D N-S 2014 / Göttingen – Uffenheim

Mittwoch, 20.08.2014
Es regnet nicht. Blauer Himmel, ein Schein der aufgehenden Sonne!!!
Thomas übt sich im Kopfrechnen und stellt Überlegungen an, wie wir vielleicht doch noch in der Zeit bleiben könnten. Wenn man heute über 300 und morgen 400 Kilometer fahren würde…
Vier???!!!! Hundert???!!! Das fahre ich gerade mal so im ausgeruhten Zustand!
Sein Grinsen sehe ich zu spät… Er macht seine Späßchen und ich steige auch noch voll drauf ein 🙂
472 Kilometer haben wir – das ist nicht einmal die Hälfte der Gesamtdistanz. Aber 700 sind es nun auch nicht mehr.
Das Frühstück im Hotel ist üppig, wir stopfen hinein, was geht – „lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt“ – versuchen dann die Bemerkung der Rezeptionsdame, es würde wieder einen feuchten Tag geben, möglichst zu ignorieren und starten 7.20 Uhr in den dritten Tourtag.
Heute sollte doch etwas gehen – zudem muss das Frühstück abgearbeitet werden!
Meine Mädels haben im Bungalow auf dem Camp bei Suhl auch wesentlich besser übernachtet als an den letzten Tagen, sie sind auf dem Weg nach Nürnberg.
Es dauert ein wenig, ehe wir Göttingen verlassen haben, aber dann rollen wir mit gutem Tempo weiter nach Süden. Im Sonnenschein!!! Welchen Wetterbericht hatte denn die Rezeptionsdame da zur Hand? Oder ist es nördlich von uns immer noch so katastrophal kalt und nass?
Schnell kommen wir den grünen Hügelketten des Eichsfeldes näher, mit dem schönen Wetter schweigen auch langsam meine Knie, selbst die ersten Anstiege sind plötzlich kein Problem mehr. Und bei diesem Licht lässt es sich so richtig in den Farben und Formen der Landschaft schwelgen. Wir erreichen Thüringen, nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen das vierte Bundesland auf unserer D N-S 2014. Wunderschön sind die Hügel des Eichsfeldes mit seinen stillen Straßen, den grünen Wäldern und den Burgen. Dann das Werratal, wir begegnen einigen Reiseradlern und die geschmückte Fachwerkaltstadt von Bad Sooden ist eine Fotopause wert.
In Erinnerung bleibt auch der freundliche Fernradler mit schweizer Akzent, der uns Minuten lang eine gute Abkürzung bis Eschwege empfiehlt. Und dann sieht er unsere Räder – Na ja, mit Rennrad… Wohl doch besser nicht. Trotzdem noch ne schöne Tour!
Um die Mittagszeit folgt dann erneut eine lange Abfahrt ins Werratal, von hier sieht man sogar schon den markanten Inselsberg mit seinem Turm, der sich hoch über den Gebirgskamm des Thüringer Waldes erhebt. Wir fahren unter der großen Brücke der A4 hindurch, kurz nach der Wende gab es die noch nicht, da musste sich der komplette Fernverkehr hier über die engen Talstraßen quälen.
Und es ist doch ein tolles Gefühl, wenn man darüber nachdenkt, dass wir trotz aller Widrigkeiten auf dem Rad von Flensburg im hohen Norden bis hier in die Mitte Deutschlands vorgedrungen ist.
Wir haben die Flussschleife bei Mihla abgeschnitten und halten in Berka an einer Bäckerei. Lecker Kuchen, Kaffee – das alles zu Friedenspreisen und dazu noch eine unheimlich nette Bäckersfrau, die sogar unsere Trinkflaschen abwäscht und neu füllt.
Leicht euphorisch kürzen wir nach der Rast in der Mittagswärme durch allerlei Suhls (Wünschensuhl, Marksuhl) die nächste Werraschleife ab und landen fast direkt vor dem Radhändler in Bad Salzungen. Dort kann Thomas endlich seinen Schaltzug reparieren lassen.
Weiter geht es nun auf kleinen Straßen und festen Schotterwegen entlang der Werra parallel zur großen Bundesstraße bis Meiningen. Hier wollten wir eigentlich gestern schon sein, jetzt ist es 16 Uhr. Wir haben fast einen Tag Verzug. Eine Nachtschicht werden wir heute wohl doch machen müssen. Aber die Pause auf dem sonnenwarmen Markt inmitten der fein restaurierten Altstadt bei Original Thüringer Rostbratwurst und einem Bierchen muss sein. Der nächste Erinnerungssplitter: zwei Bratwurst-Stände direkt nebeneinander! Links der kommerziell wirkende „Edel“-Stand. Rechts daneben eine etwas abgewrackt wirkende Bude. Aber der Chef hat es drauf. Kaum bemerkt er, dass wir auf Bratwurst scharf sind, spricht er uns auch schon an, verwickelt uns nett und freundlich ins Gespräch und verkauft uns selbstverständlich nebenher noch Bierchen und Bratwurst. Clever ist er, hat ein paar seiner Kumpels vor dem Stand postiert und wie das so ist, gehen die Leute instinktiv dort hin, wo schon Leute stehen. Sein Laden brummt also, während der kommerzielle Nachbar in der Zwischenzeit gar nix verkauft. So ein Spaß…
Gestärkt wird anschließend der Berg zum ehemaligen Grenzübergang Henneberg in Angriff genommen. Es geht lange bergauf in die Rhön, bis wir 17.08 Uhr auf ca. 500 Metern Höhe die bayrische Grenze erreichen. Das letzte Bundesland auf unserer Reise!
Die nächsten Städtchen entlang der Fränkischen Saale Mellrichstadt, Bad Neustadt und Münnerstadt erleben wir quasi im Vorbeiflug. Ganz sacht fällt das Tal nach Süden ab, das sorgt für ein ordentliches Tempo. Noch ein kurzer straffer Anstieg und eine schnelle Fahrt auf der Hochebene, dann befinden wir uns mit Beginn der Dämmerung schon westlich von Schweinfurt und haben ca. 230 Tageskilometer in den Beinen.
Meine Frauen sind bei Nürnberg, ihnen geht es bestens und wir selbst wollen jetzt noch ein ganzes Stück weit kommen.
Einige Minuten später rollen wir am Main entlang in die Dunkelheit. Der Gastwirt mit dem ADFC-Schildchen im Fenster verweigert uns gegen halb zehn ein Abendbrot – so eine Pfeife, dabei hätte es ein Spiegelei oder eine Bratwurst auch getan, aber drei Kilometer weiter bekommen wir glücklicherweise noch einen Teller Nudeln mit Pfifferlingen. Nur in der Kommunikation gibt es wegen dem hessischen Dialekt der freundlich distanzierten Wirtsleute (oder verstehen die unser sächsisch angehauchtes Deutsch etwa auch nicht?) einige Verständigungsschwierigkeiten. Aber sinngemäß erschließt sich dann irgendwann, was wir wollen. Die Distanz löst sich sogar ein wenig, als wir die kleine Neugier der Wirtin befriedigen und ihr erzählen, weshalb wir ausgerechnet um diese späte Tageszeit in diesem unauffälligen Aufzug hier herein geschneit sind. Ich vermute mal, dass das leichte Kopfschütteln und Schmunzeln der Frau ihre wahren Gedanken über uns arme Irre nicht verrät. Zumindest gibt es noch ein „gute Fahrt“ auf den Weg.
Dumm ist nun auch, dass der geplante Flussübergang per Fähre erfolgen sollte. Aber die Fähren haben schon längst Feierabend, es ist mittlerweile halb elf Uhr. Also fahren wir auf der diesseitigen Flussseite weiter, müssen noch eine Anhöhe mitnehmen und erreichen über eine Art Halbinsel, die von einer Mainschleife gebildet wird, die einzige Brücke weit und breit in Volkach. Im Dunkeln sind die Lichter im Tal beiderseits unseres Hügels ein ganz besonderes Erlebnis. Von Volkach über Kitzingen bis Marktbreit nehmen wir nun die kürzeste Strecke. Infolge der späten Stunde ist der Autoverkehr auf ein erträgliches Minimum reduziert, so dass wir noch recht rasch vorwärts kommen und Marktbreit gegen Mitternacht erreichen.
Nun geht es wieder aufwärts. Auch hier lassen wir uns auf keine Experimente ein und nehmen die ausgeschilderte Route auf der nächtlich ruhigen Bundesstraße nach Uffenheim, um Sucherei und Irrwege in den kleinen schlafenden Dörfern zu vermeiden. Die Dunkelheit hat den Vorteil, nicht erkennen zu können, wie steil und weit der nächste Anstieg wirklich ist. Man kurbelt und kann kaum ein Gespür dafür entwickeln, wie schnell man eigentlich ist. So kommt es auch, dass wir gefühlte Stunden auf ein paar Windräder mit Flugzeugwarnleuchten zu fahren und diesen nicht wirklich näher kommen. Die Kilometer werden immer länger und die Müdigkeit nimmt zu. Und endlich sind wir auch an den Windrädern vorbei…
Besser ist es jetzt aber, sich langsam in der Nähe ein geeignetes Fleckchen zu suchen, wo man die Nachtstunden bis zum Morgen im Schlafsack verbringen kann. Nach kurzer Suche bietet sich gegen 1:30 Uhr am Ortsrand von Uffenheim eine kleine Wiese an der Straße an. Nix wie in die „Federn“. Nach dem heutigen Tag mit 312 Kilometern sollten wir nun doch eigentlich gut schlafen können. Doch scheinbar haben die Taxifahrer Süddeutschlands hier ein Meeting, jedenfalls registrieren wir im Halbschlaf mehrmals, wie Taxis hier umdrehen, anhalten, Türen knallen und vermutlich die rasante Dorfjugend von der Disco zurück zu Hause abliefert. Dazu wird es empfindlich kalt, auch im Schlafsack schüttelt es Einen leicht, so dass es doch schöner ist, als endlich der Morgen graut.