folgen dem blauen (200er) Pfeil und werden rasch nicht mehr gesehen, die Langsameren haben immerhin Zeit zum Reagieren und Schauen und biegen rechtzeitig ab, der rote (110er) Pfeil ist etwas weiter stadteinwärts angebracht, war nicht direkt zu erkennen. Etwas ungünstig ist nun die Vermischung mit dem alltäglichen Kfz-Verkehr. Das wird nicht unbedingt auf Feudenausbrüche bei unseren motorisierten Verkehrsteilnehmern sorgen.
Aber als wir die Stadt schließlich verlassen, ist alles gut und schön.
Und es wird immer schöner…
Das ist es wieder, das Besondere am Spreewaldmarathon, die weite Landschaft, die Störche auf Wiesen und Feldern, die kleinen Straßen und Sträßchen und dann die perfekte und umfassende Betreuung an den Verpflegungspunkten.
Es geht einfach nicht besser und schöner – finden zumindest wir.
Die DREI!!! JUNGEN!!! DAMEN!!! 😉 haben sich mit dem Schnitt, den der Radelnde Uhu vorgibt, wunderbar arrangiert. Nicht zu schnell, schön gleichmäßig, nicht zu große Gänge, kraftsparend und knieschonend eher mit höherer Frequenz, Viele überholen uns zwar, aber es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Durchhalten und Ankommen. Und ums Genießen dieses schönen Tages.
Für ausreichende Pausen und Verpflegung ist gesorgt, alle sind zufrieden und haben ihren Spaß.
Auch die „Strategie“, durch nicht zu lange Pausen Zeit zu gewinnen, geht voll auf. Etliche, die uns überholten, sehen schon am ersten Kontrollpunkt am Eurocamp nach 42 km ziemlich knülle aus, die sehen wir danach erst eine ganze Weile nach unserer Ankunft im Ziel wieder. Aber wir wollten ja nicht gewinnen 😉
Schwere Beine? Gibt es heute auch nicht. Eher schwere Bäuche vom vielen Essen. Oder Mädels?
Die Plinsen in Straupitz sind wieder ein Träumchen (schade, ein Jahr müssen wir nun wieder darauf warten) und nach kurzer Fahrt durch die herrliche Flussauenlandschaft gibt es in Burg schon die nächste Fresspause.
Wetter? Das hält sich – prima. Was kann es Schöneres geben, als an solch einem Tag um bzw. durch den Spreewald zu rollern.
Der „Angsthuckel“ am Tagebau ist heute geschenkt, bald ist Lübbenau erreicht, schon wieder Pause? Neee, war ein Spaß, die muss sein, irgendwie fallen wir sonst vom Fleisch.
Lübben – am Sportpark säumen viele Zuschauer die EInfahrt ins Ziel, dann gibt es die wohlverdienten bronzenen Gurkenmedaillen.
Toll Mädels, es hat heute viel Spaß mit Euch gemacht. Gerne mal wieder…
Nach ein, zwei Bierchen (bleifrei) rollen wir nun wieder zurück zu unserer Unterkunft.
In Summe kommen wir somit heute auf 140 Tageskilometer.
Abgesehen von einigen 200ern kommt uns auf dem Spreedamm kaum noch jemand entgegen. Ruhe macht sich wieder über der Landschaft breit, das Licht in diesen Nachmittagsstunden wird schöner, goldener, glatt ist der Wasserspiegel der gemächlich strömenden Spree.
Die Summe der Ereignisse dieser Tage – das Fest, der Spreewaldmarathon und sein Getöse und die vielen Radler, die extrem beanspruchten, aber immer freundlichen Helfer und Betreuer, das Dahinrollen auf dem Spreedamm, die endlose ruhige Landschaft, wenn der Lärm verschwunden ist, die schöne kleine und gemütliche Altstadt von Lübbenau z.B., die Wanderung an den Kanälen entlang durch den Wald am nächsten Tag, das Paddeln auf dem stillen Wasser, der Sonnenuntergang und die abendlichen Farben – und nicht zuletzt das üppige Bauernfrühstück oder die Grützwurst ergänzt mit ein, zwei, xx Gläschen Babben-Bier, das bedeutet für uns (auch) Spreewald.
Und der nächste Spreewaldmarathon ruft schon.

Spreewaldmarathon 2018

„Die verrückten 200er sind natürlich alle schon durch. Die sie jetzt hier sehen, sind mehr so die Freizeitfahrer…“ – so ungefähr lauten die Worte der Spreewälderin, die den schwer mit kuchenessenden Ausflüglern beladenen Kahn aus dem kleinen Schlepziger Hafen bugsiert.
Danke, wir haben verstanden – Freizeitradler. Hmmm, ist das besser als ein „verrückter 200er“?‘
Da bleiben wir doch glatt noch ein wenig länger hier sitzen. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, ringsum zeigt sich frisches Grün an den Bäumen, hinter uns tummeln sich die vielen vielen Freizeitradler und werden wie immer bestens von den netten ehrenamtlichen Helfern versorgt.
200, das war mal – oft genug sind wir diese Runde gefahren, schnell und noch schneller. Muss heute wirklich nicht sein, schön ist es, dass überhaupt wieder etwas geht und da genügen auch die gemütlichen 70. Genuss ist angesagt, kein selbst gemachter Zeitdruck, nein, einfach nur entspannt dahin rollern und diesen wunderbaren Frühlingstag in all seinen sonnigen Facetten auskosten.
Ja, ein wenig kratzt es schon, wenn man an die vergangenen Jahre denkt.

Aber wer weiß, vielleicht geht mit behutsamer Steigerung auch demnächst mal wieder etwas mehr.

Die schönsten Momente dieser Spreewaldmarathons sind immer wieder, ehrlich gesagt, die Kilometer an der Spree entlang zum Start nach Lübben und dann das Ausrollen danach wieder zurück zur Unterkunft. Noch ist es ruhig in dieser unendlichen Landschaft, das menschliche Getöse ist weit weg, erst auf der Schlossinsel holt es uns dann ein.
Aber das ist dann natürlich auch wieder ein sehr schönes Gefühl, sich mit nun den vielen Radlern mit Polizeieskorte zuerst durch Lübben zu wälzen und dann richtig Fahrt auf den ruhigen Landstraßen aufzunehmen. Sofern man nicht von aggressiven und ungeduldigen Autofahrern abgedrängt wird….
Der größte Respekt gilt dabei immer wieder den Helfern, die hier ihre Zeit damit verbringen, das Sport treibende Volk mit Straßensperrungen und üppiger Verpflegung zu unterstützen.
Und so ist die Zufriedenheit, die sich innerlich auch schon nach den „kurzen 70“ breit macht, eine Kombination aus dem Erlebnis der wunderbaren frühlingshaften Landschaft, dem guten Gefühl des Rollens auf den Straßen und der Volksfeststimmung an den Verpflegungspunkten und hier in Lübben auf der Festwiese.
Das macht diesen Tag wieder einmal zu einem der schönen Momente im Leben – und steigert die Vorfreude auf eine Wiederholung im nächsten Jahr.

Spreewaldmarathon 2016

Samstag, 16.04.2016

Die Anspannung ist ziemlich groß, obwohl eigentlich geplant ist, diese Tour nur so weit zu fahren, wie es Kopf und Körper zulassen.
Nur nichts provozieren – sondern ganz langsam, ganz behutsam den Neuanfang versuchen, den zweiten Neuanfang übrigens nach dem „Fast-Katze-Überfahren“-Crash vom August 2012.
Na ja, eigentlich schon der dritte, nach 08/2015 und 12/2015…

Egal…

Kühl, wolkig, sonnig ist es, für heute ist gutes Wetter angesagt.
Zumindest sollen nicht solche Regenfälle wie gestern zu erwarten sein.
Auf das Einrollen im Morgensonnenschein nach Lübben hinüber verzichten wir, im Auto ist es wärmer und gemütlicher…
Und so kommen wir sogar noch in den Genuss, die „Hasenhochzeit“ auf dem Feld vor Lübben zu sehen. Sind das nun 7, 8 oder 14 Hasen oder 15 Hasen und 7 Ohren oder 15 Ohren und…
Auch egal, auf jeden Fall haben wir noch nie so viele Hasen auf einem Fleck gesehen.
An der Festinsel ist wieder Tohuwabohu, die 1200 Teilnehmer auf den 200 km wälzen sich gerade über die kleine Brücke auf Lübbens Straßen.
Und ganz am Ende rollen wir schließlich in aller Ruhe hinterher. Begleitet vom Polizeifahrzeug mit Blaulicht – auch ein Erlebnis… Dem englischsprechenden Pärchen hinter uns sind wir schließlich zu langsam, die zwei gemächlich dahin rollenden Herren auf den schicken Rennrädern vor uns überholen wir dann nach ein paar Kilometern…
Na was – geht doch.
Uwes geschicktes abwartendes Nachfragen erreicht dann in Lubolz den von ihm gewünschten Effekt. Ich werfe alle Pläne von einer Spreewaldrunde mit maximal 70 km außerhalb jeglicher Wertung, alle Pläne von da mal abkürzen und dort mal ne Beule abschneiden über den Haufen und wir rollern den 200ern in Sichtweite hinterher.
Man muss es ja nicht übertreiben, doch selbst die 150er-Runde, die mir zu diesem frühen Zeitpunkt noch völlig aussichtlos erscheint, kann man ja im Notfall jederzeit abbrechen.
Der neue Verpflegungspunkt in Kasel-Golzig bestärkt dann noch einmal das Vorhaben, auf der ausgeschilderten Route zu bleiben.
Recht locker erreichen wir Krausnick, die Masse der Leute ist schon weg, das bietet die Chance, sich ohne Drängelei zum ersten Mal voll zu fressen. Die Sonne scheint, die fleißigen und netten ehrenamtlichen Helfer lächeln, das Leben ist schön.
Ein kurzes Hineinhorchen – nö – selbst das leise Kribbeln im Hinterkopf ist nicht zu spüren.
Aber – man muss auch das Pausenmachen nicht übertreiben. Radfahren wollen wir auch noch.
Kult-P-Pause im Unterspreewald am Puhlstrom, Plinsen nach weiteren 10 kmchen am Hafen in Schlepzig. Das ist auch neu – und da wir ja ganz entspannt….
So können wir dieses freundliche Angebot einfach nicht ablehnen.
Eurocamp, schon eine ganze Weile beunruhigte die dunkle Wolkenfront im Westen. Doch den nach der Pause einsetzenden Regen soll es lt. Wetterbericht heute eigentlich nicht geben. Kleiner Makel, hört bestimmt gleich wieder auf.
20 Kilometer weiter – sollten wir doch die Regenklamotten anziehen? Der Regen war ja nun nicht angesagt, ist sicher nur die dicke schwarze Wolke, gleich vorbei.
Straupitz – wir sind durch, nass, kalt…
Aber die Leute hier lassen sich einfach nicht verdrießen, das steckt irgendwie an. Und die Plinsen sind nun auch nicht von schlechten Eltern. Dazu ein, zwei Käffchen.
Besser geht dat nich…
Na gut, die Dusche könnte bitte mal jemand abstellen.
Regenklamotten sind mittlerweile sinnlos. Wenigstens die dürfen nun trocken bleiben.
Unsere Familien, die wir angesichts des Wetters in einer ganz anderen Laune erwartet hatten, stehen lächelnd und zufrieden im Regen. Erstaunlich. Was hat der Spreewaldmarathon, was andere Radtouren nicht haben?
Uwes Optimismus leidet jedoch ein wenig, denn die helleren Wolkenlücken werden minutenschnell wieder dunkel zugedeckt, der Jemand dreht am Duschknopf, das Wasser fällt mal spärlicher, mal etwas intensiver, wo kommt das alles her?
Ein Genuss ist die schöne Landschaft zwischen Straupitz und Burg angesichts der Nässe und Kälte heute leider nicht – ja, wir haben abgekürzt – die 200 sollen es heute nicht sein, wir sind zeitlich sowieso viel zu spät, so dass wir die Beule über Lieberose ausfallen lassen.
Aber in Burg gibts schon wieder etwas zu futtern. Lecker Kuchen… Prima.
Offensichtlich bewirkt aber der Dauerregen, dass die angekündigten Sturmböen ausfallen. Ist ganz praktisch, denn im ehemaligen Tagebaugelände südlich von Raddusch würde es sonst ganz schön entgegen blasen. Hat also auch sein Gutes…
Der letzte Verpflegungspunkt an den Lübbenauer Spreewelten wirkt heute ein wenig verwaist. Schade, denn die Blasmusiker geben ihr Bestes und hätten sicher ein wenig mehr Publikum verdient. Und auch die angebotenen Suppen sind genau das Richtige im Augenblick – also auch hier wieder der Vorteil der Situation, man bekommt die und noch nen Nachschlag ohne Schlangestehen.
Lässt das Pieseln jetzt etwa nach?
Es scheint ganz so – tatsächlich das penetrante leise Klopfen auf dem Helm wird langsamer, leiser…
Aber war wohl nur ne Atempause, auf dem letzten Stück auf der Bundesstraße nach Lübben scheint der Duschknopf kaputt gegangen zu sein und der Himmel öffnet nun etwas unkontrolliert seine Schleusen. Die Straße ist eine einzige Wasserfläche, man sieht nur Wasser ringsum, Taucherbrille und Schnorchel wären jetzt ganz praktisch.
Aber dann ist gegen 16 Uhr doch Lübben erreicht.
Fast alle haben durchgehalten, sich allerdings nach der Zieleinfahrt auch gleich verkrümelt. Ein Fest wird das hier eben nicht mehr, auch wenn die Trommler und Cheerleader jedem eintreffenden Fahrer eine Extra-Willkommens-Welle gönnen.
Aber das Ziel ist erreicht und die eigenen Vorstellungen wurden bei Weitem übertroffen.
156 km – das lag außerhalb jeglicher Vorstellung.
Trotz der üblen Vorgeschichte in den letzten Monaten, der fast völlig fehlenden Grundlagenausdauer und der stark abgebauten Muskulatur ist es eine für mich arg überraschende Tatsache, diese Distanz gefahren zu sein. Es geht!
Aber, was folgt nun?
Hineinhorchen, schauen, was mit dem Körper passiert, Ruhe bewahren und auf keinen Fall sofort nachlegen. Man muss es ja nicht übertreiben.
Übrigens scheint jetzt die Sonne von einem blauweißen Himmel.
Da erübrigt sich jeder Kommentar.

Und an die goldene Gurke, wir waren ja eigentlich für 200 gemeldet, werde ich mir ein Zettelchen kleben… „Beschissgurke“ könnte vielleicht drauf stehen 🙂

Spreewaldmarathon 2015

Spreewald-Marathon, 18.04.2015

Am schönsten sind die Momente, wenn die Sonne über dem Horizont erscheint, leichte Nebel über dem stillen Wasser der Spree und der Fließe aufsteigen und ein enormes Vogelkonzert den neuen Tag begrüßt.
Ohne Schmalz und Krümel… Es gibt wirklich (fast) nix Besseres.
Abgesehen von den zu Eisklumpen erstarrten Fingerspitzen, die kaum den Auslöser der Kamera betätigen können, ist das der perfekte Einstieg in diesen Tag.


Der Spreewald-Marathon und für mich die mittlerweile 8. Teilnahme an dieser von vielen ehrenamtlichen Helfern wunderbar organiserten Massenveranstaltung stellt immer wieder DEN ultimativen Start in den Radler-Frühling dar.
Sicher, der Startschuss in die Saison 2015 fiel bereits beim 200er-Brevet in Berlin, aber diese Runde durch und um den Spreewald mit allem Drumherum schafft das lange ersehnte Gefühl, dass sich nun die warme Jahreszeit nicht mehr aufhalten lässt.
Auch wenn der heutige Morgen frostig ist und selbst im weiteren Verlauf des Tages die Temperatur kaum über 12°C steigt…


Zusammen mit fast 1.000 anderen Radlern schickt uns das „Auf die Gurke – fertig los“ wieder einmal 7.30 Uhr von der Schloßinsel Lübben auf die 200 Kilometer lange Reise.
Wie immer sind die Schnellsten sofort weg, wir gehen das Ganze dagegen etwas gemütlicher an. Uns drängelt ja nix…
Und da die Frauen mit den Mädels erst 11.30 Uhr nach pompösen Frühstück im Hotel am Lübbener Hafen auf die 70er Runde starten, haben wir ebenfalls viel Zeit.


Im prallen Sonnenschein am Vormittag „arbeiten“ wir uns auf gewohnter Strecke zum ersten Kontrollpunkt in Krausnick durch.
Gruppenfahren ist zumindest für mich heute nicht so angesagt, das nervöse Hin- und Her, ruckhafte Beschleunigen und Bremsen von Leuten, die die Anderen und deren Fahrgewohnheiten nicht kennen, potenziert das Sturzrisiko. Und da es Spezialisten gibt, die mitten im Feld plötzlich verlangsamen, um einen Schluck aus der Pulle zu nehmen, dabei noch aus dem Gleichgewicht kommen, von rechts nach links und zurück pendeln und die Hintermänner in große Verlegenheit bringen, halten wir uns da doch sehr zurück.
Allein geht besser – oder eben gegebenenfalls selbst vorn im Wind arbeiten….


Krausnick, Groß-Leuthen, Straupitz, Lieberose, Burg, Lübbenau – die zahlreichen Helfer haben wieder für eine erstklassige Verpflegung gesorgt.
Auch wenn die Teilnahmeberechtigung anhand der Startnummer nicht kontrolliert wird, wäre es äußerst unfair, den Obolus in Höhe von 32,- EUR unterschlagen zu haben  und als „blinder Passagier“ an Bord zu sein. Denn die Mühe und Arbeit der Leute, die stundenlang bei diesen niedrigen Temperaturen ausharren, die üppige Palette an handgeschmierten Wurstbroten, Kuchenstückchen, Obst, Gurken, Gummibärchen (welche Kinder haben dieses Opfer gebracht ;-), Schokoladestückchen und – riegeln, Brühreis mit Hühnchen, Nudel- und Kartoffelsuppe, Bockwurst und nicht zuletzt den Plinsen in Straupitz ist das mindestens Wert.
Ganz abgesehen vom unerschöpflichen Getränkeangebot, das für uns bereit steht.


Also wirklich wieder einmal einen ganz großen Dank an die Veranstalter und alle Helfer und Unterstützer dieser tollen Veranstaltung.

Allmählich bewölkt es sich, wird spürbar kühler, als die Sonne verschwindet.
Und allmählich fressen und trinken wir uns bis Lieberose und Burg durch.


Zwischenzeitlich haben wir einen etwas älteren „Hinterradlutscher“ im Huckepack, der sich konsequent der Führungsarbeit verweigert und dessen größtes Problem die jungen Mädels sind, die das Ganze so locker fahren und dabei noch quatschen können. Na ja 😉
Wenn es weiter nix gibt…
Aber bei einer von Uwe geschickt gesetzten Pause will unser „Windschattenfahrer“ nicht abwarten, sondern gondelt allein weiter und wird flugs von einer anderern Gruppe geschluckt und mitgezogen.

Burg – ca. 160 Kilometer – schade, schon fast vorbei. Große Stimmung hier im Ort, der Moderator sorgt für volksfestähnliche Unterhaltung.
Nun wird der Verkehr etwas „dicker“, die 70er, 110er und 150er kommen noch mit dazu.
Aber es rollt.

Im ehemaligen Tagebau Vetschau und anschließend in Lübbenau bei ein, zwei Bierchen „ohne“  und Kartoffelsuppe treffen wir auf unsere Frauen.
Danach folgt schon wieder die Kür, leider auf der Bundesstraße, sehr zum Leidwesen des motorisierten Kraftverkehrs, die sich heute ihr ureigenstes Medium mit richtigen KRAFT-Fahrern teilen müssen. Und die kämpfen sich alle eisern beim noch einmal aufdrehenden Gegenwind bis Lübben durch.
Kurz vor 16 Uhr sind wir im Ziel.


Es waren 202 Kilometer.


Das reicht auch, um noch in guter entspannter Stimmung und Laune, von den Cheerleadern und den Trommlern begrüßt, die goldene Gurke abzuholen.


Die Sonne zeigt sich auch wieder, so dass wir nur wenig frieren müssen, bis unsere Frauen eintreffen.
Schade – schon vorbei.


Es folgt der Epilog – das gemütliche Ausrollen im Abendsonnenschein auf dem Spreedamm zurück zur Unterkunft.

Schön war es.

Wir kommen wieder!

Danke

Vielen Dank an:

  • Freiherrn von Drais – der diese tolle Art der Fortbewegung erfunden hat
  • die Macher von „Le Petit Journal“ – denn diese haben 1891 PBP ins Leben gerufen
  • Roland Adam – er vermittelte auf der Lecos-Tour im Herbst 2011 den Kontakt zwischen Thomas und mir
  • die Organisatoren der Brevets – ihrer Arbeit verdanken wir schöne und spannende Touren durch Deutschland und die Qualifizierung für PBP
  • die Organisatoren und zahllosen ehrenamtlichen Helfer sowie die vielen vielen gastfreundlichen Franzosen bei PBP – sie hielten wegen UNS Tage und Nächte eisern durch und machten diese Fahrt zu einem wunderbaren unvergesslichen Erlebnis
  • Thomas‘ Eltern und speziell seinem Vater – sie stellten uns ihr Reisemobil für die Brevets und PBP zur Verfügung, Thomas Vater begleitete uns sogar – ohne dieses wäre die Logistik wesentlich schwieriger geworden
  • Freunde, Bekannte, Kollegen – denn sie brachten das nötige Interesse für unser merkwürdiges Hobby auf, bewunderten uns gebührend 😉 und fieberten ausdauernd in den Tagen der Tour mit
  • unsere Familien – sie mussten schließlich monatelang unser Gebrabbel von PBP aushalten und duldeten mit großer Toleranz unser Tunnelblickverhalten

PBP 2015 – 2. Teil

Erster Tag

Es ist trübe, kühl, die Sonne hat derzeit keine Chance. Dazu ist die Landschaft mit ihren teilweise abgeernteten Feldern recht trist, so dass die Motivation beim Weiterfahren etwas leidet.

Auf den nächsten Kilometern rollen wir hügelauf und hügelab in einer losen Gruppe aus US-Ameri­kanern, Japanern und Brasilianern. Bemerkenswert finden wir vor allem den Fahrstil der jungen Brasilianerin, die mit ihrem Fixie mit voller Kraft in die Anstiege geht, dann oben etwas ausgepumpt wirkt und danach mit vollem Speed wieder abwärts rollt. Und wozu der andere junge Brasilianer ganze Wagenladungen mit Tempotaschentüchern mit sich führt, erschließt sich uns auch nicht so richtig. Na ja, er wird seine Gründe haben.
Langsam dringt die Sonne durch den Morgendunst. Es wird wärmer, wir können die Beinlinge und Ärmlinge in den Taschen verstauen.
Kurze Rast, ein Apfel tut gut, dann weiter…

Nach dem schleppenden Vorankommen über die zahllosen Anstiege in der Nacht hatte ich diverse Befürchtungen, ein Problem mit dem Zeitlimit zu bekommen, doch nun stellt sich langsam eine Art Routine ein.
Die Anstiege nehmen wir in kleinen Gängen, möglichst schonend, dafür können wir es ja auf den Abfahrten umso besser rollen lassen. Irgendwann bleibt unsere Gruppe zurück…
Wir fahren zu Zweit weiter und wenige Kilometer vor Fougeres kommt uns das Angebot einer gast­freundlichen einheimischen Familie wie gerufen, um eine Rast zu machen und statt dem Wasser aus den Plasteflaschen oder einem Ekel-Powerriegel mal etwas viel Besseres in den Magen zu bekom­men.
Es ist einfach unglaublich. Die Leute wollen auch kein Geld, es genügt ihnen eine Ansichtskarte, von da, wo wir herkommen. Schon etliche Male, wie uns der Familienvater erzählt und seine Bilder zeigt, hat er die PBP-Fahrer hier bewirtet.
Kuchen, geschälte Orangenstücken, Schokolade, Kaffee, frisches Wasser, Sirup…
Es ist zu schön – ganz schnell verliert man hier bei diesen Menschen die Lust am Weiterfahren. Aber es nützt nix… Die Zeit läuft gnadenlos. Wir müssen weiter.
Kurz vor Fougeres erspähe ich Dietmar, Randonneurdidier am Straßenrand. Er ge­nießt offensichtlich gerade die Atmosphäre dieses Tages an einem der zahlreich in den Ortschaften aufgestellten Schmuckfahrräder, mit denen die Franzosen dieses Ereignis PBP würdigen.
Fougeres ist ein größerer Ort, war auch in diesem Jahr Etappenort bei der Tour de France. Auf den Straßen herrscht recht dichter Verkehr, es geht in einigen Schleifen hin zum Gymnasium, wo wir nach 310 Kilometern kurz nach 11 Uhr den Kontrollpunkt erreichen und zügig unseren Stempel abholen. Das Zeitlimit liegt bei 15:04 Uhr, wir haben eine Stunde her­ausfahren können und nunmehr 4 Stunden Zeitpuffer. Aber auch hier halten wir uns nicht lange auf, wollen keine Zeit in der Schlange an den Versorgungsständen verlieren.

Tinteniac liegt „nur“ 50 Kilometer entfernt. Gegessen haben wir gerade bei den netten Franzosen an der Strecke, also kann es gleich weiter gehen.
Die Sonne scheint warm, ohne es direkt zu merken, hole ich mir einen leichten Sonnenbrand im Ge­sicht. Und es rollt. Die Endlosreihe hat sich in viele kleine und noch kleinere Grüppchen aufgelöst. Findet man jemand, der das eigene Tempo fährt, dann bleibt man ein Stück beisammen. Zumindest bis zur nächsten Rast in einem kleinen Dörfchen am kleinen Supermarkt. Im Schatten ist es dort sehr gut auszuhalten. Ein paar Pfirsiche, Bananen und Saft bringen die benötigten Energien zurück. Wir treffen hier auf einen Fahrer, der schon beim 600er in Bayern wortreich auffiel und damals nach 500 Kilometern ausstieg. Jetzt hat er uns eingeholt, ist in einer späteren Gruppe eine Stunde nach uns gestartet und wundert sich lauthals, dass wir erst hier sind.
Na ja…
Warum nicht? Wir liegen gut in der Zeit, warum sollen wir aus PBP ein Rennen machen?
Bis Tinteniac befinden wir uns einige Zeit in einer gleichmäßig vorankommenden Gruppe. Die Fahrt ist jedoch so gleichförmig, dass Thomas plötzlich feststellt, zu halluzinieren (???) und ich ge­rade von meiner längst verstorbenen Großmutter geträumt habe und nun mit ein wenig Schwierig­keiten in die Realität auf dem Rad zurückfinden muss.
Upps. Wir rollen ja immer noch!

Die Temperaturen steigen, es wird sehr warm, man merkt, dass der größte Kampf der gegen die Müdigkeit ist (Lutz landet in Träumen, ich halluziniere)
Aber Muskeln, Sehnen, Hintern und Nacken alles ist super, wir ernähren uns so, dass es nie zu ei­nem Defizit an irgendetwas kommt

Tinteniac – besser wir halten nun doch einmal etwas länger.
14:30 Uhr, 364 km. (18:56 Zeitlimit) Das sieht gut aus.
Da an den Versorgungsständen nur Wenige anstehen, leisten wir uns hier einen Kaffee, herrlich!!! und ein Baguette Jambon. Erstaunlich, das ist recht frisch, knackig und schmeckt.
Der anschließende längere Anstieg nach Becherel hinauf zusammen mit einer französischen Alther­ren-Gruppe auf Rennrädern, die NICHT an PBP teilnimmt, fällt uns danach nicht schwer und in zü­giger Fahrt sammeln wir nach und nach zahlreiche Randonneure wieder auf.
Mist!
Thomas, warte mal bitte!
Das weiche Holpern unter mir ist sehr verdächtig.
Tatsache – ein Schleicher. Aber weit und breit waren nirgendwo Glas oder scharfe Steinchen zu sehen. Zudem habe ich ja auch Antiplattband ein­gezogen – WO kommt jetzt ausgerechnet dieser Schleicher her?!
Der erste Reserveschlauch muss jetzt geopfert werden. Auf der Straße passieren uns alle Randon­neure, die wir gerade überholten, während wir nach der Ursache dieses Platten suchen. Und Thomas mit seiner Fachkenntnis erkennt die Situation. Das Antiplattband in den schmalen Rennradreifen hat eine ganz entgegengesetzte Wirkung entfaltet. Durch den Druck hat es vermut­lich die scharfen Kanten in den Schlauch gedrückt und diesen an der Naht reißen lassen.
Also raus mit dem Ding, dann mit der Handpumpe für den maximal möglichen Luftdruck gesorgt und weiter.
Zum Glück ist Quedillac, der nächste Versorgungspunkt ganz in der Nähe und hier stehen Me­chaniker, die mit einer großen Standpumpe noch einmal ordentlich nachpumpen können.
Auch auf dem weiteren Weg lernen wir erneut die große Gastfreundschaft der Franzosen ken­nen.
Ob das hier französischer Landadel ist? Zumindest die ältere Dame, die uns hier mit Kaffee, Wasser, Obst und Kuchen versorgt, macht einen sehr angenehm vornehmen, aber auch sympathi­schen Eindruck. Und der Mann erzählt von den Bioäpfeln, die er hier auf diesem riesigen Grund­stück züchtet.

Loudeac, 19:20 Uhr, 449 Kilometer. (01:00 Uhr Zeitlimit) Schneller als gedacht neigt sich dieser Tag schon wieder dem Ende entgegen.
Hier ist Volksfest, jeder Fahrer wird mit Applaus empfangen. Eine tolle Atmosphäre!
Da wir annehmen, dass auf der weiteren Strecke infolge der einbrechenden Nacht die Versorgungs­möglichkeiten etwas eingeschränkt sind, beschließen wir, uns hier etwas zum Essen zu leisten. Das Menü ist jedoch etwas übertrieben, der Preis für die mickrigen Portionen auch. Aber zumindest gibt es hier auch Mangos, Grapefruit, Mischobstschälchen und Baguette jambon. Was ganz Neues – aber das schmeckt ja auch. Hier in Loudeac gibt es auch die Möglichkeit zum Schlafen. Am Rande liegen aufgereiht die De­ckenpäckchen für die Fahrer. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Wir wollen noch ein Stück in Richtung Carhaix vorankommen, um nicht zu viel Zeit zu verlieren.
Allerdings werden wir auch kein Risiko wegen Übermüdung eingehen. Da wir bereits die Erfahrung machen konnten, wie ein Kurzschlaf zur Regeneration beitragen kann, wollen wir, falls sich eine gute Gelegenheit ergibt, gegen 22 oder 23 Uhr eine Runde schlafen und dann spätestens 1 Uhr wei­ter fahren.

Die Dunkelheit kommt schnell, nachdem wir das kleine Dörfchen St. Martin des Pres mit seinem Volksfest unter uns zurückgelassen haben, erspähen wir im letzten Tageslicht einen Getreidespeicher. Der ist zum Glück leer, bietet Schutz gegen den kalten Wind, auch wenn uns nichts Anderes übrig bleibt, mit dem blanken Betonfußboden vorlieb zu nehmen.
Na besser als gar nichts… Schnell die Biwaksäcke raus und in der Folie eingerollt. Drüben auf der Straße schwanken die Scheinwerfer der bergwärts fahrenden Randonneure vorbei. Aber genug, in maximal zweieinhalb Stunden soll es weiter gehen.

Zweiter Tag

Thomas Wecker weckt uns eine halbe Stunde zu früh… Na ja, Wecken – so richtig geschlafen haben wir Beide nicht. Eineinhalb Stunden Halbschlaf oder Dösen sind auch etwas wert. Sehr bequem war es nicht, doch immerhin besser, als wie etliche Ande­re im feuchten Gras der Straßengräben neben dem beleuchteten Rad zu liegen.
Es ist wohl kurz nach halb eins, als wir wieder auf den Rädern sitzen und die Strecke nach Carhaix in Angriff nehmen.
Im Wald holen wir einen anderen Randonneur ein, der sich angesichts unseres Leipziger Dialekts als der Markus outet, mit dem wir kurz nach dem Start die ersten Kilometer zusammen fuhren. Der hatte ein arges Missgeschick erlitten, war mit seiner Frau im Pariser Hotel überfallen und mit einer Stange am Bein verletzt worden. Respekt – er hat es trotz allem bis hierher über fast 480 Kilometer schon geschafft, ist jedoch arg übermüdet, während wir quasi nach der Pause vor Tatendrang nur so sprühen.
So begleitet er uns nun durch die Dunkelheit. Und dann ist da plötzlich ein Licht.
Wie im Märchen!
Es ist kaum zu glauben, aber ein paar junge Französinnen betreiben hier einen kleinen Stand und bie­ten den müden Randonneuren Kaffee, Kekse, Schokoriegel usw. an.
Markus legt sich auf die Straße, 5 Minuten Powernap…
Wir genießen dieses unerwartete Wunder und stimmen dem Amerikaner zu.

„That’s PBP!“

Wo gibt es sonst noch solche Überraschungen?
Gestärkt rollt es nun umso besser weiter, abwärts durch schlafende Dörfer. Die Geheimkontrolle, „Controle Secret“ klingt irgendwie merkwürdig, in St. Nicolas du Pelem absolvieren wir in kürzes­ter Zeit, denn wir wollen schnellstmöglich Carhaix erreichen. Und das gelingt uns auch ganz gut.
3:40 Uhr kommen wir nach 526 Kilometern dort an. (7:03 Uhr Zeitlimit) Trotz Schlafpause liegen wir gut im Plan.
Bis Brest sind es nun ca. 90 Kilometer. Ohne uns etwas vorzumachen, wir werden wohl nicht vor dem frühen Vormittag dort ankommen.
Na ja – es ist kein Rennen. Und ich bin Thomas sehr dankbar, dass er, den der sportliche Ehrgeiz noch etwas mehr als mich treibt, sich auf diesen gemächlichen Reisestil eingelassen hat und wir das Ding zusammen absolvieren.
Überall liegen vor dem Versorgungspunkt Randonneure in Rettungsdecken gewickelt herum. Auch drin­nen vor dem WC oder im Restaurant sieht man Schlafende, die gerade dort liegengeblieben sind, wo die Müdigkeit sie dahin gerafft hat.
Ein Kaffee und etwas zu essen (???) muss noch sein, dann fahren wir weiter.
Im Dunkeln kaum zu spüren, aber wir ahnen bald, dass nun auch der lange Anstieg zum höchsten Punkt, dem „Dach“ von PBP, dem Roc Trevezel mit etwa 350 m Höhe, begonnen hat. Zwischenzeitlich beginnen wir wieder zu träumen und zu halluzinieren, es gibt keine Diskussion, ehe wir einen Unfall riskieren, schieben wir rasch noch einen 5-Minuten-Schlaf am Straßenrand sit­zend ein.
Das zweite Wunder in dieser Nacht erleben wir einige Kilometer vor dem Gipfel des Roc Trevezel.
Seit 48 Stunden stehen hier eine Familie und deren Nachbarn unverdrossen bereit, um müde Fahrer aufzupäppeln. Wie schön das ist und wie das hilft. Selbst gebackener Pflaumenkuchen, Kaffee, der Gastgeber, der uns stolz sein Bild mit einem bretonischen Radprofi zeigt… Er gesteht uns aber auch, dass er nun langsam mal ins Bett müsse, er sei Fleischer und muss am Morgen wieder arbeiten.
Kurz vor dem Gipfel wird es etwas steiler, die Müdigkeit schlägt, bevor es hell wird, noch einmal erbarmungslos zu, so dass wir notgedrungen noch eine 15-minütige Schlummerpause am Straßen­rand machen müssen. Während ich ums Gleichgewicht kämpfe und zur Belustigung des neben mir sitzenden und essen­den Inders zwischendurch im Sitzen mal umkippe, rollen zahllose Fahrer an uns vorbei gen Brest. Und auf der anderen Straßenseite kommen sie entgegen.
Die waren schon dort, sind auf dem Rückweg.
Die Pause hilft, inzwischen dämmert es, es wird hell und mit einem herrlichen Blick auf die Nebel in den Talsenken schießen wir nun talwärts.
Kurze Rast, Fotos von der Kirche und der aufgehenden Sonne in Sizun, das Schild „Brest 36 km“ spornt an.
„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht…“
Es geht voran.

Mit einem erstaunlich guten Tempo rollen wir zum großen Teil sanft abwärts und dann sehen wir nach ein, zwei kleinen Rampen plötzlich vor uns die Pylone der Brücke nach Brest hinüber.
Ein fantastischer Anblick ist das. Der zweite Pylon ragt aus einer Nebelbank. Und gegenüber vor uns liegt auf dem anderen Ufer der Atlantikbucht Brest.
Ja, wir sind hier – wir sind tatsächlich am Atlantik!!! Die Fotos auf der Brücke müssen jetzt sein!
Und mit der aufsteigenden Euphorie, den Wendepunkt erreicht zu haben, halten uns jetzt auch die fiesen Anstiege in der Stadt nicht mehr auf.

Brest, Brest, Brest…

Die Sonne scheint, hier wachsen Pflanzen, die ich bei dem rauen Klima hier nie vermutet hätte. Und mit dem Wetter haben wir auch unverschämtes Glück, denn Einer der Entgegenkommenden erzähl­te, dass es gestern Gegenwind gegeben hatte. Im Gymnasium, dem Kontrollbereich selbst wird uns eher ein nüchterner Empfang zuteil, sicher gibt es auch hier ein vielfältiges Bonne Route mit auf den Weg, aber aus den Dörfern bisher sind wir eine ganz andere Begeisterung gewöhnt.

Brest – 615 km, 9:42 Uhr (Zeitlimit: 13:53 Uhr)

Gut – wir haben schon wieder einen entsprechenden Zeitpuffer und fühlen uns einfach topp.
„Bergfest“
Allerdings verleitet die Atmosphäre hier nicht zu einem längeren Aufenthalt, so dass wir nach ein paar Riegeln aufbrechen und auf den langen Rückweg nach Paris starten. Durch die Stadt müssen wir uns ein wenig an den Autoverkehr anpassen, das wird aber nachher hof­fentlich rasch wieder ruhiger.
Bis Sizun hinauf folgt nun ein langer, mehr oder weniger steiler Anstieg, den wir aber in moderatem Tempo gut befahren kön­nen. In Sizun, einem netten kleinen bretonischen Städtchen mit einem sehenswerten Ortskern selbst ist dann erst einmal eine ausgiebige Pause angesagt. Immer noch sind viele auf dem Weg nach Brest – bei Manchen mit einem H-, G-, K- oder L-Schild haben wir so unsere Zweifel, ob sie es schaffen, in der Zeit zu bleiben. Es wird auf jeden Fall knapp.
Die Rast tut gut, ein Engländer, der gezwungenermaßen ein 4er-Pack Eis kaufen musste, resigniert nach dem zweiten Eis und gibt uns netterweise den Rest ab.

Thats PBP!

Dass Claus Czycholl, der indessen an uns vorbei eilt und scharf auf Eis ist, für sein 4er-Pack auch noch Restabnehmer finden wird, steht außer Zweifel.
Die Auffahrt zum Roc Trevezel ist Anschluss kein Problem, im Gegenteil, mit diesem gleichmäßi­gen Fahrstil kommen wir sogar noch bergauf in den Genuss, der sich zunehmend unter uns weiten­den Landschaft. Herrlich ist es hier.
Dann geht es wieder viel schneller, bis Carhaix bleiben wir nun leider auf einer stark vom Kraftver­kehr frequentierten Straße. Vor allem die LKW-Fahrer sind sehr aggressiv unterwegs und überholen trotz Gegenverkehr, und nehmen ganz offensichtlich das Risiko, ab und zu mal einen Radler von der Straße zu drängen, in Kauf. Sehr unangenehm.

Thomas – warte bitte mal!
Mein Rad zieht so merkwürdig nach links. Was ist denn da schon wieder? Oder träume ich das nur?
Nö, das ist ganz real. Mist – der zweite Schleicher!!!
Anhalten am Straßenrand – Schlauchwechseln, Antiplattband in die Tonne hauen. Gleiche Ursache, gleiche Wirkung – ärgerlich – zumal ich jetzt auch keinen Ersatzschlauch mehr habe. Na, wird schon gehen.
Als wir Carhaix wieder erreichen, ist es schon Nachmittag.

Carhaix – 703 km, 15:36 Uhr (Zeitlimit: 20:19 Uhr)

Als ich am Kontrollpunkt auf Thomas warte, gesellt sich ein älterer Teilnehmer zu mir. Wir schwätzen ein wenig über dies und das, er kommt mir bekannt vor…
Klar, das ist Friedhelm Lixenfeld, mit 84 Jahren der älteste Teilnehmer hier. Was für ein Kerl, hat schon 4mal PBP gemeistert, ist dieses Jahr zum 5ten Mal dabei. Er ist gut drauf, auch wenn er zugibt, dass er mittlerweile einen kleinen Hänger hat. Seinen Spaß mit Leipzigeinundleipzig, den er los lässt, als Thomas dazu kommt, muss ich bei Gelegenheit noch einmal überdenken.

Wir fühlen uns nach wir vor ausgezeichnet und können glatt noch eine Schippe drauflegen, als es nach Carhaix wieder hügelwärts gen Loudeac geht.
Wenige Kilometer später stellt sich jedoch ein unerwartetes Hindernis in den Weg, welches wir mit vereinter Kraft erst ausräumen müssen. Aber zu verlockend war der lokale Bäcker hier mit seinem leckeren Kuchen, dem Kaffee und der Cola. Dafür hören wir uns auch das ausschweifende Gerede eines deutschen Teilnehmers an.
Gesättigt und zufrieden absolvieren wir rasch noch die Geheimkontrolle Minuten später.
Es hügelt fleißig weiter, wir werden wieder müde, suchen uns ohne Diskussionen flugs eine ruhige Wiese und schlafen eine halbe Stunde. Das ist bei unserem Zeitpuffer ganz gut drin. Umso besser geht es danach weiter.
Und dann fahren wir in einer Gruppe relativ rasch über die nächsten Anhöhen in Richtung Loudeac. Es rollt gut. Aber diese Hindernisse immer!

Als wir in St. Martin des Pres einrollen, sitzen und stehen da in der Kurve ganz unvermittelt Leute mit Akkordeon und Flöte und machen Musik. Tatsache, das ist keine Halluzination. Wir haben ja auch gerade erst geschlafen!
Zu schade wäre es jetzt, an denen und den daneben stehenden Festzelten vorbei zu brausen und sich lediglich auf ein kleines „Bonjour“ zu beschränken.
Nö, das machen wir nicht – der Cidre lockt, die Grillwurst und Pommes auch, der Zeitpuffer lässt es zu und so finden wir uns alsbald in trauter Eintracht im Gespräch mit den Einheimischen wieder.
Wobei ich hier wieder einmal gestehen muss, dass Thomas Nachwende-Französisch/Englisch we­sentlich flüssiger als das meine ist. Gut, dass wir zusammen fahren. Ich könnte denen ja vielleicht mal was vom Klassenkampf der französischen Arbeiter erzählen. Na besser nicht…
Habt vielen, vielen Dank ihr lieben Leute. Das vergessen wir Euch nie!

That’s PBP!!!
Und das finden auch die Kanadier am Tisch, die sich ebenfalls nur schwer lösen können.
Warum müssen wir eigentlich unbedingt weiter fahren? Hier isses doch so schön! Im wunderbaren Abendsonnenlicht genießen wir die schöne Strecke bis Loudeac, wo wieder der Bär tanzt. Auch schön – wir stellen fest, dass nur sehr wenige Franzosen Rad fahren. Aber um so radsportbe­geisterter sind sie und wissen die Leistung auf dieser „Monstretour“ wohl zu schätzen.
Für die sind wir so etwas wie die „Helden der Landstraße“. Ein Gefühl wie ein Schaumbad, so umjubelt zu werden.

Loudeac – 782 km, 21:50 Uhr, Zeitlimit: 02:39 Uhr

Übrigens dürfen wir auch die Kinder an den Straßenrändern nicht vergessen, die sich so gern ab­klatschen lassen. Das führt zwar manches mal zu halsbrecherischen Manövern, macht aber beider­seits sehr viel Spaß. Wir halten uns auch hier nicht lang auf und sind kurz darauf schon wieder auf der Piste, auf dem Weg in die dritte Nacht. Wie machen wir es nun dieses Mal?

Zunächst wollen wir bis Tinteniac kommen, das sollte zu schaffen sein. Und dann sehen wir weiter.
Die Fahrt durch die Nacht wird glücklicherweise auch wieder wesentlich entspannter, als wir unter­wegs ein paar gastfreundlichen Franzosen begegnen. Der Sohn des Hauses dreht ununterbrochen mit einem Keksteller seine Runden, so dass wir bald ausreichend gesättigt sind.
Vielen Dank.
Da man jedoch nachts sehr schlecht einschätzen kann, wie schnell man wirklich vorwärts kommt, entsteht bald der Eindruck, man fahre endlos im Kreis. Ringsum Finsternis, nur wenige weit ver­streute Dörfer bringen ein wenig Abwechslung.
Eine knappe Stunde gönnen wir uns dann auf einem Seitenweg, nur mit der Aludecke zugedeckt und schla­fen ein wenig. Das hilft.
Bei der nächsten kurzen Rast sehen wir wieder dahin geraffte Randonneure schlafend liegen. Aber wir wollen noch ein Stück weiter. Kurz vor Quedillac begegnen wir Frank Weise mit seinem Liegerad. Für einige Zeit wird es etwas unterhaltsamer, dann kehren wir in Quedillac kurz auf Kaffee und Suppe ein, ehe Frank allein wei­ter rollt. Das hier lodernde Feuerchen ist gar zu warm und verlockend. Drinnen die vielen Schläfer… Die stärker werdende Müdigkeit…

Wie lange ist es noch bis Tinteniac? Wie spät ist es? Immer noch Finsternis.
Dann ein auf der Gegenspur Schlängellinien fahrender Japaner. Na hoffentlich passiert dem nix.
Dann fahre ich Schlängellinien und fange an zu träumen…
Tinteniac. Wie weit noch? Wie spät ist es? Halten wir doch besser an und schlafen eine Runde?
Lichter, eine Stadt. Ein Schild – Tinteniac! Wie groß ist denn dieses Nest?
Schlafen, endlich schlafen…
Nein erst die Stempel holen, dann schlafen!
Wir haben die Stempel,

Tinteniac, 867 km, 05:10 Uhr – ist es wirklich schon nach 5 Uhr? (Zeitlimit: 09:12)
Nur vier Stunden Reserve. Das ist nicht so toll. Aber wir müssen unbedingt schlafen. Irgendwo in einer Ecke setzen wir uns hin und schlummern sofort ein. Schlafen…

Dritter Tag

Blick auf die Uhr – Beruhigend, wir sind noch ganz gut im Zeitlimit. Ein Baguette Jambon und ein Kaffee we­cken rasch die Lebensgeister. Dazu wird es allmählich hell.
Abgesehen von einer durch die zusätzliche Radunterhose verursachte Reibestelle, die ich kurz nach Tinteniac mit Sitzcreme erfolgreich behandeln kann, geht es den Umständen entsprechend recht ent­spannt nach Fougeres.
Zunächst versuchen wir in einer Gruppe Engländer mitzufahren, doch deren stetige Tempowechsel und sich verlangsamende Fahrt veranlassen uns, ein wenig mehr Gas zu geben. Und siehe da, es geht wieder. Die Nacht und die Müdigkeit sind vergessen.
Es rollt und die Sonne scheint.
Bald ist Fougeres erreicht.

Fougeres – 921 km, 09:47 Uhr, Zeitlimit: 13:23 Uhr – na passt doch fast wieder.

Ohne Aufenthalt weiter, langgezogene Hügel auf und ab.
So in der Gegenrichtung sieht das alles ganz anders aus. Sind wir hier vorgestern wirklich lang gefahren? Etwas essen könnte man auch schon wieder.
Ein paar junge Mädchen, die das quasi als Ferienvergnügen betreiben, sind die Rettung. Sie standen mit ihren Eltern schon vor Jahren als Kleinkinder mit an der Strecke, wie sie uns im Album zeigen.
Es gibt Pizza! Klasse – und etwas Sirup zum Trinken. Lecker!

Kilometer später die nächste Pause, die Sonne heizt ganz schön ein, man muss es ja nicht übertrei­ben. Also kurzer Genuss im Schatten eines Baumes und den Vorbeifahrenden zuschauen. Das hat auch was!
Bis Villaines ist es dann auch nicht mehr sehr weit. Aber die Luft ist drückend, schwül, es bewölkt sich zunehmend, es tröpfelt ein wenig, man hat das Gefühl, sich mühsam durch eine dicke klebrige Masse zu bewegen. Droht ein Gewitter?
Irgendwie kommen wir nur schleppend vorwärts. Aber auch die Anderen sind nicht schneller. Was tun?
Klar – da gibt es noch unser bewährtes Rezept, der Zeitplan gestattet das auch – eine halbstündige Schlafpause im Schatten auf der Wiese. Danach geht alles gleich viel lockerer.
Und die Einfahrt in Villaines la Juhel wird schon fast zu einer Art Triumphzug.
Was hier los ist! Wahnsinn!
Hier ist ein Getöse wie bei der Tour de France.
Jeder, aber auch wirklich jeder Fahrer bekommt hier seinen persönlichen Applaus. Möööönsch und das alles wegen uns. Kaum zu fassen.

Thomas hat seit einiger Zeit Probleme mit seinem Freilauf und der Kette. Er verschwindet bei den Mechanikern, die aber auch nix weiter tun können, als die Kette zu kürzen, ich schaue mir indessen das Volksfest hier an. Die Krönung ist dann noch der Kinderumzug, der für zusätzliche Stimmung sorgt.
Villaines und deine Einwohner – ein unvergesslich bleibender Eindruck.

1009 km, 16:06 Uhr, Zeitlimit: 20:14 – sieht wieder ganz gut aus.

Deswegen halten wir auch noch einmal beim Bäcker von der Hinfahrt, die junge Verkäuferin ist sehr nett und stellt äußerst interessierte Fragen. Und das Baguette-Brot schmeckt vorzüglich. Vive la France 🙂

Wesentlich schneller geht es nun weiter.
Wir haben unseren Familien ca. 10 Uhr morgen als Ankunftszeit verkündet.
Tatsächlich sind es aber „nur“ noch 220 Kilometer. Werden wir wirklich noch so lange brauchen?
Und so schnell, wie wir jetzt sind, können wir uns das gar nicht so richtig vorstellen. Na gut, dann schlafen wir eben noch eine Runde in der Nacht und kommen dann recht ausgeruht in Paris an. Es rollt und rollt…
Es rollt gut, es rollt Klasse – auch wenn die Luft eigenartig drückend und schwer ist.
Und der Wind weht leise von hinten. Besser geht nicht.
Merkwürdig nur, dass ich ein eigenartiges Gefühl beim Sitzen habe.
Mein Kopf ist ziemlich schwer geworden, der hängt allmählich so tief zwischen den Schultern, ich muss mich zunehmend überwinden und zwingen, den zu heben, um die Gegend an­gucken zu können.

Mortagne au Perche, 1090 km, 21:13 Uhr, Zeitlimit: 02:08 Uhr

Irgendwie wird der Kopf-Nacken zum Problem. Eine Pause wäre gut. Es sind nur noch 140 Kilometer und wir haben eine Menge Zeit. Leider hat mein Wunschverpflegungskandidat, der Kebap-Stand geschlossen. Ärgerlich!
Noch einmal den Berg hinauf zum Verpflegungspunkt wollen wir auch nicht. Also weiter. Weiter, möglichst weit an Paris heran kommen. Aber ärgerlich ist jetzt das mit dem entstehenden Hungergefühl, denn Power-Riegel sind keine wirkliche Alternative.
Ärgerlich auch das jetzt mit dem Kopf – „Shermers Neck“ – ausgerechnet. Die Nackenmuskulatur streikt, ist nicht mehr imstande, den Kopf aufrecht zu halten. Es geht zwar noch – irgendwie – aber wie!
Im Gegensatz zu den schon gefahrenen 1000er-Touren in den letzten Jahren habe ich in diesem Jahr den Lenker nicht höher als den Sattel gestellt. Das rächt sich nun heftig, damals saß ich ein ganzes Stück aufrechter, die Nackenmuskulatur wurde nicht so überlastet.
Wir werden langsamer, ich muss die Hand unters Kinn drücken, um den Kopf aufrecht zu halten. Kurze Pause, kleine Bewegungsübungen – jetzt geht es wieder. Ein Stück wenigstens.
Tut mir Leid Thomas, aber das Problem nimmt mich jetzt völlig in Anspruch. Stück für Stück arbeiten wir uns nun durch die Nacht.
Ein Ort – schade, das Restaurant hat schon geschlossen. Wieder ein Ort, eine Bar, Randonneure davor, es gibt Kaffee und Schokoriegel. Der Nacken entspannt sich.
Thomas schwätzt ein wenig mit den Security-Leuten, die mit den Motorrädern pausenlos an uns vorbei pendeln. Sie achten darauf, dass niemand unfreiwillig im Straßengraben liegt.
Über 30 Mann sind dafür rund um die Uhr auf Achse. Ich hänge müde auf meinem Stuhl herum und versuche mich im Kopf-Auf- und -Nieder-Schwenken. Weiter!
Wieder ein Ort, eine Truppe von Franzosen – es gibt ein paar Tassen dicker Suppe und Kaffee. Wie gut das tut! Danke – Merci beaucoup! Ohne Euch wären wir aufgeschmissen.
Daneben ein Randonneur in Rettungsdecken gewickelt. Als man versucht, ihn zu wecken, verleiert er die Augen, wirkt stark abwesend, weggetreten.
Die nächsten Kilometer – es rollt wieder ein Stück nach der Rast.

Fast über den gesamten Horizont ist ein heller, roter Lichtschein zu erkennen. Ist das schon Paris?
Weiter, der Nacken, die Müdigkeit – ätzend…
Schluss – die Wiese an einer kleinen Plantage sieht gut aus. Bis Dreux ist es nicht mehr sehr weit – das ist nachher zu schaffen. Also Biwaksack raus, gleich so, wie wir sind, ins Gras und schlafen. Der zwischenzeitlich einsetzende Regen stört nur wenig.

Letzter Tag

Als wir wieder wach werden, sehen wir immer noch die endlose Lichterkette, die an uns vorbeizieht.
Shermers Neck ist im Augenblick ganz ruhig. Also rauf aufs Rad, Kilometer machen, ehe der wieder zuschlägt. Erstaunlich schnell geht es weiter. Wir überholen viele übermüdete Gestalten.
Dreux, wir kommen.
Aber wo bleibt Thomas, der war doch gerade hinter mir?!
Ein vorbeifahrender Amerikaner murmelt etwas von friend und chain.
Autsch – die Kette. Also zurück, Thomas ist nicht zu übersehen. Als er nun an der gerissenen Kette werkelt und sich bemüht, das Kettenschloss einzusetzen, hält noch ein Mechaniker auf dem Motor­rad. Der kann zwar nicht helfen, aber wenigstens die Lampe halten.
Alles gut. Problem gelöst. Weiter.

Nach wenigen Minuten reißt meine Kette- wir schauen auf die Uhr und stellen fest, dass wir nur 1,5 Stunden bis zum Kontrollpunkt haben – die Kette ist aber schnell geflickt, ein Geheimkontrolleur hält an und leuchtet unsere Feldwerkstatt aus.

Shermers Neck? Noch ruhig. Schnell schnell. Wir fahren jetzt wirklich ein überraschendes Tempo. Und dann ist im leichten Regen endlich Dreux erreicht.

Dreux, 06:08 Uhr, 1165 Kilometer, Zeitlimit: 07:44 Uhr

Hat geklappt, wir sind noch gut im Zeitfenster und bis Paris sollte nun nichts mehr anbrennen. Nur „Shermers Neck“ meldet sich nach der Pause wieder. Sehr unangenehm, im strömenden Regen durch die graue kalte Pampa zu rollern und nur 2 Meter vor dem Vorderrad weit gucken zu können.
Thomas dirigiert mich, so weit es geht, ab und zu nehme ich die Hand, um den Kopf anzuheben und das Sichtfeld zu erweitern. Aber alles grau, nur ne Menge Randonneure vor und hinter uns. Nichts Neues, haben wir alles schon mal gesehen.
Die letzten Kilometer werden endlos…
Regen, kein Regen, grau ringsum, ach nein, das ist nur der Asphalt, außer dem sehe ich im Augen­blick nicht viel… Trotzdem, ein Trost, langsamer als die Truppe ringsum sind wir auch nicht.

Wir rollen im Regen bis ins Ziel, Lutz muss seinen Kopf per Hand anheben, damit er noch etwas se­hen kann, sein Nacken hat der tagelangen Überstreckung nicht stand gehalten, sobald er los lässt sieht er nur noch den Asphalt zwei Meter vor seinem vorderen Laufrad. Zum Glück ist das Problem erst am letzten Abend entstanden.

Kopf hoch – den Rest schaffen wir auch noch. Leicht gesagt, Kopf hoch geht nur mit Handunterstützung…
Die Pariser Vororte, ein paar letzte Hügel, Wald und Parklandschaften, dann sind wir auf einer Art Autobahn und wenige Minuten später schwenken wir auf die schmale Straße ein, die am See in der Nähe des Velodroms vorbei führt.
Oh, da sind schon die Absperrungen, es regnet, nur Wenige haben sich hierher verirrt.
Die letzte Matte, es piept ein letztes Mal beim Einlesen des Transponders.

War es das schon?
Nö?
Ehrlich?
Wir sind da?

PARIS – 10:15 Uhr, 1230 km, Zeitlimit: 12:30 Uhr

Es ist vorbei.
Wir strömen mit den Anderen ins Velodrome – dort ist Tohuwabohu.
Der letzte Stempel – die Dame, die unser Brevetheft einsammelt, erwähnt kurz, dass sie lediglich einen deutschen Satz beherrschen würde…
Na – und der wäre?

„Das is mir Wurscht!!!“

Frank ist da, er ist kurz vor uns rein, hat ebenfalls erfolgreich gefinisht.
Glückwünsche.
Gegen einen drohenden Shermers Neck weiß er ein gutes Gegenmittel.
Jaaaaaa – aber ich werde trotzdem nicht zum Liegeradler – nicht mehr in diesem Leben 😉
Wir holen die Räder und wandern zum Camp hinüber, wo Thomas‘ Vater und meine Familie wartet.
Wiedersehensfreude. Ein paar Finisher-Fotos…
Während meine Frauen nun noch einmal nach Versailles wollen, packen wir alles zusammen und fahren ins Hotel.
Duschen…
Ein Bierchen…
Und Schlafen…

Paris-Brest-Paris 2015

Es war ein wunderbares Erlebnis. Weniger des Radfahrens wegen, das kann man schließlich (fast) überall, sondern der unvergesslichen Eindrücke, die uns dieses bunte Gemisch von Fahrern aus weltweit über 60 Nationen und die umwerfende Gastfreundlichkeit der radsportbegeisterten Franzo­sen entlang der ganzen Strecke vermittelten. Und wir sind Beide froh, alles heil und gesund überstanden zu haben und keinerlei negative Nach­wirkungen zu haben. Auch das Problem Shermers Neck ist bereits am nächsten Tag fast vergessen.

Sollte man PBP wiederholen?

Thomas:

Eine gewisse Leere beschleicht mich in diesem Moment. Der Gedanke PBP hat uns jetzt fast 2 Jah­re begleitet und auf einmal ist alles schon wieder vorüber

Jetzt, ein paar Tage nach PBP2015 realisiert man immer mehr, dass dieser Traum in Erfüllung ge­gangen ist, wir es tatsächlich geschafft haben. Man läßt die vielen schönen Szenen revue passieren und ist immer noch hin und weg, sprachlos, beeindruckt, ja manchmal wortlos, fast ohnmächtig – vor Glück!

Was kommt jetzt?

Diese Frage stelle ich mir immer wieder – vor Paris war immer das Ziel klar vor Augen – jetzt ist die Ziellinie überschritten, liegt hinter uns und die Schreie und der Applaus der Menschen verhal­len nach und nach – auch wenn sie unvergessen bleiben werden.

Was kommt jetzt? Was kommt als nächstes?

Es ist im Moment egal – wir genießen einfach mal das Erreichte und denken nicht schon wieder an das nächste Ziel, das nächste Projekt.

Lutz:

Ich werde PBP wohl persönlich in dieser wunderbaren Erinnerung behalten wollen und nicht noch einmal fahren. Eine Wiederholung würde diese Erfahrungen eher abschwächen.

Ich spüre nach wie vor keinerlei Euphorie. Es ist eher eine sehr ruhige angenehme, entspannte und gelassene Stimmung in mir. Es war toll, es war wunderbar, es war einfacher, als ich im Vorfeld be­fürchtet hatte. Und wir sind voller Eindrücke gesund und munter (lässt man Shermers Neck mal bei­seite) zurück gekehrt.

Nun freue ich mich, ehrlich gesagt, auch auf die Zeit danach.

Auf das noch einmal gedankliche Nachfahren dieser Tour, das Sortieren und Strukturieren der Ge­danken und Erinnerungen…

Das Aufschreiben…

Und ich freue mich auf die schönen Herbsttouren und das, was die nächste Saison so bringen wird.

PBP 2015 – 1. Teil

PBP 2015-1

Start und erste Nacht

Gegen 13 Uhr kommen meine Mädels und ich auf dem Camp an.
Die Räder und Taschen sind bereits dort, Thomas hat gestern bereits alles per Auto mitgenommen.
Wir packen noch einmal alles, befestigen die Startnummern am Rahmen. Längere Zeit verbringen wir dann auf dem Platz am Velodrome, wo sich die Randonneure aus aller Welt allmählich sammeln. Da wird Einiges geboten…

16 Uhr erfolgt schließlich der Start der 80-Stunden-Gruppe. Unser Countdown läuft…

Der erste Start, die 80-Stunden-Gruppe mit u.a. Olaf Hilgers, ist 16:00 Uhr – auf dem Platz am Velodrome ist ein Wahnsinns Getümmel, wie bei der Tour de France – sehr
beeindruckend.
Es starten ab jetzt immer 300 Fahrer im 15 minütigen Abstand
Für uns wird es ernst – wir packen, bringen alles Nötige am Rad an, ziehen unser ARA Deutschlandtrikot an und – am Ende ist die Zeit fast zu knapp für einen Abschied von den Familien, wie wir und so zeitig in die Startgruppen einreihen müssen (klappt aber noch)

Wir gehen, um unsere Räder zu holen und wollen uns noch einmal kurz mit Thomas‘ Vater und meinen Mädels treffen.
Aber schneller als erwartet werden wir von den Ordnern mit unseren Rädern gleich in die Startbereiche geschickt. Das ist ein wenig schade, denn so bleibt keine Gelegenheit, dass wir uns von den Familien gebührend verabschieden können.
Aber sie sind clever, haben schnell registriert, dass wir uns schon in der Startgruppe befinden und stehen dann gut platziert im Spalier der Zuschauer und geben uns noch herzliche Wünsche mit auf den Weg.
Thomas war übrigens bereits gestern beim Treffen und Fotoshooting der deutschen Randonneure dabei, während ich meine Mädels vom Bahnhof Paris l’Est abholte.

Samstag 17:00 Uhr fand das Treffen der dt. Radler zum Mannschaftsfoto statt. Es versammelten sich geschätzte 400 Radler. Ungefähr eine Stunde lang gab es kleine Ansprachen, moderiert von Reiner Paffrath, die Brevetorganisatoren aus den verschiedenen Bundesländern wurden vorgestellt, Und Friedhelm Lixendorf, der Grandseigneur der Szene, spricht 15 Minuten in unnachahmlicher Art.

Der jüngste deutsche Teilnehmer ist 19 Jahre jung, Friedhelm mit seinen 84 Lenzen ist der wohl auch international älteste Fahrer.

Ich bin noch auf der Suche nach der Euphorie, als wir weit am Ende, fast als die Letzten unserer Startgruppe langsam durch den Startbogen rollen.

Wir befinden uns fast ganz hinten, wollen uns aus dem nervösen Start Getümmel heraushalten – nicht in Unfälle verwickelt werden.

Nur die indische Gruppe hat sich mit einem asisatisch-diplomatischen Lächeln hinter uns platziert.
Da sind unsere Familien, Thomas Vater, meine drei Frauen, ein Lächeln, noch einmal gewinkt, dann sind wir schon an ihnen vorbei.
Wir rollen durch den Kreisverkehr am Velodrome, nehmen allmählich Fahrt auf, ringsum jubelnde, applaudierende Zuschauer, sind die etwas alle wegen uns da???
Es ist kaum zu fassen. Ja gibt es denn so etwas???

Ein schönes Gefühl, die Aufregung steigt, noch zwei Startblöcke im Wartebereich, noch einer, dann dürfen wir „hoch“ in den Startbereich. Abschied von den Familien, noch ein paar Fotos ein letztes Winken, dann geht’s über die Startlinie 18:30 Uhr, die Zeit läuft, wir sind unterwegs, Gänsehaut, so viele Leute jubeln uns (UNS) zu, wünschen eine gute Reise, applaudieren – wir sind überwältigt, den Tränen nah, vor Rührung – Wahnsinn!!! Das ist Paris Brest Paris

Es findet nur aller 4 Jahre statt und man hat das Gefühl, dass nicht nur die Radler danach lechzen, sondern auch die Bevölkerung.

Immer wieder rufende, klatschende, motivierende Zuschauer am Straßenrand, deren „Bonne Route“, „Bon Courage“, „Allez allez“ klingen in uns lange nach, begleiten uns in den nächsten Stunden.
Ein Kribbeln breitet sich im ganzen Körper aus, Gänsehaut.
Wir sind on Tour, wir haben die „Monstretour à Brest et retour“ begonnen.

In nackten Zahlen ausgedrückt liegen 1230 Kilometer und über 10000 Höhenmeter vor uns.

Also nur keinen Sturz jetzt riskieren, nicht zu nah an die Kante drängen lassen, aber auch nicht zu viel Tempo verlieren, sondern an der Gruppe dran bleiben.
Wie immer ist es nach längerem Zeitraum für mich etwas gewöhnungsbedürftig, mich an die durch die Gepäcktaschen etwas veränderten Balance-Verhältnisse auf dem Rennrad zu gewöhnen. Die Last bremst aus, ich komme mir relativ langsam vor.
Aber wir haben 90 Stunden Zeit. Die sind bezahlt, die wollen wir auskosten. Es geht nicht um Tempo. Durchhalten, gesund ins Ziel kommen – das zählt. Und wenn möglich, wollen wir PBP genießen.
Ein erster Unfall in einem Kreisverkehr, ein Asiate, vielleicht ein Japaner, hat die Bordkante touchiert, er muss etwas unsanft aus dem Sattel – doch er hat Glück, mit einem Lächeln steigt er sofort wieder auf…
Das Gelände außerhalb der Pariser Vororte ist leicht wellig, für den Anfang lässt es sich zumindest schon sehr angenehm zu fahren.

Kleine Wälder, Felder, Wiesenlandschaften wechseln einander ab, als wir in den ersten Abend hinein fahren.
Das Wetter kann nicht besser sein. Der Himmel ist bewölkt, die Sonne hat jedoch auch ihre Chance, was kann es Schöneres geben, als an solch einem Tag Rad zu fahren.
Und der Wind ist unser Freund, er hält sich angenehm zurück oder weht leise aus Nordost.
Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben, wird PBP eine „Weichei“-Tour?
Nein wohl eher nicht, wir sind der Meinung, dass wir uns das nach den Härten der Qualifikations-Brevets verdient haben.
In einer endlosen Kette von Randonneuren aus aller Welt fahren wir nun in angemessenem Tempo gen Westen.
Während wir nun Kilometer für Kilometer fressen, stellt sich auch wieder das erwartet sichere Gefühl auf dem Rad ein. Die Last am Hinterradgepäckträger ist nicht mehr zu spüren. Es rollt.
Da ist Karl Weimann, wir überholen ihn winkend an einer leichten Abfahrt. Prima, der Haudegen hat es trotz seines Unfalls im Frühjahr geschafft, hier wieder dabei zu sein.
In den Dörfern immer wieder Menschen, die uns zujubeln.

Langsam wird es dunkel, etliche Randonneure machen an kleinen Läden oder Restaurants die erste Pause. Aber wir wollen weiter.
Lieber etwas langsamer fahren, die Körner aufsparen, dafür aber kürzere und etwas weniger Pausen machen. Das ist unsere „Strategie“.
Trotzdem überholen wir, zeitweise fahren wir in einer kleinen Gruppe mit einem angenehmen 25er-Schnitt, vor allem viele Asiaten. Die Inder haben den Mundschutz angelegt, die kühle Abendluft wird ihnen jetzt schon zu schaffen machen.
Und bei dem ungewöhnlichen Bummel- & Sprint-Fahrstil Mancher fragen wir uns, wie die wohl diese Strecke durchhalten können und wollen.
Erste kurze Rast nach 70 Kilometern, wir scheren aus der Reihe aus. Trinken, Essen. Wieder Einreihen…
Das ist der erste starke und unvergessliche Eindruck auf dieser Tour.
Bis an den Horizont über Wellen und Hügel zieht sich eine endlose Kette von roten Rücklichtern. Dreht man sich um, so erblickt man eine ebenso endlose Kette von gelben und weißen Scheinwerfern.
Eine Lichterkette, die von Paris bis Brest zu reichen scheint.

Das Kribbeln ist ganz gewaltig – wir sind zwei winzige Teilchen in diesem Lebewesen, welches hier über die kleinen Straßen Frankreichs durch die Dunkelheit gen Westen zieht. Wir sind dabei!!!

Es ist stockfinster, als wir kurz vor Mortagne au Perche am linken Straßenrand einen Radler liegen sehen. Helfer kümmern sich um ihn, betten seinen Kopf in eine bessere Position… Hoffentlich ist ihm nichts Schlimmeres zugestoßen.

KM 120 – ein Radler liegt am Boden, wird am Kopf und Hals von anderen „behandelt“ – wenn man das sieht wird einem mulmig

0.30 Uhr Mortagne au Perche. Wir sind in der Startgruppe L, etliche aus den M- und sogar schon den P- und S-Gruppen haben uns bereits überholt, aber hier treffen wir auch viele aus G, H, J, K…
Das große Feld vermischt sich…
Die letzten Hügel haben mir schon Einiges abverlangt. Zum Glück gibt es hier ein kleines Restaurant, wo wir halten. Trotz der vielen Randonneure haben die Leute drinnen den Laden im Griff und wir bekommen ohne langes Warten eine Art Kebap im Fladenbrot.

140 Kilometer, Rechnen ist noch nicht angebracht.

Aber zumindest sollte ich darüber nachdenken, wie es weitergehen soll.
Ja zugegeben, ein wenig haben wir uns von der Euphorie anstecken lassen und ziehen lassen, sind für meine Fähigkeiten etwas zu zügig die Hügel hinauf gefahren.
So wie ich mich kenne, ist schnell Schluss bei mir, wenn das so weiter geht. Aber Thomas wäre nicht Thomas, wenn er nicht in seiner Kompromissfähigkeit, die ich so an ihm schätze, ohne Umschweife auf meine Befindlichkeiten eingehen würde und wir anschließend etwas Tempo heraus nehmen. Auch wenn es in der Finsternis nun kaum noch einzuschätzen ist, wie schnell oder langsam wir uns vorwärts bewegen, so können wir angesichts derer, die sich schon jetzt wesentlich mühsamer als wir die Anstiege hinauf schinden und Schlängellinien fahren, erkennen, dass wir wohl noch ganz gut unterwegs sind. Nach der „offiziellen“ 90-Stunden-Strategie sollte man die erste Nacht durchfahren und erst am späten Abend in Carhaix eine Schlafpause einlegen. Das werden wir nicht schaffen. Irgendwann in der Nacht wird die Müdigkeit so groß, dass wir uns abseits der Straße in eine Einfahrt setzen und eine halbe Stunde schlafen wollen. Das klappt erwartungsgemäß nicht, die Aufregung, die unbequeme Sitzhaltung, die kühlen Temperaturen…
So sehen wir also zu, wie ununterbrochen die Randonneure mit ihren starken Scheinwerfern auf der Straße vorbei rauschen. Trotzdem fühlen wir uns erholt und konzentriert, als wir uns schließlich wieder einreihen.

Der Morgen dämmert, als wir gegen 6 Uhr Villaines la Juhel erreichen. Zeitlimit ist für uns hier 9.10 Uhr, d.h. wir haben auf den ersten 220 Kilometern trotz Pause drei Stunden Zeitpuffer heraus gefahren.
Unser Plan beabsichtigt, dass wir uns einen durchschnittlichen Puffer von 5 bis 10 Stunden verschaffen wollen, um in den Nächten entsprechend auch längere Schlafpausen machen zu können. Die erste Nacht haben wir nun schon irgendwie überstanden, trotzdem sind uns drei Stunden geblieben. Beruhigend, denn wir hoffen, im Laufe des kommenden Tages wieder Einiges herausfahren zu können. Wir passieren den Bereich, wo sich die Begleitfahrzeuge aufhalten dürfen, die Begleiter stehen Spalier und erwarten ihre Fahrer. Die Stadt an sich schläft noch, aber im Kontrollbereich und an der Verpflegungsstelle herrscht ein großes Durcheinander.

Die Kontrollpunkte sind sehr voll, zunächst muss man das Rad irgendwo abstellen können, dann wird die Zeit genommen (Transponder und Kontrollkarte)

Trotzdem ist das alles so professionell organisiert, so dass wir ohne lange Wartezeiten unsere Kontrollstempel bekommen und eigentlich sofort weiter fahren könnten. An die Schlange im Restaurant wollen wir uns also lieber nicht anstellen.
Das ist der andere Teil unserer „Strategie“. Wir wollen lange Wartezeiten in den offiziellen Versorgungsstellen vermeiden und eher die alternativen Angebote vor Ort, also kleine Läden, Bäckereien etc. nutzen.
Und siehe da, auch der kleine Bäcker, wenige hundert Meter vor dem Kontrollpunkt, hat schon geöffnet und wir bekommen einen prima Kaffee, Fanta und Croissons. Genau das Richtige…

Am Velodrome

Fahrradcheck am Velodrome

Wie viele Andere sind wir PBP-Novizen, besitzen noch nicht die gelassene Abgeklärtheit der alten Hasen, die bereits zum x-ten Mal hier teilnehmen.

Aber umso unbeschwerter ohne jeglichen Erwartungsdruck unterhalten wir uns nun mit den anderen hier in der Schlange am Fahrradcheck, den Japanern, Engländern, Iren, Australien, Thailändern, Chinesen, Russen, Italienern, Brasilianern und begutachten unsere Räder.

Dass der Japaner mit einem Scheinwerfer von Busch und Müller sowie einem deutschen SON-Nabendynamo fährt, ich dagegen einen japanischen Shimano-Nabendynamo verwende, erregt Heiterkeit.

So was aber auch.

Der Fahrradcheck wird professionell und zügig von den vielen ehrenamtlichen Helfern erledigt, die Lampen funktionieren, die Bremsen auch, innerhalb von Minuten befinden wir uns auf dem Weg hinauf zum riesigen Velodrome und schauen staunend und mit ein wenig Gänsehaut auf das Treiben unten im Hexenkessel.

Wir sind keine Zuschauer, nein, wir sind dabei…

Für UNS wird dieser ganze Rummel veranstaltet.

Auch die Ausgabe der Startunterlagen erfolgt bestens organisiert und rasch.

Kurze Zeit später schon stehen wir mit unseren Beutelchen, in dem sich die Startnummern, Trikots und die Super-Randonneur-Medaille befinden, wieder draußen, holen die Räder ab und sind angesichts der zunehmenden Menschenmenge froh, frühzeitig hier gewesen zu sein.

So bleibt dieser Tag noch, um uns in Versailles und Paris ein wenig abzulenken.

Morgen Abend!

Der lange Weg

Thomas:

Also die Idee hatte ich schon vor 12 oder 13 Jahren.

Da habe ich von PBP gehört/gelesen und wollte eigentlich ganz gern teilnehmen.

Jörg mit dem ich damals die Tour de Ostsee gefahren bin, hatte aber keine Lust dazu.

Der Gedanke war also nicht mehr ganz frisch , er ist aber neu aufgeflammt, als ich auf Lutz traf bin und wir geredet haben.

Ich war und bin fasziniert, war mir aber schon immer sicher es zu schaffen (klingt überheblich, ist aber definitiv nicht so gemeint)

Und Respekt habe ich trotzdem vor der Veranstaltung.

Lutz:

Februar 2007 – es ist ein ausgesprochen milder Winter, als ich in Vorfrühlingseuphorie beim Ideensammeln für Radtouren im Internet auf die Seiten der Randonneure stoße.

Das ist ja Wahnsinn, was die machen. Da sind ja die 250 km ins Erzgebirge im, letzten Jahr der reinste Klacks dagegen. Und das sind keine Profis, das sind offensichtlich ganz normale Hobby-Radsportler.

200 sind für die nur der Anfang. 300 sind vielleicht auch noch vorstellbar – aber dann dieses Paris-Brest-Paris, von dem ich bisher noch nie gehört habe… 1200 Kilometer nonstop. Ist das gesund?

April 2013 – Spreewaldmarathon, wir lernen auf der Tour vier Randonneure aus Norddeutschland kennen. Bärbel, die Eine von ihnen, hat 2007 erfolgreich an PBP teilgenommen und erzählt eine Menge wissenswerter Dinge darüber.

Das Interesse erwacht. Aber von 1200 Kilometern 1000 im Regen fahren? Muss man sich das antun?

Allerdings hab ich im letzten Jahr auf der Tour Paris-Zweenfurth diverse Erfahrungen sammeln können, die PBP machbar erscheinen lassen.

Frühjahr 2014 – Welchen inneren Kampf, welches Hin- und Hergerissensein hat es gekostet, vom Prinzip der Solo-Touren Abstand zu nehmen, und den Versuch zu wagen, bei einem Brevet mit zu fahren.

Der 200er im April bei Olaf ist absolviert, es war für meine Begriffe ein irrsinniges sehr sportliches Tempo, der 600er in Berlin dagegen ist ein Genuss.

PBP 2015 – warum nicht.

Nachdem der Entschluss gefallen war, musste nun Einiges in die Vorbereitung investiert werden.

Zum Einen waren die Vorgaben der Organisatoren für eine mögliche Teilnahme an PBP zu erfüllen. Auf Grund der vermutlich limitierten Fahrerzahl war es schon im Vorjahr der Veranstaltung günstig, einen möglichst langen Brevet zu fahren. Das gestattete eine wesentlich frühere Vorregistrierung, d.h. einen Platz viel weiter vorn in der Warteliste, als wenn man sich nur auf Grundlage der 2015 sowieso zu absolvierenden Brevets anmelden würde.

Thomas war es nicht möglich, schon im April 2014 beim 200er dabei zu sein, und absolvierte dagegen den 300er. Ich fuhr zwar den 200er, musste aber aus gesundheitlichen Gründen, die sich hoffentlich 2015 nicht wiederholen würden, beim 300er und 400er passen.

Schließlich schafften wir es gemeinsam, im Juni 2014 den 600er von Berlin an die Ostseeküste und zurück zu absolvieren.

Das Schöne daran war nicht nur die Landschaft, sondern vor allem auch der sehr freundschaftliche Umgang der Randonneure untereinander und auch uns Neulingen gegenüber.

Und dann trauten wir uns plötzlich alles zu.

2015 – das PBP-Jahr

Als ob uns im letzten Jahr Einer das Randonnieren möglichst schmackhaft zu machen versucht hatte, kümmerte sich ebendieser 2015 intensiv darum, uns konsequent auch die härteren Seiten dieses Sports nahezubringen.

So fiel der erste 200er Brevet im März buchstäblich ins nur 3°C kalte Dauerregen-Wasser. Aber – geschafft. Das war die Hauptsache! Wieder ein Bausteinchen für die Teilnahme an PBP.

Es konnte nur besser werden, dachten wir danach.

Dass ich beim 300er dann mit Hungerast nach einem für meine Verhältnisse völlig überzogenen Start nur mühsam in Thomas‘ Kielwasser in Bennewitz wieder ins Ziel kam, ließ mich zumindest enorm an meinen Fähigkeiten für PBP zweifeln.

Trotz meiner Bemühungen, diese Fehler nicht zu wiederholen, geschah Ähnliches beim 400er mit seiner eisig kalten Nacht. Aber glücklicherweise gelang es hier wenigstens, mich so weit zu regenerieren, dass dieser Brevet aus eigener Kraft zu Ende gebracht werden konnte.

Im Anschluss trugen wir uns am 03.05.2015 in die Warteliste ein. Das ging völlig problemlos, die Zahlung der 30,-EUR Gebühr erfolgte prompt.

Damit war auch das abgesichert. Wir standen in der Teilnehmerliste.

Doch bei mir waren die Zweifel groß. Thomas hatte offensichtlich gar keine Probleme, entspannt und zügig die Touren abzuspulen.

Aber ich… Sollte ich besser auf den 600er verzichten und Thomas die Möglichkeit geben, das Ding in seinem Stil abzuspulen, ohne auf mich unnötig warten zu müssen?

Doch da hatte ich nicht mit seiner Kompromissbereitschaft und seiner sicheren Gewissheit, dass wir Beide das schaffen würden, gerechnet.

Wir bringen das gemeinsam zu Ende, so seine Einstellung und sei es eben im „Dieselmotortempo“. Solange dadurch nicht die Qualifikation für PBP gefährdet würde, sei ihm alles Recht.

Der 600er kam, es wurde eine ganz tolle, sehr bergige Fahrt und diese absolvierten wir (natürlich inkl. stundenlangem Dauerregen) gemeinsam!

Nun waren alle Bausteinchen für PBP gesetzt. Mehr konnten wir auf dem offiziellen Weg nicht tun.

Am 31.05.2015 wandelten wir unsere Vorregistrierung in eine richtige Registrierung um.

Das kostete noch einmal ca. 80,- EUR zusätzlich, dazu kam der Preis für zwei PBP-Trikots und die Super-Randonneursmedaille.

Was konnte nun noch geschehen oder schief gehen?

Nun lag es an uns, die bereits gewonnene Form über die verbleibenden zwei Monate bis zu PBP zu konservieren.

Nicht ganz einfach, da sich eine gewisse innere Ruhe breit machte, PBP ja noch lange hin war und wir die Motivation irgendwie bewahren mussten.

Mit einer 480-km-Solo-Tour von München nach Zweenfurth und einer gemeinsamen wunderschönen 450-km-Brocken-Runde verschafften wir uns im Juni/Juli noch einmal die Bestätigung, dass derlei Langstrecken zur Zeit kein Problem darstellten und wir wohl recht gut auf das Jahresereignis vorbereitet waren.

Rad, Ausstattung etc.

Thomas:

Rad: Basso ZER

Reifen: Continental Grand Prix 4-Seasons 25mm

Schaltung: Campagnolo Record

Kette: KMC

Scheinwerfer: B&M Luxos U

Rücklicht: B&M Toplight Brake Plus

Stromversorgung für Smartphone oder Navi: über Luxos U – USB-Anschlussmöglichkeit

Nabendynamo: Shutter Precision PD8

Navigationsgerät: Garmin eTrex 30

Gepäckträger: Tubus Fly

Taschen: Ortlieb Front Roller, Ortlieb Saddle-Bag Größe L, Oberrohrtasche

Biwaksack: Mountain Equipment Ultralite Bivi

Das Rad ist mindestens 15 Jahre alt, fährt sich in dieser Konfiguration sehr gut

Lutz:

Rad: Canyon Roadmaster Pro

Reifen: Schwalbe Durano 25 mm (Pannenschutzbänder haben sich nicht bewährt)

Schaltung: Shimano 105

Kette: Shimano HG 53 (hat sich erstaunlicherweise auf der Strecke bestens bewährt)

Scheinwerfer: Supernova E3 Pro 2

Rücklicht: Supernova E3 Taillight 2

Ersatzbeleuchtung: B&M Ixon IQ, Conrad LED-Rücklicht (beides mit Akku)

Stromversorgung: cycle2charge mit USB-Anschlussmöglichkeit (Anschluss parallel zum Scheinwerfer am ND)

Nabenynamo: Shimano DH3N80

Navigationsgerät: Garmin eTrex 30

Gepäckträger: Tubus Fly

Taschen: Ortlieb Front Roller, Lenkertasche, Oberrohrtasche

Biwaksack: Mountain Equipment Ultralite Bivi

Der Brooks-Sattel hat sich bestens auf dieser Strecke bewährt.

Die einzige Reibestelle entstand durch die doppelt unter die Radhose gezogene Fahrrad-U-Hose. Diese ließ sich jedoch mit dick aufgetragener Sitzcreme optimal behandeln

Das Problem Shermers Neck ist auf eine (bei den Brevets gab es das nicht) zu überstreckte Haltung auf dem Rad zurück zu führen. Der Lenker war bei PBP im Gegensatz zu früheren 1000er-Touren (wo ich aufrechter saß) niedriger angebracht als der Sattel. Durch diese Sitzposition wurde die Nackenmuskulatur überlastet. Eine weitere Ursache dürfte im mangelnden Training der entsprechenden Muskelgruppen liegen.

Bekleidung: es war an sich wieder mal zu viel in den Taschen (auch aufgrund des anhaltend guten Wetters) – die zweite Garnitur Radwäsche wurde nicht benötigt, ärmellose Weste und Gamexjacke auf Grund der sehr kühlen Nächte schon.

Regenjacke und Regenhose sowie wasserdichte Überzieher wurden (zum Glück) ebenfalls nicht benötigt.