Wind-Fahrt zu den Finsteren Bergen

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Freitag, 01.11.2013
Schon vorgestern war die schöne Wanderung von Sosa auf den Auersberg mit anschließender Einkehr in der urig-gemütlichen Meiler-Gaststätte ein tolles Urlaubserlebnis.
Dann gab es gestern die entspannte Heimfahrt von Chemnitz mit dem Rad über reichlich 1 00 Kilometer. Nach einem sehr kalten Morgen und reifbedeckten Wiesen herrschte den ganzen Tag über schönstes Wetter mit leichtem Rückenwind von Südwest, der würde mir mit Sicherheit heute entgegen wehen.
Aber das Selbstvertrauen war gut, auch wenn innerlich wieder einmal wie vor allen Touren dieser Kategorie eine gewisse Anspannung vorhanden war. Die steigerte sich auch deswegen noch, weil ich noch nie so spät im Jahr eine längere Tour gefahren war und kein richtiges Gefühl dafür hatte, was mich erwarten könnte.
Meine Mädels werden erst nach dem Mittag mit dem Auto starten, während ich bereits früh am Morgen auf dem Rad sitze.
Ein schönes Ausrollen in einer für mich noch unbekannten Fahrrad-Region soll das heute werden. Genuss pur sozusagen.
6.15 ist Start.
Noch ist es dunkel, aber gegen 7 Uhr scheinen die Wolken im Osten zu brennen.
Schon nach wenigen Kilometern spüre ich deutlich, wie kräftig der Wind frontal entgegen bläst und mir ein angemessenes Tempo aufzwingt. Das lässt sich vorbei an den Leipziger Südseen noch irgendwie ignorieren, doch auf der Strecke nach Weißenfels hinüber ist viel freies Gelände…
Na ja…
Also Taktik heute – effektiv fahren – keinen falschen Ehrgeiz zeigen, besser herunter schalten – die Frequenz möglichst beibehalten, aber die Beine schonen.
Das Stück bis Weißenfels fuhr ich mit Steffen im August schon, die Stadt ist schnell durch- und die Saale überquert.
Bei Marktwerben erste Rast, die Beine machen sich bemerkbar. (56,96 km, 2:25:17 Std., 8:50 – 8:55 Uhr)
Aufpassen! Zeitmäßig – na ja, es geht um nichts.
Meine Ansage, 18 Uhr in Finsterbergen zu sein, fand Dagi allerdings sehr übertrieben.
12 Stunden für 200 Kilometer. Sooo langsam wäre ich doch noch nie gewesen. Doch wie vermutet, mache ich heute auch wieder einmal die Erfahrung, wie sehr der Körper Energie aufwenden muss, um die kühlen Temperaturen zu kompensieren, das geht natürlich der Kraft für die Fortbewegung verloren.
Dazu lässt der Wind einfach nicht nach, im Gegenteil, er wird im Tagesverlauf noch kräftiger. Selbst über die Anhöhe und dann bergab nach Freyburg muss ich heute kurbeln.
Der Himmel ist nun spätherbstlich grau – ganz schön trist. Einzig die Weinberge an der Unstrut mit ihrem gelben Laub bringen einige Farbtupfer in dieses Bild. Leider ist der Verkehr hier auf der Bundesstraße eine arge Herausforderung, so dass ich ab Balgstädt die erste Gelegenheit nutze, um auf die nächste Anhöhe zu kommen. Doch die kleine Straße wird alsbald zu einem holprigen Feldweg, der steil hinauf führt – meine Aldi-Karte hat mir da mal wieder einen Streich gespielt, dort ist eine Straße eingezeichnet.
Ob der Herr, der sich mit seiner knallroten Mütze auf dem Hochstand versteckt und mich argwöhnisch von oben mustert, ein Jäger ist, bezweifle ich. Aber vielleicht ist das Wild hier farbenblind…
Erst nach einigen Rumpelkilometern in Burkersroda am Rande der zivilisierten Welt erreicht man wieder Straße.
Die Gegend ist bisher nicht besonders reizvoll, vielleicht liegt das aber auch am Wetter.
Nur um Klosterhäseler und Eckartsberga einige Auf- und Abfahrten weiter bekommt das Auge ein wenig Abwechslung. Gerade in Eckartsberga die Burgruine auf dem Berg ist wirklich sehenswert, doch dort rausche ich in rasanter Abfahrt schnell durch und muss mich auf die kurvenreiche schmale Bundesstraße konzentrieren, denn ich habe auch einige Autos im Schlepptau.
Der Wind, der Wind…
Irgendwie ist kein schönes Ausrollen möglich und irgendwie spürt man buchstäblich, wie langsam aber unwiderstehlich sämtliche Körner aus dem Körper gesaugt werden…
Das Land der Frühaufsteher liegt nun hinter mir, es geht ins Thüringische.
Gebstedt, Willerstedt – Pause. Ich mache Rast an der gleichen Bushaltestelle wie auf dem Saale-Holzland-Dreihunderter 2008. (103,54 km, 4:40:48 Std., 11:15 – 11:25 Uhr)
Pfiffelbach – während ich mich mühselig eine steile Anhöhe hinauf schinde, rollt mir völlig entspannt ein junges Mädel auf dem Rennrad entgegen – bergab.
Zum Gegenwind wird es nun noch hügelig. Ausgerechnet…
Meine Motivation ist stark angekratzt. Lustig ist das hier nicht mehr. Schenke ich mir den Ettersberg, den ich schon einige Zeit lang als langgestreckten Höhenzug erkennen kann. Fahre ich direkt durch Weimar?
Aber wie soll das nach Weimar weiter gehen?
Schneller als erwartet befinde ich mich jedoch bei Kleinobringen auf der Straße direkt hinauf zum Ettersberg. Die hat es in sich. Ich muss zwischendurch kurz halten, Luft holen – erschreckend.
Sicher, ich könnte Einiges mehr aushalten und leisten – wenn ich wollte.
Doch vor mir liegen noch 80 Kilometer! Und die haben es mit den zu erwartenden Bergen auch in sich. Deswegen ist nach Möglichkeit immer noch Schongang auf unterem Level angesagt. Was nützen mir jetzt Krämpfe oder brennende Muskeln…
Glücklicherweise ist wenigstens der Wind hier oben im Wald abgestellt.
Ich habe auf das kleine Blatt gekettet und fahre langsam die „Blutstraße“ zur Gedenkstätte Buchenwald hinauf.
Glockenturm oder Schautafeln sind nun Alibis, immer mal kurz stehen zu bleiben, zu trinken und zu fotografieren.
Lang ist die Straße, aber nach dem Hammer vorhin nur noch sehr seicht ansteigend.
Buchenwald – nur wenige Besucher sind zu sehen…
Der Gipfel des Großen Ettersberges ist erreicht – 480 Meter.
Ohne anzuhalten rolle ich nun wieder unverzüglich abwärts.
Hottelstedt am Westfuß des Ettersberges. Toller Name! Das ging schnell jetzt eben.
Noch einige kleine giftige Stiche – die gönnen mir hier aber auch gar nix umsonst, dann geht es weit hinab bis Vieselbach auf unter 200 Meter.
Vieselbach – Pause, ein Molkeriegel, Trinken, die heiße Zitrone tut richtig gut und SMS an Dagi, sie ist gerade gestartet.
(136,08 km, 6:19:13 Std., 13:10 – 13:25 Uhr)
Noch ungefähr 70 Kilometer. Eeeeeeigentlich nicht viel.
Aber dieser nervende Wind! Der macht sich nun wieder verstärkt bemerkbar.
Seit einiger Zeit fahre ich schon auf den Unterlenker gestützt, das ist wesentlich angenehmer als bei geradem Lenker und man kann sich dadurch auch schön klein im Wind machen.
Los gehts – auf den nächsten Berg.
Erfurt ist im Südwesten schon zu sehen, ganz in der Nähe. Wer die Stadt nicht durchfahren will, muss zwangsweise – als zweiter Höhepunkt sind heute die drei Gleichen geplant – südwärts die Anhöhen um Erfurt herum überqueren.
Also heißt das erneut mühseliges und geduldiges Bergauf-Kurbeln nach Klettbach.
Bis zur A4-Ausfahrt „Vieselbach“ gibt es noch als Zugabe eine Menge Last- und sonstigen Kfz-Verkehr.
Dann liegt die Autobahn aber hinter bzw. unter mir, es wird ruhiger und schön gleichmäßig ansteigend.
Klettbach auf ca. 420 Metern ist ein stilles kleines Dörfchen. Sehr idyllisch, heute aber windzerzaust unter grauem Herbsthimmel.
Nichts wie weiter, sofern es meine Kräfte zulassen. Ab und zu muss ich kurz halten – Trinken!
Das nahe Schellroda ist dann erst einmal das letzte Dörfchen hier oben, nun rollt es wieder von allein.
Und plötzlich ist da dieser traumhafte Blick von meiner Anhöhe hinüber zum ThüringerWald.
Die Sonne, die nun schon tief im Westen steht, beleuchtet die aufreißenden Wolken, am Horizont erheben sich in unterschiedlichsten Blau- und Grautönen wie Kulissen gestaffelt die Berge Thüringens, davor, unter mir märchenhaft die Wachsenburg auf ihrem Hügel.
Kurzer Stich vor Werningsleben, danach geht es abwärts bis Rudisleben.
Ein wenig frustriert stelle ich fest, wie unsinnig hoch die Brücke über die A71 ist, da hat sich wieder ein Architekt ausgetobt, doch gleich danach ist wieder Pause.
Essen, Trinken, SMS an Dagi. Meine Prognose – ich werde vermutlich noch 2,5 Stunden benötigen.
(167,66 km, 7:56:15 Std., 15:10 – 15:25 Uhr)
Die Gegend um die Wachsenburg sieht recht uneben aus, angesichts meiner Verfassung plane ich für die noch restlichen 40 Kilometer besser ein wenig länger.
Derzeit erschrecke ich bei jedem Berg ein wenig, der sich in meiner Fahrtrichtung erhebt. So was auch!
Aber – Kopfsache – steckt man einmal im Anstieg drin, dann ist das alles halb so schlimm, wie es vorher aussah. Kein Grund zum Aufgeben.
Arnstadt tangiere ich ebenfalls nur nordwestlich, dann führt die Straße nach Westen, der Wind kommt nun von der Kante und plötzlich fährt es sich auch wieder wesentlich angenehmer und schneller.
Die Wachsenburg direkt vor mir ist ein schönes Fotomotiv.
Hinter dem Ort nach Mühlberg lauert noch ein fieser Anstieg, dann aber rollt es bis kurz vor Wechmar für die heutigen Verhältnisse ungewöhnlich gut.
Neben mir die Ruine der Mühlburg, drüben die Burgruine Gleichen.
Nach erneuter Unterquerung der A4 erreiche ich Wechmar, dann geht es weiter nach Westen nach Schwabhausen.
Es dämmert, der Wind… Etwas frustrierend, ich werde wieder langsamer. Besser noch eine kurze Trinkpause einschieben.
Die Berge des Thüringer Waldes sind in der Zwischenzeit sehr nahe gerückt.
Emleben, die Straßen hier sind mir nun wieder gut bekannt. Allmählich wird es dunkel, eine (letzte) kleine Gegenwind-Tortur, auch der Kfz-Verkehr ist um diese Zeit recht intensiv, dann ist Leinatal erreicht.
Nur noch ein Katzensprung, hier im fast dunklen Tal gibt es glücklicherweise keinen Wind mehr, dann bin ich in Engelbach, fahre im Tal weiter, um die nächste Kurve herum und passiere kurz darauf das Ortseingangsschild von Finsterbergen.
Klasse – geschafft – der eigene Willen hat sich wieder einmal durchgesetzt!
Ziel (fast) erreicht!
Den heftigen Stich hinauf in den Ort schenke ich mir nun, ich schiebe lieber – das Letzte, was ich jetzt noch gebrauchen könnte, wäre ein Krampf.
Erst oben steige ich wieder auf und rolle die letzten paar hundert Meter bis zum Ziel.
Herrlich – wir sind wieder einmal hier – in unsrem Revier!
205,57 km, 9:56:25 Std, 17:30 Uhr, 2100 Höhenmeter.

Drinnen brennt Licht, meine Mädels haben es sich gerade bequem gemacht. Da ist es schön warm und gemütlich, hier draußen dunkel und kalt. Das steigert das perfekte „Ankomm“-Gefühl noch.
Viel Zeit zum Duschen und Umziehen bleibt mir nun aber nicht.
Schnell schnell, noch kurz Brötchen fürs Frühstück bestellen und dann ab zum Essen. Die Thüringer
Klöße sind heute der Knüller!!!

Augenblick habe ich erst einmal keine Lust mehr auf Radfahren.
Die Stimme ist auch wieder etwas belegt (obwohl ich der Meinung bin, ausreichend getrunken zu haben) – aber man kann ja dem Körper nun auch mal ein wenig Ruhe gönnen.
Zweites Problem – ich habe einige Stunden lang nach der Fahrt das Gefühl, alles durch einen leichten Nebel zu sehen. Vermutlich durch den Wind hat es die Augen etwas gereizt. Also – beim nächsten Mal Schutzbrille aufsetzen…
Gut dagegen – ich hatte heute keine eingeschlafenen Finger und kribbelnde Zehen, keine Sitzbeschwerden oder Verspannungen im Rücken- und Nackenbereich.
Obwohl das Reise-Rad um Einiges schwerer als ein Rennrad ist, scheinen die Einstellungen für meine Größe auf lange Strecken nun ganz gut gelungen zu sein.
Was nun im nächsten Jahr zu testen wäre…
Der Tag danach in Oberhof ist noch einmal ein richtiger Urlaubstag.
Und nun sitzen wir am Kamin bei den ersten Lebkuchen in diesem Winter…
Im Rückblick war es doch eigentlich auch sehr schön und eindrucksvoll.

Welch ein Saisonabschluss 2013.
Alles ist gut.