Paris – Zweenfurth 2012 / Tergnier – Venlo

Zweiter Tag 07.06.2012
Gelassenheit gewinnt man nur in der Besinnung auf das Wesentliche.
(Georg Moser)

Nordfrankreich
Als es dämmert, werde ich auf Grund des Vogelkonzerts auch ohne Wecker schon kurz nach 4 Uhr wach.
Ich fühle mich nach den fast 6 Stunden Schlaf sehr erholt. Trotz der fast schlaflosen vorhergehenden Nacht im Zug und den bereits absolvierten Kilometern hat sich mein Körper in der langen Ruhepause sehr gut regenerieren können.
Rasch zusammenpacken, alles ist schön feucht und schwer… Aha, die Mücken sind auch schon wieder wach. Beim Aufräumen finde ich auch den Fahrradcomputer im hohen Gras welch glücklicher Zufall.
05:25 Uhr stehe ich wieder an der Straße vorn, esse noch einen Apfel und ein Vollkornbrot, schicke noch eine SMS und starte gegen 05:40 Uhr.
„guten morgen. ich starte jetzt. alles bestens. lg“
„Gott sei Dank. Gute Fahrt. Zeitplan war ja gestern super. 🙂
LG“
Der Himmel ist bedeckt, es ist trübe, die Straße und die wellige Landschaft mit den noch schlafenden Straßendörfern sind auf den nächsten Kilometern recht trostlos und trist. Überhaupt ist diese Landschaft trotz der Hügel sehr eintönig. So spule ich Kilometer für Kilometer ab, es rollt entlang der Oise ganz gut.
Manche mögen es übertrieben halten, aber gerade bei diesen Wetterverhältnissen wirkt auf mich auch das Wissen etwas bedrückend, dass hier im ersten Weltkrieg in dieser Gegend Hunderttausende von Menschen ihr Leben ließen und eigentlich niemand weiß, wieviele von ihnen noch verscharrt in diesen Böden liegen.
In jedem Dorf gibt es Kriegerdenkmäler der „RF“, „Republique Francaise“ zu Ehren der im Krieg Gefallenen. Das ist bei uns nicht anders, aber hier waren es die Deutschen, die so wüteten. Und die zerschossenen Kirchen, die mancherorts noch als Mahnmal stehen, erinnern intensiv an diese schlimme Vergangenheit.
Der gallische Hahn auf einem Denkmal am „Place de Sedan“… Na ja, besser, ich oute mich hier nicht als Deutscher obwohl die jetzigen Generationen da sicher kein Problem mehr damit haben.
Interessanterweise haben die Franzosen (ähnlich wie die Tschechen) die kleine Straße nicht konsequent an der Oise entlang gebaut, sondern immer wieder über die seitlich dem Fluss zustrebenden Hügel, so dass ich anständig Höhenmeter sammle. Damit komme ich aber auch nicht so schnell vorwärts, wie ich eigentlich hoffte.
Bei Tupigny erste kurze Pause, Essen, Trinken, SMS.
„tupigny alles ok“
„Prima. Einen schönen Tag.“
216,03 Kilometer (43,96 km), 07:45 Uhr, 10:33 Std. Netto-Fahrtzeit
Glücklicherweise bleibt es trocken, als ich weiterhin alle möglichen kleinen und teilweise recht giftigen Anstiege mitnehme.
Erst kurz vor Landrecies, wo ich mich, nun für die etwas stärker befahrene, dafür kürzere Hauptstraße entscheide, reduzieren sich die Anstiege.
Und das Wetter wird freundlicher, die Sonne und blauer Himmel kommen durch. Mit den Heuballen auf den Wiesen erinnert mich die weite Senke nun sehr an das Muldetal.
Landrecies umgehe ich, weiter auf kleinen Straßen, dann Berlaimont, Hautemont. Der Asphalt ist teilweise mies, ab und zu führt mich mein „Armin“ auch auf geschotterte Fahrwege, so dass ich kurz vor Hautemont plötzlich bemerke, wie das Hinterrad Luft lässt. Es nützt nichts, ich muss kurz darauf anhalten und den Schlauch wechseln. Inzwischen ist es auch ziemlich warm geworden. Aber das ist nicht schlimm, der Wind weht kühlend und schiebend auch heute von Südost, das ist auszuhalten.
Hautemont, die Kleinstadt, geht nahtlos in Maubeuge, die letzte französische Stadt vor der Grenze über, kurze knackige Anstiege im Ort, das tut jetzt schon ein wenig weh. Was soll das noch werden?
Auch hier in Maubeuge fällt mir wieder das bunte Gemisch von weißen Franzosen und zahlreichen Menschen nordafrikanischen Urspungs auf. Hinter Maubeuge, auf der Anhöhe, über die sich die Straße zieht, mache ich die nächste Rast.
„maubeuge. viele berge, schlechter asphalt lg“
„Zeitplan passt aber noch :)“
273,23 km (101,16 km), 10:45 Uhr, 13:13 Std. Netto-Fahrtzeit
Ich liege meinem Plan gegenüber eineinviertel Stunden zurück. Wobei ein Start um 4 Uhr, wie ich es zu Hause ausgerechnet hatte, völlig illusorisch ist, da es da noch fast stockfinster war. Und weil ich heute den gesamten Tag nix weiter vor habe, als Rad zu fahren, stört mich das wenig. Vielleicht kann ich ja im Laufe des Tages noch ein wenig heraus holen. Das klappte gestern auch ganz gut.
Nett ist der französische Rennradfahrer, der anhält und sich erkundigt, ob alles ok ist. „Pas de Probleme! Salut!“
Über weite sanfte Höhen geht es nun zur Grenze. Immer wieder kleine Dörfchen, irgendwo muss ich  doch hier nun Belgien erreichen.
Auf „Armins“ Display kann ich es leider nur sehr schlecht erkennen. Bis ich dann, einige Kilometer weiter feststelle, dass die Autokennzeichen statt dem „F“ ein „BG“ besitzen.

„Belgischer Kreisel“
Völlig unbemerkt habe ich die Grenze überquert, kein Grenzpfosten, kein Schild war zu erblicken grenzenloses Europa. Nicht schlecht, das hat sich vermutlich bei den Menschen schon sehr verinnerlicht.
Zumal auch die Belgier hier im wallonischen Süden des Landes französisch sprechen.
Etwas später, kurz vor Binche genieße ich einen schönen Blick über ein breites Tal mit etlichen kleinen kegelförmigen Bergen. Das war so nicht vorgesehen, Berge wollte ich auf meiner Route eigentlich umgehen.
Doch die folgende Abfahrt nach Binche ist wenigstens ein guter Lohn für die absolvierten Hügel drüben in Frankreich. Die drohenden Berge sind dann zunächst auch weniger schlimm, schlimmer ist die sich immer mehr verschlechternde Straßenqualität.
Auch die Ortschaften wirken düster, die schmutzig roten Backsteinfassaden erinnern mich an Bitterfeld so wie es vor dreißig Jahren aussah.
Der erste „Höhepunkt“ ist dann die ungemein stark befahrene Straße in Morlanwelz, die steil bergauf führt und auf der ich wegen der zahlreichen LKWs eigentlich nix riskieren möchte. So halte ich zuerst an der (seit Paris ersten) Tankstelle unterhalb des Anstieges, leiste mir eine Cola und einen schönen O-Saft, kaufe Trinkwasser nach und schiebe danach lieber bergauf.
Wer weiß was heute noch kommt, besser, ich überziehe nicht gleich am ersten Berg.
Chapelle-lez-Herlaimont, das nächste „Bitterfeld“, auch die Einwohner wirken auf mich recht ärmlich.
Kann aber auch täuschen.
Und dann der nächste „Höhepunkt“, der mich richtig auf den Geschmack kommen lässt.
Meine „Armin“-Route führt mich wunschgemäß auf die kürzeste Strecke. Aber das ist nun ausgerechnet die kleine Straße mit dem Kopfsteinpflaster.
Ich habe im Hinterkopf, dass die Radrennen in Belgien die härtesten sind wegen dem Kopfsteinpflaster! Eine Alternative wäre zu weit, also rumple ich nun mit einem enormen 12er Schnitt über die  „Katzenköpfe“ gen Luttre.
Die Sonne scheint angenehm und ich fluche laut vor mich hin. Nachteil der Solotouren ich habe niemanden zum Anschreien – kann es also nur an mir auslassen.
Schließlich bin ich ja auch allein Schuld daran, dass ich mich ausgerechnet hier befinde Bis Luttre rollt es allerdings dann nach 3 Rumpel-Kilometern wieder ganz gut.
318,02 km (145,95 km), 13:40 Uhr, 15:32 Std. Netto-Fahrtzeit
Pause, der Geruch des Vollkornbrots steigt mir langsam übel in die Nase, der Käse rollt sich am dritten Tag nun auch na ja eins geht noch.
SMS geht nicht, hier gibt es kein Netz.
Zum Zeitplan liege ich jetzt 1:25 Std. zurück, das ist noch zu verschmerzen.
Hier scheint noch die Sonne, im Südosten zieht aber allmählich eine dunkle Wand auf. Wenn ich jedoch die Zugrichtung dieser Front, die hoffentlich kein Gewitter mitbringt, richtig berechne, könnte es gelingen, dieser mit dem entsprechenden Tempo nach Nordosten zu entkommen.
Also gebe ich nach der Rast ein wenig Gas will ja auch noch im Zeitplan ein wenig aufholen. Trotz der Betonplattenpiste, die wenigstens noch besser als das Kopfsteinpflaster von vorhin ist, rollt es nun wieder mit ein wenig Windunterstützung super. Die Dörfchen wirken auch etwas freundlicher als um Morlanwelz herum, dann geht es über kleine Sträßchen quer durch die belgische Pampa, ein paar Regentropfen bekomme ich nun doch ab, aber das ist erträglich. Zwischendrin wage ich auch einmal einen Blick auf die große Übersichtsstraßenkarte und muss entsetzt feststellen, dass ich mich immer noch in der Region zwischen Brüssel und Charleroi befinde und noch ein enormes Stück vom  Tagespensum vor mir liegt. Kleines Bachtal aufwärts schieben, es ist gar zu steil, mal was Neues.
Villers la Ville, die alte historische Ruine der Abtei streife ich nur im Vorüberrollen, im Ort erlebe ich dann eine wesentlich größere Freude.
Zunächst geht es steil aus dem Tal wieder hinauf, „Armin“ lotst mich zuverlässig den kürzesten Weg, welcher urplötzlich auf einem schlammigen Feldweg endet. Den Rest hat der nette Bauer von nebenan umgepflügt. Ende!
Mögliche Alternative ist die Straße, die im Bogen zur Stelle führt, wo ich lt. Navi heraus gekommen wäre.
Und ein wenig Spaß muss es schon machen – ohne Katzenköppe geht in Belgien nix – wieder ist 12km/h-Rumpeln über die nächsten drei bis vier Kilometer angesagt. Mir ist so, als ob ich schon Tage durch die belgische Einöde kreisele – Belgischer Kreisel (?).
Während ich nun wieder meine Flüche auf die hervorragende Straßenqualität sortiere und laut in die Gegend tröte, scheint sich jemand ernsthaft Gedanken gemacht zu haben, dass es ja noch schlimmer gehen könnte.
Richtig, ein wenig Regen auf den glitschigen Steinen erhöht die Spannung ungemein.
Recht nass, und im Wechsel zwischen Katzenköppen und Asphalt, erreiche ich nach mir unendlich erscheinender Zeit Dongelberg. Überstanden.
Kühl ist es, der Regen hat wieder aufgehört, Villers la Ville werde ich in bleibender Erinnerung behalten.
Rast, Essen, ich werfe mir mal ein paar Powergel-Gummibärchen ein, Trinken. In Dongelberg habe ich auch Netz, so dass ich Dagi wenigstens eine SMS schicken kann. Man sieht nun auch, dass die Kommunikation recht sparsam und mit entsprechenden Zeitabständen erfolgte.
sie (15:12):
„Alles o.K.? Warst du schon in Luttre? Melde dich bitte!“
ich:
„dongelberg. hatte vorhin kein netz. regen, berge, scheissstrassen, komme schlecht voran. lg“
Aber aus den wenigen Worten scheint sie doch meine derzeitige Stimmung zu erraten, es kommt prompt eine aufmunternde Antwort.
sie (17:12):
„Aber der Zeitrahmen passt immer noch. Du bist doch heute morgen später gestartet. Denk dran, alles Kopfsache 🙂
LG“
Unglaublich, wie solche Worte aus der Heimat helfen, wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Weiterkämpfen, das erwarten die Anderen von dir jetzt. Also steig auf und fahre weiter!
362,32 km (190,25 km), 16:20 Uhr, 17:54 Std. Netto-Fahrtzeit
Ich bin immer noch im Zeit-Limit.
Bis Tienen, der nächsten Kleinstadt, abgesehen von einer letzten Katzenkopp-Einlage, bei der mir dreimal die Satteltasche abfällt, geht es nun recht zügig.
Der Wind hat ein wenig auf West, Nordwest gedreht, die Wolken von Südosten sind jetzt keine Gefahr mehr.
Als ich jedoch Tienen durchquert und hinter mir gelassen habe und nun auf einer hervorragenden asphaltierten Fahrradstraße sehr rasch Kilometer fressen kann, beginnt von Westen her der große Regen.
Die herrliche Fahrradstraße führt 30 bis 40 Kilometer lang nach Norden, lässt sich wunderbar befahren, die Bänke am Rand laden zum Verweilen ein… Endlich könnte ich mal so richtig mit Spaß und Freude Kilometer schrubben.
Wenn der Regen mittlerweile nicht in einen Dauerregenguss übergegangen wäre. Das Wasser läuft mir nun einfach oben rein und ungefiltert unten wieder raus. Über den Rucksack muss ich einen Müllsack ziehen, der Regenüberzug hält die Wassermassen nicht ab. Der Wind bläst mir die Tropfen ins Gesicht, es wird schlagartig viel kälter.
Trotzdem halte ich einen 25er- bis 27er-Schnitt auf der Strecke bis Halen, wo es dann auf der Landstraße bis Lummen weiter geht.
Und dort stelle ich mich dann doch erst einmal in einem Bushäuschen unter. Die drohenden Wolken aus Westen versprechen noch etwas mehr Regen. Während meine Power-Riegel im Wasser in der Lenkertasche still vor sich hindümpeln, erlebe ich in diesem Moment eine ernstliche Krise.
Was mache ich nun? Nass bin ich bis auf die Haut. Das kann nicht schlimmer werden, die Satteltasche scheint zum Glück noch recht dicht zu sein, so dass die Wechselwäsche trocken bleibt.
Essen geht nicht viel, mir ist ziemlich kalt, aber eine Banane habe ich noch, das hilft erst einmal. Dazu Powerbar-Gummibärchen.
Die befürchtete Schüttelfrost-Attacke lässt freundlicherweise noch auf sich warten. Aber lange halte ich das sicher nicht mehr durch.
407,74 km (235,72 km), 19.05 Uhr, 20.08 Std. Netto-Fahrtzeit
Es schüttet wie aus Eimern. Was tun?
„Grüße von Kleeni und Hermis, habe heute eine Mail an alle geschrieben. OTon von K Roehner Prima halte durch wir denken den ganzen Tag an dich. Läuferspruch Pain is temporary :):)
In diesem Sinne. Auch wir denken den ganzen Tag an dich!!!“
Bis Deutschland sind es nach meiner Route noch ca. 100 Kilometer.
Es ist schon spät, im Zeitplan habe ich aber eine Viertelstunde aufgeholt.
Wer könnte mir in dieser Situation nun beistehen? Ein Begleitfahrzeug wäre jetzt der Traum na ja… 600 Kilometer von der Heimat entfernt wem ist das zuzumuten.
Abholen lassen ist auch nicht, der nächste Bahnhof weiß ich nicht – Charleroi, Brüssel, Maastricht alles ziemlich weit weg, da muss ich noch ewig durch den Regen.
Eine wirkliche Alternative gibt es nicht – das erleichtert meine Entscheidung.
Was tun die Randonneure in solchen Momenten?
Fluchen, Aufsteigen, Weiterfahren man ist sowieso nass, dreckig, ausgekühlt. Irgendwann wird auch die Sonne wieder scheinen, die Chancen stehen auf den noch verbleibenden 600 Kilometern recht gut.
Und wenn ich langsamer werden sollte, muss ich eben auch eine Nachtfahrt riskieren. Dann weiß ich allerdings nicht, wie es morgen weiter gehen soll. Ein wenig Schlaf wäre schon gut. Aber hier bleiben kann ich auch nicht. Es bleibt mir gar nichts Anderes übrig – ich muss weiter fahren.
Es grenzt fast an ein Wunder, dass der Regen, als ich auf stillen Fahrradstraßen und Landstraßen gen Peer kurbele, wirklich wieder aufhört.
Und noch größer ist für mich das Wunder, dass auch, wie erhofft, die Abendsonne wieder heraus kommt. Die Kleidung trocknet langsam ab, mir wird etwas wärmer, es rollt! Noch einmal gibt es einen kleinen Schock, als sich im Westen gewaltig finster eine Art Gewitterzelle aufbaut. Doch als ich Peer erreiche, scheint immer noch die milde Sonne und das Gewitter hat sich still und leise in harmlose Quellwolken, die südlich vorbei ziehen, aufgelöst.
In Peer schlüpfe ich nun doch in trockene Sachen, ziehe auch die Beinlinge an, die Abendluft ist empfindlich kühl geworden.
Bis Bocholt ist es nun auch nicht mehr weit, es dämmert allmählich, als ich den Ort erreiche. Von hier bis zur niederländischen Grenze ist es nur ein Katzenkopp – nein Katzensprung. Die Ortschaften im nördlichen Belgien sehen nett und freundlich aus, die Sprache erinnert sehr ans Niederländische, die Straßen sind nun absolut in Ordnung.
451,87 km (279,80 km), 21:35 Uhr, 22:13 Std. Netto-Fahrtzeit
„bocholt. hier hat es stundenlang geschüttet. werde bis brd. fahren.lg“
Um den Kanal zu überqueren, muss ich über eine Fußgängerbrücke, von dort oben angesichts des schönen Sonnenuntergangs beneide ich die Leute in ihren Hausbooten schon ein wenig. Aber ich wollte es schließlich so und nicht anders. Weiter!
Ähnlich wie heute am späten Vormittag passiere ich auch jetzt, ohne es zu bemerken, eine Grenze, die niederländische Grenze. Das dritte Land auf der „Randonnée de Paris à Leipzig“. Wieder stelle ich es erst an den Autokennzeichen fest. Die Abendstimmung ist sehr schön, auf den Wiesen zwischen den kleinen Wäldchen liegen weiße Nebelschwaden, darüber die letzten Sonnenlichter im Westen…
Aber nun wird es langsam dunkel, doch ein Ende ist in Sicht. Vermutlich werde ich es nicht mehr ganz bis zur deutschen Grenze schaffen, es sind, denke ich, zwar nur noch ca. 50 Kilometer, weil ich nur den Südzipfel der Niederlande durchqueren muss.
Doch dieses letzte Stück dehnt sich noch einmal endlos.

Mitternacht im Märchenwald
Mit „Kriegsschmuck“, d.h. meinem super Busch & Müller 40-Lux-LED-Strahler habe ich auf der nun nachtdunklen Straße keine Probleme.
Dazu sind auch die Radwege parallel der größeren Straßen sehr gut befahrbar, so dass meine Hoffnung, Venlo heute Nacht vielleicht doch noch zu erreichen, wächst. Kann hier noch etwas schief gehen?
Es wird gegen 23 Uhr sein…
Mein Sträßchen mündet in eine Hauptstraße, „Armin“ zeigt stur geradeaus.
Doch da ist außer Wald nix. Na ja, nachschauen kann ich wenigstens mal.
Tatsache, da ist ein Weg und der führt direkt in den stockfinsteren Wald hinein.
Es ist spät, ich habe überhaupt keine Lust mehr, erneut Umleitungen zu suchen, also muss ich da jetzt wohl noch einmal durch. Dank des guten Scheinwerfers wage ich mich also kurz vor Mitternacht nun noch in diesen Wald. Meine Hoffnung ist, dass die Wälder in den Niederlanden nicht allzu groß sind, dass ich also in Kürze da durch und auf der nächsten Straße sein müsste. Bei Tageslicht wäre das sicher auch so, aber jetzt… Zu allem Übel ist der Weg eine Slalomstrecke, die Regengüsse vom Nachmittag haben riesige Pfützen hinterlassen, durch die ich nun teilweise durch muss. Das ist sozusagen mein dritter Höhepunkt an diesem langen Tag. Mitten im Wald stelle ich dann noch fest, als ich mich für einen bequemeren Weg entschied und plötzlich und an einem Bach mit Wehr stehe, dass ich mich gründlich verfahren habe und wieder zurück zum Hauptweg muss.
Es wird scheinbar immer finsterer, hinter jedem Baum lauert sicher ein Bär, ein Wolf, ein Wildschwein, böse Menschen oder ein Monster…
Gruslig. Aber Angst? Eher nicht, ich habe wieder mal keine Alternative, das Problem muss gelöst werden, das fordert die ganze Konzentration. Und „Armin“ ist fair, dank ihm finde ich tatsächlich aus dem Wald wieder heraus. Da ich nun von derlei Abkürzungen wirklich genug habe, entscheide ich mich für die nächste große Straße, an der ich ein Schild „Venlo 16 km“ entdecke. Endlich kann ich wieder entspannt auf dem Radweg dahin rollen, nur das schleifende und klappernde Geräusch stört etwas, das wird der Schlamm vom Waldweg sein.
Halb eins, finde ich, dass es für heute genug ist. Schlafpause! Ich bin ca. 10 Kilometer vor Venlo, den Rest muss ich nach der Pause, wenn es wieder hell ist, rausholen. Also nehme ich den erstbesten Fleck unweit des Straßenrands, das scheint hier eine Art Plantage zu sein.
Ein Blick zum Nachthimmel, es sind nur wenig Wolken, rasch das Rad an einem Zaun angeschlossen, die Matte ausgerollt und gleich so, wie ich bin, ab in den klammen Schlafsack. Besser als nix… Falls es Regen geben sollte, kann ich mich ja immer noch ins Zelt einrollen.
Erstaunlich, wie sich die Ansprüche auf das notwendige Minimum reduzieren.
Noch eine SMS nach Hause, Dagi ist schon beunruhigt, ein Powerriegel und dann schlafen.
„bin kurz vor venlo. knalle mich jetzt an den strassenrand. gute nacht bis heute abend“
„Bitte morgen früh nochmal Bescheid geben. Gute Nacht.“
Die Vollkornbrote habe ich nun doch entsorgt, ich glaube, davon bekomme ich keinen Bissen mehr hinter.

497,98 km (325,91 km), 0:25 Uhr, 24:34 Std. Netto-Fahrtzeit

Insgesamt dürfte es nun fast die Hälfte der Strecke sein.
Ich bin zwar nicht ganz so weit gekommen wie geplant, aber die heutigen Bedingungen haben mir doch wieder einmal den Unterschied zwischen Planspielchen und der Realität sehr eindeutig klar gemacht.
Nun muss es morgen, d.h. heute Abend klappen, dann MUSS ich bis Witzenhausen kommen, dort wird das Familienteam warten.
Und in Deutschland hoffe ich auf wesentlich bessere Straßen.