Werra-Weser 2021 (09)

Freitag, 25.06.2021

Draußen scheint wieder die Sonne vom blauen Himmel und nach dem üppig schönen Frühstück radeln wir ohne Gepäck heute nordwärts aus Bremerhaven hinaus. Dabei können wir den riesigen Containerschiffen zuschauen, die in kurzen Abständen den Überseehafen Bremerhaven ansteuern. Die Flut ist gerade im Kommen, schnell ein paar Fotos vom Watt, auf der Rückfahrt ist hier dann Wasser.
Wremen ist ein kleines Dörfchen mit kleinem Fischerhafen, ein kurzes Stück nördlich davon erreichen wir den Punkt, an dem geographisch die Weser in die Nordsee übergeht.
Ringsum endlose Weite, das Meer, die Deiche, das platte Land… Darüber ein endlos blauer Himmel.
Ziel erreicht, es war wieder einmal eine sehr schöne und lange Radreise.
Und im Kopf spuken schon Ideen und Pläne, was man denn so demnächst anstellen könnte.
In Wremen-Hafen kehren wir dann auf Fisch und ein Flens noch ein, ehe wir zurück in die Stadt fahren.
Dabei kommen wir am Containerhafen vorbei, an dem man aus allernächster Nähe dem Be- und Entladen der Schiffsgiganten zuschauen kann. Das beeindruckt uns eine ganze Weile, danach überflutet uns der Überseehafen und seinen von LKWs verstopften Straßen, den überdimensionalen Autotransportschiffen und den Kreuzfahrern mit Eindrücken.
Zum Schluss schauen wir uns noch einmal direkt im Zentrum, angesichts der Glas-Stahl-Beton-Bauten um, ehe es müde ins Hotel zurück geht.
Gegessen wird heute zum Abschluss lecker beim Perser gegenüber.
Etappe Bremerhaven – Wremen – Bremerhaven: 50,16 km

Samstag, 26.06.2021

Die lange Zeit vom Frühstück bis zur Zugabfahrt überbrücken wir heute mit einem sehr interessanten und eindrucksvollen Besuch im Klimahaus. Das sollte glatt obligatorisch für Schulen werden…
In aller Ruhe geht es danach durch die Einkaufsmeile zum Bahnhof und einen Zug eher schon nach Bremen, wo wir uns noch eine Stunde lang in der Bahnhofsgegend umschauen. Ein wenig beunruhigend wirkt das Treiben einiger Zeitgenossen hier schon.
Der IC von Norddeich nach Leipzig ist dann pünktlich, fährt aber, weil man ein Fenster in der 1. Klasse nicht schließen kann, mit 20 min Verspätung ab. Dazu noch die Umleitung über Verden, aber uns drängt ja nun nichts mehr. Wir fahren, die Räder sind gut untergebracht.
Und die Verspätung verkürzt uns dann abends in Leipzig die Wartezeit auf den Umstieg in den Dresdner Zug.
Gegen 23.15 sind wir schließlich wieder zu Hause.
Und es war wieder einmal sehr schön.

Werra-Weser 2021 (08)

Donnerstag, 24.06.2021

Schon der letzte Tourtag. Wieder einmal… Aber noch liegt die „Königsetappe“ vor uns. 80 Kilometer durch flaches Land am Deich stur nach Norden gegen den Wind.
Frühstück ok, das hält nicht ganz dem Vergleich mit den Anderen stand.
Auschecken, Räder holen, Abfahrt. Und auch hier, wie gestern das gute Erlebnis, dass man auf Radwegen entlang der großen Straßen völlig entspannt aus der Stadt hinaus und bei Vegesack wieder an den Fluss kommt. Der ist hier schon ganz schön groß und mächtig, die Hügeleinlagen in der Gegend – geschenkt.
Nach 30 Kilometern fahren wir am U-Boot-Bunker Valentin vorbei, einem überdimensionalen Monstrum aus Beton. Die U-Boote, die hier gebaut werden sollten, sollten dann gleich über die Weser ins Meer einlaufen. Es kam nie so weit. Der Bunker steht dagegen immer noch.
Weiter am Deich, Baustelle, die durchqueren wir, mit dem Rad kommt man (fast) überall durch. Nordwärts, gegen den Wind. Trübe ist es, kühl ist es… Weit und breit keine Pausenstation in Sicht. Also fahrn, fahrn, fahrn…
Endlich – das Dörfchen Wersabe – und ein Schild – Hofcafé An’n Diek…
Klein unscheinbar ein Lädchen mit Garten, man solle klingeln. Also klingeln und eine sehr freundliche ältere Dame kommt sofort und öffnet. Was wir wollen – Kaffee? Klar doch, Kuchen, Torte, das, was wir im Kühlschrank sehen, macht die Entscheidung schwierig. Wir begnügen uns mit drei Stück Torte. Und Kaffee, warum zwei Tassen, wenn man eine ganze Kanne bekommt?
Die später Kommenden sind ebenso begeistert. Das ist doch mal wieder ein wunderbares Ferienerlebnis. Da bleibt man sehr gern hängen. Warum noch weiter fahren. Hier ist es auch schön…
Aber es nützt nichts, es muss weiter gehen.
Der Fluss wird breit, riesig, die vorbei fahrenden Schiffe immer größer, dann der Wesertunnel, danach ein Imbiss am Strom, wo es lecker Fischbrötchen gibt.
Und dann irgendwann die Einfahrt nach Bremerhaven. Die Skyline beeindruckend, das sieht nach etwas aus, drüben die Kranbrücken des Überseehafens.
Nur der Radweg ist plötzlich zu Ende, nun heißt es, vorsichtiges Fahren inmitten der zahlreichen Autos. Durch die Stadt, nach Bremerhaven Lehe, wird es nun einigermaßen anders, kulturell und ethnisch bunt, die Häuser ein Gemisch aus bröckelnden und gut restaurierten Fassaden, das Hotel dann am nördlichen Rand in einer ruhigeren Wohngegend.
„Columbus“ – benannt nicht nach Christoph, sondern nach dem Superdampfer Columbus, der 1924 vom Stapel lief. Das Schiff verkehrte auf der Nordamerika-Route. 1939, nach Ausbruch des 2. Weltkrieges sollte auf der letzten Nordamerika-Rückfahrt verhindert werden, dass es den Engländern in die Hände fiel und wurde deswegen im Atlantik versenkt. Ein amerikanisches Schiff nahm die Schiffbrüchigen auf, der Obersteward blieb bis nach dem Krieg in Tokio und gründete, zurück in Deutschland, 1950 das Hotel.
Viele Stücke, Gemälde, Fotos erinnern an die Seefahrt und verleihen dem Ganzen einen angenehmen, gediegenen Eindruck.
Abendessen gibt es heute beim Italiener ein wenig die Straße abwärts, den massiven Polizeieinsatz beim Penny gegenüber können wir gratis miterleben.

Werra-Weser 2021 (07)

Mittwoch, 23.06.2021

Am Morgen die Idee, wir stornieren die Fahrkarte, das können wir ja und suchen uns eine Alternative. Und das klappt, wir büßen zwar das Geld für Sitzplätze und Fahrräder ein und zahlen 10,- Euro Gebühren und müssen, weil Fahrradplätze ausverkauft, mit einem wesentlich späteren Zug fahren, aber Hauptsache, wir kommen so bis Leipzig zurück.
Das Frühstück wieder sehr gut, danach Abfahrt nach Norden.
Zunächst fahren wir durch niedersächsische Bilderbuchdörfchen, Störche sehen wir, dazu scheint die Sonne – das macht Spaß.
Für den Bogen über Verden haben wir leider als „Bio“-Radler auch nicht Recht Zeit, das kürzen wir auf winzigen Sträßchen südlich der Weser ab, den Abstecher über Thedinghausen (ein kleines Schloß, kein Biergarten, kein Bäcker) hätten wir uns (eigentlich) auch schenken können. Zudem trübt es sich allmählich ein, auf den Radwegen entlang stark befahrener Straßen wirkt das langsam ziemlich trist und auch entlang des Weser-Deichs ist die Landschaft nun recht öde.
Aber – und das ist ein ganz großes Plus der Route, man schlängelt sich nun auf dem Flussdeich völlig unbeeinträchtigt vom Autoverkehr bis mitten hinein nach Bremen. Drüben das Weser-Stadion, da hinten schon die Türme des Doms…
Schnell sind wir mitten drin und stehen unverhofft vor unserem Hotel direkt in der Altstadt.
Einchecken, nun gut, das ist genauso ein Riesenkasten wie der in Regensburg im letzten Jahr, aber die Lage ist optimal. Die Fahrräder müssen wir im Parkhaus am Dom, 5 min zu Fuß entfernt, unterbringen. Welch cleveres Konzept, für 1,- Euro für 24 Std. kann man den treuen Drahtesel in einer Sicherheitsbox nächtigen lassen.
Nach dem Duschen sehen wir uns dann am Markt, Dom und Böttchergasse ein wenig um.
Kurzer Rundgang durch die Schnoor, dann kehren wir auf ein gutes Abendessen in der Kneipenmeile an der Schlachte ein. Im TV läuft parallel die Übertragung des Spiels D gegen Ungarn, die Ersten, die wir schreien hören, sind die Ungarn, die sich vor Freude kaum fassen können. Die regelmäßig präsente Polizei verhindert zum Glück aufregendere und handfestere Situationen zwischen den Fans.
Wieder ein schöner Abend, den wir dann zum Schluss noch mit einer Fotorunde zur Blauen Stunde beschließen.
Etappe Bücken – Bremen: 66,24 km

Werra-Weser 2021 (06)

Dienstag, 22.06.2021

Trocken, aber kühl ist es heute Morgen.
Das Frühstück lässt wieder nichts zu wünschen übrig, zusammen mit einer anderen Radlergruppe, von denen Dadie liebe Reisegefährtin vermutet, es seien Rennradfahrer, essen wir vorn im „Laden“ an der Straße. Dazu gibt es einen ausgiebigen, sehr schönen Schwatz mit der Chefin und schließlich ein beiderseitiges herzliches „Alles Gute“ mit auf den (Lebens-) Weg.
Die Herrengruppe bricht gerade auf ihren (Strom-) Rädern auf – ne, doch keine Rennradler, sie wollen bis Verden heute, wir nicht ganz so weit.
Da sie ausschließlich nach den Schildern fahren, haben sie sich gestern schon ab und zu verfahren und wir dank Navi gelegentlich eine ausgedehnte Schleife über Feldwege abkürzen, treffen wir uns auf der Fahrt immer mal wieder, will heißen, sie überholen uns sozusagen zwei- oder dreimal…
Hase und Igel.
Die Strecke nach Track ist aber auch nicht so toll, da es dort teilweise auf Straßen entlang geht. So improvisieren wir ebenfalls und fahren Radweg oder mit Radreiseführer auch mal ne Alternativroute. Auf die Art und Weise kommen wir also auch nach Nienburg, machen dort Mittagspause beim Bäcker und nehmen dann eine Variante über Drakenburg an einem Schleusenkanal entlang, wo wir eine ganze Zeit lang das Schleusen von Frachtschiffen bestaunen. Ist schon bemerkenswert, was der Mensch alles so technisch zustande bringt.
Bücken ist letztendlich heute recht zügig erreicht.
Alles in allem ein guter Radeltag .
Allerdings taucht nun plötzlich ein Problem auf, mit dem wir gar nicht gerechnet haben. Der Zug, mit dem wir am 26.06. von Bremerhaven zurück fahren wollen, fällt aus. Es fallen vom 25.6. bis 2.7. alle Regionalzüge von Bremerhaven nach Hannover aus, es gibt Schienenersatzverkehr mit Bussen, man hat Bomben an der Strecke bei Bremen gefunden, der ganze Bahndamm muss abgetragen werden. Nur die Fernzüge, die ICs werden umgeleitet und fahren. Was nun???
Das sorgt für innerliche Unruhe.

Werra-Weser 2021 (05)

Montag, 21.06.2021

Es hat viel und lange in der Nacht geregnet. Und auch am Tag bleibt es unterkühlt und bis auf wenige Sonnenlichter recht windig und feucht.
Von Hameln aus rollen wir nach einem ausgezeichneten Frühstück, welches den Eindruck des Zimmers neutralisiert, in Richtung Nordwesten weiter. Eine Jacke ist heute durchaus angebracht. Die Wolken ziehen tief, es herrscht ein merkwürdiges Licht, ab und zu tröpfelt es.
Wieder treffen wir auf die E-Biker- Truppe, man kennt sich mittlerweile 🙂
In Rinteln gibt es eine kurze Rast, das Ende der Fachwerkregion scheint erreicht zu sein und auch das Wetter lädt nicht zu längeren Aufenthalten ein.
Porta Westfalica, wir kürzen nun den Bogen über Vlotho und Bad Oechsen ab, das würde sonst zu weit und erreichen kurz vor dem Weserdurchbruch durch den letzten Gebirgsriegel den Fluss wieder.
Im trüben Dämmerlicht erscheint uns das Kaiser-Wilhelm-Denkmal oben auf dem Berg, dem letzten…
Der letzte Berg, ab sofort ist, man kann es kaum glauben, das Land tellerflach, kein Höhenzug, kein Hügel ist mehr zu erspähen. Und die Berge verschwinden hinter uns im Dunst der Regenwolken.
Minden – das ist etwas größer, wir fahren ins Zentrum, lassen uns 15 Uhr, ja es ist tatsächlich schon Nachmittag beim Bäcker zu Kaffee, Brötchen und Kuchen nieder – und sitzen den heftigen Regenschauer erfolgreich unterm Schirm aus.
Lt. Regenradar kommt da aber noch etwas, bis Petershagen sind es nur noch 15 Kilometer, das schaffen wir vielleicht.
So bleibt nicht viel Zeit, um das Wasserstraßenkreuz, die mächtigen Trogbrücken des Mittellandkanals, der hier die Weser überquert, zu bestaunen.
Und der nächste Regen erwischt uns dann doch schon 5 Kilometer vor Petershagen.
Na ja, passiert. Das gehört dazu und wenn es morgen wieder besser wird, ist doch alles gut.
So warten wir ein wenig unter einem Baum ehe wir uns danach zur Radpension aufmachen.
Das Zimmer ist toll, Duschen und ab gleich rüber zum „Fischer“, wo es im Dorfgasthof prima Backfisch, Bratkartoffeln und ein, zwei, drei Bierchen gibt.
Der Abend wird dann nicht mehr lang, der Rundgang zur Weser verkürzt sich wegen Nieselregens, es reicht heute…
Etappe Hameln – Petershagen: 70,76 km

Werra-Weser 2021 (04)

Sonntag, 20.06.2021

Am sehr frühen Morgen gewittert und regnet es gewaltig. Danach aber zeigt sich schon wieder blauer Himmel, nur ist es nicht mehr so heiß wie an den Vortagen.
Das Frühstück ist heute üppig und sehr gut. Die Chefin kam uns gestern mit einem entsprechenden Ankreuzzettel, Das weckte sofort die Erinnerung an Amsterdam, als zu meinem Leidwesen ein Kreuzchen zu wenig ein Brötchen oder eine Scheibe Wurst zu wenig bedeutete. Nur nicht diesen Fehler wiederholen, aber sie beruhigt mich – Kreuz heißt hier und heute – ob oder ob nicht – an der Menge solle es nicht scheitern.
Weiter geht es schließlich an der Weser, vorbei an Höxter, dann folgt Holzminden, und danach einige ausgedehnte Flusschleifen um Höhenzüge herum.
Die Gegend… Es fachwerkelt fleißig weiter, das ist einfach schön.
Polle, Burg, Dorf, Aschenputtel…
Nächste Rast im Freisitz am Fluss bei Reileifzen.
Es rollt heute wirklich entspannt, die Hitze ist vorbei, der Wind weht aus der richtigen Richtung, alles ist gut.
Am Fluss nun felsige Abhänge, man könnte glatt denken, gleich in Bad Schandau zu sein…
Und dann ist schon Bodenwerder erreicht – Münchhausen grüßt schon am Orsteingang und ist auch im Ort kaum zu übersehen. Pause im italienischen Café am Fluss. Schön – das ist Urlaub.
Hajen – die Geschichte der Treidler von Hajen – die Treidler kehrten vor vielen Jahren regelmäßig in Hajen ein. Dabei stahlen sie einmal einen Hasenbraten aus dem Ofen und aßen ihn. Der Wirt bemerkte das und servierte ihnen zur Rache beim nächsten Mal einen Katzenbraten und klärte sie danach auf, so dass sie sich übergeben mussten.
Seitdem machten die Hüossen, die Treidler, einen Bogen um Hajen und zogen laut miauend daran vorbei, so dass die Bauern sie mit Mistgabeln verjagten.
Drüben auf dem anderen Flussufer drohen riesig die Anlagen des AKW Grohnde.
Im Dürresommer 2019 stand das AKW kurz vor der Abschaltung, weil das Kühlwasser, welches der Weser entnommen wird, zu warm geworden war.
Und nun ist es bis Hameln auch nicht mehr weit. Unser Hotel, mitten in der Altstadt ist bald gefunden. Leider riecht das Zimmer nach kaltem Rauch, öffnet man das Fenster, stinkt es aber nach der Abluft des benachbarten Restaurants. Nicht so schön…
Duschen und ab in die Stadt.
Essen gibt es am Fluss, der sympathische Betreiber der deutsch-böhmischen Küche, öffnet glücklicherweise gerade. Und beim Lendenbraten und Budweiser lässt es sich gut aushalten. Danach spazieren und fotografieren wir noch in der Altstadt, ehe es Schlafen geht.
Etappe Boffzen – Hameln: 73,06 km

Werra-Weser 2021 (03)

Samstag, 19.06.2021

Frühstück im Hotel, Büffet mit Maske – der Tribut an die Corona-Pandemie, wir sind immer noch mittendrin, auch wenn die Zahlen planmäßig zum Reisesommer positiver aussehen.
Das Frühstück – ist ok…
Danach Packen und Abfahrt.
Vater mit Tochter ist auch schon unterwegs, wir sehen sie dann ab und zu noch wieder, zumindest heute noch.
Noch ein Foto von der ältesten Steinbrücke Deutschlands und dem Zusammenfluss. Eigentlich wurden Werra-Weser noch vor einigen hundert Jahren als ein Fluss angesehen (auch wenn die Fulda wasserreicher ist, ist die Werra ein ganzes Stück länger), erst durch sprachliche Trennung entstand auch diese Art von geographischer Trennung. Aber so kann man trotzdem konstatieren, den Fluss in seiner ganzen Länge von der Quelle bis zur Mündung abgefahren zu haben. Und das ist auch nicht schlecht 😉 Für die Statistik wenigstens…
Einige Anstiege und Schiebeabschnitte lauern heute auch. Na gut, das überstehen wir…
Auch heute steht uns noch einmal ein Hitze-Tag bevor. So nutzen wir den ersten schönen Ausblick auf die Weser am Kloster Bursfelde, um eine nötige Pause zu machen.
Übrigens radeln wir nun schon seit gestern durch eine Region, in der etliche von Grimms Märchen ihren Ursprung fanden. Witzenhausen, im Werra-Meißner-Kreis zum Beispiel ist „Frau-Holle-Land“, hier in der Nähe steht die Sababurg, das Dornröschenschloss für einen Abstecher leider zu weit, die Trendelburg bei Bad Karlshafen ist das Rapunzelschloss und morgen geht es an Polle vorbei, wo das Märchen von Aschenputtel entstand. Nicht zu vergessen Bodenwerder – welches wir ebenfalls morgen passieren, der Baron-von-Münchhausen-Ort.
Das Fährhaus von Oedelsheim hat einen Freisitz, bestens geeignet, um die nächste Trinkpause zu machen und dabei in Ruhe das Geschehen auf dem Fluss, die Fähre, die Motor- und Paddelboote zu beobachten – und natürlich die zahlreichen (E-) Radler.
Vor Bad Karlshafen lauert im Wald ein heftiger 25%-Anstieg, oben steht eine E-Bike-Truppe, die einige Sprüche klopfen, als wir an ihnen vorbei schieben. Die liebe Reisegefährtin ist etwas verärgert darüber, aber als wir dann schon hinter Bad Karlshafen in einer übervollen Ausflugsgaststätte beim Hefeweißen, Radler und Kuche sitzen und die E-Biker (trotz motorisiertem Untersatz) später eintreffen und keinen Platz mehr findet, ist für uns die Welt sozusagen wieder gerade gerückt… 😉
Hase und Igel quasi – wir sind (obwohl „Bio-Radler“ – den Ausdruck prägt die Wirtin in unserer Unterkunft in Boffzen am nächsten Morgen) schon da. Und wir lernen eine nette junge („Bio-„) Radlerin kennen, die mit ihrem Vater ein paar Tage am Fluss unterwegs ist.
Nun ja, es ist auf jeden Fall müßig, sich da in einen künstlichen Konflikt hinein zu reden oder zu steigern. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir mit Sicherheit auch auf E-Bike umsteigen werden, einfach um weiterhin noch lange Zeit das Gefühl des Radelns genießen zu können. Was wir eher weniger verstehen, sind die zahlreichen jungen E-Radler mit den vollgefederten Ballonreifen-Rädern in den schicken Trikots, die an uns auf den flachen Strecken stromverstärkt vorbei brausen. Warum versuchen sie es nicht einmal mit eigener Kraft?
Aber egal – wir rollern weiter als „Bio-Radler“ durch die herrliche Landschaft.
Bis Boffzen, unserem Tagesziel gibt es noch ein paar Kilometerchen – und ein paar Anstiege.
In der „Alten Post“ werden wir von der Chefin herzlich empfangen, das Zimmer ist topp. Und sie empfiehlt uns am Badesee bei Höxter (noch ein paar Zusatz-kmchen ohne Gepäck) noch ein Restaurant, wo wir essen können.
Gesagt getan, kurzer Anruf, Tisch reserviert, die liebe Reisegefährtin steigt dann mal kurz ins Wasser, am See herrscht reges Treiben und dann stehen wir vor dem „Strandgut“ und man kennt die Reservierung nicht. Upps, gibt es hier noch ein Restaurant? Nö, keine Ahnung. Aber die Leute sind flexibel, wir bekommen trotzdem einen Zweiertisch, drinnen läuft das EM-Spiel D – Portugal, nach dem bedröppelten Gesicht des Mannes im Deutschland-Trikot gegenüber, der geschickt seine Frau mit dem Rücken zum Bildschirm platziert hat, scheint Portugal das erste Tor geschossen zu haben.
Auf der Rückfahrt zur „Post“ in Boffzen streifen wir noch kurz die Altstadt von Höxter.
Etappe Hannoversch Münden – Boffzen: 64,52 km

Werra-Weser 2021 (02)

Freitag, 18.06.2021

Ein weiterer Hitzetag ist angesagt.
Wir packen, knipsen noch einmal das Fachwerkhaus und den Biergarten, dann sitzen wir auf den Rädern und weiter geht es.
Zunächst durchs flache weite Tal bis Eschwege, dort auf dem Markt finden wir eine Bar (?) die auch ein gutes Frühstück anbietet. Erster Tageshöhepunkt, das Frühstück von Eschwege.
Dazu hatten wir Glück, denn die Tische unter den Sonnenschirmen sind im Handumdrehen belegt. Die Kulisse mit den Fachwerkhäusern steigert die gute Stimmung.
Gut gesättigt entscheiden wir uns danach, nicht dem selbstberechneten Track, sonden den Werratal-Radweg-Schildern kosequent zu folgen. Das sind zwar einige Kilometer mehr, erspart uns aber den übermäßigen Kontakt zum motorisierten Verkehr und entspannt demzufolge enorm.
Die Landschaft – wieder wunderschön, der Fluss, das Grün der bewaldeten Berghänge, das Gelb der Felder und das Rot und Blau des Mohns und der Kornblumen, die alten Fachwerkdörfchen und Städtchen. Darüber ein blauweißer Himmel, das nennt man Sommer.
Trinkpause kurz vor Bad Sooden-Allendorf, ja die Gegend ist mir noch lebhaft von unserer Deutschland-Tour 2014 bekannt, dazu ein herrlicher Blick übers Tal und ein launiger Schwatz mit einem (E-) Bike-Pärchen, wenig älter als wir, aus dem Raum Witzenhausen, dessen Mann stark an meiner Navi-Software interessiert ist.
Bad Sooden-Allendorf, schön herausgeputzt, eine sehenswerte Altstadt.
Bis Witzenhausen, 20 km weiter, zieht es sich nun etwas, die kleinen Hügelchen, das Auf und Ab und die Hitze – es wird anstrengender.
Burg-Hotel in Witzenhausen – die nächste Erinnerung – die Tour Paris – Zf, hier übernachteten wir 2012, für mich damals der Start auf die letzte Etappe bis nach Hause.
Auf dem Markt finden wir ein Restaurant, dort gibt es prima Spaghetti und – Hefeweiße + Radler (bleifrei)
Die letzten reichlich 20 km bis Hannoversch Münden durch diese Bilderbuchlandschaft, in der der ICE drüben auf den Waldhängen der anderen Talseite wie ein Modelleisenbahnzug aussieht, schließlich sind trotzdem anstrengend. Die Hitze nervt, die Hügel nerven auch, eine kleine Trinkpause muss kurz vor dem Ziel einfach noch sein.
Aber dann ist das Ziel, unser Hotel „Im Anker“ direkt an der Werra im Zentrum der Altstadt endlich am Nachmittag erreicht.
Die Räder können wir im recht kleinen Abstellraum sicher unterstellen, ein Vater mit Tochter die auch die Weser fahren wollen und von Kassel kommen, checken ebenfalls gerade ein. Und später am Abend kommen noch einige Radler hinzu, so dass es vermutlich im Fahrradraum sehr knapp zugeht.
Nun erst einmal Duschen und dann ab auf einen Altstadtrundgang, Abendbrot essen im Biergarten vom Küsterhaus, Bratwurst mit Pommes – ne, das kommt an das gute Essen vom letzten Abend nicht heran.
Zwischenzeitlich hatten sich die Quellwolken von Westen her verdichtet, das sah schon recht nach Gewitter aus, es tröpfelte sogar etwas, aber nun scheint wieder die Abendsonne, so dass wir zum Tagesabschluss am Weserstein den Zusammenfluss von Werra und der Fulda zur schon recht mächtigen Weser in den schönsten Farben erleben können.
Tja, schade Werra, tschüß, das wars – sehr gerne einmal wieder.

Etappe Niederdünzebach – Hann. Münden: 67,13 km

Werra-Weser 2021 (01)

Donnerstag, 17.06.2021

Unser jüngstes Töchterchen verabschiedet uns nach einem Becher Kaffee auf dem Bahnsteig. Wir sind schon per Rad in die Stadt gefahren, zu der Stunde waren die Temperaturen noch angenehm und wir ersparten uns ein unnötiges Gedränge in der S-Bahn. Und die Jüngste fährt nun zur Entspannung zu uns raus aufs Land
Gepackt haben wir gestern in aller Ruhe, allerdings, bei den zwei Fahrradtaschen gab es nicht viel Platz für Überflüssiges, die Kunst bestand eher wieder darin, sich auf das Nötige zu reduzieren und dieses raumsparand zu verstauen. Letztendlich ist es nun wieder einmal erstaunlich, wie leicht die Taschen sind.
Beim Einsteigen in den ICE machen wir Bekanntschaft mit einer Radlerin in unserem Alter, sie will mit ihrem Drahtesel eine Tagestour von Eisenach über Gotha bis Erfurt oder noch weiter machen und dabei das Vorland des Thüringer Waldes kennenlernen. So gibt es einen netten Schwatz, während unser Zug mit über 230 km/h gen Erfurt rauscht.
Gegen 10.45, nach einer reichlichen Stunde schon, sind wir in Eisenach.
Wir halten uns nicht lange in der Stadt auf, ein paar Fotos vom Markt mit Kirche und Brunnen, es wird allmählich heiß und wir wollen ja noch ein ganzes Stück weit die Werra abwärts voran kommen.
Bis Hörschel hinüber ist es im Wald angenehm schattig, auch wenn es an den Anstiegen schon zu ersten Schweißausbrüchen kommt.
Hörschel, Endpunkt der Rennsteig-Wanderer und derer, die ihn mit Mountain Bike bewältigt haben, vom Start in Blankenstein an der Saale bis hierher, sind dabei 180 km Auf und Ab zu absolvieren.
Einer trifft gerade zu Fuß hier ein, er sieht nicht besonders geschafft aus, hat das Ganze in 5 Tagen geschafft- Respekt. Und seine Schuhe hängt er nun an den schon reichlich bestückten Baumstamm.
Eine Andere, Rentnerin ihres Zeichens, beginnt einen Plausch, dabei geht es wieder um Touren, die schon gemacht wurden, bzw. noch auf der Wunschliste stehen. Erstaunlich, was sie in ihrem Alter mit ihrem Mann da alles auch an bergreichen Fahrten unternimmt – bis wir beim Abfahren sehen, da stehen die E-Bikes. Nun ja, mein eigenes Argument – auf jeden Fall besser als Auto fahren, muss ich in diesem Sinne in den nächsten Tagen extrem strapazieren.
Bis Hörschel fuhren wir im letzten Jahr die Werra von der Quelle an abwärts – und hier setzen wir in diesem Jahr wieder ein und wollen sie bis zum Zusammenfluss mit der Fulda in Hann. Münden und dann die Weser bis Bremerhaven zur Mündung begleiten.
Es liegen ca. 520 km Tour vor uns.
Und jetzt geht es wirklich richtig los. Nicht schnell, eher gemächlich, die Zeit, um diese wunderbar idyllische Mittelgebirgslandschaft in Ruhe anzuschauen und zu genießen muss einfach sein.
Die Werra schlängelt sich in vielen Schleifen durchs Thüringer Vorland, am Hainich entlang und entlang des Eichsfeldes.
Creuzburg, Fotopause, die alte Steinbrücke mit der Kapelle ist DAS Fotomotiv. ein weiter Bogen bis Mihla, Unmengen von Menschen, die in ein Freibad strömen, wir dagegen rollen (noch recht entspannt – aber mit zunehmendem Durst) in der Hitze ohne Aufenthalt weiter.
Die Gegend – märchenhaft – ein wahres Gedicht. Die Hitze, weniger toll, leider aber gibt es keine Möglichkeiten, unterwegs einzukehren, fast alle Gasthöfe im Thüringischen sind geschlossen, die traurige Konsequenz der Corona-Wellen, die wir erleben mussten.
Erst nach ca. 30 Kilometern lädt „Giselas Café“ mit einem schönen schattigen Freisitz zu einer ausgiebigen Pause ein. Zwei Hefeweiße, zwei große Radler, alles ohne Alkohol versteht sich, denn der würde uns gnadenlos vom Rad fegen. Dazu Hannchen-Jensen-Torte, die kennen wir (zum Erstaunen der Chefin) nicht, schmeckt aber seeeehr gut. Genau das Richtige.
Aber es nützt nichts, wir müssen weiter, bis zum vorgebuchten Quartier vor Eschwege sind es noch ca.30 weitere Kilometer.
Auf jeden Fall rollt es eine ganze Weile nun wieder etwas leichter. Wir durchqueren nette Städtchen wie Treffurt und Wanfried,schöne Fachwerkdörfchen und kommen allmählich ins Hessische.
In Wanfried ist noch einmal Flüssigkeit-Nachtanken angesagt, noch einmal zwei Hefeweiße und Radler, man kann kaum so viel trinken, wie man ausschwitzt. Die Chefin möchte wissen, ob uns die laute Musik (aus den 70ern) stört, aber die Knobelbrüder drüben im Garten brauchen das – und wir haben danach ein oder mehrere Ohrwürmer von dahamals im Kopf.
Nun ist Niederdünzebach mit der Alten Schule, unser heutiges Tagesziel, nicht mehr weit.
Der Chef lässt die Räder sicher im Schuppen verstauen, perfekt, einen Biergarten mit Thai-Küche haben die auch. Besser geht es nicht. Dazu gratis eine schöne Sicht am Abend übers weite Werra-Tal.
Das Quartier ist in Ordnung, das Abendessen wirklich lecker.
Und dann dämmert es, ein schöner erster Tourtag ist vorbei.
Und die Bachstelze, die irritiert und energisch immer wieder gegen das Fenster hackte und flog, geht nun auch schlafen.

Etappe Eisenach – Niederdünzebach: 59,71 km

Werra-Weser 2021 (Prolog)

An einem Fluss entlang reisen, die Landschaft, die Kultur und die Menschen kennen zu lernen, zu erleben, wie aus einem Rinnsal, welches aus einem Berg fließt, ein mächtiger Strom wird, auf dem riesige Ozeanschiffe fahren, das ist schön, das ist ein einprägsames Erlebnis.
Auch in diesem Jahr war uns das wieder vergönnt und wieder einmal waren wir von den täglichen, fast unmerklichen Veränderungen am Fluss fasziniert, bis der geographische Punkt – schneller als erwartet – erreicht ist, an dem er ins Meer übergeht.
Das tagelange Fahren durch heimelig idyllische Mittelgebirge, die zahllosen Fachwerkdörfchen und -städchen durch die man durchquert, der abrupte Schnitt und nun das ebenfalls tagelange Rollen durch endlos flaches Land mit seinen Bauernhöfen, um dann schließlich in einer richtigen Hafenstadt mit einem richtigen großen Überseehafen anzukommen, das hat wieder einmal einen ganz eigenen Reiz, nicht mal schnell im Auto oder Zug, sondern im begreifbaren Tempo über hunderte von Kilometern auf einem ausschließlich aus eigener Muskelkraft betriebenen Fahrrad.
Dazu gab es am Ziel (wieder einmal) die Erkenntnis – sofern man alles in einem bewusst ressourcenschonenden Maß betreibt – es tut ja gar nichts weh, es gibt keinen schmerzenden Hintern, keinen Muskelkater, im Gegenteil, es wurde jeden Morgen einfacher, weiter zu fahren.
Schade, dass dann plötzlich schon Schluss ist.
Und – ebenfalls Prädikat wertvoll – gab es von Neuem die Erkenntnis – auch die Reduktion des Gepäcks auf das Wesentliche und die Reduktion des täglichen Ablaufs auf wenige, sich immer wiederholende Ereignisse machten es möglich, in kürzester Zeit, aus dem üblichen Alltag auszusteigen und in jeder Hinsicht Raum im Kopf zu schaffen, um das Erlebte aufzunehmen.

2020 wurde der Werratal-Radweg bereits von der Quelle bis Eisenach abgefahren, 2021 soll die Fortsetzung von Eisenach bis Bremerhaven folgen.