Paris – Zweenfurth 2012 / Paris – Tergnier

erster Tag 06.06.2012
Man wird nie neues Land entdecken, wenn man immer das Ufer im Auge behält. (unbekannt)

Am Kanal entlang rollt es nun wunderbar auf fast durchgängig asphaltiertem Untergrund. Zunächst geht es noch durch ähnlich wie bei uns sanierte Wohn- und Industriegebiete, die man nun für kulturelle oder andere Zwecke nutzt. Eine verkehrsberuhigte, stille Gegend der Stadt. Allmählich gelangt man so am stillen Wasser entlang durch Freizeit- und andere ausgedehnte Parkanlagen, vorbei an kleinen Schleusen in den ländlicheren Umkreis von Paris. Viel Grün gibt es hier am Kanal, die Stadt löst sich in ruhige Siedlungen mit zunehmend dörflichem Charakter auf. Drüben am anderen Ufer spielen ältere Männer Boule, zwei große Kinderscharen ziehen zu beiden Seiten, sich wechselseitig mit lautem Gesang anfeuernd, entlang. Nach über 30 Kilometern schönstem Radweg erreiche ich Gressy, dort geht es auf die Landstraße. Messy ist der nächste Ort, nun schwenkt meine Route nach Norden, Nordosten ab. Etwas westlich liegt der Flughafen Charles de Gaulle, in endloser Reihe fliegen große Maschinen zum Landen über mich hinweg.
Welch ein Kontrast, die uralten Kirchen und Häuser der Dörfer und darüber die modernen Flugzeuge.
Der Wind weht recht mäßig und gleichbleibend aus Südwest, das wird hoffentlich in den kommenden Tagen so bleiben. Die Landschaft ist etwas hügelig, Paris liegt in einer Art weitem Talkessel, sehen kann man die große Stadt von hier aus allerdings nicht mehr.
Die Gegend ist nun wellig, es gibt wenig Wald, viele Felder, ähnlich wie in Deutschland. Die recht urwüchsigen Auenlandschaften, die ich heute morgen zwischen Metz und Paris aus dem Zug sah, entdecke ich hier nicht. Lediglich an den aus massiven Steinen gebauten Dorfhäusern und -kirchen und den französischen Straßenschildern erkennt man, dass man im Ausland ist.
Le Plessis Belleville – meine Assoziation dazu ist immer wieder der Trickfilm „Das große Rennen von Belleville“, doch der spielt gar nicht hier, sondern in einer fiktiven Stadt Belleville. Trotzdem hier ausgerechnet muss ich wieder daran denken.
Außerhalb des Ortes mache ich nun die erste Rast und sende eine SMS an Dagi.
„le plessis de belleville, alles ok. wetter sehr gut. paris chaotisch. viele gruesse“
„Bis heute abend.“
66,98 Kilometer, 15.55 Uhr, 03:25 Std. Netto-Fahrtzeit (inkl. Paris-Runde)
Und gegenüber meinem Zeitplan habe ich jetzt eine Stunde Vorsprung.
Nach diesen ersten Kilometern meine ich nun auch allmählich ein Gespür für das Kommende zumindest hier in Frankreich bekommen zu haben. Es rollt hervorragend, trotz des mit allerhand Gepäck belandenen Rennrades. Aber Achtung, es ist warm, ich darf nicht vergessen, ausreichend zu trinken, denn schon spüre ich ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln. Entweder passe ich nun meinen Fahrstil entsprechend nachhaltig an oder ich muss meinen Flüssigkeitshaushalt verbessern.
Weiter durch die recht idyllische Landschaft und verstreute Dörfer, klangvolle Namen, so klein das Nest auch ist. Baron, Ducy, Vaucelles…
Der große Wald von Compiegne kündigt sich als dunkle Linie auf den Höhen in der Ferne bereits an. Ich fahre fast ausschließlich nach dem auf „Armin“ gespeicherten Track. Das funktioniert bislang sehr zuverlässig.
Ohne große Zeitverluste durch Anhalten und Kartenblättern komme ich weiterhin gut vorwärts.
Kurz vor Glaignes, bevor es hinab in ein schönes Bachtal geht, erschrecke ich leider unfreiwillig eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern auf den Rädern, denn welcher Einheimische rechnet auch
ausgerechnet um diese Zeit und ausgerechnet hier abseits jeglicher Touristenattraktion mit einem Außerirdischen, der auf dem Rennrad vorbeirauscht.
Orrouy am Rand des Waldes von Compiegne – es wird recht hügelig.
Zumindest erwartet mich auf den nächsten beiden Kilometern ein Anstieg um 100 Höhenmeter, zum Glück im Schatten der großen schönen Laubbäume. Bis St. Jean aux Boix, einem netten kleinen Ort mitten im Wald, geht es weiter auf kleinen asphaltierten Straßen, dann lauert plötzlich ein Stück sandiger Waldweg, den ich jedoch mit meinen 28er-Profilreifen recht gut befahren kann. Nach dem Höhenprofil müssten nun noch einige Höhenmeter folgen. Erst einmal rolle ich eine ganze Weile wieder bergab, möglicherweise darf ich die nun noch einmal absolvieren.
Aber zumindest kann ich so die engen schattigen Waldtäler etwas genießen. Compiegne ist nicht weit entfernt, die Stadt umgehe ich aber absichtlich, das hält mich nur auf, und auch für Clairie d’Armistice, die Gedenkstätte für die beiden Waffenstillstände 1918 und 1940 zwischen Frankreich und Deutschland habe ich nicht genügend Zeit. Dabei wäre ein Abstecher zum Eisenbahnwagen sicher lohnenswert gewesen…
Schlimme Vergangenheit.
Vieux Moulin ein Ausflugsort, Rethondes am Waldrand meine nächste Rast.
115,82 km, 18.30 Uhr, 06:06 Std. Netto-Fahrtzeit
SMS in die Heimat.
„compiegne. alles ok. lg an euch drei“
Ich verschwende erste Gedanken daran, dass es nun wohl keine 1.000 Kilometer mehr bis nach Hause sind! Grund für Optimismus, wenn es weiter so bleibt. Nach kurzer Pause nun ohne große Höhenunterschiede weiter.
In Carlepont bleibt der Wald schließlich zurück, allerdings sehe ich drohend von Südwesten her eine schwarze Wolkenwand aufziehen. Im breiten Tal der Oise werde ich nun auf der Flucht vor der Wolke ein wenig schneller, lange halte ich das aber nicht durch. Und diese holt mich dann auch irgendwann ein, zum Glück gibt es aber nur wenige Tropfen, die ich unter einem Baum stehend abwarten kann. Dahinter scheint schon wieder die Sonne.
Nun habe ich allerdings bereits das nächste Problem wenn es so weiter geht und ich in diesen Dörfchen am Ende der Welt keinen Laden, Supermarkt oder eine Tankstelle finde, muss ich zwangsweise meine Getränke rationieren.
Die 2 Liter Apfelschorle werden jetzt schon knapp, der Durst dagegen nimmt zu und die Angst vor der Dehydration ebenfalls. Ein wenig Panik beschleicht mich, da kann auch die hier wieder recht liebliche Flusslandschaft nicht hinweg helfen. Mit solchen Engpässen hatte ich nicht gerechnet – das ist das dringendste Problem, was ich noch vor dem Dunkelwerden lösen muss. Es wird Abend, die vielleicht noch zu erwartenden Geschäfte werden bald schließen. Und mit dem, was ich habe, komme ich morgen nicht weit, wenn das so weiter geht.
Dann fällt mir noch ein, dass ich unbedingt vor der Tour noch meine jüngsgte Tochter fragen wollte, was Trinken auf französisch heißt. „Manger“ bedeutet „Essen“, das habe ich mir noch aus Schulzeiten gemerkt. Aber „Trinken“? Klasse, das habe ich vergessen wie erkläre ich einem Franzosen, dass ich am Verdursten bin? Mit Hilfe geeigneter Gesten?
Doch als ob das da oben jemand vernommen hat…
Nichtsahnend biege ich im nächsten Dorf um die nächste Straßenecke…
Und man glaubt es kaum, da plätschert doch dort fröhlich eine Quelle vor sich hin. Den  mitschwimmenden Dreck übersehe ich geflissentlich, es ist zu schön, jetzt so richtig nachtanken zu können. Mein erstes großes Problem ist damit gelöst…
Chauny, lt. Navi nähere ich mich allmählich dem Tagesziel, es ist noch hell, etwas nach 20.15 Uhr, habe ich wieder einmal ein Deja Vu.
Baustelle… Spannend. Aber mit dem Rad kommt man überall durch.
So auch in Frankreich! Ein wenig Schieben, Tragen, na ja… Immerhin noch kürzer als eine kilometerlange Umleitung.
Chauny, nun Hauptstraße, Tergnier…
Und da, welch glücklicher Umstand, gibt es doch tatsächlich ein Gewerbegebietam Stadtrand und dort hat sogar ein Supermarkt noch geöffnet. Es ist 10 vor 9, gerade rechtzeitig komme ich noch rein und finde auch rasch die Getränkeabteilung. Mit reichlich Orangenund Apfelsaft beladen finde ich noch etwas viel Tolleres! Schokocroissants, abgepackt, ideal, zwei für heute Abend, zwei für morgen früh. Die Frau an der Kasse zieht meine Getränkeflaschen durch, bei den Croissants aber stockt sie und befragt mich in der Landessprache, wobei ich etwas ratlos da stehe. Sie redet schneller und schneller, jetzt verstehe ich erst recht nichts mehr, ich vermute, dass sie die Preissschilder sucht… Und plötzlich nimmt sie diese Croissants, meine Hoffnung auf eine kalorienreiche, wohlschmeckende Nahrung und schmeißt die in eine Kiste neben der Kasse. Der Mann hinter mir grinst mitfühlend… Tja, kann man machen nix, wenn man Landessprache nicht versteht. Also bezahle ich die Getränke und ziehe friedlich ohne Croissants ab. Später wird mir klar, dass die Croissants einer größeren 10er oder 20erPackung entstammten, die irgendjemand aufgerissen hatte und einzeln liegen ließ. Und die Kassiererin konnte die natürlich einzeln nicht abrechnen.
Na gut, also auf ein Neues sich allmählich wellendes und bröckelndes Vollkornbrot mit Käse…
Von Tergnier nach La Fere ist es nun nicht mehr weit. Es ist immer noch angenehm hell, als ich, dank „Armin“ das per Internet ausfindig gemachte Camp am Sportplatz erreiche. Lt. Internet-Bericht müsste man nur beim Verwalter des Sportplatzes klingeln.
Das Schild am Zaun, dass von 22 Uhr bis 7 Uhr hier abgeschlossen wird, ignoriere ich erst einmal bewusst.
Nächste Hürde: wie mache ich dem begreiflich, dass ich hier zelten möchte. Klar, ich habe schon vorher ein wenig heimlich geübt.
„C’est possible, de bivouaquer ici?“ (oder so ähnlich)
Also klingele ich einfach mal an der Tür…
Die folgende Szene ist eigentlich filmreif! Eine Frau, recht kräftig, öffnet, im Hintergrund schiebt sich ihr Mann im Unterhemd, das sich über dem prallen Bauch etwas spannt, ins Bild. Meine Frage verstehen sie tatsächlich
„Oui, pas de probleme“ prima!!!
Die Wiese drüben ist leer, ich bin der Einzige, bezahlbar scheint es auch. Nun irgendwie schaffe ich es (WIE habe ich verdrängt), zu erklären, dass ich fünf Uhr starten will.
„Mon depart est cinque heures demain.“
Erst denke ich, dass ich nicht verstanden wurde, wiederhole nochmal, zeige zur Sicherheit die fünf Finger der rechten Hand, dann ernte ich ein Lächeln.
„Armer bescheuerter „Allemand“ (so ungefähr deute ich das) sieben Uhr ist die Nacht vorbei, nicht um fünf. Nein, da spielt sich nix ab, das Tor geht am Morgen nicht vor sieben Uhr auf, vorher komme ich hier nicht vom Platz.
Na prima – ebenso friedlich wie im Supermarkt vorhin ziehe ich nun auch hier von dannen. Nun tritt also Plan B Havarievariante in Kraft
„PidP“ Pennen in der Pampa.
Ich fahre aus La Fere hinaus, finde im Dämmerlicht sogar die Stelle jenseits des kleinen Flüsschens rechts der Straße, welche ich vor Wochen per GoogleMaps ausfindig machte und schiebe auf dem Feldweg ein Stück weit bis dahin, wo ich Wiese vermute.

172,07 km, 21:30 Uhr, 08:30 Std. Netto-Fahrtzeit

Aber Wiese heißt, das weiß ich seit heute vormittag, in Frankreich, meterhohes Gras. Keine Chance zum Zelten!
Doch da ist eine Treckerspur, die sieht recht gut aus. In der Hoffnung, dass der Trecker morgen früh um fünf noch nicht hier lang fährt, suche ich eine geeignete Stelle und lasse mich dort nieder. Bemüht, die Mückenschwärme fernzuhalten, die mich freudig umkreisen, baue ich das Zelt rasch auf, werfe alles hinein und im letzten Tageslicht gelingt es mir sogar noch mit den dafür vorgesehenen Wasserreserven, zunächst einen Einwegwaschlappen und anschließend mit diesem mich ein wenig zu befeuchten.
Blöd ist nur, als ich endlich im Schlafsack liege, dass ich den Fahrradcomputer vermisse.
Das ist eine Katastrophe!
Ohne das Ding brauche ich morgen gar nicht erst weiter zu fahren. Also nochmal hinaus, die Mücken bespaßen und im hohen Gras das Teil suchen. Erfolglos… Na gut, wenigstens die Mücken hatten ihre Freude.
Noch ein Powerriegel mit viel Eiweiß das wird aus meiner Erfahrung vom „Härtetest“-Wochenende an Himmelfahrt helfen, morgen wieder gut auf die Beine zu kommen.
Als ich kurz vorm Einschlafen bin, bellt plötzlich in unmittelbarer Nähe ein Hund. Klingt etwas bösartig, rau, der tiefen Frequenz nach ist der mindestens drei Meter groß! Er muss drüben auf der Straße entlang laufen und mir wird bewusst, dass ihn bei einem möglichen Annäherungsversuch die dünne Zeltplane über mir kaum abhalten könnte. Nun flackert doch so etwas wie ein wenig Angst auf und ich werde das üble Gefühl nicht los, in diesem Augenblick eine Variante von „Essen auf Rädern“ darzustellen. Was tun, wenn der Köter wirklich gleich hier steht? Oder gehört der zu dem halb verfallenen Gehöft, an dem ich vorhin vorüber fuhr?!
Ich schicke sicherheitshalber per SMS meine Koordinaten noch nach Hause für den Fall der Fälle und dann schlägt meine Angst rasch in Fatalismus um. Ich kann die Situation sowieso nicht ändern, kann also nur abwarten, was geschieht.
„21.30 tergnier zelte nun doch in der pampa. koordinaten n49g40min780s e003g23min783s gute nacht“
„Gute Nacht. Und schreibe gleich morgen früh!!!“
Sehr erleichternd für mich dann gleich darauf die beruhigende Stimme eines Mannes, der auf den knurrenden Hund einzureden scheint, beide entfernen sich offensichtlich für mich das Zeichen zur Nachtruhe.
Gefahr gebannt. Schlafpause