D N-S 2014 / Walsrode – Göttingen

Dienstag, 19.08.2014
Das Frühstück war gut und reichlich. Und als wir starten, ist sogar eine Spur von Sonne zu sehen. Meine Knieschmerzen haben sich auf ein leicht unangenehmes Gefühl reduziert, dem kann ich mit einer Ausgleichbewegung recht gut aus dem Weg gehen.
Wir kommen also gut voran, abgesehen vom heftigen Regenguss nach 50 Kilometern vor Hannover scheint wirklich alles gut zu werden. Der Wind hat auch etwas nachgelassen, er weht zwar noch etwas lästig von Südwest, aber das ist auszuhalten.
Thomas Überschuhe sind zerrissen, in Garbsen an einem Radladen halten wir, zum Glück ist es in dieser Viertelstunde trocken. Der nette Verkäufer ist von unserem Vorhaben begeistert und sponsort uns noch ein paar Energieriegel.
Und meine Frauen sind schon auf dem Weg nach Thüringen… Dort scheint die Sonne!!!
Der große Regen beginnt nach der nächsten Pause in einer Konditorei in Pattensen. Es fällt schwer, nach dem heißen Kaffee und dem leckeren Kuchen hinaus in die Nässe zu müssen. Aber wir haben erst 95 Tageskilometer abgearbeitet und wollen, wenn es geht, wenigstens bis ins Werratal kommen. Radfahren ist zur Zeit also mehr eine Leidenschaft, die Leiden schafft.
Leiden wir? Zugegeben, es könnte uns derzeit ein wenig besser gehen. Die Knie schmerzen wieder, vermutlich infolge der Überanstrengung bei diesen Bedingungen. Sie vertragen die Kälte und Nässe nicht.
Die Leipziger Ultrasportlerin Elisabeth Schwibs hatte da wesentlich mehr Glück. Sie hat sich einige Tage vor uns auf den Weg von Flensburg nach Garmisch gemacht.
Wie wir ihre Tour anhand des Live-Trackings nachverfolgen konnten, gelingt es ihr auch tatsächlich zügig, sich bei gutem Wetter bis in den Süden durchzuschlagen. Aber sie hat ja zudem auch das All-Inklusive-Paket mit Begleitfahrzeug gebucht. Na ja.
Wir haben großen Respekt vor dieser Leistung, das Ganze in über 62 Stunden solo zu finishen. Mit unserem Spar-Angebot brauchen wir da wohl eine Weile länger und gutes Wetter war da leider auch nicht mit drin.
Was treibt uns aber nun dazu, nicht aufzuhören? Außer den spritzenden Regentropfen, tief hängenden Wolken, grauen Feldern, Wiesen und Hügelsilhouetten sieht man von der Landschaft, die wir durchqueren, nicht viel. Es macht keinen Spaß, das steht fest, stur über den Lenker gebeugt, die Kilometer von Pattensen durch das Leinetal bis Göttingen bei diesem Novemberwetter abzuspulen. Die dehnen sich endlos. Eigentlich wollten wir schon viel weiter sein, aber auch die kleinen und größeren Päuschen und Pausen halten auf, fressen Zeit. Und Energie – denn steht man, friert man…
Warum machen wir aber weiter?
Der sportliche Ehrgeiz steht, zumindest bei mir, mittlerweile an nachgeordneter Stelle. Auch den Gedanken, die Tour noch in 80 Stunden zu finishen, habe ich ein wenig in den Hintergrund geschoben. Wir „hängen“ nun schon fast 100 Kilometer hinter dem Plan. Und dass es so schlimm kommt, konnte Keiner ahnen.
Jedoch ein Gedanke treibt weiter. Wir sind jetzt hier und haben in diesem Jahr nur eine Chance, diese Deutschland-Tour zu machen. Wenn wir also jetzt wegen des blöden Wetters aufgeben, wird der Frust am Ende umso größer sein. Es kann nur besser werden! Und wer würde nach den vielen schon überstandenen üblen Stunden im Sattel gern auf die hoffentlich tolle Zieleinfahrt in Garmisch verzichten?! Dann wäre ja dieser Kampf gegen den inneren Schweinehund umsonst gewesen.
Viele Kilometer später, nach meiner Bergauf-Knieschon-Schiebe-Einlage, einem Platten an Thomas‘ Hinterrad bei Einbeck im strömenden Regen und einem allmählich zerbröselnden Schaltzug wird der Kampf und Krampf immer stärker. Wahnsinn, woher diese Massen an grauen Wolken aus Westen immer wieder kommen? Es muss sich doch auch einmal abgeregnet haben!
Endlich Göttingen – wenigstens Göttingen. Halb sieben Uhr abends – Kaffeepause im REWE. Als wir den verlassen, glänzt eine große Pfütze dort, wo ich saß. Nix wie weg hier. Aber draußen packt uns plötzlich der Schüttelfrost so heftig, dass wir ins erstbeste Hotel flüchten. Eine 4-Sterne-Absteige,
Best Western… Na ja. Eigentlich nix für uns, aber es gibt nichts und niemanden, der uns, egal, was es kostet, von hier wieder vertreiben könnte.
Sogar eine Heizung haben die hier! Und ne Dusche… Na gut der Spaß kostet uns am Ende auch 115,- EUR, aber mehr geht heute nicht. Schlimm die Vorstellung, sich jetzt so durchnässt und durchfroren wie wir sind, in der Kälte wieder auf die Socken zu machen und noch ewig eine Unterkunft zu suchen. Es ist nicht vorstellbar, die nächste Nacht in einem Bushäuschen oder im Wald zu verbringen. Soooo hart sind wir nun auch nicht.
Morgen ist ein neuer Tag und es kann ja nur besser werden… (Dachten wir gestern auch – und es kam schlimmer.)
Mit wenigen geübten Griffen verwandeln wir das schnuckelige Hotelzimmer in eine Art von Tropfsteinhöhle. Die Heizung wird voll aufgedreht, die Fenster werden weit aufgerissen… Nach wenigen Stunden hat es sich ausgetropft, die Luft wird trockener. Nur der etwas strenge Geruch bleibt hängen. Nach uns möchte ich nicht unbedingt dieses Zimmer beziehen.
Das italienische Restaurant mit seinem guten Essen versöhnt schließlich auch mit diesem zweiten Tourtag, an dem wir nur 196 Tageskilometer schafften.