Brevet 600 km Berlin 2014

Freitag, 13.06.2014
Zum Feierabend holt mich Thomas pünktlich 14.30 Uhr im Büro ab. Meine innerliche Aufregung hat mittlerweile einen Grad erreicht, der sich schon seit Wochen unmittelbar auf meinen rumorenden Magen auswirkt.
Als wir nach kurzer Fahrt bei Thomas zu Hause sitzen, es gibt noch Kaffee und seine Mutter liefert Kuchen und Erdbeeren, muss ich diese leider ablehnen, denn ich habe keine Ahnung, was die in den nächsten Stunden in meinem Magen sonst verursachen könnten.
Nachdem alles in kleine Packtaschen verstaut und die Räder am Kleinbus montiert sind, ist gegen halb fünf Abfahrt. Thomas‘ Vater ist mit von der Partie, er wird sich am Samstag in Berlin umgucken.
Gegen 19 Uhr erreichen wir mitten in Berlin das „Amstel House“. Ich melde mich an, dusche und beziehe das obere Doppelstockbett in dem winzigen Raum. Hier sind überraschenderweise Männlein und Weiblein bunt gemixt. Aber die beiden jungen Mädels gehen halb ein Uhr in der Nacht auf die Pirsch und kommen erst am Morgen 5 Uhr zurück, da bin ich schon wieder aufgestanden.
Wir drehen dagegen noch eine Runde ums sehr internationale Viertel. Das ist wieder einmal kein Vergleich zum dagegen eher provinziell, grau und langweilig wirkenden Leipzig. Hier herrscht Leben in aller Vielfalt… Weltstadt eben.
Einkehr zu Pasta und Pizza, danach lassen wir uns gegenüber vom „Amstel House“ in einem Hof einer Kneipe nieder. Dort steht ein großer Fernseher, wo wir bei einem Bierchen noch das ungemein tolle Spiel Niederlande – Spanien ansehen. Ich ziehe mich dann allerdings 22.30 Uhr zurück, in der Hoffnung, ein wenig schlafen zu können.

Samstag, 14.06.2014
Na gut, von Schlafen kann keine Rede sein. Halb eins trifft noch ein Zimmerinsasse ein, der fängt erst einmal an, sein Bett zu beziehen. Von irgendwoher (aus der Hostel-Bar) kommt Musik und Gegröle und das die ganze Nacht lang… Und innerlich fühle ich mich wie unter Strom gesetzt. Also kann ich gegen 5 Uhr ebensogut auch aufstehen. Als ich mit der Morgenwäsche und dem Packen fertig bin, sind auch die beiden Mädels wieder da, die verschwinden gleich im Bett… Und ich verlasse möglichst leise das Zimmer und setze mich bis halb sechs unten in die Vorhalle. An der Bar ist noch Halligalli – es riecht nach kaltem Zigarettenrauch, ein Dunst von Alkohol und anderen üblen Sachen steht im Raum, na ja…
Thomas und sein Vater scheinen da im Auto auf der anderen Straßenseite wesentlich besser geruht zu haben. Obwohl sich nachts auch jemand schaukelnderweise am Fahrradträger zu schaffen gemacht hat.
Das Wetter bewölkt, kühl… Könnte aber schlechter sein. Wir wollen nicht meckern.
Gegen 6 Uhr erfolgt allmählich der komplette Austausch des Trinker-Clientels in der Bar und Vorhalle gegen nach und nach eintreffende Randonneure. Nun wird es angenehmer und spannend.
Klaus und Ingo verteilen die Brevetkarten und nach einem Kaffee und einem Stück Kuchen ist es schnell 7 Uhr. Die Räder sind bereit, wir befinden uns in der ersten Startgruppe. Klaus hält noch eine kurze Ansprache und dann ist Start.
Als geschlossenes Feld fahren wir in lockerem Tempo hinaus aus der Stadt. Via Tegel dauert es nicht lange, bis wir Hennigsdorf erreichen und dann sind wir uns selbst überlassen.
Zunächst geht es im konstanten und gut zu fahrenden 30er-Schnitt nach Norden. Die Gruppe ist ungefähr 10 bis 15 Mann stark. Die Schnellsten sind schon weg, aber es sind noch etliche, die nach uns kommen. Und später fangen wir auch noch den Einen oder Anderen ein, der das Tempo der Führenden nicht halten konnte.
Ralfs Vorliebe für Betonplattenwege und Pflasterpassagen bekommen wir auch zu spüren. Ein Glück, dass ich die 28er-Reifen aufgezogen habe, da rüttelt es nicht ganz so extrem. Und etwas Vorsicht ist auch wegen der Betonkanten geboten.
Die erste (freie) Kontrolle in Lindow nach ca. 75 km erreichen wir dann schon nach weniger als drei Stunden. Wir wählen eine Bäckerei, in der es prima Kaffee und Kuchen gibt und man stempelt uns dort auch bereitwillig die Karten ab. Den ersten heftigen Regenschauer haben wir gerade überstanden, nun scheint die Sonne, also heißt das, wieder raus aus den Regenklamotten, ehe man zu sehr schwitzt oder sich überhitzt.
In nördliche Richtung geht nun die schnelle Reise weiter nach Rheinsberg, mir ist die Route noch bestens von der Solo-Ostsee-Tour 2011 bekannt, und da lauert auch wieder die Schiene, die in einem für Radler sehr ungünstigen Winkel die Straße quert. Rheinsberg, das nette freundliche Städtchen…
Canow, weiter auf kleinen Straßen mit Pflasterpassagen und sandigen Stellen gen Mirow. Kurz werden wir aufgehalten, weil bei einem Kollegen die Kette blockiert – ein Glück, die ist nur vom Blatt gesprungen und hat sich verklemmt, er kann weiter fahren.
Mirow und nun durch den Müritz-Nationalpark nach Kratzeburg. Nach 139 km erreichen wir am Café Piccolino in Kratzeburg den nächsten Kontrollpunkt. Es ist Mittagszeit. Die Chefin ist aus der Erfahrung der letzten Jahre heraus bestens auf den Ansturm der „wilden Horde“ vorbereitet und versorgt uns in souveräner Weise mit Stempeln, Kaffee und Kuchen. Da es draußen mal wieder kurz regnet, bleiben wir drin sitzen…
Nach der Pause setzen wir uns zu Dritt, es gesellt sich noch Hans aus Berlin dazu, wieder in Bewegung. Die größere Gruppe macht längere Rast, aber die werden uns sicher bald wieder einholen. Wenige Kilometer und einen Regenschauer weiter hinter Ankershagen, wo sich das Heinrich-Schliemann-Museum befindet, gabeln wir noch Manuel auf. Der hatte einen Platten. So bilden wir nun eine sehr harmonisch funktionierende und miteinander fahrende Vierergruppe. Es gibt viel zum Schwätzen und Spaß. Und als die Sonne wieder scheint, meinen wir, die See förmlich schon riechen zu können.
Manuel auf seinem Colnago-Klassiker gehört nun wirklich zum Urgestein der Randonneurs-Szene in Berlin. Wie Thomas heraus findet, ist er die „Mille Miglia“ gefahren, dann konsequenterweise mit dem Rad nach Südfrankreich gewechselt und dort Sophie Matters „Mille du Sud“ gefahren. PBP und LEL verstehen sich von selbst.
Möllenhagen, und dann kommen wir nach der Durchquerung von Malchin mit seinem historischen Stadttor (nebst Herausforderung in Form einer üblen Baustelle) und einem recht hügeligen Abschnitt westlich des Kummerower Sees in Neukalen an. (196 km) Das erste Drittel…
Übrigens heitert es von Norden her zunehmend auf, das hebt die Stimmung!
Wir wählen die Tankstelle als Kontrollpunkt aus. Die Frau am Tresen scheint sich innerlich über uns merkwürdige Typen sehr zu amüsieren, gibt uns aber selbstverständlich unsere Stempelchen. Und eine Bockwurst ist jetzt auch gerade so das Richtige. Dazu ein Kaffee – herrlich! Manuel war nebenan im Netto einkaufen, packt seine Getränke dann bei uns in der Tanke aus, was aber niemanden zu stören scheint.
Erstaunlicherweise hat uns die größere Gruppe bis jetzt noch nicht eingeholt. Also fahren wir zu Viert weiter. Gnoien ist nah, dann ist auch Bad Sülze rasch erreicht, nur der Wind weht nun recht kräftig frontal entgegen. Und so geschieht es, dass wir doch allmählich immer langsamer werden. Nun wird jeder Kilometer unangenehm. Dann, bei einer P-Pause kurz vor Löbnitz, holt uns aber die größere Gruppe ein. Freundlicherweise laden sie uns zum Mitfahren ein, das ist für uns genau der richtige Zeitpunkt, und nun rollt es wieder wesentlich rascher schnurstracks nach Norden.
Löbnitz, Barth… Auf dem Radweg kurbeln wir bis zur Meiningenbrücke. Als wir kurz vor der Brücke auf die Straße wechseln, scheppert es hinter uns. Hans ist gestürzt, zunächst meint er, es sei alles in Ordnung, wir fahren also nach kurzem Stopp weiter, nehmen wieder Tempo auf.
Und dann rumpelt es plötzlich richtig.
Einer ist mit dem Vorderrad in die Ritze zwischen den Platten der Fahrbahn gerutscht, das Rad blockierte, er stürzte und der direkt hinter ihm fahrende Manuel hatte keine Chance. Dann wäre Thomas an der Reihe gewesen, der aber bringt sein Rad Zentimeter vor den Gestürzten zum Stehen, mir gelingt es, obwohl die Bremsbeläge nicht 100%ig greifen, an Thomas gerade so vorbei zu kommen und stehen zu bleiben. Schrecksekunde, der Puls auf 200… Der Eine ist nur noch zu bewegen, sich auf den Rand der Bordsteinkante zu setzen. Sein Schlüsselbein scheint gebrochen zu sein, die Rippen sind vermutlich auch betroffen, über dem rechten Auge hat er einen Cut, der geklebt werden kann. Aber sein Rad ist Schrott. Speichen herausgerissen, vielleicht der Rahmen verzogen. Er sitzt unter Schock bleich am Straßenrand… Und Manuel sieht aus wie ein Zombie. Sein Gesicht ist blutüberströmt, die Brille kaputt… Gebrochen hat er sich nichts. Als konsequenter Solo-Fahrer verwünscht er sich nun, in der Gruppe geblieben zu sein. Schlimm das alles.
Einige regeln den Verkehr, der Rettungswagen trifft nach 10 Minuten ein. Der verunglückte Kollege wird nach Ribnitz ins Krankenhaus gebracht. Sein Rad wird im Gras an der Brücke versteckt, das wird später abgeholt und sein Kumpel bricht ebenfalls ab, um sich nun um alles zu kümmern.
Mit einem halbschlechten Gewissen mache ich noch ein paar Fotos von der Brücke, ehe wir aufsteigen und dann bis Prerow rollen. Eine wunderbare Abendstimmung ist das hier am Bodden, die Sonnenstrahlen, das glitzernde Wasser, die Schilfufer…
Manuel fährt weiter mit – er ist ein harter Hund. Aber in Prerow, als wir dann zum Italiener in der Nähe vom Edeka abbiegen, seilt er sich schließlich ab. Er will nur noch allein nach Berlin zurück fahren.
Schade, es war eine schöne Tour mit ihm bis hierher.
Wir kehren nun gegen 20 Uhr beim Italiener ein. (283 km)
Es ist schon ein ungewohntes, aber nicht unbedingt schlechtes Gefühl, wenn man in einer Horde hungriger und durstiger Langstreckenradfahrer in ein Restaurant einfällt… Und wenn die Bedienung dann noch spontan und flexibel reagiert und rasch eine ausreichende Anzahl von Stühlen heran holt, dann steht einer guten Pause nichts mehr im Wege. Denn nach uns kommen auch die Leute um Ingo und Klaus hier an, ganz schnell sind wir so ca. 20 Mann. So sitzen wir in unterhaltsamer Runde im Abendsonnenschein bei einem Alkoholfreien und einem Teller Pasta, Spaghetti Bolognese oder Pizza.
Thomas und ich beschließen jedoch nach dem Stempeln, nun auch allein unser Ding durchzuziehen. Hans kommt gern dazu. Ihm ist das ebenfalls lieber als in der großen Gruppe. Wir verzichten auf den Strandbesuch und wollen die Zeit des verbleibenden Tages nutzen, um wieder möglichst weit ins Land zu kommen. Bei dem Wind und den sinkenden Temperaturen droht hier an der Küste vermutlich eine kalte Nacht. Da wird es weiter südlich hoffentlich etwas wärmer sein.
Mit einem fast permanenten 30er-Schnitt bewegen wir uns nach der Pause durch Wieck, an Born vorbei und durch den Darßwald nach Ahrenshoop. Wir wechseln uns in der Führungsarbeit aller 3 bis 4 Kilometer ab. Erstaunlich, dass das nach 300 Kilometern noch so funktioniert. Hans hat etwas Probleme wegen seines Sturzes auf der Meinungenbrücke, hält das aber wirklich gut aus. Zwischenzeitlich überholen wir noch zwei Randonneure, Rapunzel und Begleiter. Da Beide recht gemächlich fahren, verlieren wir sie aber schnell wieder aus den Augen.
Ahrenshoop – im Westen geht nun grandios die Sonne unter.
Wustrow, Dierhagen, den Kranich zwischen den Kühen bei Dierhagen habe ich auch gerade noch so wahrnehmen können. Schon verlassen wir die Halbinsel wieder, in Ribnitz-Damgarten haben wir bereits weitere 35 Kilometer zurück gelegt. Es dämmert nun gewaltig
Wir nehmen die Straße nach Sanitz und von dort nach Tessin. Von Ralfs Originaltrack hat man uns abgeraten, denn da droht mitten in der Nacht eine schlimme Betonplattenpiste. Rapunzel erzählt, als wir sie in Röbel am nächsten Tag wieder überholen, sie hätten das Stück absolviert, es wäre in der Dunkelheit heftig gewesen. Aber da wir nun den Track verlassen, müssen wir uns die effektivste Route selbst suchen.
Bis Tessin ist das kein Ding, dort halten wir noch einmal kurz und essen ein paar Kekse. Mittlerweile ist es dunkel, nur im Nordwesten ist bis Mitternacht noch das letzte Tageslicht zu erkennen. Der Mond scheint, in den Senken steht weiß der Nebel und wir spüren heftig die immer eisiger werdenden Lüfte. Wir kommen zwar wegen der Müdigkeit und zunehmenden Erschöpfung etwas langsamer aber immer noch gut voran. Unsere Luxos-U-Scheinwerfer leuchten die Straßen perfekt aus. Das einzige Risiko besteht bei Sandpassagen oder einem unverhofften Wildwechsel.
Nach und nach spüre ich jedoch, wie mir die Körner allmählich abhanden kommen. Ich bitte die Anderen, das Tempo ein wenig zu drosseln, und auch Hans meint, ihm sei das jetzt ganz Recht…
Nach sich endlos anfühlenden Kilometern in der Nacht entdecken wir endlich das erste Hinweisschild nach Teterow. 15 Kilometer!!! Gleich sind wir da!
Was machen wir nun? Thomas stellt fest, dass er arg müde ist. Recht hat er, eine Schlafpause wäre jetzt wirklich gut… Aber Hans hat keinen Schlafsack mit. Noch einmal drehen wir also auf der Straße nach Teterow richtig auf und sind gegen 1 Uhr an der Tankstelle, dem nächsten Kontrollpunkt.
Auf dem Fahrradcomputer stehen 392 km. Das war noch einmal ein Ritt!
Und drinnen in der Tanke steht Manuel, der gerade wieder aufbrechen will. Ihm hatten wir erzählt, dass wir ursprünglich ja am Strand nächtigen wollten und so ist er ganz überrascht, dass wir schon hier in Teterow sind.
Einen Raum haben die hier nicht, wo man sich mal hinlegen könnte. Die EC-Hotels überlassen wir den Anderen, die nach uns kommen. Hans will auch weiter. Vielleicht holen wir ihn ja wieder ein. Thomas und ich suchen nach einer heißen Schokolade und einer Bockwurst nun hinter der Tankstelle ein Stück Wiese, auf dem wir uns gegen 01.45 Uhr im Biwak- und Schlafsack niederlassen und eine Runde schlafen.
Im Halbschlaf registriere ich, wie immer mal wieder eine Gruppe oder Einzelfahrer eintreffen. Mal sehen, ob und wann wir denen wieder begegnen.

Sonntag, 15.06.2014
4 Uhr. Im Osten ist schon das erste Sonnenlicht zu erkennen. Aber bei diesen Temperaturen (6°C) kostet es eine enorme Überwindung, überhaupt wieder aus dem Schlafsack zu kriechen. Und selbst da drinnen habe ich mal zittern müssen. Schnell packen, die Wiese sieht im Hellen wenig vertrauenerweckend aus… Biwak- und Schlafsäcke müssen wohl nach dieser Übernachtung grundgereinigt werden.
Dann gibt es noch eine heiße Schokolade und ein Donut in der Tanke und 3/4 5 geht es wieder auf die Reise. Teterow lassen wir rasch hinter uns, zugegeben, meine Beine sind ziemlich schwer, Thomas führen kann ich im Augenblick bei diesem Tempo nicht. Eine Gruppe haben wir aber im hügeligen Gelände nach Krakow hinüber bald eingeholt. Sie sind auch die Nacht durchgefahren und entsprechend langsamer geworden. Das gemächliche Tempo ist mir im Augenblick recht sympathisch. Damit kann ich mich ganz gut anfreunden. Aber dann meint Eine zu Thomas, dass die „wahren“ Randonneure nachts durchfahren. Meint sie das ernst?
Ohne Schlafpause – ich glaube, da verzichte ich doch lieber auf den Ritterschlag zum „wahren“ Randonneur. Spaß muss es vor allem machen und das Risiko, unkontrolliert und übermüdet vom Rad zu fallen, brauche ich auch nicht. Besser ist es, gesund wieder ankommen und dafür auch mal ein paar Stunden zu schlafen. Im Endeffekt stellen wir ja nun auch fest, dass wir dank der Schlafpause locker das Tempo wieder erhöhen können, als wir spüren, dass die Gruppe lieber ohne uns fahren möchte, weil wir augenscheinlich ungewollten Druck hineinbringen.
In der Gruppe um Klaus einige Kilometer weiter rollen wir schließlich bis kurz vor Krakow am See mit.
Herrlich sind jetzt die intensiven Farben der Hügellandschaft in diesen frühen Morgenstunden. Am Krakower See halten wir dann aber, lassen Klaus & Co. ziehen und fotografieren lieber einmal die Nebel auf dem See und die noch tiefstehende Morgensonne. Ein ungemein idyllisches Bild. Es ist übrigens gerade einmal 6 Uhr, wir haben die ersten 35 Kilometer nach der Schlafpause zurückgelegt.
Die Kontrollfrage an der Freiwilligen Feuerwehr können wir kurz darauf beantworten.
Bis Linstow sind es dann nur reichlich 10 Kilometer, wir überqueren die Autobahn und halten ein paar Kilometer weiter am Waldrand an einem Rastplatz an. In der Sonne ist es mittlerweile angenehm warm, so dass wir hier eine Frühstückspause machen. Ein belegtes Brötchen, eine Banane, ausreichend trinken…
Drüben schimmert das Wasser eines Sees durch die Bäume. Und über dieser weiten Landschaft herrscht eine wunderbare Stille. Auf dem Tisch des Rastplatzes liegt ein Beipackzettel einer Rettungsdecke. Aha – da scheint sich wohl ein Randonneur die Nachtstunden um die Ohren geschlagen zu haben. Vielleicht war es Hans, der noch bis hierher gefahren ist.
Nun fahren wir durch einen endlosen Wald und durch das abgelegene einsame Nossenthiner Hütte nach Malchow. Die Fahrradstraße ist perfekt, so kurbelt es sich ganz locker und wir haben wieder ein gutes Tempo.
Allmählich beginne ich aber auch zu zählen. Über 400 Kilometer haben wir absolviert, vor uns liegen keine 200 mehr. Und ich finde es erstaunlich, wie rasch die derzeitig in Zehnerschritten purzeln… Keine 190 Kilometer mehr, 180…
Malchow – die Innenstadt ist sehr schön, an einer Bäckerei sehen wir Ingo und ein paar Randonneure, ihnen werden wir bis Berlin nun immer mal wieder begegnen.
Einen älteren Randonneur, der nach Thomas Eindruck einen Geraer Dialekt spricht, haben wir seit Krakow auch immer wieder gesehen. Er fährt solo. Respekt! Er ist aber die Nacht auch durchgefahren und klingt nun, als er auf der Brücke zur Altstadt von uns ein Foto macht, etwas mutlos.
Wir dagegen nehmen wieder Fahrt auf und nach schnellen Kilometern auf der Bundesstraße erreichen wir gegen 9 Uhr Röbel. Auch Röbel am Südufer der Müritz, welches wir kurz streifen, hat eine sehenswerte Altstadt mit vielen schönen Fachwerkhäusern. Am Ortsrand ist dann die Tankstelle „Technik-Center“ unser nächster Kontrollpunkt (474 km). Und drinnen begegnen wir Rapunzel mit Reisebegleiter wieder. Sie sind ebenfalls in der Nacht durchgefahren. Zunächst bis kurz vor Prerow hatten sie auch einen 27er Schnitt, dann ist sie allerdings etwas eingebrochen und nun fahren sie völlig entspannt und etwas langsamer weiter. Was aber leider auch auf Kosten einer Schlafpause ging. Kurzer Plausch bei einer Cola, essen wollen wir später in Neuruppin.
Als die Ingo-Truppe ankommt, schwingen wir uns schon wieder aufs Rad. Weiter geht es. Südwärts…
Mittlerweile gibt Thomas‘ Rad Geräusche von sich, als ob sich jemand im Tretlager die allergrößte Mühe gibt, das Ganze in seine Bestandteile zu zerlegen. Klingt schon ein wenig beängstigend, hoffentlich hält das Material bis Berlin noch durch. Und keine Ahnung, ob das bei mir nun an der Cola liegt, der Zuckerinfusion… Jedenfalls habe ich jetzt endlich ein Gefühl, dass einfach alles gehen könnte. Wie weggeblasen ist die Müdigkeit, die schwer gewordenen Beine sind mit einem Schlag locker und leicht. Es ist kein Problem mehr, nun wieder längere Zeit vorn zu fahren und dabei das Tempo nicht einbrechen zu lassen.
Aber die Kilometer durch die weiten Wälder dehnen sich allmählich doch immer länger. Sewekow, hier war 2005 unser Start- und Endpunkt für die Müritz-Umrundung. Flecken Zechlin – kommt mir auch irgendwie bekannt vor…
Obwohl es körperlich nun rund läuft, schleicht sich mental eine Krise an. Und als mich Thomas mitten in der Pampa plötzlich fragt, ob ich mir nun vorstellen könnte, dass wir 2015 zusammen Paris-Brest-Paris in Angriff nehmen könnten, ist mir der Zeitpunkt gerade nicht so Recht. Aber ich bin mir ganz sicher, wenn sich die Neben- und Nachwirkungen dieses Brevets in Grenzen halten und die Euphorie in den nächsten Tagen einsetzt, dann könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Nur im Augenblick kämpfe ich mit meiner Krise und dem elend langen Weg bis Neuruppin. Keine 100 Kilometer mehr bis Berlin! Das sollte doch zu schaffen sein! Die Straße von Rheinsberg bis Neuruppin, die wir später befahren, ist sehr verkehrsreich. Schade, die vielen Autos nerven extrem, zumal Einige auch recht aggressiv überholen. Wir sind dann auch froh, als wir Neuruppin durchquert und die Esso-Tankstelle, unseren letzten Kontrollpunkt, gegen 11.45 Uhr gefunden haben. 538 Kilometer!
Längenmäßig ist das nun eine völlig neue Dimension. Nun befinden wir uns eben hier auf einer 600er-Tour. Noch vor einem Jahr war das unvorstellbar für mich. Paris-Zf 2012 war zwar ein erster Test, doch da war ich solo und wesentlich langsamer unterwegs. Diese 600 fahren wir nun in Gesellschaft, einer sehr angenehmen Gesellschaft. Der sehr freundliche und kollegiale Umgang der Randonneure untereinander und uns „Neulingen“ gegenüber ist ungemein sympathisch. Hier, mit den Berlinern ist ein ungemein gutes Auskommen, denn bei Vielen lässt sich eine ähnliche Fahrweise wie bei uns feststellen. Weniger die Jagd nach sportlichen Überleistungen als die Freude am Reisen und am Abenteuer. So, wie wir uns im Augenblick fühlen, würden wir uns wohl auch noch mehr als diesen 600er zutrauen. Wenigstens Hundert gehen doch bitte immer noch.
Es gibt eine (halb-)warme Bulette, dazu Cola und Cappuccino.
Die Ingo-Gruppe kommt Minuten nach uns. Sie raten uns, statt der unangenehmen Straße nach Fehrbellin einen neuen Radweg zu nehmen. Also versuchen wir den mal. Schätzungsweise 75 Kilometer müssten es nun noch sein. Eigentlich ein Klacks… Der Radweg ist wirklich schön, allerdings endet der in einem kleinen Dörfchen und dort mangelt es an Beschilderung. So suchen wir ein wenig nach einer Fortführung des Radwegs, stehen plötzlich vor einer mehrere Kilometer langen groben Pflasterstraße und drehen um, um direkt wieder hinüber nach Fehrbellin zu fahren. Das geht schnell, wir haben dadurch aber noch einmal mehr als 5 km zusätzlich auf dem Konto. Übrigens, wir haben es gar nicht bewusst registriert – herrscht mittlerweile an Thomas‘ Rad gespenstische Stille. Er kurbelt wieder ohne jegliches Geräusch und ohne Widerstand. Was das wohl war?
Dann überholen wir wieder einmal den „Geraer“, eisern hat er sich bis hierher durchgeschlagen und sieht nun wesentlich zuversichtlicher aus. Vermutlich ist er dem Originaltrack gefolgt und Straße gefahren. Und plötzlich stellen wir erstaunt fest, dass Zwei aus Ingos Gruppe vor uns fahren. Das kann doch theoretisch gar nicht sein, wenn sie auch den Radweg genommen haben.
Einzige Erklärung – als wir vorhin durch das Dörfchen kurvten, haben sie uns da wohl überholt, ohne dass wir sie bemerkten. Wir fahren ein Stück zusammen, dann werden sie etwas langsamer, so dass wir sie schließlich hinter uns zurücklassen müssen und allein nach Berlin fahren.
Berlin-Spandau, es ist 14 Uhr! Wahnsinn, bis hierher zog es sich in der letzten Stunde wie Gummi, nun sind wir da! Die Straße ist zwar unter aller Kanone, man hat nur ein bisschen Asphalt auf die Pflastersteine geschmiert, dann ist da nicht einmal mehr Asphalt, so dass wir auf dieser Buckelpiste heftig durchgeschüttelt werden. Innerlich kocht in mir etwas Frust hoch – ein wenig triumphaler (zumindest innerlich) habe ich mir die Einfahrt nach Berlin schon vorgestellt. Aber jeglicher Versuch, zu triumphieren, wird aus mir heraus geschüttelt. Und es gibt Momente, wo ich um Felgen und Rahmen fürchte und vor Wut das Rad im nächsten Busch entsorgen könnte.
Dann steht die 600 auf dem Fahrradcomputer!
Egal, was geschieht, diesen (ersten) 600er haben wir jetzt sicher!
Auf den Straßen nimmt der Verkehr nun zu, doch mit Thomas‘ Navi und „Armin“ finden wir uns gut zurecht.
Tegel, Saatwinkler Damm, hier sind wir gestern Morgen in entgegengesetzter Richtung aus der Stadt hinaus gefahren. Die letzte S-Bahn-Brücke, der Westhafen, die letzte Ampelkreuzung. Holperpflaster, die Waldenser Straße.
Ausrollen am Amstel House.
Es ist 15 Uhr!!!
Wahnsinn – es ist zu Ende.
616,52 km in 23:09 Std. (Netto), das entspricht einem Schnitt von 26,6 km/h.
Kaum zu fassen. Unsere Bruttozeit (also einschließlich aller Pausen) beträgt 32 Std., davon haben wir ca. 3 Std. für eine Schlafpause beansprucht (das ist immer noch ein Gesamtschnitt von 18,75 km/h).
Und es war einfach herrlich! Es ist schon genial, das Ganze jetzt in guter körperlicher und psychischer Verfassung richtig genießen zu können.
Drinnen unterschreiben wir noch die Brevet-Karten, lassen die an der Rezeption abstempeln und einsammeln und danach gibt es noch Lasagne, Salat und viel zu Trinken + Glückwunsch von Ingo, Thomas‘ Vater ist ebenfalls da, er ist nach der gestrigen Berlin-Tour auch geschafft und hat heute hier zumeist das Ankommen der Randonneure beobachtet.
Etwas später kommen die zwei Berliner an, unser „Geraer“ trifft gegen 16 Uhr ein. Glückwunsch und noch einmal großen Respekt, allein so eine Tour zu Ende zu fahren. Von Ingo erfahren wir, dass der Erste im Ziel schon nach 21 Stunden (!) da war. Und der ist 73 (!!!).
Manuel sitzt auch am Tisch – er ist zwei Stunden vor uns rein gekommen und sieht nun wieder etwas zivilisierter aus. Nun noch Duschen, das ist im Obolus mit enthalten, dann Verstauen der Räder usw.
Kurz vor 17 Uhr herzliche Verabschiedung, gerade kommt Klaus mit der Truppe herein, die wir heute Morgen überholten, er ist ebenfalls gestürzt und an der Hand verletzt.
Vielen Dank an Euch Organisatoren, es war eine tolle Tour auf herrlicher Route!

Und dann sitzen wir wieder im Auto, stoßen noch mit einem Bierchen an – es geht heimwärts.
Thomas fährt mich dankenswerterweise direkt bis nach Hause, wo wir 19 Uhr ankommen.
Dort gibt es eine prima Begrüßung mit einem Gläschen „Horst“ (nein – Hugo).
Nachwehen:
Eigentlich gibt es da nicht viel zu sagen, es zieht geringfügig in den Oberschenkeln, aber nicht mehr als nach einer schnellen Kurztour, die Hände schmerzen ein wenig und sind müde, die Zehen des rechten Fußes sind ein klein wenig taub… Wund gerieben ist tatsächlich überhaupt nichts. Der Brooks-Sattel in Kombination mit zwei gepolsterten Hosen hat sich also bestens bewährt.
Wir haben nicht extrem gelitten, wir sind auf dieser Fahrt niemals an oder über unsere Grenzen gegangen. Wir haben es (so weit möglich) wirklich genießen können.
Wir hatten Glück mit dem Wetter. Wir sind diese 600 Kilometer gut mit unserer “Strategie”, nämlich unbedingt eine Schlafpause einzuhalten, gefahren.
Es ist ein wirklich gutes, zufriedenes und gelassenes Gefühl mit dem Eindruck, dass da noch mehr möglich ist.
Und unsere älteren Mitfahrer zeigten eine ganz besondere Perspektive auf. Mit 75 oder älter noch diese Touren zu bewältigen, das ist ein Lebensziel.