D N-S 2014 / Uffenheim – Garmisch-Partenkirchen

Donnerstag, 21.08.2014
Die komplette Gesamtlänge lässt sich im Moment schwer schätzen. Die kann irgendwo zwischen 1043 und 1100 Kilometern liegen. Heute gegen 15 Uhr wollten wir nach Plan eigentlich in aller Ruhe in Garmisch einrollen. D.h. ursprünglich war Donauwörth als Tagesziel gestern geplant, das ist aber noch ein ganzes Stück weg, auch wenn wir mit der Nachtschicht wieder ein paar Kilometer aufgeholt haben. Und wenn wir heute das Ziel erreichen wollen, müssten wir also irgendetwas zwischen 260 und 315 Kilometer schaffen. 260 scheint realistisch, 315 schlimmstenfalls bedeuten vielleicht eine zweite Nachtschicht. Niemand von uns weiß, welche Berge heute lauern. Innerlich richte ich mich also auf ca. 280 +/- 10 km ein.
Wenige Kilometer nach dem Start lauert schon der erste wirklich heftige Anstieg in die Fränkische Alb hinauf. Thomas ist eisern, er fährt den hoch, da kann bei mir keine Rede mehr von sein. So muss er leider warten, bis ich schwitzend an ihm vorbei schiebe und erst wieder aufsteige, als es oben auf der Höhe sanft weiter geht. Hier befindet sich übrigens gleich in der Nähe die Altmühlquelle. Dann rollt es wieder rasch entlang der oberen Altmühl. Wir frühstücken angenehm in der Bäckerei in Leutershausen, haben unseren Spaß an den deftigen Dialogen zwischen der Bäckerin und den einheimischen Handwerkern und geben mit der neuen “Tankfüllung” gen Herrieden und Wassertrüdingen wieder ein wenig Gas.
Es geht wellig auf und ab, im Sonnenlicht ist alles schön hier, die weite Hochfläche, die Wälder und schließlich auch Oettingen am Kraterrand des Nördlinger Ries. Die Luft ist klar, das Licht und die Farben entsprechend kräftig und intensiv. Herrlich!
Der Abstand zur nächsten Pause ist mit 80 Kilometern jedoch ziemlich groß, so dass es durch das weite Rund des Riesenkraters und dann hinab nach Donauwörth allmählich etwas schleppender wird. Umso willkommener ist gegen Mittag die Pause beim Chinesen in Donauwörth. 120 Kilometer haben wir jetzt geschafft, noch schätzungsweise 160 Kilometer liegen bis zum Ziel vor uns. Auf dem Navi sieht das Profil recht bergig aus, na schaun mer mal… Das Essen ist gut und üppig, über die einzigartigen hygienischen Zustände im hinteren Bereich der Lokalität breiten wir besser den Mantel des Stillschweigens.
Danach rollen wir über die Donau und im weiten Lechtal entlang in Richtung Augsburg. Bei einer kurzen Rast zum Getränkenachkauf meint eine junge Frau, die den Leuten an ihrem Stand irgendwelche absonderlichen Dinge verkaufen muss, dass wir in kurzer Zeit schon die Dritten sind, die hier vorbei fahren und Deutschland von Nord nach Süd durchqueren. Das flache Tal des Lechs scheint für Fernradler offensichtlich eine Art Einflugschneise in die Alpen zu sein.
Ohne Anstiege, allerdings auf zunehmend dichter von Autos befahrenen Straßen nähern wir uns Augsburg. Die Stadt selbst, die wir in den östlichen Randbezirken umgehen wollen, was aber trotzdem nicht ohne einiges Suchen möglich ist, hinterlässt einen eher negativen Eindruck, die Radwege sind katastrophal, aber wegen des Verkehrs ist das Benutzen der Straße lebensgefährlich. Und auch die extrem stark befahrene Ausfallstraße nach Süden bis Mehring ist nervend.
Am Nachmittag machen wir deshalb noch einmal in der Sonne eine Kaffeepause am Supermarkt.
Als ich dann schon draußen unterm Sonnenschirm sitze und an meiner Käselaugenstange mümmele, kommt Thomas schließlich auch zufrieden mit seinem Kaffee und Kuchen. Er pendelte drinnen ein wenig unentschlossen hin und her, während auf der anderen Thekenseite aufmerksam die nette Verkäuferin hinterher wieselte und ihn verfolgte… Muss wie im Kino gewesen sein.
Es ist jetzt richtig warm, das verbessert die Laune enorm und damit sieht es in Bezug auf den noch vor uns liegenden restlichen Abschnitt bis zum Ziel wirklich gut aus. Es ist gegen 17 Uhr und theoretisch müssten es nun nur noch 100 Kilometer sein. Das sollten wir doch schaffen…
Nach der Pause fahren wir glücklicherweise auch wieder auf ruhigen kleinen Landstraßen südostwärts zum Ammersee. Auch hier bleiben die befürchteten Berge aus, es geht wellig weiter. Und dann, halb sieben Uhr abends, kurz vor dem großen See, ungefähr auf der Höhe Münchens steht die “1000” auf dem Fahrradcomputer. Ein Selfie muss jetzt sein.
Zudem haben wir eben am Horizont die Alpen erblicken können.
Wahnsinn – von der See in die Alpen per Rad. Das hebt die Stimmung! Ja da kommt Freude auf…
Am Westufer des Ammersees entlang ist die Fahrt dann eher nicht das ganz große Vergnügen, die Bayern fahren schnell, zu schnell, zu aggressiv, selbst die Polizei überholt an der unmöglichsten Stelle, und es gibt ganz eindeutig zu viele Autofahrer!
Aber so richtig schlimm ist das alles angesichts des schon in Sichtweite befindlichen Ziels nicht mehr. Kurz vor Weilheim scheint man E.T. zu suchen – die Erdfunkanlage, riesige glänzende Spiegelteleskope vor dem Hintergrund der dunklen Silhouette der Alpen sind ein bemerkenswerter ungewöhnlicher Anblick. SETI lässt grüßen. Und da hinten, das muss wahrscheinlich die Zugspitze sein.
Bis Murnau kurbeln wir nun doch noch lange bergauf, es dunkelt. Noch ca. 25 Kilometer im Dunkeln. Anruf bei Dagi – wir könnten in maximal zwei Stunden da sein. Noch eine kurze Rast bei McDoof, danach Schußfahrt in der Finsternis ins Loisachtal. Nächste Erkenntnis – nicht illuminierte Jogger auf finsteren Radwegen sind eine extrem hohe Unfallgefahr.
Und als der Radweg nach Garmisch durch den finsteren Wald zu verlaufen scheint, zum Verirren regelrecht einlädt und zudem offensichtlich noch geschottert ist, ist die Entscheidung recht einfach. Wir nehmen die Bundesstraße. Dass das aber auch seine durchaus lebensgefährlichen Tücken hat, spüren wir etwas später, als Thomas von einem aggressiv überholenden Autotransporter fast von der Straße gedrängt wird.
Ab Farchant wird es auf unserer Nebenstraße dann ruhiger, die Bundesstraße verläuft durch einen für Fahrräder gesperrten Tunnel. Und über allem strahlt wie ein glühendes Auge das Licht der Bergstation der Zugspitze.
“Markt Garmisch-Partenkirchen”, 22.47 Uhr!
Wir sind da!!! Es ist geschafft!!!
296 Tageskilometer haben wir heute absolviert.
Die 80 Stunden haben wir nicht einhalten können, aber das soll uns mal jetzt nicht verdrießen. Als wir 10 Minuten später vor unserer Ferienwohnung einrollen, begrüßen uns meine Frauen mit der La Ola und hängen uns Medaillen um.
Wir haben es geschafft, haben nicht aufgegeben und vor allem – wir sind GESUND hier angekommen. Das ist die Hauptsache.
Dass wir ohne Hotel, bei besserem Wetter viel weniger Stunden gebraucht hätten, ist völlig nebensächlich. Und, blendet man die ersten beiden Tage aus, hat es wirklich auch Spaß gemacht und es war ein sehr schönes Erlebnis!
Auf dem Fahrradcomputer stehen 1078 Kilometer mit einer Netto-Fahrtzeit von 48:25 Std.
Die Brutto-Fahrtzeit von 88 Stunden sind den längeren Pausen und Hotelaufenthalten geschuldet, diese lassen sich also ohne Weiteres bei normalem Wetter auch um Einiges reduzieren.