Quer durch Sachsen 2006

Bereits in den letzten Tagen hatte ich aufmerksam das Wetter beobachtet, hatte verschiedene Alternativen zur Auswahl, bei SW-Wind oder S-Wind würde ich nach Potsdam (ca. 170 km) fahren, bei O-Wind nach Erfurt (ca. 150 km), bei W-Wind oder NW-Wind nach Görlitz.
 Und nach einigen recht schönen Tagen schlug das Wetter dann um, es wurde kühl, regnerisch, der Wind würde am 27. April voraussichtlich aus NW wehen. Also dann, nach Görlitz…
Schon Anfang des Jahres, als ich im Internet auf diese Seite mit den Fernradrouten kreuz und quer durch Deutschland stieß, hatte ich als großes Ziel für 2006 diese Tour eingeplant.
Von der Länge her wie ein Radmarathon, schätzungsweise 210 Kilometer lang. Mein persönlicher Marathon, ohne Wettkampfdruck…
Im Routenplaner war sie so gelegt, dass theoretisch möglichst wenige Anstiege zu machen sind, also alle möglichen Hügelketten wie zum Beispiel kurz vor Görlitz die Königshainer Berge, umgangen werden sollten.
Schon im letzten Jahr fuhren wir die Strecke von Schöneck bis Zweenfurth bzw. Leipzig, das war für mich die erste 200-Kilometer-Strecke in meinem Leben.
Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie mechanisch wir die letzten Kilometer zurück legten, wie gleichgültig man wurde, wie schwer jeder Anstieg aber auch war, ich mangels Kräften sogar schieben musste… Aber da fuhren wir am Ende noch zu zweit, das war leichter.
 Und in diesem Jahr nun nach Görlitz, nachdem ich 2005 mein Rad an den deutsch-tschechischen Grenzpfahl gelehnt hatte, wollte ich das dieses Mal am deutsch-polnischen Grenzpfahl tun.

27. April 2006

5.15 Uhr piept der Wecker. Ich habe unruhig geschlafen, hatte gestern Abend noch Vorlesung, da war ich sowieso recht gereizt und dann war ich ja nun auch voll auf diese Radtour fixiert. Schon eine ganze Weile vor dem Klingeln wurde ich ab und zu wach. Aber trotzdem habe ich beim Aufstehen ein gutes Gefühl. Die innere Unruhe hält sich auch in Grenzen, ich werde halt einfach aufs Rad steigen und fahren. So weit wie ich komme.
Draußen ist trübes, recht nebliges Wetter. Es dauert, ehe es so hell wird, dass man kein Licht mehr benötigt. Aber zum Glück regnet es wenigstens nicht. Auf Arbeit hatte ich mir Option offen gehalten, bei Dauerregen auf Arbeit zu kommen. Doch danach sieht es im Augenblick nicht aus.
Frühstück, Sachen in den Rucksack packen, in der Zwischenzeit wacht auch meine Familie auf, Verabschiedung. Und kurz nach sechs Uhr Abfahrt.
Der Rucksack ist recht voll und schwer, zusätzlich zur Regenjacke habe ich noch den Fotoapparat eingesteckt. Zunächst will ich ohne Jacke fahren, es ist nicht sehr kalt. Die Straßen sind um diese Zeit auch schön leer. Meine ursprüngliche Absicht, die meiner Meinung nach um mindestens 10 Kilometer kürzere Route über Wurzen und Dahlen nach Riesa zu nehmen, ändere ich, als ich nach einigen hundert Metern schon von unserer Hauptstraße auf die Straße nach Wolfshain abbiege.
Über Albrechtshain und Erdmannshain erreiche ich dann schließlich die vom Internet-Routenplaner (www.radweit.de – eine hervorragend recherchierte und angefertigte Seite) vorgeschlagene Strecke in Naunhof. Von dort weiter nach Ammelshain, durch den Wald nach Altenhain und hinab nach Trebsen. Es rollt auf dem Rennrad wunderbar. Kein Vergleich mit den Anstrengungen auf dem Crossrad. Alles geht viel leichter und vor allem schneller. Geplant hatte ich die Ankunft in Görlitz gegen fünfzehn Uhr, das wären 8 Stunden Fahrtzeit und insgesamt 1 Stunde Pausen. Mit einem Schnitt von über 28 km/h auf den ersten 25 Kilometern wird die Mulde überquert, dann geht es weiter auf asphaltierten Wegen und stillen Nebenstraßen über Nerchau nach Cannewitz und von dort nach Mutzschen.
Der Nebel hebt sich ein wenig, allerdings wirkt alles immer noch recht trist. In einigen Dörfern gibt es nun Baustellen, dort ist Schieben angesagt, um Mutzschen lauern dann auch die ersten Hügel, welche ich auf der Dahlen-Route vermieden hätte.
Südlich am Collmberg vorbei erreiche ich mit streckenweise 40 km/h schließlich Oschatz. Der Routenplaner ist wirklich gut, mit Hilfe der Straßenbeschreibungen finde ich mich recht gut durch die Stadt, es hält allerdings trotzdem ziemlich auf, bei den teilweise schwer auffindbaren Straßennamenschildern den richtigen Weg zu finden. Dann, nachdem ich die Stadt der Landesgartenausstellung 2006 hinter mir gelassen habe, wieder Dörfer, ruhige Landstraßen, einmal auch ein steiniger Feldweg, das ist Gift für die Räder, und dann Riesa.
Dort muss ich aufpassen, dass ich in der 30er-Zone nicht geblitzt werde. Der Wind weht angenehm seitlich von hinten, Riesa, die Durchfahrt, eine auch heute stark befahrene Straße, kenne ich vom letzten Jahr noch, als ich im August den Elberadweg nach Schöna fuhr. Das war auch eine wunderbare Tour.
Als ich auf der Elbebrücke stehe, anschließend auf den Elberadweg fahre, nach einem Einheimischen soll der wieder vom durch das Hochwasser angespülten Unrat gereinigt und gut befahrbar sein, und auf genau der gleichen Bank wie im August die erste Rast mache (Uhrzeit: 8.57 Uhr, Strecke: 75,69 km, Schnitt: 27,62 km/h, Fahrtzeit: 2:44:33 Std), werde ich etwas unschlüssig.
Das war doch wirklich schön letztes Jahr, könnte ich das nicht einfach noch einmal wiederholen?! Noch einmal Diesbar, Meißen, Dresden, die Sächsische Schweiz??? Aber dann in Nünchritz biege ich doch in Richtung Großenhain ab. Nein, ich will etwas Neues machen…
Die Landschaft ist nun sehr öde, fast trist bis Großenhain… Weite Felder, alles noch recht kahl, ebenes Land, kein Wald. (9.39 Uhr, 90,05 km, 27,81 km/h, 3:14:18 Std.)
Ich durchquere die Stadt rasch und auf immer noch sehr ruhigen Nebenstraßen erreiche ich recht bald bei Freitelsdorf die Heide nördlich von Dresden. Es regnet seit einigen Minuten recht intensiv, es begann kurz hinter Großenhain, sieht auch nicht sehr gut aus für die nächste Zeit. Und bei Freitelsdorf bin ich ziemlich nass…
Bis Dresden sind es von hier reichlich zwanzig Kilometer. Droht nun der Abbruch der Tour??? Aber einige Kilometer weiter, nach Überquerung der Autobahn Dresden – Berlin, wird es wieder trocken und heller. Nun wird auch die Strecke landschaftlich etwas schöner, viel Wald ist hier, ein wenig hügelig wird es auch. Und dann kommt doch da nicht etwa die Sonne heraus??? Tatsächlich, die Wolken sind zwar noch recht dicht, aber ab und zu blitzen Sonnenstrahlen hindurch, es wird spürbar milder.
Bis hier ist das miese Wetter wohl noch nicht vorgedrungen. Im Westen drohen dunkle Wolkenbänke, hier wird es aber nun immer heiterer und wärmer.
Der Schlossberg in Königsbrück ist so steil, da muss ich aus dem Sattel, im Stehen Treten, um dann auf dem Marktplatz endlich die zweite Rast zu machen (11.00 Uhr – 11.15 Uhr, 122,78 km, 27,55 km/h, 4:27:24 Std.).
Und hier schreibe ich die erste, recht zufriedene SMS nach Hause. Alles in Ordnung, alles bestens… Über die Hälfte der Strecke scheint geschafft. Was kann jetzt noch passieren? Nach Königsbrück, nun im Sonnenschein, geht es recht straff bergauf, nach dem Ausläufer des Collmbergs bei Oschatz nun die nächste Höhe über 200 Meter, doch im Anschluss rollt es einige Kilometer gut abwärts in Richtung Kamenz. Ich spüre nach der Pause auch die Beine ein wenig, aber nach einigen Minuten gibt sich das wieder.
Kamenz umgehe ich nördlich, streife nur die Außenbezirke, muss aber wieder nach den richtigen Straßen suchen. Und als ich hier auf der Brücke über die noch kleine Schwarze Elster stehe, die hatte ich im letzten Jahr mit meinem Vater bei unserer Regentour im August kurz vor der Mündung in die Elbe erstmalig überquert (wieder eine Erinnerung an eine schöne, eine bemerkenswerte Tour), sind 12.00 Uhr 141,74 Kilometer (27,47 km/h, 5:09:35 Std.) zurück gelegt.
Die Silhouette von Kamenz und seinen Kirchen und Hügelketten im Westen bleibt zurück, es geht immer weiter nach Osten, doch langsam habe ich auch den Eindruck, dass sich der Wind unfairerweise dreht und nun aus der Gegenrichtung weht. Dazu kommen nun auch meine allmählich nachlassenden Kräfte.
Die Lausitz ist hier sehr schön, überall Wiesen, Wälder, verstreute Dörfchen, breite stille Wassergräben… Einfach wunderbar die Bank auf einer Kuppe, ein stiller Aussichtsplatz mit Blick über das weite schöne Land.
Durst habe ich auch und so gibt es schon nach 155,32 km von 12.39 Uhr bis 13.00 Uhr  (27,38 km/h, 5:40:20 Std.) kurz vor Neschwitz die nächste Rast auf einer idyllischen Waldwiese. Hier ist es so schön, dass ich am liebsten bleiben würde. Recht zufrieden genieße ich diese sonnigen Minuten.
Aber schließlich muss es weiter gehen. Luppa, Lomske, Crosta, Sdier, Klix… Namen, die auch überall auf sorbisch an den Ortseingangsschildern stehen, kleine Dorfplätze, Treffpunkt für die Einwohner, hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, ich habe auch den Eindruck, dass man hier in einem anderen Rhythmus lebt.
Kurz vor Gleina, hier fließt die noch junge Spree, bei km 180,31 (14.03 Uhr – 14.10 Uhr, 27,16 km/h, 6:38:15 Std.) die nächste Rast, die Abstände werden immer kürzer, der Durst größer, aber auch die Zeit beginnt nun zu drängen, denn ich muss ja den Zug von Görlitz nach Dresden noch schaffen. Dann Baruth, unfern im Südwesten sind Bautzen und die umliegenden ersten Bergketten zu sehen. (Man könnte ja glatt mal wieder im schönen Lausitzer Gebirge wandern gehen…)
Auch hier wäre jetzt ein Abbruch möglich, doch ich möchte das jetzt nun gern bis zum Ende auskosten. Nach dem anstrengenden Anstieg hinauf zur Autobahn Dresden-Görlitz, kurz vor Gröditz, sehe ich endlich die Königshainer Berge im Südosten. Das scheint nicht mehr weit. Aber jetzt bin ich so fertig, dass ich mich nicht mehr in der Lage fühle, das Ganze abzukürzen und die direkte Route quer über die Berge zu nehmen. Das schaffe ich nicht mehr, da müsste ich schieben und das frisst Zeit.
Doch auch die Umgehungsroute nach dem Routenplaner lege ich nur noch recht langsam zurück. Es wird auch hier hügelig, der Wind weht mir entgegen, es ist warm, ich trockne mehr und mehr, trotz der 2 Liter Wasser, aus. Jeder Kilometer wird jetzt langsam zur Herausforderung.
In Diehsa „knacke“ ich nun zum zweiten Mal in meinem Leben den 200. Tageskilometer. Aber weiter weiter…
Waldhufen, Wiesa, stille Gegenden, südwestlich, westlich nun die Königshainer Berge, ein katastrophal langer und steiler Anstieg bei Torga, den fahre ich aber sogar noch, im Schritttempo, ich werde immer langsamer, kann kaum noch Energien aktivieren. Hunger habe ich keinen, aber Durst, Durst, Durst…
Und dann endlich, von der Kuppe des Hügels, sehe ich direkt vor mir die Landeskrone und darunter ausgedehnt die Stadt Görlitz liegen. Das mobilisiert mich aber nun leider auch nicht mehr richtig, ich scheine den wohlbekannten Zustand erreicht zu haben, da mir allmählich auf Grund der Austrocknung die Stimme wegbleibt und die Ohren zu sind.
Lebhafte Erinnerungen werden da an meine 5500-Höhenmeter-Tour auf die Laaser-Spitze 2004 wach.
Mit Blick auf die weite Senke, in der die Häuser von Görlitz stehen und die Landeskrone rolle ich bergab, muss zu meinem Leidwesen im nächsten Dorf, Ebersbach, wieviel Ebersbachs gibt es eigentlich in  Sachsen (???) wieder bergauf, über den folgenden querlaufenden Höhenzug, aber da schiebe ich nun doch den steilen Anstieg hinauf. Und dann verfranse ich mich noch ein wenig in einem Gewerbegebiet am Rande der Stadt, muss nach dem kürzesten Weg zum Bahnhof fragen, es ist 16.35 Uhr, der Einheimische sagt mehrmals, dass das aber noch ein ganzes Stück sei, aber die Zeit rast!!!
Den Zug 16.45 Uhr schaffe ich nicht mehr, muss aber wenigstens den 17.05 Uhr erreichen, bin dann aber wiederum erst um neun zu Hause. Den Gedanken an das Grenzfoto verdränge ich, das schaffe ich nicht mehr. Viel Verkehr ist auf den Straßen, aber zum Glück gibt es ausreichende Radwege und eine recht gute Ausschilderung lassen mich zum Glück den Bahnhof rasch finden.
16.48 Uhr stehe ich vor dem Gebäude. „Bahnhof Görlitz“, es ist geschafft!!!
Foto!
 16.48 Uhr, 226,66 km, 25,78 km/h, 8:47:24 Std.
 Die längste Strecke, die ich je an einem Tag auf dem Rad zurückgelegt habe. (Als ich später auf der Karte sehe, dass ich auch von der polnischen Grenze nur noch maximal 500 Meter entfernt bin, tröstet mich das ein wenig. Denn ich habe also tatsächlich die Grenze fast erreicht, da zählt der Bahnhof schon als Ziel)
Leider ist aber keine Zeit mehr, die Stadt anzusehen, was ich eigentlich gern noch tun wollte. Stattdessen kaufe ich mir schnell die Fahrkarte und eine Literflasche Sprite, dann ist auch schon der Zug nach Dresden da.
 
Auf der Rückfahrt im Zug spricht mich eine ältere Frau an, die kann gar nicht fassen, dass es Verrückte gibt, die sich einen ganzen Tag über 200 Kilometer auf dem Fahrrad austoben. Es wird ein nettes Gespräch, als sie aussteigt, rückt noch ein Jugendlicher nach, der auch Rennrad fährt und mich ausfragt. Aber meine Stimme macht nicht mehr viel mit, er versteht mich kaum 🙂
Draußen Löbau, Bautzen… Nach 1 3/4 Stunden dann Dresden Neustadt. Ich steige aus, warte hier, auch hier Sonnenschein und Wärme, auf den Zug, der mich nach Leipzig bringen wird.
Ein Eis gibt es als Belohnung und noch eine 1,5-Liter-Flasche Fanta…
Insgesamt geht es mir aber nach der Bahnfahrt schon wieder recht gut. Erstaunlich, wie schnell ich mich erhole.
Dann der Zug nach Leipzig. Und hier regnet es!!!
Es hat hier den ganzen Tag geregnet! Kaum zu fassen, ich bin dem Wetter sozusagen davon gefahren.  Und auf Arbeit war man natürlich überrascht, dass ich bei dem Dauerregen nicht kam.
 In den nächsten Tagen kommt nun aber wirklich die große Müdigkeit, der Körper benötigt Ruhe. Auch meine Motivation zu weiteren großen Touren hat nun erst einmal sehr nachgelassen. Nicht vorstellbar, in diesem Jahr noch einmal nach Wien zu radeln oder geschweige denn übers Erzgebirge.