Spreewaldmarathon 2019

Alle Jahre wieder…
So oder ähnlich geht es durch den Kopf, als wir in der Morgenstille locker an der Spree entlang gen Lübbenau rollen. Das elfte Mal ist es heute, eigentlich gab es nur ein Jahr, 2017, in dem der Radelnde Uhu aussetzen musste.
Das frühlingshaft warme, aber für diese Jahreszeit viel zu trockene Wetter ist mit einem deftigen Gewitter heute Nacht umgeschlagen.
Nun ist der Himmel wolkenverhangen, der Wind weht leicht von West, es ist kühl, aber wir werden den ghanzen Tag lang Glück haben, bis auf wenige Spritzer bleibt es heute noch trocken.
Der Startpunkt für den 17.Spreewaldmarathon ist wegen Bauarbeiten an der Festinsel heute an den Sportpark an der Majoransheide am westlichen Rand der Stadt verlegt.
Auch wenn wir das Ambiente am Schloß auf der Festwiese schöner finden, für den Stadtverkehr ist es schon eher eine Entlastung, wenn sich die zigtausende von Radlern von hier draußen aus auf die Strecke machen.
9 Uhr ist der Startschuß, dann setzen sich 1200 Radler laaangsam in Bewegung auf die 110er-Runde. Nach dem gemütlichen 70er im letzten Jahr äußerten unsere Nachwuchsfahrerinnen den ausgeprägten Wunsch, sich einmal etwas mehr zu fordern und die 110 zu versuchen.
Und so hat der Radelnde Uhu heute DREI !!!! JUNGE !!! DAMEN !!! im Schlepptau. Auch nicht schlecht.
Die Route verläuft zunächst quer durch die Stadt, am zweiten Kreisverkehr gibt es Irritationen, die Schnellen vorn folgen dem blauen (200er) Pfeil und werden rasch nicht mehr gesehen, die Langsameren haben immerhin Zeit zum Reagieren und Schauen und biegen rechtzeitig ab, der rote (110er) Pfeil ist etwas weiter stadteinwärts angebracht, war nicht direkt zu erkennen. Etwas ungünstig ist nun die Vermischung mit dem alltäglichen Kfz-Verkehr. Das wird nicht unbedingt auf Feudenausbrüche bei unseren motorisierten Verkehrsteilnehmern sorgen.
Aber als wir die Stadt schließlich verlassen, ist alles gut und schön.
Und es wird immer schöner…
Das ist es wieder, das Besondere am Spreewaldmarathon, die weite Landschaft, die Störche auf Wiesen und Feldern, die kleinen Straßen und Sträßchen und dann die perfekte und umfassende Betreuung an den Verpflegungspunkten.
Es geht einfach nicht besser und schöner – finden zumindest wir.
Die DREI!!! JUNGEN!!! DAMEN!!! 😉 haben sich mit dem Schnitt, den der Radelnde Uhu vorgibt, wunderbar arrangiert. Nicht zu schnell, schön gleichmäßig, nicht zu große Gänge, kraftsparend und knieschonend eher mit höherer Frequenz, Viele überholen uns zwar, aber es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Durchhalten und Ankommen. Und ums Genießen dieses schönen Tages.
Für ausreichende Pausen und Verpflegung ist gesorgt, alle sind zufrieden und haben ihren Spaß.
Auch die „Strategie“, durch nicht zu lange Pausen Zeit zu gewinnen, geht voll auf. Etliche, die uns überholten, sehen schon am ersten Kontrollpunkt am Eurocamp nach 42 km ziemlich knülle aus, die sehen wir danach erst eine ganze Weile nach unserer Ankunft im Ziel wieder. Aber wir wollten ja nicht gewinnen 😉
Schwere Beine? Gibt es heute auch nicht. Eher schwere Bäuche vom vielen Essen. Oder Mädels?
Die Plinsen in Straupitz sind wieder ein Träumchen (schade, ein Jahr müssen wir nun wieder darauf warten) und nach kurzer Fahrt durch die herrliche Flussauenlandschaft gibt es in Burg schon die nächste Fresspause.
Wetter? Das hält sich – prima. Was kann es Schöneres geben, als an solch einem Tag um bzw. durch den Spreewald zu rollern.
Der „Angsthuckel“ am Tagebau ist heute geschenkt, bald ist Lübbenau erreicht, schon wieder Pause? Neee, war ein Spaß, die muss sein, irgendwie fallen wir sonst vom Fleisch.
Lübben – am Sportpark säumen viele Zuschauer die EInfahrt ins Ziel, dann gibt es die wohlverdienten bronzenen Gurkenmedaillen.
Toll Mädels, es hat heute viel Spaß mit Euch gemacht. Gerne mal wieder…
Nach ein, zwei Bierchen (bleifrei) rollen wir nun wieder zurück zu unserer Unterkunft.
In Summe kommen wir somit heute auf 140 Tageskilometer.
Abgesehen von einigen 200ern kommt uns auf dem Spreedamm kaum noch jemand entgegen. Ruhe macht sich wieder über der Landschaft breit, das Licht in diesen Nachmittagsstunden wird schöner, goldener, glatt ist der Wasserspiegel der gemächlich strömenden Spree.
Die Summe der Ereignisse dieser Tage – das Fest, der Spreewaldmarathon und sein Getöse und die vielen Radler, die extrem beanspruchten, aber immer freundlichen Helfer und Betreuer, das Dahinrollen auf dem Spreedamm, die endlose ruhige Landschaft, wenn der Lärm verschwunden ist, die schöne kleine und gemütliche Altstadt von Lübbenau z.B., die Wanderung an den Kanälen entlang durch den Wald am nächsten Tag, das Paddeln auf dem stillen Wasser, der Sonnenuntergang und die abendlichen Farben – und nicht zuletzt das üppige Bauernfrühstück oder die Grützwurst ergänzt mit ein, zwei, xx Gläschen Babben-Bier, das bedeutet für uns (auch) Spreewald.
Und der nächste Spreewaldmarathon ruft schon.

Spreewaldmarathon 2018

„Die verrückten 200er sind natürlich alle schon durch. Die sie jetzt hier sehen, sind mehr so die Freizeitfahrer…“ – so ungefähr lauten die Worte der Spreewälderin, die den schwer mit kuchenessenden Ausflüglern beladenen Kahn aus dem kleinen Schlepziger Hafen bugsiert.
Danke, wir haben verstanden – Freizeitradler. Hmmm, ist das besser als ein „verrückter 200er“?‘
Da bleiben wir doch glatt noch ein wenig länger hier sitzen. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, ringsum zeigt sich frisches Grün an den Bäumen, hinter uns tummeln sich die vielen vielen Freizeitradler und werden wie immer bestens von den netten ehrenamtlichen Helfern versorgt.
200, das war mal – oft genug sind wir diese Runde gefahren, schnell und noch schneller. Muss heute wirklich nicht sein, schön ist es, dass überhaupt wieder etwas geht und da genügen auch die gemütlichen 70. Genuss ist angesagt, kein selbst gemachter Zeitdruck, nein, einfach nur entspannt dahin rollern und diesen wunderbaren Frühlingstag in all seinen sonnigen Facetten auskosten.
Ja, ein wenig kratzt es schon, wenn man an die vergangenen Jahre denkt.

Aber wer weiß, vielleicht geht mit behutsamer Steigerung auch demnächst mal wieder etwas mehr.

Die schönsten Momente dieser Spreewaldmarathons sind immer wieder, ehrlich gesagt, die Kilometer an der Spree entlang zum Start nach Lübben und dann das Ausrollen danach wieder zurück zur Unterkunft. Noch ist es ruhig in dieser unendlichen Landschaft, das menschliche Getöse ist weit weg, erst auf der Schlossinsel holt es uns dann ein.
Aber das ist dann natürlich auch wieder ein sehr schönes Gefühl, sich mit nun den vielen Radlern mit Polizeieskorte zuerst durch Lübben zu wälzen und dann richtig Fahrt auf den ruhigen Landstraßen aufzunehmen. Sofern man nicht von aggressiven und ungeduldigen Autofahrern abgedrängt wird….
Der größte Respekt gilt dabei immer wieder den Helfern, die hier ihre Zeit damit verbringen, das Sport treibende Volk mit Straßensperrungen und üppiger Verpflegung zu unterstützen.
Und so ist die Zufriedenheit, die sich innerlich auch schon nach den „kurzen 70“ breit macht, eine Kombination aus dem Erlebnis der wunderbaren frühlingshaften Landschaft, dem guten Gefühl des Rollens auf den Straßen und der Volksfeststimmung an den Verpflegungspunkten und hier in Lübben auf der Festwiese.
Das macht diesen Tag wieder einmal zu einem der schönen Momente im Leben – und steigert die Vorfreude auf eine Wiederholung im nächsten Jahr.

Spreewaldmarathon 2016

Samstag, 16.04.2016

Die Anspannung ist ziemlich groß, obwohl eigentlich geplant ist, diese Tour nur so weit zu fahren, wie es Kopf und Körper zulassen.
Nur nichts provozieren – sondern ganz langsam, ganz behutsam den Neuanfang versuchen, den zweiten Neuanfang übrigens nach dem „Fast-Katze-Überfahren“-Crash vom August 2012.
Na ja, eigentlich schon der dritte, nach 08/2015 und 12/2015…

Egal…

Kühl, wolkig, sonnig ist es, für heute ist gutes Wetter angesagt.
Zumindest sollen nicht solche Regenfälle wie gestern zu erwarten sein.
Auf das Einrollen im Morgensonnenschein nach Lübben hinüber verzichten wir, im Auto ist es wärmer und gemütlicher…
Und so kommen wir sogar noch in den Genuss, die „Hasenhochzeit“ auf dem Feld vor Lübben zu sehen. Sind das nun 7, 8 oder 14 Hasen oder 15 Hasen und 7 Ohren oder 15 Ohren und…
Auch egal, auf jeden Fall haben wir noch nie so viele Hasen auf einem Fleck gesehen.
An der Festinsel ist wieder Tohuwabohu, die 1200 Teilnehmer auf den 200 km wälzen sich gerade über die kleine Brücke auf Lübbens Straßen.
Und ganz am Ende rollen wir schließlich in aller Ruhe hinterher. Begleitet vom Polizeifahrzeug mit Blaulicht – auch ein Erlebnis… Dem englischsprechenden Pärchen hinter uns sind wir schließlich zu langsam, die zwei gemächlich dahin rollenden Herren auf den schicken Rennrädern vor uns überholen wir dann nach ein paar Kilometern…
Na was – geht doch.
Uwes geschicktes abwartendes Nachfragen erreicht dann in Lubolz den von ihm gewünschten Effekt. Ich werfe alle Pläne von einer Spreewaldrunde mit maximal 70 km außerhalb jeglicher Wertung, alle Pläne von da mal abkürzen und dort mal ne Beule abschneiden über den Haufen und wir rollern den 200ern in Sichtweite hinterher.
Man muss es ja nicht übertreiben, doch selbst die 150er-Runde, die mir zu diesem frühen Zeitpunkt noch völlig aussichtlos erscheint, kann man ja im Notfall jederzeit abbrechen.
Der neue Verpflegungspunkt in Kasel-Golzig bestärkt dann noch einmal das Vorhaben, auf der ausgeschilderten Route zu bleiben.
Recht locker erreichen wir Krausnick, die Masse der Leute ist schon weg, das bietet die Chance, sich ohne Drängelei zum ersten Mal voll zu fressen. Die Sonne scheint, die fleißigen und netten ehrenamtlichen Helfer lächeln, das Leben ist schön.
Ein kurzes Hineinhorchen – nö – selbst das leise Kribbeln im Hinterkopf ist nicht zu spüren.
Aber – man muss auch das Pausenmachen nicht übertreiben. Radfahren wollen wir auch noch.
Kult-P-Pause im Unterspreewald am Puhlstrom, Plinsen nach weiteren 10 kmchen am Hafen in Schlepzig. Das ist auch neu – und da wir ja ganz entspannt….
So können wir dieses freundliche Angebot einfach nicht ablehnen.
Eurocamp, schon eine ganze Weile beunruhigte die dunkle Wolkenfront im Westen. Doch den nach der Pause einsetzenden Regen soll es lt. Wetterbericht heute eigentlich nicht geben. Kleiner Makel, hört bestimmt gleich wieder auf.
20 Kilometer weiter – sollten wir doch die Regenklamotten anziehen? Der Regen war ja nun nicht angesagt, ist sicher nur die dicke schwarze Wolke, gleich vorbei.
Straupitz – wir sind durch, nass, kalt…
Aber die Leute hier lassen sich einfach nicht verdrießen, das steckt irgendwie an. Und die Plinsen sind nun auch nicht von schlechten Eltern. Dazu ein, zwei Käffchen.
Besser geht dat nich…
Na gut, die Dusche könnte bitte mal jemand abstellen.
Regenklamotten sind mittlerweile sinnlos. Wenigstens die dürfen nun trocken bleiben.
Unsere Familien, die wir angesichts des Wetters in einer ganz anderen Laune erwartet hatten, stehen lächelnd und zufrieden im Regen. Erstaunlich. Was hat der Spreewaldmarathon, was andere Radtouren nicht haben?
Uwes Optimismus leidet jedoch ein wenig, denn die helleren Wolkenlücken werden minutenschnell wieder dunkel zugedeckt, der Jemand dreht am Duschknopf, das Wasser fällt mal spärlicher, mal etwas intensiver, wo kommt das alles her?
Ein Genuss ist die schöne Landschaft zwischen Straupitz und Burg angesichts der Nässe und Kälte heute leider nicht – ja, wir haben abgekürzt – die 200 sollen es heute nicht sein, wir sind zeitlich sowieso viel zu spät, so dass wir die Beule über Lieberose ausfallen lassen.
Aber in Burg gibts schon wieder etwas zu futtern. Lecker Kuchen… Prima.
Offensichtlich bewirkt aber der Dauerregen, dass die angekündigten Sturmböen ausfallen. Ist ganz praktisch, denn im ehemaligen Tagebaugelände südlich von Raddusch würde es sonst ganz schön entgegen blasen. Hat also auch sein Gutes…
Der letzte Verpflegungspunkt an den Lübbenauer Spreewelten wirkt heute ein wenig verwaist. Schade, denn die Blasmusiker geben ihr Bestes und hätten sicher ein wenig mehr Publikum verdient. Und auch die angebotenen Suppen sind genau das Richtige im Augenblick – also auch hier wieder der Vorteil der Situation, man bekommt die und noch nen Nachschlag ohne Schlangestehen.
Lässt das Pieseln jetzt etwa nach?
Es scheint ganz so – tatsächlich das penetrante leise Klopfen auf dem Helm wird langsamer, leiser…
Aber war wohl nur ne Atempause, auf dem letzten Stück auf der Bundesstraße nach Lübben scheint der Duschknopf kaputt gegangen zu sein und der Himmel öffnet nun etwas unkontrolliert seine Schleusen. Die Straße ist eine einzige Wasserfläche, man sieht nur Wasser ringsum, Taucherbrille und Schnorchel wären jetzt ganz praktisch.
Aber dann ist gegen 16 Uhr doch Lübben erreicht.
Fast alle haben durchgehalten, sich allerdings nach der Zieleinfahrt auch gleich verkrümelt. Ein Fest wird das hier eben nicht mehr, auch wenn die Trommler und Cheerleader jedem eintreffenden Fahrer eine Extra-Willkommens-Welle gönnen.
Aber das Ziel ist erreicht und die eigenen Vorstellungen wurden bei Weitem übertroffen.
156 km – das lag außerhalb jeglicher Vorstellung.
Trotz der üblen Vorgeschichte in den letzten Monaten, der fast völlig fehlenden Grundlagenausdauer und der stark abgebauten Muskulatur ist es eine für mich arg überraschende Tatsache, diese Distanz gefahren zu sein. Es geht!
Aber, was folgt nun?
Hineinhorchen, schauen, was mit dem Körper passiert, Ruhe bewahren und auf keinen Fall sofort nachlegen. Man muss es ja nicht übertreiben.
Übrigens scheint jetzt die Sonne von einem blauweißen Himmel.
Da erübrigt sich jeder Kommentar.

Und an die goldene Gurke, wir waren ja eigentlich für 200 gemeldet, werde ich mir ein Zettelchen kleben… „Beschissgurke“ könnte vielleicht drauf stehen 🙂

Spreewaldmarathon 2015

Spreewald-Marathon, 18.04.2015

Am schönsten sind die Momente, wenn die Sonne über dem Horizont erscheint, leichte Nebel über dem stillen Wasser der Spree und der Fließe aufsteigen und ein enormes Vogelkonzert den neuen Tag begrüßt.
Ohne Schmalz und Krümel… Es gibt wirklich (fast) nix Besseres.
Abgesehen von den zu Eisklumpen erstarrten Fingerspitzen, die kaum den Auslöser der Kamera betätigen können, ist das der perfekte Einstieg in diesen Tag.


Der Spreewald-Marathon und für mich die mittlerweile 8. Teilnahme an dieser von vielen ehrenamtlichen Helfern wunderbar organiserten Massenveranstaltung stellt immer wieder DEN ultimativen Start in den Radler-Frühling dar.
Sicher, der Startschuss in die Saison 2015 fiel bereits beim 200er-Brevet in Berlin, aber diese Runde durch und um den Spreewald mit allem Drumherum schafft das lange ersehnte Gefühl, dass sich nun die warme Jahreszeit nicht mehr aufhalten lässt.
Auch wenn der heutige Morgen frostig ist und selbst im weiteren Verlauf des Tages die Temperatur kaum über 12°C steigt…


Zusammen mit fast 1.000 anderen Radlern schickt uns das „Auf die Gurke – fertig los“ wieder einmal 7.30 Uhr von der Schloßinsel Lübben auf die 200 Kilometer lange Reise.
Wie immer sind die Schnellsten sofort weg, wir gehen das Ganze dagegen etwas gemütlicher an. Uns drängelt ja nix…
Und da die Frauen mit den Mädels erst 11.30 Uhr nach pompösen Frühstück im Hotel am Lübbener Hafen auf die 70er Runde starten, haben wir ebenfalls viel Zeit.


Im prallen Sonnenschein am Vormittag „arbeiten“ wir uns auf gewohnter Strecke zum ersten Kontrollpunkt in Krausnick durch.
Gruppenfahren ist zumindest für mich heute nicht so angesagt, das nervöse Hin- und Her, ruckhafte Beschleunigen und Bremsen von Leuten, die die Anderen und deren Fahrgewohnheiten nicht kennen, potenziert das Sturzrisiko. Und da es Spezialisten gibt, die mitten im Feld plötzlich verlangsamen, um einen Schluck aus der Pulle zu nehmen, dabei noch aus dem Gleichgewicht kommen, von rechts nach links und zurück pendeln und die Hintermänner in große Verlegenheit bringen, halten wir uns da doch sehr zurück.
Allein geht besser – oder eben gegebenenfalls selbst vorn im Wind arbeiten….


Krausnick, Groß-Leuthen, Straupitz, Lieberose, Burg, Lübbenau – die zahlreichen Helfer haben wieder für eine erstklassige Verpflegung gesorgt.
Auch wenn die Teilnahmeberechtigung anhand der Startnummer nicht kontrolliert wird, wäre es äußerst unfair, den Obolus in Höhe von 32,- EUR unterschlagen zu haben  und als „blinder Passagier“ an Bord zu sein. Denn die Mühe und Arbeit der Leute, die stundenlang bei diesen niedrigen Temperaturen ausharren, die üppige Palette an handgeschmierten Wurstbroten, Kuchenstückchen, Obst, Gurken, Gummibärchen (welche Kinder haben dieses Opfer gebracht ;-), Schokoladestückchen und – riegeln, Brühreis mit Hühnchen, Nudel- und Kartoffelsuppe, Bockwurst und nicht zuletzt den Plinsen in Straupitz ist das mindestens Wert.
Ganz abgesehen vom unerschöpflichen Getränkeangebot, das für uns bereit steht.


Also wirklich wieder einmal einen ganz großen Dank an die Veranstalter und alle Helfer und Unterstützer dieser tollen Veranstaltung.

Allmählich bewölkt es sich, wird spürbar kühler, als die Sonne verschwindet.
Und allmählich fressen und trinken wir uns bis Lieberose und Burg durch.


Zwischenzeitlich haben wir einen etwas älteren „Hinterradlutscher“ im Huckepack, der sich konsequent der Führungsarbeit verweigert und dessen größtes Problem die jungen Mädels sind, die das Ganze so locker fahren und dabei noch quatschen können. Na ja 😉
Wenn es weiter nix gibt…
Aber bei einer von Uwe geschickt gesetzten Pause will unser „Windschattenfahrer“ nicht abwarten, sondern gondelt allein weiter und wird flugs von einer anderern Gruppe geschluckt und mitgezogen.

Burg – ca. 160 Kilometer – schade, schon fast vorbei. Große Stimmung hier im Ort, der Moderator sorgt für volksfestähnliche Unterhaltung.
Nun wird der Verkehr etwas „dicker“, die 70er, 110er und 150er kommen noch mit dazu.
Aber es rollt.

Im ehemaligen Tagebau Vetschau und anschließend in Lübbenau bei ein, zwei Bierchen „ohne“  und Kartoffelsuppe treffen wir auf unsere Frauen.
Danach folgt schon wieder die Kür, leider auf der Bundesstraße, sehr zum Leidwesen des motorisierten Kraftverkehrs, die sich heute ihr ureigenstes Medium mit richtigen KRAFT-Fahrern teilen müssen. Und die kämpfen sich alle eisern beim noch einmal aufdrehenden Gegenwind bis Lübben durch.
Kurz vor 16 Uhr sind wir im Ziel.


Es waren 202 Kilometer.


Das reicht auch, um noch in guter entspannter Stimmung und Laune, von den Cheerleadern und den Trommlern begrüßt, die goldene Gurke abzuholen.


Die Sonne zeigt sich auch wieder, so dass wir nur wenig frieren müssen, bis unsere Frauen eintreffen.
Schade – schon vorbei.


Es folgt der Epilog – das gemütliche Ausrollen im Abendsonnenschein auf dem Spreedamm zurück zur Unterkunft.

Schön war es.

Wir kommen wieder!

D N-S 2014 / Uffenheim – Garmisch-Partenkirchen

Donnerstag, 21.08.2014
Die komplette Gesamtlänge lässt sich im Moment schwer schätzen. Die kann irgendwo zwischen 1043 und 1100 Kilometern liegen. Heute gegen 15 Uhr wollten wir nach Plan eigentlich in aller Ruhe in Garmisch einrollen. D.h. ursprünglich war Donauwörth als Tagesziel gestern geplant, das ist aber noch ein ganzes Stück weg, auch wenn wir mit der Nachtschicht wieder ein paar Kilometer aufgeholt haben. Und wenn wir heute das Ziel erreichen wollen, müssten wir also irgendetwas zwischen 260 und 315 Kilometer schaffen. 260 scheint realistisch, 315 schlimmstenfalls bedeuten vielleicht eine zweite Nachtschicht. Niemand von uns weiß, welche Berge heute lauern. Innerlich richte ich mich also auf ca. 280 +/- 10 km ein.
Wenige Kilometer nach dem Start lauert schon der erste wirklich heftige Anstieg in die Fränkische Alb hinauf. Thomas ist eisern, er fährt den hoch, da kann bei mir keine Rede mehr von sein. So muss er leider warten, bis ich schwitzend an ihm vorbei schiebe und erst wieder aufsteige, als es oben auf der Höhe sanft weiter geht. Hier befindet sich übrigens gleich in der Nähe die Altmühlquelle. Dann rollt es wieder rasch entlang der oberen Altmühl. Wir frühstücken angenehm in der Bäckerei in Leutershausen, haben unseren Spaß an den deftigen Dialogen zwischen der Bäckerin und den einheimischen Handwerkern und geben mit der neuen “Tankfüllung” gen Herrieden und Wassertrüdingen wieder ein wenig Gas.
Es geht wellig auf und ab, im Sonnenlicht ist alles schön hier, die weite Hochfläche, die Wälder und schließlich auch Oettingen am Kraterrand des Nördlinger Ries. Die Luft ist klar, das Licht und die Farben entsprechend kräftig und intensiv. Herrlich!
Der Abstand zur nächsten Pause ist mit 80 Kilometern jedoch ziemlich groß, so dass es durch das weite Rund des Riesenkraters und dann hinab nach Donauwörth allmählich etwas schleppender wird. Umso willkommener ist gegen Mittag die Pause beim Chinesen in Donauwörth. 120 Kilometer haben wir jetzt geschafft, noch schätzungsweise 160 Kilometer liegen bis zum Ziel vor uns. Auf dem Navi sieht das Profil recht bergig aus, na schaun mer mal… Das Essen ist gut und üppig, über die einzigartigen hygienischen Zustände im hinteren Bereich der Lokalität breiten wir besser den Mantel des Stillschweigens.
Danach rollen wir über die Donau und im weiten Lechtal entlang in Richtung Augsburg. Bei einer kurzen Rast zum Getränkenachkauf meint eine junge Frau, die den Leuten an ihrem Stand irgendwelche absonderlichen Dinge verkaufen muss, dass wir in kurzer Zeit schon die Dritten sind, die hier vorbei fahren und Deutschland von Nord nach Süd durchqueren. Das flache Tal des Lechs scheint für Fernradler offensichtlich eine Art Einflugschneise in die Alpen zu sein.
Ohne Anstiege, allerdings auf zunehmend dichter von Autos befahrenen Straßen nähern wir uns Augsburg. Die Stadt selbst, die wir in den östlichen Randbezirken umgehen wollen, was aber trotzdem nicht ohne einiges Suchen möglich ist, hinterlässt einen eher negativen Eindruck, die Radwege sind katastrophal, aber wegen des Verkehrs ist das Benutzen der Straße lebensgefährlich. Und auch die extrem stark befahrene Ausfallstraße nach Süden bis Mehring ist nervend.
Am Nachmittag machen wir deshalb noch einmal in der Sonne eine Kaffeepause am Supermarkt.
Als ich dann schon draußen unterm Sonnenschirm sitze und an meiner Käselaugenstange mümmele, kommt Thomas schließlich auch zufrieden mit seinem Kaffee und Kuchen. Er pendelte drinnen ein wenig unentschlossen hin und her, während auf der anderen Thekenseite aufmerksam die nette Verkäuferin hinterher wieselte und ihn verfolgte… Muss wie im Kino gewesen sein.
Es ist jetzt richtig warm, das verbessert die Laune enorm und damit sieht es in Bezug auf den noch vor uns liegenden restlichen Abschnitt bis zum Ziel wirklich gut aus. Es ist gegen 17 Uhr und theoretisch müssten es nun nur noch 100 Kilometer sein. Das sollten wir doch schaffen…
Nach der Pause fahren wir glücklicherweise auch wieder auf ruhigen kleinen Landstraßen südostwärts zum Ammersee. Auch hier bleiben die befürchteten Berge aus, es geht wellig weiter. Und dann, halb sieben Uhr abends, kurz vor dem großen See, ungefähr auf der Höhe Münchens steht die “1000” auf dem Fahrradcomputer. Ein Selfie muss jetzt sein.
Zudem haben wir eben am Horizont die Alpen erblicken können.
Wahnsinn – von der See in die Alpen per Rad. Das hebt die Stimmung! Ja da kommt Freude auf…
Am Westufer des Ammersees entlang ist die Fahrt dann eher nicht das ganz große Vergnügen, die Bayern fahren schnell, zu schnell, zu aggressiv, selbst die Polizei überholt an der unmöglichsten Stelle, und es gibt ganz eindeutig zu viele Autofahrer!
Aber so richtig schlimm ist das alles angesichts des schon in Sichtweite befindlichen Ziels nicht mehr. Kurz vor Weilheim scheint man E.T. zu suchen – die Erdfunkanlage, riesige glänzende Spiegelteleskope vor dem Hintergrund der dunklen Silhouette der Alpen sind ein bemerkenswerter ungewöhnlicher Anblick. SETI lässt grüßen. Und da hinten, das muss wahrscheinlich die Zugspitze sein.
Bis Murnau kurbeln wir nun doch noch lange bergauf, es dunkelt. Noch ca. 25 Kilometer im Dunkeln. Anruf bei Dagi – wir könnten in maximal zwei Stunden da sein. Noch eine kurze Rast bei McDoof, danach Schußfahrt in der Finsternis ins Loisachtal. Nächste Erkenntnis – nicht illuminierte Jogger auf finsteren Radwegen sind eine extrem hohe Unfallgefahr.
Und als der Radweg nach Garmisch durch den finsteren Wald zu verlaufen scheint, zum Verirren regelrecht einlädt und zudem offensichtlich noch geschottert ist, ist die Entscheidung recht einfach. Wir nehmen die Bundesstraße. Dass das aber auch seine durchaus lebensgefährlichen Tücken hat, spüren wir etwas später, als Thomas von einem aggressiv überholenden Autotransporter fast von der Straße gedrängt wird.
Ab Farchant wird es auf unserer Nebenstraße dann ruhiger, die Bundesstraße verläuft durch einen für Fahrräder gesperrten Tunnel. Und über allem strahlt wie ein glühendes Auge das Licht der Bergstation der Zugspitze.
“Markt Garmisch-Partenkirchen”, 22.47 Uhr!
Wir sind da!!! Es ist geschafft!!!
296 Tageskilometer haben wir heute absolviert.
Die 80 Stunden haben wir nicht einhalten können, aber das soll uns mal jetzt nicht verdrießen. Als wir 10 Minuten später vor unserer Ferienwohnung einrollen, begrüßen uns meine Frauen mit der La Ola und hängen uns Medaillen um.
Wir haben es geschafft, haben nicht aufgegeben und vor allem – wir sind GESUND hier angekommen. Das ist die Hauptsache.
Dass wir ohne Hotel, bei besserem Wetter viel weniger Stunden gebraucht hätten, ist völlig nebensächlich. Und, blendet man die ersten beiden Tage aus, hat es wirklich auch Spaß gemacht und es war ein sehr schönes Erlebnis!
Auf dem Fahrradcomputer stehen 1078 Kilometer mit einer Netto-Fahrtzeit von 48:25 Std.
Die Brutto-Fahrtzeit von 88 Stunden sind den längeren Pausen und Hotelaufenthalten geschuldet, diese lassen sich also ohne Weiteres bei normalem Wetter auch um Einiges reduzieren.

D N-S 2014 / Göttingen – Uffenheim

Mittwoch, 20.08.2014
Es regnet nicht. Blauer Himmel, ein Schein der aufgehenden Sonne!!!
Thomas übt sich im Kopfrechnen und stellt Überlegungen an, wie wir vielleicht doch noch in der Zeit bleiben könnten. Wenn man heute über 300 und morgen 400 Kilometer fahren würde…
Vier???!!!! Hundert???!!! Das fahre ich gerade mal so im ausgeruhten Zustand!
Sein Grinsen sehe ich zu spät… Er macht seine Späßchen und ich steige auch noch voll drauf ein 🙂
472 Kilometer haben wir – das ist nicht einmal die Hälfte der Gesamtdistanz. Aber 700 sind es nun auch nicht mehr.
Das Frühstück im Hotel ist üppig, wir stopfen hinein, was geht – „lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt“ – versuchen dann die Bemerkung der Rezeptionsdame, es würde wieder einen feuchten Tag geben, möglichst zu ignorieren und starten 7.20 Uhr in den dritten Tourtag.
Heute sollte doch etwas gehen – zudem muss das Frühstück abgearbeitet werden!
Meine Mädels haben im Bungalow auf dem Camp bei Suhl auch wesentlich besser übernachtet als an den letzten Tagen, sie sind auf dem Weg nach Nürnberg.
Es dauert ein wenig, ehe wir Göttingen verlassen haben, aber dann rollen wir mit gutem Tempo weiter nach Süden. Im Sonnenschein!!! Welchen Wetterbericht hatte denn die Rezeptionsdame da zur Hand? Oder ist es nördlich von uns immer noch so katastrophal kalt und nass?
Schnell kommen wir den grünen Hügelketten des Eichsfeldes näher, mit dem schönen Wetter schweigen auch langsam meine Knie, selbst die ersten Anstiege sind plötzlich kein Problem mehr. Und bei diesem Licht lässt es sich so richtig in den Farben und Formen der Landschaft schwelgen. Wir erreichen Thüringen, nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen das vierte Bundesland auf unserer D N-S 2014. Wunderschön sind die Hügel des Eichsfeldes mit seinen stillen Straßen, den grünen Wäldern und den Burgen. Dann das Werratal, wir begegnen einigen Reiseradlern und die geschmückte Fachwerkaltstadt von Bad Sooden ist eine Fotopause wert.
In Erinnerung bleibt auch der freundliche Fernradler mit schweizer Akzent, der uns Minuten lang eine gute Abkürzung bis Eschwege empfiehlt. Und dann sieht er unsere Räder – Na ja, mit Rennrad… Wohl doch besser nicht. Trotzdem noch ne schöne Tour!
Um die Mittagszeit folgt dann erneut eine lange Abfahrt ins Werratal, von hier sieht man sogar schon den markanten Inselsberg mit seinem Turm, der sich hoch über den Gebirgskamm des Thüringer Waldes erhebt. Wir fahren unter der großen Brücke der A4 hindurch, kurz nach der Wende gab es die noch nicht, da musste sich der komplette Fernverkehr hier über die engen Talstraßen quälen.
Und es ist doch ein tolles Gefühl, wenn man darüber nachdenkt, dass wir trotz aller Widrigkeiten auf dem Rad von Flensburg im hohen Norden bis hier in die Mitte Deutschlands vorgedrungen ist.
Wir haben die Flussschleife bei Mihla abgeschnitten und halten in Berka an einer Bäckerei. Lecker Kuchen, Kaffee – das alles zu Friedenspreisen und dazu noch eine unheimlich nette Bäckersfrau, die sogar unsere Trinkflaschen abwäscht und neu füllt.
Leicht euphorisch kürzen wir nach der Rast in der Mittagswärme durch allerlei Suhls (Wünschensuhl, Marksuhl) die nächste Werraschleife ab und landen fast direkt vor dem Radhändler in Bad Salzungen. Dort kann Thomas endlich seinen Schaltzug reparieren lassen.
Weiter geht es nun auf kleinen Straßen und festen Schotterwegen entlang der Werra parallel zur großen Bundesstraße bis Meiningen. Hier wollten wir eigentlich gestern schon sein, jetzt ist es 16 Uhr. Wir haben fast einen Tag Verzug. Eine Nachtschicht werden wir heute wohl doch machen müssen. Aber die Pause auf dem sonnenwarmen Markt inmitten der fein restaurierten Altstadt bei Original Thüringer Rostbratwurst und einem Bierchen muss sein. Der nächste Erinnerungssplitter: zwei Bratwurst-Stände direkt nebeneinander! Links der kommerziell wirkende „Edel“-Stand. Rechts daneben eine etwas abgewrackt wirkende Bude. Aber der Chef hat es drauf. Kaum bemerkt er, dass wir auf Bratwurst scharf sind, spricht er uns auch schon an, verwickelt uns nett und freundlich ins Gespräch und verkauft uns selbstverständlich nebenher noch Bierchen und Bratwurst. Clever ist er, hat ein paar seiner Kumpels vor dem Stand postiert und wie das so ist, gehen die Leute instinktiv dort hin, wo schon Leute stehen. Sein Laden brummt also, während der kommerzielle Nachbar in der Zwischenzeit gar nix verkauft. So ein Spaß…
Gestärkt wird anschließend der Berg zum ehemaligen Grenzübergang Henneberg in Angriff genommen. Es geht lange bergauf in die Rhön, bis wir 17.08 Uhr auf ca. 500 Metern Höhe die bayrische Grenze erreichen. Das letzte Bundesland auf unserer Reise!
Die nächsten Städtchen entlang der Fränkischen Saale Mellrichstadt, Bad Neustadt und Münnerstadt erleben wir quasi im Vorbeiflug. Ganz sacht fällt das Tal nach Süden ab, das sorgt für ein ordentliches Tempo. Noch ein kurzer straffer Anstieg und eine schnelle Fahrt auf der Hochebene, dann befinden wir uns mit Beginn der Dämmerung schon westlich von Schweinfurt und haben ca. 230 Tageskilometer in den Beinen.
Meine Frauen sind bei Nürnberg, ihnen geht es bestens und wir selbst wollen jetzt noch ein ganzes Stück weit kommen.
Einige Minuten später rollen wir am Main entlang in die Dunkelheit. Der Gastwirt mit dem ADFC-Schildchen im Fenster verweigert uns gegen halb zehn ein Abendbrot – so eine Pfeife, dabei hätte es ein Spiegelei oder eine Bratwurst auch getan, aber drei Kilometer weiter bekommen wir glücklicherweise noch einen Teller Nudeln mit Pfifferlingen. Nur in der Kommunikation gibt es wegen dem hessischen Dialekt der freundlich distanzierten Wirtsleute (oder verstehen die unser sächsisch angehauchtes Deutsch etwa auch nicht?) einige Verständigungsschwierigkeiten. Aber sinngemäß erschließt sich dann irgendwann, was wir wollen. Die Distanz löst sich sogar ein wenig, als wir die kleine Neugier der Wirtin befriedigen und ihr erzählen, weshalb wir ausgerechnet um diese späte Tageszeit in diesem unauffälligen Aufzug hier herein geschneit sind. Ich vermute mal, dass das leichte Kopfschütteln und Schmunzeln der Frau ihre wahren Gedanken über uns arme Irre nicht verrät. Zumindest gibt es noch ein „gute Fahrt“ auf den Weg.
Dumm ist nun auch, dass der geplante Flussübergang per Fähre erfolgen sollte. Aber die Fähren haben schon längst Feierabend, es ist mittlerweile halb elf Uhr. Also fahren wir auf der diesseitigen Flussseite weiter, müssen noch eine Anhöhe mitnehmen und erreichen über eine Art Halbinsel, die von einer Mainschleife gebildet wird, die einzige Brücke weit und breit in Volkach. Im Dunkeln sind die Lichter im Tal beiderseits unseres Hügels ein ganz besonderes Erlebnis. Von Volkach über Kitzingen bis Marktbreit nehmen wir nun die kürzeste Strecke. Infolge der späten Stunde ist der Autoverkehr auf ein erträgliches Minimum reduziert, so dass wir noch recht rasch vorwärts kommen und Marktbreit gegen Mitternacht erreichen.
Nun geht es wieder aufwärts. Auch hier lassen wir uns auf keine Experimente ein und nehmen die ausgeschilderte Route auf der nächtlich ruhigen Bundesstraße nach Uffenheim, um Sucherei und Irrwege in den kleinen schlafenden Dörfern zu vermeiden. Die Dunkelheit hat den Vorteil, nicht erkennen zu können, wie steil und weit der nächste Anstieg wirklich ist. Man kurbelt und kann kaum ein Gespür dafür entwickeln, wie schnell man eigentlich ist. So kommt es auch, dass wir gefühlte Stunden auf ein paar Windräder mit Flugzeugwarnleuchten zu fahren und diesen nicht wirklich näher kommen. Die Kilometer werden immer länger und die Müdigkeit nimmt zu. Und endlich sind wir auch an den Windrädern vorbei…
Besser ist es jetzt aber, sich langsam in der Nähe ein geeignetes Fleckchen zu suchen, wo man die Nachtstunden bis zum Morgen im Schlafsack verbringen kann. Nach kurzer Suche bietet sich gegen 1:30 Uhr am Ortsrand von Uffenheim eine kleine Wiese an der Straße an. Nix wie in die „Federn“. Nach dem heutigen Tag mit 312 Kilometern sollten wir nun doch eigentlich gut schlafen können. Doch scheinbar haben die Taxifahrer Süddeutschlands hier ein Meeting, jedenfalls registrieren wir im Halbschlaf mehrmals, wie Taxis hier umdrehen, anhalten, Türen knallen und vermutlich die rasante Dorfjugend von der Disco zurück zu Hause abliefert. Dazu wird es empfindlich kalt, auch im Schlafsack schüttelt es Einen leicht, so dass es doch schöner ist, als endlich der Morgen graut.

D N-S 2014 / Walsrode – Göttingen

Dienstag, 19.08.2014
Das Frühstück war gut und reichlich. Und als wir starten, ist sogar eine Spur von Sonne zu sehen. Meine Knieschmerzen haben sich auf ein leicht unangenehmes Gefühl reduziert, dem kann ich mit einer Ausgleichbewegung recht gut aus dem Weg gehen.
Wir kommen also gut voran, abgesehen vom heftigen Regenguss nach 50 Kilometern vor Hannover scheint wirklich alles gut zu werden. Der Wind hat auch etwas nachgelassen, er weht zwar noch etwas lästig von Südwest, aber das ist auszuhalten.
Thomas Überschuhe sind zerrissen, in Garbsen an einem Radladen halten wir, zum Glück ist es in dieser Viertelstunde trocken. Der nette Verkäufer ist von unserem Vorhaben begeistert und sponsort uns noch ein paar Energieriegel.
Und meine Frauen sind schon auf dem Weg nach Thüringen… Dort scheint die Sonne!!!
Der große Regen beginnt nach der nächsten Pause in einer Konditorei in Pattensen. Es fällt schwer, nach dem heißen Kaffee und dem leckeren Kuchen hinaus in die Nässe zu müssen. Aber wir haben erst 95 Tageskilometer abgearbeitet und wollen, wenn es geht, wenigstens bis ins Werratal kommen. Radfahren ist zur Zeit also mehr eine Leidenschaft, die Leiden schafft.
Leiden wir? Zugegeben, es könnte uns derzeit ein wenig besser gehen. Die Knie schmerzen wieder, vermutlich infolge der Überanstrengung bei diesen Bedingungen. Sie vertragen die Kälte und Nässe nicht.
Die Leipziger Ultrasportlerin Elisabeth Schwibs hatte da wesentlich mehr Glück. Sie hat sich einige Tage vor uns auf den Weg von Flensburg nach Garmisch gemacht.
Wie wir ihre Tour anhand des Live-Trackings nachverfolgen konnten, gelingt es ihr auch tatsächlich zügig, sich bei gutem Wetter bis in den Süden durchzuschlagen. Aber sie hat ja zudem auch das All-Inklusive-Paket mit Begleitfahrzeug gebucht. Na ja.
Wir haben großen Respekt vor dieser Leistung, das Ganze in über 62 Stunden solo zu finishen. Mit unserem Spar-Angebot brauchen wir da wohl eine Weile länger und gutes Wetter war da leider auch nicht mit drin.
Was treibt uns aber nun dazu, nicht aufzuhören? Außer den spritzenden Regentropfen, tief hängenden Wolken, grauen Feldern, Wiesen und Hügelsilhouetten sieht man von der Landschaft, die wir durchqueren, nicht viel. Es macht keinen Spaß, das steht fest, stur über den Lenker gebeugt, die Kilometer von Pattensen durch das Leinetal bis Göttingen bei diesem Novemberwetter abzuspulen. Die dehnen sich endlos. Eigentlich wollten wir schon viel weiter sein, aber auch die kleinen und größeren Päuschen und Pausen halten auf, fressen Zeit. Und Energie – denn steht man, friert man…
Warum machen wir aber weiter?
Der sportliche Ehrgeiz steht, zumindest bei mir, mittlerweile an nachgeordneter Stelle. Auch den Gedanken, die Tour noch in 80 Stunden zu finishen, habe ich ein wenig in den Hintergrund geschoben. Wir „hängen“ nun schon fast 100 Kilometer hinter dem Plan. Und dass es so schlimm kommt, konnte Keiner ahnen.
Jedoch ein Gedanke treibt weiter. Wir sind jetzt hier und haben in diesem Jahr nur eine Chance, diese Deutschland-Tour zu machen. Wenn wir also jetzt wegen des blöden Wetters aufgeben, wird der Frust am Ende umso größer sein. Es kann nur besser werden! Und wer würde nach den vielen schon überstandenen üblen Stunden im Sattel gern auf die hoffentlich tolle Zieleinfahrt in Garmisch verzichten?! Dann wäre ja dieser Kampf gegen den inneren Schweinehund umsonst gewesen.
Viele Kilometer später, nach meiner Bergauf-Knieschon-Schiebe-Einlage, einem Platten an Thomas‘ Hinterrad bei Einbeck im strömenden Regen und einem allmählich zerbröselnden Schaltzug wird der Kampf und Krampf immer stärker. Wahnsinn, woher diese Massen an grauen Wolken aus Westen immer wieder kommen? Es muss sich doch auch einmal abgeregnet haben!
Endlich Göttingen – wenigstens Göttingen. Halb sieben Uhr abends – Kaffeepause im REWE. Als wir den verlassen, glänzt eine große Pfütze dort, wo ich saß. Nix wie weg hier. Aber draußen packt uns plötzlich der Schüttelfrost so heftig, dass wir ins erstbeste Hotel flüchten. Eine 4-Sterne-Absteige,
Best Western… Na ja. Eigentlich nix für uns, aber es gibt nichts und niemanden, der uns, egal, was es kostet, von hier wieder vertreiben könnte.
Sogar eine Heizung haben die hier! Und ne Dusche… Na gut der Spaß kostet uns am Ende auch 115,- EUR, aber mehr geht heute nicht. Schlimm die Vorstellung, sich jetzt so durchnässt und durchfroren wie wir sind, in der Kälte wieder auf die Socken zu machen und noch ewig eine Unterkunft zu suchen. Es ist nicht vorstellbar, die nächste Nacht in einem Bushäuschen oder im Wald zu verbringen. Soooo hart sind wir nun auch nicht.
Morgen ist ein neuer Tag und es kann ja nur besser werden… (Dachten wir gestern auch – und es kam schlimmer.)
Mit wenigen geübten Griffen verwandeln wir das schnuckelige Hotelzimmer in eine Art von Tropfsteinhöhle. Die Heizung wird voll aufgedreht, die Fenster werden weit aufgerissen… Nach wenigen Stunden hat es sich ausgetropft, die Luft wird trockener. Nur der etwas strenge Geruch bleibt hängen. Nach uns möchte ich nicht unbedingt dieses Zimmer beziehen.
Das italienische Restaurant mit seinem guten Essen versöhnt schließlich auch mit diesem zweiten Tourtag, an dem wir nur 196 Tageskilometer schafften.

D N-S 2014 / Flensburg – Walsrode

Montag, 18.08.2014
Eigentlich war nun für den Montag Wetterbesserung angesagt. Es sollte nur Schauer geben, dazu Wind von SW in Stärke 5, in Böen 8! Vor dem hatte ich den größten Respekt. Denn der würde uns ja nun fast den ganzen Tag lang entgegen wehen. Zum Glück haben wir am Abend vorher in einer schönen Flensburger Szenekneipe noch ordentlich Reserven aufgefüllt, so dass wir ziemlich rund gefressen in der Morgendämmerung um 6.20 Uhr, von meinen Mädels verabschiedet, starten können.
Die Dämmerung hält an, aber das ist nicht mehr die Nacht sondern tiefschwarze Regenwolken, die uns nun lange begleiten werden.
So sind wir in Flensburg schon erfolgreich durchgeweicht, gönnen uns nur einen kurzen Stopp für Fotos in einer kurzen Regenpause. Dann schnell raus aus der Stadt und weiter geht das zweifelhafte Duschvergnügen. Auch der Wind ist, wie angesagt, ordentlich unterwegs und bremst uns angenehm aus. Und bei einer Wohlfühltemperatur von 11°C +/- 2°C kommen wir gar nicht erst ins Schwitzen. Nicht übel…
Dass die heftigen Schauer etwas länger währen und zum Dauerregen mutieren, was solls… Die ersten beiden Tourtage lassen sich also schon jetzt in wenigen Worten zusammenfassen.
Nass, kalt, stürmisch, endlos, gefroren und nix gesehen.
Die Perspektive ist für heute klar, wir müssen diesen Tag überstehen, die 70 km südwärts bis auf die Höhe von Kiel sollten genügen, um uns zumindest aus dem Regenband heraus zu bringen. Aber die werden lang bei dem Wind. Nass und durchgefroren wollen wir uns gegen halb neun an einem Supermarkt ein halbes Brathähnchen gönnen, doch der Mann ist noch nicht so weit. Na gut – die Pommes tun es auch.
Nord-Ostsee-Kanal bei Oldenbüttel, Querung per kostenloser Fähre nach 95 km, es ist endlich trocken – aber stürmisch.
14 Uhr nach ca. 150 Kilometern haben wir dann die Elbe bei Glückstadt erreicht. Der Sturm macht zu schaffen, die Bänder und Muskeln in der Gegend meines linken Knies signalisieren, dass ich sie ein wenig schonen solle. Die Gelegenheit bekommen sie dann auf der halbstündigen Überfahrt über die kilometerbreite Elbe. Und in der mollig warmen Fährkantine im Schiffsbauch unten gibt es Bockwurst und Kaffee. Das hilft. Thomas geht es noch sehr gut, aber das Wetter knabbert auch an seiner Stimmung.
Gegen 15 Uhr setzen wir unsere Fahrt schließlich fort. Der Wind kommt jetzt von der Kante, das ist auszuhalten. Zudem hat der Dauerregen aufgehört, Wolkenlücken sind zu sehen, als wir durch Niedersachsen rollen. Schließlich scheint sogar mal die Sonne über den weiten tellerflachen Moorgegenden südlich von Stade.
Aber kalt ist es. Ist die Sonne weg, sinkt die Temperatur sofort auf 11°C.
Langsam wird uns bewusst, dass wir das Tagesziel Garbsen heute nicht erreichen werden. Da unser erstes Ziel heißt, gesund bleiben und erst in zweiter Linie das Ankommen zählt, wollen wir heute, am ersten Tourtag, besser auf die fällige Nachtschicht verzichten. Auch Dagis Nachrichten aus Garbsen klingen nicht gut. Der Bungalow dort ist eine Hundehütte mit Autobahnanbindung, schlimmer als in Krusa. Da würden wir nur stören, wenn wir nachts dort ankämen und meine Frauen könnten wieder nicht richtig schlafen.
Bis Walsrode rollt es dann plötzlich sehr zügig und gut. Schön finde ich den Bahndammradweg, Thomas wird jedoch beim gleichmäßigen, zügigen Rollen eher schläfrig. Die Abendsonne scheint, aber kalt ist es, ein Freibiwak muss nicht sein. Also erkundigt sich Thomas im nächsten Restaurant wegen einer Übernachtung. Besser ist, er macht das, weil er von Natur aus viel freundlicher als ich gucken kann – das erhöht die Erfolgsschancen besonders bei weiblichem Personal und so werden wir tatsächlich an die „Stadtschenke“ in Walsrode verwiesen.
Gegen 20.45 treffen wir nach 276 Tageskilometern dort ein. Und es klappt tatsächlich.
Wir bekommen ein Doppelzimmer, bezahlbar ist das auch, können die Räder diebstahlsicher unterstellen und gönnen uns als Highlight eine tolle (dieses Mal heiße) Dusche. Das anschließende Bauernfrühstück, welches wieder mal trotz riesigem Appetit kaum, Thomas kaut eisern darauf herum, bis der Teller leer ist, oder gar nicht zu schaffen ist, ich muss das entscheidende Stück wieder mal liegenlassen (wie peinlich) und die alkoholfreien Hefeweizen liefern rasch wieder die verlorenen Körner, so dass wir einigermaßen optimistisch den Tag beschließen können.
Dass wir morgen erst gegen 8 Uhr hier herauskommen…
Na ja, was solls, dann fahren wir eben etwas schneller und länger als heute, das holen wir schon wieder raus.
Alles ist gut und morgen wird alles besser!!!
Auch wenn es in meinen Knien zieht und schmerzt.

D N-S 2014 / Auftakt

D N-S 2014
Flensburg – Garmisch-Partenkirchen
(Deutschland von Nord nach Süd)

18.08.2014 – 21.08.2014

Wie fängt man am Besten an, über diese Tour zu schreiben?
Es fällt schwer, angesichts der Fülle von Eindrücken unterschiedlichster Art, noch den genauen chronologischen Ablauf nachzuvollziehen.
Nachdem ich nun einige Tage habe vergehen lassen, in denen aus der überreichlichen Masse an Bildern, die eine Art Zustand hervorriefen, sich permanent wie im Traum zu bewegen, endlich etwas klarere Konturen hervortreten, werde ich versuchen, diese Bilder und Gedankensplitter möglichst am Ablauf der Tour sortiert zu beschreiben.
Meine Motivation, überhaupt noch einmal auf ganz große Tour zu gehen, ist nach den herrlichen Tagen im dänischen Blockhaus sehr gering. Warum auch – denn zu schön waren diese überschaubaren kleinen Genusstouren durch die dänischen Endmoränen- und Küstenlandschaften. Und wozu sich im Urlaub noch mehr Stress als nötig zumuten.
Zudem ist die Saison 2014 für mich mittlerweile sehr lang. Der August ist schon recht spät im Jahr, der persönliche Höhepunkt liegt eher im Juni, da kam der Prerow-600er-Brevet gerade Recht. Und nun wäre es auch ganz gut, wenn langsam wieder etwas Ruhe einziehen würde. Der Oberhammer ist schließlich das Wetter am Sonntag vor der Tour.
Es regnet in Strömen. Und das den gesamtem Tag lang. Uns bleibt nichts Anderes übrig, als drinnen zu sitzen und zu lesen oder DVDs anzuschauen. Thomas trifft am Nachmittag auf dem Camp hier in Krusa, ca. 10 km nördlich von Flensburg ein. Da er bei diesem Sauwetter keinesfalls zelten kann, nächtigen wir also nun zu fünft in dieser winzigen Hundehütte.

Brevet 600 km Berlin 2014

Freitag, 13.06.2014
Zum Feierabend holt mich Thomas pünktlich 14.30 Uhr im Büro ab. Meine innerliche Aufregung hat mittlerweile einen Grad erreicht, der sich schon seit Wochen unmittelbar auf meinen rumorenden Magen auswirkt.
Als wir nach kurzer Fahrt bei Thomas zu Hause sitzen, es gibt noch Kaffee und seine Mutter liefert Kuchen und Erdbeeren, muss ich diese leider ablehnen, denn ich habe keine Ahnung, was die in den nächsten Stunden in meinem Magen sonst verursachen könnten.
Nachdem alles in kleine Packtaschen verstaut und die Räder am Kleinbus montiert sind, ist gegen halb fünf Abfahrt. Thomas‘ Vater ist mit von der Partie, er wird sich am Samstag in Berlin umgucken.
Gegen 19 Uhr erreichen wir mitten in Berlin das „Amstel House“. Ich melde mich an, dusche und beziehe das obere Doppelstockbett in dem winzigen Raum. Hier sind überraschenderweise Männlein und Weiblein bunt gemixt. Aber die beiden jungen Mädels gehen halb ein Uhr in der Nacht auf die Pirsch und kommen erst am Morgen 5 Uhr zurück, da bin ich schon wieder aufgestanden.
Wir drehen dagegen noch eine Runde ums sehr internationale Viertel. Das ist wieder einmal kein Vergleich zum dagegen eher provinziell, grau und langweilig wirkenden Leipzig. Hier herrscht Leben in aller Vielfalt… Weltstadt eben.
Einkehr zu Pasta und Pizza, danach lassen wir uns gegenüber vom „Amstel House“ in einem Hof einer Kneipe nieder. Dort steht ein großer Fernseher, wo wir bei einem Bierchen noch das ungemein tolle Spiel Niederlande – Spanien ansehen. Ich ziehe mich dann allerdings 22.30 Uhr zurück, in der Hoffnung, ein wenig schlafen zu können.

Samstag, 14.06.2014
Na gut, von Schlafen kann keine Rede sein. Halb eins trifft noch ein Zimmerinsasse ein, der fängt erst einmal an, sein Bett zu beziehen. Von irgendwoher (aus der Hostel-Bar) kommt Musik und Gegröle und das die ganze Nacht lang… Und innerlich fühle ich mich wie unter Strom gesetzt. Also kann ich gegen 5 Uhr ebensogut auch aufstehen. Als ich mit der Morgenwäsche und dem Packen fertig bin, sind auch die beiden Mädels wieder da, die verschwinden gleich im Bett… Und ich verlasse möglichst leise das Zimmer und setze mich bis halb sechs unten in die Vorhalle. An der Bar ist noch Halligalli – es riecht nach kaltem Zigarettenrauch, ein Dunst von Alkohol und anderen üblen Sachen steht im Raum, na ja…
Thomas und sein Vater scheinen da im Auto auf der anderen Straßenseite wesentlich besser geruht zu haben. Obwohl sich nachts auch jemand schaukelnderweise am Fahrradträger zu schaffen gemacht hat.
Das Wetter bewölkt, kühl… Könnte aber schlechter sein. Wir wollen nicht meckern.
Gegen 6 Uhr erfolgt allmählich der komplette Austausch des Trinker-Clientels in der Bar und Vorhalle gegen nach und nach eintreffende Randonneure. Nun wird es angenehmer und spannend.
Klaus und Ingo verteilen die Brevetkarten und nach einem Kaffee und einem Stück Kuchen ist es schnell 7 Uhr. Die Räder sind bereit, wir befinden uns in der ersten Startgruppe. Klaus hält noch eine kurze Ansprache und dann ist Start.
Als geschlossenes Feld fahren wir in lockerem Tempo hinaus aus der Stadt. Via Tegel dauert es nicht lange, bis wir Hennigsdorf erreichen und dann sind wir uns selbst überlassen.
Zunächst geht es im konstanten und gut zu fahrenden 30er-Schnitt nach Norden. Die Gruppe ist ungefähr 10 bis 15 Mann stark. Die Schnellsten sind schon weg, aber es sind noch etliche, die nach uns kommen. Und später fangen wir auch noch den Einen oder Anderen ein, der das Tempo der Führenden nicht halten konnte.
Ralfs Vorliebe für Betonplattenwege und Pflasterpassagen bekommen wir auch zu spüren. Ein Glück, dass ich die 28er-Reifen aufgezogen habe, da rüttelt es nicht ganz so extrem. Und etwas Vorsicht ist auch wegen der Betonkanten geboten.
Die erste (freie) Kontrolle in Lindow nach ca. 75 km erreichen wir dann schon nach weniger als drei Stunden. Wir wählen eine Bäckerei, in der es prima Kaffee und Kuchen gibt und man stempelt uns dort auch bereitwillig die Karten ab. Den ersten heftigen Regenschauer haben wir gerade überstanden, nun scheint die Sonne, also heißt das, wieder raus aus den Regenklamotten, ehe man zu sehr schwitzt oder sich überhitzt.
In nördliche Richtung geht nun die schnelle Reise weiter nach Rheinsberg, mir ist die Route noch bestens von der Solo-Ostsee-Tour 2011 bekannt, und da lauert auch wieder die Schiene, die in einem für Radler sehr ungünstigen Winkel die Straße quert. Rheinsberg, das nette freundliche Städtchen…
Canow, weiter auf kleinen Straßen mit Pflasterpassagen und sandigen Stellen gen Mirow. Kurz werden wir aufgehalten, weil bei einem Kollegen die Kette blockiert – ein Glück, die ist nur vom Blatt gesprungen und hat sich verklemmt, er kann weiter fahren.
Mirow und nun durch den Müritz-Nationalpark nach Kratzeburg. Nach 139 km erreichen wir am Café Piccolino in Kratzeburg den nächsten Kontrollpunkt. Es ist Mittagszeit. Die Chefin ist aus der Erfahrung der letzten Jahre heraus bestens auf den Ansturm der „wilden Horde“ vorbereitet und versorgt uns in souveräner Weise mit Stempeln, Kaffee und Kuchen. Da es draußen mal wieder kurz regnet, bleiben wir drin sitzen…
Nach der Pause setzen wir uns zu Dritt, es gesellt sich noch Hans aus Berlin dazu, wieder in Bewegung. Die größere Gruppe macht längere Rast, aber die werden uns sicher bald wieder einholen. Wenige Kilometer und einen Regenschauer weiter hinter Ankershagen, wo sich das Heinrich-Schliemann-Museum befindet, gabeln wir noch Manuel auf. Der hatte einen Platten. So bilden wir nun eine sehr harmonisch funktionierende und miteinander fahrende Vierergruppe. Es gibt viel zum Schwätzen und Spaß. Und als die Sonne wieder scheint, meinen wir, die See förmlich schon riechen zu können.
Manuel auf seinem Colnago-Klassiker gehört nun wirklich zum Urgestein der Randonneurs-Szene in Berlin. Wie Thomas heraus findet, ist er die „Mille Miglia“ gefahren, dann konsequenterweise mit dem Rad nach Südfrankreich gewechselt und dort Sophie Matters „Mille du Sud“ gefahren. PBP und LEL verstehen sich von selbst.
Möllenhagen, und dann kommen wir nach der Durchquerung von Malchin mit seinem historischen Stadttor (nebst Herausforderung in Form einer üblen Baustelle) und einem recht hügeligen Abschnitt westlich des Kummerower Sees in Neukalen an. (196 km) Das erste Drittel…
Übrigens heitert es von Norden her zunehmend auf, das hebt die Stimmung!
Wir wählen die Tankstelle als Kontrollpunkt aus. Die Frau am Tresen scheint sich innerlich über uns merkwürdige Typen sehr zu amüsieren, gibt uns aber selbstverständlich unsere Stempelchen. Und eine Bockwurst ist jetzt auch gerade so das Richtige. Dazu ein Kaffee – herrlich! Manuel war nebenan im Netto einkaufen, packt seine Getränke dann bei uns in der Tanke aus, was aber niemanden zu stören scheint.
Erstaunlicherweise hat uns die größere Gruppe bis jetzt noch nicht eingeholt. Also fahren wir zu Viert weiter. Gnoien ist nah, dann ist auch Bad Sülze rasch erreicht, nur der Wind weht nun recht kräftig frontal entgegen. Und so geschieht es, dass wir doch allmählich immer langsamer werden. Nun wird jeder Kilometer unangenehm. Dann, bei einer P-Pause kurz vor Löbnitz, holt uns aber die größere Gruppe ein. Freundlicherweise laden sie uns zum Mitfahren ein, das ist für uns genau der richtige Zeitpunkt, und nun rollt es wieder wesentlich rascher schnurstracks nach Norden.
Löbnitz, Barth… Auf dem Radweg kurbeln wir bis zur Meiningenbrücke. Als wir kurz vor der Brücke auf die Straße wechseln, scheppert es hinter uns. Hans ist gestürzt, zunächst meint er, es sei alles in Ordnung, wir fahren also nach kurzem Stopp weiter, nehmen wieder Tempo auf.
Und dann rumpelt es plötzlich richtig.
Einer ist mit dem Vorderrad in die Ritze zwischen den Platten der Fahrbahn gerutscht, das Rad blockierte, er stürzte und der direkt hinter ihm fahrende Manuel hatte keine Chance. Dann wäre Thomas an der Reihe gewesen, der aber bringt sein Rad Zentimeter vor den Gestürzten zum Stehen, mir gelingt es, obwohl die Bremsbeläge nicht 100%ig greifen, an Thomas gerade so vorbei zu kommen und stehen zu bleiben. Schrecksekunde, der Puls auf 200… Der Eine ist nur noch zu bewegen, sich auf den Rand der Bordsteinkante zu setzen. Sein Schlüsselbein scheint gebrochen zu sein, die Rippen sind vermutlich auch betroffen, über dem rechten Auge hat er einen Cut, der geklebt werden kann. Aber sein Rad ist Schrott. Speichen herausgerissen, vielleicht der Rahmen verzogen. Er sitzt unter Schock bleich am Straßenrand… Und Manuel sieht aus wie ein Zombie. Sein Gesicht ist blutüberströmt, die Brille kaputt… Gebrochen hat er sich nichts. Als konsequenter Solo-Fahrer verwünscht er sich nun, in der Gruppe geblieben zu sein. Schlimm das alles.
Einige regeln den Verkehr, der Rettungswagen trifft nach 10 Minuten ein. Der verunglückte Kollege wird nach Ribnitz ins Krankenhaus gebracht. Sein Rad wird im Gras an der Brücke versteckt, das wird später abgeholt und sein Kumpel bricht ebenfalls ab, um sich nun um alles zu kümmern.
Mit einem halbschlechten Gewissen mache ich noch ein paar Fotos von der Brücke, ehe wir aufsteigen und dann bis Prerow rollen. Eine wunderbare Abendstimmung ist das hier am Bodden, die Sonnenstrahlen, das glitzernde Wasser, die Schilfufer…
Manuel fährt weiter mit – er ist ein harter Hund. Aber in Prerow, als wir dann zum Italiener in der Nähe vom Edeka abbiegen, seilt er sich schließlich ab. Er will nur noch allein nach Berlin zurück fahren.
Schade, es war eine schöne Tour mit ihm bis hierher.
Wir kehren nun gegen 20 Uhr beim Italiener ein. (283 km)
Es ist schon ein ungewohntes, aber nicht unbedingt schlechtes Gefühl, wenn man in einer Horde hungriger und durstiger Langstreckenradfahrer in ein Restaurant einfällt… Und wenn die Bedienung dann noch spontan und flexibel reagiert und rasch eine ausreichende Anzahl von Stühlen heran holt, dann steht einer guten Pause nichts mehr im Wege. Denn nach uns kommen auch die Leute um Ingo und Klaus hier an, ganz schnell sind wir so ca. 20 Mann. So sitzen wir in unterhaltsamer Runde im Abendsonnenschein bei einem Alkoholfreien und einem Teller Pasta, Spaghetti Bolognese oder Pizza.
Thomas und ich beschließen jedoch nach dem Stempeln, nun auch allein unser Ding durchzuziehen. Hans kommt gern dazu. Ihm ist das ebenfalls lieber als in der großen Gruppe. Wir verzichten auf den Strandbesuch und wollen die Zeit des verbleibenden Tages nutzen, um wieder möglichst weit ins Land zu kommen. Bei dem Wind und den sinkenden Temperaturen droht hier an der Küste vermutlich eine kalte Nacht. Da wird es weiter südlich hoffentlich etwas wärmer sein.
Mit einem fast permanenten 30er-Schnitt bewegen wir uns nach der Pause durch Wieck, an Born vorbei und durch den Darßwald nach Ahrenshoop. Wir wechseln uns in der Führungsarbeit aller 3 bis 4 Kilometer ab. Erstaunlich, dass das nach 300 Kilometern noch so funktioniert. Hans hat etwas Probleme wegen seines Sturzes auf der Meinungenbrücke, hält das aber wirklich gut aus. Zwischenzeitlich überholen wir noch zwei Randonneure, Rapunzel und Begleiter. Da Beide recht gemächlich fahren, verlieren wir sie aber schnell wieder aus den Augen.
Ahrenshoop – im Westen geht nun grandios die Sonne unter.
Wustrow, Dierhagen, den Kranich zwischen den Kühen bei Dierhagen habe ich auch gerade noch so wahrnehmen können. Schon verlassen wir die Halbinsel wieder, in Ribnitz-Damgarten haben wir bereits weitere 35 Kilometer zurück gelegt. Es dämmert nun gewaltig
Wir nehmen die Straße nach Sanitz und von dort nach Tessin. Von Ralfs Originaltrack hat man uns abgeraten, denn da droht mitten in der Nacht eine schlimme Betonplattenpiste. Rapunzel erzählt, als wir sie in Röbel am nächsten Tag wieder überholen, sie hätten das Stück absolviert, es wäre in der Dunkelheit heftig gewesen. Aber da wir nun den Track verlassen, müssen wir uns die effektivste Route selbst suchen.
Bis Tessin ist das kein Ding, dort halten wir noch einmal kurz und essen ein paar Kekse. Mittlerweile ist es dunkel, nur im Nordwesten ist bis Mitternacht noch das letzte Tageslicht zu erkennen. Der Mond scheint, in den Senken steht weiß der Nebel und wir spüren heftig die immer eisiger werdenden Lüfte. Wir kommen zwar wegen der Müdigkeit und zunehmenden Erschöpfung etwas langsamer aber immer noch gut voran. Unsere Luxos-U-Scheinwerfer leuchten die Straßen perfekt aus. Das einzige Risiko besteht bei Sandpassagen oder einem unverhofften Wildwechsel.
Nach und nach spüre ich jedoch, wie mir die Körner allmählich abhanden kommen. Ich bitte die Anderen, das Tempo ein wenig zu drosseln, und auch Hans meint, ihm sei das jetzt ganz Recht…
Nach sich endlos anfühlenden Kilometern in der Nacht entdecken wir endlich das erste Hinweisschild nach Teterow. 15 Kilometer!!! Gleich sind wir da!
Was machen wir nun? Thomas stellt fest, dass er arg müde ist. Recht hat er, eine Schlafpause wäre jetzt wirklich gut… Aber Hans hat keinen Schlafsack mit. Noch einmal drehen wir also auf der Straße nach Teterow richtig auf und sind gegen 1 Uhr an der Tankstelle, dem nächsten Kontrollpunkt.
Auf dem Fahrradcomputer stehen 392 km. Das war noch einmal ein Ritt!
Und drinnen in der Tanke steht Manuel, der gerade wieder aufbrechen will. Ihm hatten wir erzählt, dass wir ursprünglich ja am Strand nächtigen wollten und so ist er ganz überrascht, dass wir schon hier in Teterow sind.
Einen Raum haben die hier nicht, wo man sich mal hinlegen könnte. Die EC-Hotels überlassen wir den Anderen, die nach uns kommen. Hans will auch weiter. Vielleicht holen wir ihn ja wieder ein. Thomas und ich suchen nach einer heißen Schokolade und einer Bockwurst nun hinter der Tankstelle ein Stück Wiese, auf dem wir uns gegen 01.45 Uhr im Biwak- und Schlafsack niederlassen und eine Runde schlafen.
Im Halbschlaf registriere ich, wie immer mal wieder eine Gruppe oder Einzelfahrer eintreffen. Mal sehen, ob und wann wir denen wieder begegnen.

Sonntag, 15.06.2014
4 Uhr. Im Osten ist schon das erste Sonnenlicht zu erkennen. Aber bei diesen Temperaturen (6°C) kostet es eine enorme Überwindung, überhaupt wieder aus dem Schlafsack zu kriechen. Und selbst da drinnen habe ich mal zittern müssen. Schnell packen, die Wiese sieht im Hellen wenig vertrauenerweckend aus… Biwak- und Schlafsäcke müssen wohl nach dieser Übernachtung grundgereinigt werden.
Dann gibt es noch eine heiße Schokolade und ein Donut in der Tanke und 3/4 5 geht es wieder auf die Reise. Teterow lassen wir rasch hinter uns, zugegeben, meine Beine sind ziemlich schwer, Thomas führen kann ich im Augenblick bei diesem Tempo nicht. Eine Gruppe haben wir aber im hügeligen Gelände nach Krakow hinüber bald eingeholt. Sie sind auch die Nacht durchgefahren und entsprechend langsamer geworden. Das gemächliche Tempo ist mir im Augenblick recht sympathisch. Damit kann ich mich ganz gut anfreunden. Aber dann meint Eine zu Thomas, dass die „wahren“ Randonneure nachts durchfahren. Meint sie das ernst?
Ohne Schlafpause – ich glaube, da verzichte ich doch lieber auf den Ritterschlag zum „wahren“ Randonneur. Spaß muss es vor allem machen und das Risiko, unkontrolliert und übermüdet vom Rad zu fallen, brauche ich auch nicht. Besser ist es, gesund wieder ankommen und dafür auch mal ein paar Stunden zu schlafen. Im Endeffekt stellen wir ja nun auch fest, dass wir dank der Schlafpause locker das Tempo wieder erhöhen können, als wir spüren, dass die Gruppe lieber ohne uns fahren möchte, weil wir augenscheinlich ungewollten Druck hineinbringen.
In der Gruppe um Klaus einige Kilometer weiter rollen wir schließlich bis kurz vor Krakow am See mit.
Herrlich sind jetzt die intensiven Farben der Hügellandschaft in diesen frühen Morgenstunden. Am Krakower See halten wir dann aber, lassen Klaus & Co. ziehen und fotografieren lieber einmal die Nebel auf dem See und die noch tiefstehende Morgensonne. Ein ungemein idyllisches Bild. Es ist übrigens gerade einmal 6 Uhr, wir haben die ersten 35 Kilometer nach der Schlafpause zurückgelegt.
Die Kontrollfrage an der Freiwilligen Feuerwehr können wir kurz darauf beantworten.
Bis Linstow sind es dann nur reichlich 10 Kilometer, wir überqueren die Autobahn und halten ein paar Kilometer weiter am Waldrand an einem Rastplatz an. In der Sonne ist es mittlerweile angenehm warm, so dass wir hier eine Frühstückspause machen. Ein belegtes Brötchen, eine Banane, ausreichend trinken…
Drüben schimmert das Wasser eines Sees durch die Bäume. Und über dieser weiten Landschaft herrscht eine wunderbare Stille. Auf dem Tisch des Rastplatzes liegt ein Beipackzettel einer Rettungsdecke. Aha – da scheint sich wohl ein Randonneur die Nachtstunden um die Ohren geschlagen zu haben. Vielleicht war es Hans, der noch bis hierher gefahren ist.
Nun fahren wir durch einen endlosen Wald und durch das abgelegene einsame Nossenthiner Hütte nach Malchow. Die Fahrradstraße ist perfekt, so kurbelt es sich ganz locker und wir haben wieder ein gutes Tempo.
Allmählich beginne ich aber auch zu zählen. Über 400 Kilometer haben wir absolviert, vor uns liegen keine 200 mehr. Und ich finde es erstaunlich, wie rasch die derzeitig in Zehnerschritten purzeln… Keine 190 Kilometer mehr, 180…
Malchow – die Innenstadt ist sehr schön, an einer Bäckerei sehen wir Ingo und ein paar Randonneure, ihnen werden wir bis Berlin nun immer mal wieder begegnen.
Einen älteren Randonneur, der nach Thomas Eindruck einen Geraer Dialekt spricht, haben wir seit Krakow auch immer wieder gesehen. Er fährt solo. Respekt! Er ist aber die Nacht auch durchgefahren und klingt nun, als er auf der Brücke zur Altstadt von uns ein Foto macht, etwas mutlos.
Wir dagegen nehmen wieder Fahrt auf und nach schnellen Kilometern auf der Bundesstraße erreichen wir gegen 9 Uhr Röbel. Auch Röbel am Südufer der Müritz, welches wir kurz streifen, hat eine sehenswerte Altstadt mit vielen schönen Fachwerkhäusern. Am Ortsrand ist dann die Tankstelle „Technik-Center“ unser nächster Kontrollpunkt (474 km). Und drinnen begegnen wir Rapunzel mit Reisebegleiter wieder. Sie sind ebenfalls in der Nacht durchgefahren. Zunächst bis kurz vor Prerow hatten sie auch einen 27er Schnitt, dann ist sie allerdings etwas eingebrochen und nun fahren sie völlig entspannt und etwas langsamer weiter. Was aber leider auch auf Kosten einer Schlafpause ging. Kurzer Plausch bei einer Cola, essen wollen wir später in Neuruppin.
Als die Ingo-Truppe ankommt, schwingen wir uns schon wieder aufs Rad. Weiter geht es. Südwärts…
Mittlerweile gibt Thomas‘ Rad Geräusche von sich, als ob sich jemand im Tretlager die allergrößte Mühe gibt, das Ganze in seine Bestandteile zu zerlegen. Klingt schon ein wenig beängstigend, hoffentlich hält das Material bis Berlin noch durch. Und keine Ahnung, ob das bei mir nun an der Cola liegt, der Zuckerinfusion… Jedenfalls habe ich jetzt endlich ein Gefühl, dass einfach alles gehen könnte. Wie weggeblasen ist die Müdigkeit, die schwer gewordenen Beine sind mit einem Schlag locker und leicht. Es ist kein Problem mehr, nun wieder längere Zeit vorn zu fahren und dabei das Tempo nicht einbrechen zu lassen.
Aber die Kilometer durch die weiten Wälder dehnen sich allmählich doch immer länger. Sewekow, hier war 2005 unser Start- und Endpunkt für die Müritz-Umrundung. Flecken Zechlin – kommt mir auch irgendwie bekannt vor…
Obwohl es körperlich nun rund läuft, schleicht sich mental eine Krise an. Und als mich Thomas mitten in der Pampa plötzlich fragt, ob ich mir nun vorstellen könnte, dass wir 2015 zusammen Paris-Brest-Paris in Angriff nehmen könnten, ist mir der Zeitpunkt gerade nicht so Recht. Aber ich bin mir ganz sicher, wenn sich die Neben- und Nachwirkungen dieses Brevets in Grenzen halten und die Euphorie in den nächsten Tagen einsetzt, dann könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Nur im Augenblick kämpfe ich mit meiner Krise und dem elend langen Weg bis Neuruppin. Keine 100 Kilometer mehr bis Berlin! Das sollte doch zu schaffen sein! Die Straße von Rheinsberg bis Neuruppin, die wir später befahren, ist sehr verkehrsreich. Schade, die vielen Autos nerven extrem, zumal Einige auch recht aggressiv überholen. Wir sind dann auch froh, als wir Neuruppin durchquert und die Esso-Tankstelle, unseren letzten Kontrollpunkt, gegen 11.45 Uhr gefunden haben. 538 Kilometer!
Längenmäßig ist das nun eine völlig neue Dimension. Nun befinden wir uns eben hier auf einer 600er-Tour. Noch vor einem Jahr war das unvorstellbar für mich. Paris-Zf 2012 war zwar ein erster Test, doch da war ich solo und wesentlich langsamer unterwegs. Diese 600 fahren wir nun in Gesellschaft, einer sehr angenehmen Gesellschaft. Der sehr freundliche und kollegiale Umgang der Randonneure untereinander und uns „Neulingen“ gegenüber ist ungemein sympathisch. Hier, mit den Berlinern ist ein ungemein gutes Auskommen, denn bei Vielen lässt sich eine ähnliche Fahrweise wie bei uns feststellen. Weniger die Jagd nach sportlichen Überleistungen als die Freude am Reisen und am Abenteuer. So, wie wir uns im Augenblick fühlen, würden wir uns wohl auch noch mehr als diesen 600er zutrauen. Wenigstens Hundert gehen doch bitte immer noch.
Es gibt eine (halb-)warme Bulette, dazu Cola und Cappuccino.
Die Ingo-Gruppe kommt Minuten nach uns. Sie raten uns, statt der unangenehmen Straße nach Fehrbellin einen neuen Radweg zu nehmen. Also versuchen wir den mal. Schätzungsweise 75 Kilometer müssten es nun noch sein. Eigentlich ein Klacks… Der Radweg ist wirklich schön, allerdings endet der in einem kleinen Dörfchen und dort mangelt es an Beschilderung. So suchen wir ein wenig nach einer Fortführung des Radwegs, stehen plötzlich vor einer mehrere Kilometer langen groben Pflasterstraße und drehen um, um direkt wieder hinüber nach Fehrbellin zu fahren. Das geht schnell, wir haben dadurch aber noch einmal mehr als 5 km zusätzlich auf dem Konto. Übrigens, wir haben es gar nicht bewusst registriert – herrscht mittlerweile an Thomas‘ Rad gespenstische Stille. Er kurbelt wieder ohne jegliches Geräusch und ohne Widerstand. Was das wohl war?
Dann überholen wir wieder einmal den „Geraer“, eisern hat er sich bis hierher durchgeschlagen und sieht nun wesentlich zuversichtlicher aus. Vermutlich ist er dem Originaltrack gefolgt und Straße gefahren. Und plötzlich stellen wir erstaunt fest, dass Zwei aus Ingos Gruppe vor uns fahren. Das kann doch theoretisch gar nicht sein, wenn sie auch den Radweg genommen haben.
Einzige Erklärung – als wir vorhin durch das Dörfchen kurvten, haben sie uns da wohl überholt, ohne dass wir sie bemerkten. Wir fahren ein Stück zusammen, dann werden sie etwas langsamer, so dass wir sie schließlich hinter uns zurücklassen müssen und allein nach Berlin fahren.
Berlin-Spandau, es ist 14 Uhr! Wahnsinn, bis hierher zog es sich in der letzten Stunde wie Gummi, nun sind wir da! Die Straße ist zwar unter aller Kanone, man hat nur ein bisschen Asphalt auf die Pflastersteine geschmiert, dann ist da nicht einmal mehr Asphalt, so dass wir auf dieser Buckelpiste heftig durchgeschüttelt werden. Innerlich kocht in mir etwas Frust hoch – ein wenig triumphaler (zumindest innerlich) habe ich mir die Einfahrt nach Berlin schon vorgestellt. Aber jeglicher Versuch, zu triumphieren, wird aus mir heraus geschüttelt. Und es gibt Momente, wo ich um Felgen und Rahmen fürchte und vor Wut das Rad im nächsten Busch entsorgen könnte.
Dann steht die 600 auf dem Fahrradcomputer!
Egal, was geschieht, diesen (ersten) 600er haben wir jetzt sicher!
Auf den Straßen nimmt der Verkehr nun zu, doch mit Thomas‘ Navi und „Armin“ finden wir uns gut zurecht.
Tegel, Saatwinkler Damm, hier sind wir gestern Morgen in entgegengesetzter Richtung aus der Stadt hinaus gefahren. Die letzte S-Bahn-Brücke, der Westhafen, die letzte Ampelkreuzung. Holperpflaster, die Waldenser Straße.
Ausrollen am Amstel House.
Es ist 15 Uhr!!!
Wahnsinn – es ist zu Ende.
616,52 km in 23:09 Std. (Netto), das entspricht einem Schnitt von 26,6 km/h.
Kaum zu fassen. Unsere Bruttozeit (also einschließlich aller Pausen) beträgt 32 Std., davon haben wir ca. 3 Std. für eine Schlafpause beansprucht (das ist immer noch ein Gesamtschnitt von 18,75 km/h).
Und es war einfach herrlich! Es ist schon genial, das Ganze jetzt in guter körperlicher und psychischer Verfassung richtig genießen zu können.
Drinnen unterschreiben wir noch die Brevet-Karten, lassen die an der Rezeption abstempeln und einsammeln und danach gibt es noch Lasagne, Salat und viel zu Trinken + Glückwunsch von Ingo, Thomas‘ Vater ist ebenfalls da, er ist nach der gestrigen Berlin-Tour auch geschafft und hat heute hier zumeist das Ankommen der Randonneure beobachtet.
Etwas später kommen die zwei Berliner an, unser „Geraer“ trifft gegen 16 Uhr ein. Glückwunsch und noch einmal großen Respekt, allein so eine Tour zu Ende zu fahren. Von Ingo erfahren wir, dass der Erste im Ziel schon nach 21 Stunden (!) da war. Und der ist 73 (!!!).
Manuel sitzt auch am Tisch – er ist zwei Stunden vor uns rein gekommen und sieht nun wieder etwas zivilisierter aus. Nun noch Duschen, das ist im Obolus mit enthalten, dann Verstauen der Räder usw.
Kurz vor 17 Uhr herzliche Verabschiedung, gerade kommt Klaus mit der Truppe herein, die wir heute Morgen überholten, er ist ebenfalls gestürzt und an der Hand verletzt.
Vielen Dank an Euch Organisatoren, es war eine tolle Tour auf herrlicher Route!

Und dann sitzen wir wieder im Auto, stoßen noch mit einem Bierchen an – es geht heimwärts.
Thomas fährt mich dankenswerterweise direkt bis nach Hause, wo wir 19 Uhr ankommen.
Dort gibt es eine prima Begrüßung mit einem Gläschen „Horst“ (nein – Hugo).
Nachwehen:
Eigentlich gibt es da nicht viel zu sagen, es zieht geringfügig in den Oberschenkeln, aber nicht mehr als nach einer schnellen Kurztour, die Hände schmerzen ein wenig und sind müde, die Zehen des rechten Fußes sind ein klein wenig taub… Wund gerieben ist tatsächlich überhaupt nichts. Der Brooks-Sattel in Kombination mit zwei gepolsterten Hosen hat sich also bestens bewährt.
Wir haben nicht extrem gelitten, wir sind auf dieser Fahrt niemals an oder über unsere Grenzen gegangen. Wir haben es (so weit möglich) wirklich genießen können.
Wir hatten Glück mit dem Wetter. Wir sind diese 600 Kilometer gut mit unserer “Strategie”, nämlich unbedingt eine Schlafpause einzuhalten, gefahren.
Es ist ein wirklich gutes, zufriedenes und gelassenes Gefühl mit dem Eindruck, dass da noch mehr möglich ist.
Und unsere älteren Mitfahrer zeigten eine ganz besondere Perspektive auf. Mit 75 oder älter noch diese Touren zu bewältigen, das ist ein Lebensziel.