D N-S 2014 / Uffenheim – Garmisch-Partenkirchen

Donnerstag, 21.08.2014
Die komplette Gesamtlänge lässt sich im Moment schwer schätzen. Die kann irgendwo zwischen 1043 und 1100 Kilometern liegen. Heute gegen 15 Uhr wollten wir nach Plan eigentlich in aller Ruhe in Garmisch einrollen. D.h. ursprünglich war Donauwörth als Tagesziel gestern geplant, das ist aber noch ein ganzes Stück weg, auch wenn wir mit der Nachtschicht wieder ein paar Kilometer aufgeholt haben. Und wenn wir heute das Ziel erreichen wollen, müssten wir also irgendetwas zwischen 260 und 315 Kilometer schaffen. 260 scheint realistisch, 315 schlimmstenfalls bedeuten vielleicht eine zweite Nachtschicht. Niemand von uns weiß, welche Berge heute lauern. Innerlich richte ich mich also auf ca. 280 +/- 10 km ein.
Wenige Kilometer nach dem Start lauert schon der erste wirklich heftige Anstieg in die Fränkische Alb hinauf. Thomas ist eisern, er fährt den hoch, da kann bei mir keine Rede mehr von sein. So muss er leider warten, bis ich schwitzend an ihm vorbei schiebe und erst wieder aufsteige, als es oben auf der Höhe sanft weiter geht. Hier befindet sich übrigens gleich in der Nähe die Altmühlquelle. Dann rollt es wieder rasch entlang der oberen Altmühl. Wir frühstücken angenehm in der Bäckerei in Leutershausen, haben unseren Spaß an den deftigen Dialogen zwischen der Bäckerin und den einheimischen Handwerkern und geben mit der neuen “Tankfüllung” gen Herrieden und Wassertrüdingen wieder ein wenig Gas.
Es geht wellig auf und ab, im Sonnenlicht ist alles schön hier, die weite Hochfläche, die Wälder und schließlich auch Oettingen am Kraterrand des Nördlinger Ries. Die Luft ist klar, das Licht und die Farben entsprechend kräftig und intensiv. Herrlich!
Der Abstand zur nächsten Pause ist mit 80 Kilometern jedoch ziemlich groß, so dass es durch das weite Rund des Riesenkraters und dann hinab nach Donauwörth allmählich etwas schleppender wird. Umso willkommener ist gegen Mittag die Pause beim Chinesen in Donauwörth. 120 Kilometer haben wir jetzt geschafft, noch schätzungsweise 160 Kilometer liegen bis zum Ziel vor uns. Auf dem Navi sieht das Profil recht bergig aus, na schaun mer mal… Das Essen ist gut und üppig, über die einzigartigen hygienischen Zustände im hinteren Bereich der Lokalität breiten wir besser den Mantel des Stillschweigens.
Danach rollen wir über die Donau und im weiten Lechtal entlang in Richtung Augsburg. Bei einer kurzen Rast zum Getränkenachkauf meint eine junge Frau, die den Leuten an ihrem Stand irgendwelche absonderlichen Dinge verkaufen muss, dass wir in kurzer Zeit schon die Dritten sind, die hier vorbei fahren und Deutschland von Nord nach Süd durchqueren. Das flache Tal des Lechs scheint für Fernradler offensichtlich eine Art Einflugschneise in die Alpen zu sein.
Ohne Anstiege, allerdings auf zunehmend dichter von Autos befahrenen Straßen nähern wir uns Augsburg. Die Stadt selbst, die wir in den östlichen Randbezirken umgehen wollen, was aber trotzdem nicht ohne einiges Suchen möglich ist, hinterlässt einen eher negativen Eindruck, die Radwege sind katastrophal, aber wegen des Verkehrs ist das Benutzen der Straße lebensgefährlich. Und auch die extrem stark befahrene Ausfallstraße nach Süden bis Mehring ist nervend.
Am Nachmittag machen wir deshalb noch einmal in der Sonne eine Kaffeepause am Supermarkt.
Als ich dann schon draußen unterm Sonnenschirm sitze und an meiner Käselaugenstange mümmele, kommt Thomas schließlich auch zufrieden mit seinem Kaffee und Kuchen. Er pendelte drinnen ein wenig unentschlossen hin und her, während auf der anderen Thekenseite aufmerksam die nette Verkäuferin hinterher wieselte und ihn verfolgte… Muss wie im Kino gewesen sein.
Es ist jetzt richtig warm, das verbessert die Laune enorm und damit sieht es in Bezug auf den noch vor uns liegenden restlichen Abschnitt bis zum Ziel wirklich gut aus. Es ist gegen 17 Uhr und theoretisch müssten es nun nur noch 100 Kilometer sein. Das sollten wir doch schaffen…
Nach der Pause fahren wir glücklicherweise auch wieder auf ruhigen kleinen Landstraßen südostwärts zum Ammersee. Auch hier bleiben die befürchteten Berge aus, es geht wellig weiter. Und dann, halb sieben Uhr abends, kurz vor dem großen See, ungefähr auf der Höhe Münchens steht die “1000” auf dem Fahrradcomputer. Ein Selfie muss jetzt sein.
Zudem haben wir eben am Horizont die Alpen erblicken können.
Wahnsinn – von der See in die Alpen per Rad. Das hebt die Stimmung! Ja da kommt Freude auf…
Am Westufer des Ammersees entlang ist die Fahrt dann eher nicht das ganz große Vergnügen, die Bayern fahren schnell, zu schnell, zu aggressiv, selbst die Polizei überholt an der unmöglichsten Stelle, und es gibt ganz eindeutig zu viele Autofahrer!
Aber so richtig schlimm ist das alles angesichts des schon in Sichtweite befindlichen Ziels nicht mehr. Kurz vor Weilheim scheint man E.T. zu suchen – die Erdfunkanlage, riesige glänzende Spiegelteleskope vor dem Hintergrund der dunklen Silhouette der Alpen sind ein bemerkenswerter ungewöhnlicher Anblick. SETI lässt grüßen. Und da hinten, das muss wahrscheinlich die Zugspitze sein.
Bis Murnau kurbeln wir nun doch noch lange bergauf, es dunkelt. Noch ca. 25 Kilometer im Dunkeln. Anruf bei Dagi – wir könnten in maximal zwei Stunden da sein. Noch eine kurze Rast bei McDoof, danach Schußfahrt in der Finsternis ins Loisachtal. Nächste Erkenntnis – nicht illuminierte Jogger auf finsteren Radwegen sind eine extrem hohe Unfallgefahr.
Und als der Radweg nach Garmisch durch den finsteren Wald zu verlaufen scheint, zum Verirren regelrecht einlädt und zudem offensichtlich noch geschottert ist, ist die Entscheidung recht einfach. Wir nehmen die Bundesstraße. Dass das aber auch seine durchaus lebensgefährlichen Tücken hat, spüren wir etwas später, als Thomas von einem aggressiv überholenden Autotransporter fast von der Straße gedrängt wird.
Ab Farchant wird es auf unserer Nebenstraße dann ruhiger, die Bundesstraße verläuft durch einen für Fahrräder gesperrten Tunnel. Und über allem strahlt wie ein glühendes Auge das Licht der Bergstation der Zugspitze.
“Markt Garmisch-Partenkirchen”, 22.47 Uhr!
Wir sind da!!! Es ist geschafft!!!
296 Tageskilometer haben wir heute absolviert.
Die 80 Stunden haben wir nicht einhalten können, aber das soll uns mal jetzt nicht verdrießen. Als wir 10 Minuten später vor unserer Ferienwohnung einrollen, begrüßen uns meine Frauen mit der La Ola und hängen uns Medaillen um.
Wir haben es geschafft, haben nicht aufgegeben und vor allem – wir sind GESUND hier angekommen. Das ist die Hauptsache.
Dass wir ohne Hotel, bei besserem Wetter viel weniger Stunden gebraucht hätten, ist völlig nebensächlich. Und, blendet man die ersten beiden Tage aus, hat es wirklich auch Spaß gemacht und es war ein sehr schönes Erlebnis!
Auf dem Fahrradcomputer stehen 1078 Kilometer mit einer Netto-Fahrtzeit von 48:25 Std.
Die Brutto-Fahrtzeit von 88 Stunden sind den längeren Pausen und Hotelaufenthalten geschuldet, diese lassen sich also ohne Weiteres bei normalem Wetter auch um Einiges reduzieren.

D N-S 2014 / Göttingen – Uffenheim

Mittwoch, 20.08.2014
Es regnet nicht. Blauer Himmel, ein Schein der aufgehenden Sonne!!!
Thomas übt sich im Kopfrechnen und stellt Überlegungen an, wie wir vielleicht doch noch in der Zeit bleiben könnten. Wenn man heute über 300 und morgen 400 Kilometer fahren würde…
Vier???!!!! Hundert???!!! Das fahre ich gerade mal so im ausgeruhten Zustand!
Sein Grinsen sehe ich zu spät… Er macht seine Späßchen und ich steige auch noch voll drauf ein 🙂
472 Kilometer haben wir – das ist nicht einmal die Hälfte der Gesamtdistanz. Aber 700 sind es nun auch nicht mehr.
Das Frühstück im Hotel ist üppig, wir stopfen hinein, was geht – „lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt“ – versuchen dann die Bemerkung der Rezeptionsdame, es würde wieder einen feuchten Tag geben, möglichst zu ignorieren und starten 7.20 Uhr in den dritten Tourtag.
Heute sollte doch etwas gehen – zudem muss das Frühstück abgearbeitet werden!
Meine Mädels haben im Bungalow auf dem Camp bei Suhl auch wesentlich besser übernachtet als an den letzten Tagen, sie sind auf dem Weg nach Nürnberg.
Es dauert ein wenig, ehe wir Göttingen verlassen haben, aber dann rollen wir mit gutem Tempo weiter nach Süden. Im Sonnenschein!!! Welchen Wetterbericht hatte denn die Rezeptionsdame da zur Hand? Oder ist es nördlich von uns immer noch so katastrophal kalt und nass?
Schnell kommen wir den grünen Hügelketten des Eichsfeldes näher, mit dem schönen Wetter schweigen auch langsam meine Knie, selbst die ersten Anstiege sind plötzlich kein Problem mehr. Und bei diesem Licht lässt es sich so richtig in den Farben und Formen der Landschaft schwelgen. Wir erreichen Thüringen, nach Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen das vierte Bundesland auf unserer D N-S 2014. Wunderschön sind die Hügel des Eichsfeldes mit seinen stillen Straßen, den grünen Wäldern und den Burgen. Dann das Werratal, wir begegnen einigen Reiseradlern und die geschmückte Fachwerkaltstadt von Bad Sooden ist eine Fotopause wert.
In Erinnerung bleibt auch der freundliche Fernradler mit schweizer Akzent, der uns Minuten lang eine gute Abkürzung bis Eschwege empfiehlt. Und dann sieht er unsere Räder – Na ja, mit Rennrad… Wohl doch besser nicht. Trotzdem noch ne schöne Tour!
Um die Mittagszeit folgt dann erneut eine lange Abfahrt ins Werratal, von hier sieht man sogar schon den markanten Inselsberg mit seinem Turm, der sich hoch über den Gebirgskamm des Thüringer Waldes erhebt. Wir fahren unter der großen Brücke der A4 hindurch, kurz nach der Wende gab es die noch nicht, da musste sich der komplette Fernverkehr hier über die engen Talstraßen quälen.
Und es ist doch ein tolles Gefühl, wenn man darüber nachdenkt, dass wir trotz aller Widrigkeiten auf dem Rad von Flensburg im hohen Norden bis hier in die Mitte Deutschlands vorgedrungen ist.
Wir haben die Flussschleife bei Mihla abgeschnitten und halten in Berka an einer Bäckerei. Lecker Kuchen, Kaffee – das alles zu Friedenspreisen und dazu noch eine unheimlich nette Bäckersfrau, die sogar unsere Trinkflaschen abwäscht und neu füllt.
Leicht euphorisch kürzen wir nach der Rast in der Mittagswärme durch allerlei Suhls (Wünschensuhl, Marksuhl) die nächste Werraschleife ab und landen fast direkt vor dem Radhändler in Bad Salzungen. Dort kann Thomas endlich seinen Schaltzug reparieren lassen.
Weiter geht es nun auf kleinen Straßen und festen Schotterwegen entlang der Werra parallel zur großen Bundesstraße bis Meiningen. Hier wollten wir eigentlich gestern schon sein, jetzt ist es 16 Uhr. Wir haben fast einen Tag Verzug. Eine Nachtschicht werden wir heute wohl doch machen müssen. Aber die Pause auf dem sonnenwarmen Markt inmitten der fein restaurierten Altstadt bei Original Thüringer Rostbratwurst und einem Bierchen muss sein. Der nächste Erinnerungssplitter: zwei Bratwurst-Stände direkt nebeneinander! Links der kommerziell wirkende „Edel“-Stand. Rechts daneben eine etwas abgewrackt wirkende Bude. Aber der Chef hat es drauf. Kaum bemerkt er, dass wir auf Bratwurst scharf sind, spricht er uns auch schon an, verwickelt uns nett und freundlich ins Gespräch und verkauft uns selbstverständlich nebenher noch Bierchen und Bratwurst. Clever ist er, hat ein paar seiner Kumpels vor dem Stand postiert und wie das so ist, gehen die Leute instinktiv dort hin, wo schon Leute stehen. Sein Laden brummt also, während der kommerzielle Nachbar in der Zwischenzeit gar nix verkauft. So ein Spaß…
Gestärkt wird anschließend der Berg zum ehemaligen Grenzübergang Henneberg in Angriff genommen. Es geht lange bergauf in die Rhön, bis wir 17.08 Uhr auf ca. 500 Metern Höhe die bayrische Grenze erreichen. Das letzte Bundesland auf unserer Reise!
Die nächsten Städtchen entlang der Fränkischen Saale Mellrichstadt, Bad Neustadt und Münnerstadt erleben wir quasi im Vorbeiflug. Ganz sacht fällt das Tal nach Süden ab, das sorgt für ein ordentliches Tempo. Noch ein kurzer straffer Anstieg und eine schnelle Fahrt auf der Hochebene, dann befinden wir uns mit Beginn der Dämmerung schon westlich von Schweinfurt und haben ca. 230 Tageskilometer in den Beinen.
Meine Frauen sind bei Nürnberg, ihnen geht es bestens und wir selbst wollen jetzt noch ein ganzes Stück weit kommen.
Einige Minuten später rollen wir am Main entlang in die Dunkelheit. Der Gastwirt mit dem ADFC-Schildchen im Fenster verweigert uns gegen halb zehn ein Abendbrot – so eine Pfeife, dabei hätte es ein Spiegelei oder eine Bratwurst auch getan, aber drei Kilometer weiter bekommen wir glücklicherweise noch einen Teller Nudeln mit Pfifferlingen. Nur in der Kommunikation gibt es wegen dem hessischen Dialekt der freundlich distanzierten Wirtsleute (oder verstehen die unser sächsisch angehauchtes Deutsch etwa auch nicht?) einige Verständigungsschwierigkeiten. Aber sinngemäß erschließt sich dann irgendwann, was wir wollen. Die Distanz löst sich sogar ein wenig, als wir die kleine Neugier der Wirtin befriedigen und ihr erzählen, weshalb wir ausgerechnet um diese späte Tageszeit in diesem unauffälligen Aufzug hier herein geschneit sind. Ich vermute mal, dass das leichte Kopfschütteln und Schmunzeln der Frau ihre wahren Gedanken über uns arme Irre nicht verrät. Zumindest gibt es noch ein „gute Fahrt“ auf den Weg.
Dumm ist nun auch, dass der geplante Flussübergang per Fähre erfolgen sollte. Aber die Fähren haben schon längst Feierabend, es ist mittlerweile halb elf Uhr. Also fahren wir auf der diesseitigen Flussseite weiter, müssen noch eine Anhöhe mitnehmen und erreichen über eine Art Halbinsel, die von einer Mainschleife gebildet wird, die einzige Brücke weit und breit in Volkach. Im Dunkeln sind die Lichter im Tal beiderseits unseres Hügels ein ganz besonderes Erlebnis. Von Volkach über Kitzingen bis Marktbreit nehmen wir nun die kürzeste Strecke. Infolge der späten Stunde ist der Autoverkehr auf ein erträgliches Minimum reduziert, so dass wir noch recht rasch vorwärts kommen und Marktbreit gegen Mitternacht erreichen.
Nun geht es wieder aufwärts. Auch hier lassen wir uns auf keine Experimente ein und nehmen die ausgeschilderte Route auf der nächtlich ruhigen Bundesstraße nach Uffenheim, um Sucherei und Irrwege in den kleinen schlafenden Dörfern zu vermeiden. Die Dunkelheit hat den Vorteil, nicht erkennen zu können, wie steil und weit der nächste Anstieg wirklich ist. Man kurbelt und kann kaum ein Gespür dafür entwickeln, wie schnell man eigentlich ist. So kommt es auch, dass wir gefühlte Stunden auf ein paar Windräder mit Flugzeugwarnleuchten zu fahren und diesen nicht wirklich näher kommen. Die Kilometer werden immer länger und die Müdigkeit nimmt zu. Und endlich sind wir auch an den Windrädern vorbei…
Besser ist es jetzt aber, sich langsam in der Nähe ein geeignetes Fleckchen zu suchen, wo man die Nachtstunden bis zum Morgen im Schlafsack verbringen kann. Nach kurzer Suche bietet sich gegen 1:30 Uhr am Ortsrand von Uffenheim eine kleine Wiese an der Straße an. Nix wie in die „Federn“. Nach dem heutigen Tag mit 312 Kilometern sollten wir nun doch eigentlich gut schlafen können. Doch scheinbar haben die Taxifahrer Süddeutschlands hier ein Meeting, jedenfalls registrieren wir im Halbschlaf mehrmals, wie Taxis hier umdrehen, anhalten, Türen knallen und vermutlich die rasante Dorfjugend von der Disco zurück zu Hause abliefert. Dazu wird es empfindlich kalt, auch im Schlafsack schüttelt es Einen leicht, so dass es doch schöner ist, als endlich der Morgen graut.

D N-S 2014 / Walsrode – Göttingen

Dienstag, 19.08.2014
Das Frühstück war gut und reichlich. Und als wir starten, ist sogar eine Spur von Sonne zu sehen. Meine Knieschmerzen haben sich auf ein leicht unangenehmes Gefühl reduziert, dem kann ich mit einer Ausgleichbewegung recht gut aus dem Weg gehen.
Wir kommen also gut voran, abgesehen vom heftigen Regenguss nach 50 Kilometern vor Hannover scheint wirklich alles gut zu werden. Der Wind hat auch etwas nachgelassen, er weht zwar noch etwas lästig von Südwest, aber das ist auszuhalten.
Thomas Überschuhe sind zerrissen, in Garbsen an einem Radladen halten wir, zum Glück ist es in dieser Viertelstunde trocken. Der nette Verkäufer ist von unserem Vorhaben begeistert und sponsort uns noch ein paar Energieriegel.
Und meine Frauen sind schon auf dem Weg nach Thüringen… Dort scheint die Sonne!!!
Der große Regen beginnt nach der nächsten Pause in einer Konditorei in Pattensen. Es fällt schwer, nach dem heißen Kaffee und dem leckeren Kuchen hinaus in die Nässe zu müssen. Aber wir haben erst 95 Tageskilometer abgearbeitet und wollen, wenn es geht, wenigstens bis ins Werratal kommen. Radfahren ist zur Zeit also mehr eine Leidenschaft, die Leiden schafft.
Leiden wir? Zugegeben, es könnte uns derzeit ein wenig besser gehen. Die Knie schmerzen wieder, vermutlich infolge der Überanstrengung bei diesen Bedingungen. Sie vertragen die Kälte und Nässe nicht.
Die Leipziger Ultrasportlerin Elisabeth Schwibs hatte da wesentlich mehr Glück. Sie hat sich einige Tage vor uns auf den Weg von Flensburg nach Garmisch gemacht.
Wie wir ihre Tour anhand des Live-Trackings nachverfolgen konnten, gelingt es ihr auch tatsächlich zügig, sich bei gutem Wetter bis in den Süden durchzuschlagen. Aber sie hat ja zudem auch das All-Inklusive-Paket mit Begleitfahrzeug gebucht. Na ja.
Wir haben großen Respekt vor dieser Leistung, das Ganze in über 62 Stunden solo zu finishen. Mit unserem Spar-Angebot brauchen wir da wohl eine Weile länger und gutes Wetter war da leider auch nicht mit drin.
Was treibt uns aber nun dazu, nicht aufzuhören? Außer den spritzenden Regentropfen, tief hängenden Wolken, grauen Feldern, Wiesen und Hügelsilhouetten sieht man von der Landschaft, die wir durchqueren, nicht viel. Es macht keinen Spaß, das steht fest, stur über den Lenker gebeugt, die Kilometer von Pattensen durch das Leinetal bis Göttingen bei diesem Novemberwetter abzuspulen. Die dehnen sich endlos. Eigentlich wollten wir schon viel weiter sein, aber auch die kleinen und größeren Päuschen und Pausen halten auf, fressen Zeit. Und Energie – denn steht man, friert man…
Warum machen wir aber weiter?
Der sportliche Ehrgeiz steht, zumindest bei mir, mittlerweile an nachgeordneter Stelle. Auch den Gedanken, die Tour noch in 80 Stunden zu finishen, habe ich ein wenig in den Hintergrund geschoben. Wir „hängen“ nun schon fast 100 Kilometer hinter dem Plan. Und dass es so schlimm kommt, konnte Keiner ahnen.
Jedoch ein Gedanke treibt weiter. Wir sind jetzt hier und haben in diesem Jahr nur eine Chance, diese Deutschland-Tour zu machen. Wenn wir also jetzt wegen des blöden Wetters aufgeben, wird der Frust am Ende umso größer sein. Es kann nur besser werden! Und wer würde nach den vielen schon überstandenen üblen Stunden im Sattel gern auf die hoffentlich tolle Zieleinfahrt in Garmisch verzichten?! Dann wäre ja dieser Kampf gegen den inneren Schweinehund umsonst gewesen.
Viele Kilometer später, nach meiner Bergauf-Knieschon-Schiebe-Einlage, einem Platten an Thomas‘ Hinterrad bei Einbeck im strömenden Regen und einem allmählich zerbröselnden Schaltzug wird der Kampf und Krampf immer stärker. Wahnsinn, woher diese Massen an grauen Wolken aus Westen immer wieder kommen? Es muss sich doch auch einmal abgeregnet haben!
Endlich Göttingen – wenigstens Göttingen. Halb sieben Uhr abends – Kaffeepause im REWE. Als wir den verlassen, glänzt eine große Pfütze dort, wo ich saß. Nix wie weg hier. Aber draußen packt uns plötzlich der Schüttelfrost so heftig, dass wir ins erstbeste Hotel flüchten. Eine 4-Sterne-Absteige,
Best Western… Na ja. Eigentlich nix für uns, aber es gibt nichts und niemanden, der uns, egal, was es kostet, von hier wieder vertreiben könnte.
Sogar eine Heizung haben die hier! Und ne Dusche… Na gut der Spaß kostet uns am Ende auch 115,- EUR, aber mehr geht heute nicht. Schlimm die Vorstellung, sich jetzt so durchnässt und durchfroren wie wir sind, in der Kälte wieder auf die Socken zu machen und noch ewig eine Unterkunft zu suchen. Es ist nicht vorstellbar, die nächste Nacht in einem Bushäuschen oder im Wald zu verbringen. Soooo hart sind wir nun auch nicht.
Morgen ist ein neuer Tag und es kann ja nur besser werden… (Dachten wir gestern auch – und es kam schlimmer.)
Mit wenigen geübten Griffen verwandeln wir das schnuckelige Hotelzimmer in eine Art von Tropfsteinhöhle. Die Heizung wird voll aufgedreht, die Fenster werden weit aufgerissen… Nach wenigen Stunden hat es sich ausgetropft, die Luft wird trockener. Nur der etwas strenge Geruch bleibt hängen. Nach uns möchte ich nicht unbedingt dieses Zimmer beziehen.
Das italienische Restaurant mit seinem guten Essen versöhnt schließlich auch mit diesem zweiten Tourtag, an dem wir nur 196 Tageskilometer schafften.

D N-S 2014 / Flensburg – Walsrode

Montag, 18.08.2014
Eigentlich war nun für den Montag Wetterbesserung angesagt. Es sollte nur Schauer geben, dazu Wind von SW in Stärke 5, in Böen 8! Vor dem hatte ich den größten Respekt. Denn der würde uns ja nun fast den ganzen Tag lang entgegen wehen. Zum Glück haben wir am Abend vorher in einer schönen Flensburger Szenekneipe noch ordentlich Reserven aufgefüllt, so dass wir ziemlich rund gefressen in der Morgendämmerung um 6.20 Uhr, von meinen Mädels verabschiedet, starten können.
Die Dämmerung hält an, aber das ist nicht mehr die Nacht sondern tiefschwarze Regenwolken, die uns nun lange begleiten werden.
So sind wir in Flensburg schon erfolgreich durchgeweicht, gönnen uns nur einen kurzen Stopp für Fotos in einer kurzen Regenpause. Dann schnell raus aus der Stadt und weiter geht das zweifelhafte Duschvergnügen. Auch der Wind ist, wie angesagt, ordentlich unterwegs und bremst uns angenehm aus. Und bei einer Wohlfühltemperatur von 11°C +/- 2°C kommen wir gar nicht erst ins Schwitzen. Nicht übel…
Dass die heftigen Schauer etwas länger währen und zum Dauerregen mutieren, was solls… Die ersten beiden Tourtage lassen sich also schon jetzt in wenigen Worten zusammenfassen.
Nass, kalt, stürmisch, endlos, gefroren und nix gesehen.
Die Perspektive ist für heute klar, wir müssen diesen Tag überstehen, die 70 km südwärts bis auf die Höhe von Kiel sollten genügen, um uns zumindest aus dem Regenband heraus zu bringen. Aber die werden lang bei dem Wind. Nass und durchgefroren wollen wir uns gegen halb neun an einem Supermarkt ein halbes Brathähnchen gönnen, doch der Mann ist noch nicht so weit. Na gut – die Pommes tun es auch.
Nord-Ostsee-Kanal bei Oldenbüttel, Querung per kostenloser Fähre nach 95 km, es ist endlich trocken – aber stürmisch.
14 Uhr nach ca. 150 Kilometern haben wir dann die Elbe bei Glückstadt erreicht. Der Sturm macht zu schaffen, die Bänder und Muskeln in der Gegend meines linken Knies signalisieren, dass ich sie ein wenig schonen solle. Die Gelegenheit bekommen sie dann auf der halbstündigen Überfahrt über die kilometerbreite Elbe. Und in der mollig warmen Fährkantine im Schiffsbauch unten gibt es Bockwurst und Kaffee. Das hilft. Thomas geht es noch sehr gut, aber das Wetter knabbert auch an seiner Stimmung.
Gegen 15 Uhr setzen wir unsere Fahrt schließlich fort. Der Wind kommt jetzt von der Kante, das ist auszuhalten. Zudem hat der Dauerregen aufgehört, Wolkenlücken sind zu sehen, als wir durch Niedersachsen rollen. Schließlich scheint sogar mal die Sonne über den weiten tellerflachen Moorgegenden südlich von Stade.
Aber kalt ist es. Ist die Sonne weg, sinkt die Temperatur sofort auf 11°C.
Langsam wird uns bewusst, dass wir das Tagesziel Garbsen heute nicht erreichen werden. Da unser erstes Ziel heißt, gesund bleiben und erst in zweiter Linie das Ankommen zählt, wollen wir heute, am ersten Tourtag, besser auf die fällige Nachtschicht verzichten. Auch Dagis Nachrichten aus Garbsen klingen nicht gut. Der Bungalow dort ist eine Hundehütte mit Autobahnanbindung, schlimmer als in Krusa. Da würden wir nur stören, wenn wir nachts dort ankämen und meine Frauen könnten wieder nicht richtig schlafen.
Bis Walsrode rollt es dann plötzlich sehr zügig und gut. Schön finde ich den Bahndammradweg, Thomas wird jedoch beim gleichmäßigen, zügigen Rollen eher schläfrig. Die Abendsonne scheint, aber kalt ist es, ein Freibiwak muss nicht sein. Also erkundigt sich Thomas im nächsten Restaurant wegen einer Übernachtung. Besser ist, er macht das, weil er von Natur aus viel freundlicher als ich gucken kann – das erhöht die Erfolgsschancen besonders bei weiblichem Personal und so werden wir tatsächlich an die „Stadtschenke“ in Walsrode verwiesen.
Gegen 20.45 treffen wir nach 276 Tageskilometern dort ein. Und es klappt tatsächlich.
Wir bekommen ein Doppelzimmer, bezahlbar ist das auch, können die Räder diebstahlsicher unterstellen und gönnen uns als Highlight eine tolle (dieses Mal heiße) Dusche. Das anschließende Bauernfrühstück, welches wieder mal trotz riesigem Appetit kaum, Thomas kaut eisern darauf herum, bis der Teller leer ist, oder gar nicht zu schaffen ist, ich muss das entscheidende Stück wieder mal liegenlassen (wie peinlich) und die alkoholfreien Hefeweizen liefern rasch wieder die verlorenen Körner, so dass wir einigermaßen optimistisch den Tag beschließen können.
Dass wir morgen erst gegen 8 Uhr hier herauskommen…
Na ja, was solls, dann fahren wir eben etwas schneller und länger als heute, das holen wir schon wieder raus.
Alles ist gut und morgen wird alles besser!!!
Auch wenn es in meinen Knien zieht und schmerzt.

D N-S 2014 / Auftakt

D N-S 2014
Flensburg – Garmisch-Partenkirchen
(Deutschland von Nord nach Süd)

18.08.2014 – 21.08.2014

Wie fängt man am Besten an, über diese Tour zu schreiben?
Es fällt schwer, angesichts der Fülle von Eindrücken unterschiedlichster Art, noch den genauen chronologischen Ablauf nachzuvollziehen.
Nachdem ich nun einige Tage habe vergehen lassen, in denen aus der überreichlichen Masse an Bildern, die eine Art Zustand hervorriefen, sich permanent wie im Traum zu bewegen, endlich etwas klarere Konturen hervortreten, werde ich versuchen, diese Bilder und Gedankensplitter möglichst am Ablauf der Tour sortiert zu beschreiben.
Meine Motivation, überhaupt noch einmal auf ganz große Tour zu gehen, ist nach den herrlichen Tagen im dänischen Blockhaus sehr gering. Warum auch – denn zu schön waren diese überschaubaren kleinen Genusstouren durch die dänischen Endmoränen- und Küstenlandschaften. Und wozu sich im Urlaub noch mehr Stress als nötig zumuten.
Zudem ist die Saison 2014 für mich mittlerweile sehr lang. Der August ist schon recht spät im Jahr, der persönliche Höhepunkt liegt eher im Juni, da kam der Prerow-600er-Brevet gerade Recht. Und nun wäre es auch ganz gut, wenn langsam wieder etwas Ruhe einziehen würde. Der Oberhammer ist schließlich das Wetter am Sonntag vor der Tour.
Es regnet in Strömen. Und das den gesamtem Tag lang. Uns bleibt nichts Anderes übrig, als drinnen zu sitzen und zu lesen oder DVDs anzuschauen. Thomas trifft am Nachmittag auf dem Camp hier in Krusa, ca. 10 km nördlich von Flensburg ein. Da er bei diesem Sauwetter keinesfalls zelten kann, nächtigen wir also nun zu fünft in dieser winzigen Hundehütte.