Chiemsee-Runde 2014

02.05.2014
Das Frühstück war üppig, damit habe ich mir für ein ganzes Stück der heutigen Tour Vorrat angefressen.
Gegen neun Uhr starte ich. Das Wetter ist hier nördlich von München kühl, bedeckt, trübe, aber es regnet wenigstens nicht. Der Wind kommt leicht aus Nordwest.
Zunächst muss ich nun ein Stück auf der Bundesstraße 471 nach Garching fahren. Zum Glück ist der Verkehr um diese Zeit überschaubar, erst in Garching selbst wird es chaotisch. Im Ort Baustelle, der Radweg, den ich nun nehme, führt durch eine Parkanlage weg von der Route, dann zum Glück wieder hin, aber nun führt mein Track direkt auf der für Räder sehr ungünstigen Schnellstraße über die A9-Ausfahrt, die ich unmöglich befahren kann. Also fädele ich mich mit dem Navi auf Umwegen über ruhige Sträßchen durch Garching unter der A9 durch, ehe ich wieder den Radweg parallel zur B 471 erreiche.
Ich glaube, nur mit Karte und ohne „Armin“ wäre ich hilflos gewesen.
Ein Hoch auf „Armin“.
Insgesamt muss man aber konstatieren, dass das Radwegenetz in und um München vergleichsweise zu anderen Großstädten hervorragend ist. Rasch erreiche ich nun die Isar, überquere diese und dann geht es auf kleinen Straßen und asphaltierten Fahrwegen von Ismaning über das brettebene Erdinger Moos gen Osten. Nördlich des Speichersees findet eine Oldtimer-Rallye statt, auch wenn ich kein Fan bin, finde ich die mit viel Liebe aufgemöbelten Autos sehr sehenswert.
Nur Radfahrer sind hier kaum zu entdecken. Ich überhole lediglich ein älteres Paar mit Packtaschen an den Rädern, wenn mich nicht alles täuscht, waren das Niederländer. Die Beiden bleiben dann auch bis hinter Wasserburg die einzigen Radler. Die Bayern fahren, das stelle ich nach einiger Zeit genervt fest, lieber mit dem Auto.
Erste kleine Hügel bei Markt Schwaben bringen etwas Abwechslung, die Sonne lugt durch die Wolken, meine Stimmung wechselt von abwartend hin zu gut gelaunt. Sogar ein wenig Euphorie kommt auf – was kann es Besseres an diesem Tag geben, als eine Runde Rad zu fahren.
Durch Dörfchen mit solch schönen Namen wie z.B. „Aitersteinering“ erreiche ich auf guten Radwegen entlang auch stark mit LKWs befahrener Straßen Hohenlinden, dann geht es in Richtung Wasserburg quer durch das bayrische Outback.
Bei Sankt Christoph sieht es plötzlich so aus, als hätte man die Kirche zur Hälfte im Boden vergraben. Aber das war dann doch eine Täuschung, es folgt eine steile Abfahrt ins Dorf, aus der anderen Perspektive ist das Bild wieder gerade gerückt.
Zunächst etwas wellig rollt es dann allmählich sanft aber sicher abwärts. Das ist immerhin erstaunlich, ich hatte mehr „Berge“ hier in Oberbayern erwartet. Als ich Wasserburg nach kurzer Einlage direkt auf einer Bundesstraße erreiche, hat „Armin“ gerade einmal ca. 400 Höhenmeter nach 70 Kilometern gezählt. Ein wenig bedenklich ist das, irgendwoher müssen ja nun die restlichen 1000 Höhenmeter noch kommen. Na schaun mer mal.
Wasserburg ist ein nettes kleines altes Städtchen, welches in einer malerischen Schleife im Inntal liegt. Nur die sich im Zentrum und auf der Innbrücke stauenden Autos verderben den positiven Eindruck nicht unwesentlich. Ansonsten wäre Wasserburg sicher sehr idyllisch.
Kurze Rast, eine Banane, ein paar Fotos, ca. 70 Kilometer sind absolviert, die waren ja wirklich einfach. Und die Kirchenglocken künden lautstark davon, dass jetzt High Noon ist. Ich schiebe auf dem Fußweg durchs Zentrum und über den Inn, fotografiere noch ein wenig. Das Wetter hält sich tapfer.
Aus dem Inntal folgt nun ein etwas steilerer Anstieg auf kleinen Straßen durch Bachmering in Richtung Prien. Das ist laut Wegweiser keine 30 Kilometer mehr entfernt. Die Gegend gestaltet sich nun etwas hügeliger und das am Horizont sind mittlerweile keine dunklen Wolken mehr sondern tatsächlich die Alpen. Klasse!!!
Lustig sind übrigens die Schüler beim Sportunterricht, die offensichtlich eine Runde laufen sollen, aber sobald der Lehrer sie nicht mehr im Blick hat, in einen gemächlichen Spazierschritt verfallen. Oben am Ende der Schleife steht der Co-Trainer, da wird mal wieder kurz Tempo gezeigt.

Auf dem Weg nach Prien kommt mir dann der einzige Rennradler der ersten 100 Kilometer entgegen. Scheint auch ein Genießer zu sein, er fährt gemächlich, ist auch klamottenmäßig nicht hochgestylt… Ihm begegne ich 40 Kilometer weiter bei Rosenheim wieder, da grüßen wir uns schon wie alte Bekannte.
Und bei Bad Endorf kommt die Sonne nun richtig heraus, es wird warm, einfach schön. Die Wolken, die Berge, die Blumenwiesen… Das Leben ist schön.
Kurz vor Prien wartet noch kleiner böser Stich nach Rimsting hinauf, dann erreiche ich wenige Minuten später das Westufer des Chiemsees, wo ich eine längere Pause einschiebe. Essen, Trinken, Fotografieren, Landschaft genießen.
Die Gipfel sind in schwere dunkelgraue Wolken gehüllt, trotzdem ist das Panorama herrlich. (98 km, 13.20 Uhr bis 13.45 Uhr)

Zum Simssee hinüber lauern wiederum einige deftige Anstiege, jetzt sammele ich endlich einige Höhenmeter – schön ist der Blick hinab zum stillen See, dort drüben, am anderen Ufer haben wir 2004 auf der Zwischenrast nach Südtirol im Restaurant gesessen und den Beginn unseres Urlaubs gefeiert.
Nun südlich am Simssee vorbei, Rosenheim. Trotz „Armin“ wird es nun etwas unübersichtlich, zumal auch hier der Track auf stark befahrene Straßen weist, aber die Radwege in Schlängeln und kleinen Umwegen immer wieder davon weg- oder wieder hinführen.
Die Brücke über den breiten wasserreichen Inn – ein grandioser Blick zu den Alpen nach Süden, warm scheint die Sonne.

Und nun wird es wirklich unangenehm und spannend, weil der Radweg entlang einer Straße führt, auf der Radfahren lebensgefährlich ist. Die Autos fahren Stoßstange an Stoßstange – schön ist das hier nicht. Es zieht sich hin, es dauert, ehe es endlich wieder ruhiger wird. Wegen der vielen autofahrenden Bayern versuche ich nun auch, ein Stück direkt auf dem Mangfall-Radweg zurückzulegen. Aber der ist grob geschottert, kein Vergnügen auf dem Rad.
Irgendwie ist es nun auch schon halb vier geworden.
Die Wolken, je weiter ich nach Westen komme, werden wieder dichter, finsterer. Zwischendrin ein paar Regentropfen, diese drohende Quellwolke schafft es, so wie es aussieht, nicht über die Berge, sondern bleibt hier hängen. Der Wind weht in der Nähe der Schauerwolken auch etwas kräftiger aus der für mich falschen Richtung, so dass ich etwas langsamer werde. Die Alpen entschwinden allmählich aus dem Sichtfeld. Leichte Motivationsprobleme machen sich breit, der Blick klebt auf „Armins“ Display. Noch so weit und noch so weit bis zum nächsten Ort…
Bei ca. 150 Kilometern mache ich die nächste Rast. Ein kleiner Junge auf seinem Kinderfahrrad, der seine skatenden Eltern abgehängt hat, erzählt mir dabei in zwei Minuten seine halbe Lebensgeschichte.
Aus dem Mangfalltal muss ich anschließend straff hinauf auf über 600 Meter Höhe. Das geht nur auf dem kleinen Blatt, aber die Beine machen das noch gut mit.
Als „Armin“ mich nun aber wieder gemäß meiner Planung auf eine Bundessstraße mit vielen schnellen Autos schicken will, streike ich und entwickle Eigeninitiative. Ich fahre nun eine etwas westlichere Variante auf einer wunderschönen stillen Waldstraße quer durch den endlosen Hofoldinger Forst. Den nächsten heftigen Regenschauer sitze ich im Bushäuschen in Hofolding aus, das kostet zwar wiederum Zeit, aber vor 20.30 Uhr muss ich ja nicht zurück sein. Die schicke Rennradlerin, die auf der Straße im strömenden Regen vorbei fährt, wird wahrscheinlich bald nicht mehr so schick aussehen.
Noch 25 Kilometer bis München – na gut, ich muss ja außen herum, 165 km habe ich absolviert, ca. 45 km könnten es noch werden.
Etwas später in Höhenkirchen-Brunnthal hat eine Tanke geöffnet, dort gibt es Cola und andere Getränke. So entsteht kein Stress, es geht danach recht entspannt mit leichtem Gegenwind weiter.
Der Speckgürtel von München ist erreicht, Hohenbrunn, Putzbrunn. Auf einem wunderbaren Radweg entlang der B 471, einer Art Ringstraße um München, den ich nur in den Ortschaften mit Fußgängern teilen muss, rollt es zügig nordwärts.
Der nächste Schauer ereilt mich bei Feldkirchen – glücklicherweise gibt es eine Brücke, unter der ich warten kann – denn der ist ziemlich heftig. Spannend ist der tiefziehende Wolkenschwanz mit den zu Boden hängenden Wolkenfetzen.
Aschheim – hier zeigt mir „Armin“, dass ich nun wieder meinen geplanten Track erreiche.
Westliches Ende des Speichersees, eine stinkende Kloake – schnell weg hier.
Ismaning. Nun sollte doch nix mehr…
Doch – der Radweg verabscheidet sich von der B471 und schlagartig fehlen auch jegliche Hinweisschilder nach Garching. Aber mit „Armin“ ist das kein Problem, irgendwie schaffe ich es richtig effektiv, die Isarbrücke, die ich heute vormittag überquerte, zu erreichen. Die „200“ glänzt auf dem Fahrradcomputer.
Die Abendsonne scheint wieder, eine gute und gelassene Stimmung macht sich breit.
Der Umweg, um die A9 zu unterqueren, Garching. Dieses Mal folge ich gewissenhaft zum Teil auf Schotterwegen den Fahrradhinweisschildern nach Oberschleißheim, die mich zwar auch mal kurz im Stich lassen, aber entlang des Wassergrabens durch schönen Wald ist die Richtung zum Schloss nicht mehr zu verfehlen.
Hotel „Kurfürst“ – 19.41 Uhr stehe ich auf dem Parkplatz am Auto.
208,21 km in netto 8:44:57 Std.
Und ich habe einen riesigen Hunger – groß ist die Vorfreude auf die Beefsteaks mit Pilzen und Röstis zum Beispiel, die ich am letzten Abend schon hatte. Dazu noch eine Hefeweiße…
Da tropft der Zahn.

Die Route auf gpsies.com