Spreewaldmarathon 2014

26.04.2014
Halb sechs ist heute Aufstehen angesagt. Meine Bio-Uhr funktioniert, ich werde kurz vor dem Wecker wach. Draußen ist es jetzt, Ende April, schon fast hell. Leider lässt sich im Holzbungalow das Knarren der Dielen nicht vermeiden, so dass vermutlich auch meine noch schlafenden Frauen mein bemüht leises Schleichen nicht überhören können.
Deshalb frühstücken wir, als Uwe und Thomas vorbei kommen, gleich draußen im Stehen auf der Terrasse. Trockenes Brötchen mit original Rostocker Wiener Würstchen. Und einen Kaffee habe ich seit gestern Abend schon in der Thermoskanne.
Die Sonne scheint schon, auf dem See liegen leichte Nebelbänke. Idyllisch…
Der Abend gestern im Restaurant war auch wieder einmal gemütlich. Es war so warm, dass wir sogar noch auf der Terasse mit schönem Blick auf den See sitzen konnten. Dazu unterstützten ein riesiges Bauernfrühstück und ein paar Bierchen unsere mentale Vorbereitung auf den heutigen Spreewald-Marathon.
Ein wenig spannend ist das schon, ich kenne Thomas nur flüchtig, wir sind einmal bei der Tour im September 2011 mit Roland zusammen gefahren. Da war er auf dem Mountain Bike genauso schnell wie wir auf Rennrädern. Mal sehen, wie das heute in unserer Gruppe funktioniert. Gegen halb sieben starten wir dann. Uwe fährt mit dem Auto, er will noch ein wenig Ruhe, Thomas und ich fahren mit den Rädern die 11 Kilometer nach Lübben hinüber.
Das erste kleine Abenteuer heute bieten die drei aus einer Koppel ausgebrochenen Pferde auf dem asphaltierten Waldweg nach Klein Radden. Statt vor uns in die Felder auszuweichen, galoppieren sie ein ganzes Stück vor uns her bis zur Hauptstraße, so dass wir uns ein wenig wie Cowboys auf Rädern vorkommen 🙂
Dann sind wir recht schnell in Lübben. Nachdem Uwe sein Rennrad auf dem Parkplatz am Burglehn zusammengebaut hat, wechseln wir zur Information auf der Schlossinsel, wo wir uns mit Bärbel treffen.
Wenige Minuten später geht es dann wieder mit „Auf die Gurke, fertig, los.“ 7.30 Uhr auf die Piste.
Der 12. Spreewald-Marathon hat für uns begonnen.
Unsere Frauen und Töchter starten auf die 70 Kilometer erst 11.30 Uhr. Sie frühstücken noch in aller Ruhe im Restaurant und fahren dann auch mit den Rädern zum Start nach Lübben.
Die Sonne scheint, der Wind weht auf den ersten Kilometern unterstützend von Ost.
Wir sind, nachdem wir die Stadt verlassen haben, recht schnell unterwegs, fahren zunächst in einer großen Gruppe bis Krausnick. Doch das permanente unruhige Stop and Go, 40-25er Spielchen mit rechts, links sonstwie überholen macht keinen rechten Spaß. Da sind Stürze geradezu vorprogrammiert.
Die Route ist seit Jahren unverändert, erst ein Stück nach Westen, Kasel-Golzig, dann gen Golßen, vorher biegen wir wieder nach Osten ab, überqueren die Autobahn und dann geht es durch den großen Wald bis Krausnick. Es sind mehr 200er als sonst unterwegs, nach Schätzung müssten es über 700 Teilnehmer allein auf dieser Tour sein. Und entsprechend ist auch das Gedränge am Kontrollpunkt. Aber der Veranstalter hat die Massen gut im Griff, es gibt wieder prima Wurst- und Käsebrote, Spreewaldgurken, Bananen, Getränke usw. Darauf freut man sich ja doch immer wieder. Der Spreewald-Marathon ist eigentlich mehr ein Volksfest, bei dem man nach Herzenslust fressen kann. Und nebenbei fährt man noch ein wenig Rad…
Wir haben bis hierher ungefähr einen 32er-Schnitt!
Nun fahren wir aber zunächst in unserer 4er-Gruppe weiter. Kurze P-Pause im Unterspreewald am Puhlstrom – hier habe ich sehr schöne Erinnerungen an unseren Familienurlaub 2013 und die Paddeltouren, dann rollen wir mit gleichmäßigem 32er-Tempo weiter. Durch Schlepzig, vorbei an Seemanns Haus, nach Norden – Klein Lübbenau, dann nach Osten, gegen den Wind. Und dann werden wir von einer größeren Gruppe geschluckt und nun wird es wieder etwas schneller, bis wir nach ca. 72 km und einigen Kopfsteinpflasterpassagen das Euro-Camp und damit den zweiten Kontrollpunkt erreichen.
Die Wurstbrote schmecken super, bei kohlensäurehaltigen Getränken halte ich mich heute besser zurück, ich habe da noch meine Probleme des letzten Jahres im Hinterkopf.
Weiter nun, eine sehr schnelle Gruppe lassen wir besser ziehen, fahren wir zu Viert schön gleichmäßig wieder am Briesensee vorbei, absolvieren den Bogen über Alt Zauche, einige Leute mit ihren Kindern stehen an den Gartenzäunen und winken oder feuern uns an, das macht Spaß (!), und sind nach 104 Kilometern 11.30 Uhr in Straupitz. Die frühe Startzeit hat den Vorteil, dass wir heute ohne Anstehen sogar Plinsen und Kaffee bekommen. Herrlich!
Große Mittagspause…
Dann der Bogen über Lieberose. Auch hier fahren wir zunächst zu Viert los. Nun habe ich ein wenig zu tun. Zunächst mit meiner Motivation, die etwas nachlässt, gerade, als wir unter einer Regenwolke hindurch müssen, aber auch deswegen, weil ich spüre, dass mich das durchgehend hohe Tempo mehr anstrengt, als ich das wollte. Die Straße von Goyatz nach Lieberose hinüber ist neu asphaltiert, das ist (trotz einsetzendem Regenschauer) im Vergleich zur Holperpiste der letzten Jahre sehr schön zu fahren.
Lieberose, Rast (ca. 130 km) – hier gesellt sich der Berliner, der im letzten Jahr bei uns mitfuhr, zu uns. Sein Kumpel ist zwischenzeitlich langsamer geworden und fährt nun hinterher. Er selbst ist auch noch nicht so gut drauf, und im späteren Verlauf muss er uns dann auch ziehen lassen.
Nun über die Heide, der größte Anstieg bei dieser Tour. Uwe lässt sich etwas Zeit, ich warte auf ihn, die Drei fahren schon vornweg. Dann kommt Uwe in einer mit gutem Tempo fahrenden Gruppe hinterher, in die auch ich mich einreihe und so holen wir auch unsere Drei wieder mühelos ein. In Richtung Burg über Drachhausen und Schmogrow-Fehrow haben wir wieder Rückenwind. Es rollt gut, ich habe großen Respekt vor demjenigen, der ununterbrochen vorn ein gleichmäßiges Tempo fährt und nicht wechselt.
In Burg am Pausenpunkt werden wir sogar mit Musik und Ansager als quasi „Helden der Landstraße“ empfangen. Und es gibt wieder genug zu Essen 🙂
Allerdings merke ich langsam, dass mir allmählich, obwohl ich genug trinke, erste Anzeichen einer Dehydrierung zu schaffen machen – unangenehm. Wir haben immer noch einen fast 31er-Schnitt. Thomas macht Druck, woher nimmt er die Kraft? Alle Achtung!
Nun werden die Wege enger, an Vetschau vorbei, durch Raddusch und den ehemaligen Tagebau sind wir permanent damit beschäftigt, konzentriert die langsameren Radler der kürzeren Touren zu überholen. Dabei entdecken wir auch Fränze, die mit großem Vorsprung vor den anderen Mädels hier unterwegs ist. So kommen wir nach Lübbenau, bleiben bis zur Stadt ein Stück auf der stark befahrenen Bundesstraße, und müssen noch die Plattenstraße an der Arbeiterherberge vorbei befahren, wobei ich endlich auch abreißen lasse und erreichen kurz darauf den letzten Kontrollpunkt (ca. 190 km) am Spaßbad „Spreewelten“.
Hier ist noch einmal große Stimmung, gute Verpflegung, ich hätte auch gern noch die Kartoffelsuppe gekostet, aber es geht leider auch gleich weiter.
Es ist 15 Uhr, als wir das Ziel auf der Schlossinsel in Lübben erreichen, das sind 204,64 km in einer Nettozeit von 6:37 Std.
Die Sonne scheint, auf der Festwiese ist Volksfeststimmung. Nur die Trachtenmädels mit den Gurken fehlen heute. Wir müssen die Damen, die uns die goldenen Gurken um den Hals hängen, erst suchen. Dafür legen die Trommler und Cheerleader einige Zeit später richtig los.
Gegen 17 Uhr sind dann auch alle Anderen da und wir rollen nun noch gemütlich auf dem Spreedamm via Ragow und Klein Radden im Abendsonnenlicht zurück und lassen so diesen schönen Tag ausklingen.
Nach dem Duschen ist im Restaurant noch am großen gemeinsamen Tisch „Nachbereitung“ angesagt. Der Hunger ist riesig, obwohl ich auch heute das Bauernfrühstück wieder nicht schaffe, der Durst groß und wird mit ein paar „Babben“-Bierchen gelöscht, die Stimmung entsprechend gut.
Es war wieder toll und wir beschließen, morgen gleich für das nächste Jahr wieder vorzubuchen.

Wind-Fahrt zu den Finsteren Bergen

Die Route auf gpsies.com

Freitag, 01.11.2013
Schon vorgestern war die schöne Wanderung von Sosa auf den Auersberg mit anschließender Einkehr in der urig-gemütlichen Meiler-Gaststätte ein tolles Urlaubserlebnis.
Dann gab es gestern die entspannte Heimfahrt von Chemnitz mit dem Rad über reichlich 1 00 Kilometer. Nach einem sehr kalten Morgen und reifbedeckten Wiesen herrschte den ganzen Tag über schönstes Wetter mit leichtem Rückenwind von Südwest, der würde mir mit Sicherheit heute entgegen wehen.
Aber das Selbstvertrauen war gut, auch wenn innerlich wieder einmal wie vor allen Touren dieser Kategorie eine gewisse Anspannung vorhanden war. Die steigerte sich auch deswegen noch, weil ich noch nie so spät im Jahr eine längere Tour gefahren war und kein richtiges Gefühl dafür hatte, was mich erwarten könnte.
Meine Mädels werden erst nach dem Mittag mit dem Auto starten, während ich bereits früh am Morgen auf dem Rad sitze.
Ein schönes Ausrollen in einer für mich noch unbekannten Fahrrad-Region soll das heute werden. Genuss pur sozusagen.
6.15 ist Start.
Noch ist es dunkel, aber gegen 7 Uhr scheinen die Wolken im Osten zu brennen.
Schon nach wenigen Kilometern spüre ich deutlich, wie kräftig der Wind frontal entgegen bläst und mir ein angemessenes Tempo aufzwingt. Das lässt sich vorbei an den Leipziger Südseen noch irgendwie ignorieren, doch auf der Strecke nach Weißenfels hinüber ist viel freies Gelände…
Na ja…
Also Taktik heute – effektiv fahren – keinen falschen Ehrgeiz zeigen, besser herunter schalten – die Frequenz möglichst beibehalten, aber die Beine schonen.
Das Stück bis Weißenfels fuhr ich mit Steffen im August schon, die Stadt ist schnell durch- und die Saale überquert.
Bei Marktwerben erste Rast, die Beine machen sich bemerkbar. (56,96 km, 2:25:17 Std., 8:50 – 8:55 Uhr)
Aufpassen! Zeitmäßig – na ja, es geht um nichts.
Meine Ansage, 18 Uhr in Finsterbergen zu sein, fand Dagi allerdings sehr übertrieben.
12 Stunden für 200 Kilometer. Sooo langsam wäre ich doch noch nie gewesen. Doch wie vermutet, mache ich heute auch wieder einmal die Erfahrung, wie sehr der Körper Energie aufwenden muss, um die kühlen Temperaturen zu kompensieren, das geht natürlich der Kraft für die Fortbewegung verloren.
Dazu lässt der Wind einfach nicht nach, im Gegenteil, er wird im Tagesverlauf noch kräftiger. Selbst über die Anhöhe und dann bergab nach Freyburg muss ich heute kurbeln.
Der Himmel ist nun spätherbstlich grau – ganz schön trist. Einzig die Weinberge an der Unstrut mit ihrem gelben Laub bringen einige Farbtupfer in dieses Bild. Leider ist der Verkehr hier auf der Bundesstraße eine arge Herausforderung, so dass ich ab Balgstädt die erste Gelegenheit nutze, um auf die nächste Anhöhe zu kommen. Doch die kleine Straße wird alsbald zu einem holprigen Feldweg, der steil hinauf führt – meine Aldi-Karte hat mir da mal wieder einen Streich gespielt, dort ist eine Straße eingezeichnet.
Ob der Herr, der sich mit seiner knallroten Mütze auf dem Hochstand versteckt und mich argwöhnisch von oben mustert, ein Jäger ist, bezweifle ich. Aber vielleicht ist das Wild hier farbenblind…
Erst nach einigen Rumpelkilometern in Burkersroda am Rande der zivilisierten Welt erreicht man wieder Straße.
Die Gegend ist bisher nicht besonders reizvoll, vielleicht liegt das aber auch am Wetter.
Nur um Klosterhäseler und Eckartsberga einige Auf- und Abfahrten weiter bekommt das Auge ein wenig Abwechslung. Gerade in Eckartsberga die Burgruine auf dem Berg ist wirklich sehenswert, doch dort rausche ich in rasanter Abfahrt schnell durch und muss mich auf die kurvenreiche schmale Bundesstraße konzentrieren, denn ich habe auch einige Autos im Schlepptau.
Der Wind, der Wind…
Irgendwie ist kein schönes Ausrollen möglich und irgendwie spürt man buchstäblich, wie langsam aber unwiderstehlich sämtliche Körner aus dem Körper gesaugt werden…
Das Land der Frühaufsteher liegt nun hinter mir, es geht ins Thüringische.
Gebstedt, Willerstedt – Pause. Ich mache Rast an der gleichen Bushaltestelle wie auf dem Saale-Holzland-Dreihunderter 2008. (103,54 km, 4:40:48 Std., 11:15 – 11:25 Uhr)
Pfiffelbach – während ich mich mühselig eine steile Anhöhe hinauf schinde, rollt mir völlig entspannt ein junges Mädel auf dem Rennrad entgegen – bergab.
Zum Gegenwind wird es nun noch hügelig. Ausgerechnet…
Meine Motivation ist stark angekratzt. Lustig ist das hier nicht mehr. Schenke ich mir den Ettersberg, den ich schon einige Zeit lang als langgestreckten Höhenzug erkennen kann. Fahre ich direkt durch Weimar?
Aber wie soll das nach Weimar weiter gehen?
Schneller als erwartet befinde ich mich jedoch bei Kleinobringen auf der Straße direkt hinauf zum Ettersberg. Die hat es in sich. Ich muss zwischendurch kurz halten, Luft holen – erschreckend.
Sicher, ich könnte Einiges mehr aushalten und leisten – wenn ich wollte.
Doch vor mir liegen noch 80 Kilometer! Und die haben es mit den zu erwartenden Bergen auch in sich. Deswegen ist nach Möglichkeit immer noch Schongang auf unterem Level angesagt. Was nützen mir jetzt Krämpfe oder brennende Muskeln…
Glücklicherweise ist wenigstens der Wind hier oben im Wald abgestellt.
Ich habe auf das kleine Blatt gekettet und fahre langsam die „Blutstraße“ zur Gedenkstätte Buchenwald hinauf.
Glockenturm oder Schautafeln sind nun Alibis, immer mal kurz stehen zu bleiben, zu trinken und zu fotografieren.
Lang ist die Straße, aber nach dem Hammer vorhin nur noch sehr seicht ansteigend.
Buchenwald – nur wenige Besucher sind zu sehen…
Der Gipfel des Großen Ettersberges ist erreicht – 480 Meter.
Ohne anzuhalten rolle ich nun wieder unverzüglich abwärts.
Hottelstedt am Westfuß des Ettersberges. Toller Name! Das ging schnell jetzt eben.
Noch einige kleine giftige Stiche – die gönnen mir hier aber auch gar nix umsonst, dann geht es weit hinab bis Vieselbach auf unter 200 Meter.
Vieselbach – Pause, ein Molkeriegel, Trinken, die heiße Zitrone tut richtig gut und SMS an Dagi, sie ist gerade gestartet.
(136,08 km, 6:19:13 Std., 13:10 – 13:25 Uhr)
Noch ungefähr 70 Kilometer. Eeeeeeigentlich nicht viel.
Aber dieser nervende Wind! Der macht sich nun wieder verstärkt bemerkbar.
Seit einiger Zeit fahre ich schon auf den Unterlenker gestützt, das ist wesentlich angenehmer als bei geradem Lenker und man kann sich dadurch auch schön klein im Wind machen.
Los gehts – auf den nächsten Berg.
Erfurt ist im Südwesten schon zu sehen, ganz in der Nähe. Wer die Stadt nicht durchfahren will, muss zwangsweise – als zweiter Höhepunkt sind heute die drei Gleichen geplant – südwärts die Anhöhen um Erfurt herum überqueren.
Also heißt das erneut mühseliges und geduldiges Bergauf-Kurbeln nach Klettbach.
Bis zur A4-Ausfahrt „Vieselbach“ gibt es noch als Zugabe eine Menge Last- und sonstigen Kfz-Verkehr.
Dann liegt die Autobahn aber hinter bzw. unter mir, es wird ruhiger und schön gleichmäßig ansteigend.
Klettbach auf ca. 420 Metern ist ein stilles kleines Dörfchen. Sehr idyllisch, heute aber windzerzaust unter grauem Herbsthimmel.
Nichts wie weiter, sofern es meine Kräfte zulassen. Ab und zu muss ich kurz halten – Trinken!
Das nahe Schellroda ist dann erst einmal das letzte Dörfchen hier oben, nun rollt es wieder von allein.
Und plötzlich ist da dieser traumhafte Blick von meiner Anhöhe hinüber zum ThüringerWald.
Die Sonne, die nun schon tief im Westen steht, beleuchtet die aufreißenden Wolken, am Horizont erheben sich in unterschiedlichsten Blau- und Grautönen wie Kulissen gestaffelt die Berge Thüringens, davor, unter mir märchenhaft die Wachsenburg auf ihrem Hügel.
Kurzer Stich vor Werningsleben, danach geht es abwärts bis Rudisleben.
Ein wenig frustriert stelle ich fest, wie unsinnig hoch die Brücke über die A71 ist, da hat sich wieder ein Architekt ausgetobt, doch gleich danach ist wieder Pause.
Essen, Trinken, SMS an Dagi. Meine Prognose – ich werde vermutlich noch 2,5 Stunden benötigen.
(167,66 km, 7:56:15 Std., 15:10 – 15:25 Uhr)
Die Gegend um die Wachsenburg sieht recht uneben aus, angesichts meiner Verfassung plane ich für die noch restlichen 40 Kilometer besser ein wenig länger.
Derzeit erschrecke ich bei jedem Berg ein wenig, der sich in meiner Fahrtrichtung erhebt. So was auch!
Aber – Kopfsache – steckt man einmal im Anstieg drin, dann ist das alles halb so schlimm, wie es vorher aussah. Kein Grund zum Aufgeben.
Arnstadt tangiere ich ebenfalls nur nordwestlich, dann führt die Straße nach Westen, der Wind kommt nun von der Kante und plötzlich fährt es sich auch wieder wesentlich angenehmer und schneller.
Die Wachsenburg direkt vor mir ist ein schönes Fotomotiv.
Hinter dem Ort nach Mühlberg lauert noch ein fieser Anstieg, dann aber rollt es bis kurz vor Wechmar für die heutigen Verhältnisse ungewöhnlich gut.
Neben mir die Ruine der Mühlburg, drüben die Burgruine Gleichen.
Nach erneuter Unterquerung der A4 erreiche ich Wechmar, dann geht es weiter nach Westen nach Schwabhausen.
Es dämmert, der Wind… Etwas frustrierend, ich werde wieder langsamer. Besser noch eine kurze Trinkpause einschieben.
Die Berge des Thüringer Waldes sind in der Zwischenzeit sehr nahe gerückt.
Emleben, die Straßen hier sind mir nun wieder gut bekannt. Allmählich wird es dunkel, eine (letzte) kleine Gegenwind-Tortur, auch der Kfz-Verkehr ist um diese Zeit recht intensiv, dann ist Leinatal erreicht.
Nur noch ein Katzensprung, hier im fast dunklen Tal gibt es glücklicherweise keinen Wind mehr, dann bin ich in Engelbach, fahre im Tal weiter, um die nächste Kurve herum und passiere kurz darauf das Ortseingangsschild von Finsterbergen.
Klasse – geschafft – der eigene Willen hat sich wieder einmal durchgesetzt!
Ziel (fast) erreicht!
Den heftigen Stich hinauf in den Ort schenke ich mir nun, ich schiebe lieber – das Letzte, was ich jetzt noch gebrauchen könnte, wäre ein Krampf.
Erst oben steige ich wieder auf und rolle die letzten paar hundert Meter bis zum Ziel.
Herrlich – wir sind wieder einmal hier – in unsrem Revier!
205,57 km, 9:56:25 Std, 17:30 Uhr, 2100 Höhenmeter.

Drinnen brennt Licht, meine Mädels haben es sich gerade bequem gemacht. Da ist es schön warm und gemütlich, hier draußen dunkel und kalt. Das steigert das perfekte „Ankomm“-Gefühl noch.
Viel Zeit zum Duschen und Umziehen bleibt mir nun aber nicht.
Schnell schnell, noch kurz Brötchen fürs Frühstück bestellen und dann ab zum Essen. Die Thüringer
Klöße sind heute der Knüller!!!

Augenblick habe ich erst einmal keine Lust mehr auf Radfahren.
Die Stimme ist auch wieder etwas belegt (obwohl ich der Meinung bin, ausreichend getrunken zu haben) – aber man kann ja dem Körper nun auch mal ein wenig Ruhe gönnen.
Zweites Problem – ich habe einige Stunden lang nach der Fahrt das Gefühl, alles durch einen leichten Nebel zu sehen. Vermutlich durch den Wind hat es die Augen etwas gereizt. Also – beim nächsten Mal Schutzbrille aufsetzen…
Gut dagegen – ich hatte heute keine eingeschlafenen Finger und kribbelnde Zehen, keine Sitzbeschwerden oder Verspannungen im Rücken- und Nackenbereich.
Obwohl das Reise-Rad um Einiges schwerer als ein Rennrad ist, scheinen die Einstellungen für meine Größe auf lange Strecken nun ganz gut gelungen zu sein.
Was nun im nächsten Jahr zu testen wäre…
Der Tag danach in Oberhof ist noch einmal ein richtiger Urlaubstag.
Und nun sitzen wir am Kamin bei den ersten Lebkuchen in diesem Winter…
Im Rückblick war es doch eigentlich auch sehr schön und eindrucksvoll.

Welch ein Saisonabschluss 2013.
Alles ist gut.

Wind-Fahrt in die Oberlausitz

Die Route auf gpsies.com

Wind-Fahrt in die Oberlausitz 2013

Man nehme ein wenig Kälte am Morgen, so knapp unter 0°C, dazu eine Dauer-Brise Wind von Südost, Stärke 4 genügt, das bläst so schön auf den freien Flächen und als kleines Sahnehäubchen ein paar Sturmböen Stärke 7 frontal oder seitlich, bei denen man man sich mal so richtig an den Lenker krallen darf.
Und schon wird aus der Genussfahrt ein wahrer Hammer, bei dem jeder Spaß aufhört.
Dabei waren die Hoffnungen auf eine Herbsttour bei Sonnenschein und herrlichster Laubfärbung vor den Kegelbergen der Lausitz so groß.

Freitag, 04.10.2013
In der Nacht vor der Tour habe ich kaum geschlafen, ich war absolut nicht müde. Zudem kreisten die Gedanken um die Route. Sollte ich in der Dunkelheit am Morgen besser die ruhige Variante durch den Wald über Zeititz oder die B6-Variante über Machern wählen?
Wie stark würde der Wind sein? In der Lausitz waren stürmische Böen von Südost angesagt. Wäre es besser, vielleicht im Zug bis Riesa zu fahren und dann erst aufs Rad zu steigen?! Die Tour in entgegengesetzter Richtung hatte ich verworfen – wenn ich mit dem Zug bis Zittau fahren würde, wäre ich erst halb neun dort – ziemlich spät für eine längere Tour. Zudem wäre es a) – weil zu früh -> kein Sachsen-Ticket – wesentlich teurer und b) wollte ich die sich steigernden landschaftlichen Höhepunkte während der Fahrt genießen.
Halb fünf, nach zwei Stunden Schlaf, stehe ich dann endlich auf.
Kalt ist es, finster ist es… 05.12 Uhr geht es los. Alles ist vorbereitet, so beschränkt sich jetzt das Ganze nur auf die nötigsten Verrichtungen.
Ich habe nun doch die Variante Bundesstraße B6 gewählt. Bis Machern ist das auch kein Problem, da gibt es einen guten Radweg. Aber von Machern bis Bennewitz erwartet mich dickster Berufsverkehr.
Sehr unangenehm, ich bin hier (hoffentlich ausreichend gut beleuchtet) ein gewisses Hindernis – das gibt den ersten stimmungsmäßigen Dämpfer heute. Ab Bennewitz wird es aber dann ruhiger und entspannter.
Kurz vor 6 Uhr ist schon die Mulde überquert, Wurzen, dann rollt es auf kleinen Straßen über Dornreichenbach bis Dahlen recht gut.
Abgesehen von der Kälte, die Wiesen sind reifbedeckt, fühle ich mich augenblicklich recht wohl… Im Osten zeigt sich schon die Morgendämmerung, bei Oschatz geht endlich die Sonne auf, das lässt auf etwas mehr Wärme hoffen. Der Südostwind, der bis dahin nur schwach wehte, frischt aber nun zunehmend auf, ist jedoch immer noch eine Weile ganz gut auszuhalten.
Riesa, Baustelle, dank „Armin“ ist es jedoch kein Problem, sich hier irgendwie durchzuwurschteln und bis zur Elbebrücke zu kommen. Kurz nach 8 Uhr überquere ich die Elbe.
Nun weiter in Richtung Nünchritz – hier auf dem Elbedeich weht es schon ziemlich heftig. Aber was solls – die Sonne scheint, es gibt kaum Wolken, das Licht ist klar und die Farben intensiv. So wie gewünscht…
Die erste Rast mache ich nun im Dörfchen Moritz am Fluss (08:30 – 08.40 Uhr, 70,06 km, 2:55:59 Std.).
Von Nünchritz geht es hinüber nach Großenhain. Da ich nicht richtig auf die Karte gesehen habe und keine Ahnung habe, wo mich die Radwegweiser hin schicken wollen, drehe ich eine kleine Ehrenrunde und darf den bösen kleinen Stich am Ortsausgang zweimal absolvieren.
Danach sehe ich nicht mehr allzuviel von der ohnehin recht öden Landschaft mit ihren riesigen Feldern. Der nun frontal von vorn wehende Wind wird immer stärker und ich mache mich immer kleiner hinter dem Lenker. Wegducken, dem hässlichen Gebläse so wenig wie möglich Angriffsfläche bieten…
Großenhain – und weiter südostwärts gen Radeburg. Die Entfernungen sind nicht so riesig, aber da ich nun schon auf 19 km/h ausgebremst über die Straßen schleiche, dauert es eine Weile, ehe ich dort ankomme. Nun wird es landschaftlich auch etwas schöner. Es ist 10 Uhr, die ersten 100 km sind absolviert. Hinter Ottendorf-Okrilla mache ich die nächste Pause (10:45 – 10:55 Uhr, 115,98 km, 4:58:42 Std.), dann geht es erstmals richtig bergauf nach Radeberg.
Der Wind weht permanent heftig, dazwischen stark böig von vorn oder von der Seite – Klasse.
Radeberg – die Durchfahrt ist kein Problem, bis Arnsdorf fährt es sich nun wieder nur im Schleichtempo. So richtig Spaß macht das gerade nicht und auch als ich ein paar Kilometer weiter auf kleiner Straße östlich an Stolpen vorbei strample, habe ich keinen Blick für die stattliche Burg. Allmählich setzt sich auch ein Gefühl von Zeitdruck im Nacken fest. Wenn ich so langsam weiter fahre, ist die Tour bis Zittau überhaupt zu schaffen? Es sind nach Planer noch ca. 70 bis 80 Kilometer, das ist nicht weit, unter normalen Umständen sind die in 3 Stunden zu schaffen. Aber nach Heeselicht geht es nun stetig wieder bergauf, im Osten sehe ich schon den Unger, ich muss, die Kräfte lassen einfach zu stark nach, eine kleine Pause einschieben, dann drückt mich der Wind plötzlich mitten auf die Straße und ich kann nix dagegen tun.
Oberhässlich! Gibt es da nicht auch ein Dorf gleichen Namens in der Dresdner Umgebung?
Heeselicht – vorbei am „Erbgericht“ und bergauf. Mit unserer Gruppe war es zum letzten Jahreswechsel doch eine wirklich schöne Wanderung hierher.
Das Polenztal, tief eingeschnitten, relativ moderat geht es aber auch wieder hinaus, nach Cunnersdorf. Wenn nur der Wind, der mich von oben den Berg wieder herunterdrücken will, nicht wäre! Windstärke 3-4 soll das sein?
Als sich schließlich von der Höhe oben der herrliche Blick bis hinein in die Sächsische Schweiz weitet, bin ich nahe daran, die Route spontan zu ändern und über Hohnstein nach Bad Schandau und von dort mit ein wenig Rückenwind an der Elbe entlang nach Dresden zu fahren.
Übrigens sehen die Fotos von hier oben schön verwackelt aus, bei den Böen kann man einfach nicht still halten.
Ich weiß nicht, was mich plötzlich treibt, nach der kurzen Überlegungspause nun doch nach Ehrenberg hinab zu rollen. Drüben der Unger, unweit ist Krumhermsdorf – bald ist es wieder so weit…
Und nun, im Tal ist es windgeschützt, fährt es sich plötzlich wie von allein. Nur der Stich nach Ulbersdorf hinauf macht mir mit meinen nur noch sehr begrenzten Restkräften etwas zu schaffen. Also Pause oben!
(13:34 – 13:45 Uhr, 161 ,42 km, 7:21:36 Std.)
Der Tanzplan sieht gewaltig aus, eigentlich ist es sehr schön hier.
Ins Sebnitztal hinab gibt es anschließend eine schöne Schussfahrt, dann bin ich Minuten später in Sebnitz, mit „Armin“ ist die Durchfahrt schnell erledigt.
Ein Blick auf die Uhr, 14:06 Uhr überquere ich die Grenze nach Dolni Poustevna nach ca. 170 Kilometern.
Böhmen – die Gartenzwergbuden…
Wind ist jetzt wenig. Ein Glück – nun kann ja auf den letzten 45 Kilometern in knapp drei Stunden nicht mehr viel passieren. Unter besseren Umständen würde ich nun sicherlich auch diesen Anstieg etwas entspannter hinauf fahren können.
Bis Vilemov geht das gerade so noch gut. Doch am Ortsausgang von Vilemov steige ich dann doch lieber ab und schiebe den für mich jetzt zu steilen Berg hinauf. Ich kenne mich und die entsprechenden Signale, die der Körper aussendet. Krämpfe will ich keine riskieren.
Oben langsam weiter, Mikulasovice – Nixdorf, lang gestreckt, die Straße steigt immer noch permanent an. Wieder spüre ich, wie die Kräfte dermaßen nachlassen, dass ich kaum vorwärts komme. Westlich der Höhenzug Wachberg-Tanzplan…
Kurze Pause – Trinken…
Weiter, wieder nur wenige Kilometer Schinderei, an einer Kapelle auf einer Wiesenanhöhe im Wald die nächste Pause. Hier ist es nun so, wie ich mir es wünschte, buntes Laub an den Bäumen, Kühe auf derWiese, Berge. Böhmische Idylle.
Aber im Augenblick geht es mir nur darum, irgendwie noch ein paar Körner zusammen zu kratzen, damit ich hier weiter komme. Eigenartigerweise geht es mir nicht schlecht oder elend, es ist einfach nur keine Kraft mehr da. Vermutlich machen sich aber nun auch die schlafslose Nacht und der Magen-Darm-Infekt der letzten Woche noch bemerkbar.
Das Powergel, das schon seit Jahren sein nutzloses Dasein im Schrank fristete, bringt nun tatsächlich so etwas wie ein wenig Schwung. Mir ist zwar bewusst, dass der nicht lange anhalten wird, doch ein Stück weiter komme ich nun sicher. Aber der Blick auf die Uhr und die Hochrechnung anhand der letzten Stunden lässt nun berechtigte Zweifel aufkommen, ob der Zug 17.21 Uhr in Zittau zu schaffen ist. Schade eigentlich, dieser Druck…
Vielleicht ist es wirklich besser, künftig zuerst den Zug zu nehmen, um diesen Zeitdruck zu vermeiden. Mit ein wenig mehr Zeit gäbe es keine Frage. Aber mit dem nächsten Zug wäre ich erst Mitternacht zu Hause. Das will ich auch nicht. Also entschließe ich mich, nicht über Krasna Lipa an Jedlova und Tolstejn vorbei zu fahren, sondern über Rumburk hinüber nach Neugersdorf zu wechseln. Das sind 15 Kilometer weniger, das wäre noch gut zu schaffen.
Dank des „Klebstoffs“ rollt es plötzlich nach Brtnicky – Zeidler wunderbar.
Der Wolfsberg – Vlci Hora, stattlich, sehenswert, dann ein Steilstück Schieben auf den nächsten Berg. Ich traue den 12%-Schildern nicht – das hier könnten gut und gern auch einige Prozente mehr gewesen sein. Nun locker weiter nach Rumburk über die Höhen… Im Süden zeigen sich die Kuppen von Jedlova, Finkenkoppe und Lausche über der Anhöhe. Schade – wirklich.
Ich weiß nicht, ob ich mir die Anfahrt über Großenhain noch einmal antun möchte, da gibt es sicher auch elegantere Möglichkeiten, aber dort hin, in diese herrliche Berglandschaft will ich auf jeden Fall wieder einmal.
Rumburk – kein städtebauliches Highlight, dann kurbele ich noch ein Stück aus der Stadt heraus, nehme mir die Minuten, um noch einmal zu den Lausitzer Bergen hinüber zu schauen und zu fotografieren, ehe es nach Osten aus Böhmens Schluckenauer Zipfel wieder hinüber nach Deutschland geht. Neugersdorf gegen 15:45 Uhr.
Nach kurzer Abfahrt kehre ich im ersten Edeka-Markt an der Straße ein. Eine Cola, ein Hefeweizen und eine Tüte Haribo… Dazu vom Bäcker ein Stück Torte und kurze Unterhaltung mit einer älteren Dame, die offensichtlich jeden Tag hier verbringt und ihre Späßchen mit den Leuten macht.
Der Bahnhof ist auch nicht mehr weit.
Nach „Armin“ sind es nun 195 Kilometer, nach Fahrradcomputer 200,95 km. Aber völlig egal.
Nach den ersten Schlucken aus der Cola-Flasche sind plötzlich längst verloren geglaubte Lebensgeister wieder da.
Beim Blick auf den Fahrplan stelle ich fest, dass ich sogar einen Zug früher erwische – die Schaffnerin auf der Fahrt nennt mir den Anschluss in Dresden, da bin ich eine Stunde eher zu Hause. Auch nicht schlecht.
Nach Dagis SMS gibt es Nudeln! Klasse – genau das Richtige heute nach dieser (Tor-)Tour!
Wäre da nicht doch noch Zittau gegangen? Schwer zu sagen. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren kräftemäßig so eingebrochen zu sein. Das letzte Mal muss 2007 gewesen sein.
Dieses Mal habe ich es zumindest insofern richtig gemacht, auf den Körper zu hören und rechtzeitig gegenzusteuern. Nur so ist es gelungen, dass es mir jetzt im Prinzip sehr gut geht.
Schön war es nicht – aber selten. Und vor allem! Gleich gibt es Nudeln 🙂
202,50 km, 9:34:25 Std., 2100 Höhenmeter

Berlin-Tour 2013

Samstag, 10.08.2013
Halb fünf klingelt der Wecker.
Und es ist wieder einmal faszinierend und erstaunlich, wie ausgeruht und gut ich mich trotz des gestrigen 200ers fühle. Tatsächlich hat sich in den vergangenen Stunden Ruhe der Körper so weit regeneriert, dass es viertel sechs nach dem Frühstück kein Problem ist, wieder aufs Rad zu steigen. Die kritischen Stellen im Sitzbereich habe ich gestern Abend schon mit Panthenol und heute Morgen mit Sitzcreme versorgt, auch da ist derzeit Ruhe.
Draußen ist es noch dunkel, heute brauche ich wirklich Licht.
Der Himmel ist nur leicht bewölkt, deswegen ist es jedoch auch wesentlich kühler als gestern früh. Aber zumindest wird nachher die Sonne schnell für Helligkeit und Wärme sorgen.
Die ersten Kilometer fahre ich nun mit Beinlingen und in Regenhaut, die auch hervorragend die Morgenkühle und den Fahrtwind abschirmt.
Brandis, Zeititz, im Osten wird es hell, die Wolken färben sich rötlich, orange.
In Wurzen an der Mulde nach einer dreiviertel Stunde halte ich dann kurz, um ein Foto zu machen.
Es ist noch wenig Verkehr auf den Straßen, so dass die ungeliebte Stadtdurchfahrt entspannt vonstatten geht. Auch diese Route bis Dahlen bin ich häufig gefahren, aber heute rolle ich direkt in die rote Morgensonne hinein. Und das sorgt für eine ungemeine Euphorie, dieses Gefühl kann man nur schwer beschreiben, das Ganze läuft wie in einem schönen Film ab.
On the Road again – das muss ich mal hier loswerden – so isses jetzt!
Dazu der weiße Nebel auf den Wiesen, die Silhouetten der Baumgruppen und Wäldchen, die stillen Dörfer, rote Dächer, spitze Kirchtürme – was für ein Kitsch (?) – und trotzdem einfach schön, weil es eben kein Kitsch sondern die Realität in diesen Momenten ist.
Entsprechend beflügelt rolle ich nach Osten, allerdings spüre ich bei den kleinen und giftigen Anstiegen schon die schweren Beine. Ein wenig steckt mir der gestrige Tag noch in den Knochen. Aber es rollt, der auflebende Wind weht von Südwest, besser geht es nicht. Auch die Strecke entlang der Dahlener Heide ist bei diesen Bedingungen einfach nicht zu toppen. Abwechselnde Abschnitte in Wald und über die Hügel, von denen man einen traumhaften Blick übers Land genießen kann.
Nach 47 Kilometern mache ich dann bei Olganitz gegen 7.15 Uhr die erste kurze Pause. Überziehen darf ich im Überschwang der Gefühle jetzt auch nicht. Und wenn das mit den Hügeln so weiter geht, bekomme ich doch kleine Zweifel, ob ich die heute durchhalte.
Die Elbe wird 7.50 Uhr nach 60 Kilometern erreicht, über die moderne neue Brücke kommt man gut nach Mühlberg ins Brandenburgische hinüber. Die Radwegführung ist hier nicht ganz nachvollziehbar, über einen unsinnigen Bogen auf Schotterwegen komme ich nur wenige Meter von der Stelle entfernt auf die gleiche Straße in Richtung Bad Liebenwerda zurück. Der Verkehrsplaner war mit Sicherheit kein Radfahrer.
Nun sorgt endlich auch die Sonne für Wärme, so dass ich Jacke und Beinlinge ausziehen kann.
Trotzdem wird man irgendwie den Eindruck nicht los, dass der Sommer seinen Höhepunkt überschritten hat und dem Ende zugeht. Die Straßen sind jetzt völlig flach, es fährt sich leicht, entspannt und zügig. Vor Bad Liebenwerda lauert eine kleine Umleitung von 3 Kilometern, na gut, die stecke ich im Augenblick noch locker weg.
Bad Liebenwerda, ca. 80 Kilometer.
„Armin“ lotst mich sicher auf Schleichwegen am Zentrum vorbei und nachdem die Schwarze Elster überquert ist, befinde ich mich, noch ehe ich michs versehe, schon wieder am Stadtrand und fahre weiter gen Doberlug-Kirchhain.
Es geht nun auf kleiner Straße kilometerweit durch Heidewälder, die Route ist wirklich gut, die müsste ich mir für eine neue Cottbus-Ausroll-Tour merken.
Drohende Warnschilder in Tröbitz, die Durchfahrt durch Schönborn soll gesperrt sein, ich riskiere es trotzdem, denn eine Umleitung wäre hier zu weit und langwierig.
Aber halb so wild, dieses Mal komme ich mit dem Rad dort gut durch – die Baustelle ist für den Linienverkehr frei gegeben – da bin ich doch heute gern einmal Linienbus 😉
Etwas später wird Doberlug-Kirchhain erreicht – die Radwegepflicht in Deutschland ist gerade hier, als ich hinter den etwas langsameren Radlern herbummeln muss, sehr lästig. Na mäg…
Das Schild „Luckau – 29 km“ bessert die Stimmung aber rasch wieder auf.
Am Rand der kleinen Stadt mache ich bei Kilometer 102 die nächste Pause. Es ist gegen 9:30 Uhr, ich liege gut im Rennen, die Bedingungen sind aber auch ideal. Es ist nicht zu heiß, es weht ein leichter, unterstützender Wind… Wie ich bei Gegenwind heute aussehen würde, wage ich jetzt nicht zu beurteilen. Weiter geht es.
Nun schwenkt die Route auf winzigen Landstraßen, ungefähr parallel zur Bundesstraße 96 verlaufend, nach Norden ein. Es gibt ein paar Schlenker und Kurven mehr, aber dafür ist es hier wesentlich ruhiger und angenehmer zu fahren. Wald, Wiesen, Felder, Pferdekoppeln, idyllisch… Man kann den Spreewald fast schon riechen.
Ein Stück vor Luckau geht es plötzlich steil abwärts. Es scheint hier wie eine gewaltige Kante zu sein, über die das Heideplateau sich in die Spreewaldniederung absenkt.
Und durch Luckau selbst oder verkehrsberuhigt daran vorbei lotst mich nun wieder zuverlässig der liebe „Armin“.
Auf dem Sträßchen nach Kasel-Golzig überlege ich nun, ob ich Günter anrufe. Jedoch traue ich mich nicht so recht abzuschätzen, wie lange ich noch bis Krausnick benötige.
Es kann nicht mehr weit sein, 130 Kilometer sind gefahren, laut Planer sind 160 veranschlagt – doch es können auch 170 werden – das ist im Augenblick nicht so richtig klar. Also abwarten, weiter fahren.
Ein wenig müde werde ich nun aber. Auch die endlos scheinende geradeaus führende Straße macht nicht unbedingt munterer.
Die Landschaft ist idyllisch – immer noch – sehr flach, sehr wald- und wiesenreich.
Und dann ist Kasel-Golzig schneller erreicht als gedacht, es war gar nicht mehr soo weit. Kasel-Golzig – das liegt auf der Route des Spreewaldmarathons, bis hierher brauchen wir im April in der Gruppe in entgegengesetzter Richtung aus Lübben vielleicht eine halbe Stunde.
Im Prinzip kann ich mir nun Zeit lassen, es ist noch nicht einmal Mittag. Die Dörfchen bis Lubolz inkl. Kopfsteinpflastereinlage sind mir aus den Spreewaldmarathon-Teilnahmen bestens bekannt. Mit dem Speeder T3 und den 32er-Reifen lässt sich das Pflaster jedoch wesentlich besser als mit dem Rennrad befahren. Lubolz – was für ein Gefühl.
Vor einer Woche noch bin ich hier auf einer Morgen-Rad-Runde im Urlaub durchgefahren. Und nun sitze ich hier auf dem Dorfplatz, pausiere, esse, trinke und rufe Günter an. Mich erwarten noch 8,5 km schönsten Radwegs bis Krausnick durch den Wald.
Günter ist aber noch ein ganzes Stück entfernt, ich kann nun wirklich bummeln.
Kraniche sehe ich heute kurz vor Krausnick zwar keine, aber der Blick auf den stattlichen, über dem Ort thronenden Wehlaberg ist auch schön.
Krausnick – es ist ein tolles Gefühl, hier wieder auf der Straße durch das Dorf zu rollen, es ist wie eine Verlängerung des Urlaubs. Die schönen Erinnerungen sind noch sehr frisch.
Dann warte ich im Ort unter der Dorflinde.
Günter trifft eine halbe Stunde später gegen 12:50 Uhr ein. Er ist schnell gefahren, ist noch auf Hochtouren…
Und auf meinem Fahrradcomputer stehen, als wir auf der Terrasse des Landhotels am Wehlaberg die Hefeweizen und das gute Essen genießen, 168 Kilometer.
Halb zwei dann Aufbruch, nun hat sich doch Müdigkeit breit gemacht, schön wäre es, hier jetzt bleiben zu können.
Auf Sandwegen geht es nun am Wehlaberg vorbei – Günter mit dem Mountain Bike donnert die Sandspur entlang nach Groß Wasserburg hinüber und dort auf kleiner Straße durch Köthen nach Märkisch Buchholz. Ich spüre schnell, wie fit er ist, er ist mir zu schnell, selbst auf den Treckerreifen rast er vornweg und muss ab und zu abbremsen, damit ich wieder heran komme.
Dazu die kleinen Anstiege hier im Wald – na da! Märkisch Buchholz – zum Glück gibt es hier eine Eisdiele – auf Grund seiner großen Schwäche für Eis bekomme ich hier eine Gratispause 🙂 ehe es im tollen Tempo weiter geht.
Wir fahren nun eine wunderschöne Strecke durch die ausgedehnten Wälder im Südosten von Berlin, immer auf dem Dahme-Radweg entlang – doch ich habe kaum Augen dafür, weil ich an Günter dranbleiben muss und selbst schon eine ganze Weile lang die Übersicht verloren habe. Zudem muss ich mit den schmalen Reifen des Speeders doch darauf achten, nicht zu stürzen.
In Prieros gibt es aber zu meiner großen Erleichterung wieder eine Eisdiele :-)) Pause, Verschnaufen, Eis genießen! Weiter im rasanten Galopp durch die Wälder…
Allmählich melden sich nun auch meine kritischen Zonen im Sitzbereich…
Als wir dann gen Königs Wusterhausen rollen, sehen wir im Westen eine tiefschwarze Wolkenwand aufziehen.
Ich habe den Eindruck, Günter wird noch ein wenig schneller, er will vermutlich dem Unwetter entkommen. Doch wir sind zunächst gezwungen, diesem kilometerweit entgegen zu fahren, ehe wir in KW wieder nach Norden abschwenken.
Und auf dem Funkerberg erwischt es uns dann dicke. Glücklicherweise gibt es hier oben am Sendemast einen verfallenen Schuppen, wo schon Andere stehen und den folgenden Regenguss abwarten. Einen theatralischen Blitz und einen Donner gibt es auch, doch das Gewitter(chen) ist rasch nach Osten abgezogen.
Und uns sitzt ein wenig die Zeit im Nacken – Grillen ist ja auch noch angesagt – also fahren wir, als der Regen nachlässt weiter. Es ist kalt und nass – ungemütlich – geworden.
Der Berliner Ring, Walthersdorf, der Rand von Berlin…
Stark befahrene Straßen, Kopfsteinpflaster, sandige Radspuren am Straßenrand – es ist alles dabei.
Und auf diesem Abschnitt werde ich den Eindruck nicht los, dass mir Radfahren in Berlin nicht so den rechten Spaß machen würde. Zu lang sind die Wege aus der Stadt heraus und zurück, zu schlecht sind die Bedingungen für die Radler hier.
Ziemlich nass erreichen wir dann schließlich gegen halb sechs unser Ziel.

237,61 km in 9:36:08 Std. Nettofahrtzeit, 830 Höhenmeter.

Soviel zur Statistik.
Es ist mehr geworden als erwartet, aber – es gibt keinerlei unangenehme Nachwirkungen…
Hunger und Durst sind groß – das erste Bierchen verdampft quasi und bei den Original Thüringer Rostbratwürsten und Steaks können wir nun auch ordentlich zulangen.
Toll… Zweihunderter im Doppelpack…
Fortsetzung folgt… (?)

Die Route auf gpsies.com

Saale-Elster-Tour 2013

Freitag, 09.08.2013

In der Nacht habe ich erst spät und dann ziemlich mies geschlafen. So bin ich am Morgen ein wenig wie gerädert, als ich mich halb sechs aus den Federn quäle. Meine Mädels können noch ein wenig schlafen, sie wollen heute nach Babelsberg. Abends fahren sie dann hinüber nach Berlin, wohin ich dann morgen per Rad folgen werde.
Frühstück, alles ist vorbereitet, dann kann es losgehen.
Ein Blick nach draußen, trübe bedeckter Himmel – aber es regnet nicht. Nur etwas dämmrig ist es.
Doch bei der Abfahrt 6.17 Uhr genügt die vorhandene Helligkeit, um ohne Licht zu starten.
Bis zum Cospudener See, an der Elsterbrücke Ritter-Pflugk-Strasse, wo wir uns 7 Uhr treffen wollen, muss ich mich nun gewaltig sputen, Steffen wird schon warten. Und es ist doch etwas spät geworden. Auf dem neuen Merida Speeder T3 rollt es fast wie auf dem Rennrad, auch hier ist ab und zu ein recht entspannter 30er-Schnitt drin. Trotzdem ist es zehn nach sieben (ca. 24 km), als ich am Treffpunkt ankomme.
Steffen ist bereits da, aber er wartet zum Glück noch nicht lange. Na dann auf…
Er gibt zu Anfang mächtig Gas, ich will da lieber nicht bremsen und ihm meinen langsameren Stil aufdrücken. Wir rollen also zügig in Richtung Westen – auf gewohnter Strecke über Knauthain, Starsiedel bis Weißenfels.
Steffen kennt den Saaleradweg ganz gut, so fädeln wir uns also in Weißenfels darauf ein und dann radeln wir lange Zeit direkt am Fluss entlang. Da es hier keine nennenswerten Steigungen gibt, kommen wir auch hier gut voran. Und der Weg ist sehr schön, ich war hier noch nie, fuhr bisher immer Straße, und muss sagen, ich bin begeistert von der schönen Landschaft.
Kurz vor Naumburg ist die erste Pause angesagt, wir haben ca. 70 schnelle Kilometer in den Beinen – doch alles ist im grünen Bereich.
Der Saaleradweg ist nicht durchgehend asphaltiert, gut, dass wir auf den „normalen“ Rädern unterwegs sind, das geht auch auf Sand und Schotter. Doch vom Juni-Hochwasser, welches gerade hier extrem schlimm war, sind keine Spuren mehr zu sehen.
Der Blütengrund, die Unstrut-Mündung, am anderen Flussufer Weinhänge, durchsetzt von Muschelkalkfelsen. Das ist einfach schön und sehenswert.
Bad Kösen, dann drüben die Rudelsburg und Burg Saaleck, das letzte Mal war ich auf dem Vorbereitungs-300er für die Ostseetour 2008 hier. Nun weiter auf der Straße bis Großheringen, von wo wir der Ilm im idyllischen Tal bis Bad Sulza und weiter bis Obertrebra, kurz vor Apolda, folgen.
Es trübt sich leider immer mehr ein, ein wenig Sonne wäre schön.
Aber na ja… Die letzten Hitzetage waren auch nicht besonders gut zum Langstreckenradfahren.
Die Gegend hier ist mir noch bekannt vom Hochzeitstagswochenende 2006, welches wir in Bad Sulza verbrachten. Damals fuhren wir zu Viert fast die gleiche Strecke.
Am Ortsausgang von Obertrebra ist kurze Pause angesagt, Steffen muss an der Tanke Wassernachschub kaufen.
Dann geht es nach 95 Kilometern endlich bergauf. Und das richtig.
Das Sträßchen bringt uns auf den nächsten zwei Kilometern schnurgerade von ca. 150 Metern auf 350 Meter Höhe. Aber mit dem richtigen Gang und der richtigen Frequenz stellt das an sich kein Problem dar. Steffen hat jedoch massive Probleme mit dem linken Knie, er muss sich viel Zeit lassen. Doch was solls – Zeit haben wir genug – nur keinen sinnlosen Stress.
Während ich oben warte, kann ich im trüben Dunst kann bis zum Ettersberg gucken.
Oben auf der Saaleplatte angekommen, geht es nun wellig über die Höhe und durch verschlafene thüringische Dörfer hinüber nach Dornburg.
Dort, direkt an der Abbruchkante zur Saale hinab, an einem der kleinen feinen Schlösser, machen wir die nächste Rast. Wir haben nun ca. 110 km zurückgelegt, es ist frühe Mittagszeit.
Um uns herum ist Einiges los, im Schlossgarten lässt sich gerade ein Brautpaar fotografieren und dann spricht uns noch ein älterer Herr an, von dem wir in wenigen Minuten auch eine Menge Dinge aus seinem Leben erfahren. Seine Frau hat sich heimlich zurück gezogen und lässt ihn schwätzen. Na ja…
Nach der Pause folgt eine rasante Schussfahrt sehr steil hinab ins Saaletal, die die Bremsen stark fordert, denn mir sitzt schon ein wenig Angst vor einem erneuten Sturz im Nacken. Riskieren will ich lieber nix. Also muss dieses Mal Steffen unten auf mich warten.
Dorndorf, ein paar Kilometer nordwärts auf stark befahrener Bundesstraße und dann sind wir froh, endlich wieder auf die Nebenstraßen zu können.
Der folgende Anstieg führt aus dem Saaletal von 150 Meter zunächst recht seicht, dann aber zunehmend steiler werdend durch ein schönes bewaldetes Tal bis Wetzdorf, wo wir wieder 350 Meter Höhe erreichen.
Weiter geht es dann auf einer leider wieder recht stark befahrenen Straße im permanenten Auf und Ab in Richtung Hermsdorf. Etwas entfernt kann man östlich die A9 erblicken, einige Zeit später
nach einem noch einmal sehr heftigen Stich wechseln wir auf einen Fahrweg im Wald und queren die Autobahn kurz vor Bad Klosterlausnitz.
Leider bricht hier die Lenkerbefestigung meiner Kamera. Aber es hat zu regnen begonnen, also nicht schade, dass ich nun mit dem Filmen aufhören muss.
Bad Klosterlausnitz, der letzte (?) Anstieg, dann ist das Mühltal gut ausgeschildert und wenige Minuten später sitzen wir auf der mit einer Plane überdachten Terrasse an einer Mühle und gönnen uns ein Hefeweizen. Kühl ist es hier oben, zudem regnet es ab und zu recht heftig.
Schade…
Es ist ca. 14 Uhr, ungefähr 135 Kilometer sind absolviert.
Durch das Mühltal und auf dem Radweg bis Hartmannsdorf rollen wir im Anschluss sehr zügig, Steffen kennt auch den Elsterradweg, den wir kurz darauf nehmen und damit die Bundesstraße vermeiden können.
Allerdings hat es dieser Weg auch in sich, der führt nicht direkt am Flüsschen entlang, sondern nimmt jeden kleinen Querkamm mit. Die Gegend ist sehr schön, bei Sonne sicher noch viel schöner, aber nach über 150 Kilometern reicht es heute langsam.
Zeitz, eine offensichtlich sterbende Stadt – Ruinen, trostlose Straßenzüge… Oder sieht das in anderen Stadtvierteln besser aus.
Kurzer Getränkekauf vom Steffen am Stadtrand, dann fahren wir in Richtung Groitzsch weiter. Und in Könderitz trennen wir uns schließlich gegen halb vier bei Kilometer 173.
Steffen radelt via Groitzsch und Pegau an der Elster weiter, ich fahre über Lucka, Ramsdorf, Deutzen.
Die Gegend ist hier trostlos, grau, trübe, schmutzig, ebenso nagt das nieselige Wetter an meiner Laune. Außerdem bin ich die Strecke oft gefahren, es gibt keine Ablenkungen oder Überraschungen, sondern nur noch den zunehmenden Kampf und Krampf, das Ding zum Ende zu bringen.
Physisch geht es mir gut, aber die Motivation leidet enorm.
Und morgen die Berlin-Tour! Was soll das werden?! Habe ich mich da ein wenig überschätzt?!
Lobstädt, Eula – kurze Rast im Bushäuschen, Thierbach, Oelzschau – es riecht nach Heimat. Der Regen hat zum Glück aufgehört.
18.05 stehe ich schließlich wieder vor der Haustür, hier hat es scheinbar gar nicht geregnet.
Auf dem Fahrradcomputer stehen 239,17 km in 9:48:30 Std. Nettofahrtzeit.
Das ist inkl. der Bergeinlage für meine Verhältnisse ganz ordentlich auf dem „Normal“-Rad.

Die Ostsee-Tour 2013

Wenn unsere Tochter nicht ihr Praktikum in Grömitz absolviert hätte und wir hätten sie nicht am 21.06.2013 abholen müssen und Dagi hätte nicht die Idee gehabt, dass ich doch an die Ostsee mit dem Rennrad…
Dann wäre diese Tour vermutlich nicht zustande gekommen.

Vorgeschichte
Nach dem Katzen-Crash im August 2012 hatte ich Touren über solche Distanzen eher nicht mehr in der Planung. Aber versuchen könnte man es ja trotzdem mal, denn die beiden 200er gingen ja recht gut. Und wenn nicht, dann würde ich eben abbrechen und ins Auto steigen.
Am 10.06.2013 passierte mir dann jedoch erneut ein größeres Missgeschick.
Wegen zwei Skatern, die mir die Vorfahrt nahmen, musste ich eine Vollbremsung machen, stieg mit Salto über den Lenker ab, fiel erneut auf die „kaputte“ Schulter und hatte die Freude, meinen D-Arzt am Tag darauf wieder zu sehen. Der schien nicht so begeistert über die Tatsache, dass die Schulter wieder beteiligt war, machte eine Röntgenaufnahme, aber – zum Glück war wirklich nichts gebrochen oder verschoben. Nur mit den langwierigen Folgen der Rippenprellung musste ich nun irgendwie leben. Sehr ärgerlich – nur zwei Wochen vor der großen Tour.
Mit dieser Ungewissheit baute sich nun also eine gewisse Spannung auf, denn die Prellung ließ in diesen Tagen nur Radfahren im Schongang zu. D.h. das Fahren ging recht gut, aber jede Unebenheit machte sich sehr unangenehm bemerkbar und Auf- oder Absteigen oder Anfahren waren auch jedes Mal recht schmerzhaft.
Noch wenige Tage vor dem 21.06. hatte ich das Gefühl, dass überhaupt keine Besserung eintrat. Aber schlimmstenfalls bliebe eben das Auto.
Weitere Unsicherheiten entstanden nun auch durch die katastrophale Flut in Mitteldeutschland.
Anfang Juni hatte es wieder einmal sehr ergiebig in Ost- und Südost-Deutschland geregnet. Dazu kamen die vom langen feuchten Winter noch gesättigten Böden, die das Wasser nicht mehr aufnehmen konnten.
Und nun transportierten Moldau, Mulde, Saale und Elster ungeheure Mengen Wasser in die Elbe. Das Ganze nahm dramatische Formen an. Das sächsische Elbtal, Döbeln, Grimma, der Raum um Bitterfeld wurden nach 2002 erneut schwer getroffen und sogar Leipzig befand sich tagelang im Katastrophenzustand. Nicht davon zu reden, dass auch bei uns die Parthe für ein Hochwasser sorgte, welches schlimmer als das von 2002 war und bei dem die Flut erst ca. 5 m vor unserem Haus stehen blieb.
Die Wassermassen wälzten sich elbabwärts durch Dessau, Magdeburg, Hitzacker, Dömitz. Dömitz – da wollte ich nach erster Routenplanung die Elbe überqueren, nun aber wurde alles überflutet, die Gegend weiträumig abgesperrt. Erst am 19.06. gab man dort die Straßen wieder frei, es war äußerst ungewiss, wie der Zustand in dieser Region nun war.
Also plante ich wenige Tage vor der Tour kurzfristig um. Auf Grund der Katastrophe um Fischbeck im nördlichen Sachsen-Anhalt, wo ein Elbdeich gebrochen und fast 200 km² flaches Land und etliche Dörfer überflutet wurden, Sandau abgeschnitten, Havelberg unerreichbar war, würde ich nun parallel zur Route von 2008 über Rathenow, Rhinow, Kyritz, nach Pritzwalk fahren.
Wenn es denn die Prellung zulassen würde.
Und das war nun selbst bis zum 21.06. nicht klar, wie lange ich es überhaupt im Sattel aushalten könnte.

Freitag, 21.06.2013
Wie immer vor Touren in dieser Dimension habe ich kaum oder nur sehr unruhig geschlafen. Die Unruhe und Anspannung ist recht groß, auch wenn ich bislang der Meinung war, das ganze Unternehmen würde mich recht wenig aufregen.
Aber nach dem heftigen Unwetter mit Blitz, Donner, Sturm und Starkregen gestern Abend, während dem innerhalb einer halben Stunde 45 Liter Wasser/m² fielen und innerhalb einer Stunde unser Flüsschen schon wieder Hochwasserwarnstufe 2 erreichte, ist es schon spannend, wie es jetzt draußen aussehen würde.
Also stehe ich dann 2 Uhr besser mal auf. Und was meint die Prellung dazu? Zunächst geht es noch etwas schwerfällig, aber ich kenne jetzt auch die Möglichkeiten, mich entsprechend zu bewegen, um den Eindruck zu haben, es sei (fast) wieder alles in Ordnung 🙂
Gepackt habe ich gestern Abend schon, ich brauche es nur noch am Rad zu verstauen. Auch Capuccino und etwas zum Frühstück ist vorbereitet, ich will keine Zeit verlieren.
Und so sitze ich gegen 2.50 Uhr im Sattel.
Die Euphorie, die ich noch 2008 beim ersten Ostsee-Versuch spürte, fehlt mir völlig. In meinem Hinterkopf geistert immer wieder der Gedanke, welch ein Unsinn es doch ist, um diese Zeit, in der alle schlafen, schon durch die Gegend zu gondeln.
Doch nun geht es los – Ostsee, ich komme.
Die Straßen sehen gut aus, abgesehen von ein paar Zweigen und Pfützen erinnert nichts an das Gewitter vor ein paar Stunden. Es ist noch stockfinster und seeeehr still. Nur Johnny Cash im Ohr sorgt für ein wenig Abwechslung.
Wie schon so oft fahre ich zunächst über Panitzsch, Taucha, von dort nach Mutschlena – die Baustellenschilder vor Pönitz ignoriere ich, es wird schon irgendwie gehen. Und tatsächlich, es ist in Pönitz nur eine Straßenspur gesperrt, so dass ich problemlos und ohne Umweg durchfahren kann. Von Mutschlena führt anschließend der kürzeste Weg nach Krostitz. Meine gewohnte ruhigere und schönere Route über Reibitz, Löbnitz, Pouch ist derzeit nicht möglich. Die Muldeflut hat die Straße bei Löbnitz zerstört, der Fluss hat den direkten Weg in den Seelhausener See genommen.
Also geht es nun von Krostitz weiter nach Delitzsch – allmählich wird es heller, einen etwas gespenstischen Anblick bieten die sich lautlos im Dämmerlicht drehenden Windräder.
Delitzsch, weiter auf der B1 84, Umleitung! Prima – dieses Mal gehe ich kein Risiko ein und folge den Schildern – was mir nun aber ein paar Zusatzkilometer über Beerendorf beschert.
In Bitterfeld etwas später ist es dann schon fast hell. Es ist ziemlich bewölkt, ist auch ganz gut so, dann ist es wenigstens nicht so kalt, ich fahre schon seit dem Start in kurzer Hose und Trikot, die Jacke habe ich im Auto gelassen. Die Jacke werde ich heute Abend sicher brauchen, da ist es gut, wenn die nicht gleich nass geschwitzt wird.
Kurz vor Wolfen verfahre ich mich nun auch noch – das heißt auf deutsch – ich habe danach vier weitere Zusatzkilometer auf dem Konto. Gegen 4:56 Uhr die erste Rast – an der Deponie der Grube Antonie. (52,07 km, 2:06:42 Std.)
Der Wind hat jetzt in den frühen Morgenstunden schon richtig aufgefrischt – aber wenn er weiterhin aus Südwest weht, ist das sehr günstig für mich.
Die Umgebung ist trist, tatsächlich hat man Bitterfeld nur an der Goitzsche entsprechend aufgehübscht, hier im Westen und Norden der Stadt wirkt immer noch alles sehr trostlos. Auch auf der Weiterfahrt durch Wolfen und Bobbau hat man nicht unbedingt den überragenden Naturgenuss.
Zum Glück gibt es an der jetzt sehr stark befahrenen Bundesstraße einen guten Radweg, den ich benutzen kann. So komme ich mit Windverstärkung zügig bis Dessau.
Prellung? Alles still – hoffentlich bleibt das so. Dessau – die Radwege in der Stadt sind in demselben erbärmlichen Zustand wie seit Jahren, da hat sich nichts gebessert. So bin ich froh, als ich gegen 6.20 Uhr die Mulde- und Elbebrücke erreiche und auch schnell Roßlau hinter mich bringen kann.
Obwohl die Flut hier schon zweineinhalb Wochen her ist, stehen noch viele Wiesen und Wege in Flussnähe unter Wasser, das verfaulende Gras in der Elbaue bei Roßlau stinkt heftig. Die armen Menschen, die hier leben müssen.
Nun aber geht es endlich hinauf in den Fläming.
Wieder Baustellenschilder, zwischen Mühlstedt und Thiessen sei die Straße gesperrt. Ich überlege nur kurz, aber die Entscheidung ist recht einfach – für große Umwege habe ich keine Zeit und ich will auch keine zusätzlichen Kräfte, die mir später eventuell fehlen könnten, vergeuden. Also weiter, es wird schon gehen.
Und dann die Baustelle – eine Eisenbahnbrücke. Links und rechts ist der Bahndamm mehrere Meter hoch und hat sehr steile, schlammige Hänge. Da gibt es kein Hinüberkommen. Die Straße ist aufgerissen, unter der Brücke sehe ich eine große Wasserfläche. Was tun? Da kommt man mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mit trockenen Füßen durch. Anhand der Bauzäune schätze ich das Wasser aber nicht sehr tief. Wenn ich also an der Brückenwand entlang balanciere, könnte es klappen. Mit Rad und Schuhen in der Hand stapfe ich Sekunden später durch den Schlamm, schlängele mich um die Absperrung und mache den ersten Schritt ins Wasser. Na ja, nicht mal knöcheltief. Der zweite Schritt – upps, das Wasser reicht bis zurWade, der dritte Schritt – autsch – da wurde doch gerade die kurze Radlerhose nass.
Langsam und vorsichtig bewege ich mich nun durch das oberschenkeltiefe Wasser hinüber zur anderen Seite. Na ja, die Abkühlung ist wirklich nicht von schlechten Eltern.
Drüben dauert es dann ein Weilchen, ehe der Schlamm von den Füßen abgerieben ist und auch Kette und Schaltung sehen nach dieser Aktion nicht mehr unbedingt gepflegt aus. Aber Wasser gibt es hier genug, da kann noch einmal rasch nachgespült werden.
Nach diesem ersten Abenteuer schwinge ich mich nun wieder auf den Sattel – weiter gehts.
Doch die Straße durch den Wald bietet sofort ein neues Abenteuer. Es ist kaum ein richtiges Fahren möglich, der ganze Asphalt ist mit Akazienzweigen (hatten die nicht Dornen?! – aber ich denke, das waren eher die Robinien), ganzen Ästen, schließlich sogar umgestürzten Bäumen bedeckt. Welch einen Schaden hat das Unwetter hier angerichtet!
Erst einige Kilometer weiter bei Thiessen bessert sich der Straßenzustand wieder. Und hier ist auch wieder Autoverkehr. Hundeluft, Stackelitz – jetzt rollt es auch wieder sehr gut und zunehmend entspannt. Da auf dem Fahrradcomputer inzwischen 100 Kilometer stehen, gibt es in Stackelitz schließlich die zweite Pause. (07:10 Uhr, 102,17 km, 4:02:05 Std.)
Der Wind ist nun sehr kräftig, aus Südwesten drohen dunkle Wolken, hier scheint jedoch noch die Sonne. Wenn ich also den bisherigen Schnitt halten kann, könnte es gelingen, dem zu erwartenden Regen noch einige Zeit zu entkommen. Also genehmige ich mir nur 5 Minuten Pause, dann geht es weiter.
Wiesenburg, der höchste Punkt im Fläming ist erreicht, knapp 170 Meter hoch befindet man sich hier. Nun folgt die lange Abfahrt nach Ziesar. Alles bekannt, die Strecke habe ich mehrfach befahren, zum Glück hält sich der Auto- und Lastverkehr in Grenzen. Im Wald hinter Wiesenburg halte ich dann noch einmal kurz an – es ist kurz nach 8 Uhr, ich rufe Dagi an, die nun auch aufgestanden ist. Ein wenig euphorisch – ja, im Augenblick ist alles bestens (! ) teile ich ihr mit, dass sie sich Zeit lassen kann. Ich will die Mittagspause nicht wie geplant bei Rhinow (ca. km 200) machen sondern wir treffen uns erst zwei Stunden später kurz vor Pritzwalk weil es so gut rollt. Sie hat da ihre leichten Zweifel – nicht dass ich überziehe (! ) – aber sie akzeptiert meine Meinung – schließlich bin ich der Radfahrer und müsste es eigentlich am Besten wissen.
Also geplanter Treff gegen halb zwei bei Pritzwalk. Finde ich auch angenehmer, dann schon mehr als die Hälfte der Strecke absolviert zu haben.
Nun Fahrt nach Norden, nach Ziesar. Die Wind weht nun etwas unangenehm von der Kante, statt einfach zu rollen, muss ich kurbeln. Und dazu gesellen sich noch ein paar Regentropfen, nicht viel, zu Hause hat es da etwas stärker geregnet.
Ziesar, Rogäsen, Wusterwitz. Die nächste, sehr kurze Pause. (09:07 Uhr, 153,09 km, 05:49:50 Std.)
So richtig möchte ich es nicht wahrhaben, aber ich spüre die Beine schon. Hmmm… Wenn das hier schon losgeht, was soll das heute noch werden? Der Appetit hat auch spürbar nachgelassen, aber ich muss unbedingt essen!
Die Sonne scheint wieder, der Wind na ja, den kann man, wie schon des Öfteren praktiziert, auch ein wenig ausblenden. Auf der B1 geht es einige Minuten später, nachdem der Elbe-Havel-Kanal überquert wurde, straff gegen den Wind nach Westen. Es sind nur zwei Kilometer, aber das Tempo bricht ziemlich ein. Wenn ich nicht überziehen will, ist es jetzt höchste Zeit, dem Wind nachzugeben, mich an die Bedingungen anzupassen. Aber das fällt schwer, wenn ich den Klasse-Schnitt betrachte.
Aus irgendeinem Grund, vermutlich, weil ich das 2008 genauso falsch gemacht habe, nehme ich auch heute wieder die Auto-Schnellstraße nach Milow. Das führt prompt dazu, dass mich auf der autobahnähnlichen Ausfahrt ein etwas betagterer Verkehrsteilnehmer (wahrscheinlich mit Hut), dem ein paar PS mehr zur Verfügung stehen, laut und böse anhupt. Ich grüße den zwar freundlich, doch das wollte er jetzt sicher nicht von mir sehen. Doch die Schnellstraße endet schon nach zwei weiteren Kilometern. Auch Radwege gibt es hier – schön, das Vorankommen wird nun wieder wesentlich entspannter.
Der Himmel hier in Brandenburg mittlerweile blauweiß. Ja, ganz ehrlich, das gibt es nicht nur in Bayern. Kurz vor Premnitz überquere ich die Havel, ein gespannter Blick, nein, das Hochwasser ist bis hierher nicht vorgedrungen. Von Premnitz ist auf ebenfalls hervorragendem Radweg sehr schnell Rathenow erreicht. Der ist aber auch von wirklich lebenserhaltender Wirkung, der Autoverkehr auf der Bundesstraße ist heftig – für Radler sehr ungesund.
Zu Rathenow selbst würde ich mich einer Meinung enthalten. Ein größerer Ort mit zu starkem Durchgangsverkehr. Von den eventuell hier verborgenen Schönheiten bekomme ich direkt an der Haupstraße nix mit. Im Gedächtnis zu Rathenow bleibt mir lediglich der ältere Herr, der an der Ampel hinter mir steht und mich darauf hinweist, dass es nicht mehr grüner würde. Obwohl die Fußgängerampel noch Rot hat. Ich grüße ihn, indem ich ihm die Zähne und den (erhobenen Zeige-) Finger zeige. Ach – und von Rathenow bleibt mir übrigens auch noch die Erinnerung an den nachlassenden Stress, als ich endlich auf ruhiger Straße in Richtung Rhinow weiter fahren kann.
Jetzt ist wieder alles im grünen Bereich.
Die Landschaft ist sehr idyllisch, Wiesen, Getreidefelder, kleine Baumgruppen, Wälder, Hügel… Je weiter man nach Norden kommt, um so klarer scheint die Luft, um so kräftiger Licht und Farben zu werden. Weit ist das Land der Apachen…
Das Rhinower Ländchen verschafft mir noch ein paar Höhenmeter, erst nach Rhinow wird es wieder tellerflach.
Dafür kommt mir eine Kolonne vom THW entgegen. THW? Hochwasser? Hier, ca. 30 Kilometer von der Elbe entfernt?
Ich erinnere mich an eine Satellitenaufnahme, auf der zu sehen war, dass durch den Deichbruch bei Fischbeck, was ja nun eigentlich ziemlich weit weg ist, die Gegend bis hierher geflutet wurde. Na ich werde es sehen. Noch sind keine Sperr- oder Umleitungsschilder zu entdecken.
In Altgarz ist wieder Pause – hier wollte ich Mittag machen. Und irgendwie geht es mir nicht so richtig toll. Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass der Wind mich schob, dann habe ich mich vermutlich stark getäuscht und den Fehler gemacht, auf weniger günstigen Abschnitten das Tempo durchzuhalten. Nun liegt der Schnitt zwar ein ganzes Stück über 26 km/h, aber das nützt an sich nicht viel, denn ich bekomme nur einen Haferflocken-Ekel-Riegel hinter, mein Magen verweigert das halbe Steineckchen mit Salami. Und meine Vorfreude auf die Nudeln nachher ist auch stark eingeschränkt. (11:25 Uhr – 11:35 Uhr, 210,9 km, 7:54:19 Std.)
Vorsicht, wenn es heute nicht ein großes Fiasko geben soll.
Nach der Pause nehme ich ab Groß Derschau die ruhige kleinere Landstraße nach Kyritz. Das liegt nur noch 23 Kilometer entfernt, dann sind es auch bis Pritzwalk nur noch ca. 30 Kilometer. Das klingt doch schon wirklich gut.
Die Straße westwärts ist schön, eine richtig sehenswerte Allee mit alten Bäumen. Der Wind weht zwar frontal von vorn, aber man kann ja nicht alles haben 😉
Und dann glitzert es schon zwischen den Bäumen – hier im Land zwischen Dosse und Rhin erstreckt sich nach Westen zu eine gewaltige geschlossene Wasserfläche. Es ist schon entsetzlich, dass hier, weitab von der Elbe, wo man gar nicht mehr damit rechnen würde, das Hochwasser solche Spuren hinterlässt. Nicht auszudenken, was sich da in den noch weiter westlich gelegenen Dörfern abspielt!
Zernitz, dann ist bald Kyritz erreicht.
Kyritz hat einen netten kleinen liebevoll restaurierten Altstadtkern – weniger schön für mich, auch wenn das zum Stil passt, das Kopfsteinpflaster.
Aber keine Zeit, keine Zeit – die Mittagspause ruft. Auf der B1 03 verlasse ich rasch Kyritz, mit unangenehmem Kantenwind kurbele ich nun nach Nordwesten gen Pritzwalk. Zwischenzeitlich telefoniere ich noch einmal mit Dagi – Klasse, sie ist in Kyritz, hat Nudeln und geröstete Ente beim Chinesen gekauft und wird mich gleich überholen. Na das klappt doch!
Einige Kilometer später entdecke ich einen schönen stillen Waldparkplatz. Bis Pritzwalk sind es noch ca. 15 Kilometer, die muss ich eben nachher aufholen, jetzt will ich erst einmal nur noch Pause machen!
Dagi kommt kurze Zeit später.
Mittagspause – 13:30 Uhr – 14:30 Uhr – hier „verliere“ ich ein wenig Zeit, aber die Stunde brauche ich jetzt.
(252,60 km, 9:35:05 Std.)
Dagi profiliert sich innerhalb von Sekunden als beste Begleitfahrerin aller Zeiten, als sie den Regie-Klappstuhl auspackt und ich mich da hineinlegen kann. Genial…
Mit den Nudeln habe ich so meine Mühe, aber die Krönung ist die große Dose mit Erdbeeren, Melone und Banane. Das hilft! ! ! Und dazu ein Malzbier und ein Schluck Cola – Zuckerinfusion.
Als ich nach einer Stunde wieder auf dem Rad sitze, sieht die Welt schon viel besser aus.
Aufmeinen Wunsch haben wir die Pausenabstände nun auf ca. 40 Kilometer verkürzt. Das frisst zwar Zeit, aber ich hoffe, mich auf diese Art und Weise wieder etwas zu regenerieren.
Zumal auch der Wind stark und böig von der Kante weht. Besonders unangenehm ist das im Sog der Autos und Laster. Das permanente Gegensteuern und Balancieren fordert eine Menge Kräfte und auch der Kopf quittiert das Schlenkern und Rütteln mit einem leicht benommenen Gefühl.
Pritzwalk, die Durchfahrt ist zügig abgehakt, dann fahre ich weiter in Richtung Parchim. Dagi hatte mich inzwischen überholt. Ich bin überrascht, als wir in Putlitz kurz miteinander telefonieren, dass sie plötzlich hinter mir ist. Aber sie hat sich verfahren, musste an der Autobahn wenden, wurde freundlicherweise noch wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt und überholt mich nun zum zweiten Mal.
Die Ruhner Berge standen nun bereits auf der Höhenmeter-Rechnung, die überraschen nicht mehr so übel wie noch 2008, trotzdem ist es mühselig, auf 20 km/h ausgebremst dort hinauf zu schleichen. Die Abfahrt nach Suckow in die Talsenke hinab ist dann umso schöner und als dann Dagi an der Ecke steht, filmt und es gleich darauf lecker Kuchen im Bushäuschen gibt, scheint die Sonne gleich noch heller!
Suckow, hier rasteten wir auch 2008.
(16:05 Uhr – 16:25 Uhr, 290,29 km, 11:03 Std.)
Bis Parchim ist ebenfalls alles bekannt, es wird wieder richtig wellig, die „300“ sind kurz vor Parchim heute fällig. Bin fasziniert vom Blick über die weite dünnbesiedelte Landschaft im Norden. Auch Parchim lässt sich auf der Westumgehung gut durchqueren, Minuten später geht es nach Westen, am Flugplatz Schwerin-Parchim vorbei, straff gegen den Wind. Tramm, die nächste Rast. (18:31 Uhr – 18:45 Uhr, 328,45 km, 12:31 Std.)
Mehr als Obstsalat geht nicht, aber der bringt Punkte.
Im Westen zieht seit einiger Zeit eine düstere Wolkenwand auf. So wie es aussieht, werden wir diese wohl oder übel in Kürze mitnehmen müssen. Also ziehe ich besser Regenjacke und Regenüberschuhe jetzt schon über. Der Wind wie schon den gesamten Tag ordentlich böig, na ja – das Ausblenden beim Fahren funktioniert noch ganz gut.
Als nächsten Halt haben wir nun plangemäß Pingelshagen hinter Schwerin verabredet.
Mittlerweile habe ich mich auch darauf festgelegt, heute maximal bis Travemünde zu fahren. Dann ist das Meer erreicht, mehr muss nicht sein. Die restlichen 40 Kilometer im Dunkeln an der Küste entlang werde ich mir (uns) ersparen. Also auf… Weiter, weiter…
Die Spannung nimmt zu, es folgt demnächst die Durchfahrt durch Schwerin. Eigentlich hatte ich im Vorfeld einen Track durch die Stadt abgespeichert, aber schließlich vergessen, den auf „Armin“ zu laden. Na ja, dann muss es eben so gehen. Die Regenfront zieht nördlich vorbei, kurz vor Schwerin kann ich mich der Jacke wieder entledigen, das Treibhausklima da drin sorgte innerhalb von Minuten für ein nasses Trikot. Unangenehm! Alldieweil es jetzt auch kühler wird. Und eine Schüttelfrostattacke will ich nicht riskieren.
Schwerin ist erreicht. Plattenbausiedlungen im Osten der Stadt, das sieht hier nicht besonders schön aus, irgendwie fädele ich mich durch, erreiche das Südufer des Sees und dann geht es auf mehr oder weniger gutem Radweg zum Schloss. Wenigstens das wollte ich zum Beweis noch fotografieren.
Durch die Innenstadt gestaltet sich nun auch der weitere Weg wegen der Einbahnstraßen und Gassen ziemlich kompliziert und langwierig, so dass ich eine Menge Zeit einbüße. Zudem habe
ich festgestellt, dass der Vorderreifen ganz langsam Luft lässt. Nachpumpen hilft aber immer noch über die jeweils nächsten 40 bis 50 Kilometer.
Gegen 20 Uhr treffe ich nun zum nächsten Mal zur Pause auf einem Parkplatz hinter Schwerin in Pingelshagen ein. (20:00 Uhr – 20:15 Uhr, 361,98 km, 14:00 Std.) Da es gerade doch recht ordentlich geregnet hat, bin ich ziemlich nass und wechsle schleunigst in trockene und warme Klamotten, ehe es weiter geht. Ein Schälchen Heeeßen dazu… Nur keinen Schüttelfrost!
Bis Travemünde sind es nun noch geschätzte 50 Kilometer, wir werden nicht, wie geplant, 21 Uhr dort sein. Außerdem beschließen wir, nach 27 Kilometern in Grevesmühlen noch einmal kurz zu halten, ehe dann die letzte Etappe folgt.
Die Sonne verschwindet immer wieder hinter dichten Wolken, die aus Westen heran ziehen, das zaubert zwar herrliche Lichteffekte, aber es wird auch etwas dämmrig, so dass es angebracht ist, schon Licht ans Rad zu machen. Die Gewissheit, dass nach 50 Kilometern Schluss ist, verleitet mich nun auch dazu, obwohl die Gegend sehr wellig ist, nun mit voller (verbliebener) Kraft zu fahren. Grevesmühlen ist deshalb 21:15 Uhr erreicht, kurze Pause am Penny, noch ein Töpfchen Kaffee, der wärmt schön, Warnweste und Reflektoren angelegt, weiter!
Glücklicherweise ist auch die Bundesstraße nach Dassow, die lt. Aldi-Karte sehr stark befahren sein soll, um diese Abendzeit fast autofrei, so dass es bis Dassow wunderbar in den Sonnenuntergang hinein rollt. Der Wind hat sich ein wenig beruhigt, es ist ein guter Ausklang dieses Tages.
Dassow, dort der Abzweig nach Norden, nach Priwall. Ich kenne die Strecke, bin diese 2010, als wir in Gudow im Urlaub waren, schon einmal gefahren. Es ist nicht mehr weit. Gleich…
Das Reh im Feld, nur 10 Meter von mir entfernt, lässt sich überhaupt nicht irritieren, guckt nur mal kurz erstaunt herüber und frisst dann ungerührt weiter.
Priwall – kurz vor dem Meer (! ) die scharfe Linkskurve, hier muss früher die innerdeutsche Grenze gewesen sein, das Ortseingangsschild – Lübeck – Ortsteil Travemünde.
Dann sehe ich kurz darauf Dagi am Straßenrand, die noch nicht mit mir gerechnet hatte.
Also muss ich für den Zielfilm noch einmal 100 Meter zurück, damit die Szene nachgestellt werden kann 😉
Travemünde!!!
Das wars.
Bis zur Fähre rollen wir nun noch vor – vielleicht fährt sie ja in Kürze.
Und dann sehe ich im letzten Tageslicht das breite Wasser der Trave, dahinter die beleuchtete Silhouette des Städtchens und nun schießt plötzlich doch die Euphorie hoch.
Für diesen Moment, hier zu stehen, für die Fotos auf der Fähre, die uns Minuten später über den Fluss bringt, hat sich das Ganze gelohnt.
Der Start in der stillen Dunkelheit, der ewig lange Tag, das endlose Kurbeln, derWind…
Vorbei vorbei – wir sind hier am Meer – wieder einmal.
Und es ist einfach nur noch schön!
22:28 Uhr, 414,81 km, 16:06 Std.

Als wir auf dem Parkplatz alles im Auto verstauen, lässt die Anspannung wieder einmal schlagartig nach. Ich friere, muss dauergähnen und könnte sofort schlafen. Aber noch muss uns Dagi heil nach Grömitz bringen. Auch für sie war es anstrengend heute. Nun noch eine letzte Stunde Fahrt in der Dunkelheit, ehe wir 23:30 Uhr in der Pension angekommen sind.

Sachsen-Böhmen-Tour

Sachsen-Böhmen-Tour 2013

Freitag, 07.06.2013
Nach dem Vormittags-Einkauf drängt es mich doch unheimlich, endlich los zu fahren. Obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, mir heute viel Zeit zu lassen. Aber die Ungewissheit, wie die Straßen infolge des schlimmen Hochwassers der vergangenen Tage im Chemnitz- und Muldetal befahrbar sein würden, verursacht mir doch sehr viel Unruhe.
Das Rennrad ist umgebaut, d.h. die Paris-Zf-Laufräder mit den 28er-Reifen sind montiert, bepackt ist auch alles, es kann also schnell losgehen.
Kurze Verabschiedung und dann rollt es auch ganz gut los, durch die Dörfer – die Sonne scheint, blauweißer Himmel. Schön!
Doch kurz vor Threna spüre ich plötzlich unter mir ein wohlbekanntes weiches Holpern des Rades. Sch… So ein Mist aber auch. Ein Platter!
Nach 10 Kilometern…
Eigentlich wollte ich entspannt bis Auerswalde rollen und nun das! Da ich nur noch einen Ersatzschlauch habe und absolut gewiss bin, dass ich mit diesen Reifen hier kein Glück haben werde, rufe ich zu Hause an. Einige Minuten muss ich am Straßenrand warten, zum Glück ist das Malheur schon hier passiert, da verliere ich nicht zuviel Zeit.
Im Auto fahren wir nun zurück nach Hause, in aller Hektik packe ich alles aufs Merida T3 um, da habe ich gestern neue Reifen aufgezogen, die sind sehr widerstandsfähig. Also muss ich dieses Wochenende gezwungenermaßen mit dem Merida fahren. Einen Zweihunderter habe ich damit noch nie versucht, doch eine andere Möglichkeit habe ich nicht. Denn die Tour mit Original-Laufrädern am Rennrad möchte ich bei den zu erwartenden tschechischen Straßenbedingungen auch nicht unbedingt testen.
Gegen 13.15 Uhr der zweite Versuch. Ein wenig in Hitze bin ich nun schon. Aber auch auf dem Merida rollt es gewohnt gut – ich nehme nun die kürzeste Route. Naunhof, Großsteinberg, via Pomßen nach Otterwisch und weiter bis Bad Lausick.
Dann geht es sacht bergauf, ich schone mich möglichst, kurbele in recht kleinen Gängen bis Geithain und dann steigt die Spannung. Die Muldebrücke in Rochlitz soll laut Verkehrsmeldung noch gesperrt sein, von Wechselburg war nicht die Rede. Also fahre ich bis Mutzscheroda und dann hinab ins Muldetal. Tatsächlich, die Muldebrücke ist frei, aber ich will nun bis Göhren, unter dem Viadukt durch und dann über die Mulde hinauf nach Cossen. Die Mulde ist noch recht voll, schlammig braunt tost das Wasser, teilweise hat sie sich neue Wege gesucht, überall sehe ich neue Schuttfelder, die sie angespült hat. Ist schon beeindruckend, welche Kraft das Wasser hat. Da baut der Mensch jahrelang teure Schutzvorrichtungen und dann genügt ein heftiges Hochwasser, um das alles wie Spielzeug hinweg zu wischen.
Bis Cossen ging es tatsächlich gut zu fahren – auch die alte Muldebrücke war passierbar.
Nun werde ich das Chemnitztal testen – vielleicht geht da auch etwas, notfalls muss ich halt auf den Berg hoch und auf der Bundesstraße bis Auerswalde fahren. Aber trotz einem Umleitungsschild komme ich problemlos im Chemnitztal voran. Auch hier hat die Chemnitz ganze Arbeit geleistet, Uferböschungen sind weggespült, weggebrochen, die Straße scheint ok zu sein, nur bei Köthensdorf ist ein Stück für den Autoverkehr gesperrt und am Auerswalder Berg hat es den Asphalt ein Stück unterspült.
Aber mit dem Rad kommt man gut durch. Etwas erhitzt erreiche ich dann schon 15.30 Uhr Auerswalde. Es ist aber auch sehr schwül geworden, dunkel drohen Gewitterwolken im Süden.
Uwe fährt nun mit dem Rennrad vornweg, aber ich bin ein wenig geschafft, kann nicht so recht folgen, so dass er auf mich Rücksicht nehmen muss. Über den Lichtenauer Berg fahren wir nach Frankenberg hinab, auch hier ist die Zschopaubrücke wieder frei, vor wenigen Tagen noch war hier das ganze Tal überflutet. Und dann zeigt mir Uwe seine Lieblings-Arbeitsweg-Strecke bergauf nach Hausdorf, es wird steil, geht lange hinauf, das macht mir schon ganz schön zu schaffen, zumal es immer noch schwül ist. Und im Südwesten sehen wir ein heftiges Gewitter über Augustusburg – das sieht sehr eindrucksvoll aus. Auf kleinen Sträßchen rollen wir nun über die Höhen, die Strecke bietet schöne Ausblicke bis zum Rochlitzer und zum Collmberg sowie im Süden zum Erzgebirge. Schön, das lohnt sich. Schönerstadt, Frankenstein, Uwe kennt die ganzen Schleichwege – ehe wir schließlich in Freiberg einrollen.
Mir genügt es dann für heute, meine Sorge ist, dass ich mich vor der morgigen großen Tour nicht schon zu sehr verausgabt habe.
Rasch erreichen wir sein Büro, die Luftmatratzen sind schon aufgeblasen – topp. Duschen – saubere Radklamotten anziehen und dann geht es noch einmal zu Fuß in die Stadt. Die „Stadtwirtschaft“ ist ein tolles Restaurant, hat einen schönen Biergarten, in dem wir sitzen. Und dort gibt es nur böhmische Biere und Gerichte. Lecker!
Beim Schwätzen, dem Power-Schnitzel (!!!) und zwei drei Bierchen ist sogar auch eine entsprechende Regeneration möglich, ehe gegen 23 Uhr Nachtruhe im Büro ist. Der Büroschlaf ist am gesündesten 🙂
Strecke 120,93 km, 5:15 Std. Fahrtzeit netto, ca. 1100 Höhenmeter

Samstag, 08.06.2013
Gegen 6.15 Uhr sind wir fahrbereit, zunächst geht es aber erst einmal noch zum Bäcker in der Nähe auf zwei Stückchen Kuchen und einen schönen Kaffee. Wetter – sonnig, leicht bewölkt, es sind lokal schwere Gewitter angesagt, doch vielleicht haben wir Glück. Das Frühstück ist ein Genuss, danach holen wir Holger vom Bahnhof ab. Er ist mit einem der ersten Züge von Leipzig via Chemnitz nach Freiberg gekommen. Die Verbindung funktionierte glücklicherweise.
Kurz nach 7 Uhr verlassen wir also nun Freiberg südostwärts und rollen durch das ebenfalls wieder gut befahrbare Tal der Freiberger Mulde in Richtung Erzgebirge.
Während wir nun das lange Tal allmählich aufwärts kurbeln, bewölkt es sich im Süden zusehends, schon jetzt, in den Morgenstunden kann man große Quellwolken beobachten, die in die Höhe schießen. Auch hier hat das Hochwasser in den Uferbereichen Spuren hinterlassen und der Fluss ist noch mit viel Wasser gefüllt. Rechenberg-Bienenmühle, Holzhau, nach ca. 45 Kilometern verlassen wir nun die Straße, dann erreichen wir schon die böhmische Grenze und machen kurze Pause. Hier kamen wir 2006 auf unserer Freiberg-Mulde-(Sturz-)-Tour vorbei. Unmittelbar danach geht es steil aufwärts nach Moldava.
Auf weniger als 2 Kilometern müssen wir nun mehr als 200 Höhenmeter nachholen, die uns bis zum Erzgebirgskamm noch fehlen. Eigenartig finde ich wieder die nur grasbewachsenen Berghänge, die ein wenig ans Riesengebirge erinnern, Moldava, drüben die Baude, in der wir 2006 übernachteten, dann der letzte Stich und dann erreichen wir nach einer recht guten Zeit schon die Straße. Aber auch hier geht es noch aufwärts, ehe wir wieder abbiegen und auf dem Kamm, mit einigem Auf und Ab weiter fahren. Der Blick schweift über die Höhen bis zum Kahleberg drüben. Das ist übrigens nun ein Stück der Strecke, die Uwe und ich 2010 auf der Erzgebirgs-Kammtour zurück legten.
Das Auf und Ab wird im Anschluss noch ein wenig heftiger, einige Höhenmeter kommen auch hier oben zusammen. Bis auf maximal 870 m müssen wir aber zunächst noch hinauf.
Erst in Dlouha Louka kommen wir an die Südkante des Erzgebirgskammes, von der sich ein weiter Tiefblick hinüber ins Böhmische bietet.
Nun folgt eine Schußfahrt auf teils regennasser Straße in Serpentinen steil hinab bis kurz vor Osek.
Kurz vorher rechts ab, Loucna, Lom, und nun noch weiter hinab, bis wir nur noch ca. 200 Meter hoch sind.
Nach ca. 75 Kilometern gibt es nun die nächste Pause im Kohlegebiet.
Das erste Gebirge ist überwunden. Und die im Dunst noch weit entfernten Kegel des Böhmischen Mittelgebirges sind recht nahe gerückt. Gewaltig wirkt das – riesig, da wollen wir wirklich noch hin und hinüber?
Schnell rollen wir nun weiter, der Boren ist in Sicht, eindrucksvoll. Branany, schon sehen wir die große Straße Most – Teplice, herrlich ringsum nun auch das Land, Graslandschaften, Kegelberge, kleine Dörfer dazwischen.
Nachdem wir die Hauptstraße passiert haben, ist kurze Rast, dann folgt der nächste Anstieg. Es geht wieder lange hinauf. Ringsum grollen schon Gewitter, drohen schwarze Wolken, aber wir bleiben trocken, hier scheint noch die Sonne. Nicht schlecht… Einige Kilometer vor Milesov wird die kleine Straße dann sehr steil, der Schweiß läuft in Strömen, es geht nur langsam voran, bergauf, ehe wir den Sattel in 530 Metern Höhe erreichen.
Und auf der Schußfahrt bis Milesov öffnet sich plötzlich nach kurzer Waldpassage der Blick auf die Königin, die majestätische Milesovka.
Das ist ein Anblick, der muss per Foto festgehalten werden. Leider drängt die Zeit, wir haben erst knapp 90 Kilometer zurückgelegt, der Großteil der heutigen Tour liegt noch vor uns. Am Ostry entlang lauert das nächste Steilstück, die nächsten Höhenmeter, doch noch sind wir alle gut drauf.
Schöner Ausblick auf das Kegelberg-Panorama im Süden, bis zur Hazmburk, diese Strecke habe ich noch in traumatischer Erfahrung von meiner „Höllentour“ 2007, da ging es mir zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich elend. Auf den von mir zusätzlich geplanten Umweg zur Hazmburk verzichten wir aber nun vernünftigerweise in einheitlicher Meinung. Auch die große Straße, der wir nun in welligem Auf und Ab entlang bis Libceves folgen, fordert uns ein wenig. Nach 100 km ist deshalb erst einmal Rast an einer Tankstelle angesagt, sehr gut, solo wäre ich vermutlich weiter gefahren, so aber tun die Flasche Kofola und die paar Minuten Ruhe uns allen richtig gut. Ich bin immer noch arg fasziniert von der Landschaft, es ist einfach schön, wie sich diese weite Graslandschaft und die Vulkankegelberge hier präsentieren und sehr idyllisch ist auch der Anblick der kleinen Dörfer.
Auf der Weiterfahrt nach Südwesten, gen Louny, zeigen sich die Berge Mila, Oblik und Rana nun auch noch einmal in ihrer ganzen Schönheit, ehe wir westwärts allmählich die Region verlassen. Südlich das Egertal, nördlich im Dunst die Mauer des Erzgebirges. Und immer noch türmen sich ringsum die Gewitterwolken. Der Wind weht aus Nordost, unterstützt uns ganz gut, aber die Strecke bis Jirkov, Chomutov macht zunehmend zu schaffen.
Die Plattenbauten von Jirkov sind schon zu erkennen, im Nordosten sehen wir Most, im Osten verschwinden die Berge des Böhmischen Mittelgebirges. Drüben zeigt sich sogar der Boren. Es war eine ganz schöne Schleife, die wir da gefahren sind. Aber ich denke, es hat sich gelohnt.
Es wird mühselig, wir werden langsamer.
Chomutov, der Badesee rechts… Heute badet dort niemand. Und nun kommt uns der Billa-Supermarkt in Chomutov noch einmal für eine längere Rast wie gerufen. Zeitmäßig liegen wir gut, es ist 16 Uhr, topp! Danach die Auffahrt durchs schöne Besruzova-Tal. Auch hier läuft das Wasser die kleine Straße hinab, es muss kurz vorher wie aus Eimern geschüttet haben. Uwe hat sein Tempo gefunden, er kurbelt langsam und geduldig, Holger und ich sind etwas schneller, kurbeln aber auch sehr gleichmäßig wieder bergauf. Ab und zu halten wir, rasten kurz, dann geht es weiter. Auf diese Art erreichen wir schon gegen 17.30 Uhr recht entspannt die Hochfläche des Erzgebirgskammes und Hora Svate Sebestiana. Pause.
Amüsant ist der Tscheche aus Chomutov auf dem Mountain Bike, der mir erzählt, dass er regelmäßig hier hinauf fahre und ein Bierchen in der Kneipe trinke, ehe er dann wieder in die Stadt hinunter rolle.
Wir machen Pause auf einer Bank, wechseln in trockene Klamotten, essen etwas und dann geht es sehr schnell nach Reitzenhain hinüber.
Von Reitzenhain dann wieder Schußfahrt hinab nach Steinbach und im Preßnitztal hinunter nach Wolkenstein. Es ist 19 Uhr, ebenfalls eine gute Zeit, die 200 haben wir kurz vor dem Bahnhofsrestaurant geknackt.
Und an der Zschopau hinunter kann man, so gut rollt es jetzt, nochmal so richtig Gas geben.
Selbst der gefürchtete „Killerberg“ von Wilischthal über Amtsberg nach Einsiedel ist heute kein Problem. Bis Chemnitz ist der Rest nur noch Kür. Das Zwönitztal, die Straßen sind auch hier nass, Einsiedel, Erfenschlag, dann ein Stück durch Chemnitz, die gewohnten Schleichwege.

234,36 km, 10:51 Std. Netto-Fahrtzeit, 2750 Höhenmeter

Sonntag, 09.06.2013
Nach dem Geburtstags-Büffet entscheide ich spontan, mich auf dem Rad noch etwas auszutoben und nach Hause zu fahren.
Im Südosten zieht zwar finster ein Gewitter auf, doch das wird sich sicher im Erzgebirge abregnen.
Erst als ich schon im Chemnitztal unterwegs bin, begreife ich, dass dieses Gewitter eine hunderte Kilometer breite Front ist, die auch mich voll erwischt. Im Sturzregen, ich sehe nur noch Wasser, die Straße ist eine einzige Wasserfläche, ringsum blitzt und donnert es, schaffe ich es bis zu einem Unterstand an einem alten Pförtnerhäuschen einer stillgelegten Fabrik, wo ich das Schlimmste abwarte. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht in das Schälchen Milch oder in die alte Schüssel mit Katzenfutter trete.
Bis Göritzhain habe ich dann immer noch Regen, bin völlig durchnässt, es ist kalt. Erst an den Anstiegen nach Cossen und kurz darauf nach Mutzscheroda wird mir wieder warm.
Bei Geithain scheinen die Unwetter Schäden verursacht zu haben, überall ist Feuerwehr und Polizei zu sehen. Aber im Südwesten reißt es auf, vor Bad Lausick kommt auch die Sonne wieder heraus und in ihrem Licht und in der klaren Luft bekommt diese Tour auch noch etwas Versöhnliches.

Kurz nach 19 Uhr bin ich schließlich wieder zu Hause – der Sachsen-Böhmen-Kreis hat sich geschlossen.

81,90 km, 3:09:53 Std. Fahrtzeit netto, 400 Höhenmeter

Spreewaldmarathon 2013

Samstag, 20.04.2013
Ich werde, wie immer, auch ohne Wecker schon recht zeitig wach. Da wir halb acht nach Lübben zum Start fahren wollen, stehe ich lieber gleich auf, ehe es mit meinen Frauen in ein paar Minuten zu eng und hektisch wird. Und so sitze ich dann schon am Tisch und frühstücke, als sich meine Mädels aus den Betten quälen. Uwe kommt gegen 7 Uhr herüber, verschmäht jedoch meine von zu Hause mitgebrachten prima handgeschmierten Leberwurstbrote und isst lieber seine Salzbrezel.
Das Bauernfrühstück gestern Abend im Restaurant war übrigens auch nicht von schlechten Eltern, aber ihm liegt das und vermutlich ein Bierchen zuviel noch ein wenig schwer im Magen.
Halb acht sitzen wir dann wirklich wie geplant in den Autos, die Schranke geht auch auf und dann fahren wir hinüber nach Lübben.
Die Sonne scheint, es sind derzeit 4°C, das ist auszuhalten. In vergangenen Jahren hatten wir manchmal auch leichten Frost am Morgen.
Minuten später sind wir in Lübben und bauen auf dem Parkplatz am Burglehn die Rennräder zusammen.
Die Mädels folgen uns kurz darauf, sie haben im Hotel am Hafen Frühstück bestellt, wofür sie sich bis zum Start 10 Uhr Zeit lassen können.
Uwe und ich sortieren uns indessen auf der Festwiese wie gewohnt hinter den schicken und schnittigen Rennern fast am Ende des Feldes ein.
8.30 Uhr
„Auf die Gurke, fertig, los…“
Eigentlich könnte man erst einmal bis zur Straße vor schieben, ehe sich alle 637 Teilnehmer der 200er-Strecke sortiert haben. Na ja, irgendwann rollt es doch…
Dieses Gefühl, bei den 200ern wieder dabei zu sein, ist schon großartig.
Infolge einer Straßenbaustelle werden wir zunächst durch das Stadtzentrum mit Kopfsteinpflasterbelag geleitet, dann beschleunigt das Feld auf der Straße, auf der wir gen Westen Lübben rasch verlassen. Die ganz Schnellen sind schon weg, trotz meines Vorsatzes, heute nicht in einer Gruppe mit zu fahren, um die Sturzgefahr zu minimieren, heften wir uns bald darauf an ein paar Leute, die ein auch für uns gutes Tempo von knapp über 30 km/h fahren. Nur nicht übertreiben.
So rollt es gut, die Gruppe bleibt zusammen, gen Westen, Kasel-Golzig, dann nach Norden und dann wieder nach Osten. Soooo weit hinten sind wir gar nicht. Trotz fehlender Form überholen wir etliche Fahrer, es kurbelt sich leichter, als erwartet. Zwischenzeitlich, als „Rücklicht“ der Gruppe, schwätzen wir miteinander oder mit dem Liegeradfahrer, der ebenso entspannt neben uns herrollt. Der hat hier einen Verleih, vielleicht sollte man es mal im Sommer, wenn wir im Urlaub hier sind, probieren.
So erreichen wir bald Krausnick.
41,77 km, 1 :23:38 Std, ca. 09:55 Uhr
Gedränge am Stempeltisch, belegte Brote, Cola, Wasser, Fruchtlimonade, freundliche freiwillige Helferinnen, die uns bestens versorgen, schön ist es heute wieder. Wir machen nur kurz Pause, schließen uns dann ein paar Fahrern an, die ziemlich zügig fahren, an denen wir aber noch ganz gut dran bleiben können. So vermeiden wir, als es nach der Durchquerung des Unterspreewalds hinter Schlepzig nach Norden geht, den lästigen Gegenwind, haben zwar in den Kurven das „Ziehharmonika“-Problem, was die Oberschenkel arg beansprucht, sparen aber trotzdem wertvolle Körner. Leider sehen wir kaum Störche dort, wo letztes Jahr etliche zu entdecken waren.
Doch als die Gruppe wieder größer wird, nimmt auch das Sturzrisiko auf Grund des Stop- and Go-Fahrens wieder zu. Die Kopfsteinpflasterpassagen in Wittmannsdorf bringen noch ein wenig Paris-Roubaix-Feeling, ehe wir dann schnell den Kontrollpunkt am Eurocamp Groß Leuthen erreichen.
11:05 Uhr, 72,39 km, 2:23:30 Std.
Ein wenig spüren wir die Beine, aber das war am zweiten Kontrollpunkt bisher immer so. Eine etwas langsamere Gruppe wäre jetzt ganz gut. Aber nach der Rast, bei der ich mir auch ein paar „Gummibärchen“-Drinks einflöße, bolzen die Leute, bei denen wir mitfahren, wie die Wilden los. Nicht so toll und nachdem wir Briesensee, Alt Zauche und Wußwerk durchquert und einige Gruppen aufgesaugt haben, lassen wir es ein paar Kilometer vor Straupitz abreißen, als sich eine etwas langsamere Gruppe absondert und neu formiert.
Das Gedränge in Straupitz ist riesig, die Brote sind fast alle, die Plinsen sind alle, der Kaffee auch gerade…
Schade, darauf hatte ich mich gefreut, aber da wir eine halbe Stunde später gestartet sind, sind die anderen „Heuschrecken“ schon durch und da blieb nun nicht viel übrig.
12:05 Uhr, 103,83 km, 3:20:11 Std.
Mangels Kaffee und Plinsen verkürzen wir die Pause, fahren weiter und das nun erst einmal zu Zweit.
Eine Gruppe überholt uns, die sind zu schnell. Erst im Wald hinter Butzen sehen wir vor uns eine kleine Gruppe, der wir uns nähern. Vier Leute, denen wir uns anschließen und ein wenig Kreisel spielen.
So fährt es sich sehr entspannend für alle, wir sind nicht zu schnell, obwohl auch wir einen 30er-Schnitt haben. Allesamt sind sehr sympathisch und es gibt viel zu erzählen.
Schön, das macht wirklich Spaß – bei dem gleichmäßigen zügigen Fahrstil hat man immer noch Luft zum Erzählen.
Die schlechte Asphaltpiste und etwas hügelige Passage bis Lieberose wird noch einmal hart, dann ist schon wieder Pause.
13:15 Uhr, 129,48 km, 4:13:53 Std.
Es gibt Bockwurst. Lecker…
Und immer noch ist es warm und die Sonne scheint, so dass ich nun sogar Jacke und Beinlinge ausziehen kann.
Mit unseren vier Langstreckenfahrern geht es nun angenehm und im moderaten Tempo weiter, nachdem wir uns noch über den laut brüllenden Kleinbürger amüsiert haben, der sich mit den Radlern anlegt, welche die Räder an sein schlecht verputztes Haus lehnten. Übrigens holte der sogar noch die Polizei, die in eine sehr missliche Situation geriet, weil die Region ja auch die radfahrenden Gäste braucht.
In Fehrow, dem neuen Kontrollpunkt stoppen wir dann lieber noch einmal, bis Raddusch ist es erfahrungsgemäß eine lange Durststrecke.
Mit den schnelleren Gruppen 2011 und 2012 fuhren wir hier stets durch, eigentlich schade, denn die netten Frauen haben alles gut im Griff, es gibt sogar Schokolade. Und welch ein Glück, dass wir hier Pause machten, denn, nachdem wir Burg durchfahren haben und nach dem Spreewaldausläufer ins offene Gelände kommen und Raddusch erreichen, stelle ich verwundert fest, dass irgendetwas komisch ist. Wir sind schon durch Raddusch durch, aber kein Kontrollpunkt war zu sehen…
Sind wir falsch gefahren? Nein, die Pfeile sind eindeutig, es folgt der ehemalige Tagebau, der große See, die Slawenburg.
Lübbenau, erst Bundesstraße, das ist mit dem Autoverkehr nicht so schön, danach Plattenstraße an der Arbeiterherberge vorbei und am Spaßbad „Spreewelten“ ist kurz darauf schließlich die letzte Pause. Dort spielt sogar eine Blasmusikkapelle.
Ca. 190 Kilometer haben wir absolviert. Ich habe Probleme mit der Kohlensäure der Cola, zwinge mir aber doch noch wenigstens ein Speckfettbrot hinein 🙂
Nun nehmen wir gemächlich die letzten Kilometer unter die Räder, ab Ragow lauert das letzte Stück Bundesstraße bis Lübben, hier weht der Wind frontal von vorn. Dann die letzte Kopfsteinpflasterpassage, die Straßenbaustelle und schließlich rollen wir gemeinsam und langsam über die Brücke und erreichen die Festwiese.
Dort empfängt uns der Animateur mit Mikro und eine Herde kreischender Cheer Leader.
Schrill und lustig. Das Pünktchen auf dem i.
16:25 Uhr, 207,13 km, 6:57:29 Std.
Die Beine sind ok, der Hintern auch… Wunderbar!
Der erste Radmarathon 2013, der erste nach dem Unfall!
Ehe wir uns verabschieden, gibt es noch die goldene Gurke um den Hals und Abschiedsfotos.

Paris – Zweenfurth 2012 / Fakten und Erkenntnisse zur Tour

Fakten und Erkenntnisse zur Tour

Erstaunlicherweise stimmt die tatsächliche Netto-Fahrtzeit weitgehend mit der geplanten Fahrtzeit überein, d.h. ich benötigte letztendlich nur 2 3/4 Stunden weniger als beabsichtigt.
Der Planberechnung hatte ich, wie bei der Vorbereitung geschildert, eigene Erfahrungswerte aus großen Touren zugrunde gelegt und dann diese Werte nochmals unter Berücksichtigung der zu erwartenden Bedingungen und des Gewichtes des Rades angepasst. Für mich ist im Endeffekt erstaunlich, wie gut diese im Ergebnis der Realität entsprachen.
Bei der absolvierten Entfernung entspricht das einem Schnitt von 21,1 km/h. Das ist auf einem Rennrad nicht viel, jedoch ist es hier wie auch bei anderen Langstrecken, dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt ein Stunden-Durchschnitt einpegelt, der sich bis zum Ende kaum noch verändern wird. Es gibt Phasen, in denen man auf Grund der Bedingungen (Wetter, Straßenqualität Belgien, usw.) wesentlich langsamer vorankommt oder gar schieben muss, wie z.B. am „Killerberg“ von Immenhausen, aber auf Streckenabschnitten, wo es optimal rollt, auch zeitweise ein entspannter 30erSchnitt möglich ist.
Nach dem im bikeroutetoaster berechneten Track rechnete ich mit ca. 5.500 Höhenmetern. Tatsächlich belief sich dann nach dem mitgezeichnetem Track, den ich auf gpsies.de gespeichert hatte, die Summe auf 6.700 Höhenmeter. Selbst auf den laut Streckenprofil relativ ebenen Abschnitten von Nordfrankreich bis Paderborn kamen auf Grund der zahllosen kleinen Anstiege schon mehrere Tausend Höhenmeter zusammen.
Durch die bewusst ökonomische Fahrweise stellte das Profil jedoch bis auf zwei, drei Ausnahmen, in denen ich wegen der noch vor mir liegenden Strecke nichts riskieren wollte und das Rad schob, kein Problem dar.
Illusorisch war es, wie ursprünglich beabsichtigt, täglich 4 Uhr zu starten. Zum Einen war es zu diesem Zeitpunkt noch stockfinster, da reichte die Selbstdisziplin dann leider doch nicht aus, zum Anderen erforderte das Zusammenpacken von Zelt, Matte und Schlafsack eine gewisse Zeit, so dass ich schon morgens um ca. eineinhalb Stunden gegenüber dem Plan zurück lag. In Belgien ließ sich diese Differenz, die ich in Frankreich tags zuvor noch als schließlich halbstündigen Vorsprung locker herausgefahren hatte, nicht mehr einholen die Bedingungen ließen das einfach nicht zu. Und auch am dritten Tag war es praktisch nicht möglich, diese eineinhalb Stunden fahrtechnisch wieder gut zu machen.
Sehr begünstigend kam der fast permanent aus westlicher oder südwestlicher Richtung wehende Wind und der zum Glück nur wenige Stunden dauernde heftige Regen hinzu, ich weiß nicht, was bei Gegenwind oder längerem Dauerregen geschehen wäre. Vermutlich hätte ich aufgegeben. Auch Holger als Begleitfahrer am letzten Tag war enorm wichtig für meine Psyche. Erst einmal musste ich ihm aus purem Ehrgeiz zeigen, was bei mir entgegen dem äußeren Eindruck noch ging das pushte ungemein und dann hätte ich mich allein womöglich wesentlich mehr gehen lassen, wäre weniger zügig gefahren, hätte mich mehr ausrollen lassen.
Ernährungstechnisch hatte ich für die gesamte Fahrt gute Vorsätze. Ich weiß es nicht mehr genau, wie viel ich in den ersten beiden Tagen wirklich gegessen habe. Es kann außer ein paar Scheiben Vollkornbrot mit Wurst und Käse, ein paar Äpfeln und Bananen und wenigen Protein-Riegeln nicht viel mehr gewesen sein. Am dritten Tag waren es lediglich zwei Stück Kuchen und ein paar Pommes mit Chicken Mc Nuggets. Die ganze rechentechnische Vorbereitung Kalorienberechnungen etc. waren eigentlich sinnlos. Ich habe zu keiner Minute daran gedacht, bei mir dermaßen kontrolliert für Nachschub zu sorgen, eine Begleitung im Fahrzeug hätte womöglich darauf geachtet und vielleicht wäre ich dadurch maximal auf einen 23er-Schnitt gekommen.
Trotzdem gelang es, mit dieser „Sparfüllung“ 850 Kilometer gut zu fahren und dabei energietechnisch nicht einzubrechen.
Ich hatte unbewusst zwischenzeitlich das Gefühl, dass der Körper nun allmählich auf Reserve und Fettverbrennung umschaltete und ich nun vom körpereigenen Potenzial zehrte, jedoch wirkte sich das nicht so verheerend aus, wie angenommen.
Woran lag das?
Ich fuhr mich „leer“, tat auch nicht viel dagegen und trotzdem gab es keinen Einbruch, der Körper funktionierte bis Witzenhausen, als es dann den großen Nachschub gab, einwandfrei.
Mögliche Gründe dafür: Erstens war mein Körper durch die endlosen Trainingskilometer im Winter und Frühjahr offensichtlich perfekt auf lange Ausdaueranforderungen eingestellt, und zweitens vermute ich, dass der positive Effekt hauptsächlich dem konsequent effizienten Fahrstil (relativ hohe Frequenz, kleine Gänge, nur selten auf dem großen Blatt) unterstützt vom Wind, zu verdanken war. Ich verzichtete völlig auf unnötige Krafteinheiten, welche die verbleibenden Energiedepots so leer geräumt hätten, dass die physische Krise früher oder später eingetreten wäre. Stattdessen schob ich schlimmstenfalls bergauf (zum Ende jedenfalls).
Und drittens habe ich wahrscheinlich (ebenfalls zwar gewollt, aber nicht unbedingt bewusst) im Vorfeld meine körpereigenen Energietanks so optimal aufgefüllt, dass diese Vorräte sehr lange anhielten.
Die Power-Bar-Gels schleppte ich wieder einmal umsonst mit mir herum, diese waren absolut nicht nötig und hätten auch nur kurzzeitig geholfen.
Auch die Dehydration ließ sich erfolgreich vermeiden, ich trank viel den Verhältnissen angemessen, zum Glück war es auch nicht ausgesprochen heiß. Ergänzend kamen die „Zuckerinfusionen“ zwischendurch mit Coca Cola dazu.
Wirklich ernst wäre es geworden, wenn ich die auf den letzten 150 Kilometern immer schlimmer werdenden Schmerzen im Sitzbereich (Druckstellen) ignoriert hätte. Das war ein eindeutiges Signal des Körpers. Bis hierher und nicht weiter! Und dann wären mit Sicherheit dauerhafte Schäden zu befürchten gewesen. So aber war es gut, dass die Tour nach 1.103 Kilometern zu Ende ging. Mehr wäre in dieser Verfassung nicht gegangen, weiter hätte ich aber auch nicht fahren wollen und können.
Faszinierend war es für mich an jedem Morgen, dass sich der Körper nach den wenigen Stunden Schlafpause so gut regeneriert hatte, dass das Weiterfahren überhaupt keine Mühe oder Probleme bereitete.
Ich bin davon überzeugt, auch in Hinsicht auf PBP 2015, dass es für den Körper am Besten ist, die Strategie so zu wählen, dass man sich konsequent ausreichend lange mehrstündige Schlafpausen gönnt. Die Zeit, die man dadurch verliert, kann man am Tag durch schnelleres Fahren wieder gewinnen.
Ebenfalls absolut überraschend war die bis zum Tag vorher und schon einen Tag darauf wieder völlig unvorstellbare Tatsache, dass sich meine Ansprüche und Bedürfnisse so weit reduzierten, so dass ich Nachts nur mit Folie und Schlafsack verschwitzt und schmutzig problemlos unter freiem Himmel schlafen konnte und mir das überhaupt nichts ausmachte.

Orientierung: Karten und Navigation

Ich habe häufig „Armin“ erwähnt. Keine Sorge, ich habe nicht halluziniert und mit imaginären Fremden gesprochen. „Armin“ ist mein GarminNavigationsgerät, Typ Etrex Vista HCL. Das hat in den letzten Jahren sehr zuverlässig bei der Orientierung in fremden Gegenden seinen Dienst getan.
Auch wenn ich dieser Technik lange misstraut habe und der Meinung war, diese würde ich als geschulter Kartenleser nicht benötigen, so habe ich jedoch auch hier meinen bisherigen Standpunkt generell geändert. Gerade an unübersichtlichen Punkten erhöht sich die Sicherheit der richtigen Routenwahl auf fast 100%. In Karten mit großen Massstäben ist es dagegen oft nicht möglich, den weiteren Weg eindeutig zu bestimmen, auf „Armin“ muss man lediglich das Ganze ordentlich heranzoomen, dann ist die Entscheidung sehr einfach.
Selbstverständlich benötigt man auch fürs Navi ordentliches, genaues und detailliertes Kartenmaterial. Das ist, wenn man z.B. die Topo-Karten kaufen würde, unerschwinglich teuer, jedoch ist mittlerweile der Stand der kostenlos im Internet erhältlichen OpenSourceMaps, einem genialen Projekt, so gut, dass man sich vollkommen darauf verlassen kann.
So erhielt ich für Deutschland eine ausgezeichnete Karte, für die Benelux-Staaten gab es ebenfalls tadelloses Material, nur die OSM-Karte von Frankreich ist noch nicht ganz so vollständig. Allerdings täuschte auch da wie so oft der erste Eindruck. Für mich persönlich genügte die Karte und die Realität bestätigte es schließlich auch, das Straßen- und Wegenetz in Frankreich ist etwas dünner als in Deutschland. Wo auf der Karte die Gegend weglos war, gab es in Wirklichkeit auch häufig keinen Weg.
Ich vertraute fast völlig auf „Armin“, fuhr demzufolge auch entsprechend der vorberechneten Route mehrere Male auf nicht ganz rennradtauglichen Straßen oder Wegen, aber mit konventionellen Karten hätte ich wesentlich mehr Zeit und Mühe aufwenden müssen und hätte mich mit Sicherheit viel öfter verfahren. In der Leipziger „Reisefibel“ hatte ich zuvor noch Michelin-Karten (1:200.000) von Nordfrankreich und Belgien zum besseren Überblick gekauft, für Deutschland hatte ich aus meinen recht zuverlässigen „ALDI“-Radkarten herauskopierte einlaminierte Ausschnitte dabei. Das genügte vollkommen, um die Übersicht zu bewahren.
Fazit: Dadurch, dass ich für die Tour zweineinhalb Stunden weniger Nettofahrtzeit als geplant benötigte, keinerlei physische Krisen erlebte, was sich natürlich auch sehr unterstützend auf meine Motivation und Willenskraft und die Bewältigung der kritischen Momente auswirkte, bin ich mir recht sicher, entsprechend der erlebten Bedingungen nichts falsch gemacht zu haben.
Die physischen Nachwirkungen halten sich in Grenzen, abgesehen von 3 Kilo weniger am Abend nach der Tour, einem geringfügigem Ziehen in den Oberschenkeln (nicht schlimmer als nach einer normalen schnellen Ausfahrt) und etwas Hornhaut auf den Sitzflächen.
Interessant und erstaunlich war für mich in den Wochen nach der Tour noch ein gewisser „Nachbrenneffekt“. Ich konnte essen, was und wieviel ich wollte. Mein Körpergewicht blieb fast unverändert.

Abschließende Überlegungen und Ausblick

Auch das intensive Radfahren ist eine Phase, die vielleicht in einmal vorüber geht, genau wie das Bergwandern, welches für mich über 20 Jahre außerordentlich wichtig war. Viele Facetten des Radfahrens Flussradwege, Berg-Rad-Touren, Marathons habe ich mittlerweile ausprobiert, habe meine persönlichen Grenzen manches Mal erreicht und überschritten, habe aber auch festgestellt, wie sich diese mit zunehmend besserer Grundkonstitution immer mehr erweiterten.
Nun bin ich bei 1.000-Kilometer-Touren angekommen.
Vor Jahren war es mir völlig unvorstellbar, dass Menschen solche Distanzen auf dem Rad ohne körperliche und andere Schäden verkraften können. Nun habe ich es mir selbst bewiesen. Es geht.
Wenn ich (theoretisch) den Faden weiterspinne, dann sind mit Sicherheit auch noch größere Distanzen möglich. Aber da ich nun doch ein gewisses Alter erreicht habe und mit einer weiteren Steigerung wiederum Jahre erforderlich wären, ist es praktisch auszuschließen, dass ich in meinem Leben jemals 2.000 oder mehr Kilometer am Stück fahren werde.
1.000 Kilometer solo sind also eine Art selbst festgelegter Grenze.
Diese habe ich erreicht, weiter will ich nicht mehr.
Was also nun?
Nach der Tour hatte ich eigentlich jegliche weitere Solo-Unternehmung in dieser Größenordnung ausgeschlossen. Es war eine Erfahrung, alles Weitere würde vermutlich nichts Neues bringen.
Und zu groß waren der Vorbereitungsaufwand und die Belastungen auch für die Familie.
Sollte sich jedoch die Möglichkeit ergeben, die Familie aktiv zu beteiligen, so wäre mein Wunsch, noch einmal Deutschland von Nord nach Süd auf dem Rad zu durchqueren. Allerdings dann in verträglichen Tagesetappen von bis zu 250 Kilometern und mit Begleitfahrzeug.
So bliebe unter Umständen auch Zeit, um den Tag nicht nur auf dem Rad zu verbringen.
Ein Versuch der Teilnahme an Paris-Brest-Paris 2015 wäre vorstellbar, denn dieses Volksfest, diese Tour-de-Franceähnliche Atmosphäre einmal am eigenen Leib zu spüren, wäre schon sehr reizvoll. Mit PBP 2015 ließe sich sicher auch ein familienverträglicher Urlaub verbinden.
Die Frage, ob es schön war, kann ich nicht eindeutig beantworten. Es war abwechslungsreich, spannend, niemals langweilig, aber nicht immer schön. Es gab trotz allem Zeitdruck, manchmal hatte ich kilometerweit nichts weiter als den weißen Randstreifen vor Augen, weil ich um jeden Preis vorwärts kommen musste. Aber es gab auch wunderbare Augenblicke und Momente der Euphorie. Dann war es wirklich schön.
Was mir von dieser Tour bleiben wird, ist eine verblassende Erinnerung an die Tage, in denen man mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich erhielt. Es bleibt ein Staunen über die Fähigkeiten des eigenen Körpers und des eigenen Willens, der diesen immer wieder in Bewegung halten konnte, es bleiben die Bilder von schönen und weniger schönen Momenten auf der Tour und die Feststellung: „Ich habe es einmal in meinem Leben getan.“
Und letztendlich haften in meinem Gedächtnis auch die Augenblicke dieser Tage, in denen ich besonders intensiv spürte, dass ich lebe. Das klingt pathetisch, doch es ist wirklich ein tolles Gefühl.

Paris – Zweenfurth 2012 / Witzenhausen – Zweenfurth

Vierter Tag 09.06.2012
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.
(Mark Twain)

Die Kür
Ein zarter Patsch mitten ins Gesicht weckt mich. Die Augen bekomme ich nur schlecht auf, mit ein wenig Blinzeln kann ich aber erkennen, dass es halb sieben ist.
Eine gute Zeit! Die Sonne scheint, das Aufstehen fällt erstaunlicherweise auch nicht schwer. Heute bringen wir das Ding zum guten Ende! In aller Ruhe sortieren wir die Sachen aus, die ich noch im Rucksack mitnehme und die im Auto transportiert werden.
Unsere Tochter hat keine Lust auf Göttingen, also werden sie nach der Abmeldung gleich wieder nach Hause fahren.
Zwei Stunden Fahrt auf der A38, das ist zu verschmerzen.
Die Pension ist übrigens voll ausgebucht, wir hatten großes Glück, der etwas servile Senior-Chef scharwenzelt zuvorkommend pausenlos um seine asiatischen Gäste herum.
Na mäg.
Das Frühstück ist üppig, sehr schön, besonders das Rührei.
Obwohl mein Appetit ungeheuer ist, schaffe ich es gerade so, zwei der recht kleinen Brötchen inkl. zwei Tassen Kaffee zu vertilgen. Mehr geht nicht.
Und die Unruhe vor der Fahrt wächst auch schon wieder.
Holger: „Moin moin, bin halb zehn am Bahnhof, lass dir Zeit und frühstück ordentlich B)“
Die Disney-Manie des Gastgebers ist mir ein wenig unverständlich das Ganze wirkt zusammengestückelt, es wäre sicher auch dezenter gegangen, aber wir wollen nicht meckern.
Trotzdem ist es sehr sehr angenehm, hier in diesem etwas plüschigem Ambiente zu sitzen.
Die Schlafpause und das Frühstück haben wieder enorm zur Regeneration beigetragen, so dass ich kurz nach 9 Uhr tatsächlich (mit etwas schweren Beinen) auf dem leichten Rad sitze und auf die letzten 250 Kilometer starte.
Abschied vom Familienteam heute Abend sehen wir uns wieder, wenn alles wie geplant rollt.
Das Werratal und dann das Eichsfeld, welches ich auf dem Weg nach Heiligenstadt überquere, zählen nun zum schönsten Abschnitt der ganzen „Randonnée de Paris à Zweenfurth“. Wunderbar das Grün der
waldreichen Landschaft, wunderbar die sanften Täler und Höhenzüge.
Ich genieße es richtig, selbst das Bergauf-Kurbeln, nachdem ich den richtigen Gang und Trittfrequenz gefunden habe, ist einigermaßen entspannend.
Der schmutzige Rest wird
im Auto transportiert
Ungeheuer ist der Drang, endlich nach Hause zu kommen.
Viertel elf, nach 879,5 Kilometern (24 km) bin ich am Bahnhof Heiligenstadt, Holger musste etwas warten, hat aber vollstes Verständnis.
Wie er mir später erzählt, hat er zunächst seine Zweifel, ob ich das heute, so wie ich aussehe, überhaupt noch schaffen würde. Das ist mir selbst gar nicht so bewusst, doch auch auf meine Frau muss ich wohl ziemlich dünn und verfallen gewirkt haben.
Aber es ist ein Phänomen trotz aller Äußerlichkeiten hat sich mein Körper so umgestellt, dass die vorhandenen Reserven bei gleichbleibender Belastung an der unteren Levelgrenze wohl noch sehr weit ausreichen würden. Ob ich auch Kraftspitzen bewältigen kann, zeigt sich später auf dem schönen Talweg nach Leinefelde. Die kleinen Anstiege schaffe ich noch in gutem Tempo, allerdings gehen diese schon arg an die Substanz.
Der Wind leistet wieder einen enorm großen Beitrag, zu Zweit fährt es sich sowieso besser, gerade, wenn mich nun Holger doch etwas ziehen kann. Kurze Pause in Bernterode, wir haben einige Zeit verloren, als wir bei Leinefelde den Weg zur Straße zurück finden mussten. Das große Brötchen kann ich nicht essen, aber Holgers Energieriegel lässt sich etwas leichter kauen und schlucken. Und dann rollt und rollt es im Eiltempo. Niedergebra, Nohra, dann südlich des Kyffhäuser entlang gen Sondershausen.
Als wir dort sind, ist es bereits 14 Uhr, ca. 100 Kilometer (950 km) sind zurückgelegt. In Sondershausen große Rast, Nudeln und geröstetes Entenfleisch beim Thai, dazu eine Cola lecker!!!
Dann weiter, es folgt eine Kopfsteinpflasterpassage, die meine zunehmenden Sitzbeschwerden verstärkt. Aufgerieben ist nichts, das ist erst einmal positiv, aber nach drei Tagen ununterbrochenem Radelns machen sich sehr schmerzhaft Druckstellen im Sitzbereich bemerkbar, gegen die ich nur schlecht eine ansprechende Position auf dem Sattel finde. Das Auf- und Absteigen wird allmählich zur Hölle.
Das ist nun eine weitere Erkenntnis für mich. Ich verfüge zwar noch über ausreichende Energiereserven, der Willen ist ebenfalls stark genug, aber der Körper signalisiert mir deutlich eine Art Endpunkt.
Bis hierher und nicht weiter.
Spätestens jetzt wird mir bewusst, dass ich meine derzeitige Grenze erreiche, hinter der, wenn ich diese mutwillig überschreite, physische Schäden drohen. Mehr geht nicht. Würde diese Tour noch wesentlich länger sein, dann müsste ich die strikt hier beenden. So aber sind es „nur“ noch rund 100 Kilometer.
Es riecht schon nach Heimat, das Ziel ist fast in Reichweite. Und ich würde das Ganze nach einem Abbruch nicht noch einmal versuchen können oder wollen.
Was sagt nun der gesunde Menschenverstand?
Soll ich den Schmerz für den kläglichen „Rest“ der Tour ignorieren und weiter fahren oder den nächsten Bahnhof suchen?!
Mein Willen, die Tour erfolgreich zu beenden, ist so stark wie nie zuvor.
Der treibt mich an.
Ich würde es mir jetzt zu diesem späten Zeitpunkt wirklich nicht verzeihen können…
Hundert gehen doch bitte schön immer noch…
Also aufsteigen es ist nicht mehr weit!
Ein schöner Blick bietet sich nun auf das Kyffhäuser-Gebirge von Süden.
Die teilweise recht spärlich bewachsenen Gipshänge entlang des Wippertals haben hier, im Gegensatz zur mitteleuropäisch üppig grün bewaldeten Nordseite, fast mediterranen Charakter. Bad Frankenhausen, schnelle Fahrt nach Artern, dann sind wir schon im Unstruttal.
In Wendelstein erreichen wir den Kilometer „1.000“!
1.000 Kilometer nonstop auf dem Rad von Paris bis hierher. Das ist, zumindest für mich, unglaublich.
Dank an dich Körper, Dank ans Material, Dank an Euch Begleitfahrer(innen) dass Ihr mich nicht im Stich gelassen habt.
Weiter geht es durchs Unstruttal, durch Nebra, durch Laucha. In der Straßenbaustelle kurz vor Laucha schaffe ich es auf einem sandigen Stück sogar noch, mich samt Rad hinzulegen.
Na gut, vergessen. Die verbleibenden Anstiege bis Freyburg sind dann gar kein Problem mehr.
Ca. 180 (1.030) TagesKilometer liegen hinter uns, als wir in Freyburg an der Unstrut noch einmal in einem schönen Freisitz ein Radler trinken und eine Bockwurst genehmigen. Gegen 19 Uhr wird es sein, im Fernsehen läuft das erste EM-Fußballspiel Dänemark gegen die Niederlande. Die Straßen sind menschenleer. Gemütlich.
Anschließend der letzte „Berg“ hinüber nach Weißenfels.
Ich bin Holger sehr dankbar, dass er mich begleitet, so fällt das letzte Stück nicht so schwer, allein hätte ich mich vermutlich etwas gehen lassen, hätte gebummelt, aber so haben wir immer noch einen recht guten Schnitt, mit dem wir bald Weißenfels erreichen.
Und noch nie habe ich mich über den Anblick der Rauchwolke von Lippendorf, die ich zum ersten Mal auf der Anhöhe bei Goseck sehe, so gefreut wie heute.
Weißenfels – Saalebrücke die Assoziation zum RAAM und Mississippi hatte ich schon einmal im Tourenbericht zum 350er beschrieben.
Die RAAMFahrer, die den Mississippi erreicht haben, finishen in der Regel auch. Die Saale ist auch heute wieder mein „Mississippi“. Ich bin bis hierher gekommen, nun ist der Rest auch noch zu schaffen.
Die Route unterquert die A9 im Rippachtal, führt südlich von Leipzig über Starsiedel und Kitzen. Und so erreichen wir mit einsetzender Dämmerung Leipzig.
Auch das MDR-Hochhaus, welches ich aus einiger Entfernung schon sehe, facht meine Euphorie an. Da könnte man sich glatt ein kleines Tränchen der Rührung abdrücken.
Paris Leipzig, nun ist es Tatsache! Wahnsinn! Ich glaube es selbst
kaum.
Auf das Foto am Ortsschild „Leipzig“ verzichte ich, die Zeit drängt.
Ohne Pause geht es vorbei am Cospudener See, nun auf meiner „Feierabend-Strecke“ hinüber zum Markkleeberger See.
Es wird schon wieder dunkel, die Lampen liegen im Auto, ich hatte nicht gedacht, so spät anzukommen.
Holger verlässt mich schließlich in Wachau, vielen Dank, das war die beste Unterstützung heute und er ist nun noch ein „Zeuge“, der mir die erfolgreich absolvierte „Le Mille de Paris à Leipzig 2012“ bestätigen kann. Im Halbdunkel schon fahre ich via Liebertwolkwitz, Holzhausen hinüber nach Kleinpösna und im letzten Tageslicht rufe ich von der Hirschfelder Kreuzung zu Hause an. In fünf Minuten bin ich zu Hause, ist das Ziel erreicht!
Es ist nun wirklich einfach schön, ich genieße die Stimmung, das gemächliche Ausrollen in den letzten Momente auf dem Rad noch einmal so richtig.
Das kommt nie wieder.
Ich glaube, nie wieder werde ich so etwas in diesem Maß erleben.
Alles andere, so wie ich es auch 2006 nach der Schweiz-Runde feststellte, kann nur noch eine Wiederholung sein.

1.103 Kilometer (248,45 km), 22:00 Uhr, 52:17 Std. Netto-Fahrtzeit

Paris-Zweenfurth ist Geschichte
Triumphierend biege ich um die Kurve.
Und dann ist für mich die „Willkommen“-Girlande an der Haustür und die Begrüßung durch meine Frauen mehr Belohnung als das berühmte Gefühl nach einer großen erfolgreich gefahrenen Tour.
(Allerdings müssen sie vorher noch schnell die letzten Minuten des EM-Deutschland-Spiels angucken, ehe sie Zeit für mich haben) Der auf Initiative unserer Großen geschenkte Schutzengel hat mich gut behütet und nach Idee unserer Jüngsten haben sie sogar noch einen Finisher-Kuchen „Paris Zweenfurth“ gebacken.
Das nenne ich Zu-Hause-Ankommen!