Paris-Zweenfurth 2012 / Auftakt

La Randonnée
Eine Reise auf dem Rennrad

oder
Le Mille de Paris à Zweenfurth


Gesund bleibt nur, wer sich immer wieder neue Ziele steckt, sich auf den eigenen Weg macht und nicht der Masse folgt.
Michael Nehls „MethusalemStrategie“

Die Fahrt
Irgendwann, gegen 2 Uhr, öffne ich wieder einmal die Augen. Der Zug rollt langsam durch die Nacht, dem großen Ziel, oder besser, meinem Startort Paris entgegen. Draußen vor dem Fenster glitzern jetzt viele Lichter, Scheinwerfer, ein Wolkenkratzer im Bau, eine große Stadt. Gespenstisch, ungewohnt für mich die Perspektive, wie ein Traum. Wir fahren durch Frankfurt am Main, das sehe ich etwas später.
Am gestrigen Abend brachten mich meine drei Frauen zu Hause zum Bahnhof, die Abschiedsszene trug dann noch ein wenig dazu bei, mein schlechtes Gewissen, dass ich mich wieder einmal allein in der Weltgeschichte herumtreibe, anwachsen zu lassen.
In Leipzig hatte ich eine Weile Aufenthalt, dann saß ich im fast leeren Zug nach Hannover.
Bis kurz vor Magdeburg war ich Ende März schon auf meiner Rennrad“ Gegenwindtour“ zur Saalemündung gefahren. Bekannte Gegenden.
Nur die Sonne schien damals nicht. In Wolfsburg sah ich einige Zeit später die eindrucksvolle Kulisse der VW-Werke. Im Hannover dämmerte es und dann war es schließlich fast dunkel, als sich der CNL, der von Berlin kam, gen Paris Est in Bewegung setzte.
Dummerweise sitzen mit mir im Abteil vier Leute, Schlafsessel gibt es in diesem Nachtzug nicht, das versicherte mir dann auch glaubhaft der Schaffner (Zugbegleiter Entschuldigung), na da…
Das wird eine unruhige Nacht. Die Luft ist jetzt schon zum Schneiden.
Aber das Fahrrad ist untergebracht, ich sitze, was will ich eigentlich mehr.
Als es am Morgen allmählich hell wird, erreichen wir gerade Saarbrücken. Hier war ich noch nie.
Geschlafen haben wir so gut wie gar nicht, irgend etwas tat immer weh, wenn man eine Weile in einer bestimmten Haltung verharrte. Leider nicht zu ändern…
Als unser Zug weiter endlich durch Frankreich rollt, in Metz hat er längeren Halt, ist der Himmel bedeckt, es regnet zeitweise. Frankreich unterscheidet sich in meinen Augen schon dadurch von Deutschland, dass zumindest in dieser Region die Dörfer weiter verstreut liegen und dass die Franzosen offensichtlich der Natur noch eine Chance lassen. Große Flächen sind von Wald und hohem Buschwerk bewachsen, auch die Flussauen an der windungsreichen Marne sehen recht wild und sehr romantisch aus. Das Gras der Wiesen wäre in Deutschland schon auf eine ordentliche Länge gebracht, hier dagegen steht es teilweise mannshoch. Aber das hat das gewisse Etwas.
Eine recht dünn besiedelte und ursprünglich wirkende Region.
Der CNL rollt gemächlich durch das Land, rasch treiben weiße und graue Wolken am Himmel aus Südwesten heran, dazwischen ein paar blaue Flecken.
175 km, 174 km… Es dauert etwas, bis ich begreife, dass die Kilometersteine am Gleis die Restenfernung bis Paris anzeigen. Alles strebt offensichtlich auf dieses Zentrum zu.
Paris ist die Hauptstadt der Welt (Tolstoi Krieg und Frieden)
Wie die verbleibende Entfernung bis 11 Uhr noch zu bewältigen sein soll, ist mir ein Rätsel.
Aber auch daran kann ich nichts ändern, also stelle ich mich eben auf dieses Tempo ein und genieße einfach die Fahrt.
Übrigens haben sich die Abteile scheinbar über Nacht geleert, für die letzten Stunden sitze ich allein im Nachbarabteil und habe etwas mehr Platz.

Paris
Endlose Randbezirke, Betonplatten-Retortenstädte, unübersehbare Gleisanlagen, vorbeirauschende Nahverkehrszüge und TGVs, Schnellstraßen und Autobahnenbrücken.
Dazu bunt gemischtes Publikum auf den Vorortbahnhöfen das ist mein erster Eindruck von Paris.
Irgendwo erspähe ich plötzlich auch die Kuppel von Sacre Coeur über den Dächern.
Dann der Bahnhof Paris Est, es ist wirklich kurz vor 11 Uhr, als der Zug hält.
Jetzt wird es ernst, nun muss ich wohl oder übel die Sicherheit des Zugabteils gegen das Chaos in der Weltstadt, welches mich vermutlich jenseits dieser Mauern erwartet, eintauschen.
Mit gewaltigem Kribbeln im Bauch bugsiere ich mit Hilfe Mitreisender (ebenfalls Radfahrer) das Rad hinaus und mische mich in das Menschengedränge auf dem Bahnsteig.
Der Bahnhof selbst ist kleiner, als ich dachte. Ehe ich das Gebäude verlasse, kontrolliere ich noch einmal das Gepäck am Rad, ok, alles gut verzurrt, und suche anschließend noch eine Weile nach Souvenirläden, denn meine Mädels wollen ja auch wenigstens ein kleines Andenken an Paris.
Unter den misstrauischen Blicken (so kommt mir das vor) der mit Maschinenpistole bewaffneten Polizisten, die den Bahnhof kontrollieren, wird mir aber ein wenig unwohl, so dass ich kurz entschlossen doch ins Freie hinaustrete.
Mit Hilfe von „Armin“ dem Garmin am Lenker gelingt es tatsächlich die Richtung zur Seine festzustellen und mich in Bewegung zu setzen.
„I’m an alien. I’m a legal alien“ so ist mir jetzt zumute. Frei nach Sting „I’m a Sachse in Paris“.
Noch ist alles sehr ungewohnt, an den Ampeln steige ich lieber ab, es gibt tatsächlich Radwege und Busspuren, doch das System ist mir völlig fremd, zumal diese ab und zu plötzlich vom Rand zur Fahrbahnmitte wechseln und umgekehrt und ich mir nie sicher bin, wie sich die Autofahrer in diesem lauten, dreckigen Chaos vor und hinter mir verhalten.
Trotzdem schaffe ich es tatsächlich bis zur Ile de la Cité. Und dort ragen die Türme von Notre Dame über die Dächer. Ich bin immer noch wie ein wenig in Trance, völlig beeindruckt und benebelt vom Gewühl auf den engen Straßen. Glücklicherweise komme ich unversehrt bis zum Platz vor der großen Kathedrale und hier unter den Touristenmassen fühle ich mich gleich ein wenig besser aufgehoben. Das Gefühl, dass Paris zu Fuß wohl doch etwas entspannender sein könnte als auf dem Rad, lässt sich nur noch schwer verdrängen und wird zur Gewissheit.
Von Notre Dame dagegen bin ich ein wenig enttäuscht, das kann aber auch an der Müdigkeit liegen. Nur kurz wird mir mal bewusst, dass ich in dem Zustand heute Nachmittag noch 150 Kilometer auf dem Rad fahren will.
An einem Souvenirstand erstehe ich noch einen kleinen Eiffelturm und „chez les Bouquinistes“ am Seinekai eine kleine Grafik als Erinnerung für meine Töchter.
Und dann läuft alles ein wenig wie im Traum ab, Ile de la Cité, Pont Neuf, drüben der riesige Louvre, die Tuilerien… Hier les Bouqinistes für Touris… Auf den Bus-  und Fahrradspuren, die wir uns auch mit den Taxis teilen, geht es gut voran.
Place de la Concorde, die markante Säule, Assemblée Nationale, Quai d’Orsay, Hotel des Invalides, Grand Palais… Menschen, Menschen, Autos, Busse, Lärm… Ich halte den Fotoapparat einfach nur noch drauf, erst einmal knipsen, Eindrücke haschen.
Unterhalb des gewaltigen Stahlgestells „de la Tour Eiffel“ fotografiert mich ein italienisches Paar, zur Gegenleistung lassen sie sich dann mit strahlenden Gesichtern von mir ablichten.
Über die Seine zum Trocadero-Hügel schiebe ich das Rad, von dort oben soll man den besten Blick auf den Eiffelturm haben.
Wirklich, die Reiseführerautoren hatten nicht unrecht und dieser Meinung sind auch die zahlreichen Tourigruppen hier oben auf der Aussichtsterrasse vor dem Palais de Chaillot. Ein paar deutsche Laute Klasse, die Leute fotografieren mich auch noch einmal bereitwillig mit Hintergrund Turm und können es kaum fassen, dass es Verrückte gibt, die nun per Rad nach Leipzig wollen.
In der Kombination Fahren und Schieben war die Fortbewegung bisher recht erfolgreich, noch lebe ich, bin unverletzt und habe sogar Einiges sehen können.
Nun aber weiter zum Arc de la Triomphe.
Die Straßen sind enger als an der Seine, der Autoverkehr dichter und die Fahrradspur ist teilweise zugeparkt. Also ab ins Getümmel.
Ein Kollege erklärte mir kurz vor der Fahrt, ich dürfe nie einem Pariser Autofahrer in die Augen sehen und ihm zu verstehen geben, dass ich ihn registriert habe.
Dieses Rezept probiere ich jetzt aus, unterscheide mich da kaum noch von den einheimischen Radlern, die auch kreuz und quer zwischen den Autos hin und her kurven und siehe da, das was ich für einen Spaß hielt, funktioniert tatsächlich. Die Franzosen ignorieren zwar generell meine Radspur, fahren aber ungemein rücksichtsvoll. In Deutschland hätte man mit dieser Verhaltensweise schon eine hupende Kolonne hinter sich hergezogen, hier aber bremsen die Autofahrer ab und schleichen ohne ein Zeichen von Unmut oder Aggression hinter mir oder den anderen scheinbar unaufmerksamen Radlern hinterher. Leben und leben lassen. Gehört das zur Weltstadt? Die Toleranz untereinander scheint grenzenlos. Kaum vorstellbar so etwas auf dem Leipziger Ring.
Arc de Triomphe spurenloser Kreisverkehr ringsum, eine endlose drehende Mühle, die Autos aufsaugt, verdaut und wieder ausspeiht. Ohne jegliches System aber es kracht nicht, man hält eben auch mal an, wenn Einer aus der Mitte querdurch ganz hinaus will. Und das Hupen ist lediglich ein Aufmerksammachen „Hallo Achtung, ich bin auch da“.
Hinter flotten Pariserinnen auf dem Rad (erstaunlicherweise sind die auf ihren alten Vehikeln schneller) kurbele ich nun am Place Blanche vorbei, rrrichtig, hier steht Moulin Rouge. Das Stadtviertel mit seinen Gestalten erinnert stark an Sankt Pauli, in Richtung Montmartre. Ein Basar unter der Hochbahnbrücke, viele Menschen mit nordafrikanischen und arabischen Wurzeln, kaum Weiße hier fühle ich mich nun wieder nach Kreuzberg oder sogar in die Bronx versetzt. Ein Vergleich mit dem dagegen nahezu dörflich wirkenden Leipzig ist eher nicht angebracht. Multikulti life, mittendrin plötzlich ein Touristenstrom ja genau, hier ist der Aufgang zu Sacre Coeur. Und die Gesichter der Einheimischen, die ich so erspähe, haben alle nichts Unfreundliches oder Aggressives an sich, manche warten mit einem netten Grinsen, bis ich mit dem Fotografieren fertig bin. Andere wirken abwesend, gleichgültig, niemand nimmt Notiz von mir oder scheint sich über mich zu wundern, der ich in einer für dieses Viertel sehr ungewöhnlichen Ausstattung durch die Gegend kurbele.
Nachdem die Gleisanlagen des Gare du Nord überquert sind, ist der Place de la Bataille de Stalingrad schnell erreicht. Hier beginnt der Canal de l’Ourcq.

Hier beginnt nun endgültig, nach der Sightseeing-Runde durch Paris die „Randonnée de Paris à Zweenfurth“ oder „Le Mille de Paris à Zweenfurth“.
Absolut unbeachtet von den sich hier drängenden Menschen starte ich 13:29 auf die große Tour.
Ich habe eine halbe Stunde Vorsprung, 14 Uhr war geplante Startzeit, diese halbe Stunde will ich nutzen, heute noch so weit, wie möglich zu kommen.
Jetzt geht es los, ab, nach Hause.