„Königstour“ 2006

„Königstour“ 2006


Sonntag, 13.08.2006


Auf 5.20 Uhr habe ich meinen Wecker gestellt. Alles schläft noch und ich bemühe mich, so leise wie möglich zu sein. Ein Blick nach draußen. Trotz dicker Wolken ist alles trocken. Welch ein Glück…
Bei Regen wäre mir die Entscheidung wesentlich schwerer gefallen. Aber so kann ich es wirklich riskieren. Frühstück habe ich gestern abend schon vorbereitet, gepackt ist auch alles, so dass ich tatsächlich 06.03 auf dem Rad sitze und losrolle.
Ich fahre mit dem Rennrad, denn diese Entfernungen sind an einem Tag zeitlich mit dem Crossrad kaum möglich. Zudem ist mein Crossrad wesentlich schwerer und demzufolge wäre auch der Kräfteverschleiß viel höher, das heißt auch das Risiko größer, vorzeitig abzubrechen.
Der Wind weht nicht so perfekt aus Nordwesten wie in der letzten Woche. Es ist ein etwas lästiger Kantenwind und zudem stelle ich nach einigen Kilometern schon fest, dass ich körperlich nicht so gut drauf zu sein scheine, wie am letzten Wochenende. Aber schau’n mer mal.
Ich fahre über Wolfshain, Erdmannshain, nach Naunhof. Das ist die kürzeste Strecke. Von Südwesten heran werden die Wolken leider immer dunkler und tatsächlich ist es in Großsteinberg so weit, die ersten Regentropfen fallen.
Also anhalten, Wetterhose und Wetterjacke überstreifen, um nicht schon nach kurzer Zeit völlig durchnässt zu sein. Auch meine Neopren-Gamaschen ziehe ich über die Schuhe.
Dann weiter, den Wolken entgegen, Pomßen, Otterwisch… Bad Lausick, ich habe ein wenig zu kämpfen, ist es noch die Müdigkeit, denn in der letzten Nacht habe ich auch nicht so entspannt schlafen können oder hat das andere Ursachen?
Die Aussicht auf die Regenwolken, die sich in meiner Fahrtrichtung zusammen ballen, trägt sicher wesentlich dazu bei, doch noch umgehe ich diese. Zumindest bis Geithain und Narsdorf. Ca. 50 Kilometer habe ich zurückgelegt, als es dann ernsthaft zu regnen beginnt.
Auf die Dauer wird das nun immer unangenehmer. Besserung ist nicht in Sicht, die Wolken sind finster, ziehen tief, der Wind weht nun fast entgegen, als ich auf der B175 in Richtung Waldenburg fahre. Und vom Asphalt spritzt das Wasser hoch, so dass auch die Neoprenüberzüge nicht viel nützen.
Waldenburg im Muldetal, es regnet immer noch, allmählich fange ich an, mir Gedanken zu machen, ob ich das Ganze nicht doch lieber abbrechen soll. Es ist zwar erst 8.45 Uhr und ich habe sogar einen anderen Rennradfahrer entgegen kommen sehen, aber ich halte das nicht aus, den ganzen Tag bei diesem Sauwetter auf dem Rad zu sitzen.
Weiter geht es nun bergauf, Callenberg, ich überquere den ersten Höhenzug, auf welchem die Autobahn Dresden – Chemnitz – Eisenach verläuft. Kurz nach der Brücke zweigt die Straße nach Sankt Egidien ab. Es folgt eine rasche Abfahrt von der Anhöhe nach Sankt Egidien, dann wieder über einen Höhenzug nach Lichtenstein. Plötzlich sehe ich von den Hügeln aus blauen Himmel im Südwesten. Die finstere Regenfront lockert auf, es folgen Quellwolken, die Sicht wird immer besser.
Und nun gibt es keine Frage mehr. Auch wenn es aus Lichtenstein, wo ich kurz nach dem Weg nach Hartenstein fragen muss, sehr kräftig zur Alberthöhe auf 415 Meter ansteigt.
Aber im gewohnten raschen Tritt und in kleinen Gängen ist das kein Problem. Hartenstein umgehe ich nun auf der neuen Straße weiträumig, es geht immer noch bergauf, bis auf 526 Meter. Von hier oben bietet sich ein schöner erster Blick auf den nicht mehr fernen Auersberg. Erst kurz vor Aue folgt eine rasante Abfahrt, bei der ich leider die gewonnenen Höhenmeter fast alle wieder einbüße.
Aue liegt tief und geschützt im Muldetal. Bevor ich aber die Stadt erreiche muss ich an einer großen Brückenbaustelle umkehren, meine Hoffnung, überall mit dem Rad durchzukommen erfüllt sich hier nicht, die Brücke ist noch nicht fertig. Aber ein gewaltiges Bauwerk ist das schon.
Also zurück, durch Alberoda hinab nach Aue.
Und auf dem Markt vis a vis vom „Blauen Engel“ mache ich nun, 11.10 Uhr nach 116 Kilometer eine erste größere Rast. Bis hierher ist es schon weiter und die zurückliegenden Höhen haben auch mehr Kräfte beansprucht als ich vermutete. Nach der Radwanderkarte war ich der Meinung, zumindest bis Aue fast ohne Anstiege auszukommen. Falsch gedacht… Und das ist schlecht… Denn nun wird es ja erst richtig ernst.
Aue liegt 350 Meter hoch, bis zum Auersberggipfel sind es ca. 700 Höhenmeter! Nach einer reichlichen Viertelstunde fahre ich weiter. Nun führt eine schöne Straße durch das Muldetal immer angenehm leicht bergauf. Die Sonne scheint, es ist wirklich wunderbar hier und zu meiner Freude sind die nächsten 16 Kilometer bis Blauenthal recht entspannend, ja sogar ein Genuss. Der Wald, der Fluss, die ruhige Straße…
Aber die Ruhe rührt von der Baustelle bei Blauenthal her, dort ist keine Durchfahrt möglich, auch ich muss bei dem Schlamm ein paar Meter schieben.
Und dann der Stich nach Eibenstock hinauf. Ich habe den erwartet, befürchtet… Und nun in der Wirklichkeit ist er wirklich extrem kräftezehrend, ich komme nur sehr langsam vorwärts, aufwärts. Die Steigung scheint enorm. Also muss ich in Eibenstock noch einmal eine Rast auf den Stufen der Post einschieben, trinken, trinken und mich für die weitere Strecke motivieren.
Die Straße nach Wildenthal ist wieder recht gut befahrbar, weil nur leicht aber andauernd ansteigend. Und im herrlich gelegenen Wildenthal muss ich unbedingt noch ein Foto von der Hammerschänke machen, wo wir 2005 eine tolle Unterkunft hatten. Die Landschaft hier im Westerzgebirge ist für mich schon fast eine zweite Heimat. Ich liebe diese weiten Wälder rund um Wildenthal und den Auersberg.
Aber diese Liebe wird nun, bei der heftigen Steigung zur Sauschwemme hinauf, die ich nur mit kleinen Verschnaufpausen bewältige, auf eine harte Probe gestellt. Von der Sauschwemme zum Auersberg wird das Sträßchen immer steiler, an mir vorbei rasen zwei Rennradfahrer bergab. Und irgendwann auf dem steilsten Stück schaffe es selbst im kleinsten Gang nicht mehr und muss nun doch schieben. Und auch das kostet einigen Schweiß.
13.54 stehe ich nach 146,53 Kilometern oben auf dem Auersberg, 1019 Meter.
Viele Leute, viele Wanderer, wenige Mountain Biker, mit Rennrad bin ich der Einzige und vermutlich auch derjenige mit dem längsten Anfahrtsweg.
Ich beanspruche am Turm eine ganze Bank, um mich auszuruhen. Das Regenerieren erfolgt rascher als gedacht, nur die Klamotten sind nass geschwitzt, die Schuhe sind durch und meine Beine etwas schwer. Und am Kiosk drückt mir die freundliche Verkäuferin einen Flyer vom 3-Talsperrenmarathon, der im September stattfindet, in die Hand.
Aber das Schönste ist dann die Einkehr im Berggasthof und die Schwamme-supp nebst zwei großen Radlern. Bei dieser Atmosphäre und dieser immer wieder tollen Aussicht hat sich die Strapaze bisher einfach gelohnt. Meine Zuversicht steigt nach der Anstrengung des letzten Aufstiegs wieder zunehmend, nicht sehr weit entfernt sind Fichtelberg und Keilberg zu erkennen. Ich muss das hier einfach noch eine ganze Weile genießen. So schön wird es nicht wieder. Der Auersberg von Zweenfurth aus mit Rad!!!
Erst 14.50 Uhr schlüpfe ich wieder in mein feuchtes kaltes Trikot und die Jacke und rolle nun sehr schnell abwärts zur Sauschwemme. Von dort bis Johanngeorgenstadt ist noch ein Pass von 980 Metern zu meistern, obwohl es bereits in den Beinen zieht, schaffe ich den aber gleichmäßig tretend ganz gut.
Dann folgt aber die Schussfahrt hinab ins Tal. Das geht so schnell, dass ich im Fahrtwind zu frieren beginne. Und natürlich verliere ich wieder eine Menge an Höhe. Weiter im Tal nach Potucky. Dort großes Menschengetümmel. Die ganzen deutschen Tagestouristen, welche auf dem Vietnamesenmarkt nach Schnäppchen haschen, treffen sich hier. Da falle ich mit dem Rad jetzt total auf. Und bezeichnend ist auch die Reaktion des älteren tschechischen Ehepaars, welches meinen Fahrradcomputer, der abgefallen ist aufhebt, auf mein „Danke“… Das „Ah Nemec…“, klingt nicht so freundlich. Na ja…
Durch ein schönes bewaldetes Bachtal schlängelt sich eine kleine holprige Straße nach Ryzovna hinauf. Allmählich nur, aber ich benötige doch immer wieder kleine Pausen und halte ab und zu an. Aber die Sonne scheint, das Wetter hält sich gut. Ryzovna, Myslivny – Jägerdörfl, und dann Bozi Dar. Fichtelberg und Keilberg habe ich schon seit einiger Zeit gesichtet, der Blick zum Auersberg zurück ist auch schön.
Und bei einem Blick auf die Karte entscheide ich mich, nicht hinüber zum Fichtelberg zu fahren, sondern den Höchsten des Erzgebirges, den Keilberg, heute zu „erfahren“.
Oder vielleicht alle Drei??? Nein, Quatsch, das bedeutet einen Umweg, die Zeit wird knapp und außerdem werden meine Kräfte nicht mehr reichen. Das spüre ich nun auch, als ich mich, nachdem ich endlich die Autokolonne, welche sich wieder nach Deutschland hinüber wälzt, hinter mir gelassen habe und die kleine Straße zum Keilberg empor keuche. Die Sicht wird wieder wunderbar, ich befinde mich nun schon ein ganzes Stück weit über der moorigen Hochfläche, auf der Bozi Dar liegt, im Westen ist der Auersberg zu sehen, im Süden der Abbruch des Erzgebirges in die nordböhmische Tiefebene, im Norden der Fichtelberg…
Ein Abzweig, „Klinovec 1 km“, die Steigung nimmt zu, doch das ist kein Vergleich mit dem Auersberg. Einige Kurven, dann Häuser…
Klinovec, Keilberg… 16.57, 178,91 Kilometer! Ich stehe oben. Es ist zu Ende.
Na gut, noch nicht ganz. Irgendwie muss ich heute ja auch noch bis Chemnitz kommen. Und ich habe eine Stunde Verspätung. Hier oben ist alles sehr verfallen und verwahrlost, nur der Sendeturm wird in Ordnung gehalten. Ein kräftiger Wind weht, es ist recht kalt. Aber die Aussicht, im Südosten grüßen die Vulkankegel des Böhmischen Mittelgebirges, im Norden tief unter mir Bärenstein und Pöhlberg, gegenüber der Fichtelberg.
Ich dehne die Rast bis 17.15 Uhr aus, länger ist schlecht, denn bis Chemnitz plane ich nun noch weit über zwei Stunden. Ich schätze so an die 50 bis 60 Kilometer, die noch vor mir liegen. Allerdings geht es jetzt fast bis Zschopau nur bergab. Ich fahre die kleine Straße bis zum Abzweig an der Grenze, biege dann aber in Richtung Vejprty ab, auf dieser Straße wird weniger Autoverkehr sein als auf der deutschen Seite.
Und das ist auch tatsächlich so. Sehr schnell geht es nun hinab, ich friere wieder, der Wind ist eisig, links unten Oberwiesenthal, Hammerunterwiesenthal, ich fahre parallel zur B95, bin nur durch ein paar Wiesen und einen Bach davon getrennt.
Und doch ist das hier eine ganz andere Welt. Cesky Hamry…
Schön sind die vielen Ebereschen an den Straßenrändern, in denen rot die Vogelbeeren glühen. Ein Blick zum Abschied zurück zum Keilberg, dann bin ich rasch in Vejprty, durchquere den Ort, muss meinen Ausweis an der Grenze vorzeigen, die tschechischen Grenzer betrachten fachmännisch mein Rad und sind vermutlich erstaunt, was der Verrückte hier oben mit einem Rennrad macht. Bärenstein, Deutschland…
Weiter abwärts, ohne Pause, ich nehme die Route durch das Pöhlbachtal, umgehe östlich den Pöhlberg, Königswalde liegt an der Strecke, rolle immer weiter abwärts und komme schließlich an der Mündung des Pöhlbachs in die Zschopau in Thermalbad Wiesenbad heraus.
Für die 36 Kilometer habe ich jetzt nur 1:09:32 Std. benötigt, das entspricht einem Schnitt von 31,08 km/h. Aber das ist keine Kunst bei dieser Strecke. Kurz vor Wolkenstein, ich fahre den holprigen Wanderweg am Zschopauufer entlang, die Gegend ist mir nun von unseren Pfingstausflügen wohl bekannt, schicke ich eine SMS an Dagi. Ich schaffe es nicht, wie angekündigt, bis 19 Uhr in Chemnitz zu sein.
Hoch oben thront über dem Tal die Burg Wolkenstein. Ich sitze im Bushäuschen und schlinge noch ein Steineckchen hinein. Reserven für die letzten Kilometer. Dann geht es weiter, Zschopautalstraße bis Scharfenstein, oben die Burg, dann bis Wilischthal… Es dämmert im Tal, dort wo die Straße durch Wald führt, habe ich schon ein recht unsicheres Gefühl. Aber ich habe keine Lampen mit, das war nicht eingeplant, dass ich so lange brauche. Nach dem Abzweig in Wilischthal folgt der letzte Aufstieg heute. Noch einmal geht es auf 480 Meter hinauf, es geht durch einige Ortsteile der Gemeinde Amtsberg, endlose Dörfer, ich muss auch hier wieder einige kleine Päuschen machen, dazu donnert und blitzt es plötzlich.
Verdammt, das Gewitter, erwischt mich tatsächlich noch! Und das hier oben auf der Anhöhe. Warten hat aber trotz des Regens, der nun einsetzt, auch keinen Sinn, es wird immer dunkler. Nur ein paar Minuten sitze ich unter einer mächtigen Linde. Dann nutze ich das Abflauen des Regens dazu, um so schnell wie möglich hinunter nach Einsiedel zu kommen.
Zwönitztal!!! Nun kann nichts mehr passieren. Diesen Abschnitt kenne ich schon vom letzten Wochenende. Die Straße verläuft angenehm im Tal, an der Zwönitz entlang, Einsiedel, es wird langsam finster, es regnet, ich bin völlig durchnässt, Erfenschlag, ein Schild „Chemnitz“.
Zum Jubeln habe ich keine Lust, aber erleichternd ist es schon! Nun noch die letzten Straßen in Chemnitz, ohne Licht, hoffentlich hält mich die Polizei nicht an. Die Autofahrer registrieren mich sicherlich trotzdem im Licht der Straßenlampen. Die Ulmenstraße der Kaßberg, das letzte Hindernis!
Aber auch das schaffe ich nun noch ohne abzusteigen. 
20.44, ich bin da. Die Tour ist zu Ende.
 
254,55 Kilometer stehen auf dem Zähler! So weit bin ich noch nie auf dem Rad an einem Tag gefahren. Der Höhenmesser zeigt ca. 3080 Höhenmeter an. Das ist tatsächlich eine ganz andere Dimension als auf den bisherigen Touren. 11 Stunden und 11 Minuten habe ich im Sattel gesessen.
 
Und mir geht es gut! Ich spüre zwar die Beine, bin auch viel müder als in der letzten Woche, aber mir geht es einfach gut! Erstaunlich, ich bin nicht so fertig, wie nach der Görlitz- oder der Harztour. Liegt das an meiner derzeitigen Form? Am Wetter? Am Ablauf dieser Tour? Ich weiß es nicht…

Gesamthöhenmeter: 3080 m
Gesamtstrecke: 254,55 km
Durchschnittsgeschwindigkeit: 22,76 km/h
Gesamtfahrtzeit: 11:11 Std.

Die Route auf gpsies.com

Quer durch Sachsen 2006

Bereits in den letzten Tagen hatte ich aufmerksam das Wetter beobachtet, hatte verschiedene Alternativen zur Auswahl, bei SW-Wind oder S-Wind würde ich nach Potsdam (ca. 170 km) fahren, bei O-Wind nach Erfurt (ca. 150 km), bei W-Wind oder NW-Wind nach Görlitz.
 Und nach einigen recht schönen Tagen schlug das Wetter dann um, es wurde kühl, regnerisch, der Wind würde am 27. April voraussichtlich aus NW wehen. Also dann, nach Görlitz…
Schon Anfang des Jahres, als ich im Internet auf diese Seite mit den Fernradrouten kreuz und quer durch Deutschland stieß, hatte ich als großes Ziel für 2006 diese Tour eingeplant.
Von der Länge her wie ein Radmarathon, schätzungsweise 210 Kilometer lang. Mein persönlicher Marathon, ohne Wettkampfdruck…
Im Routenplaner war sie so gelegt, dass theoretisch möglichst wenige Anstiege zu machen sind, also alle möglichen Hügelketten wie zum Beispiel kurz vor Görlitz die Königshainer Berge, umgangen werden sollten.
Schon im letzten Jahr fuhren wir die Strecke von Schöneck bis Zweenfurth bzw. Leipzig, das war für mich die erste 200-Kilometer-Strecke in meinem Leben.
Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie mechanisch wir die letzten Kilometer zurück legten, wie gleichgültig man wurde, wie schwer jeder Anstieg aber auch war, ich mangels Kräften sogar schieben musste… Aber da fuhren wir am Ende noch zu zweit, das war leichter.
 Und in diesem Jahr nun nach Görlitz, nachdem ich 2005 mein Rad an den deutsch-tschechischen Grenzpfahl gelehnt hatte, wollte ich das dieses Mal am deutsch-polnischen Grenzpfahl tun.

27. April 2006

5.15 Uhr piept der Wecker. Ich habe unruhig geschlafen, hatte gestern Abend noch Vorlesung, da war ich sowieso recht gereizt und dann war ich ja nun auch voll auf diese Radtour fixiert. Schon eine ganze Weile vor dem Klingeln wurde ich ab und zu wach. Aber trotzdem habe ich beim Aufstehen ein gutes Gefühl. Die innere Unruhe hält sich auch in Grenzen, ich werde halt einfach aufs Rad steigen und fahren. So weit wie ich komme.
Draußen ist trübes, recht nebliges Wetter. Es dauert, ehe es so hell wird, dass man kein Licht mehr benötigt. Aber zum Glück regnet es wenigstens nicht. Auf Arbeit hatte ich mir Option offen gehalten, bei Dauerregen auf Arbeit zu kommen. Doch danach sieht es im Augenblick nicht aus.
Frühstück, Sachen in den Rucksack packen, in der Zwischenzeit wacht auch meine Familie auf, Verabschiedung. Und kurz nach sechs Uhr Abfahrt.
Der Rucksack ist recht voll und schwer, zusätzlich zur Regenjacke habe ich noch den Fotoapparat eingesteckt. Zunächst will ich ohne Jacke fahren, es ist nicht sehr kalt. Die Straßen sind um diese Zeit auch schön leer. Meine ursprüngliche Absicht, die meiner Meinung nach um mindestens 10 Kilometer kürzere Route über Wurzen und Dahlen nach Riesa zu nehmen, ändere ich, als ich nach einigen hundert Metern schon von unserer Hauptstraße auf die Straße nach Wolfshain abbiege.
Über Albrechtshain und Erdmannshain erreiche ich dann schließlich die vom Internet-Routenplaner (www.radweit.de – eine hervorragend recherchierte und angefertigte Seite) vorgeschlagene Strecke in Naunhof. Von dort weiter nach Ammelshain, durch den Wald nach Altenhain und hinab nach Trebsen. Es rollt auf dem Rennrad wunderbar. Kein Vergleich mit den Anstrengungen auf dem Crossrad. Alles geht viel leichter und vor allem schneller. Geplant hatte ich die Ankunft in Görlitz gegen fünfzehn Uhr, das wären 8 Stunden Fahrtzeit und insgesamt 1 Stunde Pausen. Mit einem Schnitt von über 28 km/h auf den ersten 25 Kilometern wird die Mulde überquert, dann geht es weiter auf asphaltierten Wegen und stillen Nebenstraßen über Nerchau nach Cannewitz und von dort nach Mutzschen.
Der Nebel hebt sich ein wenig, allerdings wirkt alles immer noch recht trist. In einigen Dörfern gibt es nun Baustellen, dort ist Schieben angesagt, um Mutzschen lauern dann auch die ersten Hügel, welche ich auf der Dahlen-Route vermieden hätte.
Südlich am Collmberg vorbei erreiche ich mit streckenweise 40 km/h schließlich Oschatz. Der Routenplaner ist wirklich gut, mit Hilfe der Straßenbeschreibungen finde ich mich recht gut durch die Stadt, es hält allerdings trotzdem ziemlich auf, bei den teilweise schwer auffindbaren Straßennamenschildern den richtigen Weg zu finden. Dann, nachdem ich die Stadt der Landesgartenausstellung 2006 hinter mir gelassen habe, wieder Dörfer, ruhige Landstraßen, einmal auch ein steiniger Feldweg, das ist Gift für die Räder, und dann Riesa.
Dort muss ich aufpassen, dass ich in der 30er-Zone nicht geblitzt werde. Der Wind weht angenehm seitlich von hinten, Riesa, die Durchfahrt, eine auch heute stark befahrene Straße, kenne ich vom letzten Jahr noch, als ich im August den Elberadweg nach Schöna fuhr. Das war auch eine wunderbare Tour.
Als ich auf der Elbebrücke stehe, anschließend auf den Elberadweg fahre, nach einem Einheimischen soll der wieder vom durch das Hochwasser angespülten Unrat gereinigt und gut befahrbar sein, und auf genau der gleichen Bank wie im August die erste Rast mache (Uhrzeit: 8.57 Uhr, Strecke: 75,69 km, Schnitt: 27,62 km/h, Fahrtzeit: 2:44:33 Std), werde ich etwas unschlüssig.
Das war doch wirklich schön letztes Jahr, könnte ich das nicht einfach noch einmal wiederholen?! Noch einmal Diesbar, Meißen, Dresden, die Sächsische Schweiz??? Aber dann in Nünchritz biege ich doch in Richtung Großenhain ab. Nein, ich will etwas Neues machen…
Die Landschaft ist nun sehr öde, fast trist bis Großenhain… Weite Felder, alles noch recht kahl, ebenes Land, kein Wald. (9.39 Uhr, 90,05 km, 27,81 km/h, 3:14:18 Std.)
Ich durchquere die Stadt rasch und auf immer noch sehr ruhigen Nebenstraßen erreiche ich recht bald bei Freitelsdorf die Heide nördlich von Dresden. Es regnet seit einigen Minuten recht intensiv, es begann kurz hinter Großenhain, sieht auch nicht sehr gut aus für die nächste Zeit. Und bei Freitelsdorf bin ich ziemlich nass…
Bis Dresden sind es von hier reichlich zwanzig Kilometer. Droht nun der Abbruch der Tour??? Aber einige Kilometer weiter, nach Überquerung der Autobahn Dresden – Berlin, wird es wieder trocken und heller. Nun wird auch die Strecke landschaftlich etwas schöner, viel Wald ist hier, ein wenig hügelig wird es auch. Und dann kommt doch da nicht etwa die Sonne heraus??? Tatsächlich, die Wolken sind zwar noch recht dicht, aber ab und zu blitzen Sonnenstrahlen hindurch, es wird spürbar milder.
Bis hier ist das miese Wetter wohl noch nicht vorgedrungen. Im Westen drohen dunkle Wolkenbänke, hier wird es aber nun immer heiterer und wärmer.
Der Schlossberg in Königsbrück ist so steil, da muss ich aus dem Sattel, im Stehen Treten, um dann auf dem Marktplatz endlich die zweite Rast zu machen (11.00 Uhr – 11.15 Uhr, 122,78 km, 27,55 km/h, 4:27:24 Std.).
Und hier schreibe ich die erste, recht zufriedene SMS nach Hause. Alles in Ordnung, alles bestens… Über die Hälfte der Strecke scheint geschafft. Was kann jetzt noch passieren? Nach Königsbrück, nun im Sonnenschein, geht es recht straff bergauf, nach dem Ausläufer des Collmbergs bei Oschatz nun die nächste Höhe über 200 Meter, doch im Anschluss rollt es einige Kilometer gut abwärts in Richtung Kamenz. Ich spüre nach der Pause auch die Beine ein wenig, aber nach einigen Minuten gibt sich das wieder.
Kamenz umgehe ich nördlich, streife nur die Außenbezirke, muss aber wieder nach den richtigen Straßen suchen. Und als ich hier auf der Brücke über die noch kleine Schwarze Elster stehe, die hatte ich im letzten Jahr mit meinem Vater bei unserer Regentour im August kurz vor der Mündung in die Elbe erstmalig überquert (wieder eine Erinnerung an eine schöne, eine bemerkenswerte Tour), sind 12.00 Uhr 141,74 Kilometer (27,47 km/h, 5:09:35 Std.) zurück gelegt.
Die Silhouette von Kamenz und seinen Kirchen und Hügelketten im Westen bleibt zurück, es geht immer weiter nach Osten, doch langsam habe ich auch den Eindruck, dass sich der Wind unfairerweise dreht und nun aus der Gegenrichtung weht. Dazu kommen nun auch meine allmählich nachlassenden Kräfte.
Die Lausitz ist hier sehr schön, überall Wiesen, Wälder, verstreute Dörfchen, breite stille Wassergräben… Einfach wunderbar die Bank auf einer Kuppe, ein stiller Aussichtsplatz mit Blick über das weite schöne Land.
Durst habe ich auch und so gibt es schon nach 155,32 km von 12.39 Uhr bis 13.00 Uhr  (27,38 km/h, 5:40:20 Std.) kurz vor Neschwitz die nächste Rast auf einer idyllischen Waldwiese. Hier ist es so schön, dass ich am liebsten bleiben würde. Recht zufrieden genieße ich diese sonnigen Minuten.
Aber schließlich muss es weiter gehen. Luppa, Lomske, Crosta, Sdier, Klix… Namen, die auch überall auf sorbisch an den Ortseingangsschildern stehen, kleine Dorfplätze, Treffpunkt für die Einwohner, hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, ich habe auch den Eindruck, dass man hier in einem anderen Rhythmus lebt.
Kurz vor Gleina, hier fließt die noch junge Spree, bei km 180,31 (14.03 Uhr – 14.10 Uhr, 27,16 km/h, 6:38:15 Std.) die nächste Rast, die Abstände werden immer kürzer, der Durst größer, aber auch die Zeit beginnt nun zu drängen, denn ich muss ja den Zug von Görlitz nach Dresden noch schaffen. Dann Baruth, unfern im Südwesten sind Bautzen und die umliegenden ersten Bergketten zu sehen. (Man könnte ja glatt mal wieder im schönen Lausitzer Gebirge wandern gehen…)
Auch hier wäre jetzt ein Abbruch möglich, doch ich möchte das jetzt nun gern bis zum Ende auskosten. Nach dem anstrengenden Anstieg hinauf zur Autobahn Dresden-Görlitz, kurz vor Gröditz, sehe ich endlich die Königshainer Berge im Südosten. Das scheint nicht mehr weit. Aber jetzt bin ich so fertig, dass ich mich nicht mehr in der Lage fühle, das Ganze abzukürzen und die direkte Route quer über die Berge zu nehmen. Das schaffe ich nicht mehr, da müsste ich schieben und das frisst Zeit.
Doch auch die Umgehungsroute nach dem Routenplaner lege ich nur noch recht langsam zurück. Es wird auch hier hügelig, der Wind weht mir entgegen, es ist warm, ich trockne mehr und mehr, trotz der 2 Liter Wasser, aus. Jeder Kilometer wird jetzt langsam zur Herausforderung.
In Diehsa „knacke“ ich nun zum zweiten Mal in meinem Leben den 200. Tageskilometer. Aber weiter weiter…
Waldhufen, Wiesa, stille Gegenden, südwestlich, westlich nun die Königshainer Berge, ein katastrophal langer und steiler Anstieg bei Torga, den fahre ich aber sogar noch, im Schritttempo, ich werde immer langsamer, kann kaum noch Energien aktivieren. Hunger habe ich keinen, aber Durst, Durst, Durst…
Und dann endlich, von der Kuppe des Hügels, sehe ich direkt vor mir die Landeskrone und darunter ausgedehnt die Stadt Görlitz liegen. Das mobilisiert mich aber nun leider auch nicht mehr richtig, ich scheine den wohlbekannten Zustand erreicht zu haben, da mir allmählich auf Grund der Austrocknung die Stimme wegbleibt und die Ohren zu sind.
Lebhafte Erinnerungen werden da an meine 5500-Höhenmeter-Tour auf die Laaser-Spitze 2004 wach.
Mit Blick auf die weite Senke, in der die Häuser von Görlitz stehen und die Landeskrone rolle ich bergab, muss zu meinem Leidwesen im nächsten Dorf, Ebersbach, wieviel Ebersbachs gibt es eigentlich in  Sachsen (???) wieder bergauf, über den folgenden querlaufenden Höhenzug, aber da schiebe ich nun doch den steilen Anstieg hinauf. Und dann verfranse ich mich noch ein wenig in einem Gewerbegebiet am Rande der Stadt, muss nach dem kürzesten Weg zum Bahnhof fragen, es ist 16.35 Uhr, der Einheimische sagt mehrmals, dass das aber noch ein ganzes Stück sei, aber die Zeit rast!!!
Den Zug 16.45 Uhr schaffe ich nicht mehr, muss aber wenigstens den 17.05 Uhr erreichen, bin dann aber wiederum erst um neun zu Hause. Den Gedanken an das Grenzfoto verdränge ich, das schaffe ich nicht mehr. Viel Verkehr ist auf den Straßen, aber zum Glück gibt es ausreichende Radwege und eine recht gute Ausschilderung lassen mich zum Glück den Bahnhof rasch finden.
16.48 Uhr stehe ich vor dem Gebäude. „Bahnhof Görlitz“, es ist geschafft!!!
Foto!
 16.48 Uhr, 226,66 km, 25,78 km/h, 8:47:24 Std.
 Die längste Strecke, die ich je an einem Tag auf dem Rad zurückgelegt habe. (Als ich später auf der Karte sehe, dass ich auch von der polnischen Grenze nur noch maximal 500 Meter entfernt bin, tröstet mich das ein wenig. Denn ich habe also tatsächlich die Grenze fast erreicht, da zählt der Bahnhof schon als Ziel)
Leider ist aber keine Zeit mehr, die Stadt anzusehen, was ich eigentlich gern noch tun wollte. Stattdessen kaufe ich mir schnell die Fahrkarte und eine Literflasche Sprite, dann ist auch schon der Zug nach Dresden da.
 
Auf der Rückfahrt im Zug spricht mich eine ältere Frau an, die kann gar nicht fassen, dass es Verrückte gibt, die sich einen ganzen Tag über 200 Kilometer auf dem Fahrrad austoben. Es wird ein nettes Gespräch, als sie aussteigt, rückt noch ein Jugendlicher nach, der auch Rennrad fährt und mich ausfragt. Aber meine Stimme macht nicht mehr viel mit, er versteht mich kaum 🙂
Draußen Löbau, Bautzen… Nach 1 3/4 Stunden dann Dresden Neustadt. Ich steige aus, warte hier, auch hier Sonnenschein und Wärme, auf den Zug, der mich nach Leipzig bringen wird.
Ein Eis gibt es als Belohnung und noch eine 1,5-Liter-Flasche Fanta…
Insgesamt geht es mir aber nach der Bahnfahrt schon wieder recht gut. Erstaunlich, wie schnell ich mich erhole.
Dann der Zug nach Leipzig. Und hier regnet es!!!
Es hat hier den ganzen Tag geregnet! Kaum zu fassen, ich bin dem Wetter sozusagen davon gefahren.  Und auf Arbeit war man natürlich überrascht, dass ich bei dem Dauerregen nicht kam.
 In den nächsten Tagen kommt nun aber wirklich die große Müdigkeit, der Körper benötigt Ruhe. Auch meine Motivation zu weiteren großen Touren hat nun erst einmal sehr nachgelassen. Nicht vorstellbar, in diesem Jahr noch einmal nach Wien zu radeln oder geschweige denn übers Erzgebirge.

Der erste 200er / von Schöneck nach Zweenfurth 2005

Mulderadtour 2005

Von Schöneck nach Zweenfurth

Samstag, 18.06.2005

Schon im Zug nach Schöneck hoch, Uwe ist in Zwickau zugestiegen, machen wir unsere Späßchen über Spannis Verfassung, der tatsächlich von Chemnitz mit dem Rad hier hoch ins Vogtland kommen will. Er hatte Uwe noch einmal gegen Mittag angerufen und wollte 14 Uhr abfahren.

Wir dagegen steigen erholt in Schöneck aus der Bahn und nachdem wir jemand nach dem Weg gefragt haben, finden wir ein ganzes Stück weiter bergab auch die Gaststätte „Zur alten Brauerei“. Der Wirt zeigt uns gleich die Ferienwohnung.

Und plötzlich kurz vor 19 Uhr steht plötzlich Spanni, etwas erschöpft und verschwitzt in der Tür. Er hat es tatsächlich geschafft, in fünf Stunden die 90 Kilometer bergauf (500 Meter Höhenunterschied) bei Gegenwind zurückzulegen.

Während er sich noch etwas erholt, schlendern wir anderen Drei über den Markt hinauf zu einem Aussichtspunkt, von dem wir einen hervorragenden Blick über das Vogtland bis hin zum Fichtelgebirge haben.

Im Anschluss sitzen wir dann im Garten der „Alten Brauerei“ ehe uns die Kühle ins Haus treibt.

Und bei ein paar Bierchen und einem hervorragenden Essen gibt es noch einigen Spaß.

Gegen viertel elf ist dann aber Nachtruhe angesagt.

Sonntag, 19.06.2005

Als wir uns nach dem reichlichen Frühstück vom Wirt verabschieden kann der gar nicht so recht verstehen, was uns dazu treibt, den ganzen Tag auf dem Fahrrad zu verbringen. „Da tut euch doch der Hintern weh.“ ist sein Kommentar, als er hört, dass wir bis Leipzig wollen.

Und insgeheim sortiert er uns vermutlich zu den anderen „Verrückten“, zum Beispiel dem, der, so erzählt er, zu Fuß von der Schweiz bis hier nach Schöneck gelaufen war…

Die Startfotos sind gemacht, es ist 7.50 Uhr, als wir abfahren. Es ist angenehm kühl, der folgende Anstieg hinauf zum IFA-Ferienpark, einem riesigen Ferien-Gebäudekomplex über der Stadt, lässt uns aber schnell ins Schwitzen und Keuchen kommen. Noch einmal ein wunderbarer Blick über das weite Land, dann geht es in den Wald. Wir sind ca. 780 Meter hoch. Nach ungefähr drei Kilometern erreichen wir mitten im Wald die Quelle der Roten Mulde.

Ein kleines Rinnsal fließt hier aus einem Rohr, daneben eine Tafel mit dem Flussverlauf.

Fotos sind jetzt Pflicht, es ist 8.05 Uhr.

Weiter geht es nun auf schönen Waldwegen hinüber zur Straße nach Morgenröthe-Rautenkranz. Und dann auf der Straße rollt und rollt es.

Es geht fast nur bergab, wir statten dem Sigmund-Jähn-Museum, d.h. der MIG 21 einen kurzen Besuch ab, dann wieder Schussfahrt Richtung Eibenstock, welches wir 9.10 Uhr, nach 31 Kilometern passieren. Zwischendurch ein schöner Blick auf die Eibenstock-Talsperre und auf den südlich gelegenen Auersberg.

Nach Aue fahren wir ebenfalls nur bergab, die Stadt erreichen wir 10.10 Uhr, km 48,59. Wir haben jetzt einen Schnitt von 24,55 km/h, das ist ganz ordentlich.

Aber schließlich ging es ja nur bergab. Nun ist aber auch das schöne Erzgebirgs-Muldetal zu Ende, nach einer Rast geht es durch Aue hindurch, an den Uranhalden vorbei. Wir nehmen, um den Anstieg über Schlema zu vermeiden, einen kleinen Trampelpfad oberhalb der Bahnlinie, müssen allerdings teilweise schieben, ehe wir dann Schlema erreichen und wieder etwas zügiger nun in Richtung Hartenstein, Zwickau vorankommen.

Die Halden sehen schrecklich aus, man hat damals die ganze Landschaft verwüstet. Nun wird mühsam wieder rekultiviert.

Weiter im wieder schöner werdenden Tal auf schönem Radweg, zwischendurch mal ein knackiger 14%-Anstieg, dann Wiesenburg, wieder ein heftiger Anstieg nach dem Queren der Bundesstraße ehe wir nach Wilkau Haßlau rollen, unter der großen Autobahnbrücke hindurch und nun an der Mulde entlang Zwickau erreichen.

Dort, im Schatten eines Sonnenschirmes, machen wir an einem Imbiss, 12.10 bis 12.45 Uhr Pause. (80,88 km, 22,57 km/h)

Zwei Radler, ein gegrillter Leberkäse, die Bedienung ist so nett und macht noch ein Foto von uns. Angenehm, solch eine Pause. Und uns geht es noch recht gut.

Nur Spanni, der ja schon die gestrige Tour in den Knochen hat, verabschiedet sich schließlich in Zwickau und fährt auf der Bundesstraße 173 direkt nach Chemnitz. Er ist knülle.

Wir radeln durch Zwickau weiter, die Beschilderung ist manchmal etwas lückenhaft und unlogisch, der Radweg allerdings asphaltiert und recht eben.

Glauchau, die ganze Umgebung macht einen öden Eindruck, doch Waldenburg ist bald erreicht, nun wir es wieder schöner.

Bald wird das Tal enger und enger, links und rechts erheben sich bewaldete Hänge, der Fluss strömt breit und ruhig, Grün ist die dominierende Farbe. Wir haben die Straße wieder verlassen, es geht nun auf holprigen, steinigen Wegen über Wurzeln…

Aber obwohl die Räder leiden müssen, ist doch die Landschaft sehr schön.

Bei Penig unterqueren wir die B95 Leipzig – Chemnitz, dann ist Rochsburg erreicht. Hier machen wir hier an der Hängebrücke endlich wieder eine große Rast, sitzen angenehm im Schatten am leise rauschenden Fluss, trinken zwei Radler, essen eine Bockwurst und verabschieden uns dann auch von Uwe. (129,53 km, 21,49 km/h, 15.35 bis 15.55 Uhr)

Wir haben nun auch einmal die Familien angerufen, uns für 19.00 bis 19.30 angekündigt.

Aber jetzt heißt es erst einmal schieben, steil bergauf, aus dem Tal heraus, ehe wir dann wieder fahren können, schön bergab nach Lunzenau.

Lunzenau, Mulderadweg nach Göhren, dort unterqueren wir den mächtigen Viadukt und kommen schließlich nach Wechselburg.

Hier wollen wir auch den Anstieg gen Rochlitz umgehen und nehmen den Weg durch den Klostergarten und an der Mulde entlang, den wir vor vielen Jahren einmal entlang gewandert sind.

Und der ist landschaftlich sehr schön, aber schlecht zum Radfahren.

So geht es nur im Schritt vorwärts Nun wird es aber auch so immer mühseliger, Rochlitz, weiter über Penna, die Strecke ist vertraut, dann der Anstieg bei Lastau, kurz vor Colditz überholt mich, als ich geschafft den Hügel hinauf schnaufe, fröhlich grüßend ein älterer Herr auf einem alten Radl. Das ist schon ein wenig deprimierend. Durch Colditz hindurch, und dann muss ich am heftigen Anstieg kurz vor Sermuth absteigen und schieben. Es geht einfach nichts mehr. Die Kraft ist alle.

Doch wir lassen es uns trotzdem nicht nehmen, noch einmal zum Zusammenfluss von Zwickauer und Freiberger Mulde hinüber zu fahren. Das gehört heute einfach dazu.

Dort machen wir Rast, es ist 17.46, 163,22 km haben wir in den Beinen. 19 Uhr zu Hause zu sein wird nicht mehr zu schaffen sein.

Kössern, Großbothen, nun, nach ca. 175 Kilometern verlassen wir die Mulde, deren Weg wir nun so weit begleitet haben. Es war schön.

Großbardau, bergauf, doch nach der Rast geht es jetzt mit 24 –25 km/h stellenweise recht zügig, Grethen, Großsteinberg.

Hier bekomme ich urplötzlich einen solchen Hungerast, so dass ich anhalten und noch einmal etwas essen muss, ich schiebe schnell noch zwei Bananen und zwei Fruchtschnitten ein.

Holger ist noch ganz gut beisammen, er fährt schon immer vornweg, muss auf mich dann warten.

Nun der letzte Höhepunkt, 19.16 Uhr gibt es in Eicha bei Naunhof am Softeisautomaten noch ein herrliches Eis. Das haben wir uns verdient.

Und sofort geht es wieder besser, Albrechtshain, Autobahnbrücke, Wolfshain.

Ich habe 195,5 km auf dem Kilometerzähler stehen, nun drehe ich also noch eine Ehrenrunde, um wenigstens auf 200 km zu kommen.

Wir verabschieden uns an der Kreuzung bei Hirschfeld, er rollt nun etwas zügiger nach Leipzig, ich fahre über Althen, dann an der Bahn entlang durch Borsdorf und bin schließlich 19.50 Uhr zu Hause.

Es ist geschafft!

201,28 Kilometer an einem Tag

Die Familie freut sich, als ich vor der Tür stehe und ich mich auch.

Sachsen von unten nach oben 2004

Sachsen von unten nach oben 2004
Zschopau – Chemnitz –Mulde

Diese Tour ist der erste Versuch einer Langstreckenfahrradtour, welche ich seit vielen Jahren wieder
unternehme.
Die letzte fand übrigens 1983 statt, als wir mit dem Fahrrad an die Ostsee und zurück fuhren.
Die Idee zu unserer Fahrt entstand bei einem oder mehreren Bierchen in unserer Herrenrunde an Pfingsten. Und schließlich gab es Minuten später dazu auch noch die Genehmigung unserer Frauen.

Am Freitag war gegen 13 Uhr Feierabend  angesagt, zu Hause noch noch schnell den restlichen Kram ans Fahrrad und in den Rucksack packen und dann mit der S-Bahn nach Leipzig.
16.05 Abfahrt nach Chemnitz.
Während der Fahrt gibt es schon einen heftigen Regenschauer, aber dann, Uwe war in Chemnitz zugestiegen, wurde es auf der Fahrt von Chemnitz nach Cranzahl wesentlich besser und abends gab es Sonnenschein.
Halb acht Ankunft in Cranzahl, von dort steil, (per Rad!) bergauf durch den Wald in Richtung Hammerunterwiesenthal. Blauer Himmel und kühle Temperaturen und üble Anstiege.
Die Lunge schmerzte, die Luft, die Luft war eisig.
Da wir die Straße vermeiden wollten, nahmen wir die Waldwege, verfuhren uns aber auf diese Art und Weise, so dass wir fast in Oberwiesenthal ankamen.
Aber dann fanden wir doch noch den richtigen Weg und trafen gegen viertel neun im Hotel „Rotes Haus“ ein.
Der Abend wurde noch recht lustig bei mehreren Bierchen und Vogelbeerschnäpschen.
Aber die Nacht wurde für mich dann weniger amüsant.
Ich hatte ziemliche Probleme, vermutlich war ich auch ein wenig angeschlagen, so dass ich den Alkohol nicht besonders gut vertrug. So ging es mir am Morgen entsprechend schlecht, dazu kam natürlich die innere Panik, dass für mich durch solchen Mist die Tour möglicherweise schon erledigt sei, ehe sie angefangen hatte. Aus diesem Grund beschlossen wir, uns nach dem Frühstück zu trennen.
Ich nahm die leichtere Route via Neudorf, Cranzahl, Frohnau bis Schönfeld-Wiesa.
Die beiden Anderen fuhren noch hinauf zur Zschopau-Quelle.
Den ersten steilen Anstieg schaffte ich jedoch auch recht gut, so dass mein Optimismus wieder zunahm.
Und schon nach 51 Minuten Fahrt ins Tal kam ich gegen viertel zehn in Schönfeld an (25 km) und wartete in der Sonne eine dreiviertel Stunde lang auf die Beiden.
Dann ging es gemeinsam weiter, Wiesenbad, Wolkenstein, hier war die Idee zu Pfingsten entstanden, mir ging es zunehmend besser, Scharfenstein, rasche Fahrt bergab die Straße entlang, dann auf Waldwegen nach Zschopau
(ca. 60 km).
In Zschopau heftiger Anstieg, kurz darauf aber wieder Schussfahrt hinab zur Zschopau.
Weiter, immer mal weder gab es heftige Anstiege und Abfahrten, das Wetter trübte sich ein wenig ein, bis es uns dann kurz vor Erdmannsdorf einregnete.
Doch gerade, als wir beschlossen, bei diesem heftigen anhaltenden Regen die Tour abzubrechen, und mit der Bahn vom Bahnhof Augustusburg zurück zu fahren, rissen die Wolken auf und die Sonne schien wieder warm vom blauen Himmel.
Also Weiterfahrt über Flöha, Lichtenwalde, Niederlichtenau, dort wechselten wir über den Berg ins Chemnitztal, Auerswalde.
Und nach 85 Kilometern trennten wir uns nun im Chemnnitztal gegen 14.30 Uhr von Uwe, der jetzt nach Hause fuhr.
Holger und ich rollten nun mit höherem Tempo das Chemnitztal abwärts, der letzte große Anstieg bei Göritzhain war nach den Erfahrungen im Erzgebirge aber recht locker zu machen, zumal es sich zu zweit auch wesentlich besser als allein fährt.
Fischheim, Rochlitz, Penna, Colditz, dort waren wir den drohend im Westen aufziehenden Regenwolken entkommen und machten in der Sonne eine ausgiebige Rast. (Ca. 17 Uhr, 124 km)
Nun bis Kössern, Großbothen und bei straffem Gegenwind hinaus aus dem Muldetal, Großbardau, Grethen, viel Kräfte waren nicht mehr da zum Mobilisieren, Großsteinberg, Klinga, Naunhofer Forst.
18.55 Uhr war ich schließlich zu Hause, Holger musste noch nach Leipzig.

(Gesamtstrecke: 160,51 km, 7:34 Std. reine Fahrtzeit, 21,19 km/h Schnitt)

Und der Körper war zwar müde, aber es gab amTag danach erstaunlicherweise keine Nachwirkungen. Kein Muskelkater, keine Schmerzen, nichts aufgerieben…
Lediglich die Beine waren ein wenig schwer.

Toll, wo fahren wir das nächste Mal hin 🙂