Paris – Zweenfurth 2012 / Fakten und Erkenntnisse zur Tour

Fakten und Erkenntnisse zur Tour

Erstaunlicherweise stimmt die tatsächliche Netto-Fahrtzeit weitgehend mit der geplanten Fahrtzeit überein, d.h. ich benötigte letztendlich nur 2 3/4 Stunden weniger als beabsichtigt.
Der Planberechnung hatte ich, wie bei der Vorbereitung geschildert, eigene Erfahrungswerte aus großen Touren zugrunde gelegt und dann diese Werte nochmals unter Berücksichtigung der zu erwartenden Bedingungen und des Gewichtes des Rades angepasst. Für mich ist im Endeffekt erstaunlich, wie gut diese im Ergebnis der Realität entsprachen.
Bei der absolvierten Entfernung entspricht das einem Schnitt von 21,1 km/h. Das ist auf einem Rennrad nicht viel, jedoch ist es hier wie auch bei anderen Langstrecken, dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt ein Stunden-Durchschnitt einpegelt, der sich bis zum Ende kaum noch verändern wird. Es gibt Phasen, in denen man auf Grund der Bedingungen (Wetter, Straßenqualität Belgien, usw.) wesentlich langsamer vorankommt oder gar schieben muss, wie z.B. am „Killerberg“ von Immenhausen, aber auf Streckenabschnitten, wo es optimal rollt, auch zeitweise ein entspannter 30erSchnitt möglich ist.
Nach dem im bikeroutetoaster berechneten Track rechnete ich mit ca. 5.500 Höhenmetern. Tatsächlich belief sich dann nach dem mitgezeichnetem Track, den ich auf gpsies.de gespeichert hatte, die Summe auf 6.700 Höhenmeter. Selbst auf den laut Streckenprofil relativ ebenen Abschnitten von Nordfrankreich bis Paderborn kamen auf Grund der zahllosen kleinen Anstiege schon mehrere Tausend Höhenmeter zusammen.
Durch die bewusst ökonomische Fahrweise stellte das Profil jedoch bis auf zwei, drei Ausnahmen, in denen ich wegen der noch vor mir liegenden Strecke nichts riskieren wollte und das Rad schob, kein Problem dar.
Illusorisch war es, wie ursprünglich beabsichtigt, täglich 4 Uhr zu starten. Zum Einen war es zu diesem Zeitpunkt noch stockfinster, da reichte die Selbstdisziplin dann leider doch nicht aus, zum Anderen erforderte das Zusammenpacken von Zelt, Matte und Schlafsack eine gewisse Zeit, so dass ich schon morgens um ca. eineinhalb Stunden gegenüber dem Plan zurück lag. In Belgien ließ sich diese Differenz, die ich in Frankreich tags zuvor noch als schließlich halbstündigen Vorsprung locker herausgefahren hatte, nicht mehr einholen die Bedingungen ließen das einfach nicht zu. Und auch am dritten Tag war es praktisch nicht möglich, diese eineinhalb Stunden fahrtechnisch wieder gut zu machen.
Sehr begünstigend kam der fast permanent aus westlicher oder südwestlicher Richtung wehende Wind und der zum Glück nur wenige Stunden dauernde heftige Regen hinzu, ich weiß nicht, was bei Gegenwind oder längerem Dauerregen geschehen wäre. Vermutlich hätte ich aufgegeben. Auch Holger als Begleitfahrer am letzten Tag war enorm wichtig für meine Psyche. Erst einmal musste ich ihm aus purem Ehrgeiz zeigen, was bei mir entgegen dem äußeren Eindruck noch ging das pushte ungemein und dann hätte ich mich allein womöglich wesentlich mehr gehen lassen, wäre weniger zügig gefahren, hätte mich mehr ausrollen lassen.
Ernährungstechnisch hatte ich für die gesamte Fahrt gute Vorsätze. Ich weiß es nicht mehr genau, wie viel ich in den ersten beiden Tagen wirklich gegessen habe. Es kann außer ein paar Scheiben Vollkornbrot mit Wurst und Käse, ein paar Äpfeln und Bananen und wenigen Protein-Riegeln nicht viel mehr gewesen sein. Am dritten Tag waren es lediglich zwei Stück Kuchen und ein paar Pommes mit Chicken Mc Nuggets. Die ganze rechentechnische Vorbereitung Kalorienberechnungen etc. waren eigentlich sinnlos. Ich habe zu keiner Minute daran gedacht, bei mir dermaßen kontrolliert für Nachschub zu sorgen, eine Begleitung im Fahrzeug hätte womöglich darauf geachtet und vielleicht wäre ich dadurch maximal auf einen 23er-Schnitt gekommen.
Trotzdem gelang es, mit dieser „Sparfüllung“ 850 Kilometer gut zu fahren und dabei energietechnisch nicht einzubrechen.
Ich hatte unbewusst zwischenzeitlich das Gefühl, dass der Körper nun allmählich auf Reserve und Fettverbrennung umschaltete und ich nun vom körpereigenen Potenzial zehrte, jedoch wirkte sich das nicht so verheerend aus, wie angenommen.
Woran lag das?
Ich fuhr mich „leer“, tat auch nicht viel dagegen und trotzdem gab es keinen Einbruch, der Körper funktionierte bis Witzenhausen, als es dann den großen Nachschub gab, einwandfrei.
Mögliche Gründe dafür: Erstens war mein Körper durch die endlosen Trainingskilometer im Winter und Frühjahr offensichtlich perfekt auf lange Ausdaueranforderungen eingestellt, und zweitens vermute ich, dass der positive Effekt hauptsächlich dem konsequent effizienten Fahrstil (relativ hohe Frequenz, kleine Gänge, nur selten auf dem großen Blatt) unterstützt vom Wind, zu verdanken war. Ich verzichtete völlig auf unnötige Krafteinheiten, welche die verbleibenden Energiedepots so leer geräumt hätten, dass die physische Krise früher oder später eingetreten wäre. Stattdessen schob ich schlimmstenfalls bergauf (zum Ende jedenfalls).
Und drittens habe ich wahrscheinlich (ebenfalls zwar gewollt, aber nicht unbedingt bewusst) im Vorfeld meine körpereigenen Energietanks so optimal aufgefüllt, dass diese Vorräte sehr lange anhielten.
Die Power-Bar-Gels schleppte ich wieder einmal umsonst mit mir herum, diese waren absolut nicht nötig und hätten auch nur kurzzeitig geholfen.
Auch die Dehydration ließ sich erfolgreich vermeiden, ich trank viel den Verhältnissen angemessen, zum Glück war es auch nicht ausgesprochen heiß. Ergänzend kamen die „Zuckerinfusionen“ zwischendurch mit Coca Cola dazu.
Wirklich ernst wäre es geworden, wenn ich die auf den letzten 150 Kilometern immer schlimmer werdenden Schmerzen im Sitzbereich (Druckstellen) ignoriert hätte. Das war ein eindeutiges Signal des Körpers. Bis hierher und nicht weiter! Und dann wären mit Sicherheit dauerhafte Schäden zu befürchten gewesen. So aber war es gut, dass die Tour nach 1.103 Kilometern zu Ende ging. Mehr wäre in dieser Verfassung nicht gegangen, weiter hätte ich aber auch nicht fahren wollen und können.
Faszinierend war es für mich an jedem Morgen, dass sich der Körper nach den wenigen Stunden Schlafpause so gut regeneriert hatte, dass das Weiterfahren überhaupt keine Mühe oder Probleme bereitete.
Ich bin davon überzeugt, auch in Hinsicht auf PBP 2015, dass es für den Körper am Besten ist, die Strategie so zu wählen, dass man sich konsequent ausreichend lange mehrstündige Schlafpausen gönnt. Die Zeit, die man dadurch verliert, kann man am Tag durch schnelleres Fahren wieder gewinnen.
Ebenfalls absolut überraschend war die bis zum Tag vorher und schon einen Tag darauf wieder völlig unvorstellbare Tatsache, dass sich meine Ansprüche und Bedürfnisse so weit reduzierten, so dass ich Nachts nur mit Folie und Schlafsack verschwitzt und schmutzig problemlos unter freiem Himmel schlafen konnte und mir das überhaupt nichts ausmachte.

Orientierung: Karten und Navigation

Ich habe häufig „Armin“ erwähnt. Keine Sorge, ich habe nicht halluziniert und mit imaginären Fremden gesprochen. „Armin“ ist mein GarminNavigationsgerät, Typ Etrex Vista HCL. Das hat in den letzten Jahren sehr zuverlässig bei der Orientierung in fremden Gegenden seinen Dienst getan.
Auch wenn ich dieser Technik lange misstraut habe und der Meinung war, diese würde ich als geschulter Kartenleser nicht benötigen, so habe ich jedoch auch hier meinen bisherigen Standpunkt generell geändert. Gerade an unübersichtlichen Punkten erhöht sich die Sicherheit der richtigen Routenwahl auf fast 100%. In Karten mit großen Massstäben ist es dagegen oft nicht möglich, den weiteren Weg eindeutig zu bestimmen, auf „Armin“ muss man lediglich das Ganze ordentlich heranzoomen, dann ist die Entscheidung sehr einfach.
Selbstverständlich benötigt man auch fürs Navi ordentliches, genaues und detailliertes Kartenmaterial. Das ist, wenn man z.B. die Topo-Karten kaufen würde, unerschwinglich teuer, jedoch ist mittlerweile der Stand der kostenlos im Internet erhältlichen OpenSourceMaps, einem genialen Projekt, so gut, dass man sich vollkommen darauf verlassen kann.
So erhielt ich für Deutschland eine ausgezeichnete Karte, für die Benelux-Staaten gab es ebenfalls tadelloses Material, nur die OSM-Karte von Frankreich ist noch nicht ganz so vollständig. Allerdings täuschte auch da wie so oft der erste Eindruck. Für mich persönlich genügte die Karte und die Realität bestätigte es schließlich auch, das Straßen- und Wegenetz in Frankreich ist etwas dünner als in Deutschland. Wo auf der Karte die Gegend weglos war, gab es in Wirklichkeit auch häufig keinen Weg.
Ich vertraute fast völlig auf „Armin“, fuhr demzufolge auch entsprechend der vorberechneten Route mehrere Male auf nicht ganz rennradtauglichen Straßen oder Wegen, aber mit konventionellen Karten hätte ich wesentlich mehr Zeit und Mühe aufwenden müssen und hätte mich mit Sicherheit viel öfter verfahren. In der Leipziger „Reisefibel“ hatte ich zuvor noch Michelin-Karten (1:200.000) von Nordfrankreich und Belgien zum besseren Überblick gekauft, für Deutschland hatte ich aus meinen recht zuverlässigen „ALDI“-Radkarten herauskopierte einlaminierte Ausschnitte dabei. Das genügte vollkommen, um die Übersicht zu bewahren.
Fazit: Dadurch, dass ich für die Tour zweineinhalb Stunden weniger Nettofahrtzeit als geplant benötigte, keinerlei physische Krisen erlebte, was sich natürlich auch sehr unterstützend auf meine Motivation und Willenskraft und die Bewältigung der kritischen Momente auswirkte, bin ich mir recht sicher, entsprechend der erlebten Bedingungen nichts falsch gemacht zu haben.
Die physischen Nachwirkungen halten sich in Grenzen, abgesehen von 3 Kilo weniger am Abend nach der Tour, einem geringfügigem Ziehen in den Oberschenkeln (nicht schlimmer als nach einer normalen schnellen Ausfahrt) und etwas Hornhaut auf den Sitzflächen.
Interessant und erstaunlich war für mich in den Wochen nach der Tour noch ein gewisser „Nachbrenneffekt“. Ich konnte essen, was und wieviel ich wollte. Mein Körpergewicht blieb fast unverändert.

Abschließende Überlegungen und Ausblick

Auch das intensive Radfahren ist eine Phase, die vielleicht in einmal vorüber geht, genau wie das Bergwandern, welches für mich über 20 Jahre außerordentlich wichtig war. Viele Facetten des Radfahrens Flussradwege, Berg-Rad-Touren, Marathons habe ich mittlerweile ausprobiert, habe meine persönlichen Grenzen manches Mal erreicht und überschritten, habe aber auch festgestellt, wie sich diese mit zunehmend besserer Grundkonstitution immer mehr erweiterten.
Nun bin ich bei 1.000-Kilometer-Touren angekommen.
Vor Jahren war es mir völlig unvorstellbar, dass Menschen solche Distanzen auf dem Rad ohne körperliche und andere Schäden verkraften können. Nun habe ich es mir selbst bewiesen. Es geht.
Wenn ich (theoretisch) den Faden weiterspinne, dann sind mit Sicherheit auch noch größere Distanzen möglich. Aber da ich nun doch ein gewisses Alter erreicht habe und mit einer weiteren Steigerung wiederum Jahre erforderlich wären, ist es praktisch auszuschließen, dass ich in meinem Leben jemals 2.000 oder mehr Kilometer am Stück fahren werde.
1.000 Kilometer solo sind also eine Art selbst festgelegter Grenze.
Diese habe ich erreicht, weiter will ich nicht mehr.
Was also nun?
Nach der Tour hatte ich eigentlich jegliche weitere Solo-Unternehmung in dieser Größenordnung ausgeschlossen. Es war eine Erfahrung, alles Weitere würde vermutlich nichts Neues bringen.
Und zu groß waren der Vorbereitungsaufwand und die Belastungen auch für die Familie.
Sollte sich jedoch die Möglichkeit ergeben, die Familie aktiv zu beteiligen, so wäre mein Wunsch, noch einmal Deutschland von Nord nach Süd auf dem Rad zu durchqueren. Allerdings dann in verträglichen Tagesetappen von bis zu 250 Kilometern und mit Begleitfahrzeug.
So bliebe unter Umständen auch Zeit, um den Tag nicht nur auf dem Rad zu verbringen.
Ein Versuch der Teilnahme an Paris-Brest-Paris 2015 wäre vorstellbar, denn dieses Volksfest, diese Tour-de-Franceähnliche Atmosphäre einmal am eigenen Leib zu spüren, wäre schon sehr reizvoll. Mit PBP 2015 ließe sich sicher auch ein familienverträglicher Urlaub verbinden.
Die Frage, ob es schön war, kann ich nicht eindeutig beantworten. Es war abwechslungsreich, spannend, niemals langweilig, aber nicht immer schön. Es gab trotz allem Zeitdruck, manchmal hatte ich kilometerweit nichts weiter als den weißen Randstreifen vor Augen, weil ich um jeden Preis vorwärts kommen musste. Aber es gab auch wunderbare Augenblicke und Momente der Euphorie. Dann war es wirklich schön.
Was mir von dieser Tour bleiben wird, ist eine verblassende Erinnerung an die Tage, in denen man mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich erhielt. Es bleibt ein Staunen über die Fähigkeiten des eigenen Körpers und des eigenen Willens, der diesen immer wieder in Bewegung halten konnte, es bleiben die Bilder von schönen und weniger schönen Momenten auf der Tour und die Feststellung: „Ich habe es einmal in meinem Leben getan.“
Und letztendlich haften in meinem Gedächtnis auch die Augenblicke dieser Tage, in denen ich besonders intensiv spürte, dass ich lebe. Das klingt pathetisch, doch es ist wirklich ein tolles Gefühl.

Paris – Zweenfurth 2012 / Witzenhausen – Zweenfurth

Vierter Tag 09.06.2012
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.
(Mark Twain)

Die Kür
Ein zarter Patsch mitten ins Gesicht weckt mich. Die Augen bekomme ich nur schlecht auf, mit ein wenig Blinzeln kann ich aber erkennen, dass es halb sieben ist.
Eine gute Zeit! Die Sonne scheint, das Aufstehen fällt erstaunlicherweise auch nicht schwer. Heute bringen wir das Ding zum guten Ende! In aller Ruhe sortieren wir die Sachen aus, die ich noch im Rucksack mitnehme und die im Auto transportiert werden.
Unsere Tochter hat keine Lust auf Göttingen, also werden sie nach der Abmeldung gleich wieder nach Hause fahren.
Zwei Stunden Fahrt auf der A38, das ist zu verschmerzen.
Die Pension ist übrigens voll ausgebucht, wir hatten großes Glück, der etwas servile Senior-Chef scharwenzelt zuvorkommend pausenlos um seine asiatischen Gäste herum.
Na mäg.
Das Frühstück ist üppig, sehr schön, besonders das Rührei.
Obwohl mein Appetit ungeheuer ist, schaffe ich es gerade so, zwei der recht kleinen Brötchen inkl. zwei Tassen Kaffee zu vertilgen. Mehr geht nicht.
Und die Unruhe vor der Fahrt wächst auch schon wieder.
Holger: „Moin moin, bin halb zehn am Bahnhof, lass dir Zeit und frühstück ordentlich B)“
Die Disney-Manie des Gastgebers ist mir ein wenig unverständlich das Ganze wirkt zusammengestückelt, es wäre sicher auch dezenter gegangen, aber wir wollen nicht meckern.
Trotzdem ist es sehr sehr angenehm, hier in diesem etwas plüschigem Ambiente zu sitzen.
Die Schlafpause und das Frühstück haben wieder enorm zur Regeneration beigetragen, so dass ich kurz nach 9 Uhr tatsächlich (mit etwas schweren Beinen) auf dem leichten Rad sitze und auf die letzten 250 Kilometer starte.
Abschied vom Familienteam heute Abend sehen wir uns wieder, wenn alles wie geplant rollt.
Das Werratal und dann das Eichsfeld, welches ich auf dem Weg nach Heiligenstadt überquere, zählen nun zum schönsten Abschnitt der ganzen „Randonnée de Paris à Zweenfurth“. Wunderbar das Grün der
waldreichen Landschaft, wunderbar die sanften Täler und Höhenzüge.
Ich genieße es richtig, selbst das Bergauf-Kurbeln, nachdem ich den richtigen Gang und Trittfrequenz gefunden habe, ist einigermaßen entspannend.
Der schmutzige Rest wird
im Auto transportiert
Ungeheuer ist der Drang, endlich nach Hause zu kommen.
Viertel elf, nach 879,5 Kilometern (24 km) bin ich am Bahnhof Heiligenstadt, Holger musste etwas warten, hat aber vollstes Verständnis.
Wie er mir später erzählt, hat er zunächst seine Zweifel, ob ich das heute, so wie ich aussehe, überhaupt noch schaffen würde. Das ist mir selbst gar nicht so bewusst, doch auch auf meine Frau muss ich wohl ziemlich dünn und verfallen gewirkt haben.
Aber es ist ein Phänomen trotz aller Äußerlichkeiten hat sich mein Körper so umgestellt, dass die vorhandenen Reserven bei gleichbleibender Belastung an der unteren Levelgrenze wohl noch sehr weit ausreichen würden. Ob ich auch Kraftspitzen bewältigen kann, zeigt sich später auf dem schönen Talweg nach Leinefelde. Die kleinen Anstiege schaffe ich noch in gutem Tempo, allerdings gehen diese schon arg an die Substanz.
Der Wind leistet wieder einen enorm großen Beitrag, zu Zweit fährt es sich sowieso besser, gerade, wenn mich nun Holger doch etwas ziehen kann. Kurze Pause in Bernterode, wir haben einige Zeit verloren, als wir bei Leinefelde den Weg zur Straße zurück finden mussten. Das große Brötchen kann ich nicht essen, aber Holgers Energieriegel lässt sich etwas leichter kauen und schlucken. Und dann rollt und rollt es im Eiltempo. Niedergebra, Nohra, dann südlich des Kyffhäuser entlang gen Sondershausen.
Als wir dort sind, ist es bereits 14 Uhr, ca. 100 Kilometer (950 km) sind zurückgelegt. In Sondershausen große Rast, Nudeln und geröstetes Entenfleisch beim Thai, dazu eine Cola lecker!!!
Dann weiter, es folgt eine Kopfsteinpflasterpassage, die meine zunehmenden Sitzbeschwerden verstärkt. Aufgerieben ist nichts, das ist erst einmal positiv, aber nach drei Tagen ununterbrochenem Radelns machen sich sehr schmerzhaft Druckstellen im Sitzbereich bemerkbar, gegen die ich nur schlecht eine ansprechende Position auf dem Sattel finde. Das Auf- und Absteigen wird allmählich zur Hölle.
Das ist nun eine weitere Erkenntnis für mich. Ich verfüge zwar noch über ausreichende Energiereserven, der Willen ist ebenfalls stark genug, aber der Körper signalisiert mir deutlich eine Art Endpunkt.
Bis hierher und nicht weiter.
Spätestens jetzt wird mir bewusst, dass ich meine derzeitige Grenze erreiche, hinter der, wenn ich diese mutwillig überschreite, physische Schäden drohen. Mehr geht nicht. Würde diese Tour noch wesentlich länger sein, dann müsste ich die strikt hier beenden. So aber sind es „nur“ noch rund 100 Kilometer.
Es riecht schon nach Heimat, das Ziel ist fast in Reichweite. Und ich würde das Ganze nach einem Abbruch nicht noch einmal versuchen können oder wollen.
Was sagt nun der gesunde Menschenverstand?
Soll ich den Schmerz für den kläglichen „Rest“ der Tour ignorieren und weiter fahren oder den nächsten Bahnhof suchen?!
Mein Willen, die Tour erfolgreich zu beenden, ist so stark wie nie zuvor.
Der treibt mich an.
Ich würde es mir jetzt zu diesem späten Zeitpunkt wirklich nicht verzeihen können…
Hundert gehen doch bitte schön immer noch…
Also aufsteigen es ist nicht mehr weit!
Ein schöner Blick bietet sich nun auf das Kyffhäuser-Gebirge von Süden.
Die teilweise recht spärlich bewachsenen Gipshänge entlang des Wippertals haben hier, im Gegensatz zur mitteleuropäisch üppig grün bewaldeten Nordseite, fast mediterranen Charakter. Bad Frankenhausen, schnelle Fahrt nach Artern, dann sind wir schon im Unstruttal.
In Wendelstein erreichen wir den Kilometer „1.000“!
1.000 Kilometer nonstop auf dem Rad von Paris bis hierher. Das ist, zumindest für mich, unglaublich.
Dank an dich Körper, Dank ans Material, Dank an Euch Begleitfahrer(innen) dass Ihr mich nicht im Stich gelassen habt.
Weiter geht es durchs Unstruttal, durch Nebra, durch Laucha. In der Straßenbaustelle kurz vor Laucha schaffe ich es auf einem sandigen Stück sogar noch, mich samt Rad hinzulegen.
Na gut, vergessen. Die verbleibenden Anstiege bis Freyburg sind dann gar kein Problem mehr.
Ca. 180 (1.030) TagesKilometer liegen hinter uns, als wir in Freyburg an der Unstrut noch einmal in einem schönen Freisitz ein Radler trinken und eine Bockwurst genehmigen. Gegen 19 Uhr wird es sein, im Fernsehen läuft das erste EM-Fußballspiel Dänemark gegen die Niederlande. Die Straßen sind menschenleer. Gemütlich.
Anschließend der letzte „Berg“ hinüber nach Weißenfels.
Ich bin Holger sehr dankbar, dass er mich begleitet, so fällt das letzte Stück nicht so schwer, allein hätte ich mich vermutlich etwas gehen lassen, hätte gebummelt, aber so haben wir immer noch einen recht guten Schnitt, mit dem wir bald Weißenfels erreichen.
Und noch nie habe ich mich über den Anblick der Rauchwolke von Lippendorf, die ich zum ersten Mal auf der Anhöhe bei Goseck sehe, so gefreut wie heute.
Weißenfels – Saalebrücke die Assoziation zum RAAM und Mississippi hatte ich schon einmal im Tourenbericht zum 350er beschrieben.
Die RAAMFahrer, die den Mississippi erreicht haben, finishen in der Regel auch. Die Saale ist auch heute wieder mein „Mississippi“. Ich bin bis hierher gekommen, nun ist der Rest auch noch zu schaffen.
Die Route unterquert die A9 im Rippachtal, führt südlich von Leipzig über Starsiedel und Kitzen. Und so erreichen wir mit einsetzender Dämmerung Leipzig.
Auch das MDR-Hochhaus, welches ich aus einiger Entfernung schon sehe, facht meine Euphorie an. Da könnte man sich glatt ein kleines Tränchen der Rührung abdrücken.
Paris Leipzig, nun ist es Tatsache! Wahnsinn! Ich glaube es selbst
kaum.
Auf das Foto am Ortsschild „Leipzig“ verzichte ich, die Zeit drängt.
Ohne Pause geht es vorbei am Cospudener See, nun auf meiner „Feierabend-Strecke“ hinüber zum Markkleeberger See.
Es wird schon wieder dunkel, die Lampen liegen im Auto, ich hatte nicht gedacht, so spät anzukommen.
Holger verlässt mich schließlich in Wachau, vielen Dank, das war die beste Unterstützung heute und er ist nun noch ein „Zeuge“, der mir die erfolgreich absolvierte „Le Mille de Paris à Leipzig 2012“ bestätigen kann. Im Halbdunkel schon fahre ich via Liebertwolkwitz, Holzhausen hinüber nach Kleinpösna und im letzten Tageslicht rufe ich von der Hirschfelder Kreuzung zu Hause an. In fünf Minuten bin ich zu Hause, ist das Ziel erreicht!
Es ist nun wirklich einfach schön, ich genieße die Stimmung, das gemächliche Ausrollen in den letzten Momente auf dem Rad noch einmal so richtig.
Das kommt nie wieder.
Ich glaube, nie wieder werde ich so etwas in diesem Maß erleben.
Alles andere, so wie ich es auch 2006 nach der Schweiz-Runde feststellte, kann nur noch eine Wiederholung sein.

1.103 Kilometer (248,45 km), 22:00 Uhr, 52:17 Std. Netto-Fahrtzeit

Paris-Zweenfurth ist Geschichte
Triumphierend biege ich um die Kurve.
Und dann ist für mich die „Willkommen“-Girlande an der Haustür und die Begrüßung durch meine Frauen mehr Belohnung als das berühmte Gefühl nach einer großen erfolgreich gefahrenen Tour.
(Allerdings müssen sie vorher noch schnell die letzten Minuten des EM-Deutschland-Spiels angucken, ehe sie Zeit für mich haben) Der auf Initiative unserer Großen geschenkte Schutzengel hat mich gut behütet und nach Idee unserer Jüngsten haben sie sogar noch einen Finisher-Kuchen „Paris Zweenfurth“ gebacken.
Das nenne ich Zu-Hause-Ankommen!

Paris – Zweenfurth 2012 / Venlo – Witzenhausen

Dritter Tag 08.06.2012
Wenn man in die falsche Richtung läuft, hat es keinen Zweck, das Tempo zu erhöhen.
(B. Breuel)

Euphorie
„guten morgen. ich starte in 15 min alles ok“
Es ist zu schön, einmal aufzuwachen und keine Zimmerdecke oder Zeltplane über sich zu haben sondern den fast wolkenlosen Morgenhimmel.
Ein wenig gefroren habe ich, der Schlafsack war feucht und die Eigenwärme genügte nicht ganz, um drinnen auf Betriebstemperatur zu kommen. Na vorbei, es dämmert, die Vögel machen Lärm, der Tag scheint gutes Wetter zu versprechen. Dreieinhalb Stunden Schlafpause haben auch wirklich genügt, um mich wieder gut zu regenerieren.
Ich bin wieder einmal verblüfft, wie effektiv der menschliche Körper funktioniert.
Ein knappes Frühstück, ein Powerriegel, ein Apfel, dann geht es kurz nach 5 Uhr wieder los.
Nach meiner Erfahrung vom Harz-Unstrut-350er, bei dem ich 5 Uhr startete und (trotz Bergen und 180 Kilometern Gegenwind) 21.30 Uhr zu Hause war, könnte das heute eventuell ähnlich werden. Optimistisch geschätzt, dazu die zunehmende Erschöpfung und das schwere Rad berücksichtigend, könnte ich gegen 23 Uhr in Witzenhausen sein.
Wenn alles gut geht. Jetzt muss ich zunächst die 10 Kilometer aufholen, die ich vor einigen Stunden nicht mehr schaffte. Bei meinen Planspielchen im Vorfeld hatte ich ja sogar gehofft, bis kurz vor Wesel zu kommen, aber das wären noch 40 Kilometer gewesen. An der Maas kurz vor Venlo fällt mir noch ein, dass ich das tägliche Eincremen vergaß, das muss ich unbedingt nachholen. Die Beine sind ein wenig schwer, das wird mit Sicherheit, wenn ich warm gefahren bin, wieder besser, nur überziehen darf ich nicht.
Venlo schläft noch ein wenig, ich überquere die Maas, den ersten der großen Flüsse heute, komme gut durch die Innenstadt und erreiche 6 Uhr „Duitsland“, die deutsche Grenze.
Die Deutschen haben den europäischen Gedanken scheinbar noch nicht so recht verinnerlicht, stolz prangt hier das Schild „Bundesrepublik Deutschland“. Aber mir ist das im Augenblick sehr recht für ein Foto.
Bergfest, ich habe nach ca. 510 Kilometern Tour wieder Deutschland erreicht!!!
„hallo maedels, bin seit 6 uhr in deutschland“
„Juchu! Da liegst du ja wieder in der zeit :)“
Und das löst schon eine Art Euphorie aus, die mich nun enorm beflügelt, als ich in Nordrhein-Westfalen einrolle. Selbst die leichten Hügel stören kaum, zugegeben, es geht angepasst an meine Konstitution nicht ganz so schnell hinauf, aber es geht immer noch. Die Sonne scheint, der Wind weht wieder zuverlässig und recht kräftig von Südwest, es schiebt.

Quer durch NordrheinWestfalen
Hörstgen westlich des Niederrheins kurz vor Kamp-Lintfort.
Eine Konditorei am Straßenrand und drinnen eine nette ältere Verkäuferin bei der ich ein paar große Stücken prima Apfel- und Kirschkuchen bekomme. Dazu ein heißer Kaffee ein Gedicht! Dieser Moment ist so schön, ich stehe in der Ecke, genieße mein tolles Frühstück, die Sonne scheint, es kommen die Leute und kaufen ihre Brötchen, Idylle pur, ich merke deutlich, Bummeln ist auch sehr schön.
„Was und da kommen Sie gerade durch unser kleines Dorf???“ lautet die entgeisterte Frage der Verkäuferin, als ich ihren Kaffee lobe und erzähle, wo ich herkomme und hin möchte.
Na bei diesem tollen Kuchen war mir dieser Besuch ein Bedürfnis!
Der Wind schiebt mich weiter, an Rheinberg, dem Leipziger Konkurrenten beim Stadtradeln, vorbei auf den Rheindamm. Breit und ruhig strömt drüben der „Vater der deutschen Flüsse“ dahin, auf der anderen Seite sehe ich die Fabriken des Ruhrgebietes, welches ich auf meiner Route nördlich umgehen werde.
Den großen Pylon der Rheinbrücke bei Wesel kann ich schon 10 Kilometer vorher sehen, bis dahin fahre ich wieder angenehm schnell, die Tatsache, wieder in Deutschland zu sein, beflügelt.
Wesel, der Rhein ist überquert, der zweite große Fluss heute, in der Stadt einige Hektik, einige Radler mit und ohne Gepäck in den Straßen, dann Rast am Ortsausgang an einer Tankstelle, wo ich Saft und Cola nachtanke.
561,98 km (64,00 km), 08:45 Uhr
Ich liege im Zeitplan zweieinviertel Stunden zurück. Aber noch ist es zeitig am Tag, es beunruhigt mich wenig. Trotzdem mache ich nur kurz Pause, ehe es auf der Bundesstraße nach Haltern am See weiter geht. Die Straße, die sehr stark befahren ist, besitzt einen breiten Standstreifen, den ich benutzen kann und so gefahrlos schnurstracks nach Osten vorankomme. Das Gelände leicht wellig, ein wenig nervend sind die lang andauernden Anstiege. Dazu wird es recht warm.
In Hullern, ein paar Kilometer hinter Haltern am See mache ich die nächste Pause.
612,64 km (114,66 km), 11:20 Uhr, 29:46 Std. Netto-Fahrtzeit.
Es scheint allmählich, als ob ich im Zeitplan nix gut machen kann. Obwohl es sehr gut rollt, bleibt der Rückstand bei über 2 Stunden. D.h. ich bin voraussichtlich nicht, wie geplant gegen 23 Uhr in Witzenhausen.
Die Straßen sind gut, der Autoverkehr allerdings teilweise sehr stark, gerade im Raum Hamm, wo ich ein Stück Schnellstraße (breiter Standstreifen) nutzen muss, macht es nicht unbedingt Spaß, die Abgase zu inhalieren. Allerdings wechselt sich das auch mit kleinen Sträßchen ab. Teilweise geht es nun sogar gegen den Wind, was sehr anstrengend ist, da kommen mir die paar Regentropfen zwischendurch wie gerufen. Da die Landschaft nichts Spektakuläres bietet, halte ich zum Schauen und Fotografieren nicht an und erreiche am frühen Nachmittag Hamm, eine größere Stadt, nordöstlich des Ruhrgebiets.
Dank „Armin“ komme ich ganz gut durch die Stadt.
Eigentlich wollte ich hier Pause machen, der Magen meldet sich, etwas zu Essen wäre jetzt gut.
Es nützt alles nichts, entschlossen werfe ich alle Prinzipien über den Haufen und parke am nächsten „Burger King“. Ich gebe zu, im letzten Jahr bei der Ostseetour 2011 in Stralsund hatte ich einmal sehr deutlich geäußert, nicht auf „Burger King“ zu stehen aber gut, Standpunkte sind da, um geändert zu werden und in diesem Augenblick gibt es nichts Besseres, als dem Magen etwas Fettiges und  Kalorienreiches zu gönnen.
Der Laden ist recht leer, nur mit der Frage der Bedienung „4er“, „6er“ oder „8er“ kann ich nichts anfangen, bis sie mir erklärt, dass sie wissen will, wie viele Chicken Mc Nuggets ich haben möchte.

Da habe ich mich aber mal wieder gründlich als Fast-Food-Laie geoutet.
Wie dem auch sei, die Pommes, das angebliche Hühnerfleisch und die Cola bringen enorme Punkte.
659,01 km (161,03 km), 13:45 Uhr, 31:54 Std. Netto-Fahrtzeit
SMS
Zweidreiviertel Stunden Verzug obwohl ich recht schnell war.
Merkwürdig – irgendetwas stimmt hier nicht!
Ein zweiter und dritter Blick in meine Zeitplantabelle dann sehe ich den Fehler! Ich habe bei der Rechnung für das Stück zwischen Hullern und Hamm einfach eine Stunde übersehen und falsch weiter gerechnet.
Wenn mich nicht alles täuscht, liegen noch ca. 200 Kilometer bis Witzenhausen vor mir. Das klingt ein wenig erschreckend – 200 Kilometer bis Mitternacht… Innerlich beginne ich mich schon, auf eine zweite „Nachtschicht“ einzurichten. Also nichts wie weiter.
Entlang der Lippe fahre ich nun wieder mit Rückenwind gen Osten.
Lippstadt, der nächste größere Ort, das Wetter hält sich zum Glück, auch wenn die etwas dunkleren Wolken zeitweise ein paar Regentropfen mitbringen. Hinter Lippstadt halte ich in Rebbeke an einer Wiese im Schatten eines Baumes, um kurz einen Riegel nachzuschieben.
711,11 km (213,13 km), 16:35 Uhr, 34:12 Std. Netto-Fahrtzeit
Längenmäßig befinde ich mich nun seit letzter Nacht auf dieser Reise in völlig neuen Regionen. Durch mein selbst gesetztes Zeitlimit, auch wenn ich täglich eine etwas längere Schlafpause einschiebe, sehe ich diese Tour als Nonstop-Tour, wobei sich sicherlich auch streiten ließe, ob das Ganze nicht doch eher eine Etappenfahrt sein könnte.
Aber eigentlich ist das völlig egal.
Ich habe für ca. 1100 Kilometer insgesamt 80 Stunden geplant, davon bei einem 20er Schnitt 55 Stunden reine Fahrtzeit, der Rest ist für Pausen vorgesehen. Die Pausen habe ich entsprechend der Nehls-Strategie so aufgeteilt, dass ich durch die Schlafpausen zum Einen die Gefahr des Sekundenschlafs minimiere und zum Anderen eine bestmögliche Regeneration des Körpers fördere. Dadurch bleibt tagsüber nicht viel Zeit zum Ausruhen.
Komisch kommt es mir einige Zeit später vor, dass Paderborn noch nicht in Sicht ist. Das kann doch nicht mehr weit sein!
Es wird ein wenig hügeliger, am Horizont kann ich die grünen Hänge der in Kürze noch zu überquerenden Mittelgebirge schon erkennen.
Das letzte Bollwerk vor Witzenhausen.

Kritische Phase
Und dann bin ich doch endlich in Paderborn.
Ich bin nun etwas müde geworden, ein Schlipsträger mit Aktentasche überholt mich lächelnd an einem Anstieg. Na ja was solls.
Zudem habe ich zu tun, im Gewirr der Straßen, die mir „Armin“ anzeigt, die Route nicht zu verfehlen. Einmal verfahre ich mich, erreiche dann aber doch nach einiger Zeit glücklich den Stadtrand, die Zeit läuft, es ist schon 18:30 Uhr, ich habe noch Einiges inkl. Gebirge vor mir! Nichts gegen das sicherlich schöne Paderborn, aber ich bin richtig froh, als die Stadt endlich hinter mir in der Ebene zurück bleibt.
Nachricht vom Team: „Hallo papa alles in ordnung? Meld dich mal wieder … sind circa neunzehn uhr da <3“
Kurz entschlossen will ich nun die Bundesstraße nach Kassel nehmen, Zeit und Berge einsparen, die kürzeste Strecke nehmen. Auf einer Bundesstraße sind hoffentlich nicht solche steilen Anstiege zu erwarten wie auf kleineren Straßen. Aber die Straße hat in Paderborn Autobahncharakter, da darf ich nicht lang. Dann verfranse ich mich, stehe eine Anhöhe weiter auf einer Brücke, von der ich auch nicht auf die jetzt wieder zweispurige Bundesstraße kommen kann. Klasse! Und nun erwarten mich auf der „Armin“-Route durch die Walddörfer ein paar schöne knackige Anstiege, es geht von 150 auf 400 Meter hinauf, ich komme ziemlich ins Schwitzen, so dass ich die Abendkühle kaum spüre. Doch es reicht langsam, wer weiß, was hier noch droht. Lichtenau ist knapp 10 Kilometer entfernt, ich bin ziemlich weit oben und werde nun doch lieber zur Bundesstraße hinüber fahren, das heißt, von der geplanten Route abweichen. Weit reicht der Blick über die Höhenzüge, große Windparks hat man hier installiert, vor dem Hintergrund der tief stehenden Sonne ein eindrucksvolles Bild.
Lichtenau kurze Rast, es ging ein ganzes Stück herunter, der Blick zur Bundesstraße Warburg – Kassel, bedeutete nichts Gutes, denn gleich darauf geht es ebenso weit wieder bergauf. Erstmals telefoniere ich von hier nun mit Dagi. Sie ist schon in Witzenhausen, wenigstens das ist sicher. Ich schätze, noch 80 Kilometer fahren zu müssen, viereinhalb Stunden sind das mindestens.
762,63 km (264,65 km), 19:39 Uhr, 36:50 Std. Netto-Fahrtzeit.
Nun führt die Straße wirklich auf dem kürzesten Weg nach Warburg, es geht heftig bergauf, ich schleiche mit einem 13er-Schnitt über die Höhen.
Ein Entgegenkommender hupt, aber der meinte nicht mich, sondern das, was ich mit meinem Tunnelblick fast übersehen hätte. Eine sehr junge „Angestellte“ eines einschlägigen Etablissements – das hätte ich eher jenseits der sächsisch-böhmischen Grenze vermutet, macht sich in einem seeeeehr knappen Kleidungsstück gerade an einer Auslage desselben Gewerbebetriebes zu schaffen. Und das bei den Temperaturen! Armes Mädel.
Endlich geht es hinunter, sehr schnell sammle ich nun wieder Kilometer, Warburg, kurze Rast, dann bergab weiter, hoffentlich kommt nicht mehr viel. Aber getäuscht leider kann ich die wunderbaren Farben des Sonnenuntergangs und der unter den einzelnen Schauerwolken sehr zahlreichen Regenbögen kaum genießen, da ich wieder heftig bergauf kurbeln muss.
Einige Zeit später, es dämmert, erreiche ich die ursprünglich vorgesehene Route wieder. Die Lampen montiere ich ans Rad, als ich in Westuffeln (?) die Bundesstraße verlasse und nun auf einer kleinen Landstraße weiter fahre. Ein Schild „Hannoversch Münden 29 km“ gibt mir erneut einen kleinen Schub.
Kalt ist es zwischenzeitlich hier oben im Gebirge geworden, die Beinlinge sind nass, die kann ich kaum verwenden, auch die Softshell-Jacke wird mir kaum helfen, die ist ebenfalls feucht. Bleibt nur die weiße Regenhaut, die hält den Fahrtwind auch ab. Und meine Klima-U-Hosen unter der Radhose sind so lang, dass ich die wenigstens bis über die von der Kälte stark gefährdeten Knie ziehen kann.
Ohne weitere Pausen versuche ich nun, endlich das Fuldatal zu erreichen, dann dürfte das Schlimmste überstanden sein.
Aber der Hammer kommt nach Immenhausen. Der letzte Höhenzug heute wird mein „Killerberg“. Fahren geht nicht mehr, so steil ist das hier. Es wäre vielleicht auch nicht einmal gegangen, wenn ich ausgeruhter gewesen wäre. Also schiebe ich nun im Nachtdunkel bergauf, 500 Meter, einen Kilometer, es streckt sich. Und die Zeit läuft. Auf die Uhr sehe ich schon lange nicht mehr. Ringsum die Lichter der verstreuten Gebirgsdörfer, im Süden ein hellerer Schein, das könnte schon Kassel sein.
Bewundernswert ist der Mut der jungen blonden Frau, die in ihrem Kleinwagen plötzlich neben mir anhält und sich vergewissert, ob alles ok ist. Ok schon, aber wie weit ist es noch bis Witzenhausen?
Oh, das ist noch ein Stück.
Irgendwann ist schließlich der höchste Punkt erreicht, das Fuldatal liegt vor, d.h. unter mir. Schussfahrt bergab geht nun in der Finsternis nicht, ich kenne die kurvenreiche Strecke nicht, das Risiko ist mir zu groß, zumal ab und zu noch Autofahrer entgegenkommen. Entsprechend riecht es Minuten später etwas verschmort, das sind offensichtlich die Bremsgummis.
Aber irgendwann bin ich auch da unten und lege die 6 Kilometer bis Hannoversch Münden rasch zurück. Es ist kurz vor Mitternacht wie weit ist es noch bis Witzenhausen?
Anruf bei Dagi, die Arme hat schon geschlafen.
Zu allem Übel beginnt es nun auch noch recht heftig zu regnen.
„Soll ich dich abholen?“
Autsch, das ist ein sehr kritischer Moment!
Ich überlege, nass wie ich bin, ernsthaft, wie schön es doch jetzt wäre, sich ins warme Auto zu setzen und nicht mehr kurbeln zu müssen.
Aber das würde ich mir vermutlich nie verzeihen können, hier aufgegeben dem inneren Schweinehund nachgegeben zu haben. Jetzt wird es wieder besonders deutlich, was bei einer solchen Reise mit „Kopfsache“ gemeint ist. Willen beweisen, Krise überwinden, ein Stück geht immer noch!!!
Die Konsequenz, wenn ich jetzt schwach würde, wäre, dass ich nach der Schlafpause noch einmal an diese Stelle zurück müsste, um dann von hier aus die Reise fort zu setzen.
Ich lehne das gut gemeinte Angebot ab, verschiebe meine geplante Ankunft auf ca. 1 Uhr, auf die eine Stunde kommt es nun auch nicht mehr an, und setze mich wieder in Bewegung.
Das Hinweisschild „Witzenhausen 20 km“ ist dann wie Balsam für mich. Sooo falsch lag ich doch gar nicht.
Die Straße ist fast ohne Verkehr. Ein sehr glücklicher Umstand, denn im Dahinrollen mache ich dann auch noch Bekanntschaft mit dem Phänomen „Sekundenschlaf“, zwei, drei Aussetzer, minimale Filmrisse, nach denen ich mich jeweils auf der Mitte der Straße wiederfinde.
0:40 Witzenhausen!
Die Pension habe ich direkt im „Armin“ gespeichert, es ist kein Problem, die nun noch zu finden. Kurzer Anruf, als ich davor stehe, dann kommt Dagi herunter und die Welt ist wieder in Ordnung!

855,35 km (357,37 km), 0:40 Uhr, 41:31 Std. Netto-Fahrtzeit

Im Biergarten sitzen noch Gäste.
Menschen, Leben, Zivilisation, ich habe es geschafft. Das Rad kann ich gut und sicher anschließen, das Gepäck werfe ich gleich ins Auto oder nehme es mit aufs Zimmer.
Als ich unter der Dusche stehe, ist es mir schon nach Sekunden völlig unbegreiflich, wie ich die Schlafpause nur eine Nacht zuvor im feuchten Schlafsack unter freiem Himmel verbringen konnte.
Und dann der nächste Höhepunkt, Dagi hat eine Riesenschale mit Erdbeeren und Mangostücken vorbereitet – dazu ein paar Wiener Würstchen und zum Abschluss ein kleines Bierchen. Herrlich!!!
Und zum psychologischen Aufbau lässt sie mich noch die aufmunternden Mails der Anderen, welche unsere Töchter ausgedruckt haben, lesen. Toll, das hilft!!!
An Holger schicke ich zu guter Letzt noch eine SMS, dass er sich in Heiligenstadt ein wenig gedulden muss, ich werde 9 Uhr erst nach dem Frühstück starten. Das bringt zwar auch wieder den Zeitplan etwas durcheinander, aber die 250 Kilometer morgen sind für mich die Kür. Das wird das Ausrollen, das wird noch einmal der abschließende Genuss!
2 Uhr ist dann Nachtruhe.

Paris – Zweenfurth 2012 / Tergnier – Venlo

Zweiter Tag 07.06.2012
Gelassenheit gewinnt man nur in der Besinnung auf das Wesentliche.
(Georg Moser)

Nordfrankreich
Als es dämmert, werde ich auf Grund des Vogelkonzerts auch ohne Wecker schon kurz nach 4 Uhr wach.
Ich fühle mich nach den fast 6 Stunden Schlaf sehr erholt. Trotz der fast schlaflosen vorhergehenden Nacht im Zug und den bereits absolvierten Kilometern hat sich mein Körper in der langen Ruhepause sehr gut regenerieren können.
Rasch zusammenpacken, alles ist schön feucht und schwer… Aha, die Mücken sind auch schon wieder wach. Beim Aufräumen finde ich auch den Fahrradcomputer im hohen Gras welch glücklicher Zufall.
05:25 Uhr stehe ich wieder an der Straße vorn, esse noch einen Apfel und ein Vollkornbrot, schicke noch eine SMS und starte gegen 05:40 Uhr.
„guten morgen. ich starte jetzt. alles bestens. lg“
„Gott sei Dank. Gute Fahrt. Zeitplan war ja gestern super. 🙂
LG“
Der Himmel ist bedeckt, es ist trübe, die Straße und die wellige Landschaft mit den noch schlafenden Straßendörfern sind auf den nächsten Kilometern recht trostlos und trist. Überhaupt ist diese Landschaft trotz der Hügel sehr eintönig. So spule ich Kilometer für Kilometer ab, es rollt entlang der Oise ganz gut.
Manche mögen es übertrieben halten, aber gerade bei diesen Wetterverhältnissen wirkt auf mich auch das Wissen etwas bedrückend, dass hier im ersten Weltkrieg in dieser Gegend Hunderttausende von Menschen ihr Leben ließen und eigentlich niemand weiß, wieviele von ihnen noch verscharrt in diesen Böden liegen.
In jedem Dorf gibt es Kriegerdenkmäler der „RF“, „Republique Francaise“ zu Ehren der im Krieg Gefallenen. Das ist bei uns nicht anders, aber hier waren es die Deutschen, die so wüteten. Und die zerschossenen Kirchen, die mancherorts noch als Mahnmal stehen, erinnern intensiv an diese schlimme Vergangenheit.
Der gallische Hahn auf einem Denkmal am „Place de Sedan“… Na ja, besser, ich oute mich hier nicht als Deutscher obwohl die jetzigen Generationen da sicher kein Problem mehr damit haben.
Interessanterweise haben die Franzosen (ähnlich wie die Tschechen) die kleine Straße nicht konsequent an der Oise entlang gebaut, sondern immer wieder über die seitlich dem Fluss zustrebenden Hügel, so dass ich anständig Höhenmeter sammle. Damit komme ich aber auch nicht so schnell vorwärts, wie ich eigentlich hoffte.
Bei Tupigny erste kurze Pause, Essen, Trinken, SMS.
„tupigny alles ok“
„Prima. Einen schönen Tag.“
216,03 Kilometer (43,96 km), 07:45 Uhr, 10:33 Std. Netto-Fahrtzeit
Glücklicherweise bleibt es trocken, als ich weiterhin alle möglichen kleinen und teilweise recht giftigen Anstiege mitnehme.
Erst kurz vor Landrecies, wo ich mich, nun für die etwas stärker befahrene, dafür kürzere Hauptstraße entscheide, reduzieren sich die Anstiege.
Und das Wetter wird freundlicher, die Sonne und blauer Himmel kommen durch. Mit den Heuballen auf den Wiesen erinnert mich die weite Senke nun sehr an das Muldetal.
Landrecies umgehe ich, weiter auf kleinen Straßen, dann Berlaimont, Hautemont. Der Asphalt ist teilweise mies, ab und zu führt mich mein „Armin“ auch auf geschotterte Fahrwege, so dass ich kurz vor Hautemont plötzlich bemerke, wie das Hinterrad Luft lässt. Es nützt nichts, ich muss kurz darauf anhalten und den Schlauch wechseln. Inzwischen ist es auch ziemlich warm geworden. Aber das ist nicht schlimm, der Wind weht kühlend und schiebend auch heute von Südost, das ist auszuhalten.
Hautemont, die Kleinstadt, geht nahtlos in Maubeuge, die letzte französische Stadt vor der Grenze über, kurze knackige Anstiege im Ort, das tut jetzt schon ein wenig weh. Was soll das noch werden?
Auch hier in Maubeuge fällt mir wieder das bunte Gemisch von weißen Franzosen und zahlreichen Menschen nordafrikanischen Urspungs auf. Hinter Maubeuge, auf der Anhöhe, über die sich die Straße zieht, mache ich die nächste Rast.
„maubeuge. viele berge, schlechter asphalt lg“
„Zeitplan passt aber noch :)“
273,23 km (101,16 km), 10:45 Uhr, 13:13 Std. Netto-Fahrtzeit
Ich liege meinem Plan gegenüber eineinviertel Stunden zurück. Wobei ein Start um 4 Uhr, wie ich es zu Hause ausgerechnet hatte, völlig illusorisch ist, da es da noch fast stockfinster war. Und weil ich heute den gesamten Tag nix weiter vor habe, als Rad zu fahren, stört mich das wenig. Vielleicht kann ich ja im Laufe des Tages noch ein wenig heraus holen. Das klappte gestern auch ganz gut.
Nett ist der französische Rennradfahrer, der anhält und sich erkundigt, ob alles ok ist. „Pas de Probleme! Salut!“
Über weite sanfte Höhen geht es nun zur Grenze. Immer wieder kleine Dörfchen, irgendwo muss ich  doch hier nun Belgien erreichen.
Auf „Armins“ Display kann ich es leider nur sehr schlecht erkennen. Bis ich dann, einige Kilometer weiter feststelle, dass die Autokennzeichen statt dem „F“ ein „BG“ besitzen.

„Belgischer Kreisel“
Völlig unbemerkt habe ich die Grenze überquert, kein Grenzpfosten, kein Schild war zu erblicken grenzenloses Europa. Nicht schlecht, das hat sich vermutlich bei den Menschen schon sehr verinnerlicht.
Zumal auch die Belgier hier im wallonischen Süden des Landes französisch sprechen.
Etwas später, kurz vor Binche genieße ich einen schönen Blick über ein breites Tal mit etlichen kleinen kegelförmigen Bergen. Das war so nicht vorgesehen, Berge wollte ich auf meiner Route eigentlich umgehen.
Doch die folgende Abfahrt nach Binche ist wenigstens ein guter Lohn für die absolvierten Hügel drüben in Frankreich. Die drohenden Berge sind dann zunächst auch weniger schlimm, schlimmer ist die sich immer mehr verschlechternde Straßenqualität.
Auch die Ortschaften wirken düster, die schmutzig roten Backsteinfassaden erinnern mich an Bitterfeld so wie es vor dreißig Jahren aussah.
Der erste „Höhepunkt“ ist dann die ungemein stark befahrene Straße in Morlanwelz, die steil bergauf führt und auf der ich wegen der zahlreichen LKWs eigentlich nix riskieren möchte. So halte ich zuerst an der (seit Paris ersten) Tankstelle unterhalb des Anstieges, leiste mir eine Cola und einen schönen O-Saft, kaufe Trinkwasser nach und schiebe danach lieber bergauf.
Wer weiß was heute noch kommt, besser, ich überziehe nicht gleich am ersten Berg.
Chapelle-lez-Herlaimont, das nächste „Bitterfeld“, auch die Einwohner wirken auf mich recht ärmlich.
Kann aber auch täuschen.
Und dann der nächste „Höhepunkt“, der mich richtig auf den Geschmack kommen lässt.
Meine „Armin“-Route führt mich wunschgemäß auf die kürzeste Strecke. Aber das ist nun ausgerechnet die kleine Straße mit dem Kopfsteinpflaster.
Ich habe im Hinterkopf, dass die Radrennen in Belgien die härtesten sind wegen dem Kopfsteinpflaster! Eine Alternative wäre zu weit, also rumple ich nun mit einem enormen 12er Schnitt über die  „Katzenköpfe“ gen Luttre.
Die Sonne scheint angenehm und ich fluche laut vor mich hin. Nachteil der Solotouren ich habe niemanden zum Anschreien – kann es also nur an mir auslassen.
Schließlich bin ich ja auch allein Schuld daran, dass ich mich ausgerechnet hier befinde Bis Luttre rollt es allerdings dann nach 3 Rumpel-Kilometern wieder ganz gut.
318,02 km (145,95 km), 13:40 Uhr, 15:32 Std. Netto-Fahrtzeit
Pause, der Geruch des Vollkornbrots steigt mir langsam übel in die Nase, der Käse rollt sich am dritten Tag nun auch na ja eins geht noch.
SMS geht nicht, hier gibt es kein Netz.
Zum Zeitplan liege ich jetzt 1:25 Std. zurück, das ist noch zu verschmerzen.
Hier scheint noch die Sonne, im Südosten zieht aber allmählich eine dunkle Wand auf. Wenn ich jedoch die Zugrichtung dieser Front, die hoffentlich kein Gewitter mitbringt, richtig berechne, könnte es gelingen, dieser mit dem entsprechenden Tempo nach Nordosten zu entkommen.
Also gebe ich nach der Rast ein wenig Gas will ja auch noch im Zeitplan ein wenig aufholen. Trotz der Betonplattenpiste, die wenigstens noch besser als das Kopfsteinpflaster von vorhin ist, rollt es nun wieder mit ein wenig Windunterstützung super. Die Dörfchen wirken auch etwas freundlicher als um Morlanwelz herum, dann geht es über kleine Sträßchen quer durch die belgische Pampa, ein paar Regentropfen bekomme ich nun doch ab, aber das ist erträglich. Zwischendrin wage ich auch einmal einen Blick auf die große Übersichtsstraßenkarte und muss entsetzt feststellen, dass ich mich immer noch in der Region zwischen Brüssel und Charleroi befinde und noch ein enormes Stück vom  Tagespensum vor mir liegt. Kleines Bachtal aufwärts schieben, es ist gar zu steil, mal was Neues.
Villers la Ville, die alte historische Ruine der Abtei streife ich nur im Vorüberrollen, im Ort erlebe ich dann eine wesentlich größere Freude.
Zunächst geht es steil aus dem Tal wieder hinauf, „Armin“ lotst mich zuverlässig den kürzesten Weg, welcher urplötzlich auf einem schlammigen Feldweg endet. Den Rest hat der nette Bauer von nebenan umgepflügt. Ende!
Mögliche Alternative ist die Straße, die im Bogen zur Stelle führt, wo ich lt. Navi heraus gekommen wäre.
Und ein wenig Spaß muss es schon machen – ohne Katzenköppe geht in Belgien nix – wieder ist 12km/h-Rumpeln über die nächsten drei bis vier Kilometer angesagt. Mir ist so, als ob ich schon Tage durch die belgische Einöde kreisele – Belgischer Kreisel (?).
Während ich nun wieder meine Flüche auf die hervorragende Straßenqualität sortiere und laut in die Gegend tröte, scheint sich jemand ernsthaft Gedanken gemacht zu haben, dass es ja noch schlimmer gehen könnte.
Richtig, ein wenig Regen auf den glitschigen Steinen erhöht die Spannung ungemein.
Recht nass, und im Wechsel zwischen Katzenköppen und Asphalt, erreiche ich nach mir unendlich erscheinender Zeit Dongelberg. Überstanden.
Kühl ist es, der Regen hat wieder aufgehört, Villers la Ville werde ich in bleibender Erinnerung behalten.
Rast, Essen, ich werfe mir mal ein paar Powergel-Gummibärchen ein, Trinken. In Dongelberg habe ich auch Netz, so dass ich Dagi wenigstens eine SMS schicken kann. Man sieht nun auch, dass die Kommunikation recht sparsam und mit entsprechenden Zeitabständen erfolgte.
sie (15:12):
„Alles o.K.? Warst du schon in Luttre? Melde dich bitte!“
ich:
„dongelberg. hatte vorhin kein netz. regen, berge, scheissstrassen, komme schlecht voran. lg“
Aber aus den wenigen Worten scheint sie doch meine derzeitige Stimmung zu erraten, es kommt prompt eine aufmunternde Antwort.
sie (17:12):
„Aber der Zeitrahmen passt immer noch. Du bist doch heute morgen später gestartet. Denk dran, alles Kopfsache 🙂
LG“
Unglaublich, wie solche Worte aus der Heimat helfen, wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Weiterkämpfen, das erwarten die Anderen von dir jetzt. Also steig auf und fahre weiter!
362,32 km (190,25 km), 16:20 Uhr, 17:54 Std. Netto-Fahrtzeit
Ich bin immer noch im Zeit-Limit.
Bis Tienen, der nächsten Kleinstadt, abgesehen von einer letzten Katzenkopp-Einlage, bei der mir dreimal die Satteltasche abfällt, geht es nun recht zügig.
Der Wind hat ein wenig auf West, Nordwest gedreht, die Wolken von Südosten sind jetzt keine Gefahr mehr.
Als ich jedoch Tienen durchquert und hinter mir gelassen habe und nun auf einer hervorragenden asphaltierten Fahrradstraße sehr rasch Kilometer fressen kann, beginnt von Westen her der große Regen.
Die herrliche Fahrradstraße führt 30 bis 40 Kilometer lang nach Norden, lässt sich wunderbar befahren, die Bänke am Rand laden zum Verweilen ein… Endlich könnte ich mal so richtig mit Spaß und Freude Kilometer schrubben.
Wenn der Regen mittlerweile nicht in einen Dauerregenguss übergegangen wäre. Das Wasser läuft mir nun einfach oben rein und ungefiltert unten wieder raus. Über den Rucksack muss ich einen Müllsack ziehen, der Regenüberzug hält die Wassermassen nicht ab. Der Wind bläst mir die Tropfen ins Gesicht, es wird schlagartig viel kälter.
Trotzdem halte ich einen 25er- bis 27er-Schnitt auf der Strecke bis Halen, wo es dann auf der Landstraße bis Lummen weiter geht.
Und dort stelle ich mich dann doch erst einmal in einem Bushäuschen unter. Die drohenden Wolken aus Westen versprechen noch etwas mehr Regen. Während meine Power-Riegel im Wasser in der Lenkertasche still vor sich hindümpeln, erlebe ich in diesem Moment eine ernstliche Krise.
Was mache ich nun? Nass bin ich bis auf die Haut. Das kann nicht schlimmer werden, die Satteltasche scheint zum Glück noch recht dicht zu sein, so dass die Wechselwäsche trocken bleibt.
Essen geht nicht viel, mir ist ziemlich kalt, aber eine Banane habe ich noch, das hilft erst einmal. Dazu Powerbar-Gummibärchen.
Die befürchtete Schüttelfrost-Attacke lässt freundlicherweise noch auf sich warten. Aber lange halte ich das sicher nicht mehr durch.
407,74 km (235,72 km), 19.05 Uhr, 20.08 Std. Netto-Fahrtzeit
Es schüttet wie aus Eimern. Was tun?
„Grüße von Kleeni und Hermis, habe heute eine Mail an alle geschrieben. OTon von K Roehner Prima halte durch wir denken den ganzen Tag an dich. Läuferspruch Pain is temporary :):)
In diesem Sinne. Auch wir denken den ganzen Tag an dich!!!“
Bis Deutschland sind es nach meiner Route noch ca. 100 Kilometer.
Es ist schon spät, im Zeitplan habe ich aber eine Viertelstunde aufgeholt.
Wer könnte mir in dieser Situation nun beistehen? Ein Begleitfahrzeug wäre jetzt der Traum na ja… 600 Kilometer von der Heimat entfernt wem ist das zuzumuten.
Abholen lassen ist auch nicht, der nächste Bahnhof weiß ich nicht – Charleroi, Brüssel, Maastricht alles ziemlich weit weg, da muss ich noch ewig durch den Regen.
Eine wirkliche Alternative gibt es nicht – das erleichtert meine Entscheidung.
Was tun die Randonneure in solchen Momenten?
Fluchen, Aufsteigen, Weiterfahren man ist sowieso nass, dreckig, ausgekühlt. Irgendwann wird auch die Sonne wieder scheinen, die Chancen stehen auf den noch verbleibenden 600 Kilometern recht gut.
Und wenn ich langsamer werden sollte, muss ich eben auch eine Nachtfahrt riskieren. Dann weiß ich allerdings nicht, wie es morgen weiter gehen soll. Ein wenig Schlaf wäre schon gut. Aber hier bleiben kann ich auch nicht. Es bleibt mir gar nichts Anderes übrig – ich muss weiter fahren.
Es grenzt fast an ein Wunder, dass der Regen, als ich auf stillen Fahrradstraßen und Landstraßen gen Peer kurbele, wirklich wieder aufhört.
Und noch größer ist für mich das Wunder, dass auch, wie erhofft, die Abendsonne wieder heraus kommt. Die Kleidung trocknet langsam ab, mir wird etwas wärmer, es rollt! Noch einmal gibt es einen kleinen Schock, als sich im Westen gewaltig finster eine Art Gewitterzelle aufbaut. Doch als ich Peer erreiche, scheint immer noch die milde Sonne und das Gewitter hat sich still und leise in harmlose Quellwolken, die südlich vorbei ziehen, aufgelöst.
In Peer schlüpfe ich nun doch in trockene Sachen, ziehe auch die Beinlinge an, die Abendluft ist empfindlich kühl geworden.
Bis Bocholt ist es nun auch nicht mehr weit, es dämmert allmählich, als ich den Ort erreiche. Von hier bis zur niederländischen Grenze ist es nur ein Katzenkopp – nein Katzensprung. Die Ortschaften im nördlichen Belgien sehen nett und freundlich aus, die Sprache erinnert sehr ans Niederländische, die Straßen sind nun absolut in Ordnung.
451,87 km (279,80 km), 21:35 Uhr, 22:13 Std. Netto-Fahrtzeit
„bocholt. hier hat es stundenlang geschüttet. werde bis brd. fahren.lg“
Um den Kanal zu überqueren, muss ich über eine Fußgängerbrücke, von dort oben angesichts des schönen Sonnenuntergangs beneide ich die Leute in ihren Hausbooten schon ein wenig. Aber ich wollte es schließlich so und nicht anders. Weiter!
Ähnlich wie heute am späten Vormittag passiere ich auch jetzt, ohne es zu bemerken, eine Grenze, die niederländische Grenze. Das dritte Land auf der „Randonnée de Paris à Leipzig“. Wieder stelle ich es erst an den Autokennzeichen fest. Die Abendstimmung ist sehr schön, auf den Wiesen zwischen den kleinen Wäldchen liegen weiße Nebelschwaden, darüber die letzten Sonnenlichter im Westen…
Aber nun wird es langsam dunkel, doch ein Ende ist in Sicht. Vermutlich werde ich es nicht mehr ganz bis zur deutschen Grenze schaffen, es sind, denke ich, zwar nur noch ca. 50 Kilometer, weil ich nur den Südzipfel der Niederlande durchqueren muss.
Doch dieses letzte Stück dehnt sich noch einmal endlos.

Mitternacht im Märchenwald
Mit „Kriegsschmuck“, d.h. meinem super Busch & Müller 40-Lux-LED-Strahler habe ich auf der nun nachtdunklen Straße keine Probleme.
Dazu sind auch die Radwege parallel der größeren Straßen sehr gut befahrbar, so dass meine Hoffnung, Venlo heute Nacht vielleicht doch noch zu erreichen, wächst. Kann hier noch etwas schief gehen?
Es wird gegen 23 Uhr sein…
Mein Sträßchen mündet in eine Hauptstraße, „Armin“ zeigt stur geradeaus.
Doch da ist außer Wald nix. Na ja, nachschauen kann ich wenigstens mal.
Tatsache, da ist ein Weg und der führt direkt in den stockfinsteren Wald hinein.
Es ist spät, ich habe überhaupt keine Lust mehr, erneut Umleitungen zu suchen, also muss ich da jetzt wohl noch einmal durch. Dank des guten Scheinwerfers wage ich mich also kurz vor Mitternacht nun noch in diesen Wald. Meine Hoffnung ist, dass die Wälder in den Niederlanden nicht allzu groß sind, dass ich also in Kürze da durch und auf der nächsten Straße sein müsste. Bei Tageslicht wäre das sicher auch so, aber jetzt… Zu allem Übel ist der Weg eine Slalomstrecke, die Regengüsse vom Nachmittag haben riesige Pfützen hinterlassen, durch die ich nun teilweise durch muss. Das ist sozusagen mein dritter Höhepunkt an diesem langen Tag. Mitten im Wald stelle ich dann noch fest, als ich mich für einen bequemeren Weg entschied und plötzlich und an einem Bach mit Wehr stehe, dass ich mich gründlich verfahren habe und wieder zurück zum Hauptweg muss.
Es wird scheinbar immer finsterer, hinter jedem Baum lauert sicher ein Bär, ein Wolf, ein Wildschwein, böse Menschen oder ein Monster…
Gruslig. Aber Angst? Eher nicht, ich habe wieder mal keine Alternative, das Problem muss gelöst werden, das fordert die ganze Konzentration. Und „Armin“ ist fair, dank ihm finde ich tatsächlich aus dem Wald wieder heraus. Da ich nun von derlei Abkürzungen wirklich genug habe, entscheide ich mich für die nächste große Straße, an der ich ein Schild „Venlo 16 km“ entdecke. Endlich kann ich wieder entspannt auf dem Radweg dahin rollen, nur das schleifende und klappernde Geräusch stört etwas, das wird der Schlamm vom Waldweg sein.
Halb eins, finde ich, dass es für heute genug ist. Schlafpause! Ich bin ca. 10 Kilometer vor Venlo, den Rest muss ich nach der Pause, wenn es wieder hell ist, rausholen. Also nehme ich den erstbesten Fleck unweit des Straßenrands, das scheint hier eine Art Plantage zu sein.
Ein Blick zum Nachthimmel, es sind nur wenig Wolken, rasch das Rad an einem Zaun angeschlossen, die Matte ausgerollt und gleich so, wie ich bin, ab in den klammen Schlafsack. Besser als nix… Falls es Regen geben sollte, kann ich mich ja immer noch ins Zelt einrollen.
Erstaunlich, wie sich die Ansprüche auf das notwendige Minimum reduzieren.
Noch eine SMS nach Hause, Dagi ist schon beunruhigt, ein Powerriegel und dann schlafen.
„bin kurz vor venlo. knalle mich jetzt an den strassenrand. gute nacht bis heute abend“
„Bitte morgen früh nochmal Bescheid geben. Gute Nacht.“
Die Vollkornbrote habe ich nun doch entsorgt, ich glaube, davon bekomme ich keinen Bissen mehr hinter.

497,98 km (325,91 km), 0:25 Uhr, 24:34 Std. Netto-Fahrtzeit

Insgesamt dürfte es nun fast die Hälfte der Strecke sein.
Ich bin zwar nicht ganz so weit gekommen wie geplant, aber die heutigen Bedingungen haben mir doch wieder einmal den Unterschied zwischen Planspielchen und der Realität sehr eindeutig klar gemacht.
Nun muss es morgen, d.h. heute Abend klappen, dann MUSS ich bis Witzenhausen kommen, dort wird das Familienteam warten.
Und in Deutschland hoffe ich auf wesentlich bessere Straßen.

Paris – Zweenfurth 2012 / Paris – Tergnier

erster Tag 06.06.2012
Man wird nie neues Land entdecken, wenn man immer das Ufer im Auge behält. (unbekannt)

Am Kanal entlang rollt es nun wunderbar auf fast durchgängig asphaltiertem Untergrund. Zunächst geht es noch durch ähnlich wie bei uns sanierte Wohn- und Industriegebiete, die man nun für kulturelle oder andere Zwecke nutzt. Eine verkehrsberuhigte, stille Gegend der Stadt. Allmählich gelangt man so am stillen Wasser entlang durch Freizeit- und andere ausgedehnte Parkanlagen, vorbei an kleinen Schleusen in den ländlicheren Umkreis von Paris. Viel Grün gibt es hier am Kanal, die Stadt löst sich in ruhige Siedlungen mit zunehmend dörflichem Charakter auf. Drüben am anderen Ufer spielen ältere Männer Boule, zwei große Kinderscharen ziehen zu beiden Seiten, sich wechselseitig mit lautem Gesang anfeuernd, entlang. Nach über 30 Kilometern schönstem Radweg erreiche ich Gressy, dort geht es auf die Landstraße. Messy ist der nächste Ort, nun schwenkt meine Route nach Norden, Nordosten ab. Etwas westlich liegt der Flughafen Charles de Gaulle, in endloser Reihe fliegen große Maschinen zum Landen über mich hinweg.
Welch ein Kontrast, die uralten Kirchen und Häuser der Dörfer und darüber die modernen Flugzeuge.
Der Wind weht recht mäßig und gleichbleibend aus Südwest, das wird hoffentlich in den kommenden Tagen so bleiben. Die Landschaft ist etwas hügelig, Paris liegt in einer Art weitem Talkessel, sehen kann man die große Stadt von hier aus allerdings nicht mehr.
Die Gegend ist nun wellig, es gibt wenig Wald, viele Felder, ähnlich wie in Deutschland. Die recht urwüchsigen Auenlandschaften, die ich heute morgen zwischen Metz und Paris aus dem Zug sah, entdecke ich hier nicht. Lediglich an den aus massiven Steinen gebauten Dorfhäusern und -kirchen und den französischen Straßenschildern erkennt man, dass man im Ausland ist.
Le Plessis Belleville – meine Assoziation dazu ist immer wieder der Trickfilm „Das große Rennen von Belleville“, doch der spielt gar nicht hier, sondern in einer fiktiven Stadt Belleville. Trotzdem hier ausgerechnet muss ich wieder daran denken.
Außerhalb des Ortes mache ich nun die erste Rast und sende eine SMS an Dagi.
„le plessis de belleville, alles ok. wetter sehr gut. paris chaotisch. viele gruesse“
„Bis heute abend.“
66,98 Kilometer, 15.55 Uhr, 03:25 Std. Netto-Fahrtzeit (inkl. Paris-Runde)
Und gegenüber meinem Zeitplan habe ich jetzt eine Stunde Vorsprung.
Nach diesen ersten Kilometern meine ich nun auch allmählich ein Gespür für das Kommende zumindest hier in Frankreich bekommen zu haben. Es rollt hervorragend, trotz des mit allerhand Gepäck belandenen Rennrades. Aber Achtung, es ist warm, ich darf nicht vergessen, ausreichend zu trinken, denn schon spüre ich ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln. Entweder passe ich nun meinen Fahrstil entsprechend nachhaltig an oder ich muss meinen Flüssigkeitshaushalt verbessern.
Weiter durch die recht idyllische Landschaft und verstreute Dörfer, klangvolle Namen, so klein das Nest auch ist. Baron, Ducy, Vaucelles…
Der große Wald von Compiegne kündigt sich als dunkle Linie auf den Höhen in der Ferne bereits an. Ich fahre fast ausschließlich nach dem auf „Armin“ gespeicherten Track. Das funktioniert bislang sehr zuverlässig.
Ohne große Zeitverluste durch Anhalten und Kartenblättern komme ich weiterhin gut vorwärts.
Kurz vor Glaignes, bevor es hinab in ein schönes Bachtal geht, erschrecke ich leider unfreiwillig eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern auf den Rädern, denn welcher Einheimische rechnet auch
ausgerechnet um diese Zeit und ausgerechnet hier abseits jeglicher Touristenattraktion mit einem Außerirdischen, der auf dem Rennrad vorbeirauscht.
Orrouy am Rand des Waldes von Compiegne – es wird recht hügelig.
Zumindest erwartet mich auf den nächsten beiden Kilometern ein Anstieg um 100 Höhenmeter, zum Glück im Schatten der großen schönen Laubbäume. Bis St. Jean aux Boix, einem netten kleinen Ort mitten im Wald, geht es weiter auf kleinen asphaltierten Straßen, dann lauert plötzlich ein Stück sandiger Waldweg, den ich jedoch mit meinen 28er-Profilreifen recht gut befahren kann. Nach dem Höhenprofil müssten nun noch einige Höhenmeter folgen. Erst einmal rolle ich eine ganze Weile wieder bergab, möglicherweise darf ich die nun noch einmal absolvieren.
Aber zumindest kann ich so die engen schattigen Waldtäler etwas genießen. Compiegne ist nicht weit entfernt, die Stadt umgehe ich aber absichtlich, das hält mich nur auf, und auch für Clairie d’Armistice, die Gedenkstätte für die beiden Waffenstillstände 1918 und 1940 zwischen Frankreich und Deutschland habe ich nicht genügend Zeit. Dabei wäre ein Abstecher zum Eisenbahnwagen sicher lohnenswert gewesen…
Schlimme Vergangenheit.
Vieux Moulin ein Ausflugsort, Rethondes am Waldrand meine nächste Rast.
115,82 km, 18.30 Uhr, 06:06 Std. Netto-Fahrtzeit
SMS in die Heimat.
„compiegne. alles ok. lg an euch drei“
Ich verschwende erste Gedanken daran, dass es nun wohl keine 1.000 Kilometer mehr bis nach Hause sind! Grund für Optimismus, wenn es weiter so bleibt. Nach kurzer Pause nun ohne große Höhenunterschiede weiter.
In Carlepont bleibt der Wald schließlich zurück, allerdings sehe ich drohend von Südwesten her eine schwarze Wolkenwand aufziehen. Im breiten Tal der Oise werde ich nun auf der Flucht vor der Wolke ein wenig schneller, lange halte ich das aber nicht durch. Und diese holt mich dann auch irgendwann ein, zum Glück gibt es aber nur wenige Tropfen, die ich unter einem Baum stehend abwarten kann. Dahinter scheint schon wieder die Sonne.
Nun habe ich allerdings bereits das nächste Problem wenn es so weiter geht und ich in diesen Dörfchen am Ende der Welt keinen Laden, Supermarkt oder eine Tankstelle finde, muss ich zwangsweise meine Getränke rationieren.
Die 2 Liter Apfelschorle werden jetzt schon knapp, der Durst dagegen nimmt zu und die Angst vor der Dehydration ebenfalls. Ein wenig Panik beschleicht mich, da kann auch die hier wieder recht liebliche Flusslandschaft nicht hinweg helfen. Mit solchen Engpässen hatte ich nicht gerechnet – das ist das dringendste Problem, was ich noch vor dem Dunkelwerden lösen muss. Es wird Abend, die vielleicht noch zu erwartenden Geschäfte werden bald schließen. Und mit dem, was ich habe, komme ich morgen nicht weit, wenn das so weiter geht.
Dann fällt mir noch ein, dass ich unbedingt vor der Tour noch meine jüngsgte Tochter fragen wollte, was Trinken auf französisch heißt. „Manger“ bedeutet „Essen“, das habe ich mir noch aus Schulzeiten gemerkt. Aber „Trinken“? Klasse, das habe ich vergessen wie erkläre ich einem Franzosen, dass ich am Verdursten bin? Mit Hilfe geeigneter Gesten?
Doch als ob das da oben jemand vernommen hat…
Nichtsahnend biege ich im nächsten Dorf um die nächste Straßenecke…
Und man glaubt es kaum, da plätschert doch dort fröhlich eine Quelle vor sich hin. Den  mitschwimmenden Dreck übersehe ich geflissentlich, es ist zu schön, jetzt so richtig nachtanken zu können. Mein erstes großes Problem ist damit gelöst…
Chauny, lt. Navi nähere ich mich allmählich dem Tagesziel, es ist noch hell, etwas nach 20.15 Uhr, habe ich wieder einmal ein Deja Vu.
Baustelle… Spannend. Aber mit dem Rad kommt man überall durch.
So auch in Frankreich! Ein wenig Schieben, Tragen, na ja… Immerhin noch kürzer als eine kilometerlange Umleitung.
Chauny, nun Hauptstraße, Tergnier…
Und da, welch glücklicher Umstand, gibt es doch tatsächlich ein Gewerbegebietam Stadtrand und dort hat sogar ein Supermarkt noch geöffnet. Es ist 10 vor 9, gerade rechtzeitig komme ich noch rein und finde auch rasch die Getränkeabteilung. Mit reichlich Orangenund Apfelsaft beladen finde ich noch etwas viel Tolleres! Schokocroissants, abgepackt, ideal, zwei für heute Abend, zwei für morgen früh. Die Frau an der Kasse zieht meine Getränkeflaschen durch, bei den Croissants aber stockt sie und befragt mich in der Landessprache, wobei ich etwas ratlos da stehe. Sie redet schneller und schneller, jetzt verstehe ich erst recht nichts mehr, ich vermute, dass sie die Preissschilder sucht… Und plötzlich nimmt sie diese Croissants, meine Hoffnung auf eine kalorienreiche, wohlschmeckende Nahrung und schmeißt die in eine Kiste neben der Kasse. Der Mann hinter mir grinst mitfühlend… Tja, kann man machen nix, wenn man Landessprache nicht versteht. Also bezahle ich die Getränke und ziehe friedlich ohne Croissants ab. Später wird mir klar, dass die Croissants einer größeren 10er oder 20erPackung entstammten, die irgendjemand aufgerissen hatte und einzeln liegen ließ. Und die Kassiererin konnte die natürlich einzeln nicht abrechnen.
Na gut, also auf ein Neues sich allmählich wellendes und bröckelndes Vollkornbrot mit Käse…
Von Tergnier nach La Fere ist es nun nicht mehr weit. Es ist immer noch angenehm hell, als ich, dank „Armin“ das per Internet ausfindig gemachte Camp am Sportplatz erreiche. Lt. Internet-Bericht müsste man nur beim Verwalter des Sportplatzes klingeln.
Das Schild am Zaun, dass von 22 Uhr bis 7 Uhr hier abgeschlossen wird, ignoriere ich erst einmal bewusst.
Nächste Hürde: wie mache ich dem begreiflich, dass ich hier zelten möchte. Klar, ich habe schon vorher ein wenig heimlich geübt.
„C’est possible, de bivouaquer ici?“ (oder so ähnlich)
Also klingele ich einfach mal an der Tür…
Die folgende Szene ist eigentlich filmreif! Eine Frau, recht kräftig, öffnet, im Hintergrund schiebt sich ihr Mann im Unterhemd, das sich über dem prallen Bauch etwas spannt, ins Bild. Meine Frage verstehen sie tatsächlich
„Oui, pas de probleme“ prima!!!
Die Wiese drüben ist leer, ich bin der Einzige, bezahlbar scheint es auch. Nun irgendwie schaffe ich es (WIE habe ich verdrängt), zu erklären, dass ich fünf Uhr starten will.
„Mon depart est cinque heures demain.“
Erst denke ich, dass ich nicht verstanden wurde, wiederhole nochmal, zeige zur Sicherheit die fünf Finger der rechten Hand, dann ernte ich ein Lächeln.
„Armer bescheuerter „Allemand“ (so ungefähr deute ich das) sieben Uhr ist die Nacht vorbei, nicht um fünf. Nein, da spielt sich nix ab, das Tor geht am Morgen nicht vor sieben Uhr auf, vorher komme ich hier nicht vom Platz.
Na prima – ebenso friedlich wie im Supermarkt vorhin ziehe ich nun auch hier von dannen. Nun tritt also Plan B Havarievariante in Kraft
„PidP“ Pennen in der Pampa.
Ich fahre aus La Fere hinaus, finde im Dämmerlicht sogar die Stelle jenseits des kleinen Flüsschens rechts der Straße, welche ich vor Wochen per GoogleMaps ausfindig machte und schiebe auf dem Feldweg ein Stück weit bis dahin, wo ich Wiese vermute.

172,07 km, 21:30 Uhr, 08:30 Std. Netto-Fahrtzeit

Aber Wiese heißt, das weiß ich seit heute vormittag, in Frankreich, meterhohes Gras. Keine Chance zum Zelten!
Doch da ist eine Treckerspur, die sieht recht gut aus. In der Hoffnung, dass der Trecker morgen früh um fünf noch nicht hier lang fährt, suche ich eine geeignete Stelle und lasse mich dort nieder. Bemüht, die Mückenschwärme fernzuhalten, die mich freudig umkreisen, baue ich das Zelt rasch auf, werfe alles hinein und im letzten Tageslicht gelingt es mir sogar noch mit den dafür vorgesehenen Wasserreserven, zunächst einen Einwegwaschlappen und anschließend mit diesem mich ein wenig zu befeuchten.
Blöd ist nur, als ich endlich im Schlafsack liege, dass ich den Fahrradcomputer vermisse.
Das ist eine Katastrophe!
Ohne das Ding brauche ich morgen gar nicht erst weiter zu fahren. Also nochmal hinaus, die Mücken bespaßen und im hohen Gras das Teil suchen. Erfolglos… Na gut, wenigstens die Mücken hatten ihre Freude.
Noch ein Powerriegel mit viel Eiweiß das wird aus meiner Erfahrung vom „Härtetest“-Wochenende an Himmelfahrt helfen, morgen wieder gut auf die Beine zu kommen.
Als ich kurz vorm Einschlafen bin, bellt plötzlich in unmittelbarer Nähe ein Hund. Klingt etwas bösartig, rau, der tiefen Frequenz nach ist der mindestens drei Meter groß! Er muss drüben auf der Straße entlang laufen und mir wird bewusst, dass ihn bei einem möglichen Annäherungsversuch die dünne Zeltplane über mir kaum abhalten könnte. Nun flackert doch so etwas wie ein wenig Angst auf und ich werde das üble Gefühl nicht los, in diesem Augenblick eine Variante von „Essen auf Rädern“ darzustellen. Was tun, wenn der Köter wirklich gleich hier steht? Oder gehört der zu dem halb verfallenen Gehöft, an dem ich vorhin vorüber fuhr?!
Ich schicke sicherheitshalber per SMS meine Koordinaten noch nach Hause für den Fall der Fälle und dann schlägt meine Angst rasch in Fatalismus um. Ich kann die Situation sowieso nicht ändern, kann also nur abwarten, was geschieht.
„21.30 tergnier zelte nun doch in der pampa. koordinaten n49g40min780s e003g23min783s gute nacht“
„Gute Nacht. Und schreibe gleich morgen früh!!!“
Sehr erleichternd für mich dann gleich darauf die beruhigende Stimme eines Mannes, der auf den knurrenden Hund einzureden scheint, beide entfernen sich offensichtlich für mich das Zeichen zur Nachtruhe.
Gefahr gebannt. Schlafpause

Paris-Zweenfurth 2012 / Auftakt

La Randonnée
Eine Reise auf dem Rennrad

oder
Le Mille de Paris à Zweenfurth


Gesund bleibt nur, wer sich immer wieder neue Ziele steckt, sich auf den eigenen Weg macht und nicht der Masse folgt.
Michael Nehls „MethusalemStrategie“

Die Fahrt
Irgendwann, gegen 2 Uhr, öffne ich wieder einmal die Augen. Der Zug rollt langsam durch die Nacht, dem großen Ziel, oder besser, meinem Startort Paris entgegen. Draußen vor dem Fenster glitzern jetzt viele Lichter, Scheinwerfer, ein Wolkenkratzer im Bau, eine große Stadt. Gespenstisch, ungewohnt für mich die Perspektive, wie ein Traum. Wir fahren durch Frankfurt am Main, das sehe ich etwas später.
Am gestrigen Abend brachten mich meine drei Frauen zu Hause zum Bahnhof, die Abschiedsszene trug dann noch ein wenig dazu bei, mein schlechtes Gewissen, dass ich mich wieder einmal allein in der Weltgeschichte herumtreibe, anwachsen zu lassen.
In Leipzig hatte ich eine Weile Aufenthalt, dann saß ich im fast leeren Zug nach Hannover.
Bis kurz vor Magdeburg war ich Ende März schon auf meiner Rennrad“ Gegenwindtour“ zur Saalemündung gefahren. Bekannte Gegenden.
Nur die Sonne schien damals nicht. In Wolfsburg sah ich einige Zeit später die eindrucksvolle Kulisse der VW-Werke. Im Hannover dämmerte es und dann war es schließlich fast dunkel, als sich der CNL, der von Berlin kam, gen Paris Est in Bewegung setzte.
Dummerweise sitzen mit mir im Abteil vier Leute, Schlafsessel gibt es in diesem Nachtzug nicht, das versicherte mir dann auch glaubhaft der Schaffner (Zugbegleiter Entschuldigung), na da…
Das wird eine unruhige Nacht. Die Luft ist jetzt schon zum Schneiden.
Aber das Fahrrad ist untergebracht, ich sitze, was will ich eigentlich mehr.
Als es am Morgen allmählich hell wird, erreichen wir gerade Saarbrücken. Hier war ich noch nie.
Geschlafen haben wir so gut wie gar nicht, irgend etwas tat immer weh, wenn man eine Weile in einer bestimmten Haltung verharrte. Leider nicht zu ändern…
Als unser Zug weiter endlich durch Frankreich rollt, in Metz hat er längeren Halt, ist der Himmel bedeckt, es regnet zeitweise. Frankreich unterscheidet sich in meinen Augen schon dadurch von Deutschland, dass zumindest in dieser Region die Dörfer weiter verstreut liegen und dass die Franzosen offensichtlich der Natur noch eine Chance lassen. Große Flächen sind von Wald und hohem Buschwerk bewachsen, auch die Flussauen an der windungsreichen Marne sehen recht wild und sehr romantisch aus. Das Gras der Wiesen wäre in Deutschland schon auf eine ordentliche Länge gebracht, hier dagegen steht es teilweise mannshoch. Aber das hat das gewisse Etwas.
Eine recht dünn besiedelte und ursprünglich wirkende Region.
Der CNL rollt gemächlich durch das Land, rasch treiben weiße und graue Wolken am Himmel aus Südwesten heran, dazwischen ein paar blaue Flecken.
175 km, 174 km… Es dauert etwas, bis ich begreife, dass die Kilometersteine am Gleis die Restenfernung bis Paris anzeigen. Alles strebt offensichtlich auf dieses Zentrum zu.
Paris ist die Hauptstadt der Welt (Tolstoi Krieg und Frieden)
Wie die verbleibende Entfernung bis 11 Uhr noch zu bewältigen sein soll, ist mir ein Rätsel.
Aber auch daran kann ich nichts ändern, also stelle ich mich eben auf dieses Tempo ein und genieße einfach die Fahrt.
Übrigens haben sich die Abteile scheinbar über Nacht geleert, für die letzten Stunden sitze ich allein im Nachbarabteil und habe etwas mehr Platz.

Paris
Endlose Randbezirke, Betonplatten-Retortenstädte, unübersehbare Gleisanlagen, vorbeirauschende Nahverkehrszüge und TGVs, Schnellstraßen und Autobahnenbrücken.
Dazu bunt gemischtes Publikum auf den Vorortbahnhöfen das ist mein erster Eindruck von Paris.
Irgendwo erspähe ich plötzlich auch die Kuppel von Sacre Coeur über den Dächern.
Dann der Bahnhof Paris Est, es ist wirklich kurz vor 11 Uhr, als der Zug hält.
Jetzt wird es ernst, nun muss ich wohl oder übel die Sicherheit des Zugabteils gegen das Chaos in der Weltstadt, welches mich vermutlich jenseits dieser Mauern erwartet, eintauschen.
Mit gewaltigem Kribbeln im Bauch bugsiere ich mit Hilfe Mitreisender (ebenfalls Radfahrer) das Rad hinaus und mische mich in das Menschengedränge auf dem Bahnsteig.
Der Bahnhof selbst ist kleiner, als ich dachte. Ehe ich das Gebäude verlasse, kontrolliere ich noch einmal das Gepäck am Rad, ok, alles gut verzurrt, und suche anschließend noch eine Weile nach Souvenirläden, denn meine Mädels wollen ja auch wenigstens ein kleines Andenken an Paris.
Unter den misstrauischen Blicken (so kommt mir das vor) der mit Maschinenpistole bewaffneten Polizisten, die den Bahnhof kontrollieren, wird mir aber ein wenig unwohl, so dass ich kurz entschlossen doch ins Freie hinaustrete.
Mit Hilfe von „Armin“ dem Garmin am Lenker gelingt es tatsächlich die Richtung zur Seine festzustellen und mich in Bewegung zu setzen.
„I’m an alien. I’m a legal alien“ so ist mir jetzt zumute. Frei nach Sting „I’m a Sachse in Paris“.
Noch ist alles sehr ungewohnt, an den Ampeln steige ich lieber ab, es gibt tatsächlich Radwege und Busspuren, doch das System ist mir völlig fremd, zumal diese ab und zu plötzlich vom Rand zur Fahrbahnmitte wechseln und umgekehrt und ich mir nie sicher bin, wie sich die Autofahrer in diesem lauten, dreckigen Chaos vor und hinter mir verhalten.
Trotzdem schaffe ich es tatsächlich bis zur Ile de la Cité. Und dort ragen die Türme von Notre Dame über die Dächer. Ich bin immer noch wie ein wenig in Trance, völlig beeindruckt und benebelt vom Gewühl auf den engen Straßen. Glücklicherweise komme ich unversehrt bis zum Platz vor der großen Kathedrale und hier unter den Touristenmassen fühle ich mich gleich ein wenig besser aufgehoben. Das Gefühl, dass Paris zu Fuß wohl doch etwas entspannender sein könnte als auf dem Rad, lässt sich nur noch schwer verdrängen und wird zur Gewissheit.
Von Notre Dame dagegen bin ich ein wenig enttäuscht, das kann aber auch an der Müdigkeit liegen. Nur kurz wird mir mal bewusst, dass ich in dem Zustand heute Nachmittag noch 150 Kilometer auf dem Rad fahren will.
An einem Souvenirstand erstehe ich noch einen kleinen Eiffelturm und „chez les Bouquinistes“ am Seinekai eine kleine Grafik als Erinnerung für meine Töchter.
Und dann läuft alles ein wenig wie im Traum ab, Ile de la Cité, Pont Neuf, drüben der riesige Louvre, die Tuilerien… Hier les Bouqinistes für Touris… Auf den Bus-  und Fahrradspuren, die wir uns auch mit den Taxis teilen, geht es gut voran.
Place de la Concorde, die markante Säule, Assemblée Nationale, Quai d’Orsay, Hotel des Invalides, Grand Palais… Menschen, Menschen, Autos, Busse, Lärm… Ich halte den Fotoapparat einfach nur noch drauf, erst einmal knipsen, Eindrücke haschen.
Unterhalb des gewaltigen Stahlgestells „de la Tour Eiffel“ fotografiert mich ein italienisches Paar, zur Gegenleistung lassen sie sich dann mit strahlenden Gesichtern von mir ablichten.
Über die Seine zum Trocadero-Hügel schiebe ich das Rad, von dort oben soll man den besten Blick auf den Eiffelturm haben.
Wirklich, die Reiseführerautoren hatten nicht unrecht und dieser Meinung sind auch die zahlreichen Tourigruppen hier oben auf der Aussichtsterrasse vor dem Palais de Chaillot. Ein paar deutsche Laute Klasse, die Leute fotografieren mich auch noch einmal bereitwillig mit Hintergrund Turm und können es kaum fassen, dass es Verrückte gibt, die nun per Rad nach Leipzig wollen.
In der Kombination Fahren und Schieben war die Fortbewegung bisher recht erfolgreich, noch lebe ich, bin unverletzt und habe sogar Einiges sehen können.
Nun aber weiter zum Arc de la Triomphe.
Die Straßen sind enger als an der Seine, der Autoverkehr dichter und die Fahrradspur ist teilweise zugeparkt. Also ab ins Getümmel.
Ein Kollege erklärte mir kurz vor der Fahrt, ich dürfe nie einem Pariser Autofahrer in die Augen sehen und ihm zu verstehen geben, dass ich ihn registriert habe.
Dieses Rezept probiere ich jetzt aus, unterscheide mich da kaum noch von den einheimischen Radlern, die auch kreuz und quer zwischen den Autos hin und her kurven und siehe da, das was ich für einen Spaß hielt, funktioniert tatsächlich. Die Franzosen ignorieren zwar generell meine Radspur, fahren aber ungemein rücksichtsvoll. In Deutschland hätte man mit dieser Verhaltensweise schon eine hupende Kolonne hinter sich hergezogen, hier aber bremsen die Autofahrer ab und schleichen ohne ein Zeichen von Unmut oder Aggression hinter mir oder den anderen scheinbar unaufmerksamen Radlern hinterher. Leben und leben lassen. Gehört das zur Weltstadt? Die Toleranz untereinander scheint grenzenlos. Kaum vorstellbar so etwas auf dem Leipziger Ring.
Arc de Triomphe spurenloser Kreisverkehr ringsum, eine endlose drehende Mühle, die Autos aufsaugt, verdaut und wieder ausspeiht. Ohne jegliches System aber es kracht nicht, man hält eben auch mal an, wenn Einer aus der Mitte querdurch ganz hinaus will. Und das Hupen ist lediglich ein Aufmerksammachen „Hallo Achtung, ich bin auch da“.
Hinter flotten Pariserinnen auf dem Rad (erstaunlicherweise sind die auf ihren alten Vehikeln schneller) kurbele ich nun am Place Blanche vorbei, rrrichtig, hier steht Moulin Rouge. Das Stadtviertel mit seinen Gestalten erinnert stark an Sankt Pauli, in Richtung Montmartre. Ein Basar unter der Hochbahnbrücke, viele Menschen mit nordafrikanischen und arabischen Wurzeln, kaum Weiße hier fühle ich mich nun wieder nach Kreuzberg oder sogar in die Bronx versetzt. Ein Vergleich mit dem dagegen nahezu dörflich wirkenden Leipzig ist eher nicht angebracht. Multikulti life, mittendrin plötzlich ein Touristenstrom ja genau, hier ist der Aufgang zu Sacre Coeur. Und die Gesichter der Einheimischen, die ich so erspähe, haben alle nichts Unfreundliches oder Aggressives an sich, manche warten mit einem netten Grinsen, bis ich mit dem Fotografieren fertig bin. Andere wirken abwesend, gleichgültig, niemand nimmt Notiz von mir oder scheint sich über mich zu wundern, der ich in einer für dieses Viertel sehr ungewöhnlichen Ausstattung durch die Gegend kurbele.
Nachdem die Gleisanlagen des Gare du Nord überquert sind, ist der Place de la Bataille de Stalingrad schnell erreicht. Hier beginnt der Canal de l’Ourcq.

Hier beginnt nun endgültig, nach der Sightseeing-Runde durch Paris die „Randonnée de Paris à Zweenfurth“ oder „Le Mille de Paris à Zweenfurth“.
Absolut unbeachtet von den sich hier drängenden Menschen starte ich 13:29 auf die große Tour.
Ich habe eine halbe Stunde Vorsprung, 14 Uhr war geplante Startzeit, diese halbe Stunde will ich nutzen, heute noch so weit, wie möglich zu kommen.
Jetzt geht es los, ab, nach Hause.