Berlin-Tour 2013

Samstag, 10.08.2013
Halb fünf klingelt der Wecker.
Und es ist wieder einmal faszinierend und erstaunlich, wie ausgeruht und gut ich mich trotz des gestrigen 200ers fühle. Tatsächlich hat sich in den vergangenen Stunden Ruhe der Körper so weit regeneriert, dass es viertel sechs nach dem Frühstück kein Problem ist, wieder aufs Rad zu steigen. Die kritischen Stellen im Sitzbereich habe ich gestern Abend schon mit Panthenol und heute Morgen mit Sitzcreme versorgt, auch da ist derzeit Ruhe.
Draußen ist es noch dunkel, heute brauche ich wirklich Licht.
Der Himmel ist nur leicht bewölkt, deswegen ist es jedoch auch wesentlich kühler als gestern früh. Aber zumindest wird nachher die Sonne schnell für Helligkeit und Wärme sorgen.
Die ersten Kilometer fahre ich nun mit Beinlingen und in Regenhaut, die auch hervorragend die Morgenkühle und den Fahrtwind abschirmt.
Brandis, Zeititz, im Osten wird es hell, die Wolken färben sich rötlich, orange.
In Wurzen an der Mulde nach einer dreiviertel Stunde halte ich dann kurz, um ein Foto zu machen.
Es ist noch wenig Verkehr auf den Straßen, so dass die ungeliebte Stadtdurchfahrt entspannt vonstatten geht. Auch diese Route bis Dahlen bin ich häufig gefahren, aber heute rolle ich direkt in die rote Morgensonne hinein. Und das sorgt für eine ungemeine Euphorie, dieses Gefühl kann man nur schwer beschreiben, das Ganze läuft wie in einem schönen Film ab.
On the Road again – das muss ich mal hier loswerden – so isses jetzt!
Dazu der weiße Nebel auf den Wiesen, die Silhouetten der Baumgruppen und Wäldchen, die stillen Dörfer, rote Dächer, spitze Kirchtürme – was für ein Kitsch (?) – und trotzdem einfach schön, weil es eben kein Kitsch sondern die Realität in diesen Momenten ist.
Entsprechend beflügelt rolle ich nach Osten, allerdings spüre ich bei den kleinen und giftigen Anstiegen schon die schweren Beine. Ein wenig steckt mir der gestrige Tag noch in den Knochen. Aber es rollt, der auflebende Wind weht von Südwest, besser geht es nicht. Auch die Strecke entlang der Dahlener Heide ist bei diesen Bedingungen einfach nicht zu toppen. Abwechselnde Abschnitte in Wald und über die Hügel, von denen man einen traumhaften Blick übers Land genießen kann.
Nach 47 Kilometern mache ich dann bei Olganitz gegen 7.15 Uhr die erste kurze Pause. Überziehen darf ich im Überschwang der Gefühle jetzt auch nicht. Und wenn das mit den Hügeln so weiter geht, bekomme ich doch kleine Zweifel, ob ich die heute durchhalte.
Die Elbe wird 7.50 Uhr nach 60 Kilometern erreicht, über die moderne neue Brücke kommt man gut nach Mühlberg ins Brandenburgische hinüber. Die Radwegführung ist hier nicht ganz nachvollziehbar, über einen unsinnigen Bogen auf Schotterwegen komme ich nur wenige Meter von der Stelle entfernt auf die gleiche Straße in Richtung Bad Liebenwerda zurück. Der Verkehrsplaner war mit Sicherheit kein Radfahrer.
Nun sorgt endlich auch die Sonne für Wärme, so dass ich Jacke und Beinlinge ausziehen kann.
Trotzdem wird man irgendwie den Eindruck nicht los, dass der Sommer seinen Höhepunkt überschritten hat und dem Ende zugeht. Die Straßen sind jetzt völlig flach, es fährt sich leicht, entspannt und zügig. Vor Bad Liebenwerda lauert eine kleine Umleitung von 3 Kilometern, na gut, die stecke ich im Augenblick noch locker weg.
Bad Liebenwerda, ca. 80 Kilometer.
„Armin“ lotst mich sicher auf Schleichwegen am Zentrum vorbei und nachdem die Schwarze Elster überquert ist, befinde ich mich, noch ehe ich michs versehe, schon wieder am Stadtrand und fahre weiter gen Doberlug-Kirchhain.
Es geht nun auf kleiner Straße kilometerweit durch Heidewälder, die Route ist wirklich gut, die müsste ich mir für eine neue Cottbus-Ausroll-Tour merken.
Drohende Warnschilder in Tröbitz, die Durchfahrt durch Schönborn soll gesperrt sein, ich riskiere es trotzdem, denn eine Umleitung wäre hier zu weit und langwierig.
Aber halb so wild, dieses Mal komme ich mit dem Rad dort gut durch – die Baustelle ist für den Linienverkehr frei gegeben – da bin ich doch heute gern einmal Linienbus 😉
Etwas später wird Doberlug-Kirchhain erreicht – die Radwegepflicht in Deutschland ist gerade hier, als ich hinter den etwas langsameren Radlern herbummeln muss, sehr lästig. Na mäg…
Das Schild „Luckau – 29 km“ bessert die Stimmung aber rasch wieder auf.
Am Rand der kleinen Stadt mache ich bei Kilometer 102 die nächste Pause. Es ist gegen 9:30 Uhr, ich liege gut im Rennen, die Bedingungen sind aber auch ideal. Es ist nicht zu heiß, es weht ein leichter, unterstützender Wind… Wie ich bei Gegenwind heute aussehen würde, wage ich jetzt nicht zu beurteilen. Weiter geht es.
Nun schwenkt die Route auf winzigen Landstraßen, ungefähr parallel zur Bundesstraße 96 verlaufend, nach Norden ein. Es gibt ein paar Schlenker und Kurven mehr, aber dafür ist es hier wesentlich ruhiger und angenehmer zu fahren. Wald, Wiesen, Felder, Pferdekoppeln, idyllisch… Man kann den Spreewald fast schon riechen.
Ein Stück vor Luckau geht es plötzlich steil abwärts. Es scheint hier wie eine gewaltige Kante zu sein, über die das Heideplateau sich in die Spreewaldniederung absenkt.
Und durch Luckau selbst oder verkehrsberuhigt daran vorbei lotst mich nun wieder zuverlässig der liebe „Armin“.
Auf dem Sträßchen nach Kasel-Golzig überlege ich nun, ob ich Günter anrufe. Jedoch traue ich mich nicht so recht abzuschätzen, wie lange ich noch bis Krausnick benötige.
Es kann nicht mehr weit sein, 130 Kilometer sind gefahren, laut Planer sind 160 veranschlagt – doch es können auch 170 werden – das ist im Augenblick nicht so richtig klar. Also abwarten, weiter fahren.
Ein wenig müde werde ich nun aber. Auch die endlos scheinende geradeaus führende Straße macht nicht unbedingt munterer.
Die Landschaft ist idyllisch – immer noch – sehr flach, sehr wald- und wiesenreich.
Und dann ist Kasel-Golzig schneller erreicht als gedacht, es war gar nicht mehr soo weit. Kasel-Golzig – das liegt auf der Route des Spreewaldmarathons, bis hierher brauchen wir im April in der Gruppe in entgegengesetzter Richtung aus Lübben vielleicht eine halbe Stunde.
Im Prinzip kann ich mir nun Zeit lassen, es ist noch nicht einmal Mittag. Die Dörfchen bis Lubolz inkl. Kopfsteinpflastereinlage sind mir aus den Spreewaldmarathon-Teilnahmen bestens bekannt. Mit dem Speeder T3 und den 32er-Reifen lässt sich das Pflaster jedoch wesentlich besser als mit dem Rennrad befahren. Lubolz – was für ein Gefühl.
Vor einer Woche noch bin ich hier auf einer Morgen-Rad-Runde im Urlaub durchgefahren. Und nun sitze ich hier auf dem Dorfplatz, pausiere, esse, trinke und rufe Günter an. Mich erwarten noch 8,5 km schönsten Radwegs bis Krausnick durch den Wald.
Günter ist aber noch ein ganzes Stück entfernt, ich kann nun wirklich bummeln.
Kraniche sehe ich heute kurz vor Krausnick zwar keine, aber der Blick auf den stattlichen, über dem Ort thronenden Wehlaberg ist auch schön.
Krausnick – es ist ein tolles Gefühl, hier wieder auf der Straße durch das Dorf zu rollen, es ist wie eine Verlängerung des Urlaubs. Die schönen Erinnerungen sind noch sehr frisch.
Dann warte ich im Ort unter der Dorflinde.
Günter trifft eine halbe Stunde später gegen 12:50 Uhr ein. Er ist schnell gefahren, ist noch auf Hochtouren…
Und auf meinem Fahrradcomputer stehen, als wir auf der Terrasse des Landhotels am Wehlaberg die Hefeweizen und das gute Essen genießen, 168 Kilometer.
Halb zwei dann Aufbruch, nun hat sich doch Müdigkeit breit gemacht, schön wäre es, hier jetzt bleiben zu können.
Auf Sandwegen geht es nun am Wehlaberg vorbei – Günter mit dem Mountain Bike donnert die Sandspur entlang nach Groß Wasserburg hinüber und dort auf kleiner Straße durch Köthen nach Märkisch Buchholz. Ich spüre schnell, wie fit er ist, er ist mir zu schnell, selbst auf den Treckerreifen rast er vornweg und muss ab und zu abbremsen, damit ich wieder heran komme.
Dazu die kleinen Anstiege hier im Wald – na da! Märkisch Buchholz – zum Glück gibt es hier eine Eisdiele – auf Grund seiner großen Schwäche für Eis bekomme ich hier eine Gratispause 🙂 ehe es im tollen Tempo weiter geht.
Wir fahren nun eine wunderschöne Strecke durch die ausgedehnten Wälder im Südosten von Berlin, immer auf dem Dahme-Radweg entlang – doch ich habe kaum Augen dafür, weil ich an Günter dranbleiben muss und selbst schon eine ganze Weile lang die Übersicht verloren habe. Zudem muss ich mit den schmalen Reifen des Speeders doch darauf achten, nicht zu stürzen.
In Prieros gibt es aber zu meiner großen Erleichterung wieder eine Eisdiele :-)) Pause, Verschnaufen, Eis genießen! Weiter im rasanten Galopp durch die Wälder…
Allmählich melden sich nun auch meine kritischen Zonen im Sitzbereich…
Als wir dann gen Königs Wusterhausen rollen, sehen wir im Westen eine tiefschwarze Wolkenwand aufziehen.
Ich habe den Eindruck, Günter wird noch ein wenig schneller, er will vermutlich dem Unwetter entkommen. Doch wir sind zunächst gezwungen, diesem kilometerweit entgegen zu fahren, ehe wir in KW wieder nach Norden abschwenken.
Und auf dem Funkerberg erwischt es uns dann dicke. Glücklicherweise gibt es hier oben am Sendemast einen verfallenen Schuppen, wo schon Andere stehen und den folgenden Regenguss abwarten. Einen theatralischen Blitz und einen Donner gibt es auch, doch das Gewitter(chen) ist rasch nach Osten abgezogen.
Und uns sitzt ein wenig die Zeit im Nacken – Grillen ist ja auch noch angesagt – also fahren wir, als der Regen nachlässt weiter. Es ist kalt und nass – ungemütlich – geworden.
Der Berliner Ring, Walthersdorf, der Rand von Berlin…
Stark befahrene Straßen, Kopfsteinpflaster, sandige Radspuren am Straßenrand – es ist alles dabei.
Und auf diesem Abschnitt werde ich den Eindruck nicht los, dass mir Radfahren in Berlin nicht so den rechten Spaß machen würde. Zu lang sind die Wege aus der Stadt heraus und zurück, zu schlecht sind die Bedingungen für die Radler hier.
Ziemlich nass erreichen wir dann schließlich gegen halb sechs unser Ziel.

237,61 km in 9:36:08 Std. Nettofahrtzeit, 830 Höhenmeter.

Soviel zur Statistik.
Es ist mehr geworden als erwartet, aber – es gibt keinerlei unangenehme Nachwirkungen…
Hunger und Durst sind groß – das erste Bierchen verdampft quasi und bei den Original Thüringer Rostbratwürsten und Steaks können wir nun auch ordentlich zulangen.
Toll… Zweihunderter im Doppelpack…
Fortsetzung folgt… (?)

Die Route auf gpsies.com