PBP 2015 – 1. Teil

PBP 2015-1

Start und erste Nacht

Gegen 13 Uhr kommen meine Mädels und ich auf dem Camp an.
Die Räder und Taschen sind bereits dort, Thomas hat gestern bereits alles per Auto mitgenommen.
Wir packen noch einmal alles, befestigen die Startnummern am Rahmen. Längere Zeit verbringen wir dann auf dem Platz am Velodrome, wo sich die Randonneure aus aller Welt allmählich sammeln. Da wird Einiges geboten…

16 Uhr erfolgt schließlich der Start der 80-Stunden-Gruppe. Unser Countdown läuft…

Der erste Start, die 80-Stunden-Gruppe mit u.a. Olaf Hilgers, ist 16:00 Uhr – auf dem Platz am Velodrome ist ein Wahnsinns Getümmel, wie bei der Tour de France – sehr
beeindruckend.
Es starten ab jetzt immer 300 Fahrer im 15 minütigen Abstand
Für uns wird es ernst – wir packen, bringen alles Nötige am Rad an, ziehen unser ARA Deutschlandtrikot an und – am Ende ist die Zeit fast zu knapp für einen Abschied von den Familien, wie wir und so zeitig in die Startgruppen einreihen müssen (klappt aber noch)

Wir gehen, um unsere Räder zu holen und wollen uns noch einmal kurz mit Thomas‘ Vater und meinen Mädels treffen.
Aber schneller als erwartet werden wir von den Ordnern mit unseren Rädern gleich in die Startbereiche geschickt. Das ist ein wenig schade, denn so bleibt keine Gelegenheit, dass wir uns von den Familien gebührend verabschieden können.
Aber sie sind clever, haben schnell registriert, dass wir uns schon in der Startgruppe befinden und stehen dann gut platziert im Spalier der Zuschauer und geben uns noch herzliche Wünsche mit auf den Weg.
Thomas war übrigens bereits gestern beim Treffen und Fotoshooting der deutschen Randonneure dabei, während ich meine Mädels vom Bahnhof Paris l’Est abholte.

Samstag 17:00 Uhr fand das Treffen der dt. Radler zum Mannschaftsfoto statt. Es versammelten sich geschätzte 400 Radler. Ungefähr eine Stunde lang gab es kleine Ansprachen, moderiert von Reiner Paffrath, die Brevetorganisatoren aus den verschiedenen Bundesländern wurden vorgestellt, Und Friedhelm Lixendorf, der Grandseigneur der Szene, spricht 15 Minuten in unnachahmlicher Art.

Der jüngste deutsche Teilnehmer ist 19 Jahre jung, Friedhelm mit seinen 84 Lenzen ist der wohl auch international älteste Fahrer.

Ich bin noch auf der Suche nach der Euphorie, als wir weit am Ende, fast als die Letzten unserer Startgruppe langsam durch den Startbogen rollen.

Wir befinden uns fast ganz hinten, wollen uns aus dem nervösen Start Getümmel heraushalten – nicht in Unfälle verwickelt werden.

Nur die indische Gruppe hat sich mit einem asisatisch-diplomatischen Lächeln hinter uns platziert.
Da sind unsere Familien, Thomas Vater, meine drei Frauen, ein Lächeln, noch einmal gewinkt, dann sind wir schon an ihnen vorbei.
Wir rollen durch den Kreisverkehr am Velodrome, nehmen allmählich Fahrt auf, ringsum jubelnde, applaudierende Zuschauer, sind die etwas alle wegen uns da???
Es ist kaum zu fassen. Ja gibt es denn so etwas???

Ein schönes Gefühl, die Aufregung steigt, noch zwei Startblöcke im Wartebereich, noch einer, dann dürfen wir „hoch“ in den Startbereich. Abschied von den Familien, noch ein paar Fotos ein letztes Winken, dann geht’s über die Startlinie 18:30 Uhr, die Zeit läuft, wir sind unterwegs, Gänsehaut, so viele Leute jubeln uns (UNS) zu, wünschen eine gute Reise, applaudieren – wir sind überwältigt, den Tränen nah, vor Rührung – Wahnsinn!!! Das ist Paris Brest Paris

Es findet nur aller 4 Jahre statt und man hat das Gefühl, dass nicht nur die Radler danach lechzen, sondern auch die Bevölkerung.

Immer wieder rufende, klatschende, motivierende Zuschauer am Straßenrand, deren „Bonne Route“, „Bon Courage“, „Allez allez“ klingen in uns lange nach, begleiten uns in den nächsten Stunden.
Ein Kribbeln breitet sich im ganzen Körper aus, Gänsehaut.
Wir sind on Tour, wir haben die „Monstretour à Brest et retour“ begonnen.

In nackten Zahlen ausgedrückt liegen 1230 Kilometer und über 10000 Höhenmeter vor uns.

Also nur keinen Sturz jetzt riskieren, nicht zu nah an die Kante drängen lassen, aber auch nicht zu viel Tempo verlieren, sondern an der Gruppe dran bleiben.
Wie immer ist es nach längerem Zeitraum für mich etwas gewöhnungsbedürftig, mich an die durch die Gepäcktaschen etwas veränderten Balance-Verhältnisse auf dem Rennrad zu gewöhnen. Die Last bremst aus, ich komme mir relativ langsam vor.
Aber wir haben 90 Stunden Zeit. Die sind bezahlt, die wollen wir auskosten. Es geht nicht um Tempo. Durchhalten, gesund ins Ziel kommen – das zählt. Und wenn möglich, wollen wir PBP genießen.
Ein erster Unfall in einem Kreisverkehr, ein Asiate, vielleicht ein Japaner, hat die Bordkante touchiert, er muss etwas unsanft aus dem Sattel – doch er hat Glück, mit einem Lächeln steigt er sofort wieder auf…
Das Gelände außerhalb der Pariser Vororte ist leicht wellig, für den Anfang lässt es sich zumindest schon sehr angenehm zu fahren.

Kleine Wälder, Felder, Wiesenlandschaften wechseln einander ab, als wir in den ersten Abend hinein fahren.
Das Wetter kann nicht besser sein. Der Himmel ist bewölkt, die Sonne hat jedoch auch ihre Chance, was kann es Schöneres geben, als an solch einem Tag Rad zu fahren.
Und der Wind ist unser Freund, er hält sich angenehm zurück oder weht leise aus Nordost.
Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben, wird PBP eine „Weichei“-Tour?
Nein wohl eher nicht, wir sind der Meinung, dass wir uns das nach den Härten der Qualifikations-Brevets verdient haben.
In einer endlosen Kette von Randonneuren aus aller Welt fahren wir nun in angemessenem Tempo gen Westen.
Während wir nun Kilometer für Kilometer fressen, stellt sich auch wieder das erwartet sichere Gefühl auf dem Rad ein. Die Last am Hinterradgepäckträger ist nicht mehr zu spüren. Es rollt.
Da ist Karl Weimann, wir überholen ihn winkend an einer leichten Abfahrt. Prima, der Haudegen hat es trotz seines Unfalls im Frühjahr geschafft, hier wieder dabei zu sein.
In den Dörfern immer wieder Menschen, die uns zujubeln.

Langsam wird es dunkel, etliche Randonneure machen an kleinen Läden oder Restaurants die erste Pause. Aber wir wollen weiter.
Lieber etwas langsamer fahren, die Körner aufsparen, dafür aber kürzere und etwas weniger Pausen machen. Das ist unsere „Strategie“.
Trotzdem überholen wir, zeitweise fahren wir in einer kleinen Gruppe mit einem angenehmen 25er-Schnitt, vor allem viele Asiaten. Die Inder haben den Mundschutz angelegt, die kühle Abendluft wird ihnen jetzt schon zu schaffen machen.
Und bei dem ungewöhnlichen Bummel- & Sprint-Fahrstil Mancher fragen wir uns, wie die wohl diese Strecke durchhalten können und wollen.
Erste kurze Rast nach 70 Kilometern, wir scheren aus der Reihe aus. Trinken, Essen. Wieder Einreihen…
Das ist der erste starke und unvergessliche Eindruck auf dieser Tour.
Bis an den Horizont über Wellen und Hügel zieht sich eine endlose Kette von roten Rücklichtern. Dreht man sich um, so erblickt man eine ebenso endlose Kette von gelben und weißen Scheinwerfern.
Eine Lichterkette, die von Paris bis Brest zu reichen scheint.

Das Kribbeln ist ganz gewaltig – wir sind zwei winzige Teilchen in diesem Lebewesen, welches hier über die kleinen Straßen Frankreichs durch die Dunkelheit gen Westen zieht. Wir sind dabei!!!

Es ist stockfinster, als wir kurz vor Mortagne au Perche am linken Straßenrand einen Radler liegen sehen. Helfer kümmern sich um ihn, betten seinen Kopf in eine bessere Position… Hoffentlich ist ihm nichts Schlimmeres zugestoßen.

KM 120 – ein Radler liegt am Boden, wird am Kopf und Hals von anderen „behandelt“ – wenn man das sieht wird einem mulmig

0.30 Uhr Mortagne au Perche. Wir sind in der Startgruppe L, etliche aus den M- und sogar schon den P- und S-Gruppen haben uns bereits überholt, aber hier treffen wir auch viele aus G, H, J, K…
Das große Feld vermischt sich…
Die letzten Hügel haben mir schon Einiges abverlangt. Zum Glück gibt es hier ein kleines Restaurant, wo wir halten. Trotz der vielen Randonneure haben die Leute drinnen den Laden im Griff und wir bekommen ohne langes Warten eine Art Kebap im Fladenbrot.

140 Kilometer, Rechnen ist noch nicht angebracht.

Aber zumindest sollte ich darüber nachdenken, wie es weitergehen soll.
Ja zugegeben, ein wenig haben wir uns von der Euphorie anstecken lassen und ziehen lassen, sind für meine Fähigkeiten etwas zu zügig die Hügel hinauf gefahren.
So wie ich mich kenne, ist schnell Schluss bei mir, wenn das so weiter geht. Aber Thomas wäre nicht Thomas, wenn er nicht in seiner Kompromissfähigkeit, die ich so an ihm schätze, ohne Umschweife auf meine Befindlichkeiten eingehen würde und wir anschließend etwas Tempo heraus nehmen. Auch wenn es in der Finsternis nun kaum noch einzuschätzen ist, wie schnell oder langsam wir uns vorwärts bewegen, so können wir angesichts derer, die sich schon jetzt wesentlich mühsamer als wir die Anstiege hinauf schinden und Schlängellinien fahren, erkennen, dass wir wohl noch ganz gut unterwegs sind. Nach der „offiziellen“ 90-Stunden-Strategie sollte man die erste Nacht durchfahren und erst am späten Abend in Carhaix eine Schlafpause einlegen. Das werden wir nicht schaffen. Irgendwann in der Nacht wird die Müdigkeit so groß, dass wir uns abseits der Straße in eine Einfahrt setzen und eine halbe Stunde schlafen wollen. Das klappt erwartungsgemäß nicht, die Aufregung, die unbequeme Sitzhaltung, die kühlen Temperaturen…
So sehen wir also zu, wie ununterbrochen die Randonneure mit ihren starken Scheinwerfern auf der Straße vorbei rauschen. Trotzdem fühlen wir uns erholt und konzentriert, als wir uns schließlich wieder einreihen.

Der Morgen dämmert, als wir gegen 6 Uhr Villaines la Juhel erreichen. Zeitlimit ist für uns hier 9.10 Uhr, d.h. wir haben auf den ersten 220 Kilometern trotz Pause drei Stunden Zeitpuffer heraus gefahren.
Unser Plan beabsichtigt, dass wir uns einen durchschnittlichen Puffer von 5 bis 10 Stunden verschaffen wollen, um in den Nächten entsprechend auch längere Schlafpausen machen zu können. Die erste Nacht haben wir nun schon irgendwie überstanden, trotzdem sind uns drei Stunden geblieben. Beruhigend, denn wir hoffen, im Laufe des kommenden Tages wieder Einiges herausfahren zu können. Wir passieren den Bereich, wo sich die Begleitfahrzeuge aufhalten dürfen, die Begleiter stehen Spalier und erwarten ihre Fahrer. Die Stadt an sich schläft noch, aber im Kontrollbereich und an der Verpflegungsstelle herrscht ein großes Durcheinander.

Die Kontrollpunkte sind sehr voll, zunächst muss man das Rad irgendwo abstellen können, dann wird die Zeit genommen (Transponder und Kontrollkarte)

Trotzdem ist das alles so professionell organisiert, so dass wir ohne lange Wartezeiten unsere Kontrollstempel bekommen und eigentlich sofort weiter fahren könnten. An die Schlange im Restaurant wollen wir uns also lieber nicht anstellen.
Das ist der andere Teil unserer „Strategie“. Wir wollen lange Wartezeiten in den offiziellen Versorgungsstellen vermeiden und eher die alternativen Angebote vor Ort, also kleine Läden, Bäckereien etc. nutzen.
Und siehe da, auch der kleine Bäcker, wenige hundert Meter vor dem Kontrollpunkt, hat schon geöffnet und wir bekommen einen prima Kaffee, Fanta und Croissons. Genau das Richtige…