Die Harzreise 2015

Von der Reise in das wilde und gefährliche Harz-Gebirge

Schon in naher Zukunft wollen wir uns auf einer langen Fahrt im fernen Lande der  Gallier bewähren. Zu diesem Behufe gilt es jetzt, zahllose Längeneinheiten, welche in neudeutscher Sprache Kilometer genannt werden, auf unseren Rössern zu durchmessen, um uns für dieses Vorhaben genügend Kräfte zu verschaffen.
Doch sollte diese Reise auch dem Zwecke der Forschung dienen, um unsere Kenntnisse vom wilden Harz-Gebirge zu erweitern und nicht zuletzt erhofften wir uns auch ein gewisses Vergnügen auf dieser Unternehmung.

Nun nehmet Euch also, wohlgeschätzter und hochverehrter Leser die Zeit, um der Schilderung  unserer Reise ins wilde Harz-Gebirge zum Berg der Geister, dem Blocksberg zu folgen.

Vrītac, der zehnte Tag im Heumond anno 2015

Wohl infolge der bangen Erwartung unseres großen Abenteuers waren schon im Morgengrauen meine Gedanken nicht die erwarteten Wege gegangen, so dass die Flaschen edlen Tranks, die mit dem besten aller Gewürze, dem Salz, angereichert auf der Burgtreppe stehend, plötzlich in Vergessenheit gerieten.
Aus diesem fatalen Grunde musste mein Rösslein bereits zu so früher Stunde die ersten unnötigen Längenheiten erdulden.

Reichliche zwei Stunden nach Mittag verließen wir durch die Tore unsere große Stadt und es gelang uns entlang des Flüsschens Elster geschwind in Richtung der untergehenden Sonne vorzudringen.
Wir waren zwei Reisegefährten, gut miteinander vertraut aus früheren abenteuerlichen Fahrten – Ritter Thomas auf seinem gelben, in vielen Schlachten bewährten Ross, welches auch der Post im deutschen Reiche zur allerhöchsten Ehre gereichen konnte und ich.
Ich trat die Reise auf meinem, ebenfalls auf etlichen Fahrten erprobten Rappen, der seit seiner Geburt auf den fremdländischen Namen Cany On höret – obwohl er teutschen Geblüts ist.
In einer größeren Ansiedlung namens Halle drohte uns noch einiges Ungemach durch die böse und ungezügelt auf den Wegen dahinbrausenden laut brummenden Blechtiere der Einwohner dieses Landstrichs.
Wohl aus diesem Grunde waren auch nirgendwo Ritter unserer fahrenden Zunft zu erspähen.

Vermutlich waren diese vor allem ein Opfer der Blechtiere geworden oder verbargen sich angst- und schreckensvoll vor ebenjenen.

Sehr erleichtert waren wir, als wir endlich nach über 50 Längeneinheiten in der durch ihren Bergbau weit über die Gemeindegrenzen hinaus berühmten Ortschaft Teutschenthal – einem wahrhaft teutschen Namen – eine erste Rast machen konnten. Zwei überaus dralle Maiden, die eine Tracht aus vergangenen Tagen trugen, als auch eine wilde Musik namens Rock’n Roll in großer Mode war und deren Gastwirtschaft in ebendiesem Stile eingerichtet ward, bewirteten uns freundlich mit dem heißen köstlichen schwarzen Getränk der Araber und Süßspeisen wie sogenanntem kaltem Hund und einer Art Kuchen, der mit Früchten belegt war. Zudem labten große Portionen Gefrorenes unsere Gaumen.

Die Gegend wurde immer einsamer, die bewohnten Stellen immer seltener, je weiter wir nach Westen gelangten.
Infolge der fortgeschrittenen Tageszeit waren wohl auch die meisten Blechtiere in die Ställe gebracht, während sich die Ureinwohner vor ihren Kisten vergnügten, die Bilder aus fernen Ländern und Kontinenten oder gar merkwürdige Unterhaltung und Musik zeigen konnten, so dass wir die Wege nunmehr fast allein für uns in Anspruch nehmen durften.

Am Markt zu Hettstedt, wo in einem großen Haus zu wohlfeilen Preisen billige Waren dargeboten werden, erkannte ich zu meiner großen Betrübnis, dass meine Nachtlampe nicht mehr willens war, mir den Weg durch die in wenigen Stunden drohende Finsternis im wilden Harz-Gebirge zu erhellen.
Schon kurz nach dem wir den Markt Hettstett verließen, zeigte sich nun auch der gewaltige Blocksberg, im Volksmund auch „Brocken“ genannt, als wahrhaft dicker Brocken hoch über die flachen Vorberge des Harz-Gebirges aufragend.

An der nächsten Rast am Rande der Gemeinde Ballenstädt, dort, wo das teutsche Volk gewöhnlicherweise seine Blechtiere und in manchen Fällen auch sich selbst tränkt, gelang es Ritter Thomas auf kluge Weise, wenigstens das rote Signal am Hinterteil meines Rössleins Cany On zum hellen Glimmen zu bringen.
Solchermaßen beruhigt konnten wir unsere Reise nun fortsetzen und galoppierten an einer Burgimitation namens Roseburg vorbei weiter gen Westen.
In mittäglicher Richtung erspähten unsere Augen schon von ferne die gewaltigen Felsen, von denen die Sage berichtet, dass dort des Nachts die Hexen tanzten und ein gewaltiges Ross seinen Hufabdruck hinterlassen haben sollte. Und im Licht der bald am Horizont versinkenden Sonne, boten die finsteren Mauerruinen des Teufels einen grausigen Anblick.

Manche Straßen und Wege in diesem Lande schienen in ihrer mangelhaften Beschaffenheit noch aus der Zeit zu stammen, als unsere Vorfahren in dunklen Wäldern wohnten. Derartige Hindernisse konnten unseren Ritt jedoch kaum aufhalten.

So erreichten wir in kühler Dämmerung zu später Stunde die alte Stadt Wernigerode am Fuße des Blocksbergs, deren Wahrzeichen ein schön anzusehendes Rathaus und ein Schloß auf hohem Berge sind.
Ritter Thomas konnte in Erfahrung bringen, dass ein Gastwirt aus dem Volke der Latiner uns sehr wohlgesonnen und nur für uns gewillt war, seine erleuchtete Gastwirtschaft noch einige Zeit offen zu halten.
Sein Bediensteter geleitete uns hinein und bewirtete uns schon gleich darauf mit einer schmackhaften Nudelspeise aus dem fernen Sonnenland südlich des großen Alpengebirges. Auch an reichlichem Tranke ließ er es nicht fehlen, so dass wir uns wohl gewärmt, ausgeruht und gesättigt an den Aufstieg zum Blocksberg machen konnten.
Indessen war die dunkle Nacht eingefallen. Meine zweite Leuchte, welche gewöhnlicherweise mit einer sinnreichen Vorrichtung, auch „Gummi“ genannt, am Haupte befestiget werden muss, ließ sich ebenso einfach am Rösslein anbringen, so dass mit ihrem Licht der weitere Weg ins finstere Gebirge nunmehr ausreichend erhellt werden konnte.
Nachdem wir die Stadt verlassen hatten, waren wir nur noch von den Geräuschen der Nacht umgeben.
Wenige teutsche Bürger trieben noch ihre brummenden Blechtiere mit glühenden Augen ins Tal, bald aber waren wir ganz allein inmitten der unermesslichen Wälder des wilden Gebirges.
Ein Rauschen am Rand des Weges verriet die Nähe kleiner Bächlein, lautes Knacken und Knistern zwischen den Bäumen ließ erschrecken. Waren es die Hexen und Ungeheuer, die in dieser grauslichen Nacht zum Gipfel des Blocksbergs unterwegs sind?

Schierke war die letzte bewohnte Ansiedlung, die wir auf unseren Rössern um Mitternacht durchquerten. Wohl aus Furcht vor den Geistern pflegen die Einwohner ihre Behausungen so zu verriegeln, dass es uns nicht vergönnt war, die Zeit bis zum Morgengrauen im Schutze menschlicher Nähe zu verbringen. Also weiter, weiter. Hinauf auf den Blocksberg…

Nun aber nicht genug von den Schrecknissen dieser Nacht. Eine Schar von vier Gnomen, zwei von männlicher und zwei von weiblicher Gestalt, die irrlichternd durch den dunklen Tannenwald dem Stelldichein der Geister auf dem Gipfel entgegen strebten, ließen uns schier die Haare zu Berge stehen.
Auch Ritter Thomas drohte in der Finsternis manches Mal unsichtbar zu werden. Jedoch tauchte er zu meiner großen Erleichterung immer wieder an meiner Seite auf und gab mir durch das rot leuchtende Signal seines Rössleins zu erkennen, dass er nicht gewillt war, diese Nacht in den Wäldern zu verbringen und auf das Erreichen des Gipfels zu verzichten.
Mal steiler, mal etwas sanfter schlängelte sich der Weg bergauf, bis endlich ein rotes Funkeln vom großen Turme die Nähe unseres Zieles verkündete.

Über uns wölbte sich das weite Zelt der glitzernden Gestirne, wie ich es nur bei früheren Reisen auf den schwarzen Kontinent zu Gesicht bekommen hatte. Erfolglos versuchten die Lichter der Dörfer und Städte in den Ebenen zu unseren Füßen dem nachzueifern.
Es war wohl eine Stunde nach Mitternacht, als wir nach über 190 Längeneinheiten den Blocksberggipfel erreichten. Ich bin heute der Annahme, dass das wohl auch zu unserem Glücke war, denn so gehörte die geräuschvolle Geisterstunde bereits der Vergangenheit an und wir kamen nicht in die Verlegenheit, denselbigen zu begegnen.
Infolge der Kälte, die in dieser großen Höhe herrschte, legten wir nun alles an verfügbarer Kleidung an und hüllten uns zusätzlich in dünne Folien aus leichtem Metall, um uns alsbald zur wohlverdienten Ruhe auf dem harten Brettern im Brockenhäuschen zu betten. Erstaunlicherweise mussten wir nicht frieren.

Sunnenābent, der elfte Tag im Heumond anno 2015

Als das Tageslicht hereinbrach und erste Schritte und Laute von Menschen zu vernehmen waren, schien Ritter Thomas dem Wahne verfallen zu sein, mich schnarchenderweise vernommen zu haben. Dieser Wahn hatte wohl aber auch auf meine Person keine Rücksicht genommen, so dass ich mich ebenfalls durch sein lautes Schnarchen gestört fühlte, obwohl wir Beide der Meinung waren, kein Auge zugemacht zu haben.
Trotzdem fühlten wir uns gut erholt und konnten so in gehobener Stimmung dem Aufgang des flammenden Zentralgestirns am östlichen Himmel beiwohnen. Auch wenn wir schon viele Male Zeuge dieses Ereignisses waren, so bot sich doch von unserer hohen Warte aus ein wirklich einmalig schönes Schauspiel, welches in der Fülle unserer Reiserlebnisse nicht so leicht  Vergessenheit geraten wird.
Nachdem wir auch dem großen Block auf dem höchsten Punkt des Blocksberges einen entsprechenden Besuch abstatteten, schwangen wir uns schließlich wieder auf unsere Rösser und eilten talwärts.
Eisig drang die Morgenkälte durch unsere dicken Gewänder, während wir Längeneinheit um Längenheit durch die Wälder des Gebirges zurücklegten.
Erst nach langer Fahrt entlang eines wunderschönen blaugrünen Sees, den die Einwohner zur Trinkwassergewinnung und zum Schutz vor Hochwasser aufgestaut hatten und auf dem wir auch etliche zur Vergnügung dienenden Segelschifflein entdeckten, erreichten wir die größere Ansiedlung  Bad Lauterberg.

Wir nutzten die erste Möglichkeit, die uns die Zunft der Bäcker bot, um uns eine Rast zu gönnen.
Die freundliche Bäckerin beeilte sich, uns zu versichern, dass wir über mehrere Marmeladen- und Brotsorten verfügen konnten.
In Gesellschaft einiger Fremdlinge aus dieser und wohl auch anderen Gegenden des großen deutschen Reiches, welche an den Nachbartischen geräuschvoll über Dinge in politicis fremdländischer Regierungen schwätzten, verspeisten wir unser Frühstück und erhöhten den Genuss durch Ergänzung einer süßen Speise mit roten Früchten, deren Bezeichnung zwar auf die Herkunft aus der Erde hindeutet, die aber mitnichten daraus stammen, sondern auf kleinen grünen, nur fußhohen Sträuchern wachsen und auch Erdbeeren genannt werden, sowie mit weißer süßer Creme, vom teutschen Volk auch als Schlagsahne bezeichnet und welche nicht nur in diesen Gefilden eine lukullische Köstlichkeit darstellet. Auch das schwarze heiße Getränk aus dem Lande der Araber weckte die Lebensgeister in uns.

Im warmen Sonnenscheine war es nun ein Leichtes, weitere Längeneinheiten zurück zu legen.
Wir wandten uns nun wieder nach Osten, die Reise verlief nun am sonnigen Südhang des wilden Harz-Gebirges entlang. Die hügelige Landschaft wird hier im Gegensatz zum unwirtlichen Gebirge lebhaft zum Pflanzenanbau genutzt.
Ein leiser warmer Wind veranlasste uns, am Rande der bedeutenden Bergbausiedlung Niedersachswerfen, uns schließlich der nunmehr zu warmen Gewänder zu entledigen und, solchermaßen nicht mehr behindert, geschwind in Richtung des schon bald sichtbaren Kyffhäusergebirges zu reiten.

Hoch und respekteinflößend erhob sich der Höhenzug südlich der Siedlung Kelbra. Doch, lediglich etwas beeinträchtigt von vielen wilden schwarzen Recken mit runden Helmen auf dem Haupte, die mit ihren schweren dröhnenden Rossen an uns vorbeibrausten, gelang es uns, den Gipfel auch dieses kleinen Gebirges recht bald zu erreichen und in Richtung der Stadt Bad Frankenhausen wieder zu verlassen. Wie glücklich waren wir, als wir unversehens entgegenkommend ein ganzes Heer von Rittern auf glitzernden Rossen den Berg hinauf traben sahen. Das waren die Unsrigen, ebensolche fahrenden Gesellen wie wir, nicht solche wie diese vom Stamm der schwarzen Brüller. Da gab es ein frohes Grüßen. Ja, es gab sie noch, auch hier im Land, wo die Blechtiere und ihre Besitzer, deren Größe manches Mal in umgekehrter Verhältnis zur Größe ihre Blechtiers zu stehen scheint, die Macht auf allen Wegen übernommen zu haben scheinen.

In Bad Frankenhausen gewährte uns ein Wirt aus dem fernen heißen Land der Griechen, der Wiege der Demokratie, an deren Umsetzung der Ideale wir hier in unserem teutschen Reiche so manches Mal Zweifel hegen, ein üppiges Mahl aus schmackhaftem gebratenen Fleisch, in Öl ertränkten gegrillten und in Streifen geschnittenen Kartoffeln und einer weißen nach einem strengen Gewürz riechenden Creme, die er als Tsatsiki bezeichnete.
Gut gesättigt wurden nun noch die Wasservorräte ergänzt, denn es drohte eine lange trockene Wegstrecke bis zur nächsten Rast.

Solchermaßen gut ausgestattet legten wir dieses Stück durch das schöne grüne Tal des Flüsschens Unstrut bis zum Ort Freyburg, dessen großes Schloss Neuenburg von der Wohlhabenheit der Menschen in diesem von der Sonne so begünstigten Landstrich kündete, zurück, wo wir erneut eine gute gastliche Aufnahme in einem Garten unter Sonnenschirmen fanden.
Wir verzichteten jedoch auf den Verzehr von Rausch verursachenden Flüssigkeiten wie Schaumwein oder Wein, begnügten uns stattdessen mit einer Portion Gefrorenem und einem trüben Bierersatz, welcher keine bewusstseinstrübenden Zustände hervorrufen konnte.

Nun war es keine große Anstrengung mehr, bis zur alten Stadt Weißenfels an der Saale hellem Strande zu kommen. Eine steinerne Brücke erleichterte es uns, ungefährdet die andere Flussseite zu erreichen.
Schon entdeckten wir dankbar erste Schilder, welche auf unsere nahe große Stadt hinwiesen.
Gar bald würde also unsere Reise ihr Ende finden.
Ein fremder Ritter in schimmernder weißer Rüstung, die mit bunten Schriftzeichen beklebt war, überholte uns nach freundlichem Gruß und strebte in großer Eile seinem Schloß im Südosten unserer großen Stadt zu.
Wir dagegen ließen uns wohlgemut einige Zeit, um die Eindrücke unserer Reise noch ein wenig nachklingen zu lassen.

Als wir uns schließlich kurz vor der großen Stadt trennten und Ritter Thomas nunmehr zu seiner Burg und Familie hineilen wollte, tauchte erneut der schimmernde weiße Ritter mit den merkwürdigen Schriftzeichen auf. Er war einigermaßen verblüfft, uns wieder überholen zu müssen und auch wir waren arg verwundert.
Allein machte ich mich nun auf meinem treuen schwarzen Cany On auf den Weg, um auch meine Familie recht schnell wieder in die Arme schließen zu dürfen.

Nun hatte ich jedoch am Ufer der großen Seen südlich unserer großen Stadt ein weiteres Erlebnis, welches mir ebenfalls wie die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Nacht im wilden Harz-Gebirge die Haare zu Berge stehen ließen. Das grenzte für mich an Zauberei, denn wie aus dem Nichts tauchte unvermittelt schon wieder der weiße fahrende Ritter mit den Schriftzeichen hinter mir auf, überholte mich nach kurzem Gruß. Wie konnte das sein? Er, der so viel schneller als ich auf seinem rassigen Ross dahinritt, war ein drittes Mal gezwungen, mich zu überholen. Oder hatte er sich verirrt und war nun froh, in mir eine Art Sicherheit zu finden, nicht mehr auf dem falschen Wege zu sein?

Nun, wie auch immer, ich brachte endlich auch mein letztes Stück der Harz-Reise zu einem guten Ende und konnte mich nach langer Zeit endlich wieder der Annehmlichkeiten im Kreise meiner Lieben und meiner Burg erfreuen.
Mit einger Spannung erwarten Ritter Thomas und ich nun die anstehende Reise zu den Galliern.

Eine Karte in Ergänzung zu unserer gar abenteuerlichen Reise durch das wilde Harz-Gebirge findet der erlauchte Leser hier.

Anmerkung: Hiermit bitte ich den geneigten Leser, die historischen Ungenauigkeiten und Albernheiten zu verzeihen, denn selbstverständlich leben wir in der BRD, zu Ritterzeiten gab es noch nicht DAS Deutsche Reich und schon gar keine Post oder dröhnenden Blechtiere…

Mir schwebte beim Schreiben dieses Berichts Mark Twains köstlicher „Yankee an König Artus‘ Hof“, den ich wohl nie erreichen werde, vor. Die Freude an den erlebten schönen Dingen, die ironische Distanz zum weniger schönen Geschehenen erschienen mir in dieser Form am Besten darstellbar…

Die Harzreise 2015

Hochgeschätzte Leserin, hochgeschätzter Leser,

da die Schilderung der gar merkwürdigen und erschröcklichen Begebenheiten während der Reise in das wilde Harz-Gebirge unvermutet einiges Interesse fand, erlaubt sich der Schreiberling dieser Zeilen das Vergnügen, dem verehrten Publikum hierselbst oder an dieser Stelle noch einige Bilder zu präsentieren…

Quelle: Bild 5 und 10: Copyright by Thomas Becker, alle anderen Bilder Copyright by L. Brauer

Sommeranfang 2015

Da Paris-Brest-Paris seine Schatten (oder Lichter) vorauswirft, ist es nur legitim, jede sich passende Gelegenheit zu nutzen, um noch ein paar Vorbereitungskilometerchen zu schrubben.
Gesagt, getan. Aus gegebenem Anlass stand also am 21. Juni die Fahrt von München nach Zf an.
Solo-Radeln im Randonneursstil.
So lautet der Plan.
Etwas diffus waren die weiteren Details.
Möglichst früher Start in München am Tag 1 und möglichst frühe Ankunft in Zf am Tag 2.
Noch etwas ausführlicher: Radeln bis die Schwarte kracht am ersten Tag, nachts ein wenig ruhen (falls erforderlich) und danach noch den Rest „erledigen“.
Ein konkreter Zeitplan beschränkte sich lediglich darauf, dass bei der voraussichtlichen Routenlänge von ca. 480 bis 500 km gemäß der Randonneursregeln ungefähr 33 Stunden eingeplant wurden.
Tankstellen (es war ja Sonntag) sollten die nötigen „Rettungsinseln“ bilden, anhand derer ich mich bis zum Schluss „durchhangeln“ wollte.
Das Weitere würde sich dann auf der Strecke ergeben.

Sonntag/ Montag (21.06./22.06.2015)

Tatsächlich habe ich es geschafft, schon 5.50 Uhr auf dem Rad zu sitzen. Von oben winken mir noch meine Mädels vom Küchenfenster aus nach.  Der Magen ist gefüllt, die Große hatte sich sogar dazu aufgerafft, mir noch einen Kaffee zu machen, besser geht es fast nicht. 
Darüber, dass ich halbtot bin, als ich das Rad nebst Gepäck aus dem 7. Stockwerk die Treppe hinab geschleppt habe, breite ich mal lieber den Mantel des Schweigens. Aber ich darf ja nun den ganzen Tag und die ganze Nacht sitzen, da kann ich mich ja wieder ausruhen.

München schläft (zum großen Teil) um diese Zeit noch. Nur wenige Nachtschwärmer, die vermutlich nun schlafen gehen und einsame Jogger an der Isar sind unterwegs.
Mangels Navi muss ich ab und zu anhalten und mein Schmartfon zu Rate ziehen, um irgendwie aus dieser Stadt nordwärts heraus zu kommen.
Klappt – abgesehen von zwei, drei Zusatzkilometern, die ich mir einhandle, als ich bei Ismaning zu gucken versäume und ein Stück weit in die falsche Richtung fahre.
Westlich passiere ich München-Flughafen, etliche Maschinen steigen über mir dröhnend steil nach oben. Hätte gar nicht gedacht, dass hier so viel Betrieb ist. Aber in Attaching, die sich mit Transparenten gegen die dritte Startbahn wehren, ist es schon wieder spürbar ruhiger.

Die Radweginfrastruktur in Bayern ist nach meinem Gefühl wirklich gut. Nachdem die Isar überquert ist, kann es entlang der Bundesstraße bis Moosburg richtig gut rollen. Ein leiser Wind von Westsüdwest unterstützt das, macht Spaß! Selbst bei dem trüben Wetter.
Bei Moosburg nehme ich erstmalig per Schmartfon Kontakt zu meinen Mädels auf. Alles ok – Lifetracking funktioniert nicht – na ja. Keine Zeit, keine Zeit. es muss weiter gehen.
Über Gammelsdorf – wie kommen diese Ortsnamenschöpfungen nur zustande huckelt es im Anschluss nordwärts nach Pfeffenhofen und danngeht es flach weiter bis Langquaid.
Das Licht ist grau, die Landschaft wirkt entsprechend reizlos, Grund also, mich wieder über den Lenker beugen und Kilometer zu machen.

Teugn – das sagt mir etwas, hier sind wir im Mai auf unserem Nordbayern-Brevet durchgereist, noch ein paar kleine Hügel, dann ist schon die Donau nach ca. 130 Kilometern erreicht.
EIn wenig Euphorie ist schon im Spiel, als ich den Mädels und auch Thomas Bescheid gebe. Denn der kennt sich hier in der Gegend ja genauso gut wie ich aus. Rast an der träge dahinströmenden Donau, dann fahre ich unterhalb der felsigen Hänge auf dem geschotterten Donauradweg bis Sinzing und erreiche gegen 11.25 Uhr die Mündung der Naab.
Ohne Pause rolle ich ins Tal, nun folgt eine wunderbar flache Strecke durch eine (bei Sonnenschein) sicher sehr schöne Landschaft abseits großer Straßen. Auch wenn der Naabtalradweg manchmal geschottert ist, komme ich mit den 28er Reifen ganz gut damit klar.

Burglengenfeld (13:30 Uhr, 170 km) – Rast in einer Tanke, eine Salzbrezel, Cola und ein großer Kaffee liefern neue Energien. Dazu ist das gebotene Programm sehr unterhaltsam, bei dem sich die Tankstellenangestellten mit ihren Stammkunden herrliche Wortgefechte liefern. Und im Ort ist großer Markttag, da muss geschoben werden.

Etwas später gelingt es mir, mich wieder einmal großzügig zu verfahren, den Fehler bemerke ich erst, als der Weg immer schmaler, zugewucherter wird und plötzlich im Nirwana endet. Also zurück.
Dadurch überhole ich erneut das ältere Ehepaar, welches trotz des Regens genießerisch am Fluss entlang radelt. Es ist so ein bisschen wie in der Geschichte vom Hase und Igel, ich bin zwar schneller, aber Minuten später, als ich in die Regenklamotten schlüpfe, ruft mir der Herr im entspannten Vorbeiradeln zu, dass wir das aushalten müssen. Na ja – an sich habe ich keine Lust, noch über 200 Kilometer pitschnass zu absolvieren und auf Grund der Temperaturen und der fehlenden Sonne keine Chance zu haben, ein wenig abzutrocknen.  Er hingegen bietet noch eine kleine Stuntshow im nächsten Ort, als seine nasse Bremse das Vorderrad blockiert und er fast über den Lenker absteigen muss. Seine Frau steht paralysiert daneben, ich bin dagegen froh, jetzt keine Erste Hilfe leisten zu müssen.

Kurz vor Weiden – schon in Weiden 🙂 – folgt 17 Uhr die nächste Rast im Bushäuschen.  Ca. 235 km habe ich in den Beinen. Es ist kalt, unangenehm.
Das Tal ist sehr breit und flach, ziemlich reizlos. Nur die kleine Altstadt von Weiden bietet einen netten Anblick.
Da die B15 am Sonntagabend nun nicht so dicht wie befürchtet befahren ist und ich mangels Navi am Lenker mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen großen Spaß daran haben werde, über kleine Landstraßen durch die Wälder zu irren, entscheide ich mich nun für die Bundesstraße, der ich über Tirschenreuth, Mitterteich bis Waldsassen folge. Da auch hier teilweise gute Radwege vorhanden sind, geht es trotz hügeliger Waldlandschaft recht zügig weiter.
Nur auf der Straße nach Waldsassen haben die Raser in ihren Autos heute Ausgang. Aber auch das ist bald geschafft, so dass ich kurz vor 20 Uhr im Ort nach 287 km noch in eine Tanke huschen kann. Die Chefin drinnen guckt etwas mürrisch. Kann ich mir im Augenblick zwar nicht erklären, als sie aber auf meine Frage nach Kaffee sogar noch einmal den Kaffeeautomaten anstellt, wird mir das klar. Sie will 20 Uhr schließen. Verständlich, dass man Kunden zu diesem Zeitpunkt nicht ausgesprochen sympathisch findet. Sie ist jetzt aber sogar noch so lieb und holt von hinten zwei Croissants, die ich trotz leise rebelllierendem Magen hinein mümmele.
Irgendetwas mache ich immer wieder falsch. Warum kommt es in letzter Zeit so häufig vor, dass ich immer wieder an den Punkt komme, wo ernährungsmäßig nicht mehr viel geht. Warum gelingt es nicht, rechtzeitig gegenzusteuern und das zu vermeiden? Ich hänge also so meinen Gedanken nach, die freundliche Tanstellenchefin lässt mich merkwürdigen Typen auch eine Weile ungestört in der Ecke sitzen. Doch 20.02 Uhr (will ja nicht fies sein) verabschiede ich mich dann doch.
Drinnen war es warm, hier draußen ist es jetzt kühl. Die Wolken reißen auf, die Abendsonne schaut hervor. Aber – es gab zwei unruhige kurze Nächte zuvor, ich bin also müde und nach der Anstrengung heute auch etwas geschafft – so bleibt mir der Schüttelkasper dieses Mal nicht erspart.
Klappernd klettere ich auf den Sattel, rolle los, es dauert ein paar Minuten, ehe ich wieder die Betriebstemperatur erreiche.

20.15 Uhr tschechische Grenze, dann geht es hinab nach Cheb.
In Cheb, einer ziemlich tristen Stadt, zumindest in den Außenbezirken, die Alstadt kenne ich nicht, steht die 300 auf dem Fahrradcomputer.
Auf Umwegen über die Dörfer muss ich nun bis Franzensbad. Dieses recht kleine Kurbad gefällt mir  auch heute in der Abenddämmerung wieder sehr gut. Es ist nicht so mondän und überlaufen wie Karls- oder Marienbad wirkt. Hier scheint die Zeit still zu stehen.
Das kann ich mir dagegen nicht leisten, also weiter, wieder hinauf in die Berge auf der direkten Strecke nach Vojtanov gen Deutschland.
21.25 Uhr verlasse ich Böhmen bereits wieder,  nun geht es etwas steiler hinauf auf über 600 Meter, ist aber zum Teil ganz praktisch, weil mir nun richtig warm wird. Schlecht ist dagegen das Gefühl auf der Abfahrt ins Elstertal. Das durchgeschwitzte Trikot unter den zwei Jacken klebt am Körper, ist infolge des Fahrtwinds sofort eiskalt, so dass ich bremsen muss, damit mich der Wind nicht so heftig auskühlt. Blöd.
Aber – der Radelnde Uhu hat sein derzeitiges Los absichtlich so gewollt – also nur nicht jammern.

Es dauert lange, ehe es richtig finster wird. Ist ja auch die kürzeste Nacht des Jahres – Sommersonnenwende – Sommeranfang 2015.
Die Supernova leuchtet zuverlässig die dunkle Straße aus, ab und zu spenden auch Autos ein wenig Licht. So rolle ich rasch durch Bad Elster, Adorf bis Oelsnitz.
Ah, endlich. Als ich kurz vor dem Verzweifeln bin, entdecke ich in Oelsnitz an der Straße nach Theuma eine Tankstelle, da brennt noch Licht drinnen. Die „rasante Kleinstadtjugend“, die sich daneben lärmend unterhält, stört mich nicht. Ich freue mich auf die Wärme, einen Kaffee oder sogar eine heiße Schokolade…
Klasse, das kann ich auch alles kriegen – nur eben über den Nachtschalter. Es ist 22.50 Uhr (347 km) und die Tanke hat geschlossen. Aber eine Pause brauche ich jetzt auch. Auf Gnade kann ich nicht hoffen, die Chefin steht nur drinnen und guckt raus – ehrlich gesagt, würde ich mich in meinem Outfit auch nicht unbedingt rein lassen.
Also setze ich mich neben die Waschstraße und verbringe dort mit ein wenig Zittern ungefähr eine halbe Stunde. Maximal eine Banane geht jetzt, auf das Andere verzichte ich, wenn ich das sowieso hier draußen konsumieren muss.
Aber es fehlt im Moment auch der Elan, aufzustehen und weiter zu fahren.
Erst halb zwölf ringe ich mich dazu durch und kurbele langsam den Berg hinauf. Zumindest werde ich so wieder warm. Wo finde ich hier im finsteren Vogtland eine 24-Stunden-Tanke?
Also weiter, im bedächtigen Tempo, gerade so, wie es geht.

Es hat trotz allem etwas Faszinierendes, so durch die Nacht zu rollen. Bergauf und bergab, in den Tälern und Ebenen beiderseits des Höhenzuges, auf dem ich mich befinde, glitzern die Lichter der Städte und Dörfer, wie eine Perlenschnur leuchten die Scheinwerfer der Fahrzeuge auf der A72. Und das Fahren in der Dunkelheit hat auch etwas Positives. Man verliert das Gespür für die Geschwindigkeit, man kann auch nicht im Mindesten einschätzen, wie steil der Berg, den man gerade hochfahren muss, ist. Man verliert den Druck, den man sich selbst den ganzen Tag lang gemacht hat. Einfach nur Fahren… Egal wie schnell…
Treuen ist ganz in der Nähe, Netzschkau ist auch nicht mehr weit, das Göltzschtal, eigentlich wollte ich der Brücke einen Besuch abstatten, aber jetzt mitten in der Nacht ist das wohl eher sinnlos.
Reichenbach – nehme ich die Straße nach Zwickau oder die Straße nach Greiz? In diesem Fall muss ich auf meinen auf dem Schmartfon gespeicherten Track zurück kehren und ächze kurz darauf steil bergauf in Richtung Greiz.

Ich habe das Gefühl, nur noch im Schritttempo vorwärts zu kommen. Ausgesprochen müde fühle ich mich nicht, aber andererseits auch nicht in der Lage, jetzt wieder eine Schippe drauf zu legen. Die EC-Hotels mitten in der Stadt vermeide ich lieber, so auf dem Präsentierteller könnte das unruhig werden.

Gegen 2 Uhr im Finstern erspähe ich ein Bushäuschen. DAS IST ES! Schluss, Aus, Ende! Egal wie, hier geht nix mehr, ich muss mich wenigstens mal ein halbes Stündchen ausruhen, die Augen zu machen. Auch wenn das Ding aus Glas und ringsum offen ist, so dass der Nachtwind mich ordentlich frieren lässt.
Den Helm lege ich gar nicht erst ab, sitze gleich so, lehne mich an und schließe die Augen.
Minuten später schüttelt es mich, aber es dauert mindestens drei Zitteranfälle, ehe ich mich dazu durchringen kann, wenigstens noch die Regenhose überzuziehen. Die ist winddicht. Ins trockene langärmlige Trikot zu schlüpfen bringe ich dagegen nicht fertig, dann müsste ich ja obenrum alles mal kurz ausziehen. Und das bei dem kalten Wind – das schüttelt es mich schon allein bei der Vorstellung.
Upps, ich muss wirklich geschlafen haben, bin gerade nach links gekippt. Also doch Helm ab. Wieder ein paar Minuten im Schlummer, dann vornübergebeugt… Augen zu, einfach nur ruhen. Bis hierher sind es 387 km, den Rest schaffe ich schon irgendwie, wenn es wieder hell wird. Dann wird alles gut.
Als ich wieder auf den Fahrradcomputer gucke, ist es 3.12 Uhr. Erstaunlich, sooo lange habe ich das hier ausgehalten?! In den Wolkenlücken zeigt sich ein etwas hellerer Schimmer.

Aber es dauert weitere lange Minuten, ehe ich wieder auf dem Rad sitze. Auf irgendeinen dieser blöden Riegel habe ich absolut keinen Appetit. Ein paar Schlucke aus der Plasteflasche – schmeckt auch eisig und widerlich.

Doch es wird ja hoffentlich nun im Pleißetal ein paar Tankstellen geben, wo ich frühstücken kann.
Denkste! Obwohl ich der Meinung bin, mich wie eine Schnecke fortzubewegen, bin ich zu zeitig. Es dämmert, wird hell, der Himmel sieht recht freundlich aus.
Aber sowohl in Werdau, Crimmitschau und Gößnitz ist kein Bäcker und keine Tankstelle zu finden, die schon geöffnet haben. Also doch eine Fruchtschnitte – das geht und bringt spürbar Energie zurück. Schon geht es wieder schneller.
Deshalb verzichte ich innerlich nun ab Gößnitz vollkommen auf eine Einkehr in einer derartigen Gastlichkeit und halte lediglich in Paditz bei Altenburg noch einmal an. Der Apfel schmeckt hervorragend, zwei Pferde äugen neidisch herüber, aber tut mir Leid, davon kann ich euch jetzt nix abgeben.
Die Sonne scheint dazu mit ihrem wunderbaren Morgenlicht.

Es ist ebenso ein Faszinosum, wie rasch sich der Körper nach der Stunde „Schlaf“-Pause wieder regeneriert hat und nun recht entspannt die letzten Kilometer abarbeitet.
Land in Sicht, Frohburg, dann ist schnell Bad Lausick erreicht. Nur noch 25 Kilometer!
Der letzte Apfel, kurze Info an meine Mädels.
Und 8.15 Uhr bin ich zu Hause.

Wieder ist eine Tour geschafft.
483,87 km in 20:32 Std.

Eigentlich ist das schon wieder sehr inkonsequent. Einerseits meditiere ich darüber, wie schön doch das Radeln ohne Zeitdruck sein kann und andererseits stoppe ich die Zeit. Ja was denn nun?

War es schön?
Ehrlich gesagt (man soll ja immer ehrlich sein), gab es schon viel schönere Touren. Ich hatte mir mal wieder Einiges davon versprochen, vollkommen solo nur in dem Stil zu fahren, den ich mir selbst unter disziplinierter Beachtung meiner körperlichen Signale verordnen wollte. Das ging ganz gut, mit der Einschränkung, wieder mal mit dem Essen nicht so richtig klar gekommen zu sein. Das ist (m)ein Dilemma. Das funktionierte doch bis vor meiner Brevet-Phase auch ganz gut. In den allermeisten Fällen zumindest.
Habe ich mir etwa mittlerweile angewöhnt, mich auch selbst unter Leistungsdruck zu setzen, Zeiten einzuhalten, auf den Stundenschnitt zu achten?
Das sollte doch völlig wurscht sein! Gesundheit und Spaß haben Vorrang.
Also – beim nächsten Mal besser machen.

Mittlerweile sind mehrere Tage vergangen, in denen ich darauf gewartet habe, dass sich die Erinnerung verklärt. Das ist noch nicht so richtig geschehen. Zudem habe ich das Gefühl, dass sich so eine Art Gewohnheit einschleicht… Eine Gewohnheit, lange Strecken zu fahren. Das Besondere, den speziellen Kick und Reiz, mal wieder so etwas zu tun, vermisse ich mehr und mehr, je öfter ich das tue.
Wobei es nach wie vor auf der Strecke selbst wirklich Momente gibt, in denen man sich sauwohl fühlt, auch wenn man schwitzt, friert, müde oder kaputt ist und egal, ob es heiß, kalt trocken, nass ist.

Das Langstreckenradfahren ist eine Art von Reisen, bei der man, auf das in dieser Situation erforderliche Minimum reduziert, sehr intensiv lebt und sich selbst und seine Umwelt wahrnimmt.

Eigentlich schön…

Oder?

Die Route auf gpsies.com

Karfreitagsrunde 2015

03.04.2015

Was soll man da noch sagen?
Der mickrige Winter, für den wir uns aus Radfahrersicht bisher nur bedanken können, bringt sich heute, am Karfreitag 2015, mit niedrigen Temperaturen um die 0°C noch einmal richtig in Erinnerung.

Halb sieben treffen wir uns an der Muldebrücke bei Bad Düben.

Die ersten Kilometer haben fürs Aufwärmen gereicht.

Natürlich war es wieder mal ein Kampf gegen alle inneren Schweinehunde, gegen 5 Uhr im kalten Dunkel auf den Sattel zu krabbeln und sich in Bewegung zu setzen. Doch bis Bad Düben rollte es schon mal nicht schlecht.

Als wir die Dübener Heide überqueren, wird es allmählich hell.

Und wie man es aus dem Hochgebirge so kennt, liegt auch noch etwas Schnee am Straßenrand. Damit man diesen Winter nicht vergisst…
Der Wind weht von West, ziemlich kräftig, jetzt schon… Doch da wir uns gen Nordosten bewegen, gaukelt er uns beste Bedingungen vor, die wir natürlich nach Möglichkeit ausnutzen.

Wittenberg, acht Uhr, 70 Kilometer sind absolviert.

Erste Pause, Essen…

Der wellige Fläming ist danach locker überquert, dort gab es ebenfalls noch vereinzelte Schneereste. Allerdings ist der Radweg mit Vorsicht zu genießen, denn „Niklas“ hat auch hier seine Spuren in Form großer abgerissener Äste hinterlassen.

Treuenbrietzen, 9.15 Uhr, 100 km.

Die erste Tanke gehört erst einmal uns. Kaffee, Bockwurst, Aufwärmen…

Bis Beelitz, Michendorf kommen wir nun wieder entspannt weiter und dann haben wir kurz darauf das Ziel unserer Reise erreicht.

Nur wegen diesem Selfie am Ortseingang von Potsdam haben wir all die Mühen auf uns genommen. Das sollte es wert sein.

Mit diesem Erfolg können wir nun beruhigt die Heimreise antreten.

Entlang des Schwielowsees fahren wir durch Caputh und Ferch. Und nach ca. 155 km gibt es im Wald an der Fahrradstraße nach Brück die nächste Pause.

Das Wetter erbarmt sich nun auch, es wird (etwas) wärmer, die massive graue Wolkendecke reißt auf, die Sonne bekommt eine Chance.

Aber wir wollen nicht meckern, es gab glücklicherweise auch keinen Regen heute – abgesehen von ein paar Tröpfchen oder Graupelkörnern.

Bei Beelitz Heilstätten nutzt Steffen noch alle Mittel, um eine Pause heraus zu schinden 🙂

Doch einen Platten hätte er sich deswegen nicht extra einfahren müssen. Na gut, er bekommt seine Extrapause. Und in der Sonne ist die wirklich ganz angenehm.

Nur der Wind weht auf den nächsten Kilometern über Brück, Bad Belzig und Wiesenburg immer kräftiger frontal von vorn.

Angemessen, behutsam, nur nicht kaputt fahren – das ist die Parole. Trotzdem hat es der lange Anstieg bei diesem Wind bis Wiesenburg hinauf in sich.

So gesehen ist die Tanke bei Wiesenburg jetzt eine kleine Rettung zum Auftanken und Aufwärmen.

Danach geht es etwas lockerer weiter, zumal wir jetzt auch den höchsten Punkt des Fläming erreicht haben und im Prinzip bis Dessau hinab rollen könnten.

Könnten…

Wenn der Wind nicht wäre.

Zugegeben, die Sonne lacht nun freundlich vom vom blauweißen Himmel, aber der Wind ist ätzend…

Hundeluft – Hundewind …

Rosslau, die Elbebrücke, die furchtbaren Radwege, das gewohnt üble Dessau-Erlebnis.

Nur die Tanke, wo es Cola gibt, rettet den positiven Rest-Eindruck der Stadt.

Auch wenn es nach 240 Kilometern nun zunehmend schwer fällt, verschwenden wir keine Gedanken an Abbruch oder ähnliche Dinge.

An der Mulde entlang geht es nun nach Süden, Südosten – und siehe da, der Wind wird plötzlich zum schiebenden Freund.

Raguhn, die herrliche Strecke hinüber nach Jessnitz, Muldenstein und dann die Goitzsche im Abendsonnenschein, einfach herrlich ist das…

Eigentlich sind wir ja heute nur deswegen hierher gefahren. Und ohne den Umweg über Potsdam hätten wir dieses schöne Erlebnis um diese Zeit auch nicht haben können, sprich, wir wären viel zu zeitig hier gewesen.

Also – alles ist gut, alles ist toll.

Noch eine Pause am See, dann geht es über Löbnitz, Reibitz und Badrina nach Gollmenz, wo wir uns nach 285 Kilometern verabschieden.

Klasse – Steffen, war ne prima Tour, können wir gern mal wiederholen.

Die tiefstehende Sonne zaubert noch wunderschöne Lichter, ehe die Dämmerung einsetzt.

Aber da bin ich schon fast zu Hause.

Halb neun rolle ich im Ziel ein.

315 Tageskilometer, recht anspruchsvoll bei diesen Bedingungen.

Schön war es.

Die Route auf gpsies.com

Danke

Vielen Dank an:

  • Freiherrn von Drais – der diese tolle Art der Fortbewegung erfunden hat
  • die Macher von „Le Petit Journal“ – denn diese haben 1891 PBP ins Leben gerufen
  • Roland Adam – er vermittelte auf der Lecos-Tour im Herbst 2011 den Kontakt zwischen Thomas und mir
  • die Organisatoren der Brevets – ihrer Arbeit verdanken wir schöne und spannende Touren durch Deutschland und die Qualifizierung für PBP
  • die Organisatoren und zahllosen ehrenamtlichen Helfer sowie die vielen vielen gastfreundlichen Franzosen bei PBP – sie hielten wegen UNS Tage und Nächte eisern durch und machten diese Fahrt zu einem wunderbaren unvergesslichen Erlebnis
  • Thomas‘ Eltern und speziell seinem Vater – sie stellten uns ihr Reisemobil für die Brevets und PBP zur Verfügung, Thomas Vater begleitete uns sogar – ohne dieses wäre die Logistik wesentlich schwieriger geworden
  • Freunde, Bekannte, Kollegen – denn sie brachten das nötige Interesse für unser merkwürdiges Hobby auf, bewunderten uns gebührend 😉 und fieberten ausdauernd in den Tagen der Tour mit
  • unsere Familien – sie mussten schließlich monatelang unser Gebrabbel von PBP aushalten und duldeten mit großer Toleranz unser Tunnelblickverhalten

PBP 2015 – 2. Teil

Erster Tag

Es ist trübe, kühl, die Sonne hat derzeit keine Chance. Dazu ist die Landschaft mit ihren teilweise abgeernteten Feldern recht trist, so dass die Motivation beim Weiterfahren etwas leidet.

Auf den nächsten Kilometern rollen wir hügelauf und hügelab in einer losen Gruppe aus US-Ameri­kanern, Japanern und Brasilianern. Bemerkenswert finden wir vor allem den Fahrstil der jungen Brasilianerin, die mit ihrem Fixie mit voller Kraft in die Anstiege geht, dann oben etwas ausgepumpt wirkt und danach mit vollem Speed wieder abwärts rollt. Und wozu der andere junge Brasilianer ganze Wagenladungen mit Tempotaschentüchern mit sich führt, erschließt sich uns auch nicht so richtig. Na ja, er wird seine Gründe haben.
Langsam dringt die Sonne durch den Morgendunst. Es wird wärmer, wir können die Beinlinge und Ärmlinge in den Taschen verstauen.
Kurze Rast, ein Apfel tut gut, dann weiter…

Nach dem schleppenden Vorankommen über die zahllosen Anstiege in der Nacht hatte ich diverse Befürchtungen, ein Problem mit dem Zeitlimit zu bekommen, doch nun stellt sich langsam eine Art Routine ein.
Die Anstiege nehmen wir in kleinen Gängen, möglichst schonend, dafür können wir es ja auf den Abfahrten umso besser rollen lassen. Irgendwann bleibt unsere Gruppe zurück…
Wir fahren zu Zweit weiter und wenige Kilometer vor Fougeres kommt uns das Angebot einer gast­freundlichen einheimischen Familie wie gerufen, um eine Rast zu machen und statt dem Wasser aus den Plasteflaschen oder einem Ekel-Powerriegel mal etwas viel Besseres in den Magen zu bekom­men.
Es ist einfach unglaublich. Die Leute wollen auch kein Geld, es genügt ihnen eine Ansichtskarte, von da, wo wir herkommen. Schon etliche Male, wie uns der Familienvater erzählt und seine Bilder zeigt, hat er die PBP-Fahrer hier bewirtet.
Kuchen, geschälte Orangenstücken, Schokolade, Kaffee, frisches Wasser, Sirup…
Es ist zu schön – ganz schnell verliert man hier bei diesen Menschen die Lust am Weiterfahren. Aber es nützt nix… Die Zeit läuft gnadenlos. Wir müssen weiter.
Kurz vor Fougeres erspähe ich Dietmar, Randonneurdidier am Straßenrand. Er ge­nießt offensichtlich gerade die Atmosphäre dieses Tages an einem der zahlreich in den Ortschaften aufgestellten Schmuckfahrräder, mit denen die Franzosen dieses Ereignis PBP würdigen.
Fougeres ist ein größerer Ort, war auch in diesem Jahr Etappenort bei der Tour de France. Auf den Straßen herrscht recht dichter Verkehr, es geht in einigen Schleifen hin zum Gymnasium, wo wir nach 310 Kilometern kurz nach 11 Uhr den Kontrollpunkt erreichen und zügig unseren Stempel abholen. Das Zeitlimit liegt bei 15:04 Uhr, wir haben eine Stunde her­ausfahren können und nunmehr 4 Stunden Zeitpuffer. Aber auch hier halten wir uns nicht lange auf, wollen keine Zeit in der Schlange an den Versorgungsständen verlieren.

Tinteniac liegt „nur“ 50 Kilometer entfernt. Gegessen haben wir gerade bei den netten Franzosen an der Strecke, also kann es gleich weiter gehen.
Die Sonne scheint warm, ohne es direkt zu merken, hole ich mir einen leichten Sonnenbrand im Ge­sicht. Und es rollt. Die Endlosreihe hat sich in viele kleine und noch kleinere Grüppchen aufgelöst. Findet man jemand, der das eigene Tempo fährt, dann bleibt man ein Stück beisammen. Zumindest bis zur nächsten Rast in einem kleinen Dörfchen am kleinen Supermarkt. Im Schatten ist es dort sehr gut auszuhalten. Ein paar Pfirsiche, Bananen und Saft bringen die benötigten Energien zurück. Wir treffen hier auf einen Fahrer, der schon beim 600er in Bayern wortreich auffiel und damals nach 500 Kilometern ausstieg. Jetzt hat er uns eingeholt, ist in einer späteren Gruppe eine Stunde nach uns gestartet und wundert sich lauthals, dass wir erst hier sind.
Na ja…
Warum nicht? Wir liegen gut in der Zeit, warum sollen wir aus PBP ein Rennen machen?
Bis Tinteniac befinden wir uns einige Zeit in einer gleichmäßig vorankommenden Gruppe. Die Fahrt ist jedoch so gleichförmig, dass Thomas plötzlich feststellt, zu halluzinieren (???) und ich ge­rade von meiner längst verstorbenen Großmutter geträumt habe und nun mit ein wenig Schwierig­keiten in die Realität auf dem Rad zurückfinden muss.
Upps. Wir rollen ja immer noch!

Die Temperaturen steigen, es wird sehr warm, man merkt, dass der größte Kampf der gegen die Müdigkeit ist (Lutz landet in Träumen, ich halluziniere)
Aber Muskeln, Sehnen, Hintern und Nacken alles ist super, wir ernähren uns so, dass es nie zu ei­nem Defizit an irgendetwas kommt

Tinteniac – besser wir halten nun doch einmal etwas länger.
14:30 Uhr, 364 km. (18:56 Zeitlimit) Das sieht gut aus.
Da an den Versorgungsständen nur Wenige anstehen, leisten wir uns hier einen Kaffee, herrlich!!! und ein Baguette Jambon. Erstaunlich, das ist recht frisch, knackig und schmeckt.
Der anschließende längere Anstieg nach Becherel hinauf zusammen mit einer französischen Alther­ren-Gruppe auf Rennrädern, die NICHT an PBP teilnimmt, fällt uns danach nicht schwer und in zü­giger Fahrt sammeln wir nach und nach zahlreiche Randonneure wieder auf.
Mist!
Thomas, warte mal bitte!
Das weiche Holpern unter mir ist sehr verdächtig.
Tatsache – ein Schleicher. Aber weit und breit waren nirgendwo Glas oder scharfe Steinchen zu sehen. Zudem habe ich ja auch Antiplattband ein­gezogen – WO kommt jetzt ausgerechnet dieser Schleicher her?!
Der erste Reserveschlauch muss jetzt geopfert werden. Auf der Straße passieren uns alle Randon­neure, die wir gerade überholten, während wir nach der Ursache dieses Platten suchen. Und Thomas mit seiner Fachkenntnis erkennt die Situation. Das Antiplattband in den schmalen Rennradreifen hat eine ganz entgegengesetzte Wirkung entfaltet. Durch den Druck hat es vermut­lich die scharfen Kanten in den Schlauch gedrückt und diesen an der Naht reißen lassen.
Also raus mit dem Ding, dann mit der Handpumpe für den maximal möglichen Luftdruck gesorgt und weiter.
Zum Glück ist Quedillac, der nächste Versorgungspunkt ganz in der Nähe und hier stehen Me­chaniker, die mit einer großen Standpumpe noch einmal ordentlich nachpumpen können.
Auch auf dem weiteren Weg lernen wir erneut die große Gastfreundschaft der Franzosen ken­nen.
Ob das hier französischer Landadel ist? Zumindest die ältere Dame, die uns hier mit Kaffee, Wasser, Obst und Kuchen versorgt, macht einen sehr angenehm vornehmen, aber auch sympathi­schen Eindruck. Und der Mann erzählt von den Bioäpfeln, die er hier auf diesem riesigen Grund­stück züchtet.

Loudeac, 19:20 Uhr, 449 Kilometer. (01:00 Uhr Zeitlimit) Schneller als gedacht neigt sich dieser Tag schon wieder dem Ende entgegen.
Hier ist Volksfest, jeder Fahrer wird mit Applaus empfangen. Eine tolle Atmosphäre!
Da wir annehmen, dass auf der weiteren Strecke infolge der einbrechenden Nacht die Versorgungs­möglichkeiten etwas eingeschränkt sind, beschließen wir, uns hier etwas zum Essen zu leisten. Das Menü ist jedoch etwas übertrieben, der Preis für die mickrigen Portionen auch. Aber zumindest gibt es hier auch Mangos, Grapefruit, Mischobstschälchen und Baguette jambon. Was ganz Neues – aber das schmeckt ja auch. Hier in Loudeac gibt es auch die Möglichkeit zum Schlafen. Am Rande liegen aufgereiht die De­ckenpäckchen für die Fahrer. Aber dafür ist es jetzt noch zu früh. Wir wollen noch ein Stück in Richtung Carhaix vorankommen, um nicht zu viel Zeit zu verlieren.
Allerdings werden wir auch kein Risiko wegen Übermüdung eingehen. Da wir bereits die Erfahrung machen konnten, wie ein Kurzschlaf zur Regeneration beitragen kann, wollen wir, falls sich eine gute Gelegenheit ergibt, gegen 22 oder 23 Uhr eine Runde schlafen und dann spätestens 1 Uhr wei­ter fahren.

Die Dunkelheit kommt schnell, nachdem wir das kleine Dörfchen St. Martin des Pres mit seinem Volksfest unter uns zurückgelassen haben, erspähen wir im letzten Tageslicht einen Getreidespeicher. Der ist zum Glück leer, bietet Schutz gegen den kalten Wind, auch wenn uns nichts Anderes übrig bleibt, mit dem blanken Betonfußboden vorlieb zu nehmen.
Na besser als gar nichts… Schnell die Biwaksäcke raus und in der Folie eingerollt. Drüben auf der Straße schwanken die Scheinwerfer der bergwärts fahrenden Randonneure vorbei. Aber genug, in maximal zweieinhalb Stunden soll es weiter gehen.

Zweiter Tag

Thomas Wecker weckt uns eine halbe Stunde zu früh… Na ja, Wecken – so richtig geschlafen haben wir Beide nicht. Eineinhalb Stunden Halbschlaf oder Dösen sind auch etwas wert. Sehr bequem war es nicht, doch immerhin besser, als wie etliche Ande­re im feuchten Gras der Straßengräben neben dem beleuchteten Rad zu liegen.
Es ist wohl kurz nach halb eins, als wir wieder auf den Rädern sitzen und die Strecke nach Carhaix in Angriff nehmen.
Im Wald holen wir einen anderen Randonneur ein, der sich angesichts unseres Leipziger Dialekts als der Markus outet, mit dem wir kurz nach dem Start die ersten Kilometer zusammen fuhren. Der hatte ein arges Missgeschick erlitten, war mit seiner Frau im Pariser Hotel überfallen und mit einer Stange am Bein verletzt worden. Respekt – er hat es trotz allem bis hierher über fast 480 Kilometer schon geschafft, ist jedoch arg übermüdet, während wir quasi nach der Pause vor Tatendrang nur so sprühen.
So begleitet er uns nun durch die Dunkelheit. Und dann ist da plötzlich ein Licht.
Wie im Märchen!
Es ist kaum zu glauben, aber ein paar junge Französinnen betreiben hier einen kleinen Stand und bie­ten den müden Randonneuren Kaffee, Kekse, Schokoriegel usw. an.
Markus legt sich auf die Straße, 5 Minuten Powernap…
Wir genießen dieses unerwartete Wunder und stimmen dem Amerikaner zu.

„That’s PBP!“

Wo gibt es sonst noch solche Überraschungen?
Gestärkt rollt es nun umso besser weiter, abwärts durch schlafende Dörfer. Die Geheimkontrolle, „Controle Secret“ klingt irgendwie merkwürdig, in St. Nicolas du Pelem absolvieren wir in kürzes­ter Zeit, denn wir wollen schnellstmöglich Carhaix erreichen. Und das gelingt uns auch ganz gut.
3:40 Uhr kommen wir nach 526 Kilometern dort an. (7:03 Uhr Zeitlimit) Trotz Schlafpause liegen wir gut im Plan.
Bis Brest sind es nun ca. 90 Kilometer. Ohne uns etwas vorzumachen, wir werden wohl nicht vor dem frühen Vormittag dort ankommen.
Na ja – es ist kein Rennen. Und ich bin Thomas sehr dankbar, dass er, den der sportliche Ehrgeiz noch etwas mehr als mich treibt, sich auf diesen gemächlichen Reisestil eingelassen hat und wir das Ding zusammen absolvieren.
Überall liegen vor dem Versorgungspunkt Randonneure in Rettungsdecken gewickelt herum. Auch drin­nen vor dem WC oder im Restaurant sieht man Schlafende, die gerade dort liegengeblieben sind, wo die Müdigkeit sie dahin gerafft hat.
Ein Kaffee und etwas zu essen (???) muss noch sein, dann fahren wir weiter.
Im Dunkeln kaum zu spüren, aber wir ahnen bald, dass nun auch der lange Anstieg zum höchsten Punkt, dem „Dach“ von PBP, dem Roc Trevezel mit etwa 350 m Höhe, begonnen hat. Zwischenzeitlich beginnen wir wieder zu träumen und zu halluzinieren, es gibt keine Diskussion, ehe wir einen Unfall riskieren, schieben wir rasch noch einen 5-Minuten-Schlaf am Straßenrand sit­zend ein.
Das zweite Wunder in dieser Nacht erleben wir einige Kilometer vor dem Gipfel des Roc Trevezel.
Seit 48 Stunden stehen hier eine Familie und deren Nachbarn unverdrossen bereit, um müde Fahrer aufzupäppeln. Wie schön das ist und wie das hilft. Selbst gebackener Pflaumenkuchen, Kaffee, der Gastgeber, der uns stolz sein Bild mit einem bretonischen Radprofi zeigt… Er gesteht uns aber auch, dass er nun langsam mal ins Bett müsse, er sei Fleischer und muss am Morgen wieder arbeiten.
Kurz vor dem Gipfel wird es etwas steiler, die Müdigkeit schlägt, bevor es hell wird, noch einmal erbarmungslos zu, so dass wir notgedrungen noch eine 15-minütige Schlummerpause am Straßen­rand machen müssen. Während ich ums Gleichgewicht kämpfe und zur Belustigung des neben mir sitzenden und essen­den Inders zwischendurch im Sitzen mal umkippe, rollen zahllose Fahrer an uns vorbei gen Brest. Und auf der anderen Straßenseite kommen sie entgegen.
Die waren schon dort, sind auf dem Rückweg.
Die Pause hilft, inzwischen dämmert es, es wird hell und mit einem herrlichen Blick auf die Nebel in den Talsenken schießen wir nun talwärts.
Kurze Rast, Fotos von der Kirche und der aufgehenden Sonne in Sizun, das Schild „Brest 36 km“ spornt an.
„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht…“
Es geht voran.

Mit einem erstaunlich guten Tempo rollen wir zum großen Teil sanft abwärts und dann sehen wir nach ein, zwei kleinen Rampen plötzlich vor uns die Pylone der Brücke nach Brest hinüber.
Ein fantastischer Anblick ist das. Der zweite Pylon ragt aus einer Nebelbank. Und gegenüber vor uns liegt auf dem anderen Ufer der Atlantikbucht Brest.
Ja, wir sind hier – wir sind tatsächlich am Atlantik!!! Die Fotos auf der Brücke müssen jetzt sein!
Und mit der aufsteigenden Euphorie, den Wendepunkt erreicht zu haben, halten uns jetzt auch die fiesen Anstiege in der Stadt nicht mehr auf.

Brest, Brest, Brest…

Die Sonne scheint, hier wachsen Pflanzen, die ich bei dem rauen Klima hier nie vermutet hätte. Und mit dem Wetter haben wir auch unverschämtes Glück, denn Einer der Entgegenkommenden erzähl­te, dass es gestern Gegenwind gegeben hatte. Im Gymnasium, dem Kontrollbereich selbst wird uns eher ein nüchterner Empfang zuteil, sicher gibt es auch hier ein vielfältiges Bonne Route mit auf den Weg, aber aus den Dörfern bisher sind wir eine ganz andere Begeisterung gewöhnt.

Brest – 615 km, 9:42 Uhr (Zeitlimit: 13:53 Uhr)

Gut – wir haben schon wieder einen entsprechenden Zeitpuffer und fühlen uns einfach topp.
„Bergfest“
Allerdings verleitet die Atmosphäre hier nicht zu einem längeren Aufenthalt, so dass wir nach ein paar Riegeln aufbrechen und auf den langen Rückweg nach Paris starten. Durch die Stadt müssen wir uns ein wenig an den Autoverkehr anpassen, das wird aber nachher hof­fentlich rasch wieder ruhiger.
Bis Sizun hinauf folgt nun ein langer, mehr oder weniger steiler Anstieg, den wir aber in moderatem Tempo gut befahren kön­nen. In Sizun, einem netten kleinen bretonischen Städtchen mit einem sehenswerten Ortskern selbst ist dann erst einmal eine ausgiebige Pause angesagt. Immer noch sind viele auf dem Weg nach Brest – bei Manchen mit einem H-, G-, K- oder L-Schild haben wir so unsere Zweifel, ob sie es schaffen, in der Zeit zu bleiben. Es wird auf jeden Fall knapp.
Die Rast tut gut, ein Engländer, der gezwungenermaßen ein 4er-Pack Eis kaufen musste, resigniert nach dem zweiten Eis und gibt uns netterweise den Rest ab.

Thats PBP!

Dass Claus Czycholl, der indessen an uns vorbei eilt und scharf auf Eis ist, für sein 4er-Pack auch noch Restabnehmer finden wird, steht außer Zweifel.
Die Auffahrt zum Roc Trevezel ist Anschluss kein Problem, im Gegenteil, mit diesem gleichmäßi­gen Fahrstil kommen wir sogar noch bergauf in den Genuss, der sich zunehmend unter uns weiten­den Landschaft. Herrlich ist es hier.
Dann geht es wieder viel schneller, bis Carhaix bleiben wir nun leider auf einer stark vom Kraftver­kehr frequentierten Straße. Vor allem die LKW-Fahrer sind sehr aggressiv unterwegs und überholen trotz Gegenverkehr, und nehmen ganz offensichtlich das Risiko, ab und zu mal einen Radler von der Straße zu drängen, in Kauf. Sehr unangenehm.

Thomas – warte bitte mal!
Mein Rad zieht so merkwürdig nach links. Was ist denn da schon wieder? Oder träume ich das nur?
Nö, das ist ganz real. Mist – der zweite Schleicher!!!
Anhalten am Straßenrand – Schlauchwechseln, Antiplattband in die Tonne hauen. Gleiche Ursache, gleiche Wirkung – ärgerlich – zumal ich jetzt auch keinen Ersatzschlauch mehr habe. Na, wird schon gehen.
Als wir Carhaix wieder erreichen, ist es schon Nachmittag.

Carhaix – 703 km, 15:36 Uhr (Zeitlimit: 20:19 Uhr)

Als ich am Kontrollpunkt auf Thomas warte, gesellt sich ein älterer Teilnehmer zu mir. Wir schwätzen ein wenig über dies und das, er kommt mir bekannt vor…
Klar, das ist Friedhelm Lixenfeld, mit 84 Jahren der älteste Teilnehmer hier. Was für ein Kerl, hat schon 4mal PBP gemeistert, ist dieses Jahr zum 5ten Mal dabei. Er ist gut drauf, auch wenn er zugibt, dass er mittlerweile einen kleinen Hänger hat. Seinen Spaß mit Leipzigeinundleipzig, den er los lässt, als Thomas dazu kommt, muss ich bei Gelegenheit noch einmal überdenken.

Wir fühlen uns nach wir vor ausgezeichnet und können glatt noch eine Schippe drauflegen, als es nach Carhaix wieder hügelwärts gen Loudeac geht.
Wenige Kilometer später stellt sich jedoch ein unerwartetes Hindernis in den Weg, welches wir mit vereinter Kraft erst ausräumen müssen. Aber zu verlockend war der lokale Bäcker hier mit seinem leckeren Kuchen, dem Kaffee und der Cola. Dafür hören wir uns auch das ausschweifende Gerede eines deutschen Teilnehmers an.
Gesättigt und zufrieden absolvieren wir rasch noch die Geheimkontrolle Minuten später.
Es hügelt fleißig weiter, wir werden wieder müde, suchen uns ohne Diskussionen flugs eine ruhige Wiese und schlafen eine halbe Stunde. Das ist bei unserem Zeitpuffer ganz gut drin. Umso besser geht es danach weiter.
Und dann fahren wir in einer Gruppe relativ rasch über die nächsten Anhöhen in Richtung Loudeac. Es rollt gut. Aber diese Hindernisse immer!

Als wir in St. Martin des Pres einrollen, sitzen und stehen da in der Kurve ganz unvermittelt Leute mit Akkordeon und Flöte und machen Musik. Tatsache, das ist keine Halluzination. Wir haben ja auch gerade erst geschlafen!
Zu schade wäre es jetzt, an denen und den daneben stehenden Festzelten vorbei zu brausen und sich lediglich auf ein kleines „Bonjour“ zu beschränken.
Nö, das machen wir nicht – der Cidre lockt, die Grillwurst und Pommes auch, der Zeitpuffer lässt es zu und so finden wir uns alsbald in trauter Eintracht im Gespräch mit den Einheimischen wieder.
Wobei ich hier wieder einmal gestehen muss, dass Thomas Nachwende-Französisch/Englisch we­sentlich flüssiger als das meine ist. Gut, dass wir zusammen fahren. Ich könnte denen ja vielleicht mal was vom Klassenkampf der französischen Arbeiter erzählen. Na besser nicht…
Habt vielen, vielen Dank ihr lieben Leute. Das vergessen wir Euch nie!

That’s PBP!!!
Und das finden auch die Kanadier am Tisch, die sich ebenfalls nur schwer lösen können.
Warum müssen wir eigentlich unbedingt weiter fahren? Hier isses doch so schön! Im wunderbaren Abendsonnenlicht genießen wir die schöne Strecke bis Loudeac, wo wieder der Bär tanzt. Auch schön – wir stellen fest, dass nur sehr wenige Franzosen Rad fahren. Aber um so radsportbe­geisterter sind sie und wissen die Leistung auf dieser „Monstretour“ wohl zu schätzen.
Für die sind wir so etwas wie die „Helden der Landstraße“. Ein Gefühl wie ein Schaumbad, so umjubelt zu werden.

Loudeac – 782 km, 21:50 Uhr, Zeitlimit: 02:39 Uhr

Übrigens dürfen wir auch die Kinder an den Straßenrändern nicht vergessen, die sich so gern ab­klatschen lassen. Das führt zwar manches mal zu halsbrecherischen Manövern, macht aber beider­seits sehr viel Spaß. Wir halten uns auch hier nicht lang auf und sind kurz darauf schon wieder auf der Piste, auf dem Weg in die dritte Nacht. Wie machen wir es nun dieses Mal?

Zunächst wollen wir bis Tinteniac kommen, das sollte zu schaffen sein. Und dann sehen wir weiter.
Die Fahrt durch die Nacht wird glücklicherweise auch wieder wesentlich entspannter, als wir unter­wegs ein paar gastfreundlichen Franzosen begegnen. Der Sohn des Hauses dreht ununterbrochen mit einem Keksteller seine Runden, so dass wir bald ausreichend gesättigt sind.
Vielen Dank.
Da man jedoch nachts sehr schlecht einschätzen kann, wie schnell man wirklich vorwärts kommt, entsteht bald der Eindruck, man fahre endlos im Kreis. Ringsum Finsternis, nur wenige weit ver­streute Dörfer bringen ein wenig Abwechslung.
Eine knappe Stunde gönnen wir uns dann auf einem Seitenweg, nur mit der Aludecke zugedeckt und schla­fen ein wenig. Das hilft.
Bei der nächsten kurzen Rast sehen wir wieder dahin geraffte Randonneure schlafend liegen. Aber wir wollen noch ein Stück weiter. Kurz vor Quedillac begegnen wir Frank Weise mit seinem Liegerad. Für einige Zeit wird es etwas unterhaltsamer, dann kehren wir in Quedillac kurz auf Kaffee und Suppe ein, ehe Frank allein wei­ter rollt. Das hier lodernde Feuerchen ist gar zu warm und verlockend. Drinnen die vielen Schläfer… Die stärker werdende Müdigkeit…

Wie lange ist es noch bis Tinteniac? Wie spät ist es? Immer noch Finsternis.
Dann ein auf der Gegenspur Schlängellinien fahrender Japaner. Na hoffentlich passiert dem nix.
Dann fahre ich Schlängellinien und fange an zu träumen…
Tinteniac. Wie weit noch? Wie spät ist es? Halten wir doch besser an und schlafen eine Runde?
Lichter, eine Stadt. Ein Schild – Tinteniac! Wie groß ist denn dieses Nest?
Schlafen, endlich schlafen…
Nein erst die Stempel holen, dann schlafen!
Wir haben die Stempel,

Tinteniac, 867 km, 05:10 Uhr – ist es wirklich schon nach 5 Uhr? (Zeitlimit: 09:12)
Nur vier Stunden Reserve. Das ist nicht so toll. Aber wir müssen unbedingt schlafen. Irgendwo in einer Ecke setzen wir uns hin und schlummern sofort ein. Schlafen…

Dritter Tag

Blick auf die Uhr – Beruhigend, wir sind noch ganz gut im Zeitlimit. Ein Baguette Jambon und ein Kaffee we­cken rasch die Lebensgeister. Dazu wird es allmählich hell.
Abgesehen von einer durch die zusätzliche Radunterhose verursachte Reibestelle, die ich kurz nach Tinteniac mit Sitzcreme erfolgreich behandeln kann, geht es den Umständen entsprechend recht ent­spannt nach Fougeres.
Zunächst versuchen wir in einer Gruppe Engländer mitzufahren, doch deren stetige Tempowechsel und sich verlangsamende Fahrt veranlassen uns, ein wenig mehr Gas zu geben. Und siehe da, es geht wieder. Die Nacht und die Müdigkeit sind vergessen.
Es rollt und die Sonne scheint.
Bald ist Fougeres erreicht.

Fougeres – 921 km, 09:47 Uhr, Zeitlimit: 13:23 Uhr – na passt doch fast wieder.

Ohne Aufenthalt weiter, langgezogene Hügel auf und ab.
So in der Gegenrichtung sieht das alles ganz anders aus. Sind wir hier vorgestern wirklich lang gefahren? Etwas essen könnte man auch schon wieder.
Ein paar junge Mädchen, die das quasi als Ferienvergnügen betreiben, sind die Rettung. Sie standen mit ihren Eltern schon vor Jahren als Kleinkinder mit an der Strecke, wie sie uns im Album zeigen.
Es gibt Pizza! Klasse – und etwas Sirup zum Trinken. Lecker!

Kilometer später die nächste Pause, die Sonne heizt ganz schön ein, man muss es ja nicht übertrei­ben. Also kurzer Genuss im Schatten eines Baumes und den Vorbeifahrenden zuschauen. Das hat auch was!
Bis Villaines ist es dann auch nicht mehr sehr weit. Aber die Luft ist drückend, schwül, es bewölkt sich zunehmend, es tröpfelt ein wenig, man hat das Gefühl, sich mühsam durch eine dicke klebrige Masse zu bewegen. Droht ein Gewitter?
Irgendwie kommen wir nur schleppend vorwärts. Aber auch die Anderen sind nicht schneller. Was tun?
Klar – da gibt es noch unser bewährtes Rezept, der Zeitplan gestattet das auch – eine halbstündige Schlafpause im Schatten auf der Wiese. Danach geht alles gleich viel lockerer.
Und die Einfahrt in Villaines la Juhel wird schon fast zu einer Art Triumphzug.
Was hier los ist! Wahnsinn!
Hier ist ein Getöse wie bei der Tour de France.
Jeder, aber auch wirklich jeder Fahrer bekommt hier seinen persönlichen Applaus. Möööönsch und das alles wegen uns. Kaum zu fassen.

Thomas hat seit einiger Zeit Probleme mit seinem Freilauf und der Kette. Er verschwindet bei den Mechanikern, die aber auch nix weiter tun können, als die Kette zu kürzen, ich schaue mir indessen das Volksfest hier an. Die Krönung ist dann noch der Kinderumzug, der für zusätzliche Stimmung sorgt.
Villaines und deine Einwohner – ein unvergesslich bleibender Eindruck.

1009 km, 16:06 Uhr, Zeitlimit: 20:14 – sieht wieder ganz gut aus.

Deswegen halten wir auch noch einmal beim Bäcker von der Hinfahrt, die junge Verkäuferin ist sehr nett und stellt äußerst interessierte Fragen. Und das Baguette-Brot schmeckt vorzüglich. Vive la France 🙂

Wesentlich schneller geht es nun weiter.
Wir haben unseren Familien ca. 10 Uhr morgen als Ankunftszeit verkündet.
Tatsächlich sind es aber „nur“ noch 220 Kilometer. Werden wir wirklich noch so lange brauchen?
Und so schnell, wie wir jetzt sind, können wir uns das gar nicht so richtig vorstellen. Na gut, dann schlafen wir eben noch eine Runde in der Nacht und kommen dann recht ausgeruht in Paris an. Es rollt und rollt…
Es rollt gut, es rollt Klasse – auch wenn die Luft eigenartig drückend und schwer ist.
Und der Wind weht leise von hinten. Besser geht nicht.
Merkwürdig nur, dass ich ein eigenartiges Gefühl beim Sitzen habe.
Mein Kopf ist ziemlich schwer geworden, der hängt allmählich so tief zwischen den Schultern, ich muss mich zunehmend überwinden und zwingen, den zu heben, um die Gegend an­gucken zu können.

Mortagne au Perche, 1090 km, 21:13 Uhr, Zeitlimit: 02:08 Uhr

Irgendwie wird der Kopf-Nacken zum Problem. Eine Pause wäre gut. Es sind nur noch 140 Kilometer und wir haben eine Menge Zeit. Leider hat mein Wunschverpflegungskandidat, der Kebap-Stand geschlossen. Ärgerlich!
Noch einmal den Berg hinauf zum Verpflegungspunkt wollen wir auch nicht. Also weiter. Weiter, möglichst weit an Paris heran kommen. Aber ärgerlich ist jetzt das mit dem entstehenden Hungergefühl, denn Power-Riegel sind keine wirkliche Alternative.
Ärgerlich auch das jetzt mit dem Kopf – „Shermers Neck“ – ausgerechnet. Die Nackenmuskulatur streikt, ist nicht mehr imstande, den Kopf aufrecht zu halten. Es geht zwar noch – irgendwie – aber wie!
Im Gegensatz zu den schon gefahrenen 1000er-Touren in den letzten Jahren habe ich in diesem Jahr den Lenker nicht höher als den Sattel gestellt. Das rächt sich nun heftig, damals saß ich ein ganzes Stück aufrechter, die Nackenmuskulatur wurde nicht so überlastet.
Wir werden langsamer, ich muss die Hand unters Kinn drücken, um den Kopf aufrecht zu halten. Kurze Pause, kleine Bewegungsübungen – jetzt geht es wieder. Ein Stück wenigstens.
Tut mir Leid Thomas, aber das Problem nimmt mich jetzt völlig in Anspruch. Stück für Stück arbeiten wir uns nun durch die Nacht.
Ein Ort – schade, das Restaurant hat schon geschlossen. Wieder ein Ort, eine Bar, Randonneure davor, es gibt Kaffee und Schokoriegel. Der Nacken entspannt sich.
Thomas schwätzt ein wenig mit den Security-Leuten, die mit den Motorrädern pausenlos an uns vorbei pendeln. Sie achten darauf, dass niemand unfreiwillig im Straßengraben liegt.
Über 30 Mann sind dafür rund um die Uhr auf Achse. Ich hänge müde auf meinem Stuhl herum und versuche mich im Kopf-Auf- und -Nieder-Schwenken. Weiter!
Wieder ein Ort, eine Truppe von Franzosen – es gibt ein paar Tassen dicker Suppe und Kaffee. Wie gut das tut! Danke – Merci beaucoup! Ohne Euch wären wir aufgeschmissen.
Daneben ein Randonneur in Rettungsdecken gewickelt. Als man versucht, ihn zu wecken, verleiert er die Augen, wirkt stark abwesend, weggetreten.
Die nächsten Kilometer – es rollt wieder ein Stück nach der Rast.

Fast über den gesamten Horizont ist ein heller, roter Lichtschein zu erkennen. Ist das schon Paris?
Weiter, der Nacken, die Müdigkeit – ätzend…
Schluss – die Wiese an einer kleinen Plantage sieht gut aus. Bis Dreux ist es nicht mehr sehr weit – das ist nachher zu schaffen. Also Biwaksack raus, gleich so, wie wir sind, ins Gras und schlafen. Der zwischenzeitlich einsetzende Regen stört nur wenig.

Letzter Tag

Als wir wieder wach werden, sehen wir immer noch die endlose Lichterkette, die an uns vorbeizieht.
Shermers Neck ist im Augenblick ganz ruhig. Also rauf aufs Rad, Kilometer machen, ehe der wieder zuschlägt. Erstaunlich schnell geht es weiter. Wir überholen viele übermüdete Gestalten.
Dreux, wir kommen.
Aber wo bleibt Thomas, der war doch gerade hinter mir?!
Ein vorbeifahrender Amerikaner murmelt etwas von friend und chain.
Autsch – die Kette. Also zurück, Thomas ist nicht zu übersehen. Als er nun an der gerissenen Kette werkelt und sich bemüht, das Kettenschloss einzusetzen, hält noch ein Mechaniker auf dem Motor­rad. Der kann zwar nicht helfen, aber wenigstens die Lampe halten.
Alles gut. Problem gelöst. Weiter.

Nach wenigen Minuten reißt meine Kette- wir schauen auf die Uhr und stellen fest, dass wir nur 1,5 Stunden bis zum Kontrollpunkt haben – die Kette ist aber schnell geflickt, ein Geheimkontrolleur hält an und leuchtet unsere Feldwerkstatt aus.

Shermers Neck? Noch ruhig. Schnell schnell. Wir fahren jetzt wirklich ein überraschendes Tempo. Und dann ist im leichten Regen endlich Dreux erreicht.

Dreux, 06:08 Uhr, 1165 Kilometer, Zeitlimit: 07:44 Uhr

Hat geklappt, wir sind noch gut im Zeitfenster und bis Paris sollte nun nichts mehr anbrennen. Nur „Shermers Neck“ meldet sich nach der Pause wieder. Sehr unangenehm, im strömenden Regen durch die graue kalte Pampa zu rollern und nur 2 Meter vor dem Vorderrad weit gucken zu können.
Thomas dirigiert mich, so weit es geht, ab und zu nehme ich die Hand, um den Kopf anzuheben und das Sichtfeld zu erweitern. Aber alles grau, nur ne Menge Randonneure vor und hinter uns. Nichts Neues, haben wir alles schon mal gesehen.
Die letzten Kilometer werden endlos…
Regen, kein Regen, grau ringsum, ach nein, das ist nur der Asphalt, außer dem sehe ich im Augen­blick nicht viel… Trotzdem, ein Trost, langsamer als die Truppe ringsum sind wir auch nicht.

Wir rollen im Regen bis ins Ziel, Lutz muss seinen Kopf per Hand anheben, damit er noch etwas se­hen kann, sein Nacken hat der tagelangen Überstreckung nicht stand gehalten, sobald er los lässt sieht er nur noch den Asphalt zwei Meter vor seinem vorderen Laufrad. Zum Glück ist das Problem erst am letzten Abend entstanden.

Kopf hoch – den Rest schaffen wir auch noch. Leicht gesagt, Kopf hoch geht nur mit Handunterstützung…
Die Pariser Vororte, ein paar letzte Hügel, Wald und Parklandschaften, dann sind wir auf einer Art Autobahn und wenige Minuten später schwenken wir auf die schmale Straße ein, die am See in der Nähe des Velodroms vorbei führt.
Oh, da sind schon die Absperrungen, es regnet, nur Wenige haben sich hierher verirrt.
Die letzte Matte, es piept ein letztes Mal beim Einlesen des Transponders.

War es das schon?
Nö?
Ehrlich?
Wir sind da?

PARIS – 10:15 Uhr, 1230 km, Zeitlimit: 12:30 Uhr

Es ist vorbei.
Wir strömen mit den Anderen ins Velodrome – dort ist Tohuwabohu.
Der letzte Stempel – die Dame, die unser Brevetheft einsammelt, erwähnt kurz, dass sie lediglich einen deutschen Satz beherrschen würde…
Na – und der wäre?

„Das is mir Wurscht!!!“

Frank ist da, er ist kurz vor uns rein, hat ebenfalls erfolgreich gefinisht.
Glückwünsche.
Gegen einen drohenden Shermers Neck weiß er ein gutes Gegenmittel.
Jaaaaaa – aber ich werde trotzdem nicht zum Liegeradler – nicht mehr in diesem Leben 😉
Wir holen die Räder und wandern zum Camp hinüber, wo Thomas‘ Vater und meine Familie wartet.
Wiedersehensfreude. Ein paar Finisher-Fotos…
Während meine Frauen nun noch einmal nach Versailles wollen, packen wir alles zusammen und fahren ins Hotel.
Duschen…
Ein Bierchen…
Und Schlafen…

Paris-Brest-Paris 2015

Es war ein wunderbares Erlebnis. Weniger des Radfahrens wegen, das kann man schließlich (fast) überall, sondern der unvergesslichen Eindrücke, die uns dieses bunte Gemisch von Fahrern aus weltweit über 60 Nationen und die umwerfende Gastfreundlichkeit der radsportbegeisterten Franzo­sen entlang der ganzen Strecke vermittelten. Und wir sind Beide froh, alles heil und gesund überstanden zu haben und keinerlei negative Nach­wirkungen zu haben. Auch das Problem Shermers Neck ist bereits am nächsten Tag fast vergessen.

Sollte man PBP wiederholen?

Thomas:

Eine gewisse Leere beschleicht mich in diesem Moment. Der Gedanke PBP hat uns jetzt fast 2 Jah­re begleitet und auf einmal ist alles schon wieder vorüber

Jetzt, ein paar Tage nach PBP2015 realisiert man immer mehr, dass dieser Traum in Erfüllung ge­gangen ist, wir es tatsächlich geschafft haben. Man läßt die vielen schönen Szenen revue passieren und ist immer noch hin und weg, sprachlos, beeindruckt, ja manchmal wortlos, fast ohnmächtig – vor Glück!

Was kommt jetzt?

Diese Frage stelle ich mir immer wieder – vor Paris war immer das Ziel klar vor Augen – jetzt ist die Ziellinie überschritten, liegt hinter uns und die Schreie und der Applaus der Menschen verhal­len nach und nach – auch wenn sie unvergessen bleiben werden.

Was kommt jetzt? Was kommt als nächstes?

Es ist im Moment egal – wir genießen einfach mal das Erreichte und denken nicht schon wieder an das nächste Ziel, das nächste Projekt.

Lutz:

Ich werde PBP wohl persönlich in dieser wunderbaren Erinnerung behalten wollen und nicht noch einmal fahren. Eine Wiederholung würde diese Erfahrungen eher abschwächen.

Ich spüre nach wie vor keinerlei Euphorie. Es ist eher eine sehr ruhige angenehme, entspannte und gelassene Stimmung in mir. Es war toll, es war wunderbar, es war einfacher, als ich im Vorfeld be­fürchtet hatte. Und wir sind voller Eindrücke gesund und munter (lässt man Shermers Neck mal bei­seite) zurück gekehrt.

Nun freue ich mich, ehrlich gesagt, auch auf die Zeit danach.

Auf das noch einmal gedankliche Nachfahren dieser Tour, das Sortieren und Strukturieren der Ge­danken und Erinnerungen…

Das Aufschreiben…

Und ich freue mich auf die schönen Herbsttouren und das, was die nächste Saison so bringen wird.

PBP 2015 – 1. Teil

PBP 2015-1

Start und erste Nacht

Gegen 13 Uhr kommen meine Mädels und ich auf dem Camp an.
Die Räder und Taschen sind bereits dort, Thomas hat gestern bereits alles per Auto mitgenommen.
Wir packen noch einmal alles, befestigen die Startnummern am Rahmen. Längere Zeit verbringen wir dann auf dem Platz am Velodrome, wo sich die Randonneure aus aller Welt allmählich sammeln. Da wird Einiges geboten…

16 Uhr erfolgt schließlich der Start der 80-Stunden-Gruppe. Unser Countdown läuft…

Der erste Start, die 80-Stunden-Gruppe mit u.a. Olaf Hilgers, ist 16:00 Uhr – auf dem Platz am Velodrome ist ein Wahnsinns Getümmel, wie bei der Tour de France – sehr
beeindruckend.
Es starten ab jetzt immer 300 Fahrer im 15 minütigen Abstand
Für uns wird es ernst – wir packen, bringen alles Nötige am Rad an, ziehen unser ARA Deutschlandtrikot an und – am Ende ist die Zeit fast zu knapp für einen Abschied von den Familien, wie wir und so zeitig in die Startgruppen einreihen müssen (klappt aber noch)

Wir gehen, um unsere Räder zu holen und wollen uns noch einmal kurz mit Thomas‘ Vater und meinen Mädels treffen.
Aber schneller als erwartet werden wir von den Ordnern mit unseren Rädern gleich in die Startbereiche geschickt. Das ist ein wenig schade, denn so bleibt keine Gelegenheit, dass wir uns von den Familien gebührend verabschieden können.
Aber sie sind clever, haben schnell registriert, dass wir uns schon in der Startgruppe befinden und stehen dann gut platziert im Spalier der Zuschauer und geben uns noch herzliche Wünsche mit auf den Weg.
Thomas war übrigens bereits gestern beim Treffen und Fotoshooting der deutschen Randonneure dabei, während ich meine Mädels vom Bahnhof Paris l’Est abholte.

Samstag 17:00 Uhr fand das Treffen der dt. Radler zum Mannschaftsfoto statt. Es versammelten sich geschätzte 400 Radler. Ungefähr eine Stunde lang gab es kleine Ansprachen, moderiert von Reiner Paffrath, die Brevetorganisatoren aus den verschiedenen Bundesländern wurden vorgestellt, Und Friedhelm Lixendorf, der Grandseigneur der Szene, spricht 15 Minuten in unnachahmlicher Art.

Der jüngste deutsche Teilnehmer ist 19 Jahre jung, Friedhelm mit seinen 84 Lenzen ist der wohl auch international älteste Fahrer.

Ich bin noch auf der Suche nach der Euphorie, als wir weit am Ende, fast als die Letzten unserer Startgruppe langsam durch den Startbogen rollen.

Wir befinden uns fast ganz hinten, wollen uns aus dem nervösen Start Getümmel heraushalten – nicht in Unfälle verwickelt werden.

Nur die indische Gruppe hat sich mit einem asisatisch-diplomatischen Lächeln hinter uns platziert.
Da sind unsere Familien, Thomas Vater, meine drei Frauen, ein Lächeln, noch einmal gewinkt, dann sind wir schon an ihnen vorbei.
Wir rollen durch den Kreisverkehr am Velodrome, nehmen allmählich Fahrt auf, ringsum jubelnde, applaudierende Zuschauer, sind die etwas alle wegen uns da???
Es ist kaum zu fassen. Ja gibt es denn so etwas???

Ein schönes Gefühl, die Aufregung steigt, noch zwei Startblöcke im Wartebereich, noch einer, dann dürfen wir „hoch“ in den Startbereich. Abschied von den Familien, noch ein paar Fotos ein letztes Winken, dann geht’s über die Startlinie 18:30 Uhr, die Zeit läuft, wir sind unterwegs, Gänsehaut, so viele Leute jubeln uns (UNS) zu, wünschen eine gute Reise, applaudieren – wir sind überwältigt, den Tränen nah, vor Rührung – Wahnsinn!!! Das ist Paris Brest Paris

Es findet nur aller 4 Jahre statt und man hat das Gefühl, dass nicht nur die Radler danach lechzen, sondern auch die Bevölkerung.

Immer wieder rufende, klatschende, motivierende Zuschauer am Straßenrand, deren „Bonne Route“, „Bon Courage“, „Allez allez“ klingen in uns lange nach, begleiten uns in den nächsten Stunden.
Ein Kribbeln breitet sich im ganzen Körper aus, Gänsehaut.
Wir sind on Tour, wir haben die „Monstretour à Brest et retour“ begonnen.

In nackten Zahlen ausgedrückt liegen 1230 Kilometer und über 10000 Höhenmeter vor uns.

Also nur keinen Sturz jetzt riskieren, nicht zu nah an die Kante drängen lassen, aber auch nicht zu viel Tempo verlieren, sondern an der Gruppe dran bleiben.
Wie immer ist es nach längerem Zeitraum für mich etwas gewöhnungsbedürftig, mich an die durch die Gepäcktaschen etwas veränderten Balance-Verhältnisse auf dem Rennrad zu gewöhnen. Die Last bremst aus, ich komme mir relativ langsam vor.
Aber wir haben 90 Stunden Zeit. Die sind bezahlt, die wollen wir auskosten. Es geht nicht um Tempo. Durchhalten, gesund ins Ziel kommen – das zählt. Und wenn möglich, wollen wir PBP genießen.
Ein erster Unfall in einem Kreisverkehr, ein Asiate, vielleicht ein Japaner, hat die Bordkante touchiert, er muss etwas unsanft aus dem Sattel – doch er hat Glück, mit einem Lächeln steigt er sofort wieder auf…
Das Gelände außerhalb der Pariser Vororte ist leicht wellig, für den Anfang lässt es sich zumindest schon sehr angenehm zu fahren.

Kleine Wälder, Felder, Wiesenlandschaften wechseln einander ab, als wir in den ersten Abend hinein fahren.
Das Wetter kann nicht besser sein. Der Himmel ist bewölkt, die Sonne hat jedoch auch ihre Chance, was kann es Schöneres geben, als an solch einem Tag Rad zu fahren.
Und der Wind ist unser Freund, er hält sich angenehm zurück oder weht leise aus Nordost.
Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben, wird PBP eine „Weichei“-Tour?
Nein wohl eher nicht, wir sind der Meinung, dass wir uns das nach den Härten der Qualifikations-Brevets verdient haben.
In einer endlosen Kette von Randonneuren aus aller Welt fahren wir nun in angemessenem Tempo gen Westen.
Während wir nun Kilometer für Kilometer fressen, stellt sich auch wieder das erwartet sichere Gefühl auf dem Rad ein. Die Last am Hinterradgepäckträger ist nicht mehr zu spüren. Es rollt.
Da ist Karl Weimann, wir überholen ihn winkend an einer leichten Abfahrt. Prima, der Haudegen hat es trotz seines Unfalls im Frühjahr geschafft, hier wieder dabei zu sein.
In den Dörfern immer wieder Menschen, die uns zujubeln.

Langsam wird es dunkel, etliche Randonneure machen an kleinen Läden oder Restaurants die erste Pause. Aber wir wollen weiter.
Lieber etwas langsamer fahren, die Körner aufsparen, dafür aber kürzere und etwas weniger Pausen machen. Das ist unsere „Strategie“.
Trotzdem überholen wir, zeitweise fahren wir in einer kleinen Gruppe mit einem angenehmen 25er-Schnitt, vor allem viele Asiaten. Die Inder haben den Mundschutz angelegt, die kühle Abendluft wird ihnen jetzt schon zu schaffen machen.
Und bei dem ungewöhnlichen Bummel- & Sprint-Fahrstil Mancher fragen wir uns, wie die wohl diese Strecke durchhalten können und wollen.
Erste kurze Rast nach 70 Kilometern, wir scheren aus der Reihe aus. Trinken, Essen. Wieder Einreihen…
Das ist der erste starke und unvergessliche Eindruck auf dieser Tour.
Bis an den Horizont über Wellen und Hügel zieht sich eine endlose Kette von roten Rücklichtern. Dreht man sich um, so erblickt man eine ebenso endlose Kette von gelben und weißen Scheinwerfern.
Eine Lichterkette, die von Paris bis Brest zu reichen scheint.

Das Kribbeln ist ganz gewaltig – wir sind zwei winzige Teilchen in diesem Lebewesen, welches hier über die kleinen Straßen Frankreichs durch die Dunkelheit gen Westen zieht. Wir sind dabei!!!

Es ist stockfinster, als wir kurz vor Mortagne au Perche am linken Straßenrand einen Radler liegen sehen. Helfer kümmern sich um ihn, betten seinen Kopf in eine bessere Position… Hoffentlich ist ihm nichts Schlimmeres zugestoßen.

KM 120 – ein Radler liegt am Boden, wird am Kopf und Hals von anderen „behandelt“ – wenn man das sieht wird einem mulmig

0.30 Uhr Mortagne au Perche. Wir sind in der Startgruppe L, etliche aus den M- und sogar schon den P- und S-Gruppen haben uns bereits überholt, aber hier treffen wir auch viele aus G, H, J, K…
Das große Feld vermischt sich…
Die letzten Hügel haben mir schon Einiges abverlangt. Zum Glück gibt es hier ein kleines Restaurant, wo wir halten. Trotz der vielen Randonneure haben die Leute drinnen den Laden im Griff und wir bekommen ohne langes Warten eine Art Kebap im Fladenbrot.

140 Kilometer, Rechnen ist noch nicht angebracht.

Aber zumindest sollte ich darüber nachdenken, wie es weitergehen soll.
Ja zugegeben, ein wenig haben wir uns von der Euphorie anstecken lassen und ziehen lassen, sind für meine Fähigkeiten etwas zu zügig die Hügel hinauf gefahren.
So wie ich mich kenne, ist schnell Schluss bei mir, wenn das so weiter geht. Aber Thomas wäre nicht Thomas, wenn er nicht in seiner Kompromissfähigkeit, die ich so an ihm schätze, ohne Umschweife auf meine Befindlichkeiten eingehen würde und wir anschließend etwas Tempo heraus nehmen. Auch wenn es in der Finsternis nun kaum noch einzuschätzen ist, wie schnell oder langsam wir uns vorwärts bewegen, so können wir angesichts derer, die sich schon jetzt wesentlich mühsamer als wir die Anstiege hinauf schinden und Schlängellinien fahren, erkennen, dass wir wohl noch ganz gut unterwegs sind. Nach der „offiziellen“ 90-Stunden-Strategie sollte man die erste Nacht durchfahren und erst am späten Abend in Carhaix eine Schlafpause einlegen. Das werden wir nicht schaffen. Irgendwann in der Nacht wird die Müdigkeit so groß, dass wir uns abseits der Straße in eine Einfahrt setzen und eine halbe Stunde schlafen wollen. Das klappt erwartungsgemäß nicht, die Aufregung, die unbequeme Sitzhaltung, die kühlen Temperaturen…
So sehen wir also zu, wie ununterbrochen die Randonneure mit ihren starken Scheinwerfern auf der Straße vorbei rauschen. Trotzdem fühlen wir uns erholt und konzentriert, als wir uns schließlich wieder einreihen.

Der Morgen dämmert, als wir gegen 6 Uhr Villaines la Juhel erreichen. Zeitlimit ist für uns hier 9.10 Uhr, d.h. wir haben auf den ersten 220 Kilometern trotz Pause drei Stunden Zeitpuffer heraus gefahren.
Unser Plan beabsichtigt, dass wir uns einen durchschnittlichen Puffer von 5 bis 10 Stunden verschaffen wollen, um in den Nächten entsprechend auch längere Schlafpausen machen zu können. Die erste Nacht haben wir nun schon irgendwie überstanden, trotzdem sind uns drei Stunden geblieben. Beruhigend, denn wir hoffen, im Laufe des kommenden Tages wieder Einiges herausfahren zu können. Wir passieren den Bereich, wo sich die Begleitfahrzeuge aufhalten dürfen, die Begleiter stehen Spalier und erwarten ihre Fahrer. Die Stadt an sich schläft noch, aber im Kontrollbereich und an der Verpflegungsstelle herrscht ein großes Durcheinander.

Die Kontrollpunkte sind sehr voll, zunächst muss man das Rad irgendwo abstellen können, dann wird die Zeit genommen (Transponder und Kontrollkarte)

Trotzdem ist das alles so professionell organisiert, so dass wir ohne lange Wartezeiten unsere Kontrollstempel bekommen und eigentlich sofort weiter fahren könnten. An die Schlange im Restaurant wollen wir uns also lieber nicht anstellen.
Das ist der andere Teil unserer „Strategie“. Wir wollen lange Wartezeiten in den offiziellen Versorgungsstellen vermeiden und eher die alternativen Angebote vor Ort, also kleine Läden, Bäckereien etc. nutzen.
Und siehe da, auch der kleine Bäcker, wenige hundert Meter vor dem Kontrollpunkt, hat schon geöffnet und wir bekommen einen prima Kaffee, Fanta und Croissons. Genau das Richtige…

Am Velodrome

Fahrradcheck am Velodrome

Wie viele Andere sind wir PBP-Novizen, besitzen noch nicht die gelassene Abgeklärtheit der alten Hasen, die bereits zum x-ten Mal hier teilnehmen.

Aber umso unbeschwerter ohne jeglichen Erwartungsdruck unterhalten wir uns nun mit den anderen hier in der Schlange am Fahrradcheck, den Japanern, Engländern, Iren, Australien, Thailändern, Chinesen, Russen, Italienern, Brasilianern und begutachten unsere Räder.

Dass der Japaner mit einem Scheinwerfer von Busch und Müller sowie einem deutschen SON-Nabendynamo fährt, ich dagegen einen japanischen Shimano-Nabendynamo verwende, erregt Heiterkeit.

So was aber auch.

Der Fahrradcheck wird professionell und zügig von den vielen ehrenamtlichen Helfern erledigt, die Lampen funktionieren, die Bremsen auch, innerhalb von Minuten befinden wir uns auf dem Weg hinauf zum riesigen Velodrome und schauen staunend und mit ein wenig Gänsehaut auf das Treiben unten im Hexenkessel.

Wir sind keine Zuschauer, nein, wir sind dabei…

Für UNS wird dieser ganze Rummel veranstaltet.

Auch die Ausgabe der Startunterlagen erfolgt bestens organisiert und rasch.

Kurze Zeit später schon stehen wir mit unseren Beutelchen, in dem sich die Startnummern, Trikots und die Super-Randonneur-Medaille befinden, wieder draußen, holen die Räder ab und sind angesichts der zunehmenden Menschenmenge froh, frühzeitig hier gewesen zu sein.

So bleibt dieser Tag noch, um uns in Versailles und Paris ein wenig abzulenken.

Morgen Abend!

Der lange Weg

Thomas:

Also die Idee hatte ich schon vor 12 oder 13 Jahren.

Da habe ich von PBP gehört/gelesen und wollte eigentlich ganz gern teilnehmen.

Jörg mit dem ich damals die Tour de Ostsee gefahren bin, hatte aber keine Lust dazu.

Der Gedanke war also nicht mehr ganz frisch , er ist aber neu aufgeflammt, als ich auf Lutz traf bin und wir geredet haben.

Ich war und bin fasziniert, war mir aber schon immer sicher es zu schaffen (klingt überheblich, ist aber definitiv nicht so gemeint)

Und Respekt habe ich trotzdem vor der Veranstaltung.

Lutz:

Februar 2007 – es ist ein ausgesprochen milder Winter, als ich in Vorfrühlingseuphorie beim Ideensammeln für Radtouren im Internet auf die Seiten der Randonneure stoße.

Das ist ja Wahnsinn, was die machen. Da sind ja die 250 km ins Erzgebirge im, letzten Jahr der reinste Klacks dagegen. Und das sind keine Profis, das sind offensichtlich ganz normale Hobby-Radsportler.

200 sind für die nur der Anfang. 300 sind vielleicht auch noch vorstellbar – aber dann dieses Paris-Brest-Paris, von dem ich bisher noch nie gehört habe… 1200 Kilometer nonstop. Ist das gesund?

April 2013 – Spreewaldmarathon, wir lernen auf der Tour vier Randonneure aus Norddeutschland kennen. Bärbel, die Eine von ihnen, hat 2007 erfolgreich an PBP teilgenommen und erzählt eine Menge wissenswerter Dinge darüber.

Das Interesse erwacht. Aber von 1200 Kilometern 1000 im Regen fahren? Muss man sich das antun?

Allerdings hab ich im letzten Jahr auf der Tour Paris-Zweenfurth diverse Erfahrungen sammeln können, die PBP machbar erscheinen lassen.

Frühjahr 2014 – Welchen inneren Kampf, welches Hin- und Hergerissensein hat es gekostet, vom Prinzip der Solo-Touren Abstand zu nehmen, und den Versuch zu wagen, bei einem Brevet mit zu fahren.

Der 200er im April bei Olaf ist absolviert, es war für meine Begriffe ein irrsinniges sehr sportliches Tempo, der 600er in Berlin dagegen ist ein Genuss.

PBP 2015 – warum nicht.

Nachdem der Entschluss gefallen war, musste nun Einiges in die Vorbereitung investiert werden.

Zum Einen waren die Vorgaben der Organisatoren für eine mögliche Teilnahme an PBP zu erfüllen. Auf Grund der vermutlich limitierten Fahrerzahl war es schon im Vorjahr der Veranstaltung günstig, einen möglichst langen Brevet zu fahren. Das gestattete eine wesentlich frühere Vorregistrierung, d.h. einen Platz viel weiter vorn in der Warteliste, als wenn man sich nur auf Grundlage der 2015 sowieso zu absolvierenden Brevets anmelden würde.

Thomas war es nicht möglich, schon im April 2014 beim 200er dabei zu sein, und absolvierte dagegen den 300er. Ich fuhr zwar den 200er, musste aber aus gesundheitlichen Gründen, die sich hoffentlich 2015 nicht wiederholen würden, beim 300er und 400er passen.

Schließlich schafften wir es gemeinsam, im Juni 2014 den 600er von Berlin an die Ostseeküste und zurück zu absolvieren.

Das Schöne daran war nicht nur die Landschaft, sondern vor allem auch der sehr freundschaftliche Umgang der Randonneure untereinander und auch uns Neulingen gegenüber.

Und dann trauten wir uns plötzlich alles zu.

2015 – das PBP-Jahr

Als ob uns im letzten Jahr Einer das Randonnieren möglichst schmackhaft zu machen versucht hatte, kümmerte sich ebendieser 2015 intensiv darum, uns konsequent auch die härteren Seiten dieses Sports nahezubringen.

So fiel der erste 200er Brevet im März buchstäblich ins nur 3°C kalte Dauerregen-Wasser. Aber – geschafft. Das war die Hauptsache! Wieder ein Bausteinchen für die Teilnahme an PBP.

Es konnte nur besser werden, dachten wir danach.

Dass ich beim 300er dann mit Hungerast nach einem für meine Verhältnisse völlig überzogenen Start nur mühsam in Thomas‘ Kielwasser in Bennewitz wieder ins Ziel kam, ließ mich zumindest enorm an meinen Fähigkeiten für PBP zweifeln.

Trotz meiner Bemühungen, diese Fehler nicht zu wiederholen, geschah Ähnliches beim 400er mit seiner eisig kalten Nacht. Aber glücklicherweise gelang es hier wenigstens, mich so weit zu regenerieren, dass dieser Brevet aus eigener Kraft zu Ende gebracht werden konnte.

Im Anschluss trugen wir uns am 03.05.2015 in die Warteliste ein. Das ging völlig problemlos, die Zahlung der 30,-EUR Gebühr erfolgte prompt.

Damit war auch das abgesichert. Wir standen in der Teilnehmerliste.

Doch bei mir waren die Zweifel groß. Thomas hatte offensichtlich gar keine Probleme, entspannt und zügig die Touren abzuspulen.

Aber ich… Sollte ich besser auf den 600er verzichten und Thomas die Möglichkeit geben, das Ding in seinem Stil abzuspulen, ohne auf mich unnötig warten zu müssen?

Doch da hatte ich nicht mit seiner Kompromissbereitschaft und seiner sicheren Gewissheit, dass wir Beide das schaffen würden, gerechnet.

Wir bringen das gemeinsam zu Ende, so seine Einstellung und sei es eben im „Dieselmotortempo“. Solange dadurch nicht die Qualifikation für PBP gefährdet würde, sei ihm alles Recht.

Der 600er kam, es wurde eine ganz tolle, sehr bergige Fahrt und diese absolvierten wir (natürlich inkl. stundenlangem Dauerregen) gemeinsam!

Nun waren alle Bausteinchen für PBP gesetzt. Mehr konnten wir auf dem offiziellen Weg nicht tun.

Am 31.05.2015 wandelten wir unsere Vorregistrierung in eine richtige Registrierung um.

Das kostete noch einmal ca. 80,- EUR zusätzlich, dazu kam der Preis für zwei PBP-Trikots und die Super-Randonneursmedaille.

Was konnte nun noch geschehen oder schief gehen?

Nun lag es an uns, die bereits gewonnene Form über die verbleibenden zwei Monate bis zu PBP zu konservieren.

Nicht ganz einfach, da sich eine gewisse innere Ruhe breit machte, PBP ja noch lange hin war und wir die Motivation irgendwie bewahren mussten.

Mit einer 480-km-Solo-Tour von München nach Zweenfurth und einer gemeinsamen wunderschönen 450-km-Brocken-Runde verschafften wir uns im Juni/Juli noch einmal die Bestätigung, dass derlei Langstrecken zur Zeit kein Problem darstellten und wir wohl recht gut auf das Jahresereignis vorbereitet waren.

Rad, Ausstattung etc.

Thomas:

Rad: Basso ZER

Reifen: Continental Grand Prix 4-Seasons 25mm

Schaltung: Campagnolo Record

Kette: KMC

Scheinwerfer: B&M Luxos U

Rücklicht: B&M Toplight Brake Plus

Stromversorgung für Smartphone oder Navi: über Luxos U – USB-Anschlussmöglichkeit

Nabendynamo: Shutter Precision PD8

Navigationsgerät: Garmin eTrex 30

Gepäckträger: Tubus Fly

Taschen: Ortlieb Front Roller, Ortlieb Saddle-Bag Größe L, Oberrohrtasche

Biwaksack: Mountain Equipment Ultralite Bivi

Das Rad ist mindestens 15 Jahre alt, fährt sich in dieser Konfiguration sehr gut

Lutz:

Rad: Canyon Roadmaster Pro

Reifen: Schwalbe Durano 25 mm (Pannenschutzbänder haben sich nicht bewährt)

Schaltung: Shimano 105

Kette: Shimano HG 53 (hat sich erstaunlicherweise auf der Strecke bestens bewährt)

Scheinwerfer: Supernova E3 Pro 2

Rücklicht: Supernova E3 Taillight 2

Ersatzbeleuchtung: B&M Ixon IQ, Conrad LED-Rücklicht (beides mit Akku)

Stromversorgung: cycle2charge mit USB-Anschlussmöglichkeit (Anschluss parallel zum Scheinwerfer am ND)

Nabenynamo: Shimano DH3N80

Navigationsgerät: Garmin eTrex 30

Gepäckträger: Tubus Fly

Taschen: Ortlieb Front Roller, Lenkertasche, Oberrohrtasche

Biwaksack: Mountain Equipment Ultralite Bivi

Der Brooks-Sattel hat sich bestens auf dieser Strecke bewährt.

Die einzige Reibestelle entstand durch die doppelt unter die Radhose gezogene Fahrrad-U-Hose. Diese ließ sich jedoch mit dick aufgetragener Sitzcreme optimal behandeln

Das Problem Shermers Neck ist auf eine (bei den Brevets gab es das nicht) zu überstreckte Haltung auf dem Rad zurück zu führen. Der Lenker war bei PBP im Gegensatz zu früheren 1000er-Touren (wo ich aufrechter saß) niedriger angebracht als der Sattel. Durch diese Sitzposition wurde die Nackenmuskulatur überlastet. Eine weitere Ursache dürfte im mangelnden Training der entsprechenden Muskelgruppen liegen.

Bekleidung: es war an sich wieder mal zu viel in den Taschen (auch aufgrund des anhaltend guten Wetters) – die zweite Garnitur Radwäsche wurde nicht benötigt, ärmellose Weste und Gamexjacke auf Grund der sehr kühlen Nächte schon.

Regenjacke und Regenhose sowie wasserdichte Überzieher wurden (zum Glück) ebenfalls nicht benötigt.

Wer sind wir

Wer sind wir?

Vielleicht ist es wichtig, an dieser Stelle ein paar Worte über uns selbst zu verlieren.

Die Idee stammt von Thomas und ich meine, es ist richtig, kurz darauf einzugehen. Ohne eine gewisse Kenntnis des Anderen ist es nicht möglich, sich 3 Tage und 4 Nächte lang auf solch ein intensives Abenteuer einzulassen und das erfolgreich zu Ende zu bringen. Man sollte sich vertrauen und aufeinander verlassen können.

Thomas macht es mir einfach, er liefert also die Vorlage, ich kann mich darauf beschränken, auf seine Beurteilungen zu reagieren 😉

So sehe ich Lutz:

Lutz ist ein sehr akkurater Mensch, bei dem die Reise schon mit einer sehr akribischen Vorbereitung beginnt. Er überlässt nichts gerne dem Zufall, macht sich Gedanken in jeglicher Hinsicht und in jegliche Richtung.

Wenn Du meine Schlampigkeit und Nachlässigkeit kennen würdest…

Er ist wie ein Dieselmotor, einmal angelassen, kann er tage und wochenlang „tuckern“. Nur zu hohe Drehzahlen und zu viele und zu schnelle Drehzahländerungen sind Gift für ihn – aber dafür ist er ja auch ein Diesel 🙂

Ja, Recht hast Du. Die Sache mit dem Dieselmotor ist bei mir viel zu spät angekommen. Deswegen gingen der 300er und 400er fast schief.

Im Gegensatz zu mir bist Du aber der wesentlich sportlichere Typ. Wenn Du so fahren würdest, wie Du kannst, wärst Du nach 70 Stunden zurück gewesen. Keine Ahnung, aber Du gehörst zu den Menschen, die wohl auch von der Physis her eindeutig im Vorteil sind – das muss ich immer wieder neidlos anerkennen.

Lutz ist sehr viel gefahren in der Vorbereitung, täglich 75 Kilometer

Ja, Du brauchst nix zu tun und bist trotzdem besser. Ich muss eben für ein wenig Grundlagenausdauer etwas mehr machen 😉

Er ist ein sehr angenehmer Reisepartner, der sich niemals in den Vordergrund spielt, man hat das Gefühl mit ihm auf Augenhöhe zu sein, die gleiche Basis zu haben.

Weshalb in den Vordergrund spielen, wenn ich denke, dass Thomas in Bezug auf den Radsport noch ne Nummer erfahrener und fachlich wesentlich versierter ist. Da kann ich nur von Dir lernen.

Und das schätze ich auch an Dir – Du bist ein Klasse-Reisepartner. Deine ausgeprägte Kompromissfähigkeit, Toleranz und Höflichkeit und eben auch die Art, Dich nie mit Deinem großen Fachwissen in den Vordergrund zu spielen, sind sehr wohltuend. Bin Dir dankbar dafür, dass Du Dich sowohl bei den Brevets als auch bei PBP diskussionslos auf meinen „Reisestil“ eingelassen hast. Das tat mir ab und zu zwar etwas Leid, aber schneller ging bei mir nicht. Und im Vordergrund stand letztendlich auch die Absicht, PBP und seine einzigartige Atmosphäre vor allem zu genießen. Ich hoffe, diese verlangsamte Fahrweise hat auch Dir etwas Vergnügen gebracht.

Nie hat man das Gefühl, dass Dich irgendetwas, auch wenn es Dir gegen den Strich geht, aus der Fassung bringt. Du beherrschst Dich in jedem Fall, wirst nicht ungehalten, wütend, launisch – bist imstande, Dich auch auf mich spleenigen Menschen einzulassen.

Und in jeder „Katastrophe“ bewahrst Du die Ruhe. Tolle Einstellung – es wird schon und sei es mit ein wenig Improvisation.

Er hat einen wunderbaren Schreibstil, es macht Spaß den Bericht durch seine Feder fixiert zu lesen

Ich schreibe gern, glaube, ich kann mich schriftlich wesentlich besser artikulieren und Gedanken oder Gefühle vermitteln als aus einem Gespräch heraus. Wenn es Anderen gefällt – umso besser…

So sehe ich mich:

Ich überlasse die Dinge gern mal dem Zufall, weil ich sie dann spannender finde, ich achte darauf das Nötigste dabei zu haben und improvisiere ansonsten gerne mal.

Das erhöhte bei mir manches Mal die Spannung – aber mit Deiner inneren Gelassenheit ließ sich jede Situation in Ruhe meistern.

Ich hatte PBP immer sportlicher gesehen, bin aber froh in Reisegeschwindigkeit (und nicht in Renngeschwindigkeit) unterwegs gewesen zu sein – so habe ich Land und Leute (und Lutz) am besten kennen gelernt.

Da spüre ich, dass ich (altersmäßig) leider etliche Jahre Vorsprung habe. Bei mir tritt allmählich der sportliche Ehrgeiz zugunsten des Anspruchs, solche Ereignisse zu genießen, zurück.

Lutz und ich kommen super zurecht, auf und abseits der Piste.

Das meine ich auch!

Ich freue mich auf die nächsten gemeinsamen Fahrten.

Wie wär’s mit nem Ausflug in die Rhön und einer Sternen-Biwak-Nacht auf der Wasserkuppe?