Paris – Zweenfurth 2012 / Fakten und Erkenntnisse zur Tour

Fakten und Erkenntnisse zur Tour

Erstaunlicherweise stimmt die tatsächliche Netto-Fahrtzeit weitgehend mit der geplanten Fahrtzeit überein, d.h. ich benötigte letztendlich nur 2 3/4 Stunden weniger als beabsichtigt.
Der Planberechnung hatte ich, wie bei der Vorbereitung geschildert, eigene Erfahrungswerte aus großen Touren zugrunde gelegt und dann diese Werte nochmals unter Berücksichtigung der zu erwartenden Bedingungen und des Gewichtes des Rades angepasst. Für mich ist im Endeffekt erstaunlich, wie gut diese im Ergebnis der Realität entsprachen.
Bei der absolvierten Entfernung entspricht das einem Schnitt von 21,1 km/h. Das ist auf einem Rennrad nicht viel, jedoch ist es hier wie auch bei anderen Langstrecken, dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt ein Stunden-Durchschnitt einpegelt, der sich bis zum Ende kaum noch verändern wird. Es gibt Phasen, in denen man auf Grund der Bedingungen (Wetter, Straßenqualität Belgien, usw.) wesentlich langsamer vorankommt oder gar schieben muss, wie z.B. am „Killerberg“ von Immenhausen, aber auf Streckenabschnitten, wo es optimal rollt, auch zeitweise ein entspannter 30erSchnitt möglich ist.
Nach dem im bikeroutetoaster berechneten Track rechnete ich mit ca. 5.500 Höhenmetern. Tatsächlich belief sich dann nach dem mitgezeichnetem Track, den ich auf gpsies.de gespeichert hatte, die Summe auf 6.700 Höhenmeter. Selbst auf den laut Streckenprofil relativ ebenen Abschnitten von Nordfrankreich bis Paderborn kamen auf Grund der zahllosen kleinen Anstiege schon mehrere Tausend Höhenmeter zusammen.
Durch die bewusst ökonomische Fahrweise stellte das Profil jedoch bis auf zwei, drei Ausnahmen, in denen ich wegen der noch vor mir liegenden Strecke nichts riskieren wollte und das Rad schob, kein Problem dar.
Illusorisch war es, wie ursprünglich beabsichtigt, täglich 4 Uhr zu starten. Zum Einen war es zu diesem Zeitpunkt noch stockfinster, da reichte die Selbstdisziplin dann leider doch nicht aus, zum Anderen erforderte das Zusammenpacken von Zelt, Matte und Schlafsack eine gewisse Zeit, so dass ich schon morgens um ca. eineinhalb Stunden gegenüber dem Plan zurück lag. In Belgien ließ sich diese Differenz, die ich in Frankreich tags zuvor noch als schließlich halbstündigen Vorsprung locker herausgefahren hatte, nicht mehr einholen die Bedingungen ließen das einfach nicht zu. Und auch am dritten Tag war es praktisch nicht möglich, diese eineinhalb Stunden fahrtechnisch wieder gut zu machen.
Sehr begünstigend kam der fast permanent aus westlicher oder südwestlicher Richtung wehende Wind und der zum Glück nur wenige Stunden dauernde heftige Regen hinzu, ich weiß nicht, was bei Gegenwind oder längerem Dauerregen geschehen wäre. Vermutlich hätte ich aufgegeben. Auch Holger als Begleitfahrer am letzten Tag war enorm wichtig für meine Psyche. Erst einmal musste ich ihm aus purem Ehrgeiz zeigen, was bei mir entgegen dem äußeren Eindruck noch ging das pushte ungemein und dann hätte ich mich allein womöglich wesentlich mehr gehen lassen, wäre weniger zügig gefahren, hätte mich mehr ausrollen lassen.
Ernährungstechnisch hatte ich für die gesamte Fahrt gute Vorsätze. Ich weiß es nicht mehr genau, wie viel ich in den ersten beiden Tagen wirklich gegessen habe. Es kann außer ein paar Scheiben Vollkornbrot mit Wurst und Käse, ein paar Äpfeln und Bananen und wenigen Protein-Riegeln nicht viel mehr gewesen sein. Am dritten Tag waren es lediglich zwei Stück Kuchen und ein paar Pommes mit Chicken Mc Nuggets. Die ganze rechentechnische Vorbereitung Kalorienberechnungen etc. waren eigentlich sinnlos. Ich habe zu keiner Minute daran gedacht, bei mir dermaßen kontrolliert für Nachschub zu sorgen, eine Begleitung im Fahrzeug hätte womöglich darauf geachtet und vielleicht wäre ich dadurch maximal auf einen 23er-Schnitt gekommen.
Trotzdem gelang es, mit dieser „Sparfüllung“ 850 Kilometer gut zu fahren und dabei energietechnisch nicht einzubrechen.
Ich hatte unbewusst zwischenzeitlich das Gefühl, dass der Körper nun allmählich auf Reserve und Fettverbrennung umschaltete und ich nun vom körpereigenen Potenzial zehrte, jedoch wirkte sich das nicht so verheerend aus, wie angenommen.
Woran lag das?
Ich fuhr mich „leer“, tat auch nicht viel dagegen und trotzdem gab es keinen Einbruch, der Körper funktionierte bis Witzenhausen, als es dann den großen Nachschub gab, einwandfrei.
Mögliche Gründe dafür: Erstens war mein Körper durch die endlosen Trainingskilometer im Winter und Frühjahr offensichtlich perfekt auf lange Ausdaueranforderungen eingestellt, und zweitens vermute ich, dass der positive Effekt hauptsächlich dem konsequent effizienten Fahrstil (relativ hohe Frequenz, kleine Gänge, nur selten auf dem großen Blatt) unterstützt vom Wind, zu verdanken war. Ich verzichtete völlig auf unnötige Krafteinheiten, welche die verbleibenden Energiedepots so leer geräumt hätten, dass die physische Krise früher oder später eingetreten wäre. Stattdessen schob ich schlimmstenfalls bergauf (zum Ende jedenfalls).
Und drittens habe ich wahrscheinlich (ebenfalls zwar gewollt, aber nicht unbedingt bewusst) im Vorfeld meine körpereigenen Energietanks so optimal aufgefüllt, dass diese Vorräte sehr lange anhielten.
Die Power-Bar-Gels schleppte ich wieder einmal umsonst mit mir herum, diese waren absolut nicht nötig und hätten auch nur kurzzeitig geholfen.
Auch die Dehydration ließ sich erfolgreich vermeiden, ich trank viel den Verhältnissen angemessen, zum Glück war es auch nicht ausgesprochen heiß. Ergänzend kamen die „Zuckerinfusionen“ zwischendurch mit Coca Cola dazu.
Wirklich ernst wäre es geworden, wenn ich die auf den letzten 150 Kilometern immer schlimmer werdenden Schmerzen im Sitzbereich (Druckstellen) ignoriert hätte. Das war ein eindeutiges Signal des Körpers. Bis hierher und nicht weiter! Und dann wären mit Sicherheit dauerhafte Schäden zu befürchten gewesen. So aber war es gut, dass die Tour nach 1.103 Kilometern zu Ende ging. Mehr wäre in dieser Verfassung nicht gegangen, weiter hätte ich aber auch nicht fahren wollen und können.
Faszinierend war es für mich an jedem Morgen, dass sich der Körper nach den wenigen Stunden Schlafpause so gut regeneriert hatte, dass das Weiterfahren überhaupt keine Mühe oder Probleme bereitete.
Ich bin davon überzeugt, auch in Hinsicht auf PBP 2015, dass es für den Körper am Besten ist, die Strategie so zu wählen, dass man sich konsequent ausreichend lange mehrstündige Schlafpausen gönnt. Die Zeit, die man dadurch verliert, kann man am Tag durch schnelleres Fahren wieder gewinnen.
Ebenfalls absolut überraschend war die bis zum Tag vorher und schon einen Tag darauf wieder völlig unvorstellbare Tatsache, dass sich meine Ansprüche und Bedürfnisse so weit reduzierten, so dass ich Nachts nur mit Folie und Schlafsack verschwitzt und schmutzig problemlos unter freiem Himmel schlafen konnte und mir das überhaupt nichts ausmachte.

Orientierung: Karten und Navigation

Ich habe häufig „Armin“ erwähnt. Keine Sorge, ich habe nicht halluziniert und mit imaginären Fremden gesprochen. „Armin“ ist mein GarminNavigationsgerät, Typ Etrex Vista HCL. Das hat in den letzten Jahren sehr zuverlässig bei der Orientierung in fremden Gegenden seinen Dienst getan.
Auch wenn ich dieser Technik lange misstraut habe und der Meinung war, diese würde ich als geschulter Kartenleser nicht benötigen, so habe ich jedoch auch hier meinen bisherigen Standpunkt generell geändert. Gerade an unübersichtlichen Punkten erhöht sich die Sicherheit der richtigen Routenwahl auf fast 100%. In Karten mit großen Massstäben ist es dagegen oft nicht möglich, den weiteren Weg eindeutig zu bestimmen, auf „Armin“ muss man lediglich das Ganze ordentlich heranzoomen, dann ist die Entscheidung sehr einfach.
Selbstverständlich benötigt man auch fürs Navi ordentliches, genaues und detailliertes Kartenmaterial. Das ist, wenn man z.B. die Topo-Karten kaufen würde, unerschwinglich teuer, jedoch ist mittlerweile der Stand der kostenlos im Internet erhältlichen OpenSourceMaps, einem genialen Projekt, so gut, dass man sich vollkommen darauf verlassen kann.
So erhielt ich für Deutschland eine ausgezeichnete Karte, für die Benelux-Staaten gab es ebenfalls tadelloses Material, nur die OSM-Karte von Frankreich ist noch nicht ganz so vollständig. Allerdings täuschte auch da wie so oft der erste Eindruck. Für mich persönlich genügte die Karte und die Realität bestätigte es schließlich auch, das Straßen- und Wegenetz in Frankreich ist etwas dünner als in Deutschland. Wo auf der Karte die Gegend weglos war, gab es in Wirklichkeit auch häufig keinen Weg.
Ich vertraute fast völlig auf „Armin“, fuhr demzufolge auch entsprechend der vorberechneten Route mehrere Male auf nicht ganz rennradtauglichen Straßen oder Wegen, aber mit konventionellen Karten hätte ich wesentlich mehr Zeit und Mühe aufwenden müssen und hätte mich mit Sicherheit viel öfter verfahren. In der Leipziger „Reisefibel“ hatte ich zuvor noch Michelin-Karten (1:200.000) von Nordfrankreich und Belgien zum besseren Überblick gekauft, für Deutschland hatte ich aus meinen recht zuverlässigen „ALDI“-Radkarten herauskopierte einlaminierte Ausschnitte dabei. Das genügte vollkommen, um die Übersicht zu bewahren.
Fazit: Dadurch, dass ich für die Tour zweineinhalb Stunden weniger Nettofahrtzeit als geplant benötigte, keinerlei physische Krisen erlebte, was sich natürlich auch sehr unterstützend auf meine Motivation und Willenskraft und die Bewältigung der kritischen Momente auswirkte, bin ich mir recht sicher, entsprechend der erlebten Bedingungen nichts falsch gemacht zu haben.
Die physischen Nachwirkungen halten sich in Grenzen, abgesehen von 3 Kilo weniger am Abend nach der Tour, einem geringfügigem Ziehen in den Oberschenkeln (nicht schlimmer als nach einer normalen schnellen Ausfahrt) und etwas Hornhaut auf den Sitzflächen.
Interessant und erstaunlich war für mich in den Wochen nach der Tour noch ein gewisser „Nachbrenneffekt“. Ich konnte essen, was und wieviel ich wollte. Mein Körpergewicht blieb fast unverändert.

Abschließende Überlegungen und Ausblick

Auch das intensive Radfahren ist eine Phase, die vielleicht in einmal vorüber geht, genau wie das Bergwandern, welches für mich über 20 Jahre außerordentlich wichtig war. Viele Facetten des Radfahrens Flussradwege, Berg-Rad-Touren, Marathons habe ich mittlerweile ausprobiert, habe meine persönlichen Grenzen manches Mal erreicht und überschritten, habe aber auch festgestellt, wie sich diese mit zunehmend besserer Grundkonstitution immer mehr erweiterten.
Nun bin ich bei 1.000-Kilometer-Touren angekommen.
Vor Jahren war es mir völlig unvorstellbar, dass Menschen solche Distanzen auf dem Rad ohne körperliche und andere Schäden verkraften können. Nun habe ich es mir selbst bewiesen. Es geht.
Wenn ich (theoretisch) den Faden weiterspinne, dann sind mit Sicherheit auch noch größere Distanzen möglich. Aber da ich nun doch ein gewisses Alter erreicht habe und mit einer weiteren Steigerung wiederum Jahre erforderlich wären, ist es praktisch auszuschließen, dass ich in meinem Leben jemals 2.000 oder mehr Kilometer am Stück fahren werde.
1.000 Kilometer solo sind also eine Art selbst festgelegter Grenze.
Diese habe ich erreicht, weiter will ich nicht mehr.
Was also nun?
Nach der Tour hatte ich eigentlich jegliche weitere Solo-Unternehmung in dieser Größenordnung ausgeschlossen. Es war eine Erfahrung, alles Weitere würde vermutlich nichts Neues bringen.
Und zu groß waren der Vorbereitungsaufwand und die Belastungen auch für die Familie.
Sollte sich jedoch die Möglichkeit ergeben, die Familie aktiv zu beteiligen, so wäre mein Wunsch, noch einmal Deutschland von Nord nach Süd auf dem Rad zu durchqueren. Allerdings dann in verträglichen Tagesetappen von bis zu 250 Kilometern und mit Begleitfahrzeug.
So bliebe unter Umständen auch Zeit, um den Tag nicht nur auf dem Rad zu verbringen.
Ein Versuch der Teilnahme an Paris-Brest-Paris 2015 wäre vorstellbar, denn dieses Volksfest, diese Tour-de-Franceähnliche Atmosphäre einmal am eigenen Leib zu spüren, wäre schon sehr reizvoll. Mit PBP 2015 ließe sich sicher auch ein familienverträglicher Urlaub verbinden.
Die Frage, ob es schön war, kann ich nicht eindeutig beantworten. Es war abwechslungsreich, spannend, niemals langweilig, aber nicht immer schön. Es gab trotz allem Zeitdruck, manchmal hatte ich kilometerweit nichts weiter als den weißen Randstreifen vor Augen, weil ich um jeden Preis vorwärts kommen musste. Aber es gab auch wunderbare Augenblicke und Momente der Euphorie. Dann war es wirklich schön.
Was mir von dieser Tour bleiben wird, ist eine verblassende Erinnerung an die Tage, in denen man mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich erhielt. Es bleibt ein Staunen über die Fähigkeiten des eigenen Körpers und des eigenen Willens, der diesen immer wieder in Bewegung halten konnte, es bleiben die Bilder von schönen und weniger schönen Momenten auf der Tour und die Feststellung: „Ich habe es einmal in meinem Leben getan.“
Und letztendlich haften in meinem Gedächtnis auch die Augenblicke dieser Tage, in denen ich besonders intensiv spürte, dass ich lebe. Das klingt pathetisch, doch es ist wirklich ein tolles Gefühl.